DE 1971: Es ist schön auf ihr

Katja Ebstein, DE 1971
Die Öko­lo­gi­sche

Wun­der gibt es immer wie­der’ – und im Vor­jahr war tat­säch­lich eines geschehn: erst­mals in der bis­he­ri­gen Grand-Prix-Geschich­te konn­te Kat­ja Ebstein (→ DE 19701980, Vor­ent­scheid 1975, Mode­ra­ti­on 1981) für das bis dato beim inter­na­tio­na­len Wett­sin­gen eher glück­los agie­ren­de und nur sehr mäßig erfolg­rei­che Deutsch­land einen (bron­ze­nen) Medail­len­platz errin­gen. Und um das Glück per­fekt zu machen, zudem noch mit einem Titel, der beim Publi­kum wie bei der Kri­tik glei­cher­ma­ßen Anklang fand. Der sei­ner­zei­ti­ge Grand-Prix-Ver­ant­wort­li­che Hans-Otto Grü­ne­feldt vom Hes­si­schen Rund­funk wit­ter­te Mor­gen­luft und buch­te die Schla­ger­sän­ge­rin mit der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Welt­ver­bes­se­re­rat­ti­tü­de in die­sem Jahr gleich fest. Wie man sieht, folg­te das Lena-Dop­pel also einem his­to­ri­schen Vor­bild, und nicht dem Schlech­tes­ten!

Chart-Watch 1971: Der Som­mer­hit des Jah­res stamm­te, wie im rest­li­chen Euro­pa, auch in Deutsch­land von Peret (ES 1974)

Kat­ja sah natür­lich ihre Chan­ce, ihre durch den Song Con­test fun­dier­te Kar­rie­re durch einen erneu­ten pro­mi­nen­ten TV-Auf­tritt zu fes­ti­gen und sag­te ger­ne zu. Um auch die Lob­by­ver­bän­de zu beglü­cken, durf­ten ihr sechs bekann­te und in der Stan­des­ver­tre­tung orga­ni­sier­te Schla­ger­kom­po­nis­ten jeweils ein Lied auf den schlan­ken Leib schrei­ben. Die Ebstein sang sie in Zwei­er­blö­cken weg, in den Umklei­de­pau­sen unter­bro­chen von einer neu­er­li­chen bri­ti­schen Tanz­for­ma­ti­on, die – hek­tisch durch das Stu­dio wir­belnd – für einen inter­na­tio­na­len Touch sorg­te. Auch der hip­pe Far­ben­rausch des Vor­jah­res fei­er­te sei­ne Rück­kehr, wobei man die wil­den Licht­pro­jek­tio­nen dies­mal im Blue­s­creen­ver­fah­ren hin­ter die Sän­ge­rin schnitt, wäh­rend die­se vor der Stu­dio­wand stand und mit – je nach per­sön­li­cher Zunei­gung zum Titel – mehr oder min­der star­kem Ein­satz per­form­te.

Die­se Welt: in einem garan­tiert nicht aus Bio-Baum­woll­fa­ser her­ge­stell­ten Dress sin­nier­te Kat­ja über die Fol­gen der Umwelt­zer­stö­rung

Als weni­ger hipp erwies sich die Mode­ra­ti­on von Gün­ther Schramm, der sich zwar alle Mühe gab, sen­der­seits jedoch gezwun­gen wur­de, das Publi­kum mit stun­den­lan­gen, schul­meis­ter­li­chen Beleh­run­gen zum The­ma → Kom­po­nis­ten­wett­be­werb und zur Punk­te­ver­ga­be zu lang­wei­len. Wie dünn­häu­tig und unent­spannt der Hes­si­sche Rund­funk mit der Show umging, zeigt ein Zwi­schen­fall: Schramm muss­te auf Wei­sung des hr-Jus­ti­ti­ars noch in der lau­fen­den Sen­dung sei­ne unbe­dach­te Bemer­kung prä­zi­sie­ren, die Juro­ren säßen im Neben­stu­dio, wo sie ihre Wer­tung “abstim­men” wür­den: natür­lich nicht unter­ein­an­der, wie *hüs­tel* bös­wil­li­ge Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker mut­ma­ßen könn­ten, son­dern nur mit sich selbst! Nicht, dass es wie­der Mani­pu­la­ti­ons­vor­wür­fe gibt! “Bevor man die­se Sen­dung mode­riert, hat man bes­ser Jura stu­diert”, so der generv­te Seuf­zer Schramms.

