ESC 1962: Kleine kokette Katinka

Logo des Eurovision Song Contest 1962
Das Jahr des Schlagzeugs

Luxemburg gilt im Allgemeinen als finanziell wohlsituierte europäische Steuerfluchtoase. Merkwürdig nur: die andauernden Stromschwankungen und mehrfachen Lichtausfälle im RTL-Auditorium während der Grand-Prix-Übertragung 1962 vermittelten den Zuschauer/innen eher den Eindruck eines Dritte-Welt-Landes. Wohl auch, um Kosten zu sparen, gestaltete der Sender den Ablauf der Show sehr zügig, die Lieder folgten fast nahtlos aufeinander. Das Anziehen des Tempos übertrug sich in wohltuender Weise ebenfalls auf das Orchester. Fast konnte man den Eindruck gewinnen, Rhythmusinstrumente wie das Schlagzeug seien in diesem Jahr erst erfunden worden. Jedenfalls kamen sie erstmals bei einer Vielzahl der Wettbewerbsbeiträge deutlich hörbar zum Einsatz – und das tat dem Musikmenü sehr, sehr gut.

Aufgetriedelt: Marion Rung (FI)

Zu den neuen Schrittmachern zählte unter anderem Finnland, deren Marion Rung mit dem schmissigen ‚Tipi-tii‘ schon mal einen ersten Vorgeschmack auf noch kommende Höhepunkte des skandinavischen Happysounds gab. 1973 kehrte sie mit einer noch fröhlicheren Mitklatschnummer, ‚Tom Tom Tom‘, zum Contest zurück. Die Wettbewerbskrone indes errang Rung 1980 bei der letzten Ausgabe des im polnischen Sopot organisierten Intervision Song Contest, der nur vier Jahre laufenden sozialistischen Gegenveranstaltung zum verderbten kapitalistischen Grand Prix Eurovision, an dem das blockfreie Finnland ebenfalls teilnahm. Listig! Auch der 2015 verstorbene  Nordire Ronnie Carroll (→ UK 1963) übte sich in Lautmalereien. Sein flottes, wenngleich von ihm selbst später als „banal“ betrachtetes ‚Ring-a-Ding Girl‘ schnitt zumindest noch im zweistelligen Punktebereich ab, was man von Conny Froboess‚ großartigem Migrationsschlager ‚Zwei kleine Italiener‘ leider nicht sagen kann. Sie kam – übrigens ohne einen einzigen Punkt aus Napoli – auf einen enttäuschenden sechsten Platz. Was zur Folge hatte, dass sich etablierte deutsche Künstler/innen vom Wettbewerb abwandten, da sie eine Beschädigung ihrer Karriere fürchteten. Auch der Umstand, dass Conny unter allen diesjährigen Grand-Prix-Teilnehmer/innen mit über einer Million verkaufter Singles den größten kommerziellen Hit landete, bot nur ein wenig Trost.

Klempner, Popstar, Glücksspieler, Clubschiff-Sänger, Nachtclubbesitzer, Spaßpartei-Politiker: Ronnie Carroll führte ein wahrlich bewegtes Leben (UK)

Untröstlich muss sich auch Gitte Hænning (→ DE 1973) gefühlt haben, ob der hanebüchen buchstabengetreuen Auslegung des damals noch extrem strengen Vorveröffentlichungsverbotes, nach welchem ein Eurovisionsbeitrag erstmals beim Vorentscheid öffentlich aufgeführt werden durfte, durch das dänische Fernsehen DR. Sie sollte eigentlich mit dem fabelhaft lustigen Swing-Knaller ‚Jeg snakker med mig selv‘ (‚Ich rede mit mir selbst‘) am Melodi Grand Prix teilnehmen. Dann aber beging der Textschreiber des Titels, Sejr Volmer-Sørensen, den unverzeihlichen Fehler, ihn noch vor der Sendung in der DR-Kantine (!) zu summen. Was die sofortige Disqualifikation des Songs nach sich zog, denn es hätte ja ein Juror anwesend sein und sich beeinflussen lassen können. Angesichts des tranigen, passend betitelten ‚Wiegenliedchens‘, das die Dänen in diesem Jahr zum Contest schickten, erscheint es aber ohnehin unwahrscheinlich, dass die quirlige Gitte (die im Folgejahr mit dem Siegersong der Deutschen Schlagerfestspiele 1963, ‚Ich will ’nen Cowboy als Mann‘, bei uns den Durchbruch schaffte und einen Nummer-Eins-Hit landete) bei den heimischen Juroren einen Stich gemacht hätte.

Selbstgespräche sind meist die intelligentesten Diskussionen, wusste die kluge Gitte schon 1962.

‚Wir kommen, um uns zu beschweren‘ ist nicht nur der Titel eines Tocotronic-Albums, sondern kennzeichnet auch die Grundhaltung des ewig nörgelnden Germanen, wie sie sich auch im damaligen deutschen Grand-Prix-Beauftragten Hans-Otto Grünefeldt manifestierte. Dem missfiel, dass beim Contest fast immer nur Frankreich und die Niederlande gewannen, während wir uns im Vorjahr mit der Roten Laterne begnügen mussten. Grünefeldt drängte daher auf die Einführung eines neuen Wertungssystems, mit dem er diese Symptome umzukehren suchte. Das geriet zum Fiasko: tatsächlich reisten die Holländer, angetreten mit einer musikalisch und stimmlich harmonischen, wenngleich aus heutiger Sicht textlich eher problematischen Boygroupnummer über die verführerisch-unschuldigen Reize eines „koketten“, pubertierenden Mädchens namens ‚Katinka‘, dessen täglicher Schulweg das arme Ding an den beiden im Gebüsch lechzenden Herrschaften vorbeiführte, mit null Punkten ab. Für de Spelbrekers (die Spielverderber), so der Name der beiden zu allem Überfluss auch noch wild mit den Augen rollenden und zuckenden Lüstlinge, waren deutsche Heckenschützen indes nichts Neues, hatten sie sich der alleswissenden Müllhalde zufolge doch während des zweiten Weltkriegs bei der Zwangsarbeit in einer Bremer Munitionsfabrik kennengelernt.

Unschuld in Gefahr: Stefanie zu Guttenberg, schreiten sie ein! (NL)

Besonders pikant, wenn man ihn mit englischem Zungenschlag ausspricht: einer der beiden 2011 und 2012 verstorbenen holländischen Spielverderber hieß mit bürgerlichem Namen Huug Kok! Jahre nach der musikalischen Kinderschändung, mit der ihnen im Heimatland ein Top-Ten-Hit gelang, verlegten sich die Spelbrekers dann auf das Musikmanagement: zu ihren Kunden gehörten unter anderem die Eurovisionskollegen Ben Cramer (→ NL 1973) und Saskia & Serge (→ NL 1971). Nicht so ganz ging Grünefeldts Strategie hingegen im Falle Frankreichs auf. Die Gallier nämlich gewannen völlig überragend, mit der doppelten Punktzahl des Zweitplatzierten. Und zwar höchst verdient! Isabelle Aubret (→ FR 1968) erschien hinreißend und anmutig, ihr dramatisches ‘Un premier Amour’ als berührend schöne, Gänsehaut erzeugende Ballade, die ebenso zerbrechlich und kostbar wirkte wie die Sängerin bei ihrem Vortrag. Ob sich Deutschland also mit dem kleinkindhaften Beharren auf Gerechtigkeit im Wertungsverfahren einen Gefallen tat, ausgerechnet in dem Jahr, in dem der französische Sieg erstmals komplett in Ordnung ging, erscheint im Hinblick auf die magere Ausbeute für Frau Froboess zumindest fraglich.

Beim ersten Mal tat’s noch weh: Isabelle Aubret (FR)

Zumal deswegen neben den Niederlanden noch drei weitere Länder gänzlich punktefrei heimkehren mussten. Für den Belgier Ferdinand Urbain Dominic oder kurz Fud Leclerc (†2010) markierte die letzte seiner insgesamt vier (1956, 1958, 1960, 1962) Grand-Prix-Teilnahmen den Tiefpunkt: er ging als erster → Nilpointer in die Eurovisionsgeschichte ein. ‚Nur in der Wiener Luft‘ gedeihen anscheinend so dünnstimmige Operettensängerinnen wie Eleonore Schwarz, die mit der vor abgestandenen Klischees nur so triefenden Fremdenverkehrswerbung für Österreich mal wieder die Rote Laterne holte. Spanien, das eine stimmgewaltige männliche Diva namens Victor Balaguer mit einem druckvoll-dramatischen Chanson namens ‚Llàmame‘ (‚Ruf nach mir‘) schickte, vervollständigte das Quartett der Nullen. Ihm geriet sein Geschlecht zum Verhängnis: als Mann seinen Gefühlen (und beim Vortrag seinen Händen) freien Lauf zu lassen, kam bei den mehrheitlich eher konservativ-verklemmten → Juroren nicht so gut an. Weniger streng zeigten diese sich dafür mit der Schwedin Inger Berggren, die zu den Instrumentalparts ihres Songs ‚Sol och Vår‘ so aufgedreht mitkrähte, als habe sie vor dem Auftritt eine Ecstasy eingeworfen. Da die Glückspillen damals noch nicht existierten, rührte ihre Aufgekratztheit vielleicht auch nur von den lustig blinkenden Glassternen her, mit denen RTL das Studio dekoriert hatte.

Victor Balaguer: Viva la Diva! (ES)

Wie immer galt es noch, ein paar Rückkehrer zu begrüßen: der luxemburgische Radio-DJ Camillo Felgen (→ LU 1960) sang nach seiner Pleite zwei Jahre zuvor mit einem Lied in luxemburgischer Sprache jetzt lieber gleich auf Französisch. Funktionierte: sein kreuzbraver ‚Petit Bonhomme‘ erreichte den dritten Platz. Weswegen, ist mir nicht klar, aber so war’s. Jean Phillipe, der 1959 noch für seine Heimat Frankreich antrat und nun unter schweizerischer Flagge segelte, thematisierte seine Wiederkehr gar: ‚Le Retour‘ hieß sein klassisch langweiliges Chanson. ‚Dis rien‘ (‚Sag nichts‘) hielt der ebenfalls frankreichstämmige „Monegasse“ François Deguelt (†2014) da entgegen. Mit diesem bravourös gesungenen, dramatischen Schmachtfetzen verbesserte er sich nach seinem dritten Rang 1960 diesmal um eine Position auf den zweiten. Isabelle Aubret, die diesjährige Siegerin, sollte übrigens den umgekehrten Weg gehen: 1968 schnitt sie mit dem Vergewaltigungsdrama ‚La Source‘ nur als Dritte ab. Da war dann bereits das Farbfernsehen erfunden und Madame Aubret kam nicht mehr als zerbrechliches Rehkitz rüber, sondern als grelle Blondine im furchtbarfarbigen Fummel.

