ES 1965: Fess­le mich!

Mit einem gera­de­zu gigan­ti­schen Knock-out-Ver­fah­ren bestimm­te der spa­ni­sche Sen­der TVE im Jah­re 1965 sei­nen Euro­vi­si­ons­bei­trag. Begin­nend im Okto­ber 1964, stell­te man der Öffent­lich­keit im Rah­men der wöchent­li­chen TV-Show Gran Para­da ins­ge­samt 54 (!) Lie­der vor. Gegen Ende jedes Monats tra­ten die zurück­lie­gend prä­sen­tier­ten Titel in einem Semi­fi­na­le gegen­ein­an­der an, die bei­den Best­plat­zier­ten gelang­ten ins Anfang Febru­ar 1965 ange­setz­te Fina­le des Euro­fes­ti­val. Zu den so gefun­de­nen acht Bei­trä­gen (oder, genau­er gesagt: sie­ben, denn einen Titel muss­te der Sen­der dis­qua­li­fi­zie­ren) addier­te TVE noch­mal sechs Direkt­star­ter hin­zu, die sich nicht dem Vor­auswahl­ver­fah­ren stel­len muss­ten, dar­un­ter der spä­te­re Sie­ger­song. Im Fina­le ver­ga­ben sech­zehn Juro­ren, dar­un­ter auch aus­ge­wähl­te Zuschauer/innen, pro Wer­tungs­durch­gang jeweils einen Punkt für jedes Lied bis auf eines. Der Bei­trag mit den wenigs­ten Punk­ten flog dann raus, alle ande­ren stell­ten sich erneut zur Wahl. Bereits rela­tiv früh, als Vier­ten von 13 Teilnehmer/innen, traf das Schick­sal den ibe­ri­schen Ver­tre­ter von 1972, Jai­me Morey, mit sei­nem Lied über einen Fla­men­co­tän­zer – einer von zahl­rei­chen Bei­trä­gen, die sich mit gera­de­zu kli­schee­haft spa­ni­schen The­men befass­te. Lei­der sind – bis auf die Medail­len­rän­ge – sämt­li­che Titel des Euro­fes­ti­vals nicht mehr auf You­tube auf­find­bar. Der Bron­ze­platz ging an Rapha­el (→ ES 1966, 1967), der mit den ‘Feri­an­tes’ (‘Rum­mel­platz­be­su­chern’) eine der für ihn so typi­schen hoch­dra­ma­ti­schen Num­mern ablie­fer­te, für wel­che ich die Halb­in­sel im Süden Euro­pas so sehr lie­be.

Irgend­wie möch­te man die gan­ze Zeit “THE RAIN! THE RAIN! DAN­CING!” dazu skan­die­ren: das zweit­plat­zier­te Dyna­mi­sche Duo.

