DE 1974: Das darf doch nicht sein

Cindy & Bert, DE 1974
Die Protegierten

Ständig das Gemecker von Presse und Öffentlichkeit über die Abstimmungsergebnisse bei den Vorentscheidungen: der deutsche Eurovisionsverantwortliche Hans-Otto Grünefeldt hatte die Schnauze gestrichen voll! Er verzichtete auf eine öffentliche Auswahl und nominierte stattdessen seine Protegés Cindy & Bert direkt für die hausinterne Entscheidung. Die waren 1972 mit ihrem besten Titel ‚Geh die Straße‘ arschknapp an der Jury gescheitert. 1973 und 1978 versuchten sie es mit jeweils gleich zwei (schrecklichen) Schlagern, bleiben aber erfolglos. Und auch auch solo sollte Cindy Berger bei ihren erneuten Anläufen 1988 und 1991 kein Glück beschieden sein. In diesem Jahr schlug das saarländische Schlagerpärchen der Legende nach unter anderem einen Titel namens ‚Spaniens Gitarren‘ vor.

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ESC 1973: Du sagst niemals nein

Logo des Eurovision Song Contest 1973
Das Jahr des Dobermanns

Die Lustlosigkeit der deutschen Vorentscheidung rächte sich für uns. Die Protagonistin ahnte es bereits im Vorfeld: „Bringst Du Tränen von gestern zurück?“, so eine der Fragen aus ihrer wunderbaren, im Vergleich mit den eher Aufbruchsstimmung verbreitenden Beiträgen der letzten Jahre jedoch etwas verzagt wirkenden Hymne ‚Junger Tag‘, welche die Juroren mit einem klaren und eindeutigen „Ja!“ beantworteten. Nach drei dritten Rängen in Folge konnte der nunmehrige (rechnerisch korrekte) neunte Platz nur als echte Enttäuschung gelten. Oder lag es an dem Spontanaugenkrebs verursachenden, grellgelben Folklorefummel, den die für Deutschland startende Dänin Gitte Hænning in Luxemburg trug?

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DE 1973: Was ist Dein Geschenk an mich?

Gitte, DE 1973
Die Fordernde

„Was ist schon ein Jahr?“, so lautet die originalgetreue Übersetzung eines späteren Siegertitels beim Grand Prix Eurovision. Nun: augenscheinlich jede Menge, wenn es zwischen zwei deutschen Vorentscheidungen liegt. Rein formal unterschied sich das diesjährige Finale aus Frankfurt kaum vom dem von 1972 aus Berlin: es gab wiederum zwölf Beiträge und zehn Juroren (davon fünf „musikinteressierte Laien“), die jeden Song mit einem bis fünf Punkten zu bewerten hatten. Selbst die beiden Schlagerpärchen Cindy & Bert (DE 1974, DVE 1978) sowie Inga & Wolf waren erneut dabei.

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ESC 1972: Tage voll hellem Sonnenschein

Logo des Eurovision Song Contest 1972
Das Jahr der deutschen Diven

Das 1971 siegreiche Fürstentum Monaco, dank eigener Spielbank finanziell auf Rosen gebettet, lehnte die Austragung des Contests ab: nach offizieller Darstellung wollte Teleradio Monte Carlo den Event mangels geeigneter Halle erst im Juni 1972 im Freien abhalten. Das war den größeren Sendern, allen voran der BBC, zu spät: bis dato lief der Contest meist im März. Eine neue Halle konnte und wollte der Stadtstaat innerhalb weniger Monate aber nicht aus dem knappen Boden stampfen. Wie fast immer bei solchen Gelegenheiten sprang die BBC ein. So kam der Wettbewerb aus der Ehrfurcht einflößenden Usher Hall im schottischen Edinburgh. Die anbetungswürdige Tänzerin und Schauspielerin Moira Shearer (‚Die roten Schuhe‘) führte in unnachahmlich britischer Weise, in einer hinreißenden Mischung aus professioneller Strenge, aristokratischer Noblesse und natürlichem Charme durch den aus deutscher Sicht besten Jahrgang der Eurovisionsgeschichte.

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DE 1972: Und es wird gelingen!

Mary Roos, DE 1972
Die Überraschte

1972: unbestreitbar das beste deutsche Grand-Prix-Jahr aller Zeiten, eingeleitet von einer Vorentscheidung der Superlative! Als Gemeinschaftsproduktion des Hessischen Rundfunks und des Senders Freies (vulgo: West-) Berlin trumpfte die Veranstaltung mit einem großen Orchester unter der kompetenten Leitung von Paul Kuhn (→ Vorentscheid 1957), lustigen Balletteinlagen, einem fantastischen, sehr engagierten Chor (den Rosy Singers) und gleich zwei charmanten Moderatorinnen auf: nämlich Renate Bauer vom SFB und „Lottofee“ Karin Tietze-Ludwig vom hr. Sie hatten insgesamt zwölf Titel anzusagen, deren Interpret/innen erstmals direkt von den Plattenfirmen nominiert wurden. Was sich in einem hochkarätigen Angebot sowohl an aktuellen Schlagerstars als auch in der ausgezeichneten Qualität der meisten Wettbewerbsbeiträge niederschlug. Nur eine musste man ziehen lassen: Vicky Leandros (→ LU 1967, 1972, Vorentscheid DE 2006), die sich mit ihrem Lied ‚Dann kamst Du‘ aber keiner Konkurrenz stellen wollte.

Vicky Leandros: ob sie mit der deutschen Fassung ihres dann für Luxemburg auf französisch gesungenen Beitrags wohl ebenfalls den ESC gewonnen hätte? Für einen Top-Hit auf dem Heimatmarkt reichte es jedenfalls.

Die vor zwei Jahren noch kurzfristig krankheitsbedingt ausgefallene Edina Pop eröffnete den Reigen mit einem von Ralph Siegel getexteten (!) Schlager – die Premiere von Mr. Grand Prix! Versteckt hinter einer riesengroßen Sonnenbrille, ihrem Markenzeichen, legte Frau Pop viel Leidenschaft in den eher vergessenswürdigen Beitrag ‚Meine Liebe will ich Dir geben‘, aus dem sie ebensowenig einem Hit generieren konnte wie aus ihren deutschsprachigen Coverversionen der Eurovisionslieder ‚Vivo Cantanto‘ (→ ES 1969, bei ihr ‚Zwischen Wolga und Don‘) und ‚Knock, knock, who’s there‘ (→ UK 1970), in ihrer Fassung ‚Komm, komm zu mir‘. Größere Erfolge feierte sie dann als Teil von Siegels Retortenformation Dschinghis Khan (→ DE 1979). Teddy Parker ließ mit der Freddy-QuinnReminiszenz ‚Ich setze auf Dich‘ kurzzeitig die goldenen Fünfziger wieder aufleben und wurde damit Vorletzter. Olivia Molina, eine Sängerin mit unglaublich großem Mund und einem bei Katja Ebstein (→ DE 1970, 1971, 1980, DVE 1975) abgeschauten Fransenpony, setzte auf billige Zirkusromantik, ging in der ‚Größten Manege der Welt‘ aber zu Recht unter.

Geh die Straße nach New Orleans: C&B in Gospelschlagerekstase

Etwas ratlos ließen Cindy & Bert (→ DE 1974, Vorentscheid 1973, 1978) das anwesende Berliner Studiopublikum zurück. Das in späteren Hitparadenkarriere meist auf harmlose Urlaubsschlager abonnierte saarländische Pärchen intonierte mit dem sensationellen, mit gleich zwei → Rückungen aufwartenden Gospelknüller ‚Geh die Straße‘ das nach dem Black-Sabbath-Cover ‚Der Hund von Baskerville‘ wohl außergewöhnlichste Lied seines gesamten Repertoires. Für den rundweg fantastischen, mit Verve und Soul vorgetragenen Song, fraglos der beste Beitrag des Abends, ernteten die Beiden nichtsdestotrotz nur einen sehr verhaltenen Applaus. Lag es an den schlimmen, unpassenden Puffärmeln des weiblichen Parts des Duos? Hatte das Publikum mit einer solchermaßen herausragenden Darbietung erst gar nicht gerechnet (selbst Cindy schien an einigen Stellen leicht erschrocken zu sein, welche Töne ihrem zarten Leib da entfuhren) und war noch damit beschäftigt, die Toupets wieder aufzusammeln, die Frau Berger den Herren vom Kopf blies? Oder hallte hier noch der alte Reflex der späten Fünfziger nach, in denen man „schwarze“ Musik fürchtete wie den Leibhaftigen? Es bleibt ein Rätsel.

Ein Piranha mit Kochtopfschnitt: Olivia Molina beim deutschen Vorentscheid 1972 (ganze Sendung)

Es folgte die großartige Marion Maerz (‚Er ist wieder da‘), die sich von Klaus Doldinger mit dem angegospelten ‚Hallelujah Man‘ ebenfalls ein ziemlich gutes Stück hatte schreiben lassen, dies aber in einem völlig unpassenden, eher einer Nicole Hohloch (→ DE 1982) würdigen, folkloristischen Rüschchenkleidchen vortrug. Unglücklicherweise rüstete man die Bühne hinter ihr noch mit einem Spiegelkabinett auf, um das optische Grauen ins Unendliche zu vervielfachen. Keine gute Idee! Nur drei Jahre später schenkten sie und ihr damaliger Partner Frank Elstner ihrer Tochter Masha das Leben, die es 2004 beim Vorentscheid versuchen sollte. „Viel hilft viel“ war schon immer das Motto von Ralph Siegel, und so hatte er auch an diesem Abend noch einen zweiten Pfeil im Köcher. Nämlich in Form von Adrian Wolf, einem ehemaligen Hamburger Knabenchorist. Vermutlich als Siegelsche Antwort auf Jürgen Marcus (→ Vorentscheid 1974, 1975, LU 1976) angedacht, entpuppte er sich in der Realität allerdings eher als Schmalspurausgabe von Bernd Clüver (→ Vorentscheid 1983 1985). Siegels unausgegorener Soundmix (hier hatte er komponiert, was man sofort hört) endete als verdientes Schlusslicht. Herr Wolf veröffentlichte später ein paar Schlager auf niederländisch, hinterließ aber keinen bleibenden Eindruck in der europäischen Musikgeschichte.