Schöne Bühnen können sie bauen, die Luxemburger. An der Lichttechnik üben sie noch (ESC 1962)

Das auf Drängen der ARD eingeführte Punktesystem blieb übrigens noch ein paar Jahre in Kraft und sollte weiterhin → Nulpointer en masse produzieren, zu denen bald auch Deutschland zählte. Nennt sich wohl ausgleichende Gerechtigkeit…

Eurovision Song Contest 1962

Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne. Sonntag, 18. März 1962, aus der Villa Louvigny (RTL-Studio) in Luxemburg-Stadt, Luxemburg. 16 Teilnehmerländer. Moderation: Mireille Delannoy.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01FIMarion RungTipi-tii0407
02BEFud LeclercTon Nom0013
03ESVictor BalaguerLlámame0013
04ATEleonore SchwarzNur in der Wiener Luft0013
05DKEllen WintherVuggevise0212
06SEInger BerggrenSol och Vår0407
07DEConny FroboessZwei kleine Italiener0906
08NLSpelbrekersKatinka0013
09FRIsabelle AubretUn premier Amour2601
10NOInger JacobsenKom Sol, kom Regn0210
11CHJean PhillipeLe Retour0210
12YULola NovakovicNe pali Svetla u Sumrak1004
13UKRonnie CarrollRing-a-Ding Girl1005
14LUCamillo FelgenPetit Bonhomme1103
15ITClaudio VillaAddio, addio0309
16MCFrançois DegueltDis rien1302

DVE 1962: Der Weg des Wassers wird es uns weisen

Conny Froboess, DE 1962
Die Multikulturelle

Nicht nur für den Eurovision Song Contest bildete das im ligurischen Kurort San Remo stattfindende Festival della Canzone Italiana einst das Vorbild. Die BBC hatte das Konzept schon 1955 von der RAI übernommen und A Song for Europe daraus gemacht, ihren Grand-Prix-Vorentscheid. Und auch bei uns fanden in den Sechzigerjahren in deutschen Kurstädten gediegene Wettbewerbe der leichten Muse nach dem Vorbild der Italiener statt. Das von Radio Luxemburg gegründete Deutsche Schlagerfestival in Wiesbaden hatte bereits 1960 als Vorentscheid gedient. 1961 hob der Südwestfunk in Konkurrenz hierzu die Deutschen Schlagerfestspiele aus der Taufe, an der unter anderem Lys Assia (→ Vorentscheid DE 1956, CH 1956, 1957, 1958, Vorentscheid CH 2012, 2013), Nora Nova (→ DE 1964) und Inge Brück (→ DE 1967) teilnahmen. Die zweite Ausgabe dieser Veranstaltung sollte nun 1962 wiederum als Grand-Prix-Vorentscheid fungieren. Entsprechend groß zog die ARD die Show auf: in vier TV-Vorrunden mit insgesamt 24 Beiträgen qualifizierten sich jeweils drei Sänger/innen für die Endrunde im mondänen Baden-Baden.

Und so gaben sich hier eine ganze Reihe aktueller Schlagerstars ein Stelldichein, wenn leider auch mit überwiegend sehr flachen Liedchen. Der gebürtige Grieche Jimmy Makulis (→ AT 1961, †2007), der in Deutschland etliche Hits erzielen konnte, unter anderen mit dem Evergreen ‚Gitarren klingen leise durch die Nacht‘, der im Jahr zuvor allerdings mit dem arg faden Eurovisionsbeitrag ‚Sehnsucht‘ für Österreich die Rote Laterne ersungen hatte und dem in Baden-Baden mit dem fantastischen, hemmungslosen Superschmachtfetzen ‚Ich habe im Leben nur Dich‘ ebenfalls kein Glück beschieden sein sollte; Peter Beil (→ Vorentscheid 1970, sein ‚Verliebter Italiener‘ war wohl genau einer zu wenig); Bill Ramsey und Ralf Bendix, die mit ‚Pigalle‘ und dem ‚Babysitter-Boogie‘ in Vorjahr beide Nummer-Eins-Hits landen konnten; Wyn Hoop (→ DE 1960) schon wieder und Margot Eskens (→ Vorentscheid 1956, 1963, DE 1966): sie alle kamen, sahen und sangen.

Keine Atempause, Geschichte wird gemacht: Conny Froboess

Doch alle blieben sie chancenlos gegen zwei Stars, die sich in Baden-Baden ein Kopf-an-Kopf-Rennen der Extraklasse lieferten. Siw Malmkvist (→ SE 1960, Vorentscheid SE 1961, DE 1969) teilt der Sage zufolge das Schicksal mit dem ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten und einstigen Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber: beide scheiterten in ihrem Bestreben, die Nummer Eins zu werden, an einer Flut. Die Jury setzte sich aus Vertretern der einzelnen Landesrundfunkanstalten zusammen. Aufgrund der Hamburger Sturmflut vom gleichen Tage, die über dreihundert Todesopfer forderte, verzichteten der NDR und Radio Bremen jedoch auf die Teilnahme an der Abstimmung. Wenngleich reine Spekulation, so liegt es doch im Bereich des Wahrscheinlichen, dass die Skandinavierin Siw und ihre ’Wege der Liebe’ ihr Plazet erhalten hätten. So aber stand es nach der Jurywertung Remis, woraufhin eine Stichwahl im Saalpublikum den Ausschlag für die großartige Conny Froboess und den ersten Migrationsschlager der Nachkriegszeit gab.

‚Die Wege der Liebe‘ in einer Schlagerfilmadaption von Hannelore Auer

Nach Angaben des Komponisten Christian Bruhn schrieb er das textmengenreiche ‚Zwei kleine Italiener‘ ursprünglich für Rocco Granata, als Nachzieher für dessen Superhit ‚Marina‘. In einem hr-Eurovisionsspecial verlieh er seiner Bewunderung für die bravouröse Conny Ausdruck, dafür, dass sie beim Singen nicht vor Sauerstoffmangel umfiel, wo ihr doch der dem Song innewohnende Strom der Worte (→ IT 1997) kaum Gelegenheit zum Atemholen ließ. ‘Zwei kleine Italiener’ thematisierte auf putzige, wenngleich etwas gönnerhafte Weise das Heimweh zweier Gastarbeiter, die sich jeden Abend am Bahnhof treffen, um sehnsuchtsvoll dem “D-Zug nach Napoli” hinterher zu schauen, an ihre zu Hause zurückgelassenen Freundinnen Tina und, natürlich, ‚Marina‘ zu denken und sich auf dem Bahnhofsklo gegenseitig… – äh, halt, das ist jetzt gerade mein Kopfkino. Ich bitte um Entschuldigung.

Von der Plattenboutique in den Landgasthof: Margot Eskens

Connys Siegerlied, von ihr selbst sowie unter anderem den Eurovisionskolleginnen Colette Deréal (→ MC 1961), Anita Thallaug (→ NO 1963) und Lisa del Bo (→ BE 1996) eingesungen in zig internationalen Sprachfassungen, wurde ein Superhit in Deutschland (#1), Österreich (#13), der Schweiz, den Beneluxländern (#1 NL) und Skandinavien (#1 NO): was Modernität und Kommerzialität angeht, handelt es sich um einen der erfolgreichsten deutschen Grand-Prix-Titel aller Zeiten, in einer Liga mit den beiden Siegersongs ‚Ein bisschen Frieden‘ (1982) und ‚Satellite‘ (2010). Einen Medaillenplatz in den heimischen Verkaufscharts, wenn auch nur ein hinteres Ergebnis in diesem Wettbewerb, erreichte außerdem die superschnulzige ‚Rose aus Santa Monica‘, nach wie vor ein beliebter Wunschsendungs-Evergreen auf Schlagerwellen, von der Israelin Carmela Corren (→ CH 1963) mit recht dezentem, aber wunderbar international klingenden Akzent („Ayne Row-say“) hinreißend intoniert. Insgesamt konnte mehr als Hälfte der Vorentscheidungsteilnehmer/innen ihre Auftritte in den Plattenläden in klingende Münze umsetzen: ein bis heute ziemlich seltenes Ergebnis!

‚Vielleicht geschieht ein Wunder‘, hoffte Carmela Corren leider vergebens.

Deutsche Vorentscheidung 1962

Deutsche Schlagerfestspiele, Samstag, 17. Februar 1962, aus dem Kurhaus in Baden-Baden. Zwölf Teilnehmer. Moderation: Klaus Havenstein.

#InterpretTitelPunktePlatzCharts
01Conny FroboessZwei kleine Italiener190101
02Rita PaulLa Luna romantica0206-
03Jimmy MakulisIch habe im Leben nur Dich011147
04Peter BeilEin verliebter Italiener0111-
05Peggy BrownDas Lexikon d'Amour0206-
06Siw MalmkvistDie Wege der Liebe180219
07Pirko Manola + Wyn HoopMama will Dich sehen060428
08Ralf BendixSpanische Hochzeit0505-
09Margot EskensEin Herz, das kann man nicht kaufen080319
10Carmela CorrenEine Rose aus Santa Monica010803
11Bill RamseyHilly Billy Banjo Bill010847
12Ann-Louise HansonSing, kleiner Vogel010848

ESC 1961: Stand up for your Love Rights

Logo des Eurovision Song Contest 1961
Das Jahr der schwulen Emanzipation

Schon zum zweiten Mal in der noch jungen Grand-Prix-Geschichte gastierte der Wettbewerb 1961 in Cannes. Und erneut präsentierte das französische Fernsehen die selbe Eröffnungssequenz wie schon 1959. Sowie die selbe Moderatorin, Jacqueline Joubert, die so viel Mascara aufgelegt hatte, dass sie ständig angestrengt gen Himmel schauen musste, damit ihr die Augenlider nicht zusammenpappten. Lediglich auf die charakteristischen Drehgestelle verzichtete man diesmal. Stattdessen versammelten sich die 16 Teilnehmer/innen zum Auftakt der erstmals an einem Samstag ausgestrahlten Sendung auf einer opulenten Showtreppe und stellten sich artig nacheinander vor. Was für die Zuschauer/innen den unschätzbaren Vorteil bot, die Interpretennamen zur Abwechslung einmal in fehlerfreier Aussprache hören zu können. Im Anschluss sangen sie dann ihre Liedchen, die alle ziemlich gleich und alle gleich langweilig klangen.

