ESC 1959: Mancher jodelt noch im Schlaf

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1959: Das Jahr der Revuen

Nein, eine Vorentscheidung hätten sie nicht mitgemacht, die zu diesem Zeitpunkt bereits international umjubelten Synchrontänzerinnen und -ausseherinnen Alice und Ellen Kessler, also gab es 1959 keine: der Hessische Rundfunk bestimmte sie direkt zu unseren Vertreterinnen in Cannes. Deutschlands bekannteste eineiige Zwillinge, die in einem NDR-Interview später die Schutzbehauptung aufstellten, zu diesem Auftritt vertraglich gezwungen worden zu sein, stellten aber noch weitere Bedingungen: ‚Heute möcht‘ ich bummeln‘, wie das Lied zunächst heißen sollte, erschien ihnen als Titel zu brav, die naheliegende Abwandlung ‚Heute möcht’ ich fummeln‘ hingegen vielleicht doch etwas zu direkt, also frisierte ihre Textdichterin Astrid Voltmann den Song in ‚Heut‘ Abend möcht‘ ich tanzen gehn‘ um. Trotz all der Änderungen empfanden die Beiden die Nummer aber als „nicht gut“. Da muss ich doch entschieden widersprechen!

Da wackeln die Wände: die Kesslers rocken das Haus! (DE)

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CH 1959: Die Lys ist weg!

Unerhörtes muss sich abgespielt haben im Vorfeld des schweizerischen Vorentscheids 1959. Wie schon seit Anbeginn der Grand-Prix-Zeitrechnung (für 1958 liegen leider keine Informationen über das Auswahlverfahren vor), so teilten sich auch diesmal drei Künstler/innen die Bühne, jeweils entsandt aus den drei verschiedenen Sprachregionen der Eid… doch halt! Was muss ich da sehen? Nicht ein einziges italienischsprachiges Canzone fand sich im Aufgebot, aus irgendeinem mittlerweile vergessenen Grunde fehlte das Tessin! Stand die helvetische Union vor einer inneren Zerreißprobe? Angeblich sollen jedoch drei regionale Jurys abgestimmt haben. Jedenfalls füllte man die freien Slots mit einer zweiten Vertreterin für die französischsprachige Romandie auf: neben dem bereits seit 1956 durchgängig an allen schweizerischen Vorentscheidungen teilnehmenden und dabei stets erfolglosen Jo Roland trällerte auch die in Paris gebürtige Chansonnière Mathé Altéry (→ FR 1956) zwei Liedlein. Roland hingegen sang neben seinen Solotiteln (darunter das auf einen problematischen Schnapskonsum schließen lassende ‚Ein kleines Schiff in einer alten Branntweinflasche‘) auch zwei Duette mit der Siegerin dieses Bewerbs, der nach dem so überraschenden wie schockierenden Rückzug von Lys Assia (→ CH 1956, 1957, 1958) für die Deutschschweiz eingesprungenen, gebürtigen Ostpreußin Christa Williams. Mit dem entsetzlich süßlichen, mit nervtötend hoher Stimme gejaulten und in Schmalzgeigen förmlich ersaufenden ‚Irgendwoher‘ erreichte sie in Cannes einen erstaunlichen vierten Rang. Kommerziell floppte die Nummer, dafür landete die jazzbegeisterte Christa, die einst Ella Fitzgerald als Vorbild nannte, mit ausgesprochen flachen Schlagerduetten bis 1961 noch ein paar Hits in Deutschland. 1968 gründete sie in München, wo sie 2012 verstarb, mit ihrem Mann eine Musikschule.

Immerhin rollt sie das „R“ wunderbar preußisch-hart: Christa Williams

Vorentscheid CH 1959

Sonntag, 22. Februar 1959, aus Lausanne. Drei Teilnehmer/innen

#Interpret/inTitelErgebnis
01Jo RolandEin kleines Schiff in einer alten Branntweinflasche--
02Mathé AltéryMarie toi, Marie, Marie toi--
03Christa WilliamsIrgendwoher01
04Jo RolandAdieu Madeleine--
05Christa Williams + Jo RolandDie Spieldose--
06Mathé AltéryFallait pas faire ça--
07Christa WilliamsMit Küssen fängt die Liebe an--
08Jo RolandSire, le Roi--
09Christa William + Jo RolandMein kleines Lied--

