DE 1963: Das geht mir viel zu schnell

Heidi Brühl, DE 1963
Die Zicki­ge

Die Idee, die vom Süd­west­funk aus der Tau­fe geho­be­nen und von gleich vier ARD-Lan­des­sen­dern gemein­schaft­lich ver­an­stal­te­ten Deut­schen Schla­ger­fest­spie­le als Grand-Prix-Vor­ent­scheid zu nut­zen, hat­te 1962 Moder­ni­tät und Glanz in die Ver­an­stal­tung gebracht – und mit ‘Zwei klei­ne Ita­lie­ner’ für einen fri­schen, kom­mer­zi­ell über­aus erfolg­rei­chen deut­schen Bei­trag gesorgt, den erfolg­reichs­ten die­ses Dez­en­ni­ums gar. Wür­de man die­ses rund­um gelun­ge­ne Expe­ri­ment also fort­set­zen, wie es jede mensch­li­che Logik gebie­tet? Weit gefehlt! Denn Hans-Otto Grü­ne­feldt, der Unter­hal­tungs­chef des Hes­si­schen Rund­funks und dama­li­ge Euro­vi­si­ons­ver­ant­wort­li­che der ARD, woll­te ja gera­de kei­ne Hits, son­dern ein “anspruchs­vol­les” Lied. Noch dazu beleg­te die auf die­sem Wege aus­ge­wähl­te Con­ny Fro­boess im Wett­be­werb in Luxem­burg nur einen (aus dama­li­ger Sicht) ent­täu­schen­den sechs­ten Platz, und man wünsch­te sich doch so drin­gend den Sieg!

Ein Mil­lio­nen­sel­ler: der Sie­ger­ti­tel der Deut­schen Schla­ger­fest­spie­le 1963.

wei­ter­le­senDE 1963: Das geht mir viel zu schnell

DK 1963: Je ne sais pas pour­quoi

Acht Bei­trä­ge strit­ten um die Gunst einer zehn­köp­fi­gen Jury bei der däni­schen Vor­ent­schei­dung von 1963, dem Melo­di Grand Prix (MGP), von denen der letzt­plat­zier­te des Schau­spie­lers Pre­ben Mahrt kom­plett punk­te­frei aus­ging. Viel­leicht war er den Jury­mit­glie­dern ein­fach zu ‘Abs­trakt’? Ansons­ten bestand das Per­so­nal über­wie­gend aus alt­ge­dien­ten Namen: sowohl die hei­mi­sche Ver­tre­te­rin von 1957 und 1962, Bir­t­he Wil­ke, als auch der däni­sche ESC-Reprä­sen­tant von 1961, Dario Cam­peot­to, star­te­ten einen wei­te­ren Ver­such, wobei sich ers­te­re im Hin­blick auf die von ihrem Bei­trag aus­ge­hen­de, gepfleg­te Lan­ge­wei­le nicht ohne Grund selbst frag­te: ‘Pour­quoi’ (‘War­um’)? Das Tanz­or­ches­ter Melo­dy Mixers wid­me­te sich in sei­nem extrem flui­den Stück ‘Har­le­kin & Colum­bi­ne’ inhalt­lich dem Ver­an­stal­tungs­ort des MGP, dem Kopen­ha­ge­ner Innen­stadt-Ver­gnü­gungs­park Tivo­li. Git­te Hæn­ning (→ DE 1973), die im glei­chen Jahr ein Land wei­ter süd­lich mit ‘Ich will ‘nen Cow­boy als Mann’ die Deut­schen Schla­ger­fest­spie­le gewin­nen und einen Num­mer-Eins-Hit lan­den soll­te, kas­sier­te zu Hau­se für ihre ‘Lil­le sar­te Kvin­de’ (‘Klei­ne zar­te Frau’) nur halb so vie­le Punk­te wie das schluss­end­lich sieg­rei­che Ehe­paar Gre­the und Jør­gen Ing­mann mit ihrer jaz­zi­gen ‘Dan­se­vi­se’.