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PT 1965: Weni­ger ist mehr

Sie muss nahe­zu unbe­grenzt sein, die lusi­ta­ni­sche Lei­dens­be­reit­schaft. Oder aber das Land ver­setzt das Trink­was­ser sei­ner Bewohner/innen mit Crys­tal Meth. Anders ist es nicht zu erklä­ren, dass die süd­eu­ro­päi­sche Halb­in­sel zumin­dest in der ers­ten Hälf­te die­ses zwei­ten Fes­ti­val da Canção (FdC) nicht in kol­lek­ti­ven, hun­dert­jäh­ri­gen Tief­schlaf ver­fiel. Aus der demü­ti­gen­den Pre­miè­re der sei­ner­zei­ti­gen Dik­ta­tur beim Euro­vi­si­on Song Con­test 1964, von wel­chem man mit gan­zen → null Punk­ten wie­der abreis­te, hat­te der Sen­der RTP nicht das Gerings­te gelernt: drei bereits im Vor­jahr beim FdC prä­sen­te Sänger/innen, dar­un­ter der in Kopen­ha­gen so glück­lo­se Antó­nio Cal­vá­rio, inter­pre­tier­ten vor einer geschmack­voll zurück­hal­ten­den Stu­di­ode­ko­ra­ti­on wie fest­ge­na­gelt am Mikro ste­hend vier musi­ka­lisch nur in win­zi­gen Nuan­cen unter­scheid­ba­re, so pom­pös instru­men­tier­te wie unein­gän­gi­ge Schnarch­bal­la­den. Ein schwel­ge­risch gei­gen­durch­flu­te­ter, den­noch unglaub­lich zäher Ein­heits­brei, der jede/n nicht unter Auf­putsch­mit­tel­mit­teln stehende/n Zuschauer/in umge­hend in Mor­pheus Arme schi­cken muss. Erst mit dem Erschei­nen der legen­dä­ren Mada­le­na Iglé­si­as auf Start­po­si­ti­on 5 kam etwas Schwung in den Abend. Zwar nicht unbe­dingt musi­ka­lisch, dafür bot auch das dezent dra­ma­ti­sche ‘Silên­cio ent­re nós’ (‘Schwei­gen zwi­schen uns’) dem pop-geneig­ten Ohr zu wenig Anknüp­fungs­punk­te. Dafür aber lie­fer­te die Rit­ter-Sport-gesich­tig­te Inter­pre­tin, die sich schon bei der FdC-Pre­miè­re 1964 mit beson­ders ein­dring­li­cher Mimik aus der Mas­se der Konkurrent/innen her­vor­hob, auch dies­mal wie­der aus­drucks­stark ab. Für por­tu­gie­si­sche Ver­hält­nis­se koket­tier­te sie fast schon mit der Kame­ra – ein klei­ner Tabu­bruch, der immer­hin für eine Bron­ze­me­dail­le reich­te.

Qua­dra­tisch, prak­tisch, gut: in Mada­le­nas Ant­litz zu lesen, ist ein Genuss.

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YU 1965: Immer mehr vom Meer sehn

Es waren in den Sech­zi­ger­jah­ren mehr oder min­der stets die­sel­ben Namen, die auf der Teil­neh­mer­lis­te der jugo­sla­wi­schen Vor­ent­schei­dung auf­tauch­ten. Frü­her oder spä­ter gewann dann auch fast Jede/r von ihnen mal und durf­te den Viel­völ­ker­staat beim Euro­vi­si­on Song Con­test ver­tre­ten. Eine, die das trotz bei­na­he durch­ge­hen­der Prä­senz bei der Jugo­vi­zi­ja nie ganz schaff­te, und das, obwohl sie laut Wiki­pe­dia die erfolg­reichs­te Schla­ger­sän­ge­rin des Bal­kan­staa­tes ist, war Gabi Novak. Klingt ziem­lich ger­ma­nisch, die­ser Vor­na­me, wer­den Sie sich jetzt viel­leicht den­ken, und lie­gen damit völ­lig rich­tig: die gute Gabi kam näm­lich 1936 als Kind eines kroa­ti­schen Vaters und einer deut­schen Mut­ter in Ber­lin zur Welt, von wo die Fami­lie jedoch bei Kriegs­aus­bruch auf die dal­ma­ti­ni­sche Insel Hvar floh. 1965 kam Frau Novak, die im Lau­fe ihrer Jahr­zehn­te umspan­nen­den Kar­rie­re auch in eini­gen Schla­ger­fil­men mit­wirk­te, neben ihrer Brot-Musik aber auch Jazz-Alben ver­öf­fent­lich­te, und die 1973 den Sän­ger­kol­le­gen und Poe­ten Arsen Dedić ehe­lich­te, der für vie­le ihrer Titel kom­po­si­to­risch ver­ant­wort­lich zeich­ne­te, einem Euro­vi­si­ons­auf­tritt so nahe wie nie: mit dem hüb­schen Schla­ger ‘Prvi Sni­jeg’ (‘Ers­ter Schnee’) gelang ihr der zwei­te Platz bei der Jugo­vi­zi­ja und ein Hit im Hei­mat­land.

Lei­der nur als Audio ver­füg­bar: Gabis Ers­ter Schnee.