NL 1959: Ein bisschen siegen

In den Niederlanden nahm man nach dem letzten Platz beim Eurovision Song Contest 1958 einige Veränderungen am Nationaal Songfestival vor: dem Vorbild Italiens folgend, präsentierte man die acht Wettbewerbsbeiträge in jeweils zwei unterschiedlichen Versionen, davon eine mit großem Orchester und eine in einer etwas zurückgenommeneren Variante. Die bisherige Postkartenabstimmung ersetzte der Sender durch eine frühe Art des Televotings: in zwölf Gemeinden der Tulpennation stimmten jeweils zehn Zuschauer/innen telefonisch ab, deren Ergebnisse man als regionale Jury zusammenfasste. Bei den Künstler/innen hingegen griff man auf Bewährtes zurück: von Greetje Kauffeld (→ NL 1961) über Bruce Low bis hin zur dreimaligen holländischen Repräsentantin Corry Brokken (→ NL 1956, 1957, 1958) fanden sich lauter Wiederkehrer/innen im Bewerb. Frau Brokken, der Eurovisionssiegerin von 1957, nahm das Publikum offenbar jedoch die schlechte Grand-Prix-Platzierung vom Vorjahr übel: sie kam über einen dritten Rang nicht hinaus. Die beiden ersten Plätze belegte die bereits seit den Vierzigern als Sängerin tätige, aber heuer erstmals beim Nationaal Songfestival in Erscheinung getretene Teddy Scholten (†2010). Dabei erzielte sie für das harmlos-heitere ‚N beetje‘ nicht nur ein bisschen mehr Stimmen als für das thematisch deprimierende, wenngleich musikalisch fröhliche ‚De Regen‘, sondern anderthalb mal so viele. Die geringfügig peppigere Variante des Gewinner-Liedchens trug John de Mol vor, eine sendereigene Jury entschied sich jedoch, Teddy mit der bräsigeren Breitwandvariante nach Cannes zu schicken. Und bewies mit dieser Entscheidung ein gutes Händchen: Frau Scholten siegte auch beim Hauptwettbewerb. Von ihrem Titel spielte sie daraufhin unter anderem noch eine sehr fluide deutsche Version ein (‚Sei ehrlich‘) sowie eine italienische (‚Un poco‘), die tatsächlich chartete (Rang #17 IT).

Wenigstens ist nicht vom „Rozengeur“ die Rede wie in der holländischen Originalfassung: Teddy Scholten

Vorentscheid NL 1959

Nationaal Songfestival. Dienstag, 17. Februar 1959, aus dem AVRO-Studio in Hilversum. Sieben Teilnehmer/innen. Moderation: Karin Kraaykamp.

#Interpret/inInterpret/inTitelPunktePlatz
01Corry Brokken + Bruce LowGreetje Kauffeld + John de MolMijn Hart en ik1103
02Greetje KauffeldDick DoornAls ik denk aan Geluk0387
03Tonny van HulstCorry BrokkenKleine zilv'ren Ster0358
04John de MolGreetje KauffeldOp het Plein0485
05Corry BrokkenBruce LowIedere Dag met jou0436
06Dick DoornTeddy ScholtenDe Regen1482
07Bruce LowTonny van HulstAngelina0534
08Teddy ScholtenJohn de MolEen beetje2351

BE 1959: Piep piep piep, bitte hab mich lieb

Es ist mal wieder ein Stochern im historischen Nebel der Fünfzigerjahre: während sämtliche Details über die wallonische Vorentscheidung des Vorjahres bis heute im Dunkeln liegen (außer dem, dass eine stattfand und Fud Leclerc [→ BE 1956, 1958, 1960, 1962] diese gewann), ist über die flämische Vorauswahl des Jahres 1959 immerhin so viel bekannt, dass es zwei im Wochenabstand abgehaltene Vorrunden mit jeweils neun (verschollenen) Titeln gab, aus denen nur die beiden Siegertitel ins Finale gelangten. Bei dem einen handelte es sich um die ‚Levenssymphonie‘ der ansonsten nicht weiter groß in Erscheinung getretenen „flämischen Doris Day“, Josephine Leemans-Verbustel (oder kürzer Jo Leemans), die im Jahre 1956 mit einer niederländischen Coverversion von ‚Que sera, sera‘ einen Top-Hit im Lande erzielen konnte. Sie unterlag im Wertungsverfahren (wie immer das auch ausgesehen haben mag) dem Musicalsänger Emilius Wagemans alias Bob Benny mit seinem superschmalzigen, aufgesetzt wirkenden Liebesflehen ‚Hou toch von mij‘ (‚Liebe mich doch‘). Der 2011 in einem belgischen Pflegeheim verstorbene Benny, der sich zehn Jahre zuvor im Alter von 74 Jahren noch als schwul geoutet hatte, erreichte in Cannes den sechsten Platz im internationalen Wettbewerb. 1961, als der Grand Prix erneut in dem noblen südfranzösischen Küstenstädtchen gastierte und, wie es der Zufall wollte, die Zuständigkeit für die Auswahl des belgischen Vertreters wieder beim flämischen Sender lag, kehrte er dorthin zurück, machte allerdings den letzten Platz.