Call me again,” sang Gre­the mit­ten in ihrem däni­schen Text fle­hend. Das taten die nor­we­gi­schen Punk­te­rich­ter beim ESC dann auch.

wei­ter­le­senDK 1963: Je ne sais pas pour­quoi

UK 1963: Der Tag am Meer

Der sei­ner­zei­ti­ge Euro­vi­si­ons­ver­ant­wort­li­che der BBC, der TV-Unter­hal­tungs­chef Tom Slo­an, nahm sich, wie Gor­don Rox­burgh in sei­nem Buch Songs for Euro­pe berich­tet, die Zuschau­er­kri­tik über das schlech­te Niveau der direkt durch die Indus­trie kom­mis­sio­nier­ten Bei­trä­ge im bri­ti­schen Vor­ent­scheid von 1962 sehr zu Her­zen. In einem Inter­view mit der Pro­gramm­zeit­schrift Radio Times leg­te er gleich zwei drän­gen­de Pro­ble­me offen: “Ich den­ke, das Wett­be­werbs­ele­ment hält vie­le Musik­ver­le­ger davon ab, ihr bes­tes Mate­ri­al ein­zu­rei­chen, weil die Gefahr besteht, dass es in der natio­na­len Abstim­mung ver­liert. Außer­dem kon­zen­trie­ren sich die Plat­ten­fir­men natür­lich vor allem auf Songs, die auf das kauf­kräf­ti­ge jugend­li­che Publi­kum zie­len, und weni­ger auf sol­che, die den natio­na­len Jurys in den teil­neh­men­den Län­dern gefal­len könn­ten”. Damit umschrieb er den auch vom BBC-Publi­kum bemän­gel­ten Zustand, dass das Feld im Vor­jahr haupt­säch­lich aus schnel­le­ren, tanz­ba­ren Titeln bestand und die von den kon­ser­va­ti­ven, meist aus älte­ren Wür­den­trä­gern bestehen­den → Jurys klar bevor­zug­ten Bal­la­den Man­gel­wa­re waren. Er erwäg­te kurz, gar kei­nen Vor­ent­scheid abzu­hal­ten, son­dern intern aus­zu­wäh­len, ent­schied sich dann aber doch für einen offe­nen Wett­be­werb. Aller­dings bat er dies­mal nicht die Labels um Bei­trä­ge, son­dern bestell­te die Lie­der direkt bei füh­ren­den, hand­ver­le­se­nen Kom­po­nis­ten. Die jedoch erwie­sen sich als noch zart besai­te­ter, wenn es dar­um ging, sich der Kon­kur­renz zu stel­len: nicht nur, dass Slo­an kaum eta­blier­te Inter­pre­ten bekam, auch vom Mate­ri­al her kam A Song for Euro­pe (ASFE) 1963 noch schwach­brüs­ti­ger daher als bereits im Vor­jahr.

Mana mana – dap di de dippi… Ron­nie und die Snouts beim Euro­vi­si­on Song Con­test 1963.