Die Afro-Deutsche: Su Kramer

Zum sofortigen Publikumsliebling avancierte Su Kramer. Kein Wunder angesichts eines eingängigen, discotastischen Selbstwertschlagers mit aufbauendem Alles-wird-gut-Text („Du musst Dir vertraun und es wird gelingen“), ihrer modischen Afrowelle und eines offenherzigen Hosenkleids, das dreißig Jahre später Kylie Minogue zu einem ähnlich gewagten, ebenfalls nur mit knackigen sekundären Geschlechtsmerkmalen tragbaren Dress im Videoclip zu ‚Can’t get you out of my Head‘ inspirieren sollte. ‚Glaub an Dich selbst‘: die Kramer tat es offenbar. Und mit Recht! Inga & Wolf (→ Vorentscheid 1973) bildeten als alternativ kostümiertes Songschreiberpärchen einen akustischen wie optischen Kontrapunkt. Ihr von Reinhard Mey (unter dem Pseudonym Alfons Yondraschek) komponierter Evergreen ‚Gute Nacht, Freunde‘ sang wenig überraschend das Hohelied der Freundschaft. Unvergessen die von seligen Zeiten des reuelosen Genusses erzählenden Zeilen „Was ich noch zu sagen hätte / dauert eine Zigarette / und ein letztes Fass Glas im Stehn“. Auch sie gehörten zu den Favoriten.

Cindy & Bert in linksalternativ: Inga & der Brillen-Wolf

Nicht weiter der Rede Wert hingegen der Beitrag der damals wie heute völlig unbekannten Sandra Haas, vorgetragen zudem in einem die Augen beleidigenden Kleid, das noch nicht mal als Nachthemd für Seniorinnen in einem DDR-Altenheim durchgegangen wäre. Auch Sven Jenssen hätte seinen Song ‚Grenzenlos‘ besser ‚Chancenlos‘ genannt: textlich zwar ein sehr grandprixeskes Lied der Güteklasse naive Weltverbesserungsfantasie („Grenzenlos wünsch ich sie mir / weil dann für immer Frieden wär“), von einem Peter Hofmann für Arme in Knödeltenormanier vorgetragen, entpuppte sich das im Ganzen schlicht als: hoffnungslos. Aber ein bisschen Füllstoff muss es ja immer geben, dann wirkt der Siegertitel auch um so glanzvoller. Die fabelhafte Mary Roos (→ DE 1984, Vorentscheid 1970, 1975, 1982) verfügte mit ‚Nur die Liebe lässt uns leben‘ über eine von Joachim Heider (‚Er gehört zu mir‘, → Vorentscheid 1975) komponierte, wirklich durch und durch superbe Hymne an die Lebenskraft spendende Macht der Liebe, vergurkte das stimmlich anspruchsvolle Chanson jedoch ziemlich. Die Rosy Singers, die ihr vor allem im Refrain die Arbeit abnahmen, und ihre langjährige Bühnenerfahrung, die sie trotz Minderleistung tapfer weiter strahlen ließ, retteten die Chose vor einem Fiasko.

Dann wird wieder Dir vergeben: die Mary, die Roos

Peter Horten Horton (→ AT 1967, Vorentscheid DE 1975) schließlich bot ein heute mehr denn je aktuelles, für den Jurygeschmack aber eventuell etwas zu kritisches, anklagendes Liedermacherstück („Wo ist die Freiheit / von der man so viel spricht?“). Mit Porschefahrerbrille und einer leicht blasierten Ausstrahlung wirkte der Österreicher außerdem ein kleines bisschen unsympathisch. Sehr bedauerlich, denn ‚Wann kommt der Morgen‘ und sein von den Rosy Singers eindringlich intonierter Forderungskatalog nach Frieden, Freiheit, Morgen und Licht hatte Tiefgang und setzte dem progressiven Zeitgeist, der diese Vorentscheidung durchströmte, gewissermaßen die Krone auf. Nach einer als „Schlagersängerparodie“ angekündigten Balletteinlage kam es schließlich zu der langwierigsten Auszählung in der Geschichte deutscher Vorentscheide. Zehn Juroren, davon fünf TV-Gewaltige sowie fünf „musikinteressierte Laien“ (darunter das unfassbar angenervt wirkende „Fräulein“ Elfriede Hilliges, Vorschülerin zur Kinderkrankenschwester, und Peter Lau, seines Zeichens „Student der maschinellen Formgebung“, mit dem damals üblichen, aus ästhetischer Sicht jedoch unentschuldbaren Kassengestell) gaben einzeln ihre Punkte ab, die Miss Lottofee unter ganzem körperlichen Einsatz ebenso einzeln an die Magnettafel heftete.

Die Rosy Singers in Ekstase: Peter Horton liefert die Stichworte

Um eine ermüdend lange Geschichte abzukürzen: Cindy & Bert, Mary Roos sowie punktgleich Su Kramer und Inga & Wolf kamen in die Endrunde. Sie sangen ihre Beiträge nochmals, dann folgte eine erneute Abstimmung. Diesmal durfte jedes Jurymitglied nur noch seinen persönlichen Favoriten benennen. Inga & Wolf gingen nun überraschend völlig leer aus. Beim vorletzten Juror lagen Cindy & Bert (die in der ersten Runde noch führten!), Mary Roos und Su Kramer mit jeweils drei Punkten gleichauf. Emil Zalud, Unterhaltungschef des Saarländischen Rundfunks und Zünglein an der Waage, stimmte, wie die meisten anderen „Profi“-Juroren, für Mary Roos – zum Missfallen des anwesenden Studiopublikums, das hörbar buhte. Auch Mary hatte wohl in realistischer Einschätzung ihrer Leistung an diesem Abend nicht an einen Sieg geglaubt und, wie sie in Jan Feddersens Buch selbst schildert, bereits mit dem Abschminken begonnen, als man sie wieder auf die Bühne rief. Sie musste einen langen Studiogang entlang rennen, während die Kamera auf dem Dirigenten Paul Kuhn ruhte, der angesichts der divaesken Verspätung der Gewinnerin auch nur ratlos mit den Schultern zucken konnte.

Bei der Siegerreprise noch schlechter: Frau Roos

So zeigte sich Mary drolligerweise bei der Siegerreprise seh- und hörbar völlig außer Puste, zumal Paulchen ihr gerade zwei Zehntelsekunden lang Zeit zur Erholung ließ, bevor das Orchester einsetzte. So umstritten die Entscheidung an diesem Abend auch war: letztlich erwies sich die Wahl als eine gute, wie die dann hinreißende Performance Marys in Edinburgh und der dritte Platz für Deutschland bewiesen. Und auch Cindy & Bert, die damals Düpierten, erfuhren kosmische Gerechtigkeit: wie Cindy in einem hr-Interview erzählte, entschädigten sie die beteiligten Fernsehunterhaltungschefs für die Zurückweisung bei der Zweitabstimmung noch im Sommer des gleichen Jahres mit zahllosen TV-Auftritten, wodurch ihre Schlagerkarriere erst so richtig in Schwung kam. Nun nur leider nicht mehr mit fantastischen Gospelknüllern, sondern mit Spanischen Gitarren.

Deutsche Vorentscheidung 1972

Ein Lied für Edinburgh. Samstag, 19. Februar 1972, aus dem Studio A des Senders Freies Berlin. 12 Teilnehmer. Moderation: Karin Tietze-Ludwig und Renate Bauer.
#InterpretTitelPunktePlatzCharts
01Edina PopMeine Liebe will ich Dir geben27 | --06-
02Teddy ParkerIch setze auf Dich18 | --11-
03Olivia MolinaDie größte Manege der Welt20 | --09-
04Cindy & BertGeh die Straße41 | 030236
05Marion MaerzHallelujah Man30 | --05-
06Adrian WolfMein Geschenk an Dich13 | --12-
07Su KramerGlaub an Dich selbst38 | 0303-
08Inga & WolfGute Nacht, Freunde38 | 000422
09Sandra HaasDas Leben beginnt jeden Tag27 | --06-
10Sven JenssenGrenzenlos19 | --10-
11Mary RoosNur die Liebe lässt uns leben40 | 040117
12Peter HortonWann kommt der Morgen?27 | --06-

ESC 1971: Glück ist Hering in Dillsosse

Logo des Eurovision Song Contest 1971
Das Jahr des Aufbruchs

Heftige Auseinandersetzungen tobten Anfang der Siebzigerjahre hinter den Kulissen des Song Contests, unter anderem um das schon mehrfach geänderte Wertungssystem und über die Besetzung der → Jurys. Auch Deutschland drohte mit dem Ausstieg aus der Gemeinschaftsveranstaltung, sollte sie sich nicht endlich mehr dem Zeitgeist annähern. Doch der Grand Prix ist bekanntlich unkaputtbar, und so einigte man sich, ganz europäisch, auf einen Kompromiss. Dessen augenfälligstes Ergebnis war, dass die Juroren jetzt vor der Kamera und damit für alle sichtbar ihre Punkte verteilten statt wie bislang im Hinterzimmer. Zumindest in diesem Jahr sorgte das tatsächlich für annehmbare Abstimmungsergebnisse, vermutlich aus Angst der Juroren vor einem wütenden Lynchmob. Und es sorgte für eine Rückkehr zu alter Besetzungsstärke: nach nur zwölf Ländern in Amsterdam gingen in Dublin nun 18 Staaten ins Rennen um die europäische Chansonkrone.

Orchester, TV-Kameras, Moderatorin, Punktetafel – neben all den technischen Erforderlichkeiten passten noch etwa 20 Zuschauer/innen ins Point Theater zu Dublin

Zu den Rückkehrern zählte neben den Skandinaviern und Portugal auch Österreich, das sich eigentlich viel zu spät angemeldet hatte und nur deswegen zugelassen wurde, weil es geschickt darauf hinwies, dass sich 18 Länder auf der dreispaltigen Anzeigentafel optisch deutlich besser machen als 17. Zur Strafe musste es von Startplatz 1 aus ins Rennen. Der galt bis 1975, als eine weitere Österreicherin, nämlich die für Holland singende Getty Kaspers, von dieser Position aus siegte, als verflucht. Der ORF schickte die großartige Marianne Mendt, die kurz zuvor auch bei uns mit ihrer Debüt-Single, dem grandiosen Gospelschlager ‚Wie a Glockn (die 24 Stunden läut)‘, für Aufsehen gesorgt hatte. Ihren kommerzkritischen, mundartlich gesungenen Grand-Prix-Beitrag ‚Musik‘, der als eine Art Geburtsstunde des Austropop gilt (die minder flotten Deutschen brauchten mit ihrem Äquivalent, der NDW, mal wieder ein bisschen länger), trug sie mit beeindruckender Stimmkraft und Verve vor, scheiterte jedoch an der Sprachgrenze.

„Der überambitionierte österreichische Jazz- und Chanson-Versuch“ (Thomas Hermanns): Marianne Mendt (AT) gibt alles, erinnert aber optisch ein wenig an Betty Boop. In der → Postkarte kurz im Bild: die Wiener Stadthalle, wo 2015 der Contest stattfinden sollte.

