ESC 1958: Risotto am Lago Maggiore

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1958: Das Jahr des Déjà vu

„Dreimal dabei: bitte nicht wiederwählen!“ hieß es, die Älteren erinnern sich, in der ZDF-Hitparade immer dann, wenn sich ein Schlager zum dritten Mal in Folge „placiert“ hatte, wie Dieter Thomas Heck es so schön nannte. Dann durfte man als Zuschauer/in für selbigen keine Postkarte mehr schicken bzw. nicht mehr anrufen. Diese Regel gilt beim Eurovision Song Contest zwar nicht, dennoch endete im dritten Jahr seines Bestehens die Dauerteilnahme von gleich zwei Künstlerinnen, die beide schon beim Start in Lugano dabei waren. Nämlich zum einen die Niederländerin und Vorjahressiegerin Corry Brokken, die auch diesmal die Tabelle anführte – allerdings vom anderen Ende aus gesehen. Das nenne ich mal einen harten Absturz! Wenn auch einen verdienten: zwar zeichnet sich keiner von Corrys Eurovisionsbeiträgen durch besonderen Pepp aus, allerdings erwies sich ihre diesjährige Ballade ‚Heel de Wereld‘ (‚Die ganze Welt‘) als von geradezu beispielhafter Langeweile.

Darauf einen Ramazzotti! (CH)

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DK 1958: Vergammelte Speisen

Wenig Spannendes gibt es über den dänischen Melodi Grand Prix (MGP) von 1958 zu berichten, den zweiten seiner Art. Das knutschende Vorjahresschlagerpärchen Birthe Wilke (→ DK 1959) und Gustav Winckler nahm erneut am Vorentscheid teil, beide nicht zum letzten Mal. Den am vielversprechendsten klingenden, im Netz jedoch leider unauffindbaren Titel steuerte der hauptsächlich als Filmschauspieler in Erscheinung getretene Preben Neergaard bei: ‚Mit gamle Hakkebræt‘ sollte keinesfalls als Protestsong gegen den vergammelten Hackbraten in der DR-Kantine zu verstehen sein, sondern als Lobgesang auf sein Instrument, die Zither (auch als Hackbrett bekannt). Sechs Beiträge traten insgesamt gegeneinander an, aus denen eine zehnköpfige Jury die besonders langweilige Ballade ‚Ich reiße eine Seite aus meinem Tagebuch‘ zum Siegerlied kürte. Die weiteren Platzierungen gab man nicht bekannt.

Alles zumüllen und dann liegenlassen: die Däninnen sind schon rechte Umwelt-Rowdys!

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NL 1958: Über den Wolken

Gegen Corry Brokken (→ NL 1956, 1957, Vorentscheid 1959) schien Ende der Fünfziger einfach kein Kraut gewachsen zu sein! Zum dritten Mal in Folge trat sie beim niederländischen Nationaal Songfestival an, und zum dritten Mal in Folge setzte sie sich in der Publikumsabstimmung mit deutlichem Abstand durch. Erneut belegte sie sogar die beiden ersten Plätze, denn jede/r der diesmal sechs Teilnehmer/innen durfte mit zwei Liedern antreten. Entweder war die 2016 Verstorbene, nicht zuletzt aufgrund ihres Siegs beim europäischen Wettbewerb in Frankfurt am Main im Vorjahr, damals tatsächlich die beliebteste Sängerin Hollands, oder sie verfügte über einen besonders gut organisierten Fanclub, der fleißig Abstimmungspostkarten für sie einschickte. Ihre Ballade ‚Heel de Wereld‘ (‚Die ganze Welt‘) brachte das Kunststück fertig, gleichzeitig unglaublich pompös und sterbenslangweilig zu klingen. Kein Wunder, dass sie beim ebenfalls in Hilversum stattfindenden Grand Prix damit einen Makemakes (→ AT 2015) pullte und auf dem letzten Platz landete. Wenn auch, anders als die Österreicher, nicht komplett punktelos.

Heal the World / make it a better Place / for you and for me… oh, Entschuldigung, falsches Lied.

