DVE 1976: Auf Dir Purzelbäume machen

Les Humphries Singers, DE 1976
Die Reingesiegelten

Zum zweiten Mal nach 1963 versuchte es der Hessische Rundfunk mit Demokratie bei der Vorentscheidung. Genervt vom ewigen Publikumsgemecker und dem unverdient katastrophalen Abschneiden Joy Flemings im Vorjahr beschloss man, die Verantwortung für das deutsche Scheitern auf die Allgemeinheit abzuschieben. Abstimmen durften die Zuschauer/innen per Postkarte, die seinerzeit noch niedliche 40 Pfennige (21 Cent) Porto kostete. Als Anreiz zum Mitmachen griff der hr ganz tief in die Gewinnspielkasse und verloste unter allen Einsendern sage und schreibe zwölf Farbfernsehgeräte (mit atemberaubender 36-cm-Bildröhre) und 120 Langspielplatten. Und das von unseren TV-Gebühren!

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ESC 1975: Nicht jeder kommt ans Ziel

Logo des Eurovision Song Contest 1975
Das Jahr des dösenden Orchesters

Nach jahrelangen Diskussionen und etlichen Fehlversuchen setzte die EBU 1975 ein komplett neues Wertungsverfahren für den beliebtesten Musikwettbewerb der Welt in Kraft. Ein so erfolgreiches, dass es sich bis heute hält: dass nämlich aus jedem Land die zehn beliebtesten Titel in aufsteigender Reihenfolge Punkte erhalten; die beiden Lieblingslieder sogar noch einen Bonus, um einen möglichst eindeutigen Sieger zu ermitteln. 1-2-3-4-5-6-7-8-10-12, so lautet seither die magische Formel, „Douze Points“ das Maß aller Dinge. Für Deutschland, das entscheidenden Einfluss auf die Initiierung dieses Standards hatte, führte er bei seiner Premiere zu einem höchst verdrießlichen Ergebnis.

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DVE 1975: Jeder Ton ist wie ein Stein

Joy Fleming, DE 1975
Die Beste. Auf ewig.

Nach dem Katastrophenergebnis der hausinternen Auswahl im Abbajahr 1974  besann sich sich der Hessische Rundfunk darauf, dass er 1970 und (in Zusammenarbeit mit dem SFB) 1972 schon mal glanzvolle öffentliche Vorentscheidungen auf die Beine gestellt – und mit der jeweils ausgewählten Künstlerin einen nicht minder glanzvollen Medaillenplatz beim europäischen Wettsingen erzielt hatte. Mit diesem Wissen im Rücken ging es frisch ans Werk – heraus kam eine der besten Veranstaltungen in der deutschen Grand-Prix-Geschichte! Zunächst einmal verzichtete man (die EBU tat das erst 1999) auf das antiquierte Orchester und griff auf das aus der ZDF-Hitparade bewährte Halbplayback zurück: Musik vom Band, Gesang live. Das eingesparte Geld investierte der hr in eine annehmbare Studiodekoration. Außerdem holte der Sender die Plattenfirmen mit ins Boot. So dass es gelang, neben einigen No-Names hoffnungsvollen Nachwuchstalenten auch etliche Schlagersänger/innen von der A-Liste anzulocken. 15 Künstler/innen traten an, darunter Verzichtbares und Füllstoff, aber auch etliche Highlights.

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ESC 1974: Couldn’t escape if I wanted to

Logo des Eurovision Song Contest 1974
Das Jahr des Schwedenpop

Grün ist ja bekanntlich die Farbe der Hoffnung. Besonders optimistisch erschienen also die deutschen Vertreter Cindy & Bert (DVE 1972, 1973, 1978) zu diesem Grand Prix: Cindy in einem lindgrünen Maxikleid, Bert im popelgrünen Anzug mit giftgrün leuchtendem Sommerschal. Half aber nichts: die von einer ARD-Jury hinter verschlossenen Türen ausgewählte, schwächliche ‚Sommermelodie‘ verendete auf dem letzten Platz. Aufgrund der fehlenden öffentlichen Vorentscheidung und des daraus folgenden mangelnden Interesses am internationalen Wettbewerb sahen das nur 28 % der deutschen TV-Zuschauer. Was man insofern bedauern muss, da auf diese Art und Weise viele Deutsche den historischen Contest schlechthin verpassten.

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DVE 1974: Das darf doch nicht sein

Cindy & Bert, DE 1974
Die Protegierten

Ständig das Gemecker von Presse und Öffentlichkeit über die Abstimmungsergebnisse bei den Vorentscheidungen: der deutsche Eurovisionsverantwortliche Hans-Otto Grünefeldt hatte die Schnauze gestrichen voll! Er verzichtete auf eine öffentliche Auswahl und nominierte stattdessen seine Protegés Cindy & Bert direkt für die hausinterne Entscheidung. Die waren 1972 mit ihrem besten Titel ‚Geh die Straße‘ arschknapp an der Jury gescheitert. 1973 und 1978 versuchten sie es mit jeweils gleich zwei (schrecklichen) Schlagern, bleiben aber erfolglos. Und auch auch solo sollte Cindy Berger bei ihren erneuten Anläufen 1988 und 1991 kein Glück beschieden sein. In diesem Jahr schlug das saarländische Schlagerpärchen der Legende nach unter anderem einen Titel namens ‚Spaniens Gitarren‘ vor.

