UK 1963: Der Tag am Meer

Der seinerzeitige Eurovisionsverantwortliche der BBC, der TV-Unterhaltungschef Tom Sloan, nahm sich, wie Gordon Roxburgh in seinem Buch Songs for Europe berichtet, die Zuschauerkritik über das schlechte Niveau der direkt durch die Industrie kommissionierten Beiträge im britischen Vorentscheid von 1962 sehr zu Herzen. In einem Interview mit der Programmzeitschrift Radio Times legte er gleich zwei drängende Probleme offen: „Ich denke, das Wettbewerbselement hält viele Musikverleger davon ab, ihr bestes Material einzureichen, weil die Gefahr besteht, dass es in der nationalen Abstimmung verliert. Außerdem konzentrieren sich die Plattenfirmen natürlich vor allem auf Songs, die auf das kaufkräftige jugendliche Publikum zielen, und weniger auf solche, die den nationalen Jurys in den teilnehmenden Ländern gefallen könnten“. Damit umschrieb er den auch vom BBC-Publikum bemängelten Zustand, dass das Feld im Vorjahr hauptsächlich aus schnelleren, tanzbaren Titeln bestand und die von den konservativen, meist aus älteren Würdenträgern bestehenden → Jurys klar bevorzugten Balladen Mangelware waren. Er erwägte kurz, gar keinen Vorentscheid abzuhalten, sondern intern auszuwählen, entschied sich dann aber doch für einen offenen Wettbewerb. Allerdings bat er diesmal nicht die Labels um Beiträge, sondern bestellte die Lieder direkt bei führenden, handverlesenen Komponisten. Die jedoch erwiesen sich als noch zart besaiteter, wenn es darum ging, sich der Konkurrenz zu stellen: nicht nur, dass Sloan kaum etablierte Interpreten bekam, auch vom Material her kam A Song for Europe (ASFE) 1963 noch schwachbrüstiger daher als bereits im Vorjahr.

Mana mana – dap di de dippi… Ronnie und die Snouts beim Eurovision Song Contest 1963.

weiterlesen

FI 1963: I am what I am

Viel Mühe hatte sich das finnische Fernsehen YLE gegeben mit seiner dritten Eurovisionsvorentscheidung, der Suomen Euroviisukarsinta 1963. Acht Titel hatte man kommissioniert, darunter Stücke mit so vielversprechenden Titeln wie ‚Pimpula vei‘ (‚Verflucht‘): keine Sprache klingt so gangstermäßig und eignet sich so gut zum Fluchen wie das Finnische! Wie seinerzeit üblich, wurden alle Beiträge jeweils von zwei verschiedenen Künstler/innen eingesungen, in unterschiedlicher Instrumentierung, um den Fokus der zweihundertköpfigen (!) Laienjury weg vom Interpreten und hin zum Song zu lenken. Dies gelang jedoch nur sehr eingeschränkt (wie auch, schließlich bildet beides eine untrennbare Einheit), und nicht immer unbedingt zum Vorteil der Künstler/innen. So gab beispielsweise eine der Abstimmungsberechtigten, eine Bäuerin aus Mittelfinnland, später der Presse zu Protokoll, ihr Lieblingsbeitrag sei eigentlich das jazzig-verruchte ‚Olen mikä olen‘ (‚Ich bin, was ich bin‘) in der Interpretation von Tamara Lund gewesen, ein durchaus anregendes Stück wie aus einem James-Bond-Streifen. Wegen der dezent aufreizenden, an die Grenzen des damals Schicklichen gehenden Präsentation durch die Sängerin und Schauspielerin habe sie aber nicht öffentlich für das Lied stimmen können, aus Angst, sonst im Heimatdorf als „verdorben“ angesehen zu werden. So musste sich Lund, die mit diesem Auftritt ihren Durchbruch schaffte, mit dem dritten Rang begnügen. Die 2005 verstorbene Künstlerin blickte auf ein bewegtes Leben zurück: ihre erste große Liebe, der Schauspielkollege Rami Sarmasto, mit dem sie gemeinsam das in der Heimat bekannte Liebeslied ‚Sinun omasi‘ aufnahm, starb 1965 wenige Tage vor der geplanten Hochzeit bei einem Autounfall. Es folgten zwei Ehen mit zwei Sängern und daraus entspringend zwei Kindern, darunter die Musical-Interpretin Maria Lund (→ Vorentscheid FI 2010). In den Siebzigern wanderte sie nach Deutschland aus, wo sie in München und Düsseldorf arbeitete. 2000 kehrte sie nach Finnland zurück und war als Gemeinderätin in Turku aktiv, wo sie in einen Schwarzgeldskandal verwickelt wurde und dabei die Hälfte ihres Vermögens verlor. 2005 erlag sie einem Krebsleiden.

