DE 1966: Vorwärts und nie zurück

Margot Eskens, DE 1966
Die Preußische

Karrierezerstörende → Null-Punkte-Resultate zu ersingen, darauf ließen sich Mitte der Sechziger die wenigsten deutschen Schlagerstars noch ein, und so hatten die Organisatoren langsam ernsthafte Probleme, noch Sänger/innen für den Grand Prix zu finden. Aber eine wollte – eine, die man vor ein paar Jahren zugunsten von Heidi Brühl (→ Vorentscheid 1960, DE 1963) fallen gelassen hatte. Und auch diesmal, so kolportiert es Jan Feddersen in seiner Grand-Prix-Bibel ‚Ein Lied kann eine Brücke sein‘, wollten die ARD-Oberen viel lieber die Niederländerin Corry Brokken (→ NL 1956, 1957, 1958, Moderation 1976) importieren, in Deutschland zuletzt mit dem todtraurigen Tränenzieher ‚La Mamma‘ sehr erfolgreich. Doch die erinnerte sich wohl noch an die rüden Umgangsformen der Frankfurter (nach ihrem Sieg beim ESC 1957 hatte ihr der damalige hr-Direktor zunächst eine Trophäe überreicht, nur um sie ihr kurz darauf wieder zu entreißen und an ihren → Komponisten auszuhändigen, welcher der wirkliche Gewinner sei, wie man ihr auf Deutsch beschied) und sagte ab.

Die Klage von Apple ist schon unterwegs: Wencke Myhre (→ DE 1968), Siegerin der Deutschen Schlagerfestspiele 1966

So also durfte Margot Eskens (→ Vorentscheid 1956, 1962, 1963) nun tatsächlich an den Start, und zwar ohne Vorentscheidung. In einer strikt internen Jurywahl suchte man ihr hinter verschlossenen Türen das bedächtige ‚Die Zeiger der Uhr‘ aus, wiederum ein wirklich wunderschöner, melancholischer Erbauungsschlager über das unaufhaltsame Rinnen des Lebens, von Frisurenwunder Eskens stimmlich wohltimbriert vorgetragen. Mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass eben jener klassische deutsche Schlager real schon längst im Leichenschauhaus lag: in den Verkaufscharts hatte der bewusst mit amerikanischem Akzent singende („doch ich bleib Dir troy“) Drafi Deutscher mit seinen Beatsongs längst die alte Garde abgelöst, die beispielsweise in Form von Freddy Quinn (→ DE 1956) und seinem bewusst vage gehaltenen ‚100 Mann und ein Befehl‘ lediglich noch die letzten Rückzugsschlachten schlug.

Chart-Watch 1966: die meistverkaufte deutschsprachige Single 1966 bedient, gut getarnt als Antikriegslied, tatsächlich doch eher die Freunde von Landserromantik 

Dem beliebten TV-Moderator Hans-Joachim „Kuli“ Kulenkampff blieb es vorbehalten, den Eurovisionsbeitrag in seiner Samstagabendshow EWG (das bewusst an der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft angelehnte Kürzel stand für Einer wird gewinnen) vorzustellen, wobei er sich in einer seiner berüchtigten, gedankenwirren Anmoderationen dermaßen rettungslos in seinen Schachtelsätzen verhedderte, dass die arme, hinter den Kulissen atemlos wartende Sängerin beinahe ihren Einsatz verpasste. In Luxemburg lief es dann auch nicht besonders, und die Platte blieb ebenfalls in den Regalen liegen. So zeigte sich Frau Eskens im Kurzinterview für eins der mittlerweile zahlreichen Grand-Prix-Specials des hr dann auch im Nachhinein ein wenig verbittert über ihre Eurovisionserfahrung. Sie, so der still aus ihrem Gesichtsausdruck sprechende Vorwurf, hatte sich doch an alle Absprachen gehalten und immer brav alles getan, was man von ihr verlangte. Und dennoch blieb der zweite Karrierefrühling aus. Undank ist der Welten Lohn!

Die Frau mit der Stoffrose

Deutsche Vorentscheidung 1966
Einer wird gewinnen. Samstag, 19. Februar 1966, aus dem Sendestudio des Hessischen Rundfunks, Frankfurt. Eine Teilnehmerin. Moderation: Hans-Joachim Kulenkampff (Songvorstellung im Rahmen der Sendung).

ESC 1965: Die Hitze der Jungs

Logo des Eurovision Song Contest 1965
Die Pop-Revolution

Tragisch der Fall der Eröffnungssängerin dieses Concourses, der Niederländerin Conny van den Bos. Nicht nur, dass es hier für das anklagende ‘T is genoeg’ (Recht so, Mädel! Lass‘ Dir nichts bieten!) für einen besseren als den elften Platz nicht reichte. Als die gute Conny beim Meilenstein-Contest von 1998 die niederländischen Voten durchgab, konnte sie nicht an sich halten, auf ihre damalige eigene Teilnahme am Grand Prix hinzuweisen. Was die Komoderatorin des Abends, Ulrika Jonsson, mit der zwar zutreffenden und sicher nicht so gemeinten, dennoch etwas fies klingenden Bemerkung retournierte: „Das muss aber schon lange her sein!“. Autsch! 2002 fiel die Sängerin mit dem längsten Hals seit Barbie dem Krebs zum Opfer: Neapel sehen und sterben…

Mars attacks! (NL)

Bereits 1961 hatte die Spanierin Conchita Bautista in einem außergewöhnlich drögen Umfeld für sehr viel Pep gesorgt. So auch diesmal: zu ihrem feurigen, korrekt ‚¡Qué bueno!‘ benannten Beitrag, einer der wenigen, der einen nicht sofort in Tiefschlaf versetzte, legte sie als einzige Sängerin des Abends eine fabelhafte Show mit exaltierten Armbewegungen und anzüglichen Blicken hin – gewissermaßen die Mutter von Azúcar Moreno (→ ES 1990) gebend. Der für das erstmals teilnehmende Irland startende Butch Moore machte seinem Vornamen keine Ehre: er gehe zum “Weinen in den Regen”, damit sie die Tränen nicht sehe, sang er. Dabei weinen butche Kerle doch gar nicht, erst recht nicht wegen einer Frau! Geboren wurde der Ire, der in den Sechzigern dort zu bekanntesten Sängern gehörte, freilich als James Augustin Moore. Wie David Blake Knox in seinem 2015 erschienenen Buch ‚Ireland and the Eurovision‘ schreibt, sei Butchs Eurovisionssong untypisch für sein übliches, eher aus Country & Western bestehendes Repertoire: die TV-Station der streng katholischen Insel legte, wie auch hr-Mann Hans-Otto Grünefeldt, grössten Wert darauf, dass das Land mit „würdigem“ Material vertreten werde. Und so bestimmten die in der ersten Dekade des Contests bereits so prägenden festlichen Balladen in den frühen Jahren der irischen Teilnahme das Bild, übrigens mit durchweg guten Ergebnissen.