Alle Men­schen will sie fra­gen, die Kat­ja. Da hat sie aber gut zu tun!

Über­haupt, die Wer­tung: in Anleh­nung an das beim Haupt­wett­be­werb prak­ti­zier­te Ver­fah­ren durf­ten erst­mals neben den fünf ARD-Fern­seh­un­ter­hal­tungs­chefs auch fünf “musik­in­ter­es­sier­te Lai­en”, alle unter 25 Jah­ren, gleich­be­rech­tigt mit­vo­ten. Damit soll­te, ganz im Sin­ne des zeit­los gül­ti­gen Wil­ly-Brandt-Mot­tos “mehr Demo­kra­tie wagen”, auch die Stim­me der auf­rüh­re­ri­schen Jugend Berück­sich­ti­gung fin­den. Natür­lich trug der nur bedingt wage­mu­ti­ge hr jedoch durch die Aus­wahl Vio­li­ne spie­len­der Musik­stu­den­tin­nen dafür Sor­ge, dass die­se bloß nicht all zu auf­rüh­re­risch aus­fal­len möge. Um so bemer­kens­wer­ter, dass die Wahl genera­ti­ons­über­grei­fend auch bei den älte­ren Juro­ren auf den ein­zi­gen poli­ti­schen Song des Abends fiel: den die Umwelt­ver­schmut­zung anpran­gern­den und die über alle Maßen Res­sour­cen ver­nich­ten­de Lebens­wei­se der Indus­trie­staa­ten in Fra­ge stel­len­den Öko-Schla­ger ‘Die­se Welt’, ein musi­ka­lisch wie inhalt­lich packen­des, qua­li­ta­tiv her­aus­ra­gen­des Stück. Oder, wie Kat­ja es lako­nisch for­mu­lier­te: “Wir wuss­ten, wir lie­fer­ten kei­nen Schrott ab”. Wohl wahr!

…auf der Welt”: unter­halb des gan­zen Pla­ne­ten tut’s die Ebstein nicht!

Die rest­li­chen fünf Songs des Abends ver­moch­ten da nicht mit­zu­hal­ten, selbst wenn sie text­lich das belieb­te Schla­ger­the­ma “Lie­be” vom übli­chen Klein­klein des Zwi­schen­mensch­li­chen zum All­ge­mein­platz mit glo­ba­lem Anspruch auf­blie­sen. So wie bei­spiels­wei­se ‘Alle Men­schen auf der Erde’, die Kom­po­si­ti­on von Ebsteins dama­li­gem Ehe­mann und Pro­du­zen­ten Chris­ti­an Bruhn, wel­che die Sän­ge­rin per­sön­lich selbst­re­dend favo­ri­sier­te, wie sie spä­ter im Inter­view mit Jan Fed­der­sen zugab. Auch der sonst so pro­gres­si­ve Ton­set­zer Horst Jan­kow­ski (‘Ein Hoch der Lie­be’, → DE 1968) lie­fer­te dies­mal mit ‘Es wird wie­der geschehn’ musi­ka­lisch arg kon­ven­tio­nel­le Ware. Um nicht unge­recht zu erschei­nen: sol­che Aus­nah­me­ti­tel wie ‘Wun­der gibt es immer wie­der’ und ‘Die­se Welt’ schrei­ben sich halt nicht im Dut­zend. In den Charts reich­te es für den auch heu­te noch nichts von sei­ner Aus­sa­ge­kraft ein­ge­büßt haben­den Öko-Song erneut für Rang 16.

Leben von der Lie­be: wenn das die Nah­les hört, kürzt sie gleich wie­der den Hartz-Vier-Regel­satz!