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CH 1965: Rien de rien

Sechs Lie­der ran­gen um das Ticket nach Nea­pel beim schwei­ze­ri­schen Vor­ent­scheid von 1965, dar­ge­bo­ten von fünf Sän­ge­rin­nen – jawohl, aus­schließ­lich Damen tra­ten an in Locar­no, und kei­ne ein­zi­ge von ihnen besaß hel­ve­ti­sche Wur­zeln. In Sachen Frau­en­quo­te und Inte­gra­ti­ons­be­reit­schaft macht den gesell­schaft­lich fort­schritt­li­chen Schweizer/innen eben kei­ner was vor! Die gebür­ti­ge Israe­lin Car­me­la Cor­ren, die gleich alle bei­den deutsch­spra­chi­gen Bei­trä­ge vor­trug, been­de­te hier ihre euro­vi­sio­nä­re Tour­nee durch die soge­nann­ten DACH-Natio­nen: nach der Teil­nah­me am deut­schen Vor­ent­scheid von 1962 und als Reprä­sen­tan­tin Öster­reichs beim Euro­vi­si­on Song Con­test von 1963 fehl­te ihr nur noch die Eid­ge­nos­sen­schaft zur Ver­voll­stän­di­gung ihrer Kol­lek­ti­on. Car­me­la traf in Locar­no auf zwei rela­tiv unbe­kann­te ita­lie­ni­sche Kon­kur­ren­tin­nen, die beim glei­chen Plat­ten­ver­lag eines in Mai­land täti­gen Schwei­zer Unter­neh­mers unter Ver­trag stan­den, näm­lich Bru­na Lel­li (→ San-Remo-Fes­ti­val 1962) und Wil­ma Goich (→ SRF 1965), die in dem flot­ten ‘Un Bacio sul­la Dita’ (‘Ein Kuss auf den Fin­ger’) ver­mut­lich von einer brenz­li­gen Begeg­nung mit dem ört­li­chen Mafia-Boss berich­te­te. Für die Roman­die ging zum einen die in Mann­heim als Adri­an­na Medi­ni gebo­re­ne Audrey Arno an den Start, die 1960 gemein­sam mit dem eid­ge­nös­si­schen Hazy-Oster­wald-Sex­tett den infek­ti­ös rhyth­mi­schen ‘Paschan­ga’ in die Charts gebracht hat­te – aller­dings bizar­r­er­wei­se nicht in die hei­mi­schen, son­dern in die US-ame­ri­ka­ni­schen Bill­board-Hot 100. Oh, und am San-Remo-Fes­ti­val 1965 nahm sie eben­falls teil! In Frank­reich gelan­gen ihr klei­ne­re Erfol­ge vor allem mit Cover­ver­sio­nen inter­na­tio­na­ler Hits, wozu ihr schwei­ze­ri­scher Vor­ent­schei­dungs­bei­trag ‘Douce’ natür­lich nicht zähl­te. In den Sieb­zi­ger­jah­ren ver­schlug es Audrey nach Las Vegas, wo sie in der Moulin-Rouge-Revue auf­trat. Dort ver­starb sie 2012 an den Fol­gen einer län­ge­ren Alz­hei­mer-Erkran­kung.

Zwei Ver­su­che, kein Glück: sowohl beim ita­lie­ni­schen als auch beim schwei­ze­ri­schen Vor­ent­scheid von 1965 konn­te sich Wil­ma Goich nicht durch­set­zen (Audio).