Ein bisschen theatralisch trägt er sein Lied ja schon vor: Bob Benny

Vorentscheid BE 1959

Sonntag, 15. Februar 1959, aus dem INR-Studio in Brüssel. Zwei Teilnehmer.

#InterpretTitelPlatz
01Jo LeemansLevenssymphonie02
02Bob BennyHou touch van mij01

DK 1959: Der Kuss des Todes

Das dänische Schlagerpärchen Birthe Wilke und Gustav Winkler, das schon 1957 den ersten Eurovisionsbeitrag des skandinavischen Landes sang, beherrschte auch den dritten Melodi Grand Prix im Jahre 1959. Allerdings sangen die Zwei jetzt nicht mehr gemeinsam, sondern präsentierten jeweils ein Solo sowie ein Duett mit anderen Künstler/innen, die es wiederum zudem ebenfalls solo versuchten, wenn auch erfolglos. Und das Interessanteste, was sich über die chancenlosen Konkurrent/innen berichten lässt, ist deren leidlich lustiger Name: Gustav paarte sich mit Grete Klitgaard (die, und hier wird es ein wenig gruslig, jenen Vorentscheid nur um fünf Jahre überleben sollte und 1964 im jungen Alter von 30 das Zeitliche segnete), Birthe hingegen mit dem Schauspieler und Sänger Preben Uglebjerg, der es immerhin auf 37 Lenze bringen sollte, um dann bei einem Verkehrsunfall zu sterben. Mit ‚Latinersangen (Peblinge cha-cha-cha)‘ hatten die Zwei einen rein vom Songtitel her recht vielversprechenden Beitrag am Start, der allerdings im Netz nicht zu finden ist und den die Juroren zudem nur mit der Bronzemedaille abspeisten. Stattdessen wählten sie Birthes leidlich flotten Solotitel ‚Uh – jeg ville ønske jeg var dig‘, mit dem sie es in Cannes immerhin auf Rang 5 schaffte. Birthe überlebte all ihre damaligen Mitstreitenden als Einzige – bis heute.

Keck mit der Schleppe gewedelt: Birthe beim Grand Prix

Vorentscheid DK 1959

Dansk Melodi Grand Prix. Donnerstag, 12. Februar 1959, aus dem Radio-Haus in Kopenhagen. Vier Teilnehmer/innen. Moderation: Sejr Volmer-Sørensen.
#Interpret/inTitelPlatz
01Grete Klitgaard +
Gustav Winckler
Alt hvad der er værd at få--
02Grete KlitgaardDet første lille Kys--
03Gustav WincklerEn gang bli'r det Vår--
04Preben UglebjergJeg er på Vej til dig2
05Birthe Wilke + Preben UglebjergLatinersangen (Peblinge cha-cha-cha)3
06Birthe WilkeUh - jeg ville ønske jeg var dig1