Markenzeichen bellender Gesang: Conchita Bautista (ES)

Unsere Ulla, vom auf einen frühen Feierabend schielenden RAI-Orchester im Schweinsgalopp durch ihren anrührenden Erbauungsschlager gehetzt, suchte lange Zeit vergeblich nach ihrer Stimme und fand sie erst nach anderthalb Minuten. Unbeantwortet blieb so die Frage: ‚Paradies, wo bist Du?‘. In Neapel jedenfalls nicht! Dementsprechend unglücklich sah sie aus, was sich durch ihren Migräne-Handgriff beim Songfinale noch verstärkte. Ahnte sie da schon, dass auch sie nichts mit nach Hause bringen konnte? Frau Wiesner bildete gemeinsam mit der schon erwähnten Conchita, der Belgierin Lize Marke und dem für Finnland antretenden Crooner Viktor Klimenko das diesjährige Kleeblatt der → Punktelosen. Hätte der Sender YLE im Vorentscheid besser mal auf die zehn regionalen Jurys gehört! Die bevorzugten nämlich Marjatta Leppänen und ihre folkige Abendweise Iltaisin, doch eine sendereigene „Profi“-Jury ignorierte das und bestimmte den zweitplatzierten Klimenko zum Vertreter. Der sich selbst als „singender Kosak“ und „Russlands Geschenk an die Finnen und die Welt“ bezeichnende Sänger, der erst 1973 die suomische Staatsbürgerschaft erhielt, ritt im Text seiner Trennungsschnulze darauf herum, dass die Sonne im Westen untergeht, was er mit dem Ende der Liebe allegorisierte. Das empfanden die prowestlichen Juroren wohl als Affront. Heute macht Klimenko, wie auch Frau Wiesner, christliche Gospelmusik.

12 Punkte alleine schon für den Bart! (FI)

Udo Jürgens (→ AT 1964, 1966) schien der Vorjahreserfolg bereits so zu Kopf gestiegen zu sein, dass er seinen abgelegten Groupies nicht mal mehr persönlich den Laufpass gab, sondern Hiobsboten beschäftigte: mit ‚Sag ihr, ich lass sie grüßen‘ verbesserte er sich bei seiner zweiten Teilnahme dennoch um zwei Plätze. Für Norwegen sang Kirsti Sparboe (→ NO 1967, 1969, Vorentscheid DE 1970), die später in Deutschland mit dem ulkigen ‚Ein Student aus Uppsala‘ einen Hit landete. Hier reichte es jedoch nur für ein schmales Pünktchen. War es den Jurys vom ‚Karusell‘ fahren schwindlig geworden? Etwas besser schnitt da schon der 2011 verstorbene, fleischmützentragende Schwede mit dem lustigen Namen Ingvar Wixell ab, obwohl – oder gerade weil – der Inhaber des Bundesverdienstkreuzes, der 30 Jahre an der Berliner Oper sang, seine Operettenarie (!) vom ‚Absent Friend‘ auf Englisch schmetterte. Es steht zu vermuten, dass der RAI der Regelverstoß nicht auffiel, weil für einen typischen Italiener wohl jede andere Sprache außer Italienisch gleich unverständlich klingt. Englisch, Schwedisch, Suaheli: wo soll da der Unterschied sein? Außerdem orientierte sich das Gastgeberland selbst an angelsächsischen Vorbildern und schickte einen jungen Elvis-Imitatoren namens Bobby Solo, der vergeblich versuchte, sich mit einer nur notdürftig kaschierten Coverversion von ‚Are you lonesome tonight?‘ in die Herzen der Jurorinnen zu schmachten: dazu fehlte ihm die gewisse Lockerheit in der Hüfte.

How silly can you get? (IT) 

Als wahre Meister des Herzschmerzes erwiesen sich jedoch, bereits vierzig Jahre vor ‚Lane moje‘, die Jugoslawen: vor lauter Ergriffenheit über die Dramatik seiner Sehnsuchtsballade über seine unerfüllte Liebe zu unserer Rennfahrer-Ikone Michael Schumacher (er sang doch wohl „Schumi, Schumi amore“?) hatte der Kroate Vice Vukov (→ YU 1963) einen deutlich wahrnehmbaren Kloß im Hals. Der in den Sechzigern zu den bekanntesten Musikern Jugoslawiens zählende Vukov ging nach der Unabhängigkeit Kroatiens in die Politik und zog 2003 als Abgeordneter der Sozialdemokraten ins Parlament ein. Dort fand er den Tod: 2005 stürzte er, wie Wikipedia weiß, im Sabor eine Treppe hinunter und erlitt so starke Kopfverletzungen, dass er nach drei Jahren im Koma verstarb. Die Schweiz greift ob ihres unterhaltungsgewerblichen Notstands (man denke nur an eidgenössische Aushängeschilder wie Paola [→ CH 1969, 1980, Vorentscheid DE 1979, 1982] oder DJ Bobo [→ CH 2007]) bekanntlich gerne zum Import, was sich erst 1989 mit einer singenden Frankokanadierin und ihrem von einem Türken geschriebenen Song als richtige Strategie erweisen sollte. Die Vertreterin von 1965, Yovanna, eingekauft in Griechenland, sang zwar sehr eindrucksvoll, verdrehte dabei jedoch dermaßen affektiert die Augen, dass ihre Hamsterbäckchen zusätzlich gar nicht mehr ins Gewicht fielen. Sehr lustige Performance!