wei­ter­le­senUK 1963: Der Tag am Meer

SE 1963: von Bie­nen und Blu­men

Es gibt ihn wohl über­all, den Typus des unver­dros­se­nen Vor­ent­schei­dungs­teil­neh­mers, der es sto­isch immer wie­der aufs Neue pro­biert, das Ticket fürs inter­na­tio­na­le Fina­le zu ersin­gen. Bern­hard Brink mit sei­nen sechs Ver­su­chen beim deut­schen Vor­ent­scheid ist ein klas­si­sches Bei­spiel hier­für. Kaum jemand leg­te dabei indes eine der­ar­ti­ge Pene­tranz an den Tag wie Brinks schwe­di­sche Schla­ger­kol­le­gin Ann-Loui­se Han­son, die mit ins­ge­samt 13 stets erfolg­lo­sen Bewer­bun­gen beim Melo­di­fes­ti­va­len (plus einer eben­so fol­gen­lo­sen Teil­nah­me am deut­schen Vor­ent­scheid 1962) den Rekord hält. Zuletzt ward sie im Jah­re 2004 im Mel­lo-Fina­le gese­hen. 1963 gab sie ihr Debüt mit dem kin­der­lied­haf­ten ‘Zum zum zum, lil­la Som­mar­bi’, einem pos­sier­li­chen klei­nen Cha-Cha-Cha, der das typi­sche Geräusch the­ma­ti­sier­te, wel­ches die pol­len­sam­meln­den Insek­ten beim Flü­gel­schla­gen erzeu­gen, und wel­cher uns heut­zu­ta­ge auf gera­de­zu nost­al­gi­sche Wei­se unschul­dig anmu­tet, wo doch die Mensch­heit dank der Pro­fit­gier der Che­mie­kon­zer­ne, deren von Bau­ern welt­weit mas­sen­haft ein­ge­setz­te Schäd­lings­be­kämp­fungs­mit­tel nach der Ver­mu­tung von Natur­schutz­ver­bän­den sehr effek­tiv auch die Bestän­de der klei­nen Honig­pro­du­zen­ten dezi­mie­ren und gemein­sam mit der land­wirt­schafts­be­dingt dras­tisch zurück­ge­hen­den Viel­falt an Wild­blu­men, die als Nah­rungs­quel­le für die flei­ßi­gen Bestäu­ber die­nen, zu einem mas­si­ven Bie­nenster­ben und somit in der Fol­ge zu dra­ma­ti­schen Ern­te­aus­fäl­len füh­ren, vor dem mit­tel­fris­tig per­spek­ti­vi­schen Hun­ger­tod steht. Frau Han­son muss­te sich hier unter­des­sen den kol­lek­ti­ven vier­ten Platz mit zahl­rei­chen ande­ren Teilnehmer/innen tei­len, denn in die­sem Jahr hat­te das schwe­di­sche Fern­se­hen das Wer­tungs­ver­fah­ren geän­dert und gab nur die Medail­len­rän­ge bekannt.

Summ, summ, klei­ne Som­mer­bie­ne, wenn Du nicht gera­de an den Auto­ab­ga­sen erstickst: Ann-Loui­se Han­son.