Vor­ent­scheid DE 1971

Ein Lied für Dub­lin. Sams­tag, 27. Febru­ar 1971, aus dem Sen­de­stu­dio des Hes­si­schen Rund­funks in Frank­furt am Main. Eine Teil­neh­me­rin, Mode­ra­ti­on: Gün­ter Schramm.
#Inter­pretTitelPunk­tePlatzCharts
01Kat­ja EbsteinDer Mensch lebt von der Lie­be2705-
02Kat­ja EbsteinAlle Men­schen auf der Erde370216
03Kat­ja EbsteinEs wird wie­der geschehn2804-
04Kat­ja EbsteinDie­se Welt430116
05Kat­ja EbsteinIch bin glück­lich mit Dir2506-
06Kat­ja EbsteinIch glau­be an die Lie­be auf der Welt3702-

ESC 1970: Schmet­ter­lin­ge und Bie­nen

Logo des Eurovision Song Contest 1970
Das psy­che­de­li­sche Jahr

Ein neu­es Jahr­zehnt, ein neu­er Auf­bruch. Das bekam das Publi­kum schon bei der deut­schen Vor­ent­schei­dung zu spü­ren, die sowohl inhalt­lich und optisch als auch musi­ka­lisch einer klei­nen Revo­lu­ti­on gleich­kam. Revo­lu­tio­när auch unse­re Ver­tre­te­rin in Ams­ter­dam, Kat­ja Ebstein (→ DE 1971, 1980, Vor­ent­scheid 1975, Mode­ra­ti­on 1981). Aus der Lie­der­ma­cher­sze­ne kom­mend und mit sozi­al­kri­tisch-auf­klä­re­ri­scher Atti­tü­de aus­ge­stat­tet, sang die spä­te­re SPD-Wahl­kämp­fe­rin und Hein­rich-Hei­ne-Rezi­ta­to­rin einen von Chris­ti­an Bruhn geschrie­be­nen Trös­tungs­schla­ger namens ‘Wun­der gibt es immer wie­der’. Ein unver­gess­li­cher Ever­green, weil er sich musi­ka­lisch wie text­lich sehr deut­lich von der bis­her übli­chen, bie­de­ren Schla­ger-Stan­dard­ware unter­schied.

Kat­ja in Eis­vo­gel-Blau (DE)

Ein gewal­ti­ges, span­nungs­ge­la­de­nes Intro mit einer Blue Note als Hin­hö­rer; der gedehn­te und damit dra­ma­tisch wir­ken­de Gesang der Ebstein; ein Lied­text, der zu einem bewuss­ten Leben und zum akti­ven Selbst­ge­stal­ten des eige­nen Schick­sals auf­for­dert; sowie ein furio­ses Fina­le mach­ten das Lied zu einem Mei­len­stein der Con­test­ge­schich­te und einem der bes­ten Pop­songs über­haupt. Und, wie um den Song­ti­tel zu bestä­ti­gen, erziel­te die Ebstein in Ams­ter­dam mit Rang 3 das bis dahin bes­te deut­sche Euro­vi­si­ons-Ergeb­nis. In ihrem sen­sa­tio­nel­len, spa­ci­gen Out­fit mit schi­ckem Mini, sil­ber­nen Astro­nau­ten­stie­feln und licht­blau­em Maxi­man­tel – nie­mand in der über sech­zig­jäh­ri­gen Con­test­ge­schich­te konn­te unse­re Kat­ja jemals modisch top­pen – erreich­te sie erst­mals für Deutsch­land eine Medail­len­po­si­ti­on beim euro­päi­schen Gesangs­wett­streit. Dafür hat­ten sie ihre Lands­leu­te so lieb, dass die ARD sie für das kom­men­de Jahr gleich fest buch­te – eine Vor­ge­hens­wei­se, die sich exakt drei­ßig Jah­re spä­ter mit einer gewis­sen Lena Mey­er-Land­rut (→ DE 2010, 2011) wie­der­ho­len soll­te.