UK 1959: Die Baumschänder

Nach einem Jahr Schmollpause kehrte die BBC auf Initiative ihres neuen, ausgesprochen eurovisionsaffinen Unterhaltungschefs 1959 zum Wettbewerb zurück. Den Vorentscheid gestaltete er weniger festlich: die jeweils sechs Titel der beiden im Drei-Tages-Abstand abgehaltenen Vorrunden wurden nur noch von jeweils einem Künstler präsentiert, die bislang übliche zweite, orchestrale Version fiel weg. Die von regionalen Jurys jeweils bestbewerteten drei Songs kamen ins samstägliche Finale, das nun nicht mehr in Anlehnung an das ebenfalls im Programm der BBC ausgestrahlte San Remo Festival Festival of british popular Songs hieß, sondern die schlichte Funktionsbezeichnung Eurovision Song Contest, British Final trug. Die Sieger der Veranstaltung, das Schlagerpärchen Pearl Carr und Teddy Johnson, hatten gleich zwei Titel im Rennen, von denen ‚That’s it, that’s Love‘ allerdings im Semi kleben blieb. Um so größer fiel die allgemeine Zustimmung sowohl unter den Mitbewerber/innen als auch bei Jury und Publikum für das schwungvolle ‚Sing little Birdie‘ aus, das anschließend Rang 12 in den britischen Charts erreichte und das auch von der schon ans ungewollt Komische grenzenden, begeisterten Mimik der beiden Eheleute lebte, welche die possierliche Weise über die Erinnerung an ihr erstes Date im Stadtpark mit ansteckender Fröhlichkeit vortrugen. Eine einzelne heldenhafte Umweltschützerin beschwerte sich allerdings, wie Gordon Roxburgh in seinem Buch Songs for Europe, Volume 1 berichtet, anschließend bei der BBC darüber, wie man öffentlich Werbung für einen derart schändlichen Akt des „Vandalismus“ machen könne, nämlich das im Lied besungene brutale Einritzen der Initialen der beiden Liebenden in eine wehrlose Baumrinde. Sehr richtig!

Pearl und Teddy allerdings pfiffen auf die Kritik und zwitscherten sich in Cannes auf den zweiten Platz

Vorentscheid UK 1959

Eurovision Song Contest, British Final. Samstag, 7. Februar 1959, aus dem King's Theatre in London. Sechs Teilnehmer/innen. Moderation: Pete Murray.

#Interpret/inTitelPlatz
01Pearl Carr + Teddy JohnsonSing little Birdie1
02Glen MasonSuddenly3
03Steve MartinOne lonely Heart4
04Lita RozaThis is my Town2
05John HansonSuccess--
06Valerie ShaneOh, oh, reckon I must be in Love--

IT 1959: Verspannungen im Vatikan

Erfolg gebiert noch mehr Erfolg: nachdem ‚Volare‘, der Vorjahressiegertitel des San Remo Festivals, in zahllosen Coverversionen weltweit die Hitparaden erobert hatte, wuchs die Zuschauerzahl der diesjährigen Festspiele des italienischen Canzone, das per Eurovision erneut auch in einigen anderen Ländern übertragen wurde, auf geschätzt 20 Millionen. Auch in der ligurischen Kurstadt, so weiß Wikipedia zu berichten, stürmten die Fans Hotels und das Kasino, wo der Wettbewerb stattfand. Der Rummel forderte mit San-Remo-Star Claudio Villa (→ IT 1962, 1967) gar ein erstes Opfer: renitente Autogrammjäger/innen bestürmten ihn so sehr, dass er sich eine Verrenkung der Schulter zuzog. Auch im Wettstreit mit alten und neuen Konkurrent/innen lief es für ihn heuer nicht so prächtig: der erfolgsverwöhnte Schnulzensänger musste sich mit einem achten und einem zehnten Rang zufriedengeben. Wie in vielen nationalen Vorentscheidungen dieser Zeit üblich, wurden alle Finaltitel in zwei verschiedenen Varianten präsentiert, gesungen von unterschiedlichen Interpret/innen. Mit einem bemerkenswerten Ergebnis: der Jungstar Johnny Dorelli und der Cantautore Domenico Modugno (→ IT 1958, 1966), die im Vorjahr das von letzterem selbst komponierte ‚Volare‘ zum Sieg führten, konnten sich auch diesmal die Spitzenposition sichern, und zwar mit dem wiederum von Modugno geschriebenen ‚Piove‘, bekannter unter seiner einprägsamen Refrainzeile ‚Ciao ciao, Bambina‘. Wie bereits im Vorjahr präsentierte der in den USA aufgewachsene Dorelli die etwas leichtfüßigere, swingendere Version des Evergreens. Und wie bereits im Vorjahr schickte die RAI den etwas gesetzter wirkenden, ein kleines bisschen klebriger schmachtenden Domencio zum Eurovision Song Contest, wo es diesmal gar nur zum sechsten Rang reichte.

Da es in den Fünfzigern noch keine Videoclips gab, drehte man eben gleich ganze Schlagerfilme. Hier mit San-Remo-Sieger Johnny Dorelli

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SE 1959: Oh, ist das ein Mann!

