SE 1963: von Bie­nen und Blu­men

Es gibt ihn wohl über­all, den Typus des unver­dros­se­nen Vor­ent­schei­dungs­teil­neh­mers, der es sto­isch immer wie­der aufs Neue pro­biert, das Ticket fürs inter­na­tio­na­le Fina­le zu ersin­gen. Bern­hard Brink mit sei­nen sechs Ver­su­chen beim deut­schen Vor­ent­scheid ist ein klas­si­sches Bei­spiel hier­für. Kaum jemand leg­te dabei indes eine der­ar­ti­ge Pene­tranz an den Tag wie Brinks schwe­di­sche Schla­ger­kol­le­gin Ann-Loui­se Han­son, die mit ins­ge­samt 13 stets erfolg­lo­sen Bewer­bun­gen beim Melo­di­fes­ti­va­len (plus einer eben­so fol­gen­lo­sen Teil­nah­me am deut­schen Vor­ent­scheid 1962) den Rekord hält. Zuletzt ward sie im Jah­re 2004 im Mel­lo-Fina­le gese­hen. 1963 gab sie ihr Debüt mit dem kin­der­lied­haf­ten ‘Zum zum zum, lil­la Som­mar­bi’, einem pos­sier­li­chen klei­nen Cha-Cha-Cha, der das typi­sche Geräusch the­ma­ti­sier­te, wel­ches die pol­len­sam­meln­den Insek­ten beim Flü­gel­schla­gen erzeu­gen, und wel­cher uns heut­zu­ta­ge auf gera­de­zu nost­al­gi­sche Wei­se unschul­dig anmu­tet, wo doch die Mensch­heit dank der Pro­fit­gier der Che­mie­kon­zer­ne, deren von Bau­ern welt­weit mas­sen­haft ein­ge­setz­te Schäd­lings­be­kämp­fungs­mit­tel nach der Ver­mu­tung von Natur­schutz­ver­bän­den sehr effek­tiv auch die Bestän­de der klei­nen Honig­pro­du­zen­ten dezi­mie­ren und gemein­sam mit der land­wirt­schafts­be­dingt dras­tisch zurück­ge­hen­den Viel­falt an Wild­blu­men, die als Nah­rungs­quel­le für die flei­ßi­gen Bestäu­ber die­nen, zu einem mas­si­ven Bie­nenster­ben und somit in der Fol­ge zu dra­ma­ti­schen Ern­te­aus­fäl­len füh­ren, vor dem mit­tel­fris­tig per­spek­ti­vi­schen Hun­ger­tod steht. Frau Han­son muss­te sich hier unter­des­sen den kol­lek­ti­ven vier­ten Platz mit zahl­rei­chen ande­ren Teilnehmer/innen tei­len, denn in die­sem Jahr hat­te das schwe­di­sche Fern­se­hen das Wer­tungs­ver­fah­ren geän­dert und gab nur die Medail­len­rän­ge bekannt.

Summ, summ, klei­ne Som­mer­bie­ne, wenn Du nicht gera­de an den Auto­ab­ga­sen erstickst: Ann-Loui­se Han­son.