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ESC 1973: Du sagst niemals nein

Logo des Eurovision Song Contest 1973
Das Jahr des Dobermanns

Die Lustlosigkeit der deutschen Vorentscheidung rächte sich für uns. Die Protagonistin ahnte es bereits im Vorfeld: „Bringst Du Tränen von gestern zurück?“, so eine der Fragen aus ihrer wunderbaren, im Vergleich mit den eher Aufbruchsstimmung verbreitenden Beiträgen der letzten Jahre jedoch etwas verzagt wirkenden Hymne ‚Junger Tag‘, welche die Juroren mit einem klaren und eindeutigen „Ja!“ beantworteten. Nach drei dritten Rängen in Folge konnte der nunmehrige (rechnerisch korrekte) neunte Platz nur als echte Enttäuschung gelten. Oder lag es an dem Spontanaugenkrebs verursachenden, grellgelben Folklorefummel, den die für Deutschland startende Dänin Gitte Hænning in Luxemburg trug?

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DVE 1973: Was ist Dein Geschenk an mich?

Gitte, DE 1973
Die Fordernde

„Was ist schon ein Jahr?“, so lautet die originalgetreue Übersetzung eines späteren Siegertitels beim Grand Prix Eurovision. Nun: augenscheinlich jede Menge, wenn es zwischen zwei deutschen Vorentscheidungen liegt. Rein formal unterschied sich das diesjährige Finale aus Frankfurt kaum vom dem von 1972 aus Berlin: es gab wiederum zwölf Beiträge und zehn Juroren (davon fünf „musikinteressierte Laien“), die jeden Song mit einem bis fünf Punkten zu bewerten hatten. Selbst die beiden Schlagerpärchen Cindy & Bert (DE 1974, DVE 1978) sowie Inga & Wolf waren erneut dabei.

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ESC 1972: Tage voll hellem Sonnenschein

Logo des Eurovision Song Contest 1972
Das Jahr der deutschen Diven

Das 1971 siegreiche Fürstentum Monaco, dank eigener Spielbank finanziell auf Rosen gebettet, lehnte die Austragung des Contests ab: nach offizieller Darstellung wollte Teleradio Monte Carlo den Event mangels geeigneter Halle erst im Juni 1972 im Freien abhalten. Das war den größeren Sendern, allen voran der BBC, zu spät: bis dato lief der Contest meist im März. Eine neue Halle konnte und wollte der Stadtstaat innerhalb weniger Monate aber nicht aus dem knappen Boden stampfen. Wie fast immer bei solchen Gelegenheiten sprang die BBC ein. So kam der Wettbewerb aus der Ehrfurcht einflößenden Usher Hall im schottischen Edinburgh. Die anbetungswürdige Tänzerin und Schauspielerin Moira Shearer (‚Die roten Schuhe‘) führte in unnachahmlich britischer Weise, in einer hinreißenden Mischung aus professioneller Strenge, aristokratischer Noblesse und natürlichem Charme durch den aus deutscher Sicht besten Jahrgang der Eurovisionsgeschichte.

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DVE 1972: Und es wird gelingen!

Mary Roos, DE 1972
Die Überraschte

1972: unbestreitbar das beste deutsche Grand-Prix-Jahr aller Zeiten, eingeleitet von einer Vorentscheidung der Superlative! Als Gemeinschaftsproduktion des Hessischen Rundfunks und des Senders Freies (vulgo: West-) Berlin trumpfte die Veranstaltung mit einem großen Orchester unter der kompetenten Leitung von Paul Kuhn (→ Vorentscheid 1957), lustigen Balletteinlagen, einem fantastischen, sehr engagierten Chor (den Rosy Singers) und gleich zwei charmanten Moderatorinnen auf: nämlich Renate Bauer vom SFB und „Lottofee“ Karin Tietze-Ludwig vom hr. Sie hatten insgesamt zwölf Titel anzusagen, deren Interpret/innen erstmals direkt von den Plattenfirmen nominiert wurden. Was sich in einem hochkarätigen Angebot sowohl an aktuellen Schlagerstars als auch in der ausgezeichneten Qualität der meisten Wettbewerbsbeiträge niederschlug. Nur eine musste man ziehen lassen: Vicky Leandros (→ LU 1967, 1972, Vorentscheid DE 2006), die sich mit ihrem Lied ‚Dann kamst Du‘ aber keiner Konkurrenz stellen wollte.

Vicky Leandros: ob sie mit der deutschen Fassung ihres dann für Luxemburg auf französisch gesungenen Beitrags wohl ebenfalls den ESC gewonnen hätte? Für einen Top-Hit auf dem Heimatmarkt reichte es jedenfalls.

Die vor zwei Jahren noch kurzfristig krankheitsbedingt ausgefallene Edina Pop eröffnete den Reigen mit einem von Ralph Siegel getexteten (!) Schlager – die Premiere von Mr. Grand Prix! Versteckt hinter einer riesengroßen Sonnenbrille, ihrem Markenzeichen, legte Frau Pop viel Leidenschaft in den eher vergessenswürdigen Beitrag ‚Meine Liebe will ich Dir geben‘, aus dem sie ebensowenig einem Hit generieren konnte wie aus ihren deutschsprachigen Coverversionen der Eurovisionslieder ‚Vivo Cantanto‘ (→ ES 1969, bei ihr ‚Zwischen Wolga und Don‘) und ‚Knock, knock, who’s there‘ (→ UK 1970), in ihrer Fassung ‚Komm, komm zu mir‘. Größere Erfolge feierte sie dann als Teil von Siegels Retortenformation Dschinghis Khan (→ DE 1979). Teddy Parker ließ mit der Freddy-QuinnReminiszenz ‚Ich setze auf Dich‘ kurzzeitig die goldenen Fünfziger wieder aufleben und wurde damit Vorletzter. Olivia Molina, eine Sängerin mit unglaublich großem Mund und einem bei Katja Ebstein (→ DE 1970, 1971, 1980, DVE 1975) abgeschauten Fransenpony, setzte auf billige Zirkusromantik, ging in der ‚Größten Manege der Welt‘ aber zu Recht unter.