‚I am what I am / I am my own special Creation‘: Tamara Lund kombiniert geschickt geschmackvoll und scharf.

weiterlesen

NO 1963: Blondine in Fesseln

„Es ist offensichtlich das Ergebnis einer Qualitätsbewertung,“ so selbstkritisch-maliziös kommentierte der Pressechef des veranstaltenden norwegischen Rundfunks NRK gegenüber der Tageszeitung Dagbladet den Umstand, dass der Sender den Melodi Grand Prix (MGP) 1963 nicht (auch) im Radio übertrug, wie in den Vorjahren üblich, sondern ausschließlich im Fernsehen, das zu diesem Zeitpunkt alleine schon aus technischen Gründen nur ein knappes Viertel der norwegischen Haushalte erreichte. Auch die Zeitung hämte, dass den Radio-Zuhörer/innen da wohl einiges erspart geblieben sei, und das Konkurrenzblatt Aftenposten ergänzte Salz-in-die-Wunden-streuend, „alle fünf Kompositionen,“ die ein lediglich dreiköpfiges Senderkomitee aus 221 Einsendungen auswählte, „könnten leichthin bereits vor dreißig Jahren geschrieben worden sein“. Selbst die beteiligten Interpret/innen müssen dies ähnlich empfunden haben. Neben etablierten Vorkriegsgrößen wie dem 1999 verstorbenen Schauspieler, Theaterdirektor und Liedermacher Jens Book-Jensen sowie der Miss Norwegen 1962, Beate Brevik, befand sich unter anderen die zweimalige Eurovisionsrepräsentantin Nora Brockstedt (→ NO 1960, 1961) im Line-up und stellte neben dem viertplatzierten Titel ‚Drømmekjolen‘ (‚Traumkleid‘, ein für eingefleischte Grand-Prix-Fans durchaus abendfüllendes Thema) auch das mit deutlichem Punkteabstand siegreiche Chanson ‚Solvherv‘ (‚Sommersonnenwende‘) vor. Dennoch wollte sie das Lied nicht in London präsentieren – offiziell, weil sie aufgrund einer bereits fest gebuchten, gemeinsamen Tournee mit Jens Book-Jensen keine Zeit für den Eurovisionsabstecher habe (warum machten die Beiden dann beim MGP mit?), tatsächlich aber wohl eher, weil sie genau das vorhersah, was dann tatsächlich eintraf: ihre Mitbewerberin Anita Thallaug (→ MGP 1962, 1966), die der NRK an ihrer Stelle entsandte, kehrte als erste norwegische Künstlerin mit → Nul Points vom großen Wettbewerb nach Hause zurück. Weder Brockstedt noch Thallaug nahmen den Titel jemals auf Platte auf, lediglich die Zweitbesetzung des Liedes im MGP, Jan Høiland (†2017), veröffentlichte es – und natürlich floppte die überaus lahme Nummer auch auf dem Heimatmarkt komplett. Thallaug, ein ehemaliger Kinderstar, welche 1957 die für damalige Verhältnisse skandalös-freizügige Hauptrolle einer drogensüchtigen Nackttänzerin in dem schwedischen B-Movie Blondin i Fara (Mona, die Schwedin) gespielt hatte, und der nach ihrem Eurovisionsauftritt keine Hits mehr gelingen wollten, zog sich Mitte der Sechziger aus der Öffentlichkeit zurück und veröffentlichte erst wieder 1998, zu ihrem sechzigsten Geburtstag, ein Jazzalbum.

‚Mona, die Schwedin‘ alias Anita Thallaug beim ESC-Auftritt in London.