Schlaflos in Stuttgart? Hier naht Hilfe: der ESC 1961

Auch der Umstand, dass ausnahmslos alle Herren den gleichen dunklen Anzug mit weißem Hemd und dunkler Fliege trugen, machte die Sache nicht abwechslungsreicher. So empfiehlt sich die DVD mit der Aufzeichnung dieses Jahrgangs heute vor allem als probates Mittel bei Einschlafschwierigkeiten. Gleich drei der am meisten verkannten Eurovisionsländer gaben 1961 ihre Grand-Prix-Premiere. Den Auftakt machte das im Laufe der Geschichte mehrfach (z.B. 1990 und 1995) um den Sieg betrogene Spanien, das aber selbst in den Zeiten des Televoting durchgängig um mindestens zehn Plätze zu schlechte Bewertungen erfährt. Auch die fabelhafte Conchita Bautista (→ ES 1965), die einzige Teilnehmerin des Abends, die eine nennenswerte Show ablieferte, versackte ungerechterweise im Mittelfeld, obschon es sich bei dem von ihr äußerst engagiert und rhythmisch vorgetragenen ‚Estando contigo‘ um den peppigsten Beitrag des Abends handelte.

Dramatischer Schaleinsatz: Conchita Bautista (ES)

Im Gegensatz zu ‚Valo ikkunassa‘, einer sehr sanften finnischen Trauerballade, in welcher die bedauernswerte Sängerin des Nachts eine Kerze für den toten Geliebten ins Fenster stellt und sich in sehnsuchtsvollen Erinnerungen an ihn verliert, wozu die Interpretin Laila Kinnunen (†2000) angemessen tränenumflort in die Kamera blickte. Die hartherzigen → Juroren erhörten ihr zartes Flehen jedoch nicht, vermutlich aufgrund der abseitigen Linguistik. Bis zum Wegfall des → Muttersprachenzwanges im Jahre 1999 stießen dann auch tragischerweise fast alle Beiträge meines absoluten Grand-Prix-Lieblingslandes, das uns fast jedes Jahr mit einer neuerlichen Contestperle beschenkt, auf taube Ohren. Seit sie auch auf Englisch singen dürfen, verbesserte sich die finnische Erfolgsbilanz deutlich, dafür fehlt den Liedern nun meist das Kultige. Ein scheinbar unlösbares Dilemma.

Wenig mitsingfreundlich: nächtliches finnisches Liebessehnen (FI)

Ähnliche Erfahrungen mit der Unüberwindbarkeit der Sprachgrenze sollte Jugoslawien machen, das bis zum Zusammenbruch des Ostblocks (dem der sozialistische Staatenbund selbst nie angehörte) das einzige Eurovisions-Teilnehmerland jenseits des Eisernen Vorhangs blieb. Ironischerweise errang es während dieser isolierten Phase seine einzigen nennenswerten Erfolge nur durch völlige Verleugnung seiner kulturellen Wurzeln und schamloses Kopieren längst ausgelutschter westlicher Popmoden zu Anfang (vgl. Džuli, 1983) und vor allem zu Ende der Achtzigerjahre (‚Rock me‘, 1989), nur kurze Zeit vor dem blutigen Auseinanderbrechen des Vielvölkerstaates. ‚Neke davne Zvezde‘, der Premierenbeitrag von Ljiljana Petrović, fiel hingegen klar in die Kategorie des dramatischen Trennungsschmachtfetzens, mit denen die unzähligen jugoslawischen Nachfolgestaaten erst nach der Osterweiterung der Eurovision reüssieren konnten. Hier blieb es indes beim hinteren Mittelfeld.

Looks: two, Song: ten – die Allisons (UK)

Auf den für das Land über Jahrzehnte praktisch fest reservierten zweiten Platz schaffte es das britische Duo The Allisons mit dem einzigen ernst zu nehmenden Popsong des Abends, dem wunderbar harmonisch-flotten Trennungstitel ‚Are you sure‘. Übrigens handelte es sich bei den Beiden nicht, wie der Name suggeriert, um Brüder. Auch wenn man, was das Aussehen angeht, glauben könnte, sie seien das Produkt konsequenter Inzucht. Das aus den zwei Jugendfreunden John Alford und Bob Day (†2013) bestehende Duo, das musikalisch im Fahrwasser der amerikanischen Everly Brothers segelte, verwendete in der Öffentlichkeit auf Anraten der Plattenfirma den (ausgedachten) Nachnamen Allison, um die Legende zu untermauern. Auf der Insel gelang ihnen mit der Nummer, die sie bei der Siegerreprise des Song for Europe vor lauter Publikumsbegeisterung gleich zwei mal hintereinander singen mussten, trotz des optischen Handicaps ein Tophit (#2 der Singlecharts, #11 in Deutschland). Dass die BBC ihre Liveübertragung aus Cannes bereits vor der Wiederholung des luxemburgischen Siegertitels beendete, war jedoch kein Protestakt der Briten gegen das nicht nur aus ihrer Sicht ungerechte Ergebnis, sondern schlicht Folge der massiven Überziehung der ursprünglich geplanten Sendezeit.

Weniger Glamour, mehr Drive: Are you sure (2008 unplugged Remix)

John Alford (alias John Allison) feierte 2008 mit einer pittoresken Unplugged-Version von ‚Are you sure‘, aufgenommen von seinem Sohn auf dem heimischen Sofa für „den Myspace-Slot auf seinem Computer“, ein kleines Kult-Revival auf Youtube. Und zu Recht! Siw Malmkvist (→ Vorentscheid DE 1962, SE 1960, DE 1969) brachte sich selbst um ihren zweiten Grand-Prix-Einsatz fürs Heimatland: bei der Siegerreprise des schwedischen Melodifestivalen, das sie mit ‚April, April‘ gewonnen hatte, vergickelte sie ob der Albernheit des Liedchens den Auftritt und vergaß sogar ihren Text. Um sich auf internationalem Parkett nicht zu blamieren, schickte der Sender SVT an ihrer Stelle die etwas ernsthaftere Lill-Babs nach Cannes. Die behielt zwar alle zu singenden Worte, pfiff dafür aber ziemlich kläglich. Blöde, da der Beitrag komplett auf diesem gesanglichen Gimmick aufbaute, den Frau Babs am Schluss gar durch Summen substituierte. In einem Eurovisionsspecial des hr zeigte sich Frau Malmkvist, welche zumindest diesen Teil besser beherrschte, dementsprechend besorgt um ihre Reputation: „Leute glauben, dass ich nicht pfeifen kann. Aber die verwechseln mich mit Lill-Babs. Ich kann pfeifen – sie nicht“. Gut, dass wir das klären konnten!

Kannst Du pfeifen, Johanna? Gewiss kann ich das! (SE)

Es gab ein paar weitere halbherzige Versuche, die todlangweiligen Lieder etwas aufzupeppen, so zum Beispiel mit der beherzten Lautmalerei „Bing et bong et bing et bong“ des 1971 im Alter von nur 37 Jahren an Herzmuskelschwäche verstorbenen Franzosen Jean-Paul Mauric, auch er mit einem Lied über den Frühlingsmonat April, oder dem Wechsel von der deutschen in die französische Sprache in der letzten Strophe wie bei unserer Lale Andersen. Das half ihr aber auch nichts: mit dem dreizehnten Rang ersang die zum Zeitpunkt ihrer Teilnahme älteste Eurovisionsinterpretin das bis dahin schlechteste deutsche Grand-Prix-Ergebnis. Erst 2008 löste der 75jährige kroatische Rapper 75 Cents Lale als Alterspräsidentin des ESC ab, gefolgt im Jahre 2012 von der 76jährigen Natalja Pugatschowa, der niedlichen Zwergin aus dem singenden russischen Großmütterkombinat Buranovskie Babushki. Sieger wurde eine echte, haarscharf zwischen Eleganz und Langeweile segelnde französische Ballade, ‚Nous, les Amoureux‘, des für Luxemburg singenden Franzosen Jean-Claude Pascal (→ FR 1981). Der erzeugte durch geschickte Phrasierung und verstärkten Schlagzeugeinsatz im Refrain ein klein wenig musikalische Spannung. Pascal (†1992), ursprünglich Modedesigner für das Haus Christian Dior und in den Fünfzigern ein sehr erfolgreicher Filmschauspieler, zeigte sich dementsprechend selbstsicher und geübt im Umgang mit der Kamera. So verlieh er seinem Chanson zusätzlich einen Hauch von James-Bond-Appeal und gewann.

Anführer der Army of Lovers: Jean-Claude Pascal (LU)

Was, wie ich erst durch das Studium der brillanten Lyric-Seite The Diggiloo Trush begriff, als ziemliche Sensation gewertet werden kann. Denn ‚Nous, les Amoureux‘ entpuppt sich bei näherem Hinsehen als astreines schwules Kampflied! Natürlich – Anfang der sechziger Jahre war Offenheit in dieser Beziehung undenkbar – nur, wenn man zwischen den Zeilen liest. Aber wie anders könnte man das im Text mit anspielungsreichen Andeutungen („Es stimmt, die Dummen und Hartherzigen tun uns immerzu Böses an“) entworfene Bild zweier von der Gesellschaft erbarmungslos verfolgter Liebender deuten, die trotzig darauf bestehen, dass „der gute Herr“ auch ihnen „das Recht auf Glück und auf Freude aneinander“ gegeben hat? In einer Zeit, in der deutsche Richter mehr Homosexuelle inhaftierten als während des „Tausendjährigen“ Reichs, war das ein mutiges wie Trost gebendes Statement. Und da wundert sich noch jemand, dass der Grand Prix für Schwule wie mich wichtiger ist als Ostern, Weihnachten und Geburtstag zusammen?