Für ein besonders skurriles und unnötig kompliziertes Auswahlverfahren entschied sich das heutige Eurovisions-Hothouse Schweden bei seiner zweiten Grand-Prix-Teilnahme, nach dem man es sich bei der Premiere 1958 noch mit einer internen Nominierung leicht gemacht hatte. Diesmal nicht: in sage und schreibe acht (!) Radio-Vorrunden zu je zwei Titeln, die SVT seit Oktober 1958 unter dem Namen Säg det med Musik: Stora Schlagertävlingen ausstrahlte und bei denen die Zuschauer/innen per Briefwahl abstimmen durften, hatte man acht Songs für das Melodifestivalen-Finale im Stockholmer Cirkus gesammelt. Östen Warnerbring (→ SE 1967) war mit gleich zwei Beiträgen im Finale vertreten, in dem nun allerdings nicht mehr das Publikum entschied, sondern eine Jury, und in dem sich so hübsche Titel tummelten wie ‚Nya fågelsången‘ (‚Neues Vogellied‘) oder ‚En Miljon för dina Tänkar‘ – nein, kein gesungenes feindliches Übernahmeangebot für eine in der Klemme steckende Reederei, sondern der liebesbeseelte Wunsch nach Gedankenkontrolle. Mit erheblichem Vorsprung siegte die erst neunzehnjährige fleißige Eurovisionsfreundin und spätere skandinavische Schlagerschachtel Siw Malmkvist (→ SE 1960, DE 1969, Vorentscheide SE 1961, DE 1962, SE 2004) mit dem Lied ‚Augustin‘. Was ihr allerdings nur wenig nützte, da sich der schwedische Sender aus unerfindlichen Gründen bereits im Vorfeld entschieden hatte, Britta Borg (†2010), die selbst nicht am Melodifestivalen teilnahm, mit dem ausgewählten Titel nach Cannes zu entsenden. Siw nahm das Lied dennoch in verschiedenen Sprachfassungen auf und erzielte in der Heimat damit Goldstatus. In Deutschland sollte ‚Augustin‘, ihre erste Single hierzulande, hingegen floppen. Doch der Rest ist Schlagergeschichte…

Als es mit Augustin aus war, zuckte die stets erfrischend unbekümmerte Siw nur mit den Schultern und meinte: Liebeskummer lohnt sich nicht, my Darling!

Vorentscheid SE 1959

Melodifestivalen. Donnerstag, 29. Januar 1959, aus dem Cirkus in Stockholm. Sieben Teilnehmer/innen. Moderation: Thore Ehrling
#Interpret/inTitelPunktePlatz
01Östen WarnerbringKungsgatans Blues0674
02Ulla ChristenssonLyckans Soluppgång0526
03Staffan BromsDags igen att vara Kära0792
04Britt Inger DreilickHösten är vår0526
05Åke SöhrEn Miljon för dina Tänkar0488
06Britt DambergNya Fågelsången0763
07Östen WarnerbringNågon saknar dig0565
08Siw MalmkvistAugustin1051

ESC 1958: Risotto am Lago Maggiore

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1958: Das Jahr des Déjà vu

Nein, liebe Kinder, bei Pop-Prinzessin Lena Meyer-Landrut (→ DE 2010, 2011) handelte es sich keineswegs um die erste Eurovisionssiegerin, die sich tollkühn an der Titelverteidigung versuchte. Bereits die legendäre Premierensiegerin Lys Assia (→ CH 1956, 1957, Vorentscheid CH 2012, 2013, Vorentscheid DE 1956) trat im Folgejahr erneut an, allerdings – wie Frau Meyer-Landrut auch – mit deutlich weniger Erfolg. Die 1957 siegreiche Niederländerin Corry Brokken folgte dennoch ihrem Beispiel und wurde 1958 sogar nochmals Erste – leider jedoch vom anderen Tabellenende aus gesehen. Da schlug sich das deutsche Fräuleinwunder beim Zweitversuch deutlich besser, auch wenn sie rein nominal auf dem selben Tabellenplatz (#10) landete wie Frau Brokken.