Gleich weint einer! (YU)

Äußerst augenfällig, gerade im Vergleich mit den heutigen Bühnenspektakeln mit hektischster Kameraführung, erscheint die optische Dominanz des klobigen Doppel-Mikrofons vor den gleichmäßig grell ausgeleuchteten Sängern (hatte sich die RAI bei der NATO ein paar Raketensuchscheinwerfer ausgeliehen?), die sich nicht bewegen durften und die man überwiegend vom Hals an aufwärts zeigte. So auch France Gall: der in Frankreich bereits erfolgreiche Popstar gewann den Contest als Aushilfssängerin für Luxemburg haushoch mit dem von Serge Gainsbourg (‚Je t’aime – moi non plus‘) geschriebenen, mehrdeutigen Popsong ‚Poupée de Cire, Poupée de Son‘. In dem ging es um erwachende Jungmädchenfantasien, hitzige Jungs, Wachs- und Sprechpuppen (als Code für Jungfrauen bzw. solche, die bei *räusper* entsprechender Gelegenheit laute Geräusche von sich geben), im Subtext etwas verschlüsselt aber auch um den Komponisten, der seine Sängerin als naive künstlerische ‚Wachspuppe‘ benutzt, um seine Ideen unter das Volk zu streuen. France trieb die köstliche Doppeldeutigkeit des Textes auf die Spitze, in dem sie ihn jugendlich unbekümmert, beinahe krähend, vortrug. Am Ende musste sie sich gar auf die Unterlippe beißen, um sich das Lachen zu verkneifen.

Wusste angeblich nicht, was sie da sang: die fabelhafte France (LU)

Der Titel wurde zum europaweiten Superhit (#2 in den deutschen Charts, #1 NO, #4 BE, #6 NL, #10 AT), für die junge France markierte ihr Auftritt den Beginn einer lang anhaltenden Karriere mit Erfolgstiteln wie ‚Abanda (Zwei Apfelsinen im Haar)‘, ‚Wassermann und Fisch‘ oder ‚Ella, elle l’a‘. Dennoch wollte sie später nichts mehr von ihrer Grand-Prix-Teilnahme wissen. Was neben der subtilen Verarsche durch Gainsbourg (der ihr mit dem Lollipop-Lutscherinnen-Lied ‚Les Sucettes‘ eine weitere, noch offensivere Frivolität schrieb) natürlich auch daran liegen könnte, dass man sie zwang, für den deutschen Markt eine grausam dämliche, phonetisch eingesungene Fassung ihres Siegertitels namens ‚Das war eine schöne Party‘ aufzunehmen. Unnötigerweise, denn auch bei uns gehörte die französische Originalfassung zu den zehn bestverkauften Singles des Jahres. Die knapp 15 Jahre währende künstlerische wie kommerzielle Hochphase des Grand Prix Eurovision hatte begonnen.

Technisch ein starker Rückschritt zu 1963, musikalisch aber deutlich besser: der Contest aus Neapel

Eurovision Song Contest 1965

Gran Premio Eurovisione della Canzone. Samstag, 20. März 1965, aus dem RAI-Konzertsaal in Neapel, Italien. 18 Teilnehmer, Moderation: Renata Mauro.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01NLConny van den Bos‘T is genoeg0511
02UKKathy KirbyI belong2602
03ESConchita Bautista¡Qué bueno, qué bueno!0015
04IEButch MooreI’m walking the Streets in the Rain1106
05DEUlla WiesnerParadies, wo bist Du?0015
06ATUdo JürgensSag ihr, ich lass’ sie grüßen1604
07NOKirsti SparboeKarusell0113
08BELize MarkeAls het weer Lente is0015
09MCMarjorie NoëlVa dire à l’Amour0709
10SEIngvar WixellAbsent Friend0610
11FRGuy MardelN’avoue jamais2203
12PTSimone de OliveiraSol de Inverno0113
13ITBobby SoloSe piangi, se ridi1505
14DKBirgit BrúelFor din Skyld1007
15LUFrance GallPoupée de Cire, Poupée de Son3201
16FIViktor KlimenkoAurinko laskee länteen0015
17YUVice VukovČežnja0212
18CHYovannaNon, à jamais sans toi0808

DE 1965: Dann der Schlag ins Gesicht

Ulla Wiesner, DE 1965
Die Verzagte

Nur zu gerne zieht man heutzutage über die mangelnde Unterhaltungskompetenz der ARD her – und der Hausherr dieses Blogs wäscht da seine Hände keinesfalls in Unschuld. Auch die eher einer freundlichen Übernahme durch Stefan Raab (→ DE 2000) gleichkommende „Kooperation“ des Ersten mit ProSieben bei den deutschen Eurovisionsvorentscheidungen von 2010 bis 2012 (im Wirtschafts-Neusprech hieße so etwas „Joint-Venture unter Abgabe der unternehmerischen Führung“) kann man als (allerdings im Endergebnis sehr erfolgreichen) Offenbarungseid interpretieren, wenn man möchte. Doch so neu ist das alles nicht: bereits in den Sechzigern tat sich die ARD schwer mit dem Wettbewerb der leichten Muse.

Chart-Watch 1965: Der Umgang der ARD mit dem ESC konnte einen schon melancholisch stimmen – Peppino di Capri (→ IT 1991) lieferte 1965 den Sound dazu und hatte damit einen Top-Ten-Hit in Deutschland

Denn obgleich die durchgängig eher stiefmütterliche Behandlung deutscher Beiträge durch die internationalen Eurovisions-Jurys seit der Erstteilnahme 1956 für eine zunehmende Abschreckung etablierter heimischer Künstler/innen sorgte und das erste → Null-Punkte-Resultat Deutschlands im Vorjahr das Grand-Prix-Konzept des hr grundsätzlich in Frage stellte, machte man beim Ersten einfach so weiter, als sei nichts geschehen. Mangels Masse ging Hans-Otto Grünefeldt nun offenbar dazu über, die Teilnehmer/innen für die Vorentscheidung eigenhändig mit dem Lasso vor dem Funkhaus am Dornbusch einzufangen. Oder wie sonst ließen sich so glamouröse, klingende Künstlernamen wie Leonie Brückner (mit dem optimistischen ‚Auch Du wirst gehen‘) erklären?