Eurovision Song Contest 1961

Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne. Samstag, 18. März 1961, aus dem Palais des Festival in Cannes, Frankreich. 16 Teilnehmerländer. Moderation: Jacqueline Joubert.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01ESConchita BautistaEstando contigo0809
02MCColette DeréalAllons, allons les Enfants0610
03ATJimmy MakulisSehnsucht0115
04FILaila KinnunenVeloa ikkunassa0611
05YULjiljana PetrovićNeke davne Zvezde0908
06NLGreetje KauffeldWat een Dag0611
07SELil-BabsApril, April0214
08DELale AndersenEinmal sehen wir uns wieder0313
09FRJean-Paul MauricPrintemps (Avril carilonne)1304
10CHFranca di RienzoNous aurons demain1603
11BEBob BennySeptember, gouden Roos0115
12NONora BrockstedtSommer i Palma1007
13DKDaria CampeottoAngelique1205
14LUJean-Claude PascalNous, les Amoureux3101
15UKAllisonsAre you sure?2402
16ITBetty CurtisAl di là1206

DVE 1961: Der Bembel des Todes

Lale Andersen, DE 1961
Die Elegante

Ins noble Kurhaus der im Frankfurter Speckgürtel liegenden Bonzengemeinde Bad Homburg vor der Höhe (Stadt-Werbeslogan: “Tradition und Champagnerluft”) lud der Hessische Rundfunk zur Vorentscheidung 1961. In diesem Jahr übernahm der hr-Unterhaltungschef Hans-Otto Grünefeldt das deutsche Grand-Prix-Zepter. Und der Mann wollte „anspruchsvolle Chansons“, bloß nichts Modernes und um Gottes Willen keine Hits! So klangen die dreizehn Beiträge der diesjährigen Auswahl dann auch, und zwar durch die Bank: dröge und einschläfernd bis zum Gehtnichtmehr. Das Spritzigste an dem ganzen Abend war (vermutlich, die Aufzeichnung hat der hr schändlicherweise verlegt) noch die Moderation durch die Bembellegende Heinz Schenk, der in seiner TV-Äpplerkaschemme Zum Blauen Bock das Millionenpublikum gerne mal mit selbst verfassten Moritaten über die Endlichkeit des Seins behelligte. Und dem die Nerven in der Live-Show auch dann nicht durchgingen, als sich die Stimmenauszählung deutlich länger hinzog als geplant (Schenk: „Wir hatten kein Programm mehr!“) und er minutenlang plaudernd überbrücken musste. Oder babbelnd, wie der Hesse sagt.

Heinz will uns ein Gedicht aufsagen!

Die Nuttenlied-Legende Lale Andersen (→ Vorentscheid 1958, †1972), berühmt geworden durch den im Zweiten Weltkrieg vom Soldatensender Belgrad zur Hebung der Truppenmoral täglich gespielten Prostitutionsschlager ‚Lili Marleen‘, setzte sich mit der mehr gesprochenen gebrummten als gesungenen Drohung ‚Einmal sehen wir uns wieder‘ gegen Konkurrenten wie Fred Bertelmann (→ Vorentscheid 1958, 1964) durch, der mit seinem ‚Ticke, Ticke, Tack‘ wohl auch deswegen unterging, weil er den erklärenden Zusatz „und wenn sie runterfällt, ist die Uhr kaputt“ vergaß. Lales Sieg dürfte vermutlich dem Umstand zu verdanken sein, dass sie vier Wochen vor der Bad Homburger Schlagerparade noch die deutschen Verkaufscharts anführte. Und zwar mit dem Hafenhurenschlager ‚Ein Schiff wird kommen‘, aus heutiger Sicht lesbar ebenfalls als Klagelied aller Besitzer defekter japanischer Gebrauchtwagen, die händeringend auf ein Ersatzteil warten.

Niemals geht man so ganz: die Lale

Was uns zum nächsten bekannten Teilnehmer führt: erste Showluft schnupperte in Bad Homburg der damalige Gebrauchtwagenverkäufer und Gelegenheitssänger Dieter Thomas Heck. Er blieb mit ‘Was tut man nicht alles aus Liebe’ zwar glücklos, dafür aber stieg er acht Jahre später als Moderator der ZDF-Hitparade zu einer der einflussreichsten Personen des deutschen Schlagergeschäfts auf. Auch späteren Versuchen Hecks, mit gesprochenen Gruselschlagern wie dem rundweg großartigen ‚Es ist Mitternacht, John‘ die Seiten zu wechseln, blieb der kommerzielle Erfolg leider versagt. Im Gegensatz zu Lale, die es immerhin bis auf Rang 30 der Verkaufscharts schaffte. Und so vereint dieser denkwürdige Abend mit Schenk, Heck und Andersen drei der großen Prä-Hip-Hop-Sprechgesangkünstler unseres Landes, die – jeder auf seine Weise – ihren Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte schreiben sollten.

„Ein Hitchcocktail in Musik“ – der Dieter, der Thomas, der Heck!

Deutsche Vorentscheidung 1961

Schlagerparade. Samstag, 25. Februar 1961, aus dem Kurhaus in Bad Homburg vor der Höhe. 13 Teilnehmer, Moderation: Heinz Schenk.

#InterpretTitelPlatzCharts
01Dieter Thomas HeckWas tut man nicht alles aus Liebe--
02Friedel HenschColombino--
03Franck ForsterEs war ein reizender Abend03-
04Christa WilliamsPedro--
05Fred BertelmannTicke, Ticke, Tack02-
06Heinz SagnerJeder Tag voll Sonnenschein--
07Renée FrankeNapolitano--
08Rolf SimsonWer das Spiel kennt03-
09Ernst LotharDich hat das Schicksal für mich bestimmt--
10Lale AndersenEinmal sehen wir uns wieder 0130
11Bobby FrancoLangsamer Walzer--
12Peggy BrownDu bist meine Welt--
13Detlef EngelNach Mitternacht--

ESC 1960: I shall die, die, die

Logo des Eurovision Song Contest 1960
Das Jahr der Showmaster

Es ist ein offenes Eurovisionsgeheimnis: nicht jeder Senderverantwortliche freut sich, wenn sein Vertreter den Grand Prix gewinnt! Schließlich verbindet sich beim Song Contest damit – wenn auch nur als Soll-Bestimmung – die Pflicht zur Austragung der Veranstaltung im Folgejahr, und das wiederum bedeutet erhebliche Kosten für die betroffene TV-Station. Was das stolze, aber arme irische Fernsehen in den Neunzigern, wo es den Sender gleich vier Mal traf, fast in den Ruin trieb, lösten die sparsamen Niederländer deutlich robuster: nach dem zweiten Sieg in drei Jahren sagten sie 1960 schlicht „nee“. Selbstlos sprang (zum ersten, aber bei weitem nicht zum letzten Mal) die britische BBC ein, und so fand der Wettbewerb im Swinging London statt, in den Sechzigern die Welthauptstadt der Mode und des Pop. Dennoch blieb der Grand Prix eine durch und durch frankophile Veranstaltung. Deutschland trickste sich dementsprechend geschickt nach oben: Wyn Hoops abgefeimte und sechs Jahre später von Udo Jürgens (→ AT 1964, 1965, 1966) zur Perfektion getriebene Finte, die Titelzeile seines öden Wiegenliedchens ‚Bonne Nuit, ma Chérie‘ auf französisch zu singen, sicherte ihm tatsächlich einige Punkte von der gallischen Jury. Im Endergebnis reichte es für den vierten Rang: zehn Plätze zu gut für diese drei Minuten inhaltsloser Langeweile.

„Mein Name ist Beverly Boyer und ich bin ein Schwein“ – Nein, es ist natürlich Schackeline (FR)

Der Franzose André Popp komponierte den siegreichen Titel ‚Tom Pillibi‘, ein nervtötend schlichtes und ohrwurmhaft eingängiges Liedchen über einen falschen Schloßbesitzer, der angeblich sowohl in Schottland als auch in Montenegro jeweils ein royales Anwesen sein Eigen nenne. Zwei stark separatistische Regionen bzw. Länder also, beide mit einer deutlichen Hinwendung nach Europa, und zumindest eine davon in ihrem Anschlussstreben vom europafeindlichen Mutterland gehindert. Ahnten die Franzosen bereits 56 Jahre im Voraus etwas vom Brexit? Jedenfalls erwies sich ‚Tom Pillibi‘ – Komponisten-Nomen ist Omen – als das poppigste Stück des Abends. Als erster Siegertitel in der Eurovisionsgeschichte konnte er auch außerhalb des Herkunftslandes nennenswerte Stückzahlen absetzen (u.a. Rang 33 in den britischen Singlecharts, und das in der französischsprachigen Originalversion!). Für den deutschen Markt (#21) nahm die junge Jacqueline Boyer, Tochter der französischen Chansonnière Lucienne Boyer und des letztjährigen, letztplatzierten monegassischen Vertreters Jacques Pills (†1970), eigens eine recht akkurat übersetzte deutsche Fassung auf. Für sie bildete der Grand Prix den Startpunkt einer kurzen grenzüberschreitenden Karriere mit Hits wie ‚Mitsou‘ oder ‚Der Mond vom Fudschijama‘.

Katie Boyle moderiert beim ESC 1960 das erste von vier Malen (ganzer Contest)

Einige in Deutschland nachhaltig bekannte Namen zierten die Teilnehmerliste dieses Contests. So die in einem äußerst unvorteilhaften Ballonkleid auftretende Schwedin Siw Malmkvist, die bei uns etliche Topseller landen konnte, beispielsweise mit dem Siegertitel der Deutschen Schlagerfestspiele 1964, dem großartigen ‚Liebeskummer lohnt sich nicht‘. Und die nach einem Zwischenspiel beim deutschen Vorentscheid 1962 fast ein Dezennium später sogar für uns beim Song Contest antrat, dann mit dem nicht ganz so großartigen ‘Primaballerina’ (→ DE 1969). ‚Alla andra får varann‘, ihr artiger 1960er Beitrag fürs Heimatland, bot dezente Swing-Harmonien und bestach vor allem durch Kürze. Der Luxemburger Camillo Felgen (→ LU 1962, †2005) erzielte immense Erfolge mit seiner Hörfunksendung bei Radio Luxemburg (heute RTL Radio), der europaweit ältesten kommerziellen Rundfunkstation, bei der sich auch Dieter Thomas Heck (→ Vorentscheid 1961) die ersten Sporen verdiente. Lebenserfahrenen Freunden sinnlos-heiterer Gameshows ist Felgen zudem als Moderator der Spiele ohne Grenzen in Erinnerung, einer Art für das Fernsehen lustig aufgemotzter Bundesjugendspiele, die Einschaltquoten von über 50% erreichten. In London landete er mit einem Liedchen in Lëtzebuergesch (ein wahrlich grauenhaft klingender Dialekt, so eine Art noch stärker vernuscheltes Saarländisch) auf dem letzten Rang.

Was ein Gelück, dass er ins Showbusiness ging: Rudi Carrell (NL)

Jahrzehntelang nicht wegzudenken aus der deutschen Fernsehunterhaltung war auch der unvergessene, 2006 an Lungenkrebs verstorbene Rudi Carrell (Am laufenden Band, Rudis Tagesshow, Herzblatt und viele andere TV-Shows). Der als cholerischer Perfektionist verschrieene große Entertainer, der mit einer Khomeini-Persiflage 1987 für eine echte diplomatische Krise zwischen Deutschland und dem Iran sorgte, erfüllte zuletzt noch bei RTL (7 Tage, 7 Köpfe) die Funktion der Zielscheibe für Demenzzoten, bevor er sich mit einem bewegenden TV-Abgang unsterblich machte. Beim 1960er Grand Prix ersang er für die Niederlande mit ‚Wat een Geluk‘ den vorletzten Rang. Wie man sieht, muss also ein hinterer Platz beim Song Contest einer erfolgreichen TV- oder Gesangskarriere nicht im Wege stehen: Carrell erzielte bei uns mit Spaßnummern wie ‚Wann wird’s mal wieder richtig Sommer oder ‚Goethe war gut‘ beachtliche Verkaufserfolge. Und das sollte Gracia Baur (→ DE 2005) doch Mut machen. Oder besser nicht?