wei­ter­le­senSE 1963: von Bie­nen und Blu­men

FI 1963: I am what I am

Viel Mühe hat­te sich das fin­ni­sche Fern­se­hen YLE gege­ben mit sei­ner drit­ten Euro­vi­si­ons­vor­ent­schei­dung, der Suo­men Eurovi­isukar­sin­ta 1963. Acht Titel hat­te man kom­mis­sio­niert, dar­un­ter Stü­cke mit so viel­ver­spre­chen­den Titeln wie ‘Pim­pu­la vei’ (‘Ver­flucht’): kei­ne Spra­che klingt so gangs­ter­mä­ßig und eig­net sich so gut zum Flu­chen wie das Fin­ni­sche! Wie sei­ner­zeit üblich, wur­den alle Bei­trä­ge jeweils von zwei ver­schie­de­nen Künstler/innen ein­ge­sun­gen, in unter­schied­li­cher Instru­men­tie­rung, um den Fokus der zwei­hun­dert­köp­fi­gen (!) Lai­en­ju­ry weg vom Inter­pre­ten und hin zum Song zu len­ken. Dies gelang jedoch nur sehr ein­ge­schränkt (wie auch, schließ­lich bil­det bei­des eine untrenn­ba­re Ein­heit), und nicht immer unbe­dingt zum Vor­teil der Künstler/innen. So gab bei­spiels­wei­se eine der Abstim­mungs­be­rech­tig­ten, eine Bäue­rin aus Mit­tel­finn­land, spä­ter der Pres­se zu Pro­to­koll, ihr Lieb­lings­bei­trag sei eigent­lich das jaz­zig-ver­ruch­te ‘Olen mikä olen’ (‘Ich bin, was ich bin’) in der Inter­pre­ta­ti­on von Tama­ra Lund gewe­sen, ein durch­aus anre­gen­des Stück wie aus einem James-Bond-Strei­fen. Wegen der dezent auf­rei­zen­den, an die Gren­zen des damals Schick­li­chen gehen­den Prä­sen­ta­ti­on durch die Sän­ge­rin und Schau­spie­le­rin habe sie aber nicht öffent­lich für das Lied stim­men kön­nen, aus Angst, sonst im Hei­mat­dorf als “ver­dor­ben” ange­se­hen zu wer­den. So muss­te sich Lund, die mit die­sem Auf­tritt ihren Durch­bruch schaff­te, mit dem drit­ten Rang begnü­gen. Die 2005 ver­stor­be­ne Künst­le­rin blick­te auf ein beweg­tes Leben zurück: ihre ers­te gro­ße Lie­be, der Schau­spiel­kol­le­ge Rami Sar­masto, mit dem sie gemein­sam das in der Hei­mat bekann­te Lie­bes­lied ‘Sinun oma­si’ auf­nahm, starb 1965 weni­ge Tage vor der geplan­ten Hoch­zeit bei einem Auto­un­fall. Es folg­ten zwei Ehen mit zwei Sän­gern und dar­aus ent­sprin­gend zwei Kin­dern, dar­un­ter die Musi­cal-Inter­pre­tin Maria Lund (→ Vor­ent­scheid FI 2010). In den Sieb­zi­gern wan­der­te sie nach Deutsch­land aus, wo sie in Mün­chen und Düs­sel­dorf arbei­te­te. 2000 kehr­te sie nach Finn­land zurück und war als Gemein­de­rä­tin in Tur­ku aktiv, wo sie in einen Schwarz­geld­skan­dal ver­wi­ckelt wur­de und dabei die Hälf­te ihres Ver­mö­gens ver­lor. 2005 erlag sie einem Krebs­lei­den.

I am what I am / I am my own spe­cial Crea­ti­on’: Tama­ra Lund kom­bi­niert geschickt geschmack­voll und scharf.

wei­ter­le­senFI 1963: I am what I am

NO 1963: Blon­di­ne in Fes­seln

Es ist offen­sicht­lich das Ergeb­nis einer Qua­li­täts­be­wer­tung,“ so selbst­kri­tisch-mali­zi­ös kom­men­tier­te der Pres­se­chef des ver­an­stal­ten­den nor­we­gi­schen Rund­funks NRK gegen­über der Tages­zei­tung Dag­bla­det den Umstand, dass der Sen­der den Melo­di Grand Prix (MGP) 1963 nicht (auch) im Radio über­trug, wie in den Vor­jah­ren üblich, son­dern aus­schließ­lich im Fern­se­hen, das zu die­sem Zeit­punkt allei­ne schon aus tech­ni­schen Grün­den nur ein knap­pes Vier­tel der nor­we­gi­schen Haus­hal­te erreich­te. Auch die Zei­tung häm­te, dass den Radio-Zuhö­rer/in­nen da wohl eini­ges erspart geblie­ben sei, und das Kon­kur­renz­blatt Aften­pos­ten ergänz­te Salz-in-die-Wun­den-streu­end, “alle fünf Kom­po­si­tio­nen,” die ein ledig­lich drei­köp­fi­ges Sen­der­ko­mi­tee aus 221 Ein­sen­dun­gen aus­wähl­te, “könn­ten leicht­hin bereits vor drei­ßig Jah­ren geschrie­ben wor­den sein”. Selbst die betei­lig­ten Interpret/innen müs­sen dies ähn­lich emp­fun­den haben. Neben eta­blier­ten Vor­kriegs­grö­ßen wie dem 1999 ver­stor­be­nen Schau­spie­ler, Thea­ter­di­rek­tor und Lie­der­ma­cher Jens Book-Jen­sen sowie der Miss Nor­we­gen 1962, Bea­te Bre­vik, befand sich unter ande­ren die zwei­ma­li­ge Euro­vi­si­ons­re­prä­sen­tan­tin Nora Brock­stedt (→ NO 1960, 1961) im Line-up und stell­te neben dem viert­plat­zier­ten Titel ‘Drøm­mek­jo­len’ (‘Traum­kleid’, ein für ein­ge­fleisch­te Grand-Prix-Fans durch­aus abend­fül­len­des The­ma) auch das mit deut­li­chem Punk­te­ab­stand sieg­rei­che Chan­son ‘Solvherv’ (‘Som­mer­son­nen­wen­de’) vor. 