Die iri­sche Andrea Jür­gens: Dana Natio­nal

Die 1970er Sie­ges­tro­phäe indes ging an die gera­de acht­zehn­jäh­ri­ge Irin Dana (gebo­re­ne Rose­ma­ry Brown) und ihr ‘All Kinds of Every­thing’, einen wei­te­ren Euro­vi­si­ons­e­ver­green, wenn auch kei­ner der von mir gou­tier­ten Sor­te. Sie gab sich ganz als die naï­ve, natür­li­che Unschuld vom Lan­de, wie Jah­re spä­ter Nico­le Hoh­loch (→ DE 1982) auf einem Hocker sit­zend (aller­dings ohne Lager­feu­er­gi­tar­re) und mit ener­vie­rend hoher Kin­der­stim­me wol­kig-harm­lo­se All­ge­mein­plät­ze über die Lie­be into­nie­rend. Das war alles sehr geschickt auf hei­le Welt und Kind­chen­sche­ma pro­du­ziert. Was vor Ort auch dar­in Aus­druck fand, dass Danas mit­an­ge­reis­te Eltern ihren Aug­ap­fel im ver­derb­ten hol­län­di­schen Sün­den­pfuhl Ams­ter­dam nicht eine Sekun­de von der Lei­ne lie­ßen. Kein Wun­der, dass die klei­ne Dana im Gegen­satz zu Kat­ja spä­ter einen poli­tisch stramm kon­ser­va­ti­ven Kurs ein­schlug: nach einer Kar­rie­re als Fern­seh­pre­di­ge­rin in den USA kan­di­dier­te sie Ende der Neun­zi­ger (und erneut in 2011) für den Pos­ten der iri­schen Prä­si­den­tin, aller­dings ohne Erfolg. Von 1999 bis 2004 saß sie im Euro­pa­par­la­ment, wo sie sich vor allem als fun­da­men­ta­lis­tisch stren­ge Abtrei­bungs­geg­ne­rin her­vor­tat – eine Posi­ti­on, die sie mit Kat­ja Ebsteins enger Freun­din und Grand-Prix-Kol­le­gin Inge Brück (→ DE 1967) teilt.

Her­ein, wenn’s kein Wogan ist: Mary Hop­kin (UK)

Zu der Frak­ti­on “Euro­vi­si­ons­lie­der, die man sofort erkennt” gehört auch das (natür­lich!) zweit­plat­zier­te Stück ‘Knock knock, who’s the­re’ der von den Beat­les ent­deck­ten und von ihrem Apple-Label (nein, kei­ne Divi­si­on des heu­ti­gen Her­stel­lers von schick design­ten, mas­siv über­teu­er­ten Mobil­te­le­fo­nen) gesign­ten Bri­tin Mary Hop­kin, die 1968 mit ‘Tho­se were the Days’ einen ers­ten gro­ßen Hit lan­den konn­te. Ihr Bei­trag arbei­te­te, dem Titel gerecht wer­dend, mit den sei­ner­zeit im eng­li­schen Pop sehr belieb­ten Klopf­mo­ti­ven und erwies sich als eher ein­fach struk­tu­riert, war an die­sem Grand-Prix-Abend nach sechs vor­aus­ge­gan­ge­nen Lan­ge­wei­le­lie­dern jedoch hoch­will­kom­men, was sich auch am fre­ne­ti­schen Saal­ap­plaus bemerk­bar mach­te. Die Inter­pre­tin selbst moch­te den Titel, den ihr das bri­ti­sche TV-Publi­kum unter sechs mög­li­chen Alter­na­ti­ven in einem Song-Vor­ent­scheid aus­ge­sucht hat­te, weil es am deut­lichs­ten der Humpt­ata-Sie­ges­for­mel von ‘Pup­pet on a String’ (→ UK 1967) ent­sprach, hin­ge­gen gar nicht. Der Buch­au­tor Gor­don Rox­burgh zitiert sie im zwei­ten Band sei­ner Serie Songs for Euro­pe mit den Wor­ten: “Es war mir so pein­lich. Es ist furcht­bar, auf der Büh­ne zu ste­hen und ein Lied zu sin­gen, das Du hasst”. Die Arme!

Sweet, sweet Gwen­d­o­ly­ne: Julio in der Straf­ho­se (ES)