Von Leonie Brückner veredelt: die Skandalsingle der Eisläuferin

Um jene in Leipzig geborene Künstlerin, nach Recherche von MemoryRadio in den Sechzigern und Siebzigern als Studio- und Werbesängerin dick im Geschäft, gab es kurz vorher ein Skandälchen: die Bild beschuldigte sie öffentlich, die Geisterstimme der populären Eiskunstläuferin Marika Kilius zu sein, die trotz fehlender Begabung eine Gesangszweitkarriere anstrebte. Brückner hierzu: „Marika konnte nicht gut singen. Und sie wusste das auch. Ich hatte die Aufgabe, ihr zu helfen“. Und so sang Frau Brückner im Studio die „Melodiestimme“ des Titels ‚Wenn die Cowboys träumen‘ ein, eines schwachen Abklatsches von Gitte Hænnings (→ Vorentscheid SE 1962, DE 1973) 1963er Megahit ‚Ich will ’nen Cowboy als Mann‘, und Frau Kilius „musste versuchen, nachzusingen“. Danach päppelte Leonie das Ergebnis noch ein bisschen auf. Kein Skandal von Milli-Vanilli-Ausmaßen also, sondern eher vergleichbar mit den von mir heißgeliebten Pop-Versuchen der monegassischen Prinzessin Stéphanie in den Achtzigern (‚One Love to give‘), die trotz fortgeschrittener Studiotechnik mit ihrem dünnen Stimmchen im Meer ihrer Chorsängerinnen ertrank.

Die Helmfrisur: Ulla „Wald und“ Wiesner

Doch zurück nach 1965! Zumindest das diesjährige Siegerlied dürfte ganz und gar dem Geschmack des deutschen Eurovisionsverantwortlichen entsprochen haben: außergewöhnlich, anspruchsvoll und in keiner Weise hitverdächtig. Nachdem die bisher hauptsächlich als Chorsängerin tätige Ulla Wiesner (noch so ein Glamour-Name!) damit beim Grand Prix in Neapel die nächsten Zero Points fürs Heimatland einfuhr, ergoss sich jedoch die ungefilterte Häme des Publikums über ‚Paradies, wo bist Du?‘ Auch Frau Wiesners Solo-Karriere war damit vorbei, ehe sie begann. Im echten Leben erschütterten gerade vier Herren aus Liverpool mit Pilzfrisuren die Popwelt, und auch im beschaulichen Deutschland hielten die Dämme nicht mehr: neben den Beatles, Manfred Mann und Cliff Richard (→ UK 1968, 1973‚Rote Lippen soll man küssen‘) brachte auch Drafi Deutscher mit ‚Shake Hands‘ den Beat in die Charts. Da verkörperten Frauen wie die Wiesner natürlich den Gegenteil des Zeitgeistes. Andererseits wäre es uns ohne das Beharren des hr-Manns auf „Qualität“ wohl nie vergönnt gewesen, diesen außergewöhnlich hübschen Schlager kennenzulernen. Und so hatte das Unterhaltungsunvermögen der ARD auch wieder sein Gutes.

Hier leistete Ulla Wiesner noch einen wichtigen Beitrag zum musikalischen Weltkulturerbe: beim Easy-Listening-Knüller ‚The Girls from Paramaribo‘ sang sie im Chor

Deutsche Vorentscheidung 1965

Ein Lied für Neapel. Samstag, 27. Februar 1965, aus dem NDR-Sendestudio in Hamburg. Sechs Teilnehmer, Moderation: Henno Lohmeyer.
#InterpretTitelPunktePlatzCharts
01Ulla WiesnerParadies, wo bist Du?0801-
02Peter BeilNur aus Liebe0004-
03Angelina MontiRobertino0202-
04Leonie BrücknerAuch Du wirst gehen0004-
05Nana GualdiWunder, die nie geschehn0103-
06René KolloAlles Glück auf dieser Welt0004-

ESC 1964: Noch nicht reif für den Contest

Logo Eurovision Song Contest 1964
Das Katastrophenjahr

Tumult und Chaos bestimmten diesen Jahrgang, trotz des eigentlich fröhlichen Austragungsortes im direkt am Hauptbahnhof gelegenen Tivoli, dem Vergnügungspark der putzigen dänischen Hauptstadt Kopenhagen. Daran trug einerseits das stärker werdende politische Bewusstsein der Bevölkerung Schuld: gegen die Teilnahme der damaligen Diktaturen Spanien und Portugal hagelte es im Vorfeld Proteste und Drohungen. Das letztgenannte, direkt bei der Premiere die ersten → Nil Points einsammelnde und bis heute insgesamt eher erfolglose Eurovisionsland, das erst 53 Jahre später seinen ersten Sieg einzufahren vermochte, debütierte in Dänemark. Dass sich die Gesamtstarterzahl gegenüber 1963 nicht erhöhte, lag daran, dass Schweden heuer aussetzte: zeigte man sich im skandinavischen Nachbarland noch verstimmt über den Nullzähler für den deprimierenden musikalischen Stadtspaziergang ‚En gång i Stockholm‘? Aber nein: ein Künstler/innenstreik verursachte das unfreiwillige Fehlen.

Unglückliche Premiere: auch die hingebungsvolle Gottesanflehung durch den Interpreten konnte die Null-Punkte-Klatsche nicht verhindern (PT).

Trotz erhöhter Sicherheitsmaßnahmen vermochten es die Veranstalter übrigens nicht zu verhindern, dass während einer Umbaupause in der Live-Sendung tatsächlich ein Mann die Bühne stürmte, um „Nieder mit Franco und Salazar!“ (den beiden iberischen Diktatoren) zu skandieren. Dummerweise traf es den völlig unbeteiligten belgischen Beitrag. Ob dieser, dem so albernen wie weltfremden EBU-Mantra von der „unpolitischen“ Unterhaltungsshow so krass zuwiderlaufende Zwischenfall den Ausschlag dafür gab, dass die ausführende Anstalt Dansk Radio (DR) das Masterband der Sendung offiziell „verlegt“ hat, so dass bis heute keine verfügbare Bildaufzeichnung existiert? Falls nicht, sollte dann vielleicht ein randvoll mit Øl (Bier) und Aquavit abgefüllter Archivmitarbeiter des dänischen Senders im Vollrausch den Mitschnitt gelöscht oder mit eigenen Heimvideos überspielt haben? Denkbar, aber unwahrscheinlich: nach eigener Beobachtung in Kopenhagen verfügen Dänen über eiserne Lebern und sind auch mit drei Promille noch zurechnungsfähig. So oder so: diese archivarische Lücke schmerzt und sollte eigentlich Grund genug für den lebenslangen Ausschluss des ansonsten sympathischen Landes vom Wettbewerb sein. Auch wenn das musikalische Feld 1964 mit wenigen Ausnahmen eher durch gleichförmige Drögheit auffiel.