Vorentscheid NO 1963

Melodi Grand Prix. Sonntag, 10. Februar 1963, aus den NRK-Fernsehstudios in Oslo. Sechs Teilnehmer/innen. Moderation: Odd Grythe.
#Interpret/inInterpret/inTitelPunktePlatz
01Jens Book-JensenRay AdamsVi slentret langs en vårlig Sti543
02Nora BrockstedtAnita ThallaugDrømmekjolen504
03Jan HøilandNora BrockstedtSolhverv811
04Anita ThallaugBeate BrevikAdjø405
05Ray AdamsJens Book-JensenJakteskipperen592

 

CH 1963: Waterloo und Robinson

Zwei Unverdrossene, ein Unbekannter und ein werdender Weltstar – das Line-up der helvetischen Eurovisionsvorentscheidung von 1963 könnte nicht grotesker ausfallen. So bewarben sich – erneut erfolglos – die beiden Dauerteilnehmer/innen Jo Roland und Anita Traversi (→ CH 1960, 1964), Letztere gar mit gleich drei Beiträgen. Doch nicht einmal das angeblich ‚Schönste Lied der Welt‘ nutzte ihr hier etwas. Denn neben einer Figur mit dem anonymstmöglichen Künstlernamen Willy Schmid, der mit ‚Einmal in Mexico‘ den Veranstaltungsort des diesjährigen Contests um mehrere Kontinente verfehlte, war es dem Schweizer Fernsehen gelungen, eine junge, vielseitig begabte Schauspielerin und Sängerin israelischer Herkunft aufzubieten, für welche sich hier die Türen zu einer internationalen Chansonkarriere weit öffnen sollten. Esther Ofarim, die in den beiden Vorjahren bei Gesangswettbewerben in ihrer Heimat und in Polen jeweils Gold geholt hatte, vermochte mit der zart-melancholischen, exzellent interpretierten Ballade ‚T’en vas pas‘ (aus der Feder des auch für den Siegertitel von 1956, ‚Refrain‘, verantwortlichen Komponistengespanns) die 27 Juroren zu überzeugen und gewann den eidgenössischen Vorentscheid. Ein Triumph, den sie beim Hauptwettbewerb in London beinahe wiederholen konnte, hätte ihr nicht die norwegische Jury in letzter Sekunde einen Strich durch die Rechnung gemacht und bei der unter äußerst suspekten Umständen angesetzten Zweitauszählung der Stimmen an ihrer Stelle die Dänen zum Siegerpaar gekrönt. Esthers Karriere tat dies keinen Abbruch: mit der deutschen Fassung ‚Melodie einer Nacht‘ gelang ihr ein respektabler Erfolg auf dem germanischen Markt (# DE 39). Im Folgejahr sollte sie mit einem Auftritt als Meerjungfrau dem niederländischen Showmaster und ESC-Teilnehmer von 1960, Rudi Carrell, mit zum Durchbruch verhelfen, der mit seiner TV-Produktion De Robinson Crusoë Show die Silberne Rose von Montreux gewann und damit das deutsche Fernsehen auf sich aufmerksam machte. Gemeinsam mit Ehemann Abi landete Frau Ofarim in dieser Zeit Hit auf Hit (‚Morning of my Life‘; ‚Cinderella Rockefella‘) und tourte um die ganze Welt sowie von TV-Show zu TV-Show. Sehr viele Jahre später, nämlich 1997, fragte Ralph Siegel sie als Stimme für seine pompöse Songgurke ‚Zeit‘ an, wollte ihr aber kein Auftrittshonorar zahlen, wie er im Interview mit Jan Feddersen ausplauderte. Esther Ofarim verzichtete dankend – und traf damit die richtige Entscheidung: so bleibt sie uns auf ewig als moralische Siegerin dieses Jahrgangs und würdevolle Interpretin einer der hochklassigsten Grand-Prix-Balladen aller Zeiten in unbefleckter Erinnerung.

Noch einen Zentimeter näher ran und es gibt einen Fettflecken auf der Linse: die ätherische Esther Ofarim beim Flirt mit der Kamera.

Vorentscheid CH 1963

Samstag, 9. Februar 1963, aus den TSR-Fernsehstudios in Genf. Vier Teilnehmer/innen

#Interpret/inTitelErgebnis
01Anita TraversiKomme mit mir--
02Jo RolandMon petit Bolero--
03Anita TraversiVoglio vivere--
04Esther OfarimT'en va pas01
05Anita TraversiLa più bella Canzone del Mondo--
06Willy SchmidEinmal in Mexico--