Mona, die Schwe­din’ ali­as Ani­ta Thallaug beim ESC-Auf­tritt in Lon­don.

wei­ter­le­senNO 1963: Blon­di­ne in Fes­seln

IT 1963: A Cock in a Frock on a Rock

Ita­li­ens berühm­tes­ter TV-Mode­ra­tor, der Game­show-Gast­ge­ber Mike Bon­gior­no (nein, kein Künst­ler­na­me, der hieß wirk­lich so!), über­nahm 1963 für eine kom­plet­te Deka­de die Auf­ga­be des Con­fe­ren­ciers des glanz­vol­len San-Remo-Fes­ti­vals. Lus­ti­ger Wiki­pe­dia-Fakt am Ran­de: der Autor Umber­to Eco sah in Signor Guten­mor­gen, der schon 1954 beim Sen­de­start der RAI mit an Bord war und bis zu sei­nem Tode im Jah­re 2009 im TV auf­trat, das “Abbild der Beschränk­heit” der Zuschauer/innen, der sei­nen Erfolg allei­ne der Tat­sa­che ver­dan­ke, “dass aus jeder Hand­lung und jedem Wort eine abso­lu­te Mit­tel­mä­ßig­keit spricht”. War­um nur muss ich spon­tan an Jörg Pila­wa den­ken und an Mar­kus Lanz? Bon­gior­no jeden­falls, des­sen Lei­che andert­halb Jah­re nach sei­ner Bei­set­zung aus dem Grab geraubt (!), aber spä­ter wie­der­ge­fun­den wur­de, soll sich 1963 wenig erfreut dar­über gezeigt haben, dass die RAI erneut ledig­lich den Final­abend des mehr­tä­gi­gen San-Remo-Fes­ti­vals über­trug und ihm nur wenig Raum für sein Geplap­per ließ. Dass er hier so aus­führ­lich Erwäh­nung fin­det, weist bereits dar­auf hin, dass die Lied­bei­trä­ge die­ses Jahr­gangs wenig Anlass zu umfang­rei­cher Bericht­erstat­tung lie­fer­ten. Ledig­lich die Hälf­te der zehn in einem Anfall von Rück­wärts­ge­wandt­heit nicht mehr wie in den Jah­ren zuvor vom Publi­kum, son­dern wie­der von Jurys aus­ge­wähl­ten Final­ti­tel konn­ten in den Charts reüs­sie­ren – aus heu­ti­ger Sicht eine Traum­quo­te, für dama­li­ge ita­lie­ni­sche Ver­hält­nis­se ein ver­hält­nis­mä­ßig mage­res Ergeb­nis.