So wie auch die Premiere feiernde Mittelmeerinsel Malta, heutzutage ein verlässlicher Lieferant für Eurovisionscamp. 1971 versuchten es die Insulaner zunächst mit landessprachlicher Folklore. Und das Mutter-Idiom der Malteser (zweite Amtssprache ist, der zeitweiligen Besetzung durch die Briten sei Dank, Englisch) besteht aus einer sehr eigenartigen Kreuzung aus melodisch-weichem Italienisch und dem für europäische Ohren eher aggressiv klingenden Arabisch. Folgerichtig erhielt Joe Grechs Tavernenschlager ‚Marija L’Maltija‘, der zudem mit einer fiesen Klatschfalle überraschte, als Begrüßungsgeschenk die Rote Laterne überreicht. Zu den überfälligen Ergebnissen des dauernden Ringens um Modernisierung beim Grand Prix zählte die amtliche Zulassung von Gruppen (mit maximal sechs Personen) ab diesem Jahr. Die Schweizer, sonst eigentlich nie vorneweg, nutzten als Erste diese neue → Regel und schickten ganz offiziell ein Gesangstrio, das sich nicht mehr, wie einstmals noch die Spanier (Los TNT, 1964), Jugoslawen (4M, 1969) oder die Niederländer (Heart of Soul, 1970), also Solosänger/in plus Chor tarnen musste. Peter, Sue & Marc (→ CH 1976, 1979, 1981) traten in der Folge noch mehrfach für die Eidgenossen an. Mit dem Belgier Fud Leclerc (→ BE 1956, 1958, 1960, 1962) teilen sie den Rekord für die meisten Eurovisionsteilnahmen, nur dass sie jedesmal in einer anderen Sprache sangen und über einen längeren Zeitraum dabei waren. Bei ihrer Premiere mit dem nachdenklichen Liedermacherstück ‚Les Illusions de nos vingt Ans‘ reichte es für eine Position im Mittelfeld.

Dieses Lied, dieses Lied, hat die Katja uns geschenkt (DE)

Wie gut sich ein Medaillenplatz, wenn auch nur ein bronzener, anfühlt, hatten die Deutschen im letzten Jahr erstmalig erfahren dürfen. Die bis dato ungewohnte Droge des Erfolges berauschte sie so stark, dass sie sofort den nächsten Schuss wollten und die hierfür verantwortliche Vorjahresvertreterin Katja Ebstein (→ DE 19701980, Vorentscheid 1975, Moderation 1981) gleich noch mal nominierten. Kommt einem irgendwie bekannt vor, gelle? Eine ausgezeichnete Wahl: Katja brachte den sensationellen Ökoschlager ‘Diese Welt’, mit dem die den Sozialdemokraten nahestehende Künstlerin all die seinerzeit beispielsweise im Ruhrgebiet oder der Gegend um Bitterfeld täglich erlebbaren Missstände (“Rauch aus tausend Schloten senkt sich über Stadt und Land”) thematisierte, die eine Dekade später zur Gründung der Grünen führten. Mit dieser Contest-Perle, in ihrem spannungsreich-düsteren Unterton auch musikalisch von erlesener Qualität, zeigte sich die Ebstein seherisch und ihrer Zeit weit voraus. Vielleicht zu weit: obschon es sich bei ‘Diese Welt’ um den eindeutig besten Beitrag beim Hauptwettbewerb in Dublin handelte, kam wieder nur der dritte Platz heraus. Immerhin mit einem im Vergleich zum Vorjahr deutlich geringerem Abstand zur Erst- und Zweitplatzierten.

Dann mach ich mir ein Loch ins Kleid und find es wunderbar: Karina (ES)

Eine davon war die direkt nach Katja startende Spanierin Karina, antretend in einem Maxikleid mit einem kreisrunden Loch auf Höhe der zarten Fesseln – ob hier die Idee für Goldie Hawns „Ich kann Dich durchschauen!“-Kleid in ‚Der Tod steht ihr gut‘ herstammt? ‘En un Mundo nuevo‘ muss man als ein in der Endphase des Franco-Regimes beinahe schon mutiges Lied bezeichnen, das – wenn auch schlagertypisch unbestimmt – die in der Luft liegende Hoffnung auf ein besseres Morgen in einer neuen Welt besang. Trotz Klatschfalle und Humptata-Finale erreichte sie einen gerechten zweiten Platz. Interessantes Detail: Karina (bürgerlich: María Isabel Bárbara Llaudes) nahm ihren Titel auch in einer fast wörtlich übersetzten deutschen Version auf (‚Wir glauben an morgen‘, akzentfrei nachgesungen dann von Mary Roos [→ DE 1972, 1984, Vorentscheid 1970, 1975, 1982]), während die Ebstein von ihrem die Dinge beim Namen nennenden, auf Veränderung setzenden Ökoschlager auch eine sehr eindringliche spanische Fassung (Este Mundo siempre asì) einspielte. Beide Songs trafen perfekt die überall zu spürende Aufbruchstimmung der beginnenden siebziger Jahre, in der die Menschen tatsächlich noch an ein neues, besseres Morgen glaubten.

Ohne Loch im Kleid: Mary mit der deutschen Fassung des spanischen Beitrags

Für Deine Liebe tut sie alles: Clodagh „Hotpants“ Rodgers (UK)

Nach diesen Höhenflügen wieder zurück in die Niederungen des Contestgeschäftes. Bei den nächsten beiden, musikalisch uninteressanten Nummern aus Frankreich und Luxemburg bieten allenfalls die Songtitel eine Vorlage für müde Flachwitze: während Serge Lama noch ziellos im ‚Jardin sur la Terre‘ herumspazierte, sammelte seine Nachfolgerin Monique Melsen hinter ihm die Früchte auf: ‚Pomme, Pomme, Pomme‘. Großbritannien entsandte einen etwas verhärmt wirkenden Abklatsch der Vorjahresvertreterin Mary Hopkin (→ UK 1970): Clodagh Rodgers verfügte über eine schwächere Stimme, zeigte dafür aber deutlich mehr Bein. In ihrem flotten, mehr geklopften als gesungenen Beitrag ‚Jack in the Box‘ (UK-Charts #4, DE #36, BE #3) degradierte sich die Sängerin textlich zum allzeit auf Knopfdruck bereiten Spielzeug: ihre Autoren hatten, wie sie in einem Interview sagten, am Beispiel von ‚Puppet on a String‘ (→ UK 1967) „bewusst studiert“, wie ein Grand-Prix-Lied beschaffen sein müsste, und ließen sich so zur (sexistischen) Spielzeugthematik inspirieren. Musikalisch glich der Titel ziemlich eindeutig dem Vorjahresbeitrag ‚Knock knock, who’s there?‘ – und folgte damit konsequent der von Cliff Richard (→ UK 1968, 1973) bereits drei Jahre zuvor gelegten Tonspur. „Poch, Poch, wer da?“ – wenn es in dieser Ära irgendwo klopfte, konnte man sicher sein: die Briten stehen vor der Tür.

Zu früh gefreut: im Gegensatz zu ihrem Promoclip schafften es Nicole & Hugo (BE) im wahren Leben dann doch nicht über den Ärmelkanal. So kamen wir 1973 erst in den Genuss ihrer Tanzdarbietungen.

Die zeigten sich übrigens wegen des eskalierenden Konfliktes mit der IRA sehr besorgt über die Frage, wen sie nach Dublin schicken sollten, und hatten die Nordirin Clodagh, die den Londoner Vorentscheid alleine bestreiten durfte, gewissermaßen als Wogenglätterin ausgewählt. Auch die 1996 verstorbene Kommentatorenlegende Terry Wogan kam so zu seinem Job: der Ire war erst wenige Wochen vor dem Contest von RTÉ zur BBC gewechselt. Er sollte für die nächsten Jahrzehnte die Wahrnehmung des Wettbewerbs auf der Insel mit seinen sarkastischen Spitzen entscheidend prägen. Den flockigen flämischen Easy-Listening-Beitrag ‚Goeiemorgen, morgen‘, ein Song wie ein lauwarmer Milchkaffee, hatte beim belgischen Vorentscheid noch das Kultduo Nicole & Hugo (→ BE 1973) gesungen. Aufgrund einer Gelbsucht Nicoles mussten beim Contest jedoch sehr kurzfristig Jacques Raymond (→ BE 1963) und Lily Castel einspringen, die sich die exaltierte → Choreografie der ursprünglichen Vertreter nicht mehr draufschaffen konnten, ihre Sache aber dennoch sehr ordentlich machten.

Der Link zwischen The Mamas & the Papas und Abba (SE)

Für Italien trat ein hübsches Kerlchen namens Massimo Ranieri (→ IT 1973) an, der seine gefühlssturmkitschige, mandolinengeschwängerte Ode an den Beischlaf, ‚L’Amore é un Attimo‘, mit derartig expressionistischer Hingabe und Dramatik intonierte, dass man stellenweise befürchtete, es könne ihn jeden Moment vor laufenden Kameras förmlich zerreißen. Gott sei Dank blieb er heil – so konnte er zwei Jahre später nochmal zum Contest zurückkehren. Der Neapolitaner nahm seine Nummer in mehreren Sprachen auf, darunter in einer sehr possierlichen deutschen Fassung als ‚Die Liebe ist ein Traum‘. Sein belgischer Eurovisionskollege Luis Neefs (→ BE 1967, 1969) coverte den Schlager als ‚Omdat ik van je hou‘. Für Ranieri schloss sich eine Karriere als Filmschauspieler in seiner Heimat an. Neben den Schweizern nutzten auch die Schweden die neue Gruppenfreiheit mit der Family Four (→ SE 1972): zwei bärtige Herren, zwei Damen, die eine blond, die andere brünett, eine davon mit Namen Agneta, und im Gepäck eine optimistisch swingende Happysoundnummer (‚Vita vidder‘) – wieso kommt einem das Konzept nur so bekannt vor?