NL 1963: Die Spieldose steht still, wenn Dein starker Arm es will

Null Punkte beim Eurovision Song Contest von 1962 für die per Vorentscheid ausgewählten Speelbrekers: das niederländische Fernsehen reagierte prompt und verlegte sich für 1963 auf eine intern ausgesuchte Interpretin und eine jurygestützte Songauswahl. Annie Palmen begann ihre Karriere einst als Sängerin verschiedener Tanzorchester, die vom Südseeschlager bis zum Country alle möglichen Stile abdeckten. 1948 gewann sie einen Talentwettbewerb eines holländischen Radiosenders, kam dort öfters zum Einsatz und konnte in der Folge erste Hits erzielen. 1960 trat sie beim niederländischen Vorentscheid an und sang dort das Siegerlied ‚Wat een Geluk‘, welches die Jury aber lieber in die Hände des zweiten Interpreten Rudi Carrell (ja, genau der!) legte. Diesmal buchte der Sender NTS sie zur Entschädigung fix als Repräsentantin und suchte ihr drei Lieder aus, die sie eigentlich in einem bereits für den 23. Januar 1963 im Tivoli zu Utrecht terminierten TV-Vorentscheid zu Gehör bringen sollte. Doch dann traten justament zum Nationaal Songfestival die Mitglieder des NTS-Rundfunkorchesters in den Streik, um höhere Gehaltsforderungen durchzusetzen (oder waren es doch geschmackliche Gründe?). Und so fand notgedrungen auch die Auswahl des Beitrags unter Ausschluss der Öffentlichkeit durch eine senderinterne Jury statt. ‚Geen ander‘ hieß die dort bestimmte, extrem bedächtige Ballade ursprünglich, deren Titel man dann aber noch in ‚Een Speeldoos‘ änderte, was die Chose auch nicht besser machte. Am 8. Februar 1963 stellte Annie Palmen das Lied schließlich den mit atemloser Spannung wartenden TV-Zuschauer/innen vor, und zwar – man kann es sich nicht schöner ausdenken! – in der Rudi-Carrell-Show. Da das Orchester sich noch immer im Ausstand befand, musste sie hier allerdings zum Vollplayback mimen. Auch nach London zum Eurovision Song Contest reiste sie dank der Macht der Gewerkschaften (lebensälteren SPD-Wählern unter meinen Leser/innen steigen jetzt vermutlich nostalgische Tränen in die Augen!) ohne den damals üblichen eigenen Dirigenten an. Liegt hier eine der Ursachen für die sich hartnäckig haltenden Gerüchte, es wäre nicht alles live gewesen beim ESC 1963? Wie auch immer sich die Dinge zutrugen, eines ist sicher: das neue Verfahren zahlte sich für die Niederlande nicht aus. Auch Annie Palmen (†2000) kehrte mit → Nul Points vom Grand Prix nach Hause zurück, und das mit Recht!

Annie Palmen beim Besuch in der Echokammer.

Vorentscheid NL 1963

Rudi-Carrell-Show. Freitag, 8. Februar 1963. Eine Teilnehmerin (Liedvorstellung im Rahmen der Show nach vorheriger Juryauswahl).
#Interpret/inTitelPlatz
01Annie PalmenKijk, daar is de Zon-
02Annie PalmenGeen ander1
03Annie PalmenHoor je mij-

ESC 1962: Ring a tipi tii ding

Logo des Eurovision Song Contest 1962
Das Jahr des Schlagzeugs

Luxemburg gilt im Allgemeinen als finanziell wohlsituierte europäische Steuerfluchtoase. Um so merkwürdiger muteten die anhaltenden Stromschwankungen und mehrfachen Lichtausfälle im RTL-Auditorium während der Grand-Prix-Übertragung von 1962 an, die den Zuschauer/innen infrastrukturell eher den Eindruck eines Dritte-Welt-Landes (oder der heutigen USA) vermittelten. Wohl auch, um Kosten zu sparen, gestaltete der Sender des Großherzogtums den Ablauf der Show ziemlich zügig, die Lieder folgten fast nahtlos aufeinander. Das Anziehen des Tempos übertrug sich in wohltuender Weise ebenfalls auf das senderseitig gestellte, erstaunlich druckvoll und präzise aufspielende Orchester. Fast konnte man den Eindruck gewinnen, Rhythmusinstrumente wie das Schlagzeug seien in diesem Jahr erst erfunden worden. Jedenfalls kamen sie erstmals bei einer Vielzahl der Wettbewerbsbeiträge deutlich hörbar zum Einsatz – und das tat dem Musikmenü sehr, sehr gut.