Die Sech­zi­ger­jah­re-Vari­an­te des Twerking, damals kul­tu­rell sehr viel umstrit­te­ner: Pino tanzt den Twist.

wei­ter­le­senIT 1963: A Cock in a Frock on a Rock

CH 1963: Water­loo und Robin­son

Zwei Unver­dros­se­ne, ein Unbe­kann­ter und ein wer­den­der Welt­star – das Line-up der hel­ve­ti­schen Euro­vi­si­ons­vor­ent­schei­dung von 1963 könn­te nicht gro­tes­ker aus­fal­len. So bewar­ben sich – erneut erfolg­los – die bei­den Dauerteilnehmer/innen Jo Roland und Ani­ta Tra­ver­si (→ CH 1960, 1964), Letz­te­re gar mit gleich drei Bei­trä­gen. Doch nicht ein­mal das angeb­lich ‘Schöns­te Lied der Welt’ nutz­te ihr hier etwas. Denn neben einer Figur mit dem anonymstmög­li­chen Künst­ler­na­men Wil­ly Schmid, der mit ‘Ein­mal in Mexi­co’ den Ver­an­stal­tungs­ort des dies­jäh­ri­gen Con­tests um meh­re­re Kon­ti­nen­te ver­fehl­te, war es dem Schwei­zer Fern­se­hen gelun­gen, eine jun­ge, viel­sei­tig begab­te Schau­spie­le­rin und Sän­ge­rin israe­li­scher Her­kunft auf­zu­bie­ten, für wel­che sich hier die Türen zu einer inter­na­tio­na­len Chan­son­kar­rie­re weit öff­nen soll­ten. Esther Ofa­rim, die in den bei­den Vor­jah­ren bei Gesangs­wett­be­wer­ben in ihrer Hei­mat und in Polen jeweils Gold geholt hat­te, ver­moch­te mit der zart-melan­cho­li­schen, exzel­lent inter­pre­tier­ten Bal­la­de ‘T’en vas pas’ (aus der Feder des auch für den Sie­ger­ti­tel von 1956, ‘Refrain’, ver­ant­wort­li­chen Kom­po­nis­ten­ge­spanns) die 27 Juro­ren zu über­zeu­gen und gewann den eid­ge­nös­si­schen Vor­ent­scheid.

Noch einen Zen­ti­me­ter näher ran und es gibt einen Fett­fle­cken auf der Lin­se: die äthe­ri­sche Esther Ofa­rim beim Flirt mit der Kame­ra.

wei­ter­le­senCH 1963: Water­loo und Robin­son

NL 1963: Die Spiel­do­se steht still, wenn Dein star­ker Arm es will

Null Punk­te beim Euro­vi­si­on Song Con­test von 1962 für die per Vor­ent­scheid aus­ge­wähl­ten Speelbrekers: das nie­der­län­di­sche Fern­se­hen reagier­te prompt und ver­leg­te sich für 1963 auf eine intern aus­ge­such­te Inter­pre­tin und eine jury­ge­stütz­te Song­aus­wahl. Annie Pal­men begann ihre Kar­rie­re einst als Sän­ge­rin ver­schie­de­ner Tanz­or­ches­ter, die vom Süd­see­schla­ger bis zum Coun­try alle mög­li­chen Sti­le abdeck­ten. 1948 gewann sie einen Talent­wett­be­werb eines hol­län­di­schen Radio­sen­ders, kam dort öfters zum Ein­satz und konn­te in der Fol­ge ers­te Hits erzie­len. 1960 trat sie beim nie­der­län­di­schen Vor­ent­scheid an und sang dort das Sie­ger­lied ‘Wat een Geluk’, wel­ches die Jury aber lie­ber in die Hän­de des zwei­ten Inter­pre­ten Rudi Car­rell (ja, genau der!) leg­te. Dies­mal buch­te der Sen­der NTS sie zur Ent­schä­di­gung fix als Reprä­sen­tan­tin und such­te ihr drei Lie­der aus, die sie eigent­lich in einem bereits für den 23. Janu­ar 1963 im Tivo­li zu Utrecht ter­mi­nier­ten TV-Vor­ent­scheid zu Gehör brin­gen soll­te. Doch dann tra­ten jus­ta­ment zum Natio­naal Song­fes­ti­val die Mit­glie­der des NTS-Rund­funk­or­ches­ters in den Streik, um höhe­re Gehalts­for­de­run­gen durch­zu­set­zen (oder gaben etwa doch geschmack­li­che Grün­de den Aus­schlag für die Arbeits­ver­wei­ge­rung?). Und so fand not­ge­drun­gen auch die Aus­wahl des Bei­trags unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit durch eine sen­der­in­ter­ne Jury statt. ‘Geen ander’ hieß die dort bestimm­te, extrem bedäch­ti­ge Bal­la­de ursprüng­lich, deren Titel man dann aber noch in ‘Een Speel­doos’ ver­schlimm­bes­ser­te. Am 8. Febru­ar 1963 stell­te Annie Pal­men das Lied schließ­lich den mit atem­lo­ser Span­nung war­ten­den TV-Zuschau­er/in­nen vor, und zwar – man kann es sich nicht schö­ner aus­den­ken! – in der Rudi-Car­rell-Show. Da das Orches­ter sich noch immer im Aus­stand befand, muss­te sie hier aller­dings zum Voll­play­back mimen. Auch nach Lon­don zum Euro­vi­si­on Song Con­test reis­te sie dank der Macht der Gewerk­schaf­ten (lebens­äl­te­ren SPD-Wäh­lern unter mei­nen Leser/innen stei­gen jetzt ver­mut­lich nost­al­gi­sche Trä­nen in die Augen!) ohne den damals übli­chen eige­nen Diri­gen­ten an. Liegt hier eine der Ursa­chen für die sich hart­nä­ckig hal­ten­den Gerüch­te, es wäre nicht alles live gewe­sen beim ESC 1963? Wie auch immer sich die Din­ge zutru­gen, eines ist sicher: das neue Ver­fah­ren zahl­te sich für die Nie­der­lan­de nicht aus. Auch Annie Pal­men (†2000) kehr­te mit → Nul Points vom Grand Prix nach Hau­se zurück, und das mit Recht!