Gibt wirklich alles: Massimo (IT)

Das Gastgeberland schickte eine singende Schwarzwälder Kirschtorte namens Angela Farell, die ziemlich schlecht abschnitt. Was aber angesichts der Aufregung, als verhältnismäßig kleine und arme Nation erstmals einen Event dieser Größenordnung stemmen zu müssen, gar nicht ins Gewicht fiel – nach Recherchen von Gordon Roxburgh gab RTÉ 44.000 € alleine für die notwendige technische Umstellung von schwarzweiß auf Farbe aus und musste im Vorfeld mit erbitterter senderinterner Opposition wegen der hohen Kosten umgehen. Am Ende aber konnte man heilfroh bilanzieren, dass „die Reputation“ der TV-Station noch „intakt“ sei, wie der spätere Unterhaltungschef David Blade Know in seinem Buch ‚Ireland and the Eurovision‘ so schön formuliert. Die Niederlande steuerten das Vorbild für Inga & Wolf (→ DVE 1972) bei, nämlich ihr Liedermacherpärchen Saskia & Serge. Sie hatten keine all zu gute ‚Tijd‘ auf der Bühne: die ihren mediäval anmutenden Beitrag musikalisch prägenden Blockflöten klangen live, als ob in einem schallgedämpften Nebenraum zwei Grundschüler an dem Instrument übten. Saskias Mikrofon produzierte entweder Tonausfälle oder fiese Rückkoppelungen, und dass der fusselbärtige Serge seine Gitarre direkt unter dem Kinn tragend zupfte, weil man scheinbar vergessen hatte, ihm ein zweites Mikro zu installieren, irritierte ein wenig. So, als wollten sie die Klischees über ihre Hauptstadt Amsterdam unbedingt bestätigen, sahen die Beiden auch noch so ausgemergelt aus, wie es für langjährige Drogengebraucher/innen typisch ist.

Ein frühes Hipsterpärchen: Saskia & Serge (NL)

Ungewohnten Optimismus verbreiteten hingegen die Portugiesen: obwohl das irische Orchester ihren fröhlichen Folkschlager ‚Menina‘ nur mit ungefähr der Hälfte des Tempos der fast schon speedmetalartig schnellen Studiofassung zelebrierte, gehört der Titel zu den wenigen lusitanischen Grand-Prix-Beiträgen, die nicht in die sofortige Depression führen. Ein kurzer Kameraschwenk ins Publikum direkt nach Tonichas Performance (in einem wirklich farbenfrohen Maxikleid) sorgte für den Kultmoment des Abends, zeigte er doch eine für wenige Sekunden enthusiastisch applaudierende Zuschauerin, die plötzlich mitten in der Bewegung einfror, so als habe ihr jemand den Stecker gezogen. Oder wurden wir hier Zeugen eines Fehlers in der Matrix? Der jugoslawische kroatische Vertreter Krunoslav Slabniac hatte sich in ein Sakko geworfen, das aussah wie aus einem Wandteppich genäht, nur dass der Kragen großräumig fehlte. Dafür glänzte er mit den ersten Schulterpolstern der Modegeschichte. Seine hochgradig melodramatische Trennungsschmerzballade ‚Tvoj Dječak je tužan‘, vom Kollegen Ivica Krajač (→ YU 1969) komponiert und späteren Balkan-Schmachtfetzen wie ‚Lane Moje‘ (→ RS 2004) in punkto große Gefühle durchaus ebenbürtig, stieß allerdings auf taube westeuropäische Jurorenohren.

Eine Farbexplosion: Antónia de Jesus Montes Tonicha Viegas (PT)

Für Norwegen schließlich spazierte eine gut beschirmte Hanne Krogh (1985 eine Hälfte der siegreichen Bobbysocks, 1991 ein Viertel von Just4Fun: für den folgerichtig nächsten fälligen Auftritt als ein Achtel von irgendwas müsste die EBU zunächst die Regeln ändern) über die Bühne und listete auf, was ihrer Meinung nach Glück sei: ‚Lykken er…‘ „eine Steuerrückzahlung“, „eine Stunde in der Badewanne“ oder „Hering in Dillsoße“. Ah ja – für den Hering sicher nicht, außer man lässt ihn am Leben und füllt die Dillsoße in die Badewanne! Aber auch Hanne brachte die Nummer wenig Fortune: Platz 17. Es gewann eine kleine, verhältnismäßig korpulente Sängerin mit Sturzhelmfrisur aus Paris, die allerdings für das finanziell gut situierte Monaco an den Start ging. Séverine zählt unbestreitbar zu denen, die den Contest durch schiere Willenskraft bezwangen. Was sich vor allem im letzten Refrain ihrer kraftvollen Mein-Park-soll-schöner-werden-Hymne ‘Un Banc, un Arbre, une Rue’ manifestierte, als sie nach der → Rückung die kurzen Ärmchen völlig entfesselt in die Luft warf und derartig enthusiastisch und voller glühender Verve sang, dass die Juroren gar nicht anders konnten, als sie zur Belohnung mit Punkten zu überhäufen. Auch ihr männlicher Begleitchor ließ sich von Séverines Begeisterung anstecken und gab alles, nachdem er sich zuvor schon mit dem mantraartigen Durchsummen des Refrains während der wenigen Strophen in Stimmung gebracht hatte.

Glaub an Dich selbst und es wird gelingen: Séverine (MC)

Und auch wenn sich das Fürstentum, das die Austragung des Contests im Folgejahr vor unüberwindbare logistische Hindernisse stellte, über Séverines Sieg nicht amüsiert zeigte, bleibt ihr das Wissen um einen unsterblichen Auftritt und einen vielfach, unter anderem von den Song-Contest-Kolleginnen Kirsti Sparboe (→ NO 1965, 19671969), Siw Malmkvist (→ SE 1960, DE 1969, Vorentscheid DE 1962, Vorentscheid SE 2004), Marianne Rosenberg (→ Vorentscheid 1975, 1980, 1982) und Tereza Kesovija (→ MC 1966, YU 1972) gecoverten, europaweiten Millionenseller (#13 NL, #9 UK, #5 CH, #3 BE, #2 NO). Als beschämend muss man aber bezeichnen, was die Deutschen ihr antaten: nicht nur musste Josiane Grizeau (so ihr bürgerlicher Name) eine unsägliche, phonetisch eingesungene deutsche Fassung ihres Grand-Prix-Titels aufnehmen: ‚Mach die Augen zu (und wünsch Dir einen Traum)‘ verkaufte sich hierzulande sogar einen Tick besser (#20, während das Original auf #23 verendete). Was zur Folge hatte, dass sie anschließend mit grausligen Bierzeltschlagern durch deutsche TV-Shows tingelte. Und sich 1975 und 1982 gar beim deutschen Vorentscheid bewarb, natürlich umsonst.

Teilte sich mit Severine eine Frisur: Krunoslav (YU)

Eurovision Song Contest 1971

Eurovision Song Contest. Samstag, 3. April 1971, aus dem Gaiety Theatre in Dublin, Irland. 18 Teilnehmerländer, Moderation: Bernadette Ní Challchoir.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01ATMarianne MendtMusik06616
02MTJoe GrechMarija L-Maltija05218
03MCSévérineUn Banc, un Arbre, une Rue12801
04CHPeter, Sue & MarcLes Illusions de nos vingt Ans07812
05DEKatja EbsteinDiese Welt10003
06ESKarinaEn un Mundo nuevo11602
07FRSerge LamaUn Jardin sur la Terre08210
08LUMonique MelsenPomme, Pomme, Pomme07013
09UKClodagh RodgersJack in the Box09804
10BEJacques Raymond + Lily CastelGoeie Morgen, Morgen06814
11ITMassimo RanieriL'Amore è un Attimo09105
12SEFamily FourVita vidder08507
13IEAngela FarellOne Day Love07911
14NLSerge + SaskiaTjid08506
15PTTonichaMenina08309
16YUKrunoslav SlabinacTvoj dječak je tužan06815
17FIMarkku Aro + Koivisito SistersTie uuteen Päivään08408
18NOHanne KroghLykken er06517

DE 1971: Es ist schön auf ihr

Katja Ebstein, DE 1971
Die Ökologische

‚Wunder gibt es immer wieder’ – und im Vorjahr war tatsächlich eines geschehn: erstmals in der bisherigen Grand-Prix-Geschichte konnte Katja Ebstein (→ DE 19701980, Vorentscheid 1975, Moderation 1981) für das bis dato beim internationalen Wettsingen eher glücklos agierende und nur sehr mäßig erfolgreiche Deutschland einen (bronzenen) Medaillenplatz erringen. Und um das Glück perfekt zu machen, zudem noch mit einem Titel, der beim Publikum wie bei der Kritik gleichermaßen Anklang fand. Der seinerzeitige Grand-Prix-Verantwortliche Hans-Otto Grünefeldt vom Hessischen Rundfunk witterte Morgenluft und buchte die Schlagersängerin mit der sozialdemokratischen Weltverbessererattitüde in diesem Jahr gleich fest. Wie man sieht, folgte das LenaDoppel also einem historischen Vorbild, und nicht dem Schlechtesten!

Chart-Watch 1971: Der Sommerhit des Jahres stammte, wie im restlichen Europa, auch in Deutschland von Peret (ES 1974)

Katja sah natürlich ihre Chance, ihre durch den Song Contest fundierte Karriere durch einen erneuten prominenten TV-Auftritt zu festigen und sagte gerne zu. Um auch die Lobbyverbände zu beglücken, durften ihr sechs bekannte und in der Standesvertretung organisierte Schlagerkomponisten jeweils ein Lied auf den schlanken Leib schreiben. Die Ebstein sang sie in Zweierblöcken weg, in den Umkleidepausen unterbrochen von einer neuerlichen britischen Tanzformation, die – hektisch durch das Studio wirbelnd – für einen internationalen Touch sorgte. Auch der hippe Farbenrausch des Vorjahres feierte seine Rückkehr, wobei man die wilden Lichtprojektionen diesmal im Bluescreenverfahren hinter die Sängerin schnitt, während diese vor der Studiowand stand und mit – je nach persönlicher Zuneigung zum Titel – mehr oder minder starkem Einsatz performte.

Diese Welt: in einem garantiert nicht aus Bio-Baumwollfaser hergestellten Dress sinnierte Katja über die Folgen der Umweltzerstörung

Als weniger hipp erwies sich die Moderation von Günther Schramm, der sich zwar alle Mühe gab, senderseits jedoch gezwungen wurde, das Publikum mit stundenlangen, schulmeisterlichen Belehrungen zum Thema → Komponistenwettbewerb und zur Punktevergabe zu langweilen. Wie dünnhäutig und unentspannt der Hessische Rundfunk mit der Show umging, zeigt ein Zwischenfall: Schramm musste auf Weisung des hr-Justitiars noch in der laufenden Sendung seine unbedachte Bemerkung präzisieren, die Juroren säßen im Nebenstudio, wo sie ihre Wertung “abstimmen” würden: natürlich nicht untereinander, wie *hüstel* böswillige Verschwörungstheoretiker mutmaßen könnten, sondern nur mit sich selbst! Nicht, dass es wieder Manipulationsvorwürfe gibt! “Bevor man diese Sendung moderiert, hat man besser Jura studiert”, so der genervte Seufzer Schramms.

Alle Menschen will sie fragen, die Katja. Da hat sie aber gut zu tun!