wei­ter­le­senSE 1963: von Bie­nen und Blu­men

FI 1963: I am what I am

Viel Mühe hat­te sich das fin­ni­sche Fern­se­hen YLE gege­ben mit sei­ner drit­ten Euro­vi­si­ons­vor­ent­schei­dung, der Suo­men Eurovi­isukar­sin­ta 1963. Acht Titel hat­te man kom­mis­sio­niert, dar­un­ter Stü­cke mit so viel­ver­spre­chen­den Titeln wie ‘Pim­pu­la vei’ (‘Ver­flucht’): kei­ne Spra­che klingt so gangs­ter­mä­ßig und eig­net sich so gut zum Flu­chen wie das Fin­ni­sche! Wie sei­ner­zeit üblich, wur­den alle Bei­trä­ge jeweils von zwei ver­schie­de­nen Künstler/innen ein­ge­sun­gen, in unter­schied­li­cher Instru­men­tie­rung, um den Fokus der zwei­hun­dert­köp­fi­gen (!) Lai­en­ju­ry weg vom Inter­pre­ten und hin zum Song zu len­ken. Dies gelang jedoch nur sehr ein­ge­schränkt (wie auch, schließ­lich bil­det bei­des eine untrenn­ba­re Ein­heit), und nicht immer unbe­dingt zum Vor­teil der Künstler/innen. So gab bei­spiels­wei­se eine der Abstim­mungs­be­rech­tig­ten, eine Bäue­rin aus Mit­tel­finn­land, spä­ter der Pres­se zu Pro­to­koll, ihr Lieb­lings­bei­trag sei eigent­lich das jaz­zig-ver­ruch­te ‘Olen mikä olen’ (‘Ich bin, was ich bin’) in der Inter­pre­ta­ti­on von Tama­ra Lund gewe­sen, ein durch­aus anre­gen­des Stück wie aus einem James-Bond-Strei­fen. Wegen der dezent auf­rei­zen­den, an die Gren­zen des damals Schick­li­chen gehen­den Prä­sen­ta­ti­on durch die Sän­ge­rin und Schau­spie­le­rin habe sie aber nicht öffent­lich für das Lied stim­men kön­nen, aus Angst, sonst im Hei­mat­dorf als “ver­dor­ben” ange­se­hen zu wer­den. So muss­te sich Lund, die mit die­sem Auf­tritt ihren Durch­bruch schaff­te, mit dem drit­ten Rang begnü­gen. Die 2005 ver­stor­be­ne Künst­le­rin blick­te auf ein beweg­tes Leben zurück: ihre ers­te gro­ße Lie­be, der Schau­spiel­kol­le­ge Rami Sar­masto, mit dem sie gemein­sam das in der Hei­mat bekann­te Lie­bes­lied ‘Sinun oma­si’ auf­nahm, starb 1965 weni­ge Tage vor der geplan­ten Hoch­zeit bei einem Auto­un­fall. Es folg­ten zwei Ehen mit zwei Sän­gern und dar­aus ent­sprin­gend zwei Kin­dern, dar­un­ter die Musi­cal-Inter­pre­tin Maria Lund (→ Vor­ent­scheid FI 2010). In den Sieb­zi­gern wan­der­te sie nach Deutsch­land aus, wo sie in Mün­chen und Düs­sel­dorf arbei­te­te. 2000 kehr­te sie nach Finn­land zurück und war als Gemein­de­rä­tin in Tur­ku aktiv, wo sie in einen Schwarz­geld­skan­dal ver­wi­ckelt wur­de und dabei die Hälf­te ihres Ver­mö­gens ver­lor. 2005 erlag sie einem Krebs­lei­den.

I am what I am / I am my own spe­cial Crea­ti­on’: Tama­ra Lund kom­bi­niert geschickt geschmack­voll und scharf.

wei­ter­le­senFI 1963: I am what I am

NO 1963: Blon­di­ne in Fes­seln

Es ist offen­sicht­lich das Ergeb­nis einer Qua­li­täts­be­wer­tung,“ so selbst­kri­tisch-mali­zi­ös kom­men­tier­te der Pres­se­chef des ver­an­stal­ten­den nor­we­gi­schen Rund­funks NRK gegen­über der Tages­zei­tung Dag­bla­det den Umstand, dass der Sen­der den Melo­di Grand Prix (MGP) 1963 nicht (auch) im Radio über­trug, wie in den Vor­jah­ren üblich, son­dern aus­schließ­lich im Fern­se­hen, das zu die­sem Zeit­punkt allei­ne schon aus tech­ni­schen Grün­den nur ein knap­pes Vier­tel der nor­we­gi­schen Haus­hal­te erreich­te. Auch die Zei­tung häm­te, dass den Radio-Zuhö­rer/in­nen da wohl eini­ges erspart geblie­ben sei, und das Kon­kur­renz­blatt Aften­pos­ten ergänz­te Salz-in-die-Wun­den-streu­end, “alle fünf Kom­po­si­tio­nen,” die ein ledig­lich drei­köp­fi­ges Sen­der­ko­mi­tee aus 221 Ein­sen­dun­gen aus­wähl­te, “könn­ten leicht­hin bereits vor drei­ßig Jah­ren geschrie­ben wor­den sein”. Selbst die betei­lig­ten Interpret/innen müs­sen dies ähn­lich emp­fun­den haben. Neben eta­blier­ten Vor­kriegs­grö­ßen wie dem 1999 ver­stor­be­nen Schau­spie­ler, Thea­ter­di­rek­tor und Lie­der­ma­cher Jens Book-Jen­sen sowie der Miss Nor­we­gen 1962, Bea­te Bre­vik, befand sich unter ande­ren die zwei­ma­li­ge Euro­vi­si­ons­re­prä­sen­tan­tin Nora Brock­stedt (→ NO 1960, 1961) im Line-up und stell­te neben dem viert­plat­zier­ten Titel ‘Drøm­mek­jo­len’ (‘Traum­kleid’, ein für ein­ge­fleisch­te Grand-Prix-Fans durch­aus abend­fül­len­des The­ma) auch das mit deut­li­chem Punk­te­ab­stand sieg­rei­che Chan­son ‘Solvherv’ (‘Som­mer­son­nen­wen­de’) vor. 