Aus bekannten Gründen nur als Standbild: der komplette 1964er Contest.

An der noch nicht einmal der trickreiche Regelverstoß der Spanier etwas änderte. Die schmuggelten mit dem Geschwister-Trio Tim, Nelly und Tony Croatto (Los TNT) die erste Band in den zu dieser Zeit offiziell nur für Solosänger und Duos offenen Gesangswettbewerb – indem sie die Brüder Tim und Tony (†2005) als (erlaubten) Begleitchor von Nelly deklarierten. Die weitgereisten Croattos stammten ursprünglich aus Norditalien, emigrierten 1946 nach Uruguay und gründeten dort ihr Rock’n’Roll-Trio. 1959 zogen sie nach Argentinien weiter, landeten von dort aus Hits in ganz Südamerika und gingen 1962 nach Spanien, wo der Sender TVE sie 1964 für den Song Contest auswählte. Ihr ‚Caracola‘ indes erwies sich, wie so viele andere Titel dieses Jahrgangs, zwar als anhörbar und irgendwie ganz nett, keinesfalls jedoch als echter Bringer. Wie beispielsweise auch die halb melancholische, halb schwungvolle Ballade ‚Jij bent min Leven‘ von Anneke Grönloh, die später den niederländischen Eurovisionskommentatoren und Komiker Paul de Leuuw auf Schmerzensgeld verklagte, weil der sie in seiner Sendung als „Schlampe“ und „Schnapsdrossel“ tituliert hatte. Deutschen Grand-Prix-Zuschauern ist de Leuuw vielleicht noch vom ESC 2006 in Erinnerung, als er in seiner Funktion als holländische Punktefee in der Live-Sendung den Moderatoren Sakis Rouvas (→ GR 2004, 2009) um seine Handynummer angrub.

Ist eher der Wintertyp: Hugues fühlt Herzschmerz, wenn der Frühling kommt (LU)

Für Luxemburg ging der französische Liedermacher Hugues Aufray an den Start, der mit angemessen heiserer Stimme von den Höllenqualen berichtete, die er jedes Jahr zu durchleiden habe, ’sobald der Frühling zurückkehrt‘. Nein, nicht wegen Heuschnupfens, sondern aufgrund des Angedenkens an eine verflossene Liebe. Für die eher herbe, handgeklampfte Herzeleidballade reichte es für den vierten Platz. Obschon man eigens die Punktevergabe modifizierte, mussten schon wieder vier Länder ohne Abendessen ins Bett ohne Punkte nach Hause fahren: neben dem eingangs erwähnten Portugiesen António Calvário traf es die Schweizerin Anita Traversi (→ CH 1960, †1991), den in Sarajewo gebürtigen, für Jugoslawien startenden Sänger Sabahudin Kurt und die Deutschland vertretende, gebürtige Bulgarin mit dem sehr schönen, vom Raumschiff Orion inspirierten Künstlernamen Nora Nova, deren tiefsinniger Titel ‚Man gewöhnt sich so schnell an das Schöne‘ angesichts des unfairen Ergebnisses wie Spott in den Ohren klingen musste. Doch es half nichts: die verfügbaren Punkte wurden für die Siegerin gebraucht.

Von einem Fan in liebevoller Arbeit restauriert (danke, 47Dave!): Gigliolas Originalauftritt (IT)

Gigliola Cinquetti (→ IT 1974, Moderation 1991) gewann überlegen und berechtigt. Ihr Beitrag – eine der ganz großen, unsterblichen Eurovisionsballaden – erzielte knapp drei Mal so viele Zähler wie der Zweitplatzierte und vereinte mehr als ein Drittel aller abgegebenen Voten auf sich. Zarte sechzehn Lenze zählte die Italienerin bei ihrem Auftritt, wirkte aber wie Zwölf. Ihrem Titel ‚Non ho l’éta (per Amarti)‘ (‚Noch nicht reif für die Liebe‘) verlieh sie somit eine sehr hohe Glaubwürdigkeit. Die geradezu katholische Ode an die Keuschheit – oder handelte es sich, wie die fabelhafte Maren Kroymann in einem Eurovisionsspecial vermutete, gar um einen Selbsterfahrungssong über Kindesmissbrauch? – wurde zum europaweiten Hit. Hierzulande erschien sogar eine von Gigliola selbst phonetisch eingesungene, unfassbar dämliche deutsche Fassung. Bei der tauschte sie (bzw. ein schwachsinniger Produzent) die italienische Titelzeile idiotischerweise gegen eine andere aus, die ebenfalls italienisch klang, dafür aber bar jedes logischen Zusammenhangs daherkam: ‚Luna nel Blu‘ nannte sich die wohl sinnloseste Eindeutschung aller Zeiten. Der Originalfassung blieb es denn auch vorbehalten, als erster „ausländischer“ Eurovisionsbeitrag sowohl die deutschen Jahrescharts als auch die britischen (!) Top 20 zu knacken.

Politisch korrekt: Udo Jürgens (AT)

Für Österreich ging erstmals Udo Jürgens an den Start. Mit dem hochdramatischen, unterschwellig ein wenig an den Antikriegsklassiker ‚Sag mir, wo die Blumen sind‘ erinnernden Chanson ‚Warum nur, warum?‘ erzielte er den sechsten Platz. Der legendäre, 2014 viel zu früh von uns gegangene Liedermacher, der in seiner über sechzigjährigen Musikkarriere mehr als 100 Millionen Platten verkaufen konnte, kam noch zwei Mal in Folge wieder – jedes Mal erfolgreicher. Matt Monro, der (natürlich!) Zweitplatzierte aus Großbritannien, dessen ‚I love the little Things‘ noch nicht einmal seine Landsleute kaufen wollten, coverte stattdessen Udos Nummer und landete mit ‘Walk away’ einen Top-Ten-Hit (#4) auf der Insel, mit 1,5 Millionen verkaufter Singles. Die deutschsprachige Originalfassung belegte derweil in Frankreich Platz 1 der Charts. Bei uns reichte es schändlicherweise nur zu Rang 21 – aber Geschmack hatten die Deutschen ja noch nie. Zunehmend deutlich jedenfalls etablierte sich der Wettbewerb als Umsatzmotor der europäischen Plattenindustrie, welche die dort präsentierten Songs auch entsprechend aufmerksam über die Landesgrenzen hinweg vermarktete.