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IT 1965: Walk like a Man

Welch’ ein Höhen­flug: die 1964 erst­mals exe­ku­tier­te Idee der San-Remo-Macher, sich inter­na­tio­na­le Top-Stars zum euro­pa­weit berühm­ten Fes­ti­val ein­zu­la­den, wel­che dort die Zweit­va­ri­an­te der von hei­mi­schen Künst­lern vor­ge­stell­ten Lie­der san­gen, hat­te nicht nur den ohne­hin schon her­aus­ra­gen­den Gla­mour-Fak­tor der Gala noch ein­mal in unge­ahn­te Höhen getrie­ben, son­dern auch das musi­ka­li­sche Niveau der Lie­der gestärkt – und sogleich bei der Pre­miè­re des neu­en Kon­zepts für Ita­li­ens ers­ten Euro­vi­si­ons­sieg gesorgt! Kein Wun­der, dass die RAI das For­mat auch 1965 bei­be­hielt. Was aller­dings unter dem lan­des­ei­ge­nen San­ges­per­so­nal nicht auf unge­teil­te Zustim­mung stieß: eini­ge eta­blier­te San-Remo-Stars, wie z.B. Adria­no Cel­en­ta­no, blie­ben dem Wett­be­werb aus Pro­test fern. Auch der in der ver­gan­ge­nen Deka­de beim Fes­ti­val und dar­über hin­aus äußerst erfolg­rei­che Can­t­au­to­re Dome­ni­co Modug­no (→ IT 1958, 1959, 1966) fehl­te: sein Bei­trag hat­te die Vor­auswahl nicht über­lebt. Das glei­che Schick­sal ereil­te den Rent­ne­rin­nen­schwarm Clau­dio Vil­la (→ IT 1962, 1967). Dafür ging die Vor­jah­res­sie­ge­rin und Grand-Prix-Gewin­ne­rin Giglio­la Cin­quet­ti (→ IT 1964, 1974) wie­der an den Start: ihre aktu­el­le Bal­la­de ‘Ho biso­gno di veder­ti’ (deren Zweit­fas­sung nie­mand Gerin­ge­res als Con­nie Fran­cis sang!) zählt aller­dings lei­der nicht zu ihren stärks­ten Titeln, auch wenn es zu einer Final­teil­nah­me und einer Top-Ten-Plat­zie­rung in den hei­mi­schen Charts reich­te.

Der Bril­len­schlumpf fängt an: Nico­la di Bari gibt alles.

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UK 1965: Just may­be I’m cra­zy

Im Vor­jahr erst­ma­lig zum Ein­satz gekom­men, erwies sich das neue Kom­bi­na­ti­ons­ver­fah­ren aus inter­ner Inter­pre­ten­no­mi­nie­rung und öffent­li­cher Vor­ent­schei­dung zur Aus­wahl des Songs für die Bri­ten als aus­ge­spro­chen erfolg­reich. Natür­lich behielt man es dem­entspre­chend bei. Nach­dem fünf Mal in Fol­ge Män­ner die Insel beim Euro­vi­si­on Song Con­test ver­tra­ten, war es 1965 nach Ansicht der BBC an der Zeit für eine weib­li­che Reprä­sen­tan­tin, und so ent­scheid man sich für einen der größ­ten Stars die­ser Zeit, näm­lich die als Kath­le­en O’Rour­ke gebo­re­ne Kathy Kir­by, die mit dem Doris-Day-Titel ‘Secret Love’ einen gro­ßen Hit hat­te und wel­che die Pres­se vom Äußer­li­chen her ger­ne sowohl mit näm­li­cher ame­ri­ka­ni­schen Schau­spiel-Iko­ne als auch mit Mary­lin Mon­roe ver­glich. Nur, dass Kathy über ein deut­lich grö­ße­res stimm­li­ches Talent ver­füg­te als die bei­den US-Gra­zi­en. In einem vor­auf­ge­zeich­ne­ten Fina­le sang sie sechs Lie­der, aus wel­chen das Publi­kum per Post­kar­ten­ent­scheid mehr­heit­lich das kraft­voll dahin­ge­schmet­ter­te, wenn­gleich mit einem aus­ge­spro­chen spär­li­chen Refrain auf­war­ten­de ‘I belong’ her­aus­such­te. Die Inter­pre­tin selbst bevor­zug­te dem Ver­neh­men nach die Bal­la­de ‘I’ll try not to cry’, die jedoch den Sieg um gute 14.000 Zuschrif­ten ver­fehl­te.

Kathys Signa­tur-Song: ‘Secret Love’ (Reper­toire­bei­spiel).