Bryan Johnson (UK) – die Geschichte des „O“

Keinen Appell für den Drogenkonsum stellte übrigens, auch wenn man das vom Titel her glauben könnte, Bryan Johnsons ‚Looking high, high, high‘ dar. Die schmissige Uptemponummer, in welcher der 1995 verstorbene Bryan (übrigens der Bruder des britischen Vorjahresvertreters Teddy Johnson) selbstverständlich auch ein wenig pfiff, reihte redundant stotternd die erwartbaren Reime („Looking high, high, high / Looking low, low, low / Wondering why, why, why / Did she go, go, go“) auf, erwies sich aber neben ‚Tom Pillibi‘ als das einzige Stück des Abends, das nach heutigem Verständnis als so etwas Ähnliches wie ein Popsong durchginge (#20 in den heimatlichen Charts). Damit erreichte das Vereinigte Königreich, wie bereits 1959 und wie noch so oft in der folgenden Geschichte, den zweiten Rang. Eine für lange Zeit minder erfolgreiche Eurovisionsnation debütierte in London: zwar erschmetterte sich die 2015 verstorbene Nora Brockstedt (→ NO 1961) mit dem enthusiastisch lautmalerischen ‚Voi-voi‘ zum Auftakt einen akzeptablen fünften Rang, doch sollte kein Land so oft die Rote Laterne einsammeln (und nur wenige so oft die → Null-Punkte-Wertungen) wie das geografisch und popkulturell etwas randständige Norwegen.

Heiterer Gesang und putzige Puschelärmel: Nora Brockstedt (NO)

Das skandinavische Land bediente sich im Verlauf seiner Grand-Prix-Geschichte auffallend oft international verständlicher Titel wie ‚Oj, oj, oj‘ (1969), ‚Karussel‘ (1965), ‚Stress‘ (1968), ‚Do-Re-Mi‘ (1983), ‚Romeo‘ (1986), ‚Brandenburger Tor‘ (1990) oder ‚La det swinge‘ (1985) – bis auf letztgenannten Beitrag allerdings meist ohne nennenswerten Erfolg. Andererseits führt es in der Siegerbilanz mit drei Treffern vor Deutschland: kein Grund zum Hochmut also. Interessiert hätte mich übrigens noch die Höhe des Schmiergelds, das Monaco an die deutsche → Jury bezahlt haben muss, damit diese sieben ihrer zehn Punkte (und damit knapp die Hälfte der monegassischen Ausbeute) ausgerechnet an das extrem öde ‚Ce Soir-là‘ verschleuderte? Wir werden es wohl nie erfahren.

Eurovision Song Contest 1960

Eurovision Song Contest. Dienstag, 29. März 1960, aus der Royal Albert Festival Hall in London, Großbritannien. 13 Teilnehmerländer. Moderation: Katie Boyle
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01UKBryan JohnsonLooking high, high, high2502
02SESiw MalmkvistAlla andra får varann0410
03LUCamillo FelgenSo laang we's du do bast0113
04DKKaty BødtgerDet var en yndig Tid0410
05BEFud LeclercMon Amour pour toi0906
06NONora BrockstedtVoi-voi1105
07ATHarry WinterDu hast mich so fasziniert0607
08MCFrançois DegueltCe Soir-là1503
09CHAnna TraversiCiela e Terra0508
10NLRudi CarrellWat een Geluk0212
11DEWyn HoopBonne Nuit, ma Chérie1104
12ITRenato RascelRomantica0508
13FRJacqueline BoyerTom Pilibi3201

DVE 1960: Bei der großen Fiesta

Wyn Hoop, DE 1960
Der Langweiler

Nachdem die Direktnominierung der Kessler-Zwillinge 1959 nicht das erhoffte Ergebnis gebrachte hatte, fand in diesem Jahr wieder eine öffentliche Vorentscheidung statt. Für die jüngere Generation wählte die ARD die Schlagerikone Sex Dildo Rex Gildo (→ Vorentscheid 1969) aus, zu jener Zeit das offiziell beliebteste Jugendidol der Deutschen und mehrfacher Bravo-Otto-Preisträger. Sexy Rexy legte gemeinsam mit der belgischen Sängerin Angèle Durand (→ Vorentscheid 1956) das ‚Abitur der Liebe‘ ab. Vor Zuschauern, und das noch vor 22 Uhr! Sodom und Gomorrha mal wieder im deutschen Fernsehen! Für die ältere Generation ging erneut Gerhard Wendland (→ Vorentscheid 1956, 1964) an den Start, der auf den dritten Rang kam. Generationenübergreifend geschätzt wurde hingegen Heidi Brühl. Die durch ihre Hauptrolle in der harmlos-heiteren Immenhof-Trilogie zur beliebtesten Filmschauspielerin Deutschlands Avancierte versuchte hier, ungeachtet ihres nur mäßigen stimmlichen Talents, ihre immense Popularität durch Plattenverkäufe zu versilbern.

Sagt die Nonne zu ihren Schenkeln: wir wollen niemals auseinandergehn!

Es gelang ihr spielend: ‚Wir wollen niemals auseinandergehn‘, der erste Schlager über den der Bundesrepublik erst noch bevorstehenden Schlankheitswahnsinn und ein Pflichtstück für jede Germanys-next-Topmodel-Bulimie-Aspirantin, besetzte sieben Wochen am Stück die Spitzenposition der deutschen Single-Charts, in denen er sich insgesamt 33 Wochen hielt und in der Jahresabrechnung den siebten Rang belegte. Ein waschechter Megaseller also. Ihr Sieg beim Vorentscheid erschien ausgemacht. Dennoch belegte sie in der hessischen Landes- und Rentner/innen-Hauptstadt Wiesbaden mit dem laut Jan Feddersen ursprünglich für Zarah Leander komponierten Superhit überraschend nur den zweiten Rang. 

‚Ich vergesse Dich nie‘: Ich Dich schon!

Die aus 15 „Profis“ und 30 Laien bestehende → Jury wählte – zum deutlichen Missfallen des Saalpublikums – aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen den bühnenerfahrenen Folkbarden Wyn Hoop (→ Vorentscheid 1962) mit der langweiligen Seichtschnulze ‚Bonne Nuit, ma Chérie‘ (die in den Verkaufscharts nicht über Rang 44 hinaus kam) zum Sieger. Womöglich spekulierte man mit Blick auf André Claveaus Siegertitel von 1958 (‚Dors, mon Amour‘) darauf, mit einem eurovisionskonform frankophilen Schlafliedchen auf internationalem Parkett mehr rausholen zu können als mit heteronormativem Beziehungsgesülze. Und, naja: Platz 4 (den Wyn Hoop in London ersang) lag deutlich über dem Durchschnitt der letzten Jahre. Heidi Brühl konnte sich derweil mit dem kommerziellen Erfolg ihres Liedes trösten. Außerdem sollte sie 1963 ihre Chance erhalten.

Chart-Watch 1960: mit dem Country-Faschings-Schlager ‚Ich steh‘ an der Bar‘ erzielte Bobbejaan Schoepen (→ BE 1957) 1960 einen Top-Ten-Hit in Deutschland 

Deutsche Vorentscheidung 1960

Schlagerparade. Samstag, 6. Februar 1960, aus der Rhein-Main-Halle in Wiesbaden. Zehn Teilnehmer, Moderation: Hilde Nocker und Werner Fullerer.

#InterpretTitelPlatzCharts
01Angèle Durand + Rex GildoAbitur der Liebe--
02Gerhard WendlandAlle Wunder der Welt03-
03Gitta LindAuf der Straße meiner Träume--
04Wyn HoopBonne Nuit, ma Chérie0144
05Gerd StröhlDas Herz einer Frau--
06Rainer BertramEin Picasso der Liebe--
07Ingrid WernerIch hab ein Hobby--
08Tony SandlerOh, wie schön--
09Heidi BrühlWir wollen niemals auseinander gehn0201
10Charming BoysLittle Joe--

ESC 1959: Mancher jodelt noch im Schlaf

Logo des Eurovision Song Contest 1959
1959: Das Jahr der Revuen

Nein, eine Vorentscheidung hätten sie nicht mitgemacht, die zu diesem Zeitpunkt schon international erfolgreichen Synchrontänzerinnen und -ausseherinnen Alice und Ellen Kessler, also gab es 1959 keine: der Hessische Rundfunk bestimmte sie direkt zu unseren Vertreterinnen in Cannes. Deutschlands bekannteste eineiige Zwillinge, die in einem NDR-Interview später behaupteten, zu diesem Auftritt vertraglich gezwungen worden zu sein, stellten aber noch weitere Bedingungen: ‚Heute möcht‘ ich bummeln‘, wie das Lied zunächst heißen sollte, erschien ihnen als Titel zu brav, die naheliegende Abwandlung ‚Heute möcht’ ich fummeln‘ hingegen vielleicht doch etwas zu direkt, also frisierte ihre Textdichterin Astrid Voltmann den Song in ‚Heut‘ Abend möcht‘ ich tanzen gehn‘ um. Trotz all der Änderungen empfanden die Beiden die Nummer aber als „nicht gut“. Da muss ich doch entschieden widersprechen!

Da wackeln die Wände: die Kesslers rocken das Haus! (DE)

Denn auch wenn es musikalisch sehr nach Revue klang, wie übrigens alle Beiträge dieses Eurovisionsjahrganges: textlich kam ihr Song einer kleinen Revolution gleich. Dass die Dame den Herrn zum Tanz aufforderte, das stellte in den sittenstrengen Fünfzigern die moralischen Herrschaftsverhältnisse auf den Kopf. Zumal noch eingeleitet von einem flapsigen „Hallo, Boy“ (was ihnen, wie Jan Feddersen recherchierte, ob des Anglizismus flammende Protestbriefe erzürnter Sprachpuristen eintrug) und einem anzüglichen „Komm mit, sag nicht nein“: da ging es zwischen den Zeilen doch um noch ganz andere rhythmische Körperbewegungen! Auch Gastgeberin Jaqueline Joubert fand das äußerst „curieux“. Zur Strafe mussten sich die zwei Schwestern ein in Nabelhöhe eingestelltes Mikrofon teilen und ihre Tanzeinlage, die allererste ernsthafte → Grand-Prix-Choreografie in der Geschichte, auf derartig engem Raum absolvieren, dass man es nur als Meisterleistung bezeichnen kann, dass dies unfallfrei und ohne blaue Flecken vonstatten ging. Dennoch reichte es lediglich für den achten Rang: all zu starke Fortschrittlichkeit zahlte sich beim Grand Prix nicht immer aus.