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FR 1958: Schlafes Bruder

Nach dem aufwändigen und chaotischen Vorentscheidungsverfahren von 1957 mit seinen zahlreichen Vorrunden und seinem Interpretinnenwechsel in letzter Minute stand in diesem Jahr der gallische Vertreter bereits von vorneherein fest: André Claveau, ein zu jener Zeit sehr erfolgreicher und technisch versierter Pariser Schnulzensänger und Schlagerfilm-Mitwirkender. Fünf Titel standen für ihn zur Auswahl, die der im Jahre 2003 verstorbene Chansonnier für die senderinterne Entscheidung bizarrerweise nicht einmal selbst einsingen musste: die Demoversionen der Autor/innen genügten. Ein nun wirklich besonders ungeeignetes Verfahren, die ideale Kombination aus Sänger und Song zu finden! Eine Jury bestimmte jedenfalls aus den fünf Vorschlägen das sanft einlullende Wiegenlied ‚Dors, mon Amour‘ (‚Schlaf, meine Geliebte‘) zum französischen Beitrag. Und machte damit den goldenen Griff: Claveau gewann gegen starke Konkurrenz den Hauptwettbewerb in Hilversum. Kein Wunder also, dass man auch für die nächsten zwei Jahre beim rein internen Auswahlverfahren blieb.

Zur Siegerreprise des Titels beim Vorentscheid bequemte sich André dann doch mal und sang den Text vom Blatt vor.

Vorentscheid FR 1958

Freitag, 7. Februar 1958, aus Paris. Fünf Teilnehmer/innen

#Interpret/inTitelErgebnis
01Charles DumontParigi Roma--
02René DenoncinHéléna02
03Jocelyne JocyaMusique magique--
04Hubert GiraudDors, mon Amour01
05André RichinTape dans tes Mains--

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IT 1958: Heute blau und morgen blau

Er sollte einen unsterblichen Welthit hervorbringen, dieser Jahrgang des San-Remo-Festivals. Der italienische Staatssender RAI hatte die Organisation des Wettbewerbs vollständig in die Hände des Tourismusbüros der ligurischen Kurstadt gelegt und beschränkte sich auf die Übertragung der Show. Inhaltlich blieb jedoch alles beim Alten: es gab erneut zwei Vorrunden mit je zehn Liedern, die jeweils von zwei meist arrivierten Künstler/innen unterschiedlich interpretiert wurden. Zehn davon schafften es ins Finale am Samstag. Darunter auch eine eingängige, ohrwurmhafte Melodie namens ‚Nel blu dipinto di blu‘ (‚In blau gemaltes blau‘: nach Angaben des Textdichters sollen im Rahmen des Kreativprozesses auch mehrere Liter Wein geflossen sein, was die Wortwahl vielleicht erklärt). Vorgetragen wurde sie unter anderem von Johnny Dorelli, einem in Neapel geborenen, aber in New York aufgewachsenen Newcomer, der aufgrund seiner jugendlichen Ausstrahlung als einer der Favoriten galt und mit seiner leicht sphärisch-jazzigen Interpretation des Titels den Wettbewerb auch gewann.

Entrückt im Weltall: hier kommt Johnny!

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DE 1958: Wollt Ihr heiße Musik?

Margot Hielscher, DE 1958
Die DJane

Um mit den Teletubbies zu sprechen: „Noch mal, noch mal“! Nicht nur die Schweiz und die Niederlande übten sich in den Fünfzigern beim Aufstellen ihrer Eurovisionsvertreterinnen im Ewiggleichen, sondern auch die Deutschen. Denn erneut gewann die unverwüstliche Margot Hielscher (→ Vorentscheid 1956, DE 1957) die heimische Vorauswahl zum Grand Prix, welche diesmal als Kooperation des Hessischen Rundfunks und des WDR in Dortmund stattfand. Auch Frau Hielscher selbst hielt sich an Bewährtes und blieb dem Thema Unterhaltungselektronik treu. Nach dem ‚Telefon, Telefon‘ besang sie diesmal die Jukebox, den schrankgroßen, meist in Gaststätten stationierten Vorläufer des MP3-Players (bzw. von Spotify), an welchem es damals ‚Für zwei Groschen Musik‘ gab.

Miss Muziekapparat: Madame Hielscher.

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ESC 1957: Hallo, Kopenhagen?

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Das Jahr der Zunge

Kein Jahrgang ohne grundlegende Neuerungen, zumindest in der Anfangsphase des Contests: stimmten die Juroren bei der Grand-Prix-Premiere 1956 noch geheim ab und erfuhren wir außer dem Siegertitel keine Platzierungen, so feierte das heutige Herzstück der TV-Show, die stets das komplette letzte Drittel der Sendung einnehmende und die höchsten Einschaltquoten des Abends erzielende öffentliche Stimmenauszählung, beim zweiten Eurovision Song Contest in meiner Geburtsstadt Frankfurt am Main seinen Einstand. Die Durchgabe der Ländervoten erfolgte natürlich telefonisch. Geschickt nahmen die Gastgeber hierauf Bezug: „Telefon, Telefon / Lang war ich allein / Sag, wann werde ich zum Lohn / Endlich glücklich sein“ frug die deutsche Vertreterin Margot Hielscher sich und das Publikum.