Die Showtreppe fungierte als zentrales Element des ESC 1958 (komplette Show)

1958 jedenfalls wimmelte das Starter/innenfeld nur so von alten Bekannten. Die Musikszene der Schweiz bestand in den fünfziger Jahren offenbar ausschließlich aus besagter Lys Assia: die Eidgenossen entsandten sie bereits zum dritten Mal in Folge. Ihr so flottes wie skurriles Lied ‚Giorgio‘ nahm, was das Tempo des Songs und des dargebotenen Sprechgesangs angeht, den deutschen Hip-Hop und Flummitechno der Neunziger bereits vorweg. Und belegte damit erstaunlicherweise den zweiten Rang. Textprobe: „Ein Weekend mit Dir und Risotto, Risotto, Risotto, Risotto“ – die Assia schien mit ihrem Papagallo am (in Schlagerkreisen äußerst beliebten) Lago Maggiore entweder eine frühe Version von ‚9 ½ Wochen‘ auszuprobieren, oder sie surfte einfach sehr geschickt auf der gerade durch das Nachkriegsdeutschland wogenden Fresswelle. Zumal noch „Polenta“, „Vino“, „Espresso“ und natürlich „Chianti“ eine Rolle spielten.

Darauf einen Ramazzotti! (CH)

Die deutsche Wiederkehrerin Margot Hielscher (→ DE 1957, Vorentscheid 1956) hingegen stürzte ab. Wie schon im Vorjahr versuchte sie, die Sprachgrenze mit optischen Illustrationen zu überwinden. Ihr hinreißend vertontes ‚Für zwei Groschen Musik‘ handelte von der seinerzeit in keiner Gaststätte fehlenden Jukebox. Also hantierte sie mit ein paar Single-Schallplatten (unverkaufte Restexemplare ihrer eigenen Aufnahmen?) und kostümierte sich sicherheitshalber mit rotem Schleifchen und glitzerndem Krönchen als „Miss Jukebox“. Vermutlich führte genau das zur fatalen Fehlinterpretation durch die Juroren, die möglicherweise glaubten, Hielscher wollte sich bereits vor ihrem Urteil selbst zur Königin des Abends krönen. So reagierten sie verschnupft und verbannten die Deutsche auf einen (damals noch) unglücklichen siebten Platz. Für Belgien nahm erneut Fud Leclerc (→ BE 1956, 1960, †2010) teil, der noch die nächsten fünf Jahre im stetigen Wechsel mit Bob Benny (→ BE 1959, 1961) magere Resultate ersingen durfte: er für Wallonien, den französischsprachigen Part des Bierpanscherlandes; Benny (der sich 2001, zehn Jahre vor seinem Ableben, im Alter von 75 Jahren outete) für Flandern, den holländisch sprechenden Teil.

Schwedens erfolgreiche Eurovisionsreise startet 1958 mit der Zeile „La la la la la la lala la“ (SE)

In der ihnen so eigenen, liebenswert grotesken Selbstüberschätzung blieben die Briten aus Protest gegen die in ihren Augen zu schlechte Vorjahresplatzierung ihres außergewöhnlich zähen Premierenbeitrags ‚All‘ der Hilversumer Veranstaltung fern. Dafür nahm erstmalig das Land teil, das ihnen im Laufe der folgenden Eurovisionsjahrzehnte bald den Ruf als europäisches Powerhouse des Pop streitig machen sollte. Alice Babs (†2014), zum Zeitpunkt ihres Grand-Prix-Debüts eine auch in Deutschland bereits erfolgreiche Schlagersängerin (‚Ein Mann muss nicht immer schön sein‘, ‚Jodel Cha Cha‘) und Filmschauspielerin (‚Schwedenmädel‘), trat in einer im Vergleich zu den sonst üblichen, aufwändigen Abendkleidern recht rural wirkenden Landestracht an und begann ihr lieblich-langweiliges ‚Lilla Stjärna‘ mit vollen vier Zeilen „La la la“. Vermutlich im Bestreben, die Juroren einzulullen, bevor sie aufgrund der damals noch ungeschriebenen, aber strikt befolgten → Sprachenregel für den Rest des Liedes auf das für die meisten europäischen Ohren doch etwas zickig klingende Schwedisch umsteigen musste. Der beim Grand Prix stets gern genutzte Trick der universell verständlichen Lautmalerei funktionierte auch hier: mit dem vierten Rang zum Auftakt erfuhren die Skandinavier eine deutlich gnädigere Aufnahme in die Eurovisionsfamilie als die vergrätzten Briten.