Annie Pal­men beim Besuch in der Echo­kam­mer.

Vor­ent­scheid NL 1963

Rudi-Car­rell-Show. Frei­tag, 8. Febru­ar 1963. Eine Teil­neh­me­rin (Lied­vor­stel­lung im Rah­men der Show nach vor­he­ri­ger Jur­y­aus­wahl).
#Interpret/inTitelPlatz
01Annie Pal­menKijk, daar is de Zon-
02Annie Pal­menGeen ander1
03Annie Pal­menHoor je mij-

BE 1963: Stell Dir vor, Sizi­li­en 1936…

Was ist das nur mit den Bel­gi­ern und ihren ita­lio­phi­len Con­nec­tions? Das Gast­ar­bei­ter­kind Roc­co Gra­na­ta (→ Vor­ent­scheid IT 1961) schaff­te sei­nen euro­pa­wei­ten Durch­bruch mit dem selbst geschrie­be­nen Mil­lio­nen­sel­ler ‘Mari­na’ von sei­ner dama­li­gen Hei­mat Bel­gi­en aus; die bis zum heu­ti­gen Tage ein­zi­ge Grand-Prix-Sie­ge­rin des Pom­mes-Fri­tes-Staat, San­dra Kim (→ BE 1986), ver­fügt eben­falls über Vor­fah­ren aus dem Piz­za-und-Pas­ta-Land; und der letzt­plat­zier­te Titel der Euro­vi­si­ons­vor­ent­schei­dung von 1963, bizar­r­er­wei­se ver­an­stal­tet unter dem Titel Can­zo­nis­si­ma (den eigent­lich die RAI für eine in ihrem Pro­gramm jahr­zehn­te­lang lau­fen­de, sehr belieb­te Revue­show ver­wen­de­te), hieß ‘Con Amo­re’, gesun­gen von einer Dame namens Lie­ve Olga (klingt nach einer ukrai­ni­schen Puff­mut­ter), die mit ihrer sen­sa­tio­nel­len Hoch­fri­sur nicht nur Mar­ge Simp­son Kon­kur­renz mach­te, son­dern auch dem Turm von Pisa.