Überhaupt, die Wertung: in Anlehnung an das beim Hauptwettbewerb praktizierte Verfahren durften erstmals neben den fünf ARD-Fernsehunterhaltungschefs auch fünf “musikinteressierte Laien”, alle unter 25 Jahren, gleichberechtigt mitvoten. Damit sollte, ganz im Sinne des zeitlos gültigen Willy-Brandt-Mottos „mehr Demokratie wagen“, auch die Stimme der aufrührerischen Jugend Berücksichtigung finden. Natürlich trug der nur bedingt wagemutige hr jedoch durch die Auswahl Violine spielender Musikstudentinnen dafür Sorge, dass diese bloß nicht all zu aufrührerisch ausfallen möge. Um so bemerkenswerter, dass die Wahl generationsübergreifend auch bei den älteren Juroren auf den einzigen politischen Song des Abends fiel: den die Umweltverschmutzung anprangernden und die über alle Maßen Ressourcen vernichtende Lebensweise der Industriestaaten in Frage stellenden Öko-Schlager ‘Diese Welt’, ein musikalisch wie inhaltlich packendes, qualitativ herausragendes Stück. Oder, wie Katja es lakonisch formulierte: „Wir wussten, wir lieferten keinen Schrott ab“. Wohl wahr!

„…auf der Welt“: unterhalb des ganzen Planeten tut’s die Ebstein nicht!

Die restlichen fünf Songs des Abends vermochten da nicht mitzuhalten, selbst wenn sie textlich das beliebte Schlagerthema “Liebe” vom üblichen Kleinklein des Zwischenmenschlichen zum Allgemeinplatz mit globalem Anspruch aufbliesen. So wie beispielsweise ‘Alle Menschen auf der Erde’, die Komposition von Ebsteins damaligem Ehemann und Produzenten Christian Bruhn, welche die Sängerin persönlich selbstredend favorisierte, wie sie später im Interview mit Jan Feddersen zugab. Auch der sonst so progressive Tonsetzer Horst Jankowski (‚Ein Hoch der Liebe‘, → DE 1968) lieferte diesmal mit ‚Es wird wieder geschehn‘ musikalisch arg konventionelle Ware. Um nicht ungerecht zu erscheinen: solche Ausnahmetitel wie ‘Wunder gibt es immer wieder’ und ‘Diese Welt’ schreiben sich halt nicht im Dutzend. In den Charts reichte es für den auch heute noch nichts von seiner Aussagekraft eingebüßt habenden Öko-Song erneut für Rang 16.

Leben von der Liebe: wenn das die Nahles hört, kürzt sie gleich wieder den Hartz-Vier-Regelsatz!

Vorentscheid DE 1971

Ein Lied für Dublin. Samstag, 27. Februar 1971, aus dem Sendestudio des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main. Eine Teilnehmerin, Moderation: Günter Schramm.
#InterpretTitelPunktePlatzCharts
01Katja EbsteinDer Mensch lebt von der Liebe2705-
02Katja EbsteinAlle Menschen auf der Erde370216
03Katja EbsteinEs wird wieder geschehn2804-
04Katja EbsteinDiese Welt430116
05Katja EbsteinIch bin glücklich mit Dir2506-
06Katja EbsteinIch glaube an die Liebe auf der Welt3702-

ESC 1970: Schmetterlinge und Bienen

Logo des Eurovision Song Contest 1970
Das psychedelische Jahr

Ein neues Jahrzehnt, ein neuer Aufbruch. Das bekam das Publikum schon bei der deutschen Vorentscheidung zu spüren, die sowohl inhaltlich und optisch als auch musikalisch einer kleinen Revolution gleichkam. Revolutionär auch unsere Vertreterin in Amsterdam, Katja Ebstein (→ DE 1971, 1980, Vorentscheid 1975, Moderation 1981). Aus der Liedermacherszene kommend und mit sozialkritisch-aufklärerischer Attitüde ausgestattet, sang die spätere SPD-Wahlkämpferin und Heinrich-Heine-Rezitatorin einen von Christian Bruhn geschriebenen Tröstungsschlager namens ‘Wunder gibt es immer wieder’. Ein unvergesslicher Evergreen, weil er sich musikalisch wie textlich sehr deutlich von der bisher üblichen, biederen Schlager-Standardware unterschied.

Katja in Eisvogel-Blau (DE)

Ein gewaltiges, spannungsgeladenes Intro mit einer Blue Note als Hinhörer; der gedehnte und damit dramatisch wirkende Gesang der Ebstein; ein Liedtext, der zu einem bewussten Leben und zum aktiven Selbstgestalten des eigenen Schicksals auffordert; sowie ein furioses Finale machten das Lied zu einem Meilenstein der Contestgeschichte und einem der besten Popsongs überhaupt. Und, wie um den Songtitel zu bestätigen, erzielte die Ebstein in Amsterdam mit Rang 3 das bis dahin beste deutsche Eurovisions-Ergebnis. In ihrem sensationellen, spacigen Outfit mit schickem Mini, silbernen Astronautenstiefeln und lichtblauem Maximantel – niemand in der über sechzigjährigen Contestgeschichte konnte unsere Katja jemals modisch toppen – erreichte sie erstmals für Deutschland eine Medaillenposition beim europäischen Gesangswettstreit. Dafür hatten sie ihre Landsleute so lieb, dass die ARD sie für das kommende Jahr gleich fest buchte – eine Vorgehensweise, die sich exakt dreißig Jahre später mit einer gewissen Lena Meyer-Landrut (→ DE 2010, 2011) wiederholen sollte.

Die irische Andrea Jürgens: Dana National

Die 1970er Siegestrophäe indes ging an die gerade achtzehnjährige Irin Dana (geborene Rosemary Brown) und ihr ‘All Kinds of Everything’, einen weiteren Eurovisionsevergreen, wenn auch keiner der von mir goutierten Sorte. Sie gab sich ganz als die naive, natürliche Unschuld vom Lande, wie Jahre später Nicole Hohloch (→ DE 1982) auf einem Hocker sitzend (allerdings ohne Lagerfeuergitarre) und mit enervierend hoher Kinderstimme wolkig-harmlose Allgemeinplätze über die Liebe intonierend. Das war alles sehr geschickt auf heile Welt und Kindchenschema produziert. Was vor Ort auch darin Ausdruck fand, dass Danas mitangereiste Eltern ihren Augapfel im verderbten holländischen Sündenpfuhl Amsterdam nicht eine Sekunde von der Leine ließen. Kein Wunder, dass die kleine Dana im Gegensatz zu Katja später einen politisch stramm konservativen Kurs einschlug: nach einer Karriere als Fernsehpredigerin in den USA kandidierte sie Ende der Neunziger (und erneut in 2011) für den Posten der irischen Präsidentin, allerdings ohne Erfolg. Von 1999 bis 2004 saß sie im Europaparlament, wo sie sich vor allem als fundamentalistisch strenge Abtreibungsgegnerin hervortat – eine Position, die sie mit Katja Ebsteins enger Freundin und Grand-Prix-Kollegin Inge Brück (→ DE 1967) teilt.

Herein, wenn’s kein Wogan ist: Mary Hopkin (UK)

Zu der Fraktion “Eurovisionslieder, die man sofort erkennt” gehört auch das (natürlich!) zweitplatzierte Stück ‘Knock knock, who’s there’ der von den Beatles entdeckten und von ihrem Apple-Label (nein, keine Division des heutigen Herstellers von schick designten, massiv überteuerten Mobiltelefonen) gesignten Britin Mary Hopkin, die 1968 mit ‚Those were the Days‘ einen ersten großen Hit landen konnte. Ihr Beitrag arbeitete, dem Titel gerecht werdend, mit den seinerzeit im englischen Pop sehr beliebten Klopfmotiven und erwies sich als eher einfach strukturiert, war an diesem Grand-Prix-Abend nach sechs vorausgegangenen Langeweileliedern jedoch hochwillkommen, was sich auch am frenetischen Saalapplaus bemerkbar machte. Die Interpretin selbst mochte den Titel, den ihr das britische TV-Publikum unter sechs möglichen Alternativen in einem Song-Vorentscheid ausgesucht hatte, weil es am deutlichsten der Humptata-Siegesformel von ‚Puppet on a String‘ (→ UK 1967) entsprach, hingegen gar nicht. Der Buchautor Gordon Roxburgh zitiert sie im zweiten Band seiner Serie Songs for Europe mit den Worten: „Es war mir so peinlich. Es ist furchtbar, auf der Bühne zu stehen und ein Lied zu singen, das Du hasst“. Die Arme!

Sweet, sweet Gwendolyne: Julio in der Strafhose (ES)

Für Spanien trat ein ehemaliger Fußballspieler des FC Real Madrid an, der hier den Grundstein für seine noch folgende Karriere als erfolgreichster Schnulzensänger Europas legte. Abertausende von Hausfrauen sollten im Laufe der Zeit bei seinen Konzerttourneen vor Verzückung in Ohnmacht fallen und ihm jahrzehntelang ausverkaufte Säle sowie goldene Schallplatten in rauen Mengen sichern: laut Wikipedia setzte er insgesamt mehr als 300 Millionen Tonträger ab. Hier landete der noch etwas fahrig wirkende und in einer babyblauen Achselhose ziemlich unschön anzuschauende Julio Langnesias Iglesias, der Mann mit dem zarten Schmalz, mit seiner schmachtend vorgejaulten ‘Gwendolyne’ auf dem vierten Rang. Grund seiner Nervosität war übrigens, dass seine Delegation ihm vor dem Auftritt die Sakkotaschen hatte entfernen lassen, auf dass er nicht die Hände darin vergrabe. Nun wusste er nicht, wohin damit – ein Schicksal, dass er mit zahlreichen anderen männlichen Eurovisionsinterpreten teilt. So wie beispielsweise mit dem mediterranen Konkurrenten Gianni Morandi, der während seiner Darbietung des mitreißenden Italoschlagers ‚Occhi di Raggazi‘ mehrfach – wenngleich vergeblich – versuchte, flügelschlagend von der Bühne abzuheben.

