Die Sechziger

Zu Beginn dieser Dekade zeigte sich die Grand-Prix-Welt noch sittenstreng: weiterhin dominierten frankophile Chansons, festliche Abendkleider für die Sängerinnen und der einheitliche Frack für die (wenigen) Herren. All zu exaltierte Bewegungen, Tanzschritte gar – völlig undenkbar! Natürlich kamen dabei Shows heraus, die sich nicht nur aus heutiger Sicht in ihrer getragenen Behäbigkeit durch tödliche Langeweile auszeichneten. Noch sendeten die staatlichen Rundfunkanstalten jedoch ohne jede Konkurrenz – mit entsprechend hohen Einschaltquoten. Bei der Benennung des Siegers hatten erzkonservative Jurys das Zepter fest in der Hand, und entsprechend fielen die Ergebnisse aus. Auf den Punkt brachte das der Gewinner von 1966, Udo Jürgens, der mit seinem ‘Merci Chérie’ geschickt auf die französische Chansonkarte setzte: “Merci, Jury” bedankte er sich nach seinem Sieg.


Udos Standardspruch am Morgen danach (AT 1966)

Doch wie es in der realen Welt Umbrüche und Revolutionen gab, so ließen sich Veränderungen auch beim Contest nicht all zu lange aufhalten: nach der Vorarbeit des genialen Song-Pornografen Serge Gainsbourg mit dem subversiven ‘Poupée de Cire, Poupée de Son’ (1965, gesungen von France Gall) wurde spätestens mit der Einführung des Farbfernsehens 1968 die vornehm-gediegene Chansonwelt auf einmal poppig-bunt. Und plötzlich gewannen auch schmissige Uptempo-Nummern wie ‘Puppet on a String’, die sich folgerichtig auch erstmals richtig dicke in den europäischen Hitparaden tummelten. Trotz erbitterter Gegenwehr und ganz gegen den Willen seiner Gründerväter modernisierte sich auch der Grand Prix und entwickelte sich weg von der verstaubten Gala und hin zum markt- und zuschauerrelevanten Pop-Event. Allerdings machten auch die ersten Wertungsskandale von sich reden, getoppt vom 1969er Jahrgang, der ganze vier (!) Siegertitel hervorbrachte, darunter die sensationelle spanische Naturtranse Salomé (‘Vivo cantando’).