Aufgetriedelt: Marion Rung (FI).

weiterlesen

NL 1962: Katinka lacht und fällt bei Nacht in die Gracht

Gesellschaftliche Fortschrittlichkeit, wie wir sie typischerweise mit den Niederlanden verbinden, setzt immer auch eine gewisse Experimentierfreudigkeit voraus. Und die kann man den Holländern nun wirklich nicht absprechen, auch nicht beim Eurovisionsvorentscheid. Nachdem das bis dahin übliche Nationaal Songfestival 1960 mit Rudi Carrells ‚Wat een Geluck‘ dem Land einen vorletzten Platz beim europäischen Wettsingen beschert hatte, versuchte man es 1961 mit einer Direktnominierung. Die Jazz-Chanteuse Greetje Kauffeld mochte ihren (beim ESC zehntplatzierten) Beitrag ‚Wat een Tag‘ allerdings berechtigterweise selbst so wenig leiden, dass sie ihn nicht auf Platte aufnahm. So kehrte man 1962 wieder zu einer offenen, wenngleich deutlich entschlackten Vorentscheidung zurück. Anders als in den meisten Mitbewerberländern, wo man nach italienischem Vorbild alle Lieder in zwei Versionen von unterschiedlichen Künstler/innen vortragen ließ, galt in den Niederlanden in diesem Jahr: ein Mann (eine Frau), ein Lied. Den Auftakt machte die Stimmungssängerin Hendrika Sturm (†1998) alias Rita Corita, die 1958 im Lande einen Hit mit dem ikonischen Schunkelschlager ‚Koffie, Koffie, lekker bakkie Koffie‘ hatte, und lieferte mit dem schmissigen, selbsterklärenden ‚Carnaval‘ sogleich den unübertrefflichen Kultauftritt des Abends ab. Die füllige Sängerin überzeugte mit engagiertem Körpereinsatz, fantastischer Handarbeit und einer herausragenden Mimik – gäbe es Zeitreisen, würde ich Stein und Bein schwören, dass sich hier der begnadete Hape Kerkeling mit einer mehr als gelungenen Hella-von-Sinnen-Parodie ins Nationaal Songfestival eingeschlichen hat. Hellas, Verzeihung, Ritas auch im Vollsuff noch problemlos mitsingbarer Faschingsschlager landete in der Abstimmung jedoch leider nur auf dem vierten Rang.

Eine Meisterleistung in subtilem lesbischem Mimikri: schauen Sie mal, wo sich bei der Erwähnung des damaligen Sexsymbols Brigitte Bardot im Songtext Hellas Ritas Hände befinden, und welche stimulierende Beschäftigung sie gerade andeuten…

weiterlesen

BE 1962: Vier mal eins macht null

Immer das gleiche Spiel in den geraden Jahren beim belgischen Eurovisions-Vorentscheid: sobald die Wallonen dran sind mit dem Beitrag des sprachlich und kulturell gespaltenen Landes, lassen sich – außer der schlichten Tatsache, dass es eine Auswahl mit insgesamt fünf Künstler/innen gab, darunter eine Dame namens Any Godet mit einer Hommage an die deutsche Hafenstadt ‚Hambourg‘ – nur sehr spärliche Informationen recherchieren. Und wie immer, wenn die Wallonen dran waren in den Anfangsjahren, gewann Fud Leclerc (→ BE 1956, 1958, 1960) diese Auswahl, nun schon zum vierten Male. Das macht ihn zum einzigen Grand-Prix-Vertreter, der sein Land so oft in der selben Sprache repräsentierte, nämlich auf Französisch. Es sollte im benachbarten Luxemburg allerdings seine letzte Teilnahme werden: mit dem leidlich midtemporären Slow Fox ‚Ton Nom‘ lieferte er zwar das beste seiner vier Lieder ab (oder, präziser gesagt, das am wenigsten einschläfernde), was ihm die verabscheuungswürdigen Juroren jedoch mit → null Punkten heimzahlten. Auch wenn in Folge eines besonders ungeeigneten neuen Wertungssystems noch drei weitere Kolleg/innen an diesem Abend das Schicksal der völligen Punktefreiheit mit Fud teilen sollten, so bleibt er aufgrund der Auftrittsreihenfolge doch derjenige, der als allererster Eurovisionskünstler die gefürchteten Nil Points erhielt.

Dein Name ist Cäptn Zero: Fud Leclerc.