Matt Monros Udo-Cover

Was sie heute, wo es doch sogar so viel einfacher wäre, übrigens kaum noch tut – und damit, wie mit so vielen anderen ihrer Handlungen, Umsatzmöglichkeiten mutwillig verschenkt. Weswegen ich über das beständige Gejammer über das böse Internet als Grabschaufler der Musikindustrie nur lachen kann – sind doch diesbezügliche Downloads von im Handel bzw. auf den legalen Portalen nicht angebotenen Grand-Prix-Beiträgen nichts als schiere Notwehr!

Eurovision Song Contest 1964

Grand Prix Eurovision. Samstag, 21. März 1964, aus dem Konzertsaal des Tivoli-Freizeitparks in Kopenhagen, Dänemark. 16 Teilnehmerländer. Moderation: Lotte Wæver.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01LUHugues AufrayDés que le Printemps revient1404
02NLAnneke GrönlohJij bent min Leven0210
03NOArne BendiksenSpiral0608
04DKBjørn TidmandSangen om dig0409
05FILasse MårtensonLaiskotellen0907
06ATUdo JürgensWarum nur, warum?1106
07FRRachel RosLe Chant de Mallory1405
08UKMatt MonroI love the little Things1702
09DENora NovaMan gewöhnt sich so schnell an das Schöne0013
10MCRomuald FiguierOù sont-elles passées?1503
11PTAntónio CalvárioOração0013
12ITGigliola CinquettiNon ho l’età (per Amarti)4901
13YUSabahudin KurtZivot je sklopio Krug0013
14CHAnna TraversiI miei Pensieri0013
15BERobert CogoiPrés de ma Rivière0210
16ESLos TNTCaracola0112

NL 1964: Ein Leben in Gefahr

Wie bereits im Vorjahr entschied sich das niederländische Fernsehen auch 1964 für die interne Nominierung einer Repräsentantin, nämlich der 1942 im damals noch unter holländischer Besatzung stehenden Indonesien als Tochter eines niederländischen Soldaten und einer einheimischen Mutter geborenen Johanna Louise oder Anneke Grönloh. Die hatte mit ihren 22 Jahren schon eine bewegte Zeit hinter sich: im Zuge der feindlichen Übernahme der Inselkette durch die Japaner im Zweiten Weltkrieg war Annekes Vater in Kriegsgefangenschaft geraten, auch die Familie lebte in einem Lager. Nach ihrer Freilassung flohen die Grönlohs vor den indonesischen Unabhängigkeitskämpfen zurück in die Niederlande, wo die junge Johanna Louise die Musik für sich entdeckte. 1959 gewann sie einen Talentwettbewerb und schon 1960 erzielte sie mit ihrer allerersten Single ‚Asmara‘ ihre erste goldene Schallplatte und einen Nummer-Eins-Hit – allerdings nicht zu Hause, sondern auf Malaysia. Die heimischen Charts toppte sie dann 1962 mit ‚Brandend Zand‘, der (akkuraten) niederländischen Übersetzung des vom deutschen Komponistenteam Feltz & Scharfenberger geschriebenen Bestsellers ‚Heißer Sand‘ von Mina (→ Vorentscheid IT 1961), eines wunderbar vage gehaltenen und vielfältig interpretierbaren, hochdramatischen Schlagers, der mir noch heute beim Hören angenehme Schauer über den Rücken jagt und den ich für einen der besten seines Genres halte. Unnützes Wissen 500: eine von Anneke selbst eingespielte englischsprachige Fassung unter dem Titel Oh Malaysia diente in den Gründungsjahren des jungen, an Indonesien grenzenden Inselstaates im südchinesischen Meer dort als eine Art inoffizieller Nationalhymne. Zu Hause folgte Hit auf Hit und auch im deutschen Fernsehen war Frau Grönloh mit Schlagern wie ‚Wenn wir beide Hochzeit machen‘ ein gerne gesehener Gast. Zum Zeitpunkt ihrer Direktnominierung für den Eurovision Song Contest 1964 konnte sie also mit Fug und Recht als international erfolgreicher Star gelten.

Ohne den Niederländern zu nahe treten zu wollen, aber in der von Mina mit geheimnisvoll-elektrisierendem Akzent vorgetragenen deutschen Fassung kommt das gefahrvoll-düstere Narrativ des Textes deutlich besser zur Geltung!

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NO 1964: Für immer jung

Es war eine Art von Lehrstunde zum Thema Generationenkonflikt, was sich beim norwegischen Eurovisionsvorentscheid von 1964 abspielte. Und was auf seine eher spielerische Weise das reflektierte, was in der echten Popwelt draußen gerade in Form des massiven Durchmarsches von Bands wie den Beatles passierte, begleitet von hysterischem Verhalten der jugendlichen Fans, die in ihrem Übermut ganze Konzertsäle zerlegten, sowie vom völligen Unverständnis und der schroffen Ablehnung der „langhaarigen Gammler“ durch die Erwachsenengeneration, die in ihnen – nicht ganz zu Unrecht – eine Bedrohung für die bestehende gesellschaftliche Ruhe und Ordnung sah. Lustigerweise repräsentierte beim Norske Melodi Grand Prix ein Mann gleich beide Seiten der Medaille: der norwegische Sänger, Musiker, Bandleader, Komponist und Musikproduzent Arne Bendiksen nämlich, der im Lande bereits in den Fünfzigern Erfolge als Teil der Band The Monn Keys gefeiert hatte und der hier mit einer stellenweise etwas brüchigen Stimme den siegreichen Beitrag ‚Spiral‘ interpretierte, eine klassische Big-Band-Melodie, die eigentlich nicht weiter der Rede wert ist – ein ohne größere Schmerzen anhörbares, wenngleich ziemlich altmodisch wirkendes Lied, das als dezent swingende Begleitmusik für das Supermarktradio bestens geeignet scheint, das man aber sofort wieder vergisst, sobald es verklungen ist. ‚Spiral‘ setzte sich in der Jury-Abstimmung mit nur einem einzigen Pünktchen Vorsprung gegen den unter anderem von der sich bereits im gesetzten Alter befindlichen „singenden Hausfrau aus Lørenskog“, Elisabeth Granneman (→ MGP 1960, 1969) interpretierten ‚God gammel firkantet Vals‘, den ‚Guten alten spießigen Walzer durch, der also – auf eine seltsam eigenironische Art – seine gerade in der älteren Generation virulente nostalgische Sehnsucht nach konservativen Werten bereits im Namen trug. Lustiges Detail: der Schöpfer dieses Spießbürger-Walzers hieß… Arne Bendiksen!