Een beetje Vreede (NL)

Keine Empörung gab es über die Gewinnerin von Cannes, Teddy (Auch, wenn sich die 2010 verstorbene Dorothea Margaretha Scholten denselben, an ein kuschliges Kinderspielzeug erinnernden Spitznamen ausgesucht hatte wie der männliche Teil des britischen Duos: sie war eindeutig eine Frau!) Scholten aus den Niederlanden, und ihr peppiges ‘Een beetje’. Die Eurovisionsjurys bestanden in den Anfangsjahren scheinbar ausschließlich aus Belgiern: immer brav abwechselnd gewannen Frankreich und Holland, nur 1961 vertat man sich mit Luxemburg. Wahrscheinlich, weil sich die Flaggen so ähnlich sehen. Als wahrer Kultschatz erwies sich der zweitplatzierte Beitrag ‚Sing, little Birdie‘ aus dem Vereinigten Königreich: das augenscheinlich unter dem Einfluss aufputschender Substanzen stehende singende Ehepaar Teddy (Auch, wenn sich Edward Victor Johnson denselben, an ein kuschliges Kinderspielzeug erinnernden Spitznamen ausgesucht hatte wie die niederländische Siegerin: er war eindeutig ein Mann!) Johnson und Pearl Carr brachte ein Plüschvöglein mit auf die Bühne und überzeugte mit einer beängstigend faszinierenden, zu gleichen Teilen absurd übertriebenen wie authentisch wirkenden Mimik, die dem Begriff Fröhlichkeit (oder gayness, wie es wohl treffender im Englischen heißt) eine neue Bedeutung verlieh, sowie einer echten → Killer-Rückung. Ihr Auftritt muss als Comedy-Höhepunkt wenigstens dieses Eurovisionjahrzehnts gelten.

Der ist nicht aus Ecuador: Ferry Graf (AT)

Als weitere Meister im Fach der (unfreiwilligen?) Komik erwiesen sich, wie so oft, die → Österreicher, die mit dem in nostalgischen Erinnerungen an vergangene imperiale Zeiten schwelgenden ‘K. u. k. Kalypso aus Wien’ ihre Kompetenz in Sachen lateinamerikanischer Rhythmen zu beweisen suchten. Verquickt mit Verweisen auf die „Polka aus Brünn“ und gewürzt mit landestypischen Jodelrufen (!) wirkte die gesellschaftstanz-kulturelle Wiener Melange sehr, sehr drollig. Und ging natürlich sehr, sehr in die Hose. Ferry Graf, der Interpret dieses Kleinods, wanderte in den Siebzigern nach Finnland aus, wo man Schräges bekanntlich schätzt, und wo er eine erfolgreiche Hillbilly-Band gründete. Erneut versuchte sich Domenico Modugno (→ IT 1958, 1966) für Italien. Sein ‘Piove‘ schnitt abermals schlecht ab – nur, um im Anschluss unter dem Titel ‚Ciao, Ciao, Bambina‘, gecovert unter anderem von der großen Caterina Valente, europaweite Hitparadenerfolge zu feiern. Lag es am Sänger selbst, der von der Ausstrahlung her mehr an einen gemütlichen Pizzabäcker erinnerte anstatt an einen feurigen Latin Lover? Für Dänemark trat Birthe Wilke (→ DK 1957) nochmals an, die zwei Jahre zuvor die Weltöffentlichkeit mit scheuer Zungenakrobatik geschockt hatte. Ohne Busserlpartner brachte sie es jedoch nur auf den fünften Rang. 2005 ließ sie sich übrigens erneut auf der Bühne küssen: diesmal von Reinars Kaupers (→ Brainstorm, LV 2000), bei der 50-Jahr-Feier Congratulations im heimischen Kopenhagen.

Sieh und lerne, N’Evergreen: so geht Schlagerekstase! (UK)

Neu dabei diesmal das Steuer- und Glücksspielparadies Monaco: wie schon Österreich 1957 erntete es bei seinem Debüt die Rote Laterne. Kein Wunder bei einem Sänger, der behauptet, sein bester Freund sei ein Papagei, der also offensichtlich einen Vogel hat! Allerdings konnte der Stadtstaat seine Erfolgsbilanz in der Folgezeit rasch verbessern. Das gastgebende Frankreich bereicherte die Show mit einigen hübschen Neuerungen. Erstmals begann die Übertragung nicht im Sendesaal, sondern mit (allerdings aufgrund der Dunkelheit kaum erkennbaren) Außenaufnahmen der französischen Riviera und der Croisette von Cannes. Man witterte wohl die Werbemöglichkeiten, die der Grand Prix in Sachen Tourismus für das austragende Land bot. Zum Start des Liederabends präsentierte man alle Interpret/innen schon mal auf einem Drehgestell, beklebt mit Fototapeten mit landestypischen Motiven, vor denen sie danach auch sangen. Damit verabschiedete man sich endgültig von der albernen Mär, der Eurovision Song Contest sei ein → Komponistenwettbewerb und konzentrierte sich auf den Kampf der Nationalstaaten.

Schackeline Schubert führte 1959 durch einen vergleichsweise flotten Abend (ganze Show)

Und da Frankreich in diesem Wettstreit nicht erneut siegte, sondern „nur“ Dritter wurde, durften im Anschluss an die Wertung eben alle drei Erstplatzierten noch mal singen. In Sachen Nationalchauvinismus macht den Galliern halt so schnell keiner was vor!

Eurovision Song Contest 1959

Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne. Mittwoch, 11. März 1959, aus dem Palais des Festivals in Cannes, Frankreich. Elf Teilnehmerländer. Moderation: Jacqueline Joubert.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01FRJean PhillipeOui, oui, oui, oui1503
02DKBirthe WilkeUh, jeg ville ønske jeg var dig1205
03ITDomenico ModugnoPiove0906
04MCJacques PillsMon Ami Pierrot0111
05NLTeddy ScholtenEen beetje2101
06DEAlice + Ellen KesslerHeute Abend wollen wir tanzen gehn0508
07SEBrita BorgAugustin0409
08CHChrista WilliamsIrgendwoher1404
09ATFerry GrafDer k. u. k. Kalypso aus Wien0410
10UKTeddy Johnson + Pearl CarrSing little Birdie1602
11BEBob BennyHou toch van mij0907

ESC 1958: Risotto am Lago Maggiore

Logo des Eurovision Song Contest 1958
1958: Das Jahr des Déjà vu

Nein, liebe Kinder, bei Pop-Prinzessin Lena Meyer-Landrut (→ DE 2010, 2011) handelte es sich keineswegs um die erste Eurovisionssiegerin, die sich tollkühn an der Titelverteidigung versuchte. Bereits die legendäre Premierensiegerin Lys Assia (→ CH 1956, 1957, Vorentscheid CH 2012, 2013, Vorentscheid DE 1956) trat im Folgejahr erneut an, allerdings – wie Frau Meyer-Landrut auch – mit deutlich weniger Erfolg. Die 1957 siegreiche Niederländerin Corry Brokken folgte dennoch ihrem Beispiel und wurde 1958 sogar nochmals Erste – leider jedoch vom anderen Tabellenende aus gesehen. Da schlug sich das deutsche Fräuleinwunder beim Zweitversuch deutlich besser, auch wenn sie rein nominal auf dem selben Tabellenplatz (#10) landete wie Frau Brokken.

Die Showtreppe fungierte als zentrales Element des ESC 1958 (komplette Show)

1958 jedenfalls wimmelte das Starter/innenfeld nur so von alten Bekannten. Die Musikszene der Schweiz bestand in den fünfziger Jahren offenbar ausschließlich aus besagter Lys Assia: die Eidgenossen entsandten sie bereits zum dritten Mal in Folge. Ihr so flottes wie skurriles Lied ‚Giorgio‘ nahm, was das Tempo des Songs und des dargebotenen Sprechgesangs angeht, den deutschen Hip-Hop und Flummitechno der Neunziger bereits vorweg. Und belegte damit erstaunlicherweise den zweiten Rang. Textprobe: „Ein Weekend mit Dir und Risotto, Risotto, Risotto, Risotto“ – die Assia schien mit ihrem Papagallo am (in Schlagerkreisen äußerst beliebten) Lago Maggiore entweder eine frühe Version von ‚9 ½ Wochen‘ auszuprobieren, oder sie surfte einfach sehr geschickt auf der gerade durch das Nachkriegsdeutschland wogenden Fresswelle. Zumal noch „Polenta“, „Vino“, „Espresso“ und natürlich „Chianti“ eine Rolle spielten.

Darauf einen Ramazzotti! (CH)

Die deutsche Wiederkehrerin Margot Hielscher (→ DE 1957, Vorentscheid 1956) hingegen stürzte ab. Wie schon im Vorjahr versuchte sie, die Sprachgrenze mit optischen Illustrationen zu überwinden. Ihr hinreißend vertontes ‚Für zwei Groschen Musik‘ handelte von der seinerzeit in keiner Gaststätte fehlenden Jukebox. Also hantierte sie mit ein paar Single-Schallplatten (unverkaufte Restexemplare ihrer eigenen Aufnahmen?) und kostümierte sich sicherheitshalber mit rotem Schleifchen und glitzerndem Krönchen als „Miss Jukebox“. Vermutlich führte genau das zur fatalen Fehlinterpretation durch die Juroren, die möglicherweise glaubten, Hielscher wollte sich bereits vor ihrem Urteil selbst zur Königin des Abends krönen. So reagierten sie verschnupft und verbannten die Deutsche auf einen (damals noch) unglücklichen siebten Platz. Für Belgien nahm erneut Fud Leclerc (→ BE 1956, 1960, †2010) teil, der noch die nächsten fünf Jahre im stetigen Wechsel mit Bob Benny (→ BE 1959, 1961) magere Resultate ersingen durfte: er für Wallonien, den französischsprachigen Part des Bierpanscherlandes; Benny (der sich 2001, zehn Jahre vor seinem Ableben, im Alter von 75 Jahren outete) für Flandern, den holländisch sprechenden Teil.