Mona, die Schwe­din’ ali­as Ani­ta Thallaug beim ESC-Auf­tritt in Lon­don.

wei­ter­le­senNO 1963: Blon­di­ne in Fes­seln

IT 1963: A Cock in a Frock on a Rock

Ita­li­ens berühm­tes­ter TV-Mode­ra­tor, der Game­show-Gast­ge­ber Mike Bon­gior­no (nein, kein Künst­ler­na­me, der hieß wirk­lich so!), über­nahm 1963 für eine kom­plet­te Deka­de die Auf­ga­be des Con­fe­ren­ciers des glanz­vol­len San-Remo-Fes­ti­vals. Lus­ti­ger Wiki­pe­dia-Fakt am Ran­de: der Autor Umber­to Eco sah in Signor Guten­mor­gen, der schon 1954 beim Sen­de­start der RAI mit an Bord war und bis zu sei­nem Tode im Jah­re 2009 im TV auf­trat, das “Abbild der Beschränk­heit” der Zuschauer/innen, der sei­nen Erfolg allei­ne der Tat­sa­che ver­dan­ke, “dass aus jeder Hand­lung und jedem Wort eine abso­lu­te Mit­tel­mä­ßig­keit spricht”. War­um nur muss ich spon­tan an Jörg Pila­wa den­ken und an Mar­kus Lanz? Bon­gior­no jeden­falls, des­sen Lei­che andert­halb Jah­re nach sei­ner Bei­set­zung aus dem Grab geraubt (!), aber spä­ter wie­der­ge­fun­den wur­de, soll sich 1963 wenig erfreut dar­über gezeigt haben, dass die RAI erneut ledig­lich den Final­abend des mehr­tä­gi­gen San-Remo-Fes­ti­vals über­trug und ihm nur wenig Raum für sein Geplap­per ließ. Dass er hier so aus­führ­lich Erwäh­nung fin­det, weist bereits dar­auf hin, dass die Lied­bei­trä­ge die­ses Jahr­gangs wenig Anlass zu umfang­rei­cher Bericht­erstat­tung lie­fer­ten. Ledig­lich die Hälf­te der zehn in einem Anfall von Rück­wärts­ge­wandt­heit nicht mehr wie in den Jah­ren zuvor vom Publi­kum, son­dern wie­der von Jurys aus­ge­wähl­ten Final­ti­tel konn­ten in den Charts reüs­sie­ren – aus heu­ti­ger Sicht eine Traum­quo­te, für dama­li­ge ita­lie­ni­sche Ver­hält­nis­se ein ver­hält­nis­mä­ßig mage­res Ergeb­nis.

Die Sech­zi­ger­jah­re-Vari­an­te des Twerking, damals kul­tu­rell sehr viel umstrit­te­ner: Pino tanzt den Twist.