Für Spa­ni­en trat ein ehe­ma­li­ger Fuß­ball­spie­ler des FC Real Madrid an, der hier den Grund­stein für sei­ne noch fol­gen­de Kar­rie­re als erfolg­reichs­ter Schnul­zensän­ger Euro­pas leg­te. Aber­tau­sen­de von Haus­frau­en soll­ten im Lau­fe der Zeit bei sei­nen Kon­zert­tour­ne­en vor Ver­zü­ckung in Ohn­macht fal­len und ihm jahr­zehn­te­lang aus­ver­kauf­te Säle sowie gol­de­ne Schall­plat­ten in rau­en Men­gen sichern: laut Wiki­pe­dia setz­te er ins­ge­samt mehr als 300 Mil­lio­nen Ton­trä­ger ab. Hier lan­de­te der noch etwas fah­rig wir­ken­de und in einer baby­blau­en Ach­sel­ho­se ziem­lich unschön anzu­schau­en­de Julio Lang­ne­si­as Igle­si­as, der Mann mit dem zar­ten Schmalz, mit sei­ner schmach­tend vor­ge­jaul­ten ‘Gwen­d­o­ly­ne’ auf dem vier­ten Rang. Grund sei­ner Ner­vo­si­tät war übri­gens, dass sei­ne Dele­ga­ti­on ihm vor dem Auf­tritt die Sak­ko­ta­schen hat­te ent­fer­nen las­sen, auf dass er nicht die Hän­de dar­in ver­gra­be. Nun wuss­te er nicht, wohin damit – ein Schick­sal, dass er mit zahl­rei­chen ande­ren männ­li­chen Euro­vi­si­ons­in­ter­pre­ten teilt. So wie bei­spiels­wei­se mit dem medi­ter­ra­nen Kon­kur­ren­ten Gian­ni Moran­di, der wäh­rend sei­ner Dar­bie­tung des mit­rei­ßen­den Ita­lo­schla­gers ‘Occhi di Rag­ga­zi’ mehr­fach – wenn­gleich ver­geb­lich – ver­such­te, flü­gel­schla­gend von der Büh­ne abzu­he­ben.

Domi­ni­que Dus­sel Dus­s­ault und ihr deut­sches Idol (MC)

Deutsch­land sah sich nicht nur von Kat­ja reprä­sen­tiert: die für Mona­co antre­ten­de jun­ge Fran­zö­sin Domi­ni­que Dus­s­ault him­mel­te in ihrem Lied die unsterb­li­che deut­sche Schau­spie­le­rin ‘Mar­le­ne’ Diet­rich an, in ihrer ver­füh­re­risch-geheim­nis­vol­len Andro­gy­nie seit jeher ein Les­ben­idol. Domi­ni­que imi­tier­te im Lau­fe ihrer Femmage die belieb­tes­ten Posen des Film­stars. Das war von hoher unfrei­wil­li­ger Komik, denn der eher kom­pak­ten, schne­cken­lo­cki­gen Inter­pre­tin selbst ging jeg­li­cher Gla­mour ab – es wirk­te, als wenn Hel­ga Bei­mer ver­such­te, Madon­na nach­zu­ah­men. Das Gast­ge­ber­land schick­te ein am Vor­bild längst ver­bli­che­ner ame­ri­ka­ni­scher Motown-Girl­groups ori­en­tier­tes Trio namens Hearts of Soul: drei Schwes­tern, die 1977 erneut unter dem Namen Dream Express für Bel­gi­en antra­ten. Stel­la Maes­sen, die ganz rechts außen, schenk­te uns 1982 außer­dem noch das unglaub­lich schö­ne ‘Si tu aimes ma Musi­que’. Ihre in Ams­ter­dam vor­ge­tra­ge­ne Reve­renz an das vom welt­weit erfolg­rei­chen Musi­cal ‘Hair’ ins pop­kul­tu­rel­le Kol­lek­tiv­be­wusst­sein trans­por­tier­te Was­ser­mann­zeit­al­ter ver­moch­te jedoch auf­grund des vom hei­mi­schen Orches­ter stark gebrems­ten Tem­pos bedau­er­li­cher­wei­se nicht zu über­zeu­gen. Scha­de, denn mit andert­halb­fa­cher Geschwin­dig­keit abge­spielt, ent­wi­ckelt der Song doch noch so etwas wie Groo­ve. Pro­bie­ren Sie es aus: in den You­tube-Ein­stel­lun­gen (das Zahn­räd­chen rechts unten) leicht zu fin­den, ver­bes­sert ein höhe­res Tem­po bei vie­len Euro­vi­si­ons­bei­trä­gen den Genuss!