Geh die Straße nach New Orleans: C&B in Gospelschlagerekstase

Etwas ratlos ließen Cindy & Bert (→ DE 1974, Vorentscheid 1973, 1978) das anwesende Berliner Studiopublikum zurück. Das in späteren Hitparadenkarriere meist auf harmlose Urlaubsschlager abonnierte saarländische Pärchen intonierte mit dem sensationellen, mit gleich zwei → Rückungen aufwartenden Gospelknüller ‚Geh die Straße‘ das nach dem Black-Sabbath-Cover ‚Der Hund von Baskerville‘ wohl außergewöhnlichste Lied seines gesamten Repertoires. Für den rundweg fantastischen, mit Verve und Soul vorgetragenen Song, fraglos der beste Beitrag des Abends, ernteten die Beiden nichtsdestotrotz nur einen sehr verhaltenen Applaus. Lag es an den schlimmen, unpassenden Puffärmeln des weiblichen Parts des Duos? Hatte das Publikum mit einer solchermaßen herausragenden Darbietung erst gar nicht gerechnet (selbst Cindy schien an einigen Stellen leicht erschrocken zu sein, welche Töne ihrem zarten Leib da entfuhren) und war noch damit beschäftigt, die Toupets wieder aufzusammeln, die Frau Berger den Herren vom Kopf blies? Oder hallte hier noch der alte Reflex der späten Fünfziger nach, in denen man „schwarze“ Musik fürchtete wie den Leibhaftigen? Es bleibt ein Rätsel.

Ein Piranha mit Kochtopfschnitt: Olivia Molina beim deutschen Vorentscheid 1972 (ganze Sendung)

Es folgte die großartige Marion Maerz (‚Er ist wieder da‘), die sich von Klaus Doldinger mit dem angegospelten ‚Hallelujah Man‘ ebenfalls ein ziemlich gutes Stück hatte schreiben lassen, dies aber in einem völlig unpassenden, eher einer Nicole Hohloch (→ DE 1982) würdigen, folkloristischen Rüschchenkleidchen vortrug. Unglücklicherweise rüstete man die Bühne hinter ihr noch mit einem Spiegelkabinett auf, um das optische Grauen ins Unendliche zu vervielfachen. Keine gute Idee! Nur drei Jahre später schenkten sie und ihr damaliger Partner Frank Elstner ihrer Tochter Masha das Leben, die es 2004 beim Vorentscheid versuchen sollte. „Viel hilft viel“ war schon immer das Motto von Ralph Siegel, und so hatte er auch an diesem Abend noch einen zweiten Pfeil im Köcher. Nämlich in Form von Adrian Wolf, einem ehemaligen Hamburger Knabenchorist. Vermutlich als Siegelsche Antwort auf Jürgen Marcus (→ Vorentscheid 1974, 1975, LU 1976) angedacht, entpuppte er sich in der Realität allerdings eher als Schmalspurausgabe von Bernd Clüver (→ Vorentscheid 1983 1985). Siegels unausgegorener Soundmix (hier hatte er komponiert, was man sofort hört) endete als verdientes Schlusslicht. Herr Wolf veröffentlichte später ein paar Schlager auf niederländisch, hinterließ aber keinen bleibenden Eindruck in der europäischen Musikgeschichte.

Die Afro-Deutsche: Su Kramer

Zum sofortigen Publikumsliebling avancierte Su Kramer. Kein Wunder angesichts eines eingängigen, discotastischen Selbstwertschlagers mit aufbauendem Alles-wird-gut-Text („Du musst Dir vertraun und es wird gelingen“), ihrer modischen Afrowelle und eines offenherzigen Hosenkleids, das dreißig Jahre später Kylie Minogue zu einem ähnlich gewagten, ebenfalls nur mit knackigen sekundären Geschlechtsmerkmalen tragbaren Dress im Videoclip zu ‚Can’t get you out of my Head‘ inspirieren sollte. ‚Glaub an Dich selbst‘: die Kramer tat es offenbar. Und mit Recht! Inga & Wolf (→ Vorentscheid 1973) bildeten als alternativ kostümiertes Songschreiberpärchen einen akustischen wie optischen Kontrapunkt. Ihr von Reinhard Mey (unter dem Pseudonym Alfons Yondraschek) komponierter Evergreen ‚Gute Nacht, Freunde‘ sang wenig überraschend das Hohelied der Freundschaft. Unvergessen die von seligen Zeiten des reuelosen Genusses erzählenden Zeilen „Was ich noch zu sagen hätte / dauert eine Zigarette / und ein letztes Fass Glas im Stehn“. Auch sie gehörten zu den Favoriten.