wei­ter­le­senIT 1963: A Cock in a Frock on a Rock

CH 1963: Water­loo und Robin­son

Zwei Unver­dros­se­ne, ein Unbe­kann­ter und ein wer­den­der Welt­star – das Line-up der hel­ve­ti­schen Euro­vi­si­ons­vor­ent­schei­dung von 1963 könn­te nicht gro­tes­ker aus­fal­len. So bewar­ben sich – erneut erfolg­los – die bei­den Dauerteilnehmer/innen Jo Roland und Ani­ta Tra­ver­si (→ CH 1960, 1964), Letz­te­re gar mit gleich drei Bei­trä­gen. Doch nicht ein­mal das angeb­lich ‘Schöns­te Lied der Welt’ nutz­te ihr hier etwas. Denn neben einer Figur mit dem anonymstmög­li­chen Künst­ler­na­men Wil­ly Schmid, der mit ‘Ein­mal in Mexi­co’ den Ver­an­stal­tungs­ort des dies­jäh­ri­gen Con­tests um meh­re­re Kon­ti­nen­te ver­fehl­te, war es dem Schwei­zer Fern­se­hen gelun­gen, eine jun­ge, viel­sei­tig begab­te Schau­spie­le­rin und Sän­ge­rin israe­li­scher Her­kunft auf­zu­bie­ten, für wel­che sich hier die Türen zu einer inter­na­tio­na­len Chan­son­kar­rie­re weit öff­nen soll­ten. Esther Ofa­rim, die in den bei­den Vor­jah­ren bei Gesangs­wett­be­wer­ben in ihrer Hei­mat und in Polen jeweils Gold geholt hat­te, ver­moch­te mit der zart-melan­cho­li­schen, exzel­lent inter­pre­tier­ten Bal­la­de ‘T’en vas pas’ (aus der Feder des auch für den Sie­ger­ti­tel von 1956, ‘Refrain’, ver­ant­wort­li­chen Kom­po­nis­ten­ge­spanns) die 27 Juro­ren zu über­zeu­gen und gewann den eid­ge­nös­si­schen Vor­ent­scheid.

Noch einen Zen­ti­me­ter näher ran und es gibt einen Fett­fle­cken auf der Lin­se: die äthe­ri­sche Esther Ofa­rim beim Flirt mit der Kame­ra.

wei­ter­le­senCH 1963: Water­loo und Robin­son

NL 1963: Die Spiel­do­se steht still, wenn Dein star­ker Arm es will

Null Punk­te beim Euro­vi­si­on Song Con­test von 1962 für die per Vor­ent­scheid aus­ge­wähl­ten Speelbrekers: das nie­der­län­di­sche Fern­se­hen reagier­te prompt und ver­leg­te sich für 1963 auf eine intern aus­ge­such­te Inter­pre­tin und eine jury­ge­stütz­te Song­aus­wahl. Annie Pal­men begann ihre Kar­rie­re einst als Sän­ge­rin ver­schie­de­ner Tanz­or­ches­ter, die vom Süd­see­schla­ger bis zum Coun­try alle mög­li­chen Sti­le abdeck­ten. 1948 gewann sie einen Talent­wett­be­werb eines hol­län­di­schen Radio­sen­ders, kam dort öfters zum Ein­satz und konn­te in der Fol­ge ers­te Hits erzie­len. 1960 trat sie beim nie­der­län­di­schen Vor­ent­scheid an und sang dort das Sie­ger­lied ‘Wat een Geluk’, wel­ches die Jury aber lie­ber in die Hän­de des zwei­ten Inter­pre­ten Rudi Car­rell (ja, genau der!) leg­te. Dies­mal buch­te der Sen­der NTS sie zur Ent­schä­di­gung fix als Reprä­sen­tan­tin und such­te ihr drei Lie­der aus, die sie eigent­lich in einem bereits für den 23. Janu­ar 1963 im Tivo­li zu Utrecht ter­mi­nier­ten TV-Vor­ent­scheid zu Gehör brin­gen soll­te. Doch dann tra­ten jus­ta­ment zum Natio­naal Song­fes­ti­val die Mit­glie­der des NTS-Rund­funk­or­ches­ters in den Streik, um höhe­re Gehalts­for­de­run­gen durch­zu­set­zen (oder gaben etwa doch geschmack­li­che Grün­de den Aus­schlag für die Arbeits­ver­wei­ge­rung?). Und so fand not­ge­drun­gen auch die Aus­wahl des Bei­trags unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit durch eine sen­der­in­ter­ne Jury statt. ‘Geen ander’ hieß die dort bestimm­te, extrem bedäch­ti­ge Bal­la­de ursprüng­lich, deren Titel man dann aber noch in ‘Een Speel­doos’ ver­schlimm­bes­ser­te. Am 8. Febru­ar 1963 stell­te Annie Pal­men das Lied schließ­lich den mit atem­lo­ser Span­nung war­ten­den TV-Zuschau­er/in­nen vor, und zwar – man kann es sich nicht schö­ner aus­den­ken! – in der Rudi-Car­rell-Show. Da das Orches­ter sich noch immer im Aus­stand befand, muss­te sie hier aller­dings zum Voll­play­back mimen. Auch nach Lon­don zum Euro­vi­si­on Song Con­test reis­te sie dank der Macht der Gewerk­schaf­ten (lebens­äl­te­ren SPD-Wäh­lern unter mei­nen Leser/innen stei­gen jetzt ver­mut­lich nost­al­gi­sche Trä­nen in die Augen!) ohne den damals übli­chen eige­nen Diri­gen­ten an. Liegt hier eine der Ursa­chen für die sich hart­nä­ckig hal­ten­den Gerüch­te, es wäre nicht alles live gewe­sen beim ESC 1963? Wie auch immer sich die Din­ge zutru­gen, eines ist sicher: das neue Ver­fah­ren zahl­te sich für die Nie­der­lan­de nicht aus. Auch Annie Pal­men (†2000) kehr­te mit → Nul Points vom Grand Prix nach Hau­se zurück, und das mit Recht!