Ein Werbesong für ein Empfängnisverhütungsmittel? Das kam beim Grand Prix nur so mittel an: Platz 8 für Arne Bendiksen.

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FI 1964: Hey, Macarena!

„Finnisch ist eine dermaßen gangstermäßige Sprache,“ stellte der großartige isländische Comedian Ari Eldjárn in einem sich mit den skandinavischen Sprachen befassenden, hochgradig lustigen Standup-Set mal bewundernd fest. Er machte dies – neben den fantastischen Möglichkeiten, auf finnisch zu fluchen – vor allem an der Übersetzung der drei schönsten Wörter in fast jeder Sprache fest: „Ich liebe Dich“ heißt dort nämlich „Rakastan sinua“. Das klinge für Außenstehende eher wie „Bring das Geld bis Freitag bei“, meinte Ari nicht ganz zu Unrecht. Ein schönes Beispiel hierfür lieferte auch die finnische Grand-Prix-Vorentscheidung von 1964, wo der 1979 verstorbene Schnulzensänger Taisto Tammi zu kitschigen Geigen etwas vom ‚Reichtum der Liebe‘ schmalzte – als ‚Rakkauden Rikkaus‘ für mitteleuropäische Ohren tatsächlich eher nach einem gut getarnten Plot zur Auslöschung eines ganzen Kontinents vom Erdball klingend. Kein Wunder, dass er im kombinierten Voting der zehn Publikums- und der professionellen Jury gerade mal 21 Punkte erhielt, und damit nur ein Zwanzigstel des Siegers dieses Vorentscheids.

Eine hoch interessante These übrigens zur Entstehung des Sommerhits ‚Macarena‘, die Ari Eldjárn hier abliefert!

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DK 1964: My own private Grand Prix

Die Warnung gleich vorweg: am besten sparen Sie sich die Lektüre dieses Artikels, denn es gibt über den dänischen Vorentscheid von 1964 beim besten Willen nichts Interessantes zu erzählen. Von keinem einzigen der insgesamt neun fast ausschließlich von den sattsam Bekannten gesungenen Beiträge des Melodi Grand Prix existiert ein bewegter Videomitschnitt. Selbst nicht vom Siegertitel ‚Sangen om dig‘ (‚Lied über Dich‘) von Bjørn Tidmand. Denn augenscheinlich verschlampte der verantwortliche Sender Dansk Radio (DR), dem dank des mit norwegischer Hilfe geschobenen Vorjahressieges die Aufgabe zufiel, den Eurovision Song Contest 1964 zu veranstalten, nicht nur die Aufzeichnung der internationalen Show, sondern auch diejenige des einige Wochen zuvor an gleicher Stelle, nämlich im Festsaal des innerstädtischen Vergnügungsparks Tivoli, abgehaltenen MGP. Selbst das Ergebnis des per Postkarte durchgeführten Zuschauervotings (!) ist größtenteils verschollen – man weiß lediglich, dass Tidmand knapp die Hälfte aller rund 230.000 Einsendungen auf sich vereinigen konnte. Und das für einen derartig tiefschlafinduzierenden, selbst für die frühen Sechziger rettungslos altmodischen Song! Das lässt für restlichen Lieder das Schlimmste erahnen, darunter welche mit so grauenvollen Titeln wie ‚Mein privater Grand Prix‘ oder gar – Gott behüte! – ‚Polka beim Grand Prix‘. Die wenigen auffindbaren Audioaufzeichnungen offenbaren denn auch Langeweile pur. Am wenigsten unerträglich klingt dabei noch das zweitplatzierte ‚Der er en Forskel‘ (‚Das ist ein Unterschied‘) der Schwestern Vivian & Berit Larsen, das dem musikalischen Zeitgeist zwar ebenfalls um gefühlte vierzig Jahre hinterherhinkte, aber zumindest noch einigermaßen uptemporär daherkam. Vivian, die Dunkelhaarige der Beiden, nahm in den Achtziger drei weitere Male erfolglos am MGP teil, dort als mittlerweile verheiratete Vivian Johansen. 1983 konkurrierte sie dabei gegen ihre eigene Tochter, Gry Johansen, die dann statt ihrer mit ‚Kloden Dreyer‘ zum ESC nach München fuhr. Um auf den 1964er MGP zurückzukommen: dieser lässt sich am treffendsten mit dem Songtitel des geradezu unvermeidlichen Gustav Winckler (→ DK 1957) zusammenfassen: ‚Ugler i mosen‘ (‚Da ist was faul‘)!

Walzte seinen Walzer auf unnötige drei Minuten aus: der Björn.