Schwedens erfolgreiche Eurovisionsreise startet 1958 mit der Zeile „La la la la la la lala la“ (SE)

In der ihnen so eigenen, liebenswert grotesken Selbstüberschätzung blieben die Briten aus Protest gegen die in ihren Augen zu schlechte Vorjahresplatzierung ihres außergewöhnlich zähen Premierenbeitrags ‚All‘ der Hilversumer Veranstaltung fern. Dafür nahm erstmalig das Land teil, das ihnen im Laufe der folgenden Eurovisionsjahrzehnte bald den Ruf als europäisches Powerhouse des Pop streitig machen sollte. Alice Babs (†2014), zum Zeitpunkt ihres Grand-Prix-Debüts eine auch in Deutschland bereits erfolgreiche Schlagersängerin (‚Ein Mann muss nicht immer schön sein‘, ‚Jodel Cha Cha‘) und Filmschauspielerin (‚Schwedenmädel‘), trat in einer im Vergleich zu den sonst üblichen, aufwändigen Abendkleidern recht rural wirkenden Landestracht an und begann ihr lieblich-langweiliges ‚Lilla Stjärna‘ mit vollen vier Zeilen „La la la“. Vermutlich im Bestreben, die Juroren einzulullen, bevor sie aufgrund der damals noch ungeschriebenen, aber strikt befolgten → Sprachenregel für den Rest des Liedes auf das für die meisten europäischen Ohren doch etwas zickig klingende Schwedisch umsteigen musste. Der beim Grand Prix stets gern genutzte Trick der universell verständlichen Lautmalerei funktionierte auch hier: mit dem vierten Rang zum Auftakt erfuhren die Skandinavier eine deutlich gnädigere Aufnahme in die Eurovisionsfamilie als die vergrätzten Briten.

Und alle so: Vooooooolare, oh-ho! (IT)

Das erste von drei Malen (erkennt jemand ein Muster?) ging der italienische Komponist, Sänger und San-Remo-Gewinner Domenico Modugno (→ IT 1959, 1966) an den Start. Zwischen 1956 und 1966 entsandte die RAI nämlich stets den Sieger des von den Popularitätswerten her nur mit dem schwedischen Melodifestivalen vergleichbaren italienischen Gesangswettbewerbs und Contest-Vorbildes. In Folge der in der Heimat ungebrochenen Beliebtheit des glamourösen Festival della Canzone italiana bei gleichzeitig nachlassendem Interesse am Grand Prix nutzten die Italiener das Festival danach jedoch nur noch sporadisch als Vorentscheid, so in den Jahren 1972, 1989, 1993 und 1997. Modugnos ‚Nel blu dipinto di blu‘ avancierte zum unzählige Male gecoverten, weltweiten Evergreen und, zählt man sämtliche Fassungen zusammen, zum bis heute kommerziell erfolgreichsten Eurovisionssong. Als ‚Volare‘ erreichte es gar Platz 1 der US-amerikanischen Billboard-Charts und kann eine Grammy-Nominierung vorweisen. 2005 wählten es die europäischen TV-Zuschauer/innen zum zweitbeliebtesten Grand-Prix-Lied aller Zeiten, nach ‚Waterloo‘ (→ SE 1974). In unseren Gefilden konnte der 1994 verstorbene Modugno damit allerdings keinen Hit landen – dafür schaffte es die zahnlose, von Peter Alexander dargebotene Eindeutschung ‚Bambina‘ bis auf Platz 2 der Charts. Manchmal möchte man sich vor Fremdscham über den schlechten Geschmack seiner Landsleute echt erschießen.

Schlaf, Kindchen, schlaf, Dein Vater hüt‘ die Schaf‘ (FR)

Doch auch bei den Grand-Prix-Juroren blitzte Domenicos unsterblicher Beitrag zum Weltkulturerbe ab: sie zogen Lys‘ Ode an die Völlerei vor, sowie ein gestenreich vorgetragenes französisches Wiegenliedchen (‚Dors, mon Amour‘) des 2003 sanft entschlafenen André Claveau, das unverständlicherweise gewann. Der erste wirklich grobe → Jury-Missgriff in der Eurovisionsgeschichte, dem bis zur leider nur zeitweiligen Abschaffung dieser absurden Instanz vierzig Jahre später noch etliche folgen sollten. Immerhin durfte auch Modugno seinen, zugegebenermaßen in späteren Bearbeitungen (wie beispielsweise in der englischsprachigen Version von Dean Martin oder in der flamencogitarrenlastigen Partyhit-Variante der Gipsy Kings, die damit 1989 einen Eurohit landen konnten) deutlich druckvolleren Beitrag ein zweites Mal vortragen. Denn der Italiener hatte die Startnummer 1, jedoch waren zu Beginn der TV-Übertragung die Leitungen noch nicht überall hin geschaltet. So musste / durfte er im Anschluss an Lys Assia noch mal ran.

Das Tempo anzuziehen, hilft immer: die Gypsy Kings machten Domenicos ESC-Klassiker 1989 Feuer unter dem Arsch

Erstmalig kam die neue (und bis heute beibehaltene) Regel zur Anwendung, dass der Vorjahressieger das Spektakel austragen soll: der Veranstaltungsort Hilversum machte sich nicht nur durch die Tulpendekoration bemerkbar, sondern auch durch die äußerst sparsame Moderation, einem holländischen Eurovisionsmarkenzeichen. Erst zu Beginn der Wertungen tauchte die Gastgeberin des Abends, Hannie Lips, auf. Skurril aus heutiger Sicht erscheint auch die von Hand betriebene Wertungstafel. Öfters schien es bei der Koordination von gerade durchgegebenen Wertungspunkten und Anzeige etwas zu hapern: so bekam beispielsweise Schweden („La Suede“) in der Sendung vier Punkte gutgeschrieben, die für die Schweiz („La Suisse“) bestimmt waren, was man erst im Anschluss feststellte und korrigierte. Denn, wie sagte Frau Lips noch in der Sendung: „There was no Mistake“. Aber genau für diese Pannen lieben wir ja den Contest!

Eurovision Song Contest 1958

3sieme Grand Prix Eurovision de la Chanson Européene. Mittwoch, 12. März 1958, aus den AVRO-Studios in Hilversum, Niederlande. Zehn Teilnehmerländer. Moderation: Hannie Lips.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01ITDomenico ModugnoNel blu, dipinto di blu (Volare)1303
02NLCorry BrokkenHeel de Wereld0109
03FRAndré ClaveauDors, mon Amour2701
04LUSolange BerryUn grand Amour0109
05SEAlice BabsLille Stjärna1004
06DKRaquel RastenniJeg rev et Blad ud af min Dagbog0308
07BEFud LeclercMa petite Chatte0805
08DEMargot HielscherFür zwei Groschen Musik0507
09ATLiane AugustinDie ganze Welt braucht Liebe0806
10CHLys AssiaGiorgio2402

DVE 1958: Wollt Ihr heiße Musik?

Margot Hielscher, DE 1958
Die DJane

Um mit den Teletubbies zu sprechen: „Noch mal, noch mal“! Erneut gewann Margot Hielscher (→ Vorentscheid 1956, DE 1957) die deutsche Vorauswahl zum Grand Prix, die heuer in Dortmund stattfand. Sie blieb dem Thema Unterhaltungselektronik treu. Nach dem ‚Telefon, Telefon‘ besang sie in diesem Jahr die Jukebox, den schrankgroßen, meist in Gaststätten stationierten Vorläufer des MP3-Players (bzw. von Spotify), an welchem es damals ‚Für zwei Groschen Musik‘ gab. Für die Nachgeborenen: beim Groschen handelte es sich um eine Zehn-Pfennig-Münze. Zwei Groschen musste man in den Apparat einwerfen und dann mechanisch seine Wahl eintippen, damit er einmalig eine Single abspielte. Bitte? Was eine Single ist? Eine kleine Schallplatte mit nur einem Musiktitel drauf. Bitte? Was eine Schallplatte ist? Ein Tonträger aus Vinyl, der Vorläufer der CD. Bitte? Was eine CD ist? Ach, lassen Sie mich doch in Ruhe!

Miss Muziekapparat: Madame Hielscher

„2 Groschen“ stellten also den Gegenwert von 20 Pfennigen dar. Das sind in derzeitiger Währung nominal 0,10 € und nach Kaufkraftentwicklung ungefähr 50 Cent. Jawohl, für den einmaligen Genuss eines einzelnen Musiktitels, ohne Download- oder Kopiermöglichkeit. Aber welch eine Auswahl bekam man dafür geboten! Ob Swing, Heimatmelodie, Oper, Marsch oder Dixieland: alles, was seinerzeit das musikalische Angebot bereicherte (bis auf den diabolischen Rock ’n‘ Roll natürlich), wurde vorgestellt und hinreißend instrumentiert. „Und der Alltag versinkt / wenn froh Musik erklingt“, so thematisierte die Hielscher die Eskapismusfunktion des Schlagers: ein durch und durch großartiges Eurovisionslied! Den zweiten Platz belegte die große Lale Andersen (→ DE 1961) mit einem für sie typischen Seefahrershanty namens ‚Die Braut der sieben Meere‘. Keiner dieser Songs konnte in den Charts reüssieren, und so scheint es schwer vorstellbar, dass das Lied zu Ehren der Jukebox anschließend seinen Weg in die üblicherweise ausschließlich mit aktuellen Hits und Evergreens bestückten Geräte fand.

Über die Lieder und Platzierungen der restlichen Teilnehmer/innen ist leider nichts bekannt. Unter ihnen fand sich eine Dame mit dem international sicherlich etwas problematischen Nachnamen hrer, aber auch Fred Bertelmann (→ Vorentscheid 1961, 1964, †2014) der mit dem ‚Lachenden Vagabund‘ den größten deutschsprachigen Hit des Jahres und einen Evergreen landete, sowie Evelyn Künneke, eine in der Nazi-Zeit und bis Mitte der Fünfziger recht erfolgreiche Schlagersängerin und Schauspielerin, die Mitte der Siebziger in Filmen von Rainer Werner Fassbinder und Rosa von Praunheim ihr Comeback feierte und praktisch bis zu ihrem Tod im Jahre 2001 durch Berliner Szene-Clubs tingelte. Allesamt wurden sie von den seinerzeit sechs Landesrundfunkanstalten der ARD nach Dortmund entsandt.

Chart-Watch 1958: mediterranes Dolce far niente mit Fred Bertelmann. Im echten Leben hatten Vagabunden in Deutschland aber nicht so viel zu lachen…

Deutsche Vorentscheidung 1958
20. Januar 1958, aus der Kleinen Westfalenhalle in Dortmund. 12 Teilnehmer. Moderation: Anaïd Iplicjian und Kurt A. Jung.