Hat nicht nur eine Vogel­nest­fri­sur, son­dern auch einen eige­nen Vogel: die lie­be Olga.

wei­ter­le­senBE 1963: Stell Dir vor, Sizi­li­en 1936…

YU 1963: Hüpf auf mein Schiff, Baby

Zeigt sich die Daten­la­ge bezüg­lich der Euro­vi­si­ons­vor­ent­schei­dun­gen im sei­ner­zeit noch ver­ein­ten Jugo­sla­wi­en der Sech­zi­ger­jah­re gene­rell als ziem­lich bruch­stück­haft, so klafft im Jah­re 1963 ein kra­ter­gro­ßes schwar­zes Loch. Es gilt zwar als gesi­chert, dass eine sol­che statt­fand und dass die ins­ge­samt acht Regio­nen des Viel­völ­ker­staa­tes hier­für jeweils einen musi­ka­li­schen Reprä­sen­tan­ten und einen Juro­ren nach Bel­grad ent­sand­ten. Das genaue Aus­tra­gungs­da­tum der Jugo­vi­zi­ja 1963 und ihre Lie­der sind aller­dings im Nebel der Geschich­te ver­sun­ken. Die bos­ni­sche Aus­ga­be der Wiki­pe­dia benennt Ljil­ja­na Petro­vić (→ YU 1961), Maj­da SepeSaba­hu­din Kurt (→ YU 1964), Đorđe Mar­ja­no­vić und Ani­ca Zubo­vić als Teilnehmer/innen die­ses Jahr­gangs. Zwei­fels­frei über­lie­fert ist jedoch allei­ne der Sie­ger­ti­tel von Vice Vukov (→ YU 1965). Der schmach­te­te in sei­ner Bal­la­de ‘Bro­do­vi’ mit sicht­ba­rem Kloß im Hals die Schif­fe an, wel­che für das Küs­ten­land Kroa­ti­en, aus dem er stamm­te, von beson­de­rer Bedeu­tung sei­en. Im Hin­blick auf die sub­ti­le sexu­el­le Kon­no­ta­ti­on des The­mas (vgl. “Das Schiff sticht in See heu­te Nacht”, DK 1957 oder “Mein Schiff ist aus Hoff­nung gemacht, es sucht Dei­nen Hafen”, TR 2012) lässt sich sei­ne lei­den­schaft­li­che Lie­bes­er­klä­rung an die phal­li­schen See­be­pflü­ger aber natür­lich auch ero­tisch deu­ten, wenn man will. Vukov jeden­falls, der sich stets für die Unab­hän­gig­keit sei­ner Repu­blik ein­setz­te und daher zu Zei­ten des Tito-Regimes poli­tisch in Ungna­de fiel, floh 1972 zeit­wei­lig ins Exil nach Paris und unter­lag dar­auf­hin bis zur Abspal­tung sei­nes Lan­des zu Hau­se einem Auf­tritts­ver­bot. 2003 konn­te er sich als Ver­tre­ter der Sozi­al­de­mo­kra­ten einen Sitz im Par­la­ment sichern, wo er sich 2005 bei einem Trep­pen­sturz so schwe­re Kopf­ver­let­zun­gen zuzog, dass er sich nicht mehr davon erhol­te und schließ­lich 2008 nach lang­jäh­ri­gem Koma ver­starb.

Die liebs­ten Spiel­zeu­ge der böses­ten Jungs” sei­en die Schif­fe, so Vice. Was Du nicht sagst!

ESC 1962: Ring a tipi tii ding

Logo des Eurovision Song Contest 1962
Das Jahr des Schlag­zeugs

Luxem­burg gilt im All­ge­mei­nen als finan­zi­ell wohl­si­tu­ier­te euro­päi­sche Steu­er­flucht­oase. Um so merk­wür­di­ger mute­ten die anhal­ten­den Strom­schwan­kun­gen und mehr­fa­chen Licht­aus­fäl­le im RTL-Audi­to­ri­um wäh­rend der Grand-Prix-Über­tra­gung von 1962 an, die den Zuschauer/innen infra­struk­tu­rell eher den Ein­druck eines Drit­te-Welt-Lan­des (oder der heu­ti­gen USA) ver­mit­tel­ten. Wohl auch, um Kos­ten zu spa­ren, gestal­te­te der Sen­der des Groß­her­zog­tums den Ablauf der Show ziem­lich zügig, die Lie­der folg­ten fast naht­los auf­ein­an­der. Das Anzie­hen des Tem­pos über­trug sich in wohl­tu­en­der Wei­se eben­falls auf das sen­der­sei­tig gestell­te, erstaun­lich druck­voll und prä­zi­se auf­spie­len­de Orches­ter. Fast konn­te man den Ein­druck gewin­nen, Rhyth­mus­in­stru­men­te wie das Schlag­zeug sei­en in die­sem Jahr erst erfun­den wor­den. Jeden­falls kamen sie erst­mals bei einer Viel­zahl der Wett­be­werbs­bei­trä­ge deut­lich hör­bar zum Ein­satz – und das tat dem Musik­me­nü sehr, sehr gut.