Und alle so: Vooooooolare, oh-ho! (IT)

Österreich entsandt die vom ORF intern nominierte Wiener Diseuse Liane Augustin, die mit dem schmalzig dahingesülzten, sämtliche nur denkbaren Reimeklischees versammelnden und natürlich gleich mit dem ganz großen globalen Anspruch daherkommenden ‚Die ganze Welt braucht Liebe‘ erstaunlicherweise einen fünften Rang ersingen konnte. Und das, obwohl sie sich in ihrer sexuellen Zügellosigkeit ein „zweites kleines Schweinchen“ herbeiwünschte. Tsk! Die noch bis in die Siebziger erfolgreiche Künstlerin nahm ihren Eurovisionstitel nie auf Schallplatte auf. Wie Wikipedia weiß, sprang sie an Weihnachten desselben Jahres Gevatter Tod nur knapp von der Schippe, als die Air-France-Maschine, in der sie saß, bei der Landung auf dem Wiener Flughafen mit dem Empfangsgebäude kollidierte und in Flammen aufging. Sie überlebte – und verstarb 1978 im Alter von nur 51 Jahren bei einer Unterleibsoperation. 2008 benannte die Stadt Wien im 7. Bezirk den Augstinplatz nach ihr. Nicht schlecht!

Herz und Schmerz und Salz und Schmalz: ach, Du liebe Augustin (AT)

Das erste von drei Malen (erkennt jemand ein Muster?) ging der italienische Komponist, Sänger und San-Remo-Gewinner Domenico Modugno (→ IT 1959, 1966) an den Start. Zwischen 1956 und 1966 entsandte die RAI nämlich stets den Sieger des von den Popularitätswerten her nur mit dem schwedischen Melodifestivalen vergleichbaren italienischen Gesangswettbewerbs und Contest-Vorbildes. In Folge der in der Heimat ungebrochenen Beliebtheit des glamourösen Festival della Canzone italiana bei gleichzeitig nachlassendem Interesse am Grand Prix nutzten die Italiener bis zu ihrer Eurovisionsrückkehr im Jahre 2011 das Festival danach jedoch nur noch sporadisch als Vorentscheid, so in den Jahren 1972, 1989, 1993 und 1997. Modugnos ‚Nel blu dipinto di blu‘ avancierte zum unzählige Male gecoverten, weltweiten Evergreen und, zählt man sämtliche Fassungen zusammen, zum bis heute kommerziell erfolgreichsten Eurovisionssong. Als ‚Volare‘ erreichte es gar Platz 1 der US-amerikanischen Billboard-Charts und kann eine Grammy-Nominierung vorweisen. 2005 wählten es die europäischen TV-Zuschauer/innen zum zweitbeliebtesten Grand-Prix-Lied aller Zeiten, nach ‚Waterloo‘ (→ SE 1974). In unseren Gefilden konnte der 1994 verstorbene Modugno damit allerdings keinen Hit landen – dafür schaffte es die zahnlose, von Peter Alexander dargebotene Eindeutschung ‚Bambina‘ bis auf Platz 2 der Charts. Manchmal möchte man sich vor Fremdscham über den schlechten Geschmack seiner Landsleute echt erschießen.

Schlaf, Kindchen, schlaf, Dein Vater hüt‘ die Schaf‘ (FR)

Doch auch bei den Grand-Prix-Juroren blitzte Domenicos unsterblicher Beitrag zum Weltkulturerbe ab: sie zogen Lys‘ Ode an die Völlerei vor, sowie ein gestenreich vorgetragenes französisches Wiegenliedchen (‚Dors, mon Amour‘) des 2003 sanft entschlafenen André Claveau, das unverständlicherweise gewann. Der erste wirklich grobe → Jury-Missgriff in der Eurovisionsgeschichte, dem bis zur leider nur zeitweiligen Abschaffung dieser absurden Instanz vierzig Jahre später noch etliche folgen sollten. Immerhin durfte auch Modugno seinen, zugegebenermaßen in späteren Bearbeitungen (wie beispielsweise in der englischsprachigen Version von Dean Martin oder in der flamencogitarrenlastigen Partyhit-Variante der Gipsy Kings, die damit 1989 einen Eurohit landen konnten) deutlich druckvolleren Beitrag ein zweites Mal vortragen. Denn der Italiener hatte die Startnummer 1, jedoch waren zu Beginn der TV-Übertragung die Leitungen noch nicht überall hin geschaltet. So musste / durfte er im Anschluss an Lys Assia noch mal ran.