Die Supre­mes auf Vali­um: Hearts of Soul (NL)

Der psy­che­de­li­sche Look der deut­schen Vor­ent­schei­dung setz­te sich in Ams­ter­dam fort: mit frei­schwe­ben­den Kugeln erschu­fen die Hol­län­der eine ziem­lich futu­ris­ti­sche Büh­nen-Atmo­sphä­re, in der die antre­ten­den Künstler/innen jedoch, ins­be­son­de­re bei eher klas­si­schen Stü­cken, gele­gent­lich etwas fremd wirk­ten. Bes­tes Bei­spiel: der am Ver­an­stal­tungs­ort gebo­re­ne nie­der­län­di­sche Schla­ger­sän­ger David Alex­and­re Win­ter, der im Vor­jahr einen Num­mer-Eins-Hit in Frank­reich hat­te und nun Luxem­burg ver­trat. Er sei direkt “vom Him­mel gefal­len”, wie er in sei­nem hoff­nungs­los alt­mo­di­schen Schla­ger behaup­te­te – und zwar offen­bar ohne Fall­schirm: der wild mit den Armen rudern­de Win­ter zer­schell­te mit (abso­lut gerech­ten) → null Punk­ten auf dem Boden der Jury­wer­tun­gen. Spä­ter sie­del­te er, wie die Alles­wis­sen­de Müll­hal­de berich­tet, in die USA über, wo er Gebraucht­wa­gen ver­kauf­te. Ein all­ge­mein als eher halb­sei­den ange­se­he­ner Beruf, wie ihn auch Die­ter Tho­mas Heck (→ DVE 1961) vor sei­ner Kar­rie­re als Radio-DJ und Pate der ZDF-Hit­pa­ra­de aus­üb­te. Und der nahe liegt: in bei­den Jobs muss man mit vol­ler Über­zeu­gung not­dürf­tig auf­po­lier­ten Schrott an über­töl­pel­te Kun­den ver­hö­kern kön­nen.

Nasch­te der Schau­spie­ler und Sän­ger in Ams­ter­dam von när­ri­schen Pil­zen oder wie erklärt sich sein wil­des Her­um­ge­ham­pel? (IT)

Dass der Con­test über­haupt in der Kif­fer­welt­haupt­stadt statt­fand, ver­dan­ken wir nach Rox­burghs Recher­che einem Zufall: nach­dem im Vor­jahr vier Län­der punkt­gleich sieg­ten, von denen zwei – näm­lich das Ver­ei­nig­te König­reich und Spa­ni­en – bereits 1968 respek­ti­ve 1969 den Wett­be­werb orga­ni­siert hat­ten, ent­schied ein Münz­wurf zwi­schen den ver­blie­be­nen Kan­di­da­ten Hol­land und Frank­reich, wer 1970 als Ver­an­stal­ter dran war. “Die Nie­der­lan­de ver­lo­ren,” kom­men­tier­te ein BBC-Mit­ar­bei­ter mali­zi­ös den Aus­gang der Ent­schei­dung. Die Gast­ge­ber­schaft mach­te sich erneut bei der höchst effi­zi­en­ten, fast schon fros­ti­gen Mode­ra­ti­on bemerk­bar: der bei der Punk­te­ver­ga­be bis weit über die Gren­ze zur Unhöf­lich­keit hin­aus straf­fe Ablauf führ­te – bei nur zwölf Teil­neh­mern, denn alle skan­di­na­vi­schen Län­der und Por­tu­gal hat­ten aus Pro­test gegen die Wer­tungs­f­ar­ce des Vor­jah­res abge­sagt – nicht nur zu einer außer­ge­wöhn­lich kur­zen Sen­de­zeit, son­dern ver­stärk­te auch den unper­sön­li­chen, kal­ten Ein­druck die­ses Jahr­gangs. Die Show dau­er­te nur knapp 75 Minu­ten, obwohl das nie­der­län­di­sche Fern­se­hen die Sen­dung erst­mals mit eigens ange­fer­tig­ten Ein­spiel­film­chen zwi­schen den Songs streck­te, wel­che die antre­ten­den Interpret/innen in ihrer jewei­li­gen Heimat(haupt-)stadt zeig­ten. Die­se aus der Not gebo­re­ne Idee soll­te sich dau­er­haft hal­ten: noch heu­te wer­den die Umbau­pau­sen zwi­schen den Live-Auf­trit­ten mit den soge­nann­ten → Post­kar­ten über­brückt.