Auf­ge­trie­delt: Mari­on Rung (FI).

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NL 1962: Kat­in­ka lacht und fällt bei Nacht in die Gracht

Gesell­schaft­li­che Fort­schritt­lich­keit, wie wir sie typi­scher­wei­se mit den Nie­der­lan­den ver­bin­den, setzt immer auch eine gewis­se Expe­ri­men­tier­freu­dig­keit vor­aus. Und die kann man den Hol­län­dern nun wirk­lich nicht abspre­chen, auch nicht beim Euro­vi­si­ons­vor­ent­scheid. Nach­dem das bis dahin übli­che Natio­naal Song­fes­ti­val 1960 mit Rudi Car­rells ‘Wat een Geluck’ dem Land einen vor­letz­ten Platz beim euro­päi­schen Wett­sin­gen beschert hat­te, ver­such­te man es 1961 mit einer Direkt­no­mi­nie­rung. Die Jazz-Chan­teu­se Greet­je Kauf­feld moch­te ihren (beim ESC zehnt­plat­zier­ten) Bei­trag ‘Wat een Tag’ aller­dings berech­tig­ter­wei­se selbst so wenig lei­den, dass sie ihn nicht auf Plat­te auf­nahm. So kehr­te man 1962 wie­der zu einer offe­nen, wenn­gleich deut­lich ent­schlack­ten Vor­ent­schei­dung zurück. Anders als in den meis­ten Mit­be­wer­ber­län­dern, wo man nach ita­lie­ni­schem Vor­bild alle Lie­der in zwei Ver­sio­nen von unter­schied­li­chen Künstler/innen vor­tra­gen ließ, galt in den Nie­der­lan­den in die­sem Jahr: ein Mann (eine Frau), ein Lied. Den Auf­takt mach­te die Stim­mungs­sän­ge­rin Hen­dri­ka Sturm (†1998) ali­as Rita Cori­ta, die 1958 im Lan­de einen Hit mit dem iko­ni­schen Schun­kel­schla­ger ‘Kof­fie, Kof­fie, lek­ker bak­kie Kof­fie’ hat­te, und lie­fer­te mit dem schmis­si­gen, selbst­er­klä­ren­den ‘Car­na­val’ sogleich den unüber­treff­li­chen Kultauf­tritt des Abends ab. Die fül­li­ge Sän­ge­rin über­zeug­te mit enga­gier­tem Kör­per­ein­satz, fan­tas­ti­scher Hand­ar­beit und einer her­aus­ra­gen­den Mimik – gäbe es Zeit­rei­sen, wür­de ich Stein und Bein schwö­ren, dass sich hier der begna­de­te Hape Ker­ke­ling mit einer mehr als gelun­ge­nen Hel­la-von-Sin­nen-Par­odie ins Natio­naal Song­fes­ti­val ein­ge­schli­chen hat. Hel­las, Ver­zei­hung, Ritas auch im Voll­suff noch pro­blem­los mit­sing­ba­rer Faschings­schla­ger lan­de­te in der Abstim­mung jedoch lei­der nur auf dem vier­ten Rang.

Eine Meis­ter­leis­tung in sub­ti­lem les­bi­schem Mimi­kri: schau­en Sie mal, wo sich bei der Erwäh­nung des dama­li­gen Sex­sym­bols Bri­git­te Bar­dot im Song­text Hel­las Ritas Hän­de befin­den, und wel­che sti­mu­lie­ren­de Beschäf­ti­gung sie gera­de andeu­ten…

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