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NO 1965: Nur die aller­bes­te Melk­ma­schi­ne

Erfri­schend kurz war er, der sechs­te Norsk Melo­di Grand Prix: nur etwas über eine hal­be Stun­de brauch­te man für die Anmo­de­ra­ti­on und die Vor­stel­lung der fünf zur Wahl ste­hen­den Titel, dar­ge­bo­ten jeweils von zwei ver­schie­de­nen Interpret/innen in unter­schied­li­chen Instru­men­tie­run­gen. Was dem Sen­der NRK die Chan­ce gab, ver­mit­tels einer geschick­ten Cho­reo­gra­phie von dem dür­ren musi­ka­li­schen Ange­bot abzu­len­ken: im ers­ten Durch­gang prä­sen­tier­te man die Lie­der mit einer auf das Not­wen­digs­te redu­zier­ten Begleit­band, gewis­ser­ma­ßen in einer beson­ders inti­men Fas­sung. Nach­dem sich das Publi­kum so einen Über­blick über das Menü ver­schaf­fen und jede/r für sich per­sön­lich schon mal den am wenigs­ten furcht­bars­ten Titel bestim­men konn­te, wie­der­hol­te der Sen­der alle fünf Lie­der, dies­mal in ande­rer Rei­hen­fol­ge, mit gro­ßem Orches­ter und ent­spre­chend aus dem Vol­len schöp­fen­den Arran­ge­ment, so dass die eher schwäch­li­chen Songs im Ver­gleich zur ers­ten Run­de bei­na­he schon gut klan­gen. Nach dem öffent­li­chen Auf­ruhr im Vor­jahr, als die Jury einen der größ­ten Hits der nor­we­gi­schen Euro­vi­si­ons­ge­schich­te, näm­lich Wencke Myh­res Revol­ten­schla­ger ‘Lat me være ung’, igno­rier­te, leg­te der NRK die Ent­schei­dung dies­mal in die Hän­de der Zuschauer/innen, die anschlie­ßend per Post­kar­ten­ent­scheid ihren Lieb­lings­ti­tel wäh­len durf­ten.

Nur das aller‑, aller­bes­te: die drei­ßig Minu­ten des nor­we­gi­schen Vor­ent­scheids 1965.

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ESC 1964: Noch nicht reif für den Con­test

Logo Eurovision Song Contest 1964
Das Kata­stro­phen­jahr

Tumult und Cha­os bestimm­ten die­sen Jahr­gang, trotz des eigent­lich fröh­li­chen Aus­tra­gungs­or­tes im direkt am Haupt­bahn­hof gele­ge­nen Tivo­li, dem inner­städ­ti­schen Ver­gnü­gungs­park der put­zi­gen däni­schen Haupt­stadt Kopen­ha­gen. Dafür trug einer­seits das aus­ge­präg­te poli­ti­sche Bewusst­sein der hei­mi­schen Bevöl­ke­rung die Ver­ant­wor­tung: gegen die Teil­nah­me der dama­li­gen Dik­ta­tu­ren Spa­ni­en und Por­tu­gal am euro­päi­schen Wett­sin­gen hagel­te es im Vor­feld Pro­tes­te und Dro­hun­gen. Das letzt­ge­nann­te, direkt bei der Pre­miè­re die ers­ten → Nil Points ein­sam­meln­de und bis heu­te ins­ge­samt eher erfolg­lo­se Euro­vi­si­ons­land, das erst 53 Jah­re spä­ter sei­nen ers­ten Sieg ein­zu­fah­ren ver­moch­te, debü­tier­te in Däne­mark. Dass sich die Gesamt­star­ter­zahl gegen­über 1963 den­noch nicht erhöh­te, lag dar­an, dass Schwe­den heu­er aus­setz­te: zeig­te man sich im skan­di­na­vi­schen Nach­bar­land noch ver­stimmt über den Null­zäh­ler für den depri­mie­ren­den musi­ka­li­schen Stadt­spa­zier­gang ‘En gång i Stock­holm’? Aber nein: ein Künstler/innenstreik ver­ur­sach­te das unfrei­wil­li­ge Feh­len.

Unglück­li­che Pre­miè­re: auch die hin­ge­bungs­vol­le Got­tes­an­fle­hung durch den Inter­pre­ten konn­te die Null-Punk­te-Klat­sche nicht ver­hin­dern (PT).