Der Sie­ger des por­tu­gie­si­schen Vor­ent­scheids 1970, Sérgio Bor­ges, durf­te dann doch nicht fah­ren. Da haben wir noch mal Glück gehabt!

Kom­mer­zi­ell hin­ge­gen lief alles rund: die drei erst­plat­zier­ten Sän­ge­rin­nen lan­de­ten maß­stabs­ge­recht auf Rang #4 (Dana), #12 (Mary Hop­kin) und #16 (Kat­ja Ebstein) in den deut­schen Ver­kaufs­charts. Die bei­den eng­lisch­spra­chi­gen Songs erreich­ten zudem euro­pa­weit die Top Ten, wobei sich Frau Hop­kin (#2) in den bri­ti­schen Charts eben­so wie beim Con­test der Irin Dana (#1) geschla­gen geben muss­te. Die konn­te welt­weit mehr als zwei Mil­lio­nen Exem­pla­re ihrer Sin­gle ver­kau­fen und bescher­te ihrem Volk, das es laut dem Buch­au­tor (‘Ire­land and the Euro­vi­si­on’) und zeit­wei­li­gen RTÉ-Unter­hal­tungs­chef David Bla­ke Knox bis dato “nicht gewohnt war, irgend­et­was zu gewin­nen”, enor­me natio­na­le Glücks­ge­füh­le. Danas Sieg war zudem mit einer hohen innen­po­li­ti­schen Bedeu­tung auf­ge­la­den, stamm­te sie doch aus der nord­iri­schen Stadt (London-)Derry, einem der zen­tra­len Schau­plät­ze der sei­ner­zei­ti­gen blu­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen pro­tes­tan­ti­schen Unio­nis­ten und katho­li­schen Sepa­ra­tis­ten. Die natio­na­le iri­sche Flug­ge­sell­schaft Aer Lin­gus trans­por­tier­te die jun­ge, nach eige­ner Aus­sa­ge fried­lie­ben­de Katho­li­kin (“Das, was dort pas­sier­te, das hat­te mit uns nichts zu tun) am Sonn­tag nach ihrem Sieg direkt von Ams­ter­dam nach Der­ry, wo sie von einer fre­ne­tisch jubeln­den Men­ge emp­fan­gen wur­de – der ers­te Flug der Linie, der im offi­zi­ell bri­ti­schen Hoheits­ge­biet lan­den durf­te.

Nein, das ist kein sti­li­sier­tes Haken­kreuz – das Logo des ESC 1970 setz­te sich aus vier kreis­för­mig ange­ord­ne­ten Musik­no­ten zusam­men.

Euro­vi­si­on Song Con­test 1970

Euro­vi­sie Song­fes­ti­val. Sams­tag, 21. März 1970, aus dem Rai Con­gre­scen­trum in Ams­ter­dam, Nie­der­lan­de. Zwölf Teil­neh­mer­län­der. Mode­ra­ti­on: Wil­ly Dob­be.
#LandInter­pretTitelPunk­tePlatz
01NLHearts of SoulWater­man0707
02CHHen­ri DèsRetour0806
03ITGian­ni Moran­diOcchi di Raga­z­za0510
04YUEva SršenPri­di, dala ti bom Cvet0411
05BEJean Val­léeViens l’ou­blier0508
06FRGuy Bon­netMarie Blan­che0805
07UKMary Hop­kinKnock, knock, who’s the­re?2602
08LUDavid Alex­and­re Win­terJu suis tom­bé du Ciel0012
09ESJulio Igle­si­asGwen­d­o­ly­ne0804
10MCDomi­ni­que Dus­s­aultMar­lè­ne0509
11DEKat­ja EbsteinWun­der gibt es immer wie­der1203
12IEDanaAll kinds of every­thing3201

DE 1970: Musst Du sie auch sehn!