Cindy & Bert in linksalternativ: Inga & der Brillen-Wolf

Nicht weiter der Rede Wert hingegen der Beitrag der damals wie heute völlig unbekannten Sandra Haas, vorgetragen zudem in einem die Augen beleidigenden Kleid, das noch nicht mal als Nachthemd für Seniorinnen in einem DDR-Altenheim durchgegangen wäre. Auch Sven Jenssen hätte seinen Song ‚Grenzenlos‘ besser ‚Chancenlos‘ genannt: textlich zwar ein sehr grandprixeskes Lied der Güteklasse naive Weltverbesserungsfantasie („Grenzenlos wünsch ich sie mir / weil dann für immer Frieden wär“), von einem Peter Hofmann für Arme in Knödeltenormanier vorgetragen, entpuppte sich das im Ganzen schlicht als: hoffnungslos. Aber ein bisschen Füllstoff muss es ja immer geben, dann wirkt der Siegertitel auch um so glanzvoller. Die fabelhafte Mary Roos (→ DE 1984, Vorentscheid 1970, 1975, 1982) verfügte mit ‚Nur die Liebe lässt uns leben‘ über eine von Joachim Heider (‚Er gehört zu mir‘, → Vorentscheid 1975) komponierte, wirklich durch und durch superbe Hymne an die Lebenskraft spendende Macht der Liebe, vergurkte das stimmlich anspruchsvolle Chanson jedoch ziemlich. Die Rosy Singers, die ihr vor allem im Refrain die Arbeit abnahmen, und ihre langjährige Bühnenerfahrung, die sie trotz Minderleistung tapfer weiter strahlen ließ, retteten die Chose vor einem Fiasko.

Dann wird wieder Dir vergeben: die Mary, die Roos

Peter Horten Horton (→ AT 1967, Vorentscheid DE 1975) schließlich bot ein heute mehr denn je aktuelles, für den Jurygeschmack aber eventuell etwas zu kritisches, anklagendes Liedermacherstück („Wo ist die Freiheit / von der man so viel spricht?“). Mit Porschefahrerbrille und einer leicht blasierten Ausstrahlung wirkte der Österreicher außerdem ein kleines bisschen unsympathisch. Sehr bedauerlich, denn ‚Wann kommt der Morgen‘ und sein von den Rosy Singers eindringlich intonierter Forderungskatalog nach Frieden, Freiheit, Morgen und Licht hatte Tiefgang und setzte dem progressiven Zeitgeist, der diese Vorentscheidung durchströmte, gewissermaßen die Krone auf. Nach einer als „Schlagersängerparodie“ angekündigten Balletteinlage kam es schließlich zu der langwierigsten Auszählung in der Geschichte deutscher Vorentscheide. Zehn Juroren, davon fünf TV-Gewaltige sowie fünf „musikinteressierte Laien“ (darunter das unfassbar angenervt wirkende „Fräulein“ Elfriede Hilliges, Vorschülerin zur Kinderkrankenschwester, und Peter Lau, seines Zeichens „Student der maschinellen Formgebung“, mit dem damals üblichen, aus ästhetischer Sicht jedoch unentschuldbaren Kassengestell) gaben einzeln ihre Punkte ab, die Miss Lottofee unter ganzem körperlichen Einsatz ebenso einzeln an die Magnettafel heftete.

Die Rosy Singers in Ekstase: Peter Horton liefert die Stichworte

Um eine ermüdend lange Geschichte abzukürzen: Cindy & Bert, Mary Roos sowie punktgleich Su Kramer und Inga & Wolf kamen in die Endrunde. Sie sangen ihre Beiträge nochmals, dann folgte eine erneute Abstimmung. Diesmal durfte jedes Jurymitglied nur noch seinen persönlichen Favoriten benennen. Inga & Wolf gingen nun überraschend völlig leer aus. Beim vorletzten Juror lagen Cindy & Bert (die in der ersten Runde noch führten!), Mary Roos und Su Kramer mit jeweils drei Punkten gleichauf. Emil Zalud, Unterhaltungschef des Saarländischen Rundfunks und Zünglein an der Waage, stimmte, wie die meisten anderen „Profi“-Juroren, für Mary Roos – zum Missfallen des anwesenden Studiopublikums, das hörbar buhte. Auch Mary hatte wohl in realistischer Einschätzung ihrer Leistung an diesem Abend nicht an einen Sieg geglaubt und, wie sie in Jan Feddersens Buch selbst schildert, bereits mit dem Abschminken begonnen, als man sie wieder auf die Bühne rief. Sie musste einen langen Studiogang entlang rennen, während die Kamera auf dem Dirigenten Paul Kuhn ruhte, der angesichts der divaesken Verspätung der Gewinnerin auch nur ratlos mit den Schultern zucken konnte.

Bei der Siegerreprise noch schlechter: Frau Roos

So zeigte sich Mary drolligerweise bei der Siegerreprise seh- und hörbar völlig außer Puste, zumal Paulchen ihr gerade zwei Zehntelsekunden lang Zeit zur Erholung ließ, bevor das Orchester einsetzte. So umstritten die Entscheidung an diesem Abend auch war: letztlich erwies sich die Wahl als eine gute, wie die dann hinreißende Performance Marys in Edinburgh und der dritte Platz für Deutschland bewiesen. Und auch Cindy & Bert, die damals Düpierten, erfuhren kosmische Gerechtigkeit: wie Cindy in einem hr-Interview erzählte, entschädigten sie die beteiligten Fernsehunterhaltungschefs für die Zurückweisung bei der Zweitabstimmung noch im Sommer des gleichen Jahres mit zahllosen TV-Auftritten, wodurch ihre Schlagerkarriere erst so richtig in Schwung kam. Nun nur leider nicht mehr mit fantastischen Gospelknüllern, sondern mit Spanischen Gitarren.