Dominique Dussel Dussault und ihr deutsches Idol (MC)

Deutschland sah sich nicht nur von Katja repräsentiert: die für Monaco antretende junge Französin Dominique Dussault himmelte in ihrem Lied die unsterbliche deutsche Schauspielerin ‘Marlene’ Dietrich an, in ihrer verführerisch-geheimnisvollen Androgynie seit jeher ein Lesbenidol. Dominique imitierte im Laufe ihrer Femmage die beliebtesten Posen des Filmstars. Das war von hoher unfreiwilliger Komik, denn der eher kompakten, schneckenlockigen Interpretin selbst ging jeglicher Glamour ab – es wirkte, als wenn Helga Beimer versuchte, Madonna nachzuahmen. Das Gastgeberland schickte ein am Vorbild längst verblichener amerikanischer Motown-Girlgroups orientiertes Trio namens Hearts of Soul: drei Schwestern, die 1977 erneut unter dem Namen Dream Express für Belgien antraten. Stella Maessen, die ganz rechts außen, schenkte uns 1982 außerdem noch das unglaublich schöne ‚Si tu aimes ma Musique‘. Ihre in Amsterdam vorgetragene Reverenz an das vom weltweit erfolgreichen Musical ‚Hair‘ ins popkulturelle Kollektivbewusstsein transportierte Wassermannzeitalter vermochte jedoch aufgrund des vom heimischen Orchester stark gebremsten Tempos bedauerlicherweise nicht zu überzeugen. Schade, denn mit anderthalbfacher Geschwindigkeit abgespielt, entwickelt der Song doch noch so etwas wie Groove. Probieren Sie es aus: in den Youtube-Einstellungen (das Zahnrädchen rechts unten) leicht zu finden, verbessert ein höheres Tempo bei vielen Eurovisionsbeiträgen den Genuss!

Die Supremes auf Valium: Hearts of Soul (NL)

Der psychedelische Look der deutschen Vorentscheidung setzte sich in Amsterdam fort: mit freischwebenden Kugeln erschufen die Holländer eine ziemlich futuristische Bühnen-Atmosphäre, in der die antretenden Künstler/innen jedoch, insbesondere bei eher klassischen Stücken, gelegentlich etwas fremd wirkten. Bestes Beispiel: der am Veranstaltungsort geborene niederländische Schlagersänger David Alexandre Winter, der im Vorjahr einen Nummer-Eins-Hit in Frankreich hatte und nun Luxemburg vertrat. Er sei direkt „vom Himmel gefallen“, wie er in seinem hoffnungslos altmodischen Schlager behauptete – und zwar offenbar ohne Fallschirm: der wild mit den Armen rudernde Winter zerschellte mit (absolut gerechten) → null Punkten auf dem Boden der Jurywertungen. Später siedelte er, wie die Alleswissende Müllhalde berichtet, in die USA über, wo er Gebrauchtwagen verkaufte. Ein allgemein als eher halbseiden angesehener Beruf, wie ihn auch Dieter Thomas Heck (→ DVE 1961) vor seiner Karriere als Radio-DJ und Pate der ZDF-Hitparade ausübte. Und der nahe liegt: in beiden Jobs muss man mit voller Überzeugung notdürftig aufpolierten Schrott an übertölpelte Kunden verhökern können.

Naschte der Schauspieler und Sänger in Amsterdam von närrischen Pilzen oder wie erklärt sich sein wildes Herumgehampel? (IT)

Dass der Contest überhaupt in der Kifferwelthauptstadt stattfand, verdanken wir nach Roxburghs Recherche einem Zufall: nachdem im Vorjahr vier Länder punktgleich siegten, von denen zwei – nämlich das Vereinigte Königreich und Spanien – bereits 1968 respektive 1969 den Wettbewerb organisiert hatten, entschied ein Münzwurf zwischen den verbliebenen Kandidaten Holland und Frankreich, wer 1970 als Veranstalter dran war. „Die Niederlande verloren,“ kommentierte ein BBC-Mitarbeiter maliziös den Ausgang der Entscheidung. Die Gastgeberschaft machte sich erneut bei der höchst effizienten, fast schon frostigen Moderation bemerkbar: der bei der Punktevergabe bis weit über die Grenze zur Unhöflichkeit hinaus straffe Ablauf führte – bei nur zwölf Teilnehmern, denn alle skandinavischen Länder und Portugal hatten aus Protest gegen die Wertungsfarce des Vorjahres abgesagt – nicht nur zu einer außergewöhnlich kurzen Sendezeit, sondern verstärkte auch den unpersönlichen, kalten Eindruck dieses Jahrgangs. Die Show dauerte nur knapp 75 Minuten, obwohl das niederländische Fernsehen die Sendung erstmals mit eigens angefertigten Einspielfilmchen zwischen den Songs streckte, welche die antretenden Interpret/innen in ihrer jeweiligen Heimat(haupt-)stadt zeigten. Diese aus der Not geborene Idee sollte sich dauerhaft halten: noch heute werden die Umbaupausen zwischen den Live-Auftritten mit den sogenannten → Postkarten überbrückt.

Der Sieger des portugiesischen Vorentscheids 1970, Sérgio Borges, durfte dann doch nicht fahren. Da haben wir noch mal Glück gehabt!

Kommerziell hingegen lief alles rund: die drei erstplatzierten Sängerinnen landeten maßstabsgerecht auf Rang #4 (Dana), #12 (Mary Hopkin) und #16 (Katja Ebstein) in den deutschen Verkaufscharts. Die beiden englischsprachigen Songs erreichten zudem europaweit die Top Ten, wobei sich Frau Hopkin (#2) in den britischen Charts ebenso wie beim Contest der Irin Dana (#1) geschlagen geben musste. Die konnte weltweit mehr als zwei Millionen Exemplare ihrer Single verkaufen und bescherte ihrem Volk, das es laut dem Buchautor (‚Ireland and the Eurovision‘) und zeitweiligen RTÉ-Unterhaltungschef David Blake Knox bis dato „nicht gewohnt war, irgendetwas zu gewinnen“, enorme nationale Glücksgefühle. Danas Sieg war zudem mit einer hohen innenpolitischen Bedeutung aufgeladen, stammte sie doch aus der nordirischen Stadt (London-)Derry, einem der zentralen Schauplätze der seinerzeitigen blutigen Auseinandersetzungen zwischen protestantischen Unionisten und katholischen Separatisten. Die nationale irische Fluggesellschaft Aer Lingus transportierte die junge, nach eigener Aussage friedliebende Katholikin („Das, was dort passierte, das hatte mit uns nichts zu tun) am Sonntag nach ihrem Sieg direkt von Amsterdam nach Derry, wo sie von einer frenetisch jubelnden Menge empfangen wurde – der erste Flug der Linie, der im offiziell britischen Hoheitsgebiet landen durfte.

Nein, das ist kein stilisiertes Hakenkreuz – das Logo des ESC 1970 setzte sich aus vier kreisförmig angeordneten Musiknoten zusammen.

Eurovision Song Contest 1970

Eurovisie Songfestival. Samstag, 21. März 1970, aus dem Rai Congrescentrum in Amsterdam, Niederlande. Zwölf Teilnehmerländer. Moderation: Willy Dobbe.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01NLHearts of SoulWaterman0707
02CHHenri DèsRetour0806
03ITGianni MorandiOcchi di Ragazza0510
04YUEva SršenPridi, dala ti bom Cvet0411
05BEJean ValléeViens l'oublier0508
06FRGuy BonnetMarie Blanche0805
07UKMary HopkinKnock, knock, who's there?2602
08LUDavid Alexandre WinterJu suis tombé du Ciel0012
09ESJulio IglesiasGwendolyne0804
10MCDominique DussaultMarlène0509
11DEKatja EbsteinWunder gibt es immer wieder1203
12IEDanaAll kinds of everything3201

DE 1970: Musst Du sie auch sehn!

Katja Ebstein, DE 1970
Die Weltverbessererin

Eine Veranstaltung wie ein Drogenrausch: kurz, bunt und knallig. Der Kontrast zur viel belächelten 1969er Kleintierzüchtervereinsvorstandssitzung, ebenso wie diese Show vom Hessischen Rundfunk produziert, hätte nicht krasser ausfallen können. Niemals zuvor und nie wieder danach atmete eine deutsche Eurovisionsvorentscheidung so intensiv den Duft der großen weiten Welt. Beziehungsweise, präziser gesagt: Londons. Von dort her flog der hr die aus der britischen Chartshow Top of the Pops bekannte Tanzformation Pan’s People ein, die in den Wertungspausen anstelle des preußischen Ehepaars Trautz das Publikum im Sendestudio (und vor den Bildschirmen) unterhalten sollte. Und wie sie das taten!

Im Spätsommer der Liebe: Pan’s People 

Knallig bunt und aufreizend knapp gekleidet, wirbelten sie zu den Klängen der Beatles bzw. des ‚Clapping Song‘ derart wild auf der Bühne herum, dass sich die Zuschauer/innen vor lauter Farben und Bewegung auf einem LSD-Trip (oder zumindest im Afri-Cola-Rausch) wähnen mussten. Augenscheinlich hatten die Leute des Pan dazu noch gleich das Frankfurter Sendestudio eingerichtet, denn bunt und psychedelisch wirkten auch die Projektionen auf der Videoleinwand, vor der die Interpret/innen dieser Vorentscheidung ihre Beiträge zum Besten gaben. Selbst die sechs Titel, wenngleich textlich allesamt eher banale Liebesschlager, wirkten doch durch ihren musikalischen Vortrag, nicht zuletzt durch die tatkräftige Hilfe des begleitenden Günter-Kallmann-Chores, der so spacig klang wie eben frisch von der Raumpatrouille entführt, geradezu revolutionär modern. Bereits die Eröffnungssequenz, eine verjazzte (und somit beinahe erträgliche) Instrumental-Interpretation des letztjährigen deutschen Beitrags ‘Primaballerina’ wies die Richtung.

Der swingende Topflappen: Mary Roos mit einer ihrer anbetungswürdig lässigen Performances, für die wir sie so sehr lieben

Die großartige, fantastische, nicht hoch genug zu lobende Mary Roos (→ DE 1972, 1984, Vorentscheid 1975, 1982) eröffnete das Feld mit Grandezza. In einen riesigen, handgehäkelten, FDP-farbenen Topflappen gewandet, mit gestufter Kurzhaarfrisur und Orion-Eyeliner sah sie nicht nur extrem stylish aus, sondern interpretierte ihr fabelhaftes ‘Bei jedem Kuss’ auch noch dermaßen übertrieben cool, als handele es sich um eine Aufforderung zum Trendclubhopping à la Petula Clark (‚Downtown‘). Nichts schlagerhaft Dumpfes haftete diesem Auftritt an, wie es in den Sechzigern noch üblich war: hier begann eine neue deutsche Eurovisionsära! Und das eher zufällig: eigentlich sollte Edina Pop (→ Vorentscheid 1972, DE 1979 als Teil von Dschinghis Khan) die Nummer singen, sie fiel jedoch kurzfristig krankheitsbedingt aus. Mary sprang als Interpretin ein, was vielleicht erklärt, warum sie diese funkelnd strahlende Vorentscheidungsperle leider nie auf Tonträger aufnahm. Roberto Blanco (→ Vorentscheid 1973, 1979), der „wunderbare Neger“, wie ihn der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) in der TV-Quasselbude Hart aber Fair einmal nannte (ziemlich hart, wenig fair), besang eurovisionstypisch die Liebe in allen Sprachen des Kontinents und wirkte dabei gar nicht so sehr wie der spätere Oktoberfest-Bierzeltstimmungssänger, sondern geradezu jetsetmäßig international.