Annie Pal­men beim Besuch in der Echo­kam­mer.

Vor­ent­scheid NL 1963

Rudi-Car­rell-Show. Frei­tag, 8. Febru­ar 1963. Eine Teil­neh­me­rin (Lied­vor­stel­lung im Rah­men der Show nach vor­he­ri­ger Jur­y­aus­wahl).
#Interpret/inTitelPlatz
01Annie Pal­menKijk, daar is de Zon-
02Annie Pal­menGeen ander1
03Annie Pal­menHoor je mij-

BE 1963: Stell Dir vor, Sizi­li­en 1936…

Was ist das nur mit den Bel­gi­ern und ihren ita­lio­phi­len Con­nec­tions? Das Gast­ar­bei­ter­kind Roc­co Gra­na­ta (→ Vor­ent­scheid IT 1961) schaff­te sei­nen euro­pa­wei­ten Durch­bruch mit dem selbst geschrie­be­nen Mil­lio­nen­sel­ler ‘Mari­na’ von sei­ner dama­li­gen Hei­mat Bel­gi­en aus; die bis zum heu­ti­gen Tage ein­zi­ge Grand-Prix-Sie­ge­rin des Pom­mes-Fri­tes-Staat, San­dra Kim (→ BE 1986), ver­fügt eben­falls über Vor­fah­ren aus dem Piz­za-und-Pas­ta-Land; und der letzt­plat­zier­te Titel der Euro­vi­si­ons­vor­ent­schei­dung von 1963, bizar­r­er­wei­se ver­an­stal­tet unter dem Titel Can­zo­nis­si­ma (den eigent­lich die RAI für eine in ihrem Pro­gramm jahr­zehn­te­lang lau­fen­de, sehr belieb­te Revue­show ver­wen­de­te), hieß ‘Con Amo­re’, gesun­gen von einer Dame namens Lie­ve Olga (klingt nach einer ukrai­ni­schen Puff­mut­ter), die mit ihrer sen­sa­tio­nel­len Hoch­fri­sur nicht nur Mar­ge Simp­son Kon­kur­renz mach­te, son­dern auch dem Turm von Pisa.

Hat nicht nur eine Vogel­nest­fri­sur, son­dern auch einen eige­nen Vogel: die lie­be Olga.

wei­ter­le­senBE 1963: Stell Dir vor, Sizi­li­en 1936…