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NL 1964: Ein Leben in Gefahr

Wie bereits im Vor­jahr ent­schied sich das nie­der­län­di­sche Fern­se­hen auch 1964 für die inter­ne Nomi­nie­rung einer Reprä­sen­tan­tin, näm­lich der 1942 im damals noch unter hol­län­di­scher Besat­zung ste­hen­den Indo­ne­si­en als Toch­ter eines nie­der­län­di­schen Sol­da­ten und einer ein­hei­mi­schen Mut­ter gebo­re­nen Johan­na Loui­se oder Anne­ke Grön­loh. Die hat­te mit ihren 22 Jah­ren schon eine beweg­te Zeit hin­ter sich: im Zuge der feind­li­chen Über­nah­me der Insel­ket­te durch die Japa­ner im Zwei­ten Welt­krieg war Anne­kes Vater in Kriegs­ge­fan­gen­schaft gera­ten, auch die Fami­lie leb­te in einem Lager. Nach ihrer Frei­las­sung flo­hen die Grön­lohs vor den indo­ne­si­schen Unab­hän­gig­keits­kämp­fen zurück in die Nie­der­lan­de, wo die jun­ge Johan­na Loui­se die Musik für sich ent­deck­te. 1959 gewann sie einen Talent­wett­be­werb und schon 1960 erziel­te sie mit ihrer aller­ers­ten Sin­gle ‘Asma­ra’ ihre ers­te gol­de­ne Schall­plat­te und einen Num­mer-Eins-Hit – aller­dings nicht zu Hau­se, son­dern auf Malay­sia. Die hei­mi­schen Charts topp­te sie dann 1962 mit ‘Bran­dend Zand’, der (akku­ra­ten) nie­der­län­di­schen Über­set­zung des vom deut­schen Kom­po­nis­ten­team Feltz & Schar­fen­ber­ger geschrie­be­nen Best­sel­lers ‘Hei­ßer Sand’ von Mina (→ Vor­ent­scheid IT 1961), eines wun­der­bar vage gehal­te­nen und viel­fäl­tig inter­pre­tier­ba­ren, hoch­dra­ma­ti­schen Schla­gers, der mir noch heu­te beim Hören ange­neh­me Schau­er über den Rücken jagt und den ich für einen der bes­ten sei­nes Gen­res hal­te. Unnüt­zes Wis­sen 500: eine von Anne­ke selbst ein­ge­spiel­te eng­lisch­spra­chi­ge Fas­sung unter dem Titel Oh Malay­sia dien­te in den Grün­dungs­jah­ren des jun­gen, an Indo­ne­si­en gren­zen­den Insel­staa­tes im süd­chi­ne­si­schen Meer dort als eine Art inof­fi­zi­el­ler Natio­nal­hym­ne. Zu Hau­se folg­te Hit auf Hit und auch im deut­schen Fern­se­hen war Frau Grön­loh mit Schla­gern wie ‘Wenn wir bei­de Hoch­zeit machen’ ein ger­ne gese­he­ner Gast. Zum Zeit­punkt ihrer Direkt­no­mi­nie­rung für den Euro­vi­si­on Song Con­test 1964 konn­te sie also mit Fug und Recht als inter­na­tio­nal erfolg­rei­cher Star gel­ten.

Ohne den Nie­der­län­dern zu nahe tre­ten zu wol­len, aber in der von Mina mit geheim­nis­voll-elek­tri­sie­ren­dem Akzent vor­ge­tra­ge­nen deut­schen Fas­sung kommt das gefahr­voll-düs­te­re Nar­ra­tiv des Tex­tes deut­lich bes­ser zur Gel­tung!

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ES 1964: Im tie­fen Tal, im Muschel­grund