Vorentscheid BE 1962

Finale belge du Grand Prix Eurovision. Montag, 19. Februrar 1962. Fünf Teilnehmer/innen.
#InterpretTitelPlatz
01Fud LeclercTon Nom1
02Robert Charles LansonToi, mon Copain--
03Any GodetHambourg--
04Ferry DevosN'oubliez jamais--
05Eric ChanneToi, la Femme--

NO 1962: Auf den Hund gekommen

„Am besten wäre es, sie schickten den Hund,“ mit dieser harschen Kritik am norwegischen Melodi Grand Prix (MGP) 1962 bezog sich die dänische Tageszeitung Verdens Gang auf die Jazzsängerin Laila Dalseth, eine von zwei Interpretinnen des Siegersongs dieser Vorentscheidung, die bei ihrem Auftritt einen niedlichen Welpen im Arm trug. Eine sympathiepunkteförderliche Strategie, die beim Eurovision Song Contest selbst bekanntermaßen streng verboten ist. Und so durfte dann auch statt der für ihre Verdienste ums norwegische Jazzwesen mehrfach preisgekrönten Dalseth die Operettensängerin und Schauspielerin Inger Jacobsen nach Luxemburg fahren, wo sie mit lediglich zwei Pünktchen unter „ferner liefen“ landete. Jacobsen hatte bereits 1960 beim ersten MGP sämtliche Wettbewerbstitel im Radio-Halbfinale interpretiert. 1964 und 1971 versuchte sie nochmals, das Eurovisionsticket zu ergattern, allerdings ohne Erfolg. In Norwegen trat sie bis ins hohe Alter in Revuen, Filmen und Bühnenstücken auf und war festes Ensemblemitglied des Reichstheaters. Sie starb 1996 im Alter von 72 Jahren an Krebs. ‚Kom Sol, kom Regn‘ blieb denn auch einer von lediglich zwei der insgesamt sieben Wettbewerbsbeiträge, die man überhaupt auf Platte aufnahm, nachdem die vom NRK aus 121 Einreichungen vorgenommene Vorauswahl auf allgemeines Murren stieß. Und zwar nicht nur bei den Zuschauer/innen, sondern – da der Sender im Rahmen der Nordvision die Show in ganz Skandinavien ausstrahlte – auch in den Nachbarländern. „Die Songs sind so schlecht, dass [die Orchestermitglieder] riskieren, schlafend zwischen den Notenständern hindurchzuplumpsen,“ so herrlich bösartig hämte der schwedische Aftenposten am Tag nach der Sendung über das musikalische Niveau der Show.

Eine elegante Ballade mit dezenten jazzigen Verzierungen: Ingers Beitrag muss sich nicht wirklich verstecken. Man will ihn aber auch nicht unbedingt in Dauerschleife hören.

weiterlesen

DE 1962: Der Weg des Wassers wird es uns weisen

Conny Froboess, DE 1962
Die Multikulturelle

Nicht nur für den Eurovision Song Contest bildete das im ligurischen Kurort San Remo stattfindende Festival della Canzone Italiana einst das Vorbild. Wie in vielen anderen europäischen Nationen, die sich ebenfalls von den Italienern für eigene Schlagerfestivals inspirieren ließen, fanden in den Sechzigerjahren auch in deutschen Kurstädten gediegene Wettbewerbe der leichten Muse statt. So hatte das von Radio Luxemburg gegründete Deutsche Schlagerfestival im hessischen Wiesbaden bereits 1960 als Vorentscheid gedient, allerdings nur einmalig. 1961 hob der Südwestfunk in Konkurrenz hierzu die Deutschen Schlagerfestspiele aus der Taufe, an deren Erstausgabe unter anderem Lys Assia (→ Vorentscheid DE 1956, CH 1956, 1957, 1958, Vorentscheid CH 2012, 2013), Nora Nova (→ DE 1964) und Inge Brück (→ DE 1967) teilnahmen. Die zweite Ausgabe dieser Veranstaltung sollte nun 1962 wiederum als Grand-Prix-Vorentscheid fungieren. Entsprechend groß zog die ARD die Show auf: in vier TV-Vorrunden mit insgesamt 24 Beiträgen qualifizierten sich jeweils drei Sänger/innen für die Endrunde im mondänen Baden-Baden.

Herrlichster Schlagerkitsch, leider nur in der Audiofassung: der wunderbar wehleidig intonierende Jimmy Makulis.

weiterlesen