Das Tempo anzuziehen, hilft immer: die Gypsy Kings machten Domenicos ESC-Klassiker 1989 Feuer unter dem Arsch

Erstmalig kam die neue (und bis heute beibehaltene) Regel zur Anwendung, dass der Vorjahressieger das Spektakel austragen soll: der Veranstaltungsort Hilversum machte sich nicht nur durch die Tulpendekoration bemerkbar, sondern auch durch die äußerst sparsame Moderation, einem holländischen Eurovisionsmarkenzeichen. Erst zu Beginn der Wertungen tauchte die Gastgeberin des Abends, Hannie Lips, auf. Skurril aus heutiger Sicht erscheint auch die von Hand betriebene Wertungstafel. Öfters schien es bei der Koordination von gerade durchgegebenen Wertungspunkten und Anzeige etwas zu hapern: so bekam beispielsweise Schweden („La Suede“) in der Sendung vier Punkte gutgeschrieben, die für die Schweiz („La Suisse“) bestimmt waren, was man erst im Anschluss feststellte und korrigierte. Denn, wie sagte Frau Lips noch in der Sendung: „There was no Mistake“. Aber genau für diese Pannen lieben wir ja den Contest!

Eurovision Song Contest 1958

3sieme Grand Prix Eurovision de la Chanson Européene. Mittwoch, 12. März 1958, aus den AVRO-Studios in Hilversum, Niederlande. Zehn Teilnehmerländer. Moderation: Hannie Lips.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01ITDomenico ModugnoNel blu, dipinto di blu (Volare)1303
02NLCorry BrokkenHeel de Wereld0109
03FRAndré ClaveauDors, mon Amour2701
04LUSolange BerryUn grand Amour0109
05SEAlice BabsLille Stjärna1004
06DKRaquel RastenniJeg rev et Blad ud af min Dagbog0308
07BEFud LeclercMa petite Chatte0805
08DEMargot HielscherFür zwei Groschen Musik0507
09ATLiane AugustinDie ganze Welt braucht Liebe0806
10CHLys AssiaGiorgio2402

DK 1958: Vergammelte Speisen

Wenig Spannendes gibt es über den dänischen Melodi Grand Prix (MGP) von 1958 zu berichten, den zweiten seiner Art. Sechs Beiträge traten gegeneinander an, aus denen eine zehnköpfige Jury die besonders langweilige Ballade ‚Ich reiße eine Seite aus meinem Tagebuch‘ zum Siegerlied kürte (die weiteren Platzierungen gab man nicht bekannt). Raquel Rastenni (†1998), die Interpretin dieses selbst für damalige Verhältnisse außergewöhnlich öden Musikstücks, demonstrierte beim Wettbewerb in Hilversum für den nicht dänisch sprechenden Teil der Zuschauer/innen den Songtitel darstellerisch, in dem sie eine Seite aus einem mitgebrachten, leeren Tagebuch riss, das Blatt dann zusammenknüllte und achtlos zu Boden warf. Was sie vermutlich einige Punkte gekostet haben wird, denn eine solche Ressourcenverschwendung muss man als schändlich geißeln. Sie durfte als Einzige gleich zwei Lieder singen, ihr anderer MGP-Beitrag hieß ‚Refræn‘, also genau so wie der schweizerische Siegertitel von 1956. Das knutschende Vorjahresschlagerpärchen Birthe Wilke und Gustav Winckler nahm erneut teil, beide nicht zum letzten Mal. Den am vielversprechendsten klingenden, im Netz jedoch leider unauffindbaren Titel steuerte der hauptsächlich als Filmschauspieler in Erscheinung getretene Preben Neergaard bei: ‚Mit gamle Hakkebræt‘ sollte keinesfalls als Protestsong gegen den vergammelten Hackbraten in der DR-Kantine zu verstehen sein, sondern als Lobgesang auf sein Instrument, die Zither (auch als Hackbrett bekannt).

Alles zumüllen und dann liegenlassen: die Däninnen sind schon rechte Rowdys!

Vorentscheid DK 1958

Dansk Melodi Grand Prix. Sonntag, 16. Februar 1958, aus dem Radio-Haus in Kopenhagen. Fünf Teilnehmer/innen. Moderation: Sejr Volmer-Sørensen.
#Interpret/inTitelPlatz
01Raquel RastenniJeg rev et Blad ud af min Dagbog01
02Raquel RastenniRefræn--
03Birthe Wilke + Gustav WincklerFor altid--
04Preben UglebjergEvas lille Sang--
05Bent WeidichNanina--
06Preben UglebjergMit gamle Hakkebræt--