Auf dem Kurfürstendamm sagt man „ohne Gummi fuffzig, mit dreißig“

Die norwegische Dreifach-Repräsentantin Kirsti Sparboe (→ NO 1965, 1967, 1969), die im Vorjahr mit dem fröhlichen ‚Ein Student aus Uppsala‘ einen europaweiten Top-Hit landen konnte, erschien ebenfalls im quietschgelben Topflappen und gab einen von Drafi Deutscher erdichteten, schlimmen Schunkelschlager mit verklärender Pennerromantik über das sorgenfreie Leben der ach so glücklichen Berber von Paris zum Besten – da hatte Drafi beim Texten wohl dem französischen Landrotwein Marke “Pennerglück” etwas zu sehr zugesprochen… Nach so viel Internationalität mutete das 2007 verstorbene Schlagerfossil Peter Beil (→ Vorentscheid 1962, 1965) mit seinem drögen Anforderungskatalog an mögliche Gespielinnen, ‘Rote Augen, braune Lippen und kastanienblaues Haar’ (oder so ähnlich), doch ein wenig provinziell an. In dem zeitsprunghaft modernen Umfeld des diesjährigen Vorentscheids fühlte er sich wohl dergestalt verunsichert, dass er sich während des gesamten Vortrags ängstlich am Mikrofonkabel festklammerte und seinen Auftritt ziemlich vergeigte. Konsequenterweise erhielt er keinen einzigen Punkt.

Fabelhaft im hellblauen Maxikleid: Katja Ebstein regiert die Bühne

Die hinreißende, sensationelle, fantastische Katja Ebstein (→ DE 1971, 1980, Vorentscheid 1975, Moderation 1981) ließ bereits bei ihrem ersten Auftritt erkennen, dass nur sie die Königin des Abends sein könne: nicht eine Sekunde biederte sie sich beim Publikum an, hatte lediglich die vage Andeutung eines huldvollen Lächelns übrig – sie wusste sehr genau, dass niemand sie vom Material her schlagen konnte, dass sie über einen Jahrhundertsong verfügte. ‘Wunder gibt es immer wieder’, die Referenzklasse des deutschen Tröstungsschlagers, erhielt durch ihren stimmlich dramatischen wie bedeutungsschwer melancholischen Vortrag einen Tiefgang, der nochmals deutlich über den eigentlichen Text hinausging. Welcher im Gegensatz zu den vergleichsweise weinerlichen Paradies-wo-bist-Du-Schlagern der Sechziger die subtile Aufforderung zum aktiven Zupacken („…musst Du sie auch sehn“) enthielt. Und damit sagte: nimm Dein Leben selbst in die Hand, Du bist Deines Glückes Schmied! Das war neu im deutschen Schlager, der bis dato eher eine Art von schicksalsergebener Duldungsstarre propagierte. Musikalisch fand sich das spannungsgeladene Lied ohnehin Äonen vom üblichen Schlagereinerlei entfernt, in einer völlig anderen Galaxie.

Ich bin kein Hampelmann: der Reiner findet seine Schöne auch inmitten von Millionen

Auch Reiner Schöne, ein in Weimar aufgewachsener Schauspieler und Liedermacher, der 1968 aus der DDR rübermachte und in der Bundesrepublik Hauptrollen in aktuellen Musicals wie ‚Hair‘ und ‚Jesus Christ Superstar‘ sowie später in zahllosen Serien- und Filmproduktionen ergatterte, legte einen beachtlichen Auftritt hin. Selbst wenn er, wie schon weiland Cliff Richard (→ UK 1968), dabei gelegentlich den Eindruck erweckte, unter Diarrhö zu leiden, so geduckt, wie er dastand. Mit hippiesk langem Haupt- sowie schamlos freigelegtem Brusthaar sah er ein bisschen aus wie der friesische Blödelbarde Otto Waalkes auf Testosteron. Nur, dass Schöne deutlich besser singen konnte. Sein Beitrag ‘Allein unter Millionen’ beschäftigte sich im Grunde mit demselben Thema, mit dem zwei Jahre zuvor Karel Gott (→ AT 1968) für Österreich beim Londoner Contest baden ging: die Einsamkeit in der Großstadt. Wirkte Karels Schlager jedoch verzagt, so zeichnete sich Schönes optimistisch gestimmtes, kompetent vorgetragenes Angebot als eines aus, das Mut macht („…und das Glück wird mich belohnen“) und, wie Katjas Lied, die Zuhörer/innen auffordert, sich das pralle Leben mit beiden Händen fest zu greifen. Auch ihm wäre, ebenso wie Mary Roos, ein Sieg durchaus zu gönnen gewesen.

Chartwatch 1970: Ob das die selbe ‚Anuschka‘ ist, der Inge Brück 1967 beim Contest in Wien Trost spenden musste? Schwerenöter Udo Jürgens (→ AT 1964, 1965, 1966) landete auch 1970 wieder einen Top-Ten-Hit in den deutschen Verkaufscharts. 

Die Wertung teilte sich in zwei Phasen auf: sieben Juror/innen durften zunächst jeweils drei Beiträgen einen Punkt geben; die drei bestplatzierten Titel kamen eine Runde weiter. Die langatmigen Erklärungen Hans-Otto Grünefeldts, man suche etwas Vorzeigbares für das internationale Parkett (ach, wie sehr wünschte man sich, die heutige NDR-Auswahljury für den deutschen Eurovisionsvorscheid zeigte sich vom selben Ziel beseelt, anstatt nur ängstlich darauf zu schielen, was auf heimischen Mainstream-Radiowellen laufen könnte), verfehlten ihre Wirkung nicht: tatsächlich flogen die drei eher klassischen Schlager von Blanco, Sparboe und Beil raus und die drei musikalisch wie inhaltlich anspruchsvolleren Beiträge der Roos, der Ebstein und des Schöne kamen ins Finale. Wobei der Sieg von Katja Ebstein, die sieben von sieben möglichen Punkten erhielt, eigentlich bereits zu diesem Zeitpunkt feststand.

Noch fabelhafter im Mini mit silbernen Stiefeln: Modekönigin Katja Ebstein in Amsterdam!

Trotzdem mussten alle drei ihre Songs in der Endrunde nochmals präsentieren. Und zwar, da wollte man sich seitens des Hessischen Rundfunks wohl Aufwand ersparen, mit exakt der gleichen Dramaturgie und denselben Kameraeinstellungen wie schon im ersten Durchlauf. Was die Show nicht gerade abwechslungsreicher machte. In der zweiten Wertungsrunde gingen Herr Schöne und Frau Roos dann fieser Weise völlig leer aus und Frau Ebstein durfte ihren Schlager ein drittes Mal an diesem Abend singen. Moderatorin Marie-Louise Steinbauer, der man diesmal erlaubt hatte, ihren Job zu machen und etwas lockerer zu plaudern als noch im letzten Jahr, freute sich aufrichtig, auch wenn sie das lethargische Studiopublikum zum Siegesapplaus erst gesondert auffordern musste. Mit einer Chorinterpretation von ‘Boom Bang A Bang’ ging der unter sechzigminütige Farben- und Klangrausch schließlich zu Ende.

Vorentscheid DE 1970

Ein Lied für Amsterdam, Samstag, 16. Februar 1970, aus dem Sendestudio des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main. Sechs Teilnehmer, Moderation: Marie-Luise Steinbauer.
#InterpretTitelPunktePlatzCharts
01Mary RoosBei jedem Kuss05 | 0002-
02Roberto BlancoAuf dem Kurfürstendamm sagt man "Liebe"01 | ----
03Kirsti SparboePierre, der Clochard03 | ----
04Peter BeilBlaue Augen, rote Lippen und kastanienbraunes Haar00 | ----
05Katja EbsteinWunder gibt es immer wieder07 | 070116
06Rainer SchöneAllein unter Millionen05 | 0002-

ESC 1969: Er machte Fröhliche melancholisch

Logo Eurovision Song Contest 1969
Das Jahr der vier Sieger

Das hatten sich die den 1969er Grand Prix eröffnenden Jugoslawen sehr clever gedacht. In acht europäischen Sprachen, einschließlich eines „Guten Tag“, begrüßten sie die Zuschauer/innen zum Auftakt des mit weitem Abstand absurdesten (und somit großartigsten) Contestjahrgangs aller Zeiten in der spanischen Hauptstadt Madrid, wo bereits die merkwürdige Bühnendekoration, eine krude Mischung aus althergebrachten Blumenbeeten, sakral anmutenden Orgelpfeifen und einer futuristischen Metallskulptur aus der Künstlerhand Salvador Dalís, auf das noch folgen sollende Chaos einstimmte.

Vorbildlich: nach nur fünf Minuten singt schon der erste Teilnehmer beim ESC 1969 (kompletter Contest)

‚Pozdrav Svijetu‘ (‚Grüße an die Welt‘), die hemmungslose – wenn auch wunderbar harmonisch gesungene – kroatische Punkteabgreifnummer, zündete bei den Jurys jedoch nicht wie erhofft. Was wohl vor allem an dem vollbärtigen Ivan lag (bürgerlich: Ivica Krajač, eigentlich ein gleichberechtigtes Viertel des „Vokalni Kvartet“ 4M, verdankte er seine Heraushebung als Leadsänger der damals noch gültigen Eurovisionsregel, die offiziell lediglich Solisten und maximal dreiköpfige Begleitchöre zuließ), der seinen Vortrag dermaßen affektiert und theatralisch gestaltete, dass es einem beim Zuschauen die Schuhe auszog: eine Acht auf der → Haldor-Lægreid-Skala. Nicht weiter verwunderlich, dass er seinen Song „allen Jungen aller Flaggen“ widmete, wie er sang: gemeint war wohl der bei Schwulen beliebte Hanky-Code, denn Mädchen fanden in seinem Lied keine Erwähnung. Besser schnitt da schon die Schweizerin Paola del Medico (→ CH 1980, Vorentscheid DE 1979 + 1982) ab, die auf eine ähnliche Thematik setzte.