Vorentscheid DK 1964

Dansk Melodi Grand Prix. Samstag, 15. Februar 1964, aus dem Tivoli in Kopenhagen. Neun Teilnehmer/innen. Moderation: Bent Fabricius-Bjerre.
#Interpret/inTitelPostkartenPlatz
01Else + Preben OxbølMit private Grand Prix----
02Bjørn TidmandSangen om dig102.1711
03Vivian + BeritDer er en Forskel--2
04Raquel RastenniVi taler samme Sprog----
05Otto BrandenburgStress----
06Grethe MogensenNattens Melodi----
07Gustav Winkler + Grethe SønckUgler i mosen----
08Dario CampeottoShangri-la--3
09Grethe Thordal + FrederikPolka i Grand Prix----

UK 1964: Liebesgrüße aus London

Einen etablierten Star, einen großen Namen als Repräsentanten des Vereinigten Königreichs beim Eurovision Song Contest zu finden, das war Anfang der Sechzigerjahre das Ziel des seinerzeitigen BBC-Unterhaltungschefs Tom Sloan, wie der britische Buchautor Gordon Roxburgh in seiner Fibel ‚Songs for Europe, Volume One‘ rapportiert. Und so ließ er sich vom deutschen Vorentscheid 1963 inspirieren und änderte das Format des im Jahre 1964 erstmals unter A Song for Europe firmierenden Auswahlverfahrens: anstelle mehrerer Künstler/innen sollte nur noch ein/e vorab ausgewählte/r Interpret/in alle Titel vorstellen. Nebenbei wollte er so den Fokus stärker auf den Song lenken: anstatt für den charmantesten oder bekanntesten Sänger, so die Hoffnung, sollten die regionalen Jurys das beste Lied wählen. Während man über Letzteres streiten mag, klappte das mit dem großen Namen sehr gut: Sloan zog den als Terrence Parsons geborenen Schnulzenkönig Matt Monro an Land, in Großbritannien in Anlehnung an seinen früheren Beruf auch bekannt als „Der singende Busfahrer“, der seit 1960 bereits acht Hits vorweisen konnte, zuletzt die Titelmelodie des aktuellen James-Bond-Streifens ‚From Russia with Love‘ (deutscher Filmtitel: ‚Liebesgrüße aus Moskau‘), und sich damit auf dem Höhepunkt seiner Popularität befand. Monro durfte sich aus einer Vorschlagsliste der britischen Komponistenlobby sechs Songschreiber aussuchen, die ihm jeweils ein Lied für A Song for Europe auf den Leib schneiderten. Wenig überraschend fiel seine Wahl überwiegend auf bisherige Weggefährten, darunter der Filmmusikkomponist Lionel Bart, aus dessen Feder ebendieser Bond-Titel stammte. Der augenscheinlich abergläubische Bart blieb als einziger beteiligter Liedautor der TV-Show aus Verärgerung ostentativ fern, weil sein Beitrag ‚Choose‘ bei der Auslosung der Startplätze die Startnummer 1 zugelost bekam – eine Position, so die unverrückbare Überzeugung des Komponisten, von der aus niemand gewinnen konnte und die für sein Lied das Aus bedeute. Womit er Recht behalten sollte: ‚Choose‘ landete in der Juryabstimmung auf Rang vier.

Abermillionen von Kinogänger/innen und TV-Zuschauer/innen weltweit vertraut: Monros Bond-Titellied (Repertoirebeispiel).

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YU 1964: Schneeflöckchen, Weißröckchen

Auch für das Jahr 1964 ist die Faktenlage leider nicht besonders ertragreich, was die Jugovizija angeht, den Eurovisionsvorentscheid des damals noch vereinten Vielvölkerstaates. Immerhin kennen wir, und das ist bei den jugoslawischen Vorentscheidungen der Sechzigerjahre keine Selbstverständlichkeit, die komplette Teilnehmerliste inklusive der Lieder. Doch das nützt nicht viel, ist doch bis auf die lieblich plinkernde Schneeflockenballade ‚Kakor bela Snežinka‘ des slowenischen Sängers Stane Mancini (ob eine Verwandtschaft zur 2012er Repräsentantin Hannah Mancini besteht, ist mir leider nicht bekannt – vom Alter her könnte Stane ihr Großvater sein) und das offizielle Siegerlied keiner der acht Wettbewerbsbeiträge im Netz zu finden. Keine Spur also von ‚Folge den Sternen‘ der 1962er Grand-Prix-Teilnehmerin Lola Novaković, von ‚Entscheide Dich‘ des gefeierten kroatischen Chansonniers und Poeten Arsen Dedić (†2015) oder von ‚Ihr erster Tanz‘ des weltbekannten Ivo Robic, der hier punktefrei ausging. Vorne lagen nach der Auszählung der Abstimmungsergebnisse der vier regionalen Jurys punktgleich zwei Lieder, von denen allerdings der ‚Goldene April‘ der mehrfachen slowenischen Jugovizija-Teilnehmerin Marjana Deržaj (†2005) weniger Spitzenwertungen erhielt und daher zu Hause bleiben musste. An ihrer Stelle erklärte man den Bosnier Sabahudin Kurt mit seiner geigengeschwängerten Ballade ‚Život je sklopio krug‘ (sinngemäß: ‚Das Leben hat seinen Kreis geschlossen‘) zum Gewinner und Repräsentanten des Landes beim europäischen Wettbewerb in Kopenhagen. Auch dort musste sich der verträumt dreinblickende Sänger sein Ranking punktgleich mit diversen Konkurrent/innen teilen – allerdings ging es diesmal um den letzten Platz, mit den gefürchteten → Nul Points. Ein, man muss es leider so sagen, gerechtes Ergebnis für diese hirnerstarrend langweilige Songsülze! Sabahudin trat später beim jugoslawischen Vorentscheid nicht mehr Erscheinung, soll sich aber der britischen Wikipedia zufolge erst 2007 nach einer Herz-OP aus dem Musikgeschäft zurückgezogen haben. Und das, liebe Leser/innen, beschließt den Kreis unseres Kenntnisstandes über diesen Abend im slowenischen Städtchen Trbovlje.

Zu viel gekifft? Sabahudin beim Grand Prix (nur Audio).

Vorentscheid YU 1964

Jugovizija. Mittwoch, 5. Februar 1964, aus dem Delavski Dom in Trbovlje (heutiges Slowenien). Acht Teilnehmer/innen.

#Interpret/inTitelPunkteErgebnis
01Bosko OrobovicVece----
02Krsta PetrovićOka tvog da nema1--
03Stane ManciniKakor bela Snežinka3--
04Ivo RobićNjen prvi Ples08
05Sabahudin KurtŽivot je sklopio Krug--1
06Lola NovakovićTragom Zvezda----
07Marjana DeržajZlati April--2
08Arsen DedićOdluci se----