Deutsche Vorentscheidung 1972

Ein Lied für Edinburgh. Samstag, 19. Februar 1972, aus dem Studio A des Senders Freies Berlin. 12 Teilnehmer. Moderation: Karin Tietze-Ludwig und Renate Bauer.
#InterpretTitelPunktePlatzCharts
01Edina PopMeine Liebe will ich Dir geben27 | --06-
02Teddy ParkerIch setze auf Dich18 | --11-
03Olivia MolinaDie größte Manege der Welt20 | --09-
04Cindy & BertGeh die Straße41 | 030236
05Marion MaerzHallelujah Man30 | --05-
06Adrian WolfMein Geschenk an Dich13 | --12-
07Su KramerGlaub an Dich selbst38 | 0303-
08Inga & WolfGute Nacht, Freunde38 | 000422
09Sandra HaasDas Leben beginnt jeden Tag27 | --06-
10Sven JenssenGrenzenlos19 | --10-
11Mary RoosNur die Liebe lässt uns leben40 | 040117
12Peter HortonWann kommt der Morgen?27 | --06-

ESC 1971: Glück ist Hering in Dillsosse

Logo des Eurovision Song Contest 1971
Das Jahr des Aufbruchs

Heftige Auseinandersetzungen tobten Anfang der Siebzigerjahre hinter den Kulissen des Song Contests, unter anderem um das schon mehrfach geänderte Wertungssystem und über die Besetzung der → Jurys. Auch Deutschland drohte mit dem Ausstieg aus der Gemeinschaftsveranstaltung, sollte sie sich nicht endlich mehr dem Zeitgeist annähern. Doch der Grand Prix ist bekanntlich unkaputtbar, und so einigte man sich, ganz europäisch, auf einen Kompromiss. Dessen augenfälligstes Ergebnis war, dass die Juroren jetzt vor der Kamera und damit für alle sichtbar ihre Punkte verteilten statt wie bislang im Hinterzimmer. Zumindest in diesem Jahr sorgte das tatsächlich für annehmbare Abstimmungsergebnisse, vermutlich aus Angst der Juroren vor einem wütenden Lynchmob. Und es sorgte für eine Rückkehr zu alter Besetzungsstärke: nach nur zwölf Ländern in Amsterdam gingen in Dublin nun 18 Staaten ins Rennen um die europäische Chansonkrone.

Orchester, TV-Kameras, Moderatorin, Punktetafel – neben all den technischen Erforderlichkeiten passten noch etwa 20 Zuschauer/innen ins Point Theater zu Dublin

Zu den Rückkehrern zählte neben den Skandinaviern und Portugal auch Österreich, das sich eigentlich viel zu spät angemeldet hatte und nur deswegen zugelassen wurde, weil es geschickt darauf hinwies, dass sich 18 Länder auf der dreispaltigen Anzeigentafel optisch deutlich besser machen als 17. Zur Strafe musste es von Startplatz 1 aus ins Rennen. Der galt bis 1975, als eine weitere Österreicherin, nämlich die für Holland singende Getty Kaspers, von dieser Position aus siegte, als verflucht. Der ORF schickte die großartige Marianne Mendt, die kurz zuvor auch bei uns mit ihrer Debüt-Single, dem grandiosen Gospelschlager ‚Wie a Glockn (die 24 Stunden läut)‘, für Aufsehen gesorgt hatte. Ihren kommerzkritischen, mundartlich gesungenen Grand-Prix-Beitrag ‚Musik‘, der als eine Art Geburtsstunde des Austropop gilt (die minder flotten Deutschen brauchten mit ihrem Äquivalent, der NDW, mal wieder ein bisschen länger), trug sie mit beeindruckender Stimmkraft und Verve vor, scheiterte jedoch an der Sprachgrenze.

„Der überambitionierte österreichische Jazz- und Chanson-Versuch“ (Thomas Hermanns): Marianne Mendt (AT) gibt alles, erinnert aber optisch ein wenig an Betty Boop. In der → Postkarte kurz im Bild: die Wiener Stadthalle, wo 2015 der Contest stattfinden sollte.

So wie auch die Premiere feiernde Mittelmeerinsel Malta, heutzutage ein verlässlicher Lieferant für Eurovisionscamp. 1971 versuchten es die Insulaner zunächst mit landessprachlicher Folklore. Und das Mutter-Idiom der Malteser (zweite Amtssprache ist, der zeitweiligen Besetzung durch die Briten sei Dank, Englisch) besteht aus einer sehr eigenartigen Kreuzung aus melodisch-weichem Italienisch und dem für europäische Ohren eher aggressiv klingenden Arabisch. Folgerichtig erhielt Joe Grechs Tavernenschlager ‚Marija L’Maltija‘, der zudem mit einer fiesen Klatschfalle überraschte, als Begrüßungsgeschenk die Rote Laterne überreicht. Zu den überfälligen Ergebnissen des dauernden Ringens um Modernisierung beim Grand Prix zählte die amtliche Zulassung von Gruppen (mit maximal sechs Personen) ab diesem Jahr. Die Schweizer, sonst eigentlich nie vorneweg, nutzten als Erste diese neue → Regel und schickten ganz offiziell ein Gesangstrio, das sich nicht mehr, wie einstmals noch die Spanier (Los TNT, 1964), Jugoslawen (4M, 1969) oder die Niederländer (Heart of Soul, 1970), also Solosänger/in plus Chor tarnen musste. Peter, Sue & Marc (→ CH 1976, 1979, 1981) traten in der Folge noch mehrfach für die Eidgenossen an. Mit dem Belgier Fud Leclerc (→ BE 1956, 1958, 1960, 1962) teilen sie den Rekord für die meisten Eurovisionsteilnahmen, nur dass sie jedesmal in einer anderen Sprache sangen und über einen längeren Zeitraum dabei waren. Bei ihrer Premiere mit dem nachdenklichen Liedermacherstück ‚Les Illusions de nos vingt Ans‘ reichte es für eine Position im Mittelfeld.