Stand zu seiner inneren Lorielle: der Ivan (YU)

Ihr schwungvolles ‚Bonjour, bonjour‘, das wie für Caterina Valente geschrieben klang, erquickte den Hörer mit unbekümmertem, hormonumtostem, Alleinstehende allerdings achtlos ausgrenzendem Optimismus („Die Welt ist wunderbar, sie kann nicht schöner sein / Und sie gehört nur den Verliebten allein“), welchem die wie immer arg steif auftretende spätere Ehefrau von Kurt Felix und Mitmoderatorin der quälend unlustigen TV-Show Verstehen Sie Spaß? mit dem ihr so eigenen Gefrierlächeln nicht ganz gerecht werden konnte. Monaco schickte ein erst zwölfjähriges Milchbübchen namens Jean-Jacques Bortolaï, das seine ‚Maman‘ anflehte, bittebitte noch langelange an ihrem Rockzipfel kleben zu dürfen: da manifestierte sich wohl Heintjes unglückseliger (und in dessen Wahlheimat Belgien stets virulenter) Einfluss. Dieses Grauen machte die in einem augenschmerzgrünen Kleid vom Format eines Zirkuszeltes auftretende Irin Muriel Day vergessen, die sich mit einem ekstatischen Veitstanz die ‚Wages of Love‘ verdiente (#1 in den heimischen Charts).

Erzielt sicher einen guten Liebeslohn: die Muriel (IE)

Für Belgien beschmachtete Louis Neefs (→ BE 1967), der Mann mit dem vielleicht hässlichsten Toupet der Contestgeschichte, ein Londoner Mädchen namens ‚Jennifer Jennings‘. Er tat das mit stoischer Miene und völlig bewegungslos – bis zum ersten Refrain, als er ohne jede Vorwarnung plötzlich die Arme nach oben riss und in einer artistischen Verrenkung über dem Kopf zusammenschlug. Wie viele ältere Zuschauer dieser völlig unvorhersehbare Gefühlsausbruch in den Herztod schickte, ist nicht überliefert. Finnland entzückte mit einem putzigen Duo (und echtem Ehepaar) namens Jarkko & Laura und einer Ragtime-Ode an die gute alte Zeit. Jarkko hatte sich stilecht mit einem Kreissägenhut und einem Regenschirm kostümiert; beide lieferten dazu eine lustige Tanzeinlage, irgendwo zwischen Kung-Fu, Stummfilm und Stepptanz. Siw Malmkvist (→ SE 1960, Vorentscheid SE 1961, Vorentscheid DE 1962) schaute hingegen verzweifelt und trug ihr ältliches deutsches Schlagerlein namens ‚Primaballerina‘ vor, in dem sie die traurige Einsamkeit eines Porzellanpüppchens besang: ein wirklich sozialkritisch aufrüttelndes Lied. Dazu drehte sie sich selbst etwa so anmutig wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanpüppchenladen.

Gingen offensichtlich zum selben Friseur: Jarkko & Laura (FI)

Diese Reise durchs wilde Absurdistan bildete aber nur das Vorspiel für das unübertroffene Drama um die Punkteauswertung. Nach dem umstrittenen Sieg eines ‚La La La‘-Liedchens im Vorjahr setzten nun etliche Länder auf ähnliche Lautmalereien in ihren Beiträgen, wie die im Zwei-Jahres-Rhythmus antretende norwegische Kirsti Sparboe (→ NO 1965, 1967, Vorentscheid DE 1970) mit dem peppigen ‚Oj oj oj‘ (nein: keine Skinhead-Ode); die sich als verhinderte Opernsängerin gebärdende Portugiesin Simone de Oliveira (→ PT 1965), die im Refrain ihres Songs ‚Desfolhada‘ ebenfalls das ein oder andere „La La La“ und „Lay Lay Lay“ unterbrachte; oder die völlig überdrehte, kulleräugige Schottin Marie McDonald McLaughlin Lawrie, besser bekannt als Lulu (ihr → Choreografie-Vorbild bildeten offensichtlich diese „lustigen“ Katzenuhren, bei denen sich die Augen im Sekundentakt übertrieben hin- und herdrehen), deren Kardiologe ihr vor dem Wettstreit die beunruhigende Nachricht überbracht hatte, ihr Herz schlage ‚Boom Bang A Bang‘. Womit sie trotz ihres grauenhaften Krächzens einen der ersten Plätze belegte.

Vier gewinnt

Ääähh – wie bitte? Einen der ersten Plätze? Jawohl, denn es gab ganze vier Siegertitel an diesem Abend!

Freut sich, dass sie Europa so veräppeln konnte: Lulu! (UK)

Bei insgesamt 16 Teilnehmerländern – Österreich, drei Jahre zuvor noch der Sieger, befand sich in der ersten seiner zahlreichen eurovisionären Sinnkrisen und setzte aus – teilten sich vier Beiträge, also jedes vierte Lied, die Höchstwertung. Bei den weiteren Glücklichen handelte es sich um zum einen um den Vielfachgewinner Frankreich (Frida Boccara mit dem klassischen, mit absoluter Präzision und Hingabe gesungenen frankophilen Gefühlssturm ‚Un Jour, un Enfant‘) und um das Gastgeberland Spanien selbst, welches eine mit einem grotesken, mehrere Kilo schweren Röhrchenfummel bekleidete Naturtranse (also eine als Maria Rosa Marco Poquet geborene, biologisch echte Frau, die aber aussah wie ein überschminkter Transvestit mit pompöser Perücke) mit dem Künstlerinnennamen Salomé auf die Bühne schickte. Auch sie unterstützte ihren sonnigen, deutlich auf die Erfolgsformel von ‚La la la‘ (→ ES 1968) setzenden Eurovisionsschlager ‚Vivo cantando‘ mit etlichen „Hey!“s im Refrain. Wobei der Song in der Livefassung aus lediglich einer einleitenden Strophe und fünf sich stetig steigernden Wiederholungen des Kehrreims sowie gleich drei → Rückungen bestand. Sie toppte das Ganze mit einer schunkelnden Tanzperformance, bei der die metallicblauen Röhrchen an ihrem Hosenanzug nur so flogen – Sestre (→ SI 2002), hergeschaut: das ist echter Drag-Queen-Glamour!

Da lach ich doch! Ich bin die Siegerin! (ES)

Die Niederländerin Lenny Kuhr mit ihrer folkigen, selbst getexteten Bänkelsängerballade ‚De Troubadour’, auch sie dem ein oder anderen “Lay lay lay” nicht abgeneigt, vervollständigte das Quartett der Erstplatzierten. Nach meinem Verständnis zählt sie als die echte Siegerin dieses Jahrganges. Leider erst im Nachgang zu diesem peinlichen Debakel erließ die European Broadcasting Union (EBU) die Bestimmung, dass bei einem künftigen Punktegleichstand derjenige gewonnen habe, der die höheren Einzelwertungen vorweisen kann. Eine mittlerweile ins Gegenteil (heute zählt die höhere Anzahl der Wertungen) gedrehte Regel, die erstmals 1991 zum Einsatz kam, als Amina Annabi (FR) und Carola Häggkvist (SE) mit jeweils 146 Zählern vorne lagen. Beide hatten je vier mal 12 Punkte kassiert; Carola konnte aber fünfmal 10 Punkte auf sich vereinen, Amina nur vier mal. So gewann Carola. Wendet man diese Zählweise retroaktiv auf den 1969er Contest an, wie ich es in allen meinen Tabellen (und nicht nur bei den Siegertiteln, sondern auch bei Punktegleichständen auf den unteren Plätzen) tue, ergibt sich ein eindeutiges Bild: Lenny Kuhr gewinnt mit der höchsten Einzelwertung (6 Punkte) vor Lulu (5 Punkte), Frida Boccara (4 Punkte) und Salomé (3 Punkte).

Ein bisschen Siegen: Lenny Kuhr (NL)

Anders verhielt es sich in den Charts: dort räumte lediglich Lulu (#8 in Deutschland, #2 in Großbritannien, #1 in Norwegen) richtig ab. An diesem Abend aber blieb es, zur erheblichen Belustigung des anwesenden Saalpublikums und zur endgültigen Überforderung der Moderatorin Laurita Valenzuela nach der Entscheidung des EBU-Schiedsrichters Clifford Brown ganz offiziell bei vier Siegerinnen, die auch alle vier eine Medaille erhielten (verfügte der ausrichtende Sender TVE etwa über seherische Kräfte?). Und zwar aus der Hand von Vorjahresgewinnerin Massiel, die sich extra für diesen Anlass in einen unglaublich protzigen, mit Goldapplikationen bestickten Pelz warf und sich überhaupt als eigentlicher Star des Abends gebärdete. Das Chaos auf der rasch überfüllten Bühne meisterte sie jedoch souverän, reihte die Mädels und ihre → Komponisten nach Körpergröße sortiert auf wie die Orgelpfeifen, verteilte Orden und Küsschen und hielt beruhigend Händchen, wo es nötig war.

Laurita Valenzuela glaubt es kaum: vier Sieger!

Berührend: die bereits 1996 im Alter von nur 55 Jahren an einer Lungenentzündung verstorbene Französin Frida Boccara, schon beim ersten Gesangsvortrag, aber auch bei der Siegerinnenreprise mehr als beeindruckend in ihrer feinen Balance aus stimmlichem Können und wohl dosierter Mimik, leuchtete bei der Überreichung ihrer Medaille für drei Sekunden von innen heraus so, als sei genau dieser Moment der beste, wichtigste und schönste ihres gesamten Lebens. Was er ja vielleicht auch war. Den Trubel um sie herum vollständig ignorierend, erschaffte sie nur durch ihren Gesichtsausdruck einen kurzen, stillen Augenblick des Glücks; so fragil, dass ich selbst beim wiederholten Anschauen an dieser Stelle jedes Mal unwillkürlich den Atem anhalte, um ihn nicht versehentlich zu zerstören. Mit dieser winzigen, feinen Geste gab sie dem ganzen Abend seine Würde zurück und setzte einen berauschenden Schlusspunkt unter einen nie wieder zu toppenden Jahrgang meines Lieblingsevents.

Dennoch bekommen alle vier Siegerinnen ihre Medaille!

Eurovision Song Contest 1969

Gran Premio de la Canción de Eurovision. Samstag, 29. März 1969, aus dem Teatro Real in Madrid, Spanien. 16 Teilnehmerländer. Moderation: Laurita Venezuela.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01YUIvan + 3MPozdrav Svijetu0513
02LURomuald FiguierCathérine0711
03ESSaloméVivo cantanto1804
04MCJean-Jacques BertolaiMaman1106
05IEMuriel DayThe Wages of Love1007
06ITIva ZanicchiDue grosse Lacrime bianche0514
07UKLuluBoom Bang a Bang1802
08NLLenny KuhrDe Troubadour1801
09SETommy KörbergJudy, min Vän0809
10BELouis NeefsJennifer Jennings1008
11CHPaola del MedicoBonjour, bonjour1305
12NOKirsti SparboeOj oj oj, så glad jeg skal bli0116
13DESiw MalmkvistPrimaballerina0810
14FRFrida BoccaraUn Jour, un Enfant1803
15PTSimone de OliveiraDesfolhada 0415
16FIJarkko + LauraKuin Sillon ennen0612