Das Fräulein vom Amt (DE).

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FR 1957: Über sieben Brücken musst Du gehn

Frankreich, in den Gründerjahren des Grand Prix Eurovision eine der häufigsten Siegernationen und im Hinblick auf die seinerzeitige durchgängige Bestückung des Wettbewerbs mit möglichst frankophil klingenden Chansons stilistisch tonangebend, neigte bei der Auswahl seiner Wettbewerbsbeiträge mit nur wenigen Ausnahmen meist zum internen Verfahren (und tut das auch noch heute). Und obwohl bei der Premiere von 1956 vonseiten der EBU ein Vorentscheid vorgeschrieben gewesen sein soll, bestimmte der gallische Sender seine beiden ersten Repräsentantinnen Dany Dauberson (†1979) und Mathé Altéry auf eben diese Weise. Die letztgenannte, in Paris geborene Operettensängerin fand sich nun im Teilnehmer/innenkreis des besonders bizarren Vorentscheidungsverfahrens von 1957 wieder, das unter dem Motto Sept Villes, un Chanson (Sieben Städte, ein Lied) stand, interessanterweise aber nicht, wie man erwarten könnte, aus sieben Vorrunden bestand, sondern lediglich aus deren sechs.

Die als Marie-Thérèse Altare geborene Mathé Altéry mit einem Titel aus ‚My Fair Lady‘ (Repertoriebeispiel).

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BE 1957: Die Sommernacht im schwulen Paris

Belgien, das ist das Bosnien-Herzegowina Westeuropas: ein sprachlich wie kulturell unheilbar geteiltes Land, bestehend aus zwei sich gegenseitig mit tief sitzendem Misstrauen beäugenden Seiten (hier: die niederländisch sprechenden Flamen und die französisch parlierenden Wallonen), mehr schlecht als recht zusammengehalten von einer von niemandem so wirklich respektierten Zentralregierung und stets am Rande der politischen Handlungsunfähigkeit dahinmanövrierend. Dass noch keine Blauhelmsoldaten der UN einmarschieren mussten, verdankt der Beneluxstaat vor allem seiner finanziellen (und der daraus folgenden gesellschaftlichen) Stabilität sowie dem fein austarierten Proporz der Institutionen. So existieren zwei getrennte Rundfunkanstalten, der flämische Sender VRT und sein wallonisches Pendant RTBF, die – bis heute – immer schön abwechselnd für die Entsendung des belgischen Beitrags zum Eurovision Song Contest verantwortlich zeichnen.

TV makes it, TV even breaks it: wie dieser Mitschnitt ab Minute 1:31 beweist, hatten die Belgier schon 40 Jahre vor den Iren den Riverdance drauf.

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DK 1957: Das gewöhnliche Lied

Melodi Grand Prix (MGP), so hieß der dänische Vorentscheid bei seiner Premiere im Jahre 1957, und so heißt er noch immer. Damals wie heute bevölkerte fast ausschließlich Superseichtes den skandinavischen Wettbewerb, denn wie ihre südlichen Nachbarn, die Deutschen, mögen es auch die Dänen, jedenfalls in ihrer breiten Masse, musikalisch eher kantenlos und weichgespült. Während sich die Einfallslosigkeit heutzutage meist auf zehn mehr oder minder uniforme Beiträge und zehn Interpret/innen verteilt, wählte der veranstaltende Sender Dansk Radio (DR) seinerzeit lediglich zwei Künstler/innen aus, die sowohl gegen- als auch miteinander antraten. Die junge Kopenhagenerin Birthe Wilke (→ DK 1959) stellte solo zwei Titel vor, konnte mit dem beliebten Schlagerthema „Frühling“ aber ebenso wenig die Jury becircen wie mit dem ‚Gewöhnlichen Lied‘, dem ‚Chanson ordinaire‘. Auch ihr rund zehn Jahre älterer und 1979 bei einem Autounfall ums Leben gekommene Konkurrent Gustav Winckler, der für lange Jahre – wie Birthe – zur Grundausstattung des MGP gehören sollte, blieb mit seinen Solonummern über eine ‚Fata Morgana‘ und die ‚Straße der Sehnsucht‘ erfolglos.

Für die deutsche Einspielung des dänischen ESC-Beitrags ersetzte die Schwedin Bibi Johns die Originalinterpretin.

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