Dieses Lied, dieses Lied, hat die Katja uns geschenkt (DE)

Wie gut sich ein Medaillenplatz, wenn auch nur ein bronzener, anfühlt, hatten die Deutschen im letzten Jahr erstmalig erfahren dürfen. Die bis dato ungewohnte Droge des Erfolges berauschte sie so stark, dass sie sofort den nächsten Schuss wollten und die hierfür verantwortliche Vorjahresvertreterin Katja Ebstein (→ DE 19701980, Vorentscheid 1975, Moderation 1981) gleich noch mal nominierten. Kommt einem irgendwie bekannt vor, gelle? Eine ausgezeichnete Wahl: Katja brachte den sensationellen Ökoschlager ‘Diese Welt’, mit dem die den Sozialdemokraten nahestehende Künstlerin all die seinerzeit beispielsweise im Ruhrgebiet oder der Gegend um Bitterfeld täglich erlebbaren Missstände (“Rauch aus tausend Schloten senkt sich über Stadt und Land”) thematisierte, die eine Dekade später zur Gründung der Grünen führten. Mit dieser Contest-Perle, in ihrem spannungsreich-düsteren Unterton auch musikalisch von erlesener Qualität, zeigte sich die Ebstein seherisch und ihrer Zeit weit voraus. Vielleicht zu weit: obschon es sich bei ‘Diese Welt’ um den eindeutig besten Beitrag beim Hauptwettbewerb in Dublin handelte, kam wieder nur der dritte Platz heraus. Immerhin mit einem im Vergleich zum Vorjahr deutlich geringerem Abstand zur Erst- und Zweitplatzierten.

Dann mach ich mir ein Loch ins Kleid und find es wunderbar: Karina (ES)

Eine davon war die direkt nach Katja startende Spanierin Karina, antretend in einem Maxikleid mit einem kreisrunden Loch auf Höhe der zarten Fesseln – ob hier die Idee für Goldie Hawns „Ich kann Dich durchschauen!“-Kleid in ‚Der Tod steht ihr gut‘ herstammt? ‘En un Mundo nuevo‘ muss man als ein in der Endphase des Franco-Regimes beinahe schon mutiges Lied bezeichnen, das – wenn auch schlagertypisch unbestimmt – die in der Luft liegende Hoffnung auf ein besseres Morgen in einer neuen Welt besang. Trotz Klatschfalle und Humptata-Finale erreichte sie einen gerechten zweiten Platz. Interessantes Detail: Karina (bürgerlich: María Isabel Bárbara Llaudes) nahm ihren Titel auch in einer fast wörtlich übersetzten deutschen Version auf (‚Wir glauben an morgen‘, akzentfrei nachgesungen dann von Mary Roos [→ DE 1972, 1984, Vorentscheid 1970, 1975, 1982]), während die Ebstein von ihrem die Dinge beim Namen nennenden, auf Veränderung setzenden Ökoschlager auch eine sehr eindringliche spanische Fassung (Este Mundo siempre asì) einspielte. Beide Songs trafen perfekt die überall zu spürende Aufbruchstimmung der beginnenden siebziger Jahre, in der die Menschen tatsächlich noch an ein neues, besseres Morgen glaubten.

Ohne Loch im Kleid: Mary mit der deutschen Fassung des spanischen Beitrags

Für Deine Liebe tut sie alles: Clodagh „Hotpants“ Rodgers (UK)

Nach diesen Höhenflügen wieder zurück in die Niederungen des Contestgeschäftes. Bei den nächsten beiden, musikalisch uninteressanten Nummern aus Frankreich und Luxemburg bieten allenfalls die Songtitel eine Vorlage für müde Flachwitze: während Serge Lama noch ziellos im ‚Jardin sur la Terre‘ herumspazierte, sammelte seine Nachfolgerin Monique Melsen hinter ihm die Früchte auf: ‚Pomme, Pomme, Pomme‘. Großbritannien entsandte einen etwas verhärmt wirkenden Abklatsch der Vorjahresvertreterin Mary Hopkin (→ UK 1970): Clodagh Rodgers verfügte über eine schwächere Stimme, zeigte dafür aber deutlich mehr Bein. In ihrem flotten, mehr geklopften als gesungenen Beitrag ‚Jack in the Box‘ (UK-Charts #4, DE #36, BE #3) degradierte sich die Sängerin textlich zum allzeit auf Knopfdruck bereiten Spielzeug: ihre Autoren hatten, wie sie in einem Interview sagten, am Beispiel von ‚Puppet on a String‘ (→ UK 1967) „bewusst studiert“, wie ein Grand-Prix-Lied beschaffen sein müsste, und ließen sich so zur (sexistischen) Spielzeugthematik inspirieren. Musikalisch glich der Titel ziemlich eindeutig dem Vorjahresbeitrag ‚Knock knock, who’s there?‘ – und folgte damit konsequent der von Cliff Richard (→ UK 1968, 1973) bereits drei Jahre zuvor gelegten Tonspur. „Poch, Poch, wer da?“ – wenn es in dieser Ära irgendwo klopfte, konnte man sicher sein: die Briten stehen vor der Tür.