Teilnehmerliste:

  • Lale Andersen (‚Die Braut der sieben Meere‘)
  • Fred Bertelmann
  • Ernie Bieler
  • Margret Fürer
  • Margot Hielscher (‚Für zwei Groschen Musik‘)
  • Evelyn Künneke
  • Gitta Lind (‚Etwas leise Musik‘)
  • Peter Lorenz
  • John Paris
  • Georg Thomalla
  • Vico Torriani
  • Fred Weyrich

ESC 1957: Hallo, Kopenhagen?

Logo des Eurovision Song Contest 1957
Das Jahr der Zunge

Telefon, Telefon / Lang war ich allein / Sag, wann werde ich zum Lohn / Endlich glücklich sein?‘ Dies frug die deutsche Vertreterin beim Grand Prix 1957, Margot Hielscher (→ Vorentscheid 1956, DE 1958), sich und das Publikum. Wie jede nagelneue Kommunikationstechnik wurde also auch schon der Fernsprechapparat bereits kurz nach seiner Markteinführung zur Date-Anbahnung missbraucht genutzt! Für den nicht deutsch sprechenden Teil Europas visualisierte Frau Hielscher die Thematik äußerst anschaulich, indem sie während ihres Gesangsvortrags innig mit einem Bakelit-Telefonhörer schmuste. Eurovision leicht gemacht! Doch weder diese theatralische Showeinlage noch das geschickte, polyglotte Einweben englischer, französischer, italienischer und spanischer Sprachfetzen („Hallo, grazie, si, si / hallo, nada por mi“) reichten zum Sieg. Wir mussten uns mit dem vierten Rang begnügen: aus heutiger Sicht ein Traumergebnis, bei nur zehn Teilnehmerländern lediglich mittelprächtig.

Kein Brocken, diese Frau: Corry Brokken (NL)

Solche Mätzchen wie Margot hatte die Gewinnerin Corry Brokken (→ NL 19561958, Moderation 1976) aus den Niederlanden nicht nötig. Sie überzeugte mit einer geschmackvollen Kurzhaarfrisur und einer verschwenderisch instrumentierten Ballade, die während der Brücke (dem Instrumentalteil in der Mitte) gar einen dezenten Schwung entwickelte. Sowie mit neckischen Tipps zum Frischhalten der Ehe (“Auch wenn Du fett und grauhaarig wirst, kannst Du noch immer flirten”) und einem zurückhaltenden, aber stets präsenten Siegerinnenstrahlen. So fiel es den Juroren leicht zu erkennen, dass hier wohl innere und äußere Größe übereinstimmten: die gazellenhafte Frau Brokken überragte ihren Begleitgeiger um mehr als einen Kopf. Die 2016 verstorbene Corry, die in den Sechzigern mit der Superschnulze ‘La Mamma’ auch in Deutschland einen großen Hit landete, übernahm die Siegerinnenstaffette von der Schweizerin Lys Assia, die sich, wie die Holländerin selbst, ebenfalls erneut im Wettbewerb befand und, ebenso wie Corry, auch im Folgejahr noch ein drittes Mal antreten sollte. Wie man sieht, betrieb Lena Meyer-Landrut (→ DE 2010, 2011) also beileibe nicht das erste „Projekt Titelverteidigung“ der Grand-Prix-Geschichte; schon in den Gründerjahren infizierten sich nicht nur die Fans mit dem Eurovisionsvirus, sondern auch die Künstler/innen.

Der Handetasche musse lebendig sein: Frau Wilke und Herr Winkler (DK)

Nach dem verhaltenen Vorjahresauftakt mit nur sieben Nationen erweiterte sich der Kreis um gleich drei Neue. Als erstes skandinavisches Land nahm das für seine Liberalität und Freizügigkeit bekannte Dänemark teil. Und sorgte sogleich für einen Skandal: am Ende ihres Seefahrerliedchens versank das Schlagerpärchen Birthe Wilke (→ DK 1959) und Gustav Winkler (†1979) in einem elf Sekunden dauernden, innigen Kuss. Und das vor laufenden Kameras! Europa bebte: dürfen die das? Im Fernsehen, wo Kinder zuschauen könnten? Der aus heutiger Sicht natürlich völlig harmlose Tabubruch zahlte sich, wie fast immer beim Song Contest, aus: Platz drei für das subtil doppeldeutige ‘Mein Schiff sticht in See heute Nacht’! Auch unser geliebtes Nachbarland Österreich war erstmals mit dabei. Renée Winter identifiziert den Premierentitel der Alpenrepublik in dem sehr lesenswerten Sammelband ‚Eurovision Song Contest – Eine kleine Geschichte zwischen Körper, Geschlecht und Nation‘ (2015) als „infantilisiertes (Selbst-)Bild“ der Walzernation, die ebenso wie Deutschland noch unter der nicht bewältigten Vergangenheit der Nazi-Zeit litt und diese ebenso vergessen zu machen suchte: „Das kleine Pony Österreich soll unbeschwert und unbelastet durch die weiten Felder reiten“, so die Autorin.

Den Schalk im Nacken: bei 1:56 Min. macht sich Herr Martin (AT) über uns lustig!

Sehr zu meiner Schadenfreude jedenfalls ersang Bob Martin (†1998) mit dem selten dämlichen Kinderlied ‘Wohin, kleines Pony?’ (zum Schlachter vielleicht?) gleich zum Start die Rote Laterne. Kein Wunder: sein Ergebnis wohl im Voraus ahnend, streckte er direkt vor dem Instrumentalpart in der Mitte seines Songs, als die Kamera schon von ihm wegschwenkte, den Jurys rasch die Zunge raus. Tollkühne Männer, diese Österreicher! Er eröffnete hier mit Grandezza einen dankenswerterweise nicht enden wollenden Strom unglaublich skurriler → K&K-Kultknaller (‚Boom Boom Boomerang‘, 1977‚Du bist Musik‘, 1980‚Hurricane‘, 1983um nur drei zu nennen), mit denen sich die Alpenrepublik im Laufe ihrer leider nicht immer ganz unterbrechungsfreien Teilnahme als verlässlicher Lieferant des ungewollt Schrägen und Abseitigen etablieren konnte. Auffällig in diesem Jahr übrigens die Differenzierbarkeit der einzelnen Beiträge: alles Balladen zwar, jedoch ganz unterschiedlich in der musikalischen Machart. Wie auch in der Länge: auf den Positionen 3 und 4 starteten direkt hintereinander der lange Zeit kürzeste und der bis heute (und wohl auf ewig) längste Eurovisionsbeitrag aller Zeiten.

Nervt wie Zahnschmerzen, ist aber schnell vorüber: Miss Bredin, die erste ESC-Punkerin (UK)

Das operettenhafte ‘All’ der Britin Patricia Bredin (diesmal hatte die BBC, anders als noch im Vorjahr, ihren Vorentscheid Song for Europe rechtzeitig zu Ende gebracht und konnte endlich teilnehmen) brachte es auf lediglich 112 Sekunden, während der 2008 verstorbene Italiener Nunzio Gallo und sein Gitarrist sich für die ‘Corde della mia Chitarra’ über fünf Minuten Zeit ließen. Und damit das Klischee der nie zum Ende kommenden Südländer aufs Trefflichste bedienten, das sich 1991 beim Contest in Rom (sowie bei jedem einzelnen San-Remo-Festival) wunderschön bestätigte. Nunzios Längenrekord dürfte nicht mehr zu schlagen sein: während die finnische Punkband PKN im Jahre 2015 Patricia in Sachen würzige Kürze mit einem knapp neunzigsekündigen Beitrag erfolgreich zu unterbieten vermochte, sollte die EBU ab 1958 (und bis heute) in Sachen maximale Lieddauer strikt auf die Einhaltung der → Drei-Minuten-Regel achten. Eine angesichts der wechselvollen Qualität der beim Grand Prix dargebotenen Songs mitunter geradezu menschenfreundliche Bestimmung, auch wenn manche Komponisten diese Zeitvorgabe leider als Mindestverpflichtung misszuverstehen scheinen. Ist sie nicht: ein Grand-Prix-Lied darf durchaus kürzer sein als 180 Sekunden, nur nicht länger! Mir fielen aus dem Stand Dutzende Songs ein, denen eine zeitliche Orientierung am erwähnten ‘All’ zu wünschen gewesen wäre.

Große Eurovisionsdamen: Frau Hielscher und Frau Iplicjian

Einen Sonderapplaus verdient die Moderatorin des Abends, Anaïd Iplicjian. Erst im Direktvergleich mit solchen Ausnahmefiguren fällt schmerzlich auf, von welch’ untalentierten Sabbelbacken wir uns heutzutage meist zulabern lassen müssen. Frau Iplicjian führte – übrigens auf deutsch! – mit der perfekten Mischung aus damenhafter Strenge, liebreizendem Charme und feindosiertem Humor (“Der französische Beitrag heißt – wie sollte er auch sonst heißen? – ‚La belle Amour‘.“) völlig souverän durch das televisionäre Neuland des Grand Prix Eurovision. Und ließ sich auch nicht aus der Ruhe bringen, als es bei der Durchgabe der (erstmals öffentlich verkündeten) Juryvoten aus den Teilnehmerländern – unter Zuhilfenahme des bereits von Margot Hielscher so innig beschmusten Telefonhörers – zu zahlreichen Störungen und Verständigungsschwierigkeiten kam. Oder als der Direktor des Hessischen Rundfunks bei der Siegerehrung die Eurovisionsplakette zuerst Corry Brokken überreichte, sie ihr dann aber rüde wieder wegnahm, um sie dem Komponisten des Beitrags auszuhändigen. Schließlich sei der Grand Prix ein → Komponistenwettbewerb! Man übte halt noch…

Das hr-Sinfonieorchester spielt auf: der ESC 1957 in voller Länge

Eurovision Song Contest 1957

Zweiter Großer Preis der Eurovision. Sonntag, 3. März 1957, aus dem Großen Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main, Deutschland. 10 Teilnehmerländer. Moderation: Anaïd Iplicjian.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01BEBobbejaan SchoepenStraatdeuntje0508
02LUDanièle DupréTant du Peine0805
03UKPatricia BredinAll0607
04ITNunzio GalloCorde della mia Chitarra0706
05ATBob MartinWohin, kleines Pony?0310
06NLCorry BrokkenNet als toen3101
07DEMargot HielscherTelefon, Telefon0804
08FRPaule DesjardinsLa belle Amour1702
09DKBirthe Wilke + Gustav WinklerSkibet skal Sejle i Nat1003
10CHLys AssiaL'Enfant que j'étais0509