Für ein beson­ders bizar­res und unge­eig­ne­tes Vor­ent­schei­dungs­ver­fah­ren ent­schied sich das spa­ni­sche Fern­se­hen im Jah­re 1964. Hat­te der Sen­der TVE im Vor­jahr den ibe­ri­schen Reprä­sen­tan­ten und sein Lied noch intern bestimmt, so fand dies­mal ein öffent­li­ches Aus­wahl­ver­fah­ren für den Song statt, inte­griert in die wöchent­lich aus­ge­strahl­te TV-Show Grand Para­da. Ins­ge­samt zehn Bei­trä­ge stell­te man dort nach und nach dem Publi­kum vor, dar­ge­bo­ten jeweils in zwei ver­schie­de­nen Fas­sun­gen, wie es in die­ser Deka­de Brauch war. Die Zuschauer/innen for­der­te man auf, Post­kar­ten für ihren Lieb­lings­ti­tel zu schi­cken, und ins­ge­samt gin­gen etwas über 5.000 Stück beim Sen­der ein. Unter den Interpret/innen fan­den sich logi­scher­wei­se über­wie­gend sol­che aus der zwei­ten Rei­he, wie bei­spiels­wei­se die Schla­ger­sän­ge­rin­nen Lita Torel­ló und Gelu, die im Lan­de haupt­säch­lich mit Cover­ver­sio­nen inter­na­tio­na­ler Hits Erfol­ge fei­er­ten, oder ihre Kol­le­gin Maria Tere­sa de las Heras, die unter ihrem Künst­ler­na­men Tere­sa María mit spa­ni­schen Über­set­zun­gen bekann­ter Musi­cal-Songs auf­trat. María sang das in der Publi­kums­ab­stim­mung mit wei­tem Abstand erfolg­reichs­te Lied ‘Cara­co­la’ (‘Muschel’), das mehr Post­kar­ten auf sich ver­ei­nen konn­te als alle kon­kur­rie­ren­den Kom­po­si­tio­nen zusam­men, von denen heu­te nicht eine mehr im Netz zu fin­den ist, und von denen sich, so als woll­te man das natio­na­le Kli­schee mit aller Gewalt bedie­nen, gleich zwei mit dem Stier­kampf befass­ten. Nach Kopen­ha­gen schick­te TVE an ihrer Stel­le aller­dings das vom Sen­der bereits vor­ab intern aus­ge­wähl­te Geschwis­ter­trio Los TNT, das selbst nicht am Vor­ent­scheid teil­ge­nom­men hat­te. Die aus dem damals noch bit­ter­ar­men Nord­ita­li­en stam­men­de und Ende der Vier­zi­ger nach Uru­gu­ay aus­ge­wan­der­te Fami­lie Croat­to hat­te bei der Namens­fin­dung für ihre drei Spröss­lin­ge Krea­ti­vi­tät bewie­sen: die Jungs hie­ßen Edel­weiß (kein Scherz!) und Her­mes, das Mädel Argen­ti­na. Kein Wun­der, dass die Drei sich flugs Spitz­na­men zuleg­ten, näm­lich Tim, Tony und Nel­ly. Durch ihre Erfol­ge in Latein­ame­ri­ka wur­de Anfang der Sech­zi­ger­jah­re die spa­ni­sche Plat­ten­fir­ma Bel­ter auf sie auf­merk­sam und hol­te sie nach Spa­ni­en, wo es aller­dings kom­mer­zi­ell nur mäßig gut lief. 1965 kehr­ten sie nach Süd­ame­ri­ka zurück, Tony Croat­to ver­starb dort 2005.

Heut­zu­ta­ge mode­po­li­zei­lich strengs­tens ver­bo­ten: das Tra­gen von Holz­fäl­ler­hem­den ohne Hip­ster­b­art. Und das ist auch gut so!

Vor­ent­scheid ES 1964

Diens­tag, 18. Febru­ar 1964, im RNE-Fern­seh­stu­dio in Bar­ce­lo­na. Zwölf Teilnehmer/innen. Mode­ra­ti­on: Car­mi­na Alon­so + Ana María Sol­so­na.
#Interpret/inInterpret/inTitelPost­kar­tenPlatz
01GeluLoren­zo Val­ver­deSoy20106
02Luis Gar­deyL Sevil­laTore­ro41003
03Clau­diaTito MoraOlé10308
04L Sevil­laAlfre­do Gar­ri­doLa Niña del Espe­jo63902
05GeluTito MoraLle­ga­ré24305
06Lita Torel­lóMichelEst­rel­las en el Agua9709
07Lita Torel­lóLoren­zo Val­ver­deTodo me da igu­al32104
08Lita Torel­lóMichelLuz de Ben­ga­la5410
09MichelTere­sa MaríaCara­co­la310001
10Tito MoraClau­diaEl Niño y el Toro13607