Zu früh gefreut: im Gegensatz zu ihrem Promoclip schafften es Nicole & Hugo (BE) im wahren Leben dann doch nicht über den Ärmelkanal. So kamen wir 1973 erst in den Genuss ihrer Tanzdarbietungen.

Die zeigten sich übrigens wegen des eskalierenden Konfliktes mit der IRA sehr besorgt über die Frage, wen sie nach Dublin schicken sollten, und hatten die Nordirin Clodagh, die den Londoner Vorentscheid alleine bestreiten durfte, gewissermaßen als Wogenglätterin ausgewählt. Auch die 1996 verstorbene Kommentatorenlegende Terry Wogan kam so zu seinem Job: der Ire war erst wenige Wochen vor dem Contest von RTÉ zur BBC gewechselt. Er sollte für die nächsten Jahrzehnte die Wahrnehmung des Wettbewerbs auf der Insel mit seinen sarkastischen Spitzen entscheidend prägen. Den flockigen flämischen Easy-Listening-Beitrag ‚Goeiemorgen, morgen‘, ein Song wie ein lauwarmer Milchkaffee, hatte beim belgischen Vorentscheid noch das Kultduo Nicole & Hugo (→ BE 1973) gesungen. Aufgrund einer Gelbsucht Nicoles mussten beim Contest jedoch sehr kurzfristig Jacques Raymond (→ BE 1963) und Lily Castel einspringen, die sich die exaltierte → Choreografie der ursprünglichen Vertreter nicht mehr draufschaffen konnten, ihre Sache aber dennoch sehr ordentlich machten.

Der Link zwischen The Mamas & the Papas und Abba (SE)

Für Italien trat ein hübsches Kerlchen namens Massimo Ranieri (→ IT 1973) an, der seine gefühlssturmkitschige, mandolinengeschwängerte Ode an den Beischlaf, ‚L’Amore é un Attimo‘, mit derartig expressionistischer Hingabe und Dramatik intonierte, dass man stellenweise befürchtete, es könne ihn jeden Moment vor laufenden Kameras förmlich zerreißen. Gott sei Dank blieb er heil – so konnte er zwei Jahre später nochmal zum Contest zurückkehren. Der Neapolitaner nahm seine Nummer in mehreren Sprachen auf, darunter in einer sehr possierlichen deutschen Fassung als ‚Die Liebe ist ein Traum‘. Sein belgischer Eurovisionskollege Luis Neefs (→ BE 1967, 1969) coverte den Schlager als ‚Omdat ik van je hou‘. Für Ranieri schloss sich eine Karriere als Filmschauspieler in seiner Heimat an. Neben den Schweizern nutzten auch die Schweden die neue Gruppenfreiheit mit der Family Four (→ SE 1972): zwei bärtige Herren, zwei Damen, die eine blond, die andere brünett, eine davon mit Namen Agneta, und im Gepäck eine optimistisch swingende Happysoundnummer (‚Vita vidder‘) – wieso kommt einem das Konzept nur so bekannt vor?

Gibt wirklich alles: Massimo (IT)

Das Gastgeberland schickte eine singende Schwarzwälder Kirschtorte namens Angela Farell, die ziemlich schlecht abschnitt. Was aber angesichts der Aufregung, als verhältnismäßig kleine und arme Nation erstmals einen Event dieser Größenordnung stemmen zu müssen, gar nicht ins Gewicht fiel – nach Recherchen von Gordon Roxburgh gab RTÉ 44.000 € alleine für die notwendige technische Umstellung von schwarzweiß auf Farbe aus und musste im Vorfeld mit erbitterter senderinterner Opposition wegen der hohen Kosten umgehen. Am Ende aber konnte man heilfroh bilanzieren, dass „die Reputation“ der TV-Station noch „intakt“ sei, wie der spätere Unterhaltungschef David Blade Know in seinem Buch ‚Ireland and the Eurovision‘ so schön formuliert. Die Niederlande steuerten das Vorbild für Inga & Wolf (→ DVE 1972) bei, nämlich ihr Liedermacherpärchen Saskia & Serge. Sie hatten keine all zu gute ‚Tijd‘ auf der Bühne: die ihren mediäval anmutenden Beitrag musikalisch prägenden Blockflöten klangen live, als ob in einem schallgedämpften Nebenraum zwei Grundschüler an dem Instrument übten. Saskias Mikrofon produzierte entweder Tonausfälle oder fiese Rückkoppelungen, und dass der fusselbärtige Serge seine Gitarre direkt unter dem Kinn tragend zupfte, weil man scheinbar vergessen hatte, ihm ein zweites Mikro zu installieren, irritierte ein wenig. So, als wollten sie die Klischees über ihre Hauptstadt Amsterdam unbedingt bestätigen, sahen die Beiden auch noch so ausgemergelt aus, wie es für langjährige Drogengebraucher/innen typisch ist.

Ein frühes Hipsterpärchen: Saskia & Serge (NL)

Ungewohnten Optimismus verbreiteten hingegen die Portugiesen: obwohl das irische Orchester ihren fröhlichen Folkschlager ‚Menina‘ nur mit ungefähr der Hälfte des Tempos der fast schon speedmetalartig schnellen Studiofassung zelebrierte, gehört der Titel zu den wenigen lusitanischen Grand-Prix-Beiträgen, die nicht in die sofortige Depression führen. Ein kurzer Kameraschwenk ins Publikum direkt nach Tonichas Performance (in einem wirklich farbenfrohen Maxikleid) sorgte für den Kultmoment des Abends, zeigte er doch eine für wenige Sekunden enthusiastisch applaudierende Zuschauerin, die plötzlich mitten in der Bewegung einfror, so als habe ihr jemand den Stecker gezogen. Oder wurden wir hier Zeugen eines Fehlers in der Matrix? Der jugoslawische kroatische Vertreter Krunoslav Slabniac hatte sich in ein Sakko geworfen, das aussah wie aus einem Wandteppich genäht, nur dass der Kragen großräumig fehlte. Dafür glänzte er mit den ersten Schulterpolstern der Modegeschichte. Seine hochgradig melodramatische Trennungsschmerzballade ‚Tvoj Dječak je tužan‘, vom Kollegen Ivica Krajač (→ YU 1969) komponiert und späteren Balkan-Schmachtfetzen wie ‚Lane Moje‘ (→ RS 2004) in punkto große Gefühle durchaus ebenbürtig, stieß allerdings auf taube westeuropäische Jurorenohren.

Eine Farbexplosion: Antónia de Jesus Montes Tonicha Viegas (PT)

Für Norwegen schließlich spazierte eine gut beschirmte Hanne Krogh (1985 eine Hälfte der siegreichen Bobbysocks, 1991 ein Viertel von Just4Fun: für den folgerichtig nächsten fälligen Auftritt als ein Achtel von irgendwas müsste die EBU zunächst die Regeln ändern) über die Bühne und listete auf, was ihrer Meinung nach Glück sei: ‚Lykken er…‘ „eine Steuerrückzahlung“, „eine Stunde in der Badewanne“ oder „Hering in Dillsoße“. Ah ja – für den Hering sicher nicht, außer man lässt ihn am Leben und füllt die Dillsoße in die Badewanne! Aber auch Hanne brachte die Nummer wenig Fortune: Platz 17. Es gewann eine kleine, verhältnismäßig korpulente Sängerin mit Sturzhelmfrisur aus Paris, die allerdings für das finanziell gut situierte Monaco an den Start ging. Séverine zählt unbestreitbar zu denen, die den Contest durch schiere Willenskraft bezwangen. Was sich vor allem im letzten Refrain ihrer kraftvollen Mein-Park-soll-schöner-werden-Hymne ‘Un Banc, un Arbre, une Rue’ manifestierte, als sie nach der → Rückung die kurzen Ärmchen völlig entfesselt in die Luft warf und derartig enthusiastisch und voller glühender Verve sang, dass die Juroren gar nicht anders konnten, als sie zur Belohnung mit Punkten zu überhäufen. Auch ihr männlicher Begleitchor ließ sich von Séverines Begeisterung anstecken und gab alles, nachdem er sich zuvor schon mit dem mantraartigen Durchsummen des Refrains während der wenigen Strophen in Stimmung gebracht hatte.

Glaub an Dich selbst und es wird gelingen: Séverine (MC)

Und auch wenn sich das Fürstentum, das die Austragung des Contests im Folgejahr vor unüberwindbare logistische Hindernisse stellte, über Séverines Sieg nicht amüsiert zeigte, bleibt ihr das Wissen um einen unsterblichen Auftritt und einen vielfach, unter anderem von den Song-Contest-Kolleginnen Kirsti Sparboe (→ NO 1965, 19671969), Siw Malmkvist (→ SE 1960, DE 1969, Vorentscheid DE 1962, Vorentscheid SE 2004), Marianne Rosenberg (→ Vorentscheid 1975, 1980, 1982) und Tereza Kesovija (→ MC 1966, YU 1972) gecoverten, europaweiten Millionenseller (#13 NL, #9 UK, #5 CH, #3 BE, #2 NO). Als beschämend muss man aber bezeichnen, was die Deutschen ihr antaten: nicht nur musste Josiane Grizeau (so ihr bürgerlicher Name) eine unsägliche, phonetisch eingesungene deutsche Fassung ihres Grand-Prix-Titels aufnehmen: ‚Mach die Augen zu (und wünsch Dir einen Traum)‘ verkaufte sich hierzulande sogar einen Tick besser (#20, während das Original auf #23 verendete). Was zur Folge hatte, dass sie anschließend mit grausligen Bierzeltschlagern durch deutsche TV-Shows tingelte. Und sich 1975 und 1982 gar beim deutschen Vorentscheid bewarb, natürlich umsonst.

Teilte sich mit Severine eine Frisur: Krunoslav (YU)

Eurovision Song Contest 1971

Eurovision Song Contest. Samstag, 3. April 1971, aus dem Gaiety Theatre in Dublin, Irland. 18 Teilnehmerländer, Moderation: Bernadette Ní Challchoir.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01ATMarianne MendtMusik06616
02MTJoe GrechMarija L-Maltija05218
03MCSévérineUn Banc, un Arbre, une Rue12801
04CHPeter, Sue & MarcLes Illusions de nos vingt Ans07812
05DEKatja EbsteinDiese Welt10003
06ESKarinaEn un Mundo nuevo11602
07FRSerge LamaUn Jardin sur la Terre08210
08LUMonique MelsenPomme, Pomme, Pomme07013
09UKClodagh RodgersJack in the Box09804
10BEJacques Raymond + Lily CastelGoeie Morgen, Morgen06814
11ITMassimo RanieriL'Amore è un Attimo09105
12SEFamily FourVita vidder08507
13IEAngela FarellOne Day Love07911
14NLSerge + SaskiaTjid08506
15PTTonichaMenina08309
16YUKrunoslav SlabinacTvoj dječak je tužan06815
17FIMarkku Aro + Koivisito SistersTie uuteen Päivään08408
18NOHanne KroghLykken er06517