Katja Ebstein, DE 1970
Die Welt­ver­bes­se­re­rin

Eine Ver­an­stal­tung wie ein Dro­gen­rausch: kurz, bunt und knal­lig. Der Kon­trast zur viel belä­chel­ten 1969er Klein­tier­züch­ter­ver­eins­vor­stands­sit­zung, eben­so wie die­se Show vom Hes­si­schen Rund­funk pro­du­ziert, hät­te nicht kras­ser aus­fal­len kön­nen. Nie­mals zuvor und nie wie­der danach atme­te eine deut­sche Euro­vi­si­ons­vor­ent­schei­dung so inten­siv den Duft der gro­ßen wei­ten Welt. Bezie­hungs­wei­se, prä­zi­ser gesagt: Lon­dons. Von dort her flog der hr die aus der bri­ti­schen Chart­show Top of the Pops bekann­te Tanz­for­ma­ti­on Pan’s Peop­le ein, die in den Wer­tungs­pau­sen anstel­le des preu­ßi­schen Ehe­paars Trautz das Publi­kum im Sen­de­stu­dio (und vor den Bild­schir­men) unter­hal­ten soll­te. Und wie sie das taten!

Im Spät­som­mer der Lie­be: Pan’s Peop­le 

Knal­lig bunt und auf­rei­zend knapp geklei­det, wir­bel­ten sie zu den Klän­gen der Beat­les bzw. des ‘Clap­ping Song’ der­art wild auf der Büh­ne her­um, dass sich die Zuschauer/innen vor lau­ter Far­ben und Bewe­gung auf einem LSD-Trip (oder zumin­dest im Afri-Cola-Rausch) wäh­nen muss­ten. Augen­schein­lich hat­ten die Leu­te des Pan dazu noch gleich das Frank­fur­ter Sen­de­stu­dio ein­ge­rich­tet, denn bunt und psy­che­de­lisch wirk­ten auch die Pro­jek­tio­nen auf der Video­lein­wand, vor der die Interpret/innen die­ser Vor­ent­schei­dung ihre Bei­trä­ge zum Bes­ten gaben. Selbst die sechs Titel, wenn­gleich text­lich alle­samt eher bana­le Lie­bes­schla­ger, wirk­ten doch durch ihren musi­ka­li­schen Vor­trag, nicht zuletzt durch die tat­kräf­ti­ge Hil­fe des beglei­ten­den Gün­ter-Kall­mann-Cho­res, der so spa­cig klang wie eben frisch von der Raum­pa­trouil­le ent­führt, gera­de­zu revo­lu­tio­när modern. Bereits die Eröff­nungs­se­quenz, eine ver­jazz­te (und somit bei­na­he erträg­li­che) Instru­men­tal-Inter­pre­ta­ti­on des letzt­jäh­ri­gen deut­schen Bei­trags ‘Pri­ma­bal­le­ri­na’ wies die Rich­tung.

Der swin­gen­de Topf­lap­pen: Mary Roos mit einer ihrer anbe­tungs­wür­dig läs­si­gen Per­for­man­ces, für die wir sie so sehr lie­ben

Die groß­ar­ti­ge, fan­tas­ti­sche, nicht hoch genug zu loben­de Mary Roos (→ DE 1972, 1984, Vor­ent­scheid 1975, 1982) eröff­ne­te das Feld mit Gran­dez­za. In einen rie­si­gen, hand­ge­hä­kel­ten, FDP-far­be­nen Topf­lap­pen gewan­det, mit gestuf­ter Kurz­haar­fri­sur und Ori­on-Eye­li­ner sah sie nicht nur extrem sty­lish aus, son­dern inter­pre­tier­te ihr fabel­haf­tes ‘Bei jedem Kuss’ auch noch der­ma­ßen über­trie­ben cool, als han­de­le es sich um eine Auf­for­de­rung zum Trend­club­hop­ping à la Petu­la Clark (‘Down­town’). Nichts schla­ger­haft Dump­fes haf­te­te die­sem Auf­tritt an, wie es in den Sech­zi­gern noch üblich war: hier begann eine neue deut­sche Euro­vi­si­ons­ära! Und das eher zufäl­lig: eigent­lich soll­te Edi­na Pop (→ Vor­ent­scheid 1972, DE 1979 als Teil von Dschinghis Khan) die Num­mer sin­gen, sie fiel jedoch kurz­fris­tig krank­heits­be­dingt aus. Mary sprang als Inter­pre­tin ein, was viel­leicht erklärt, war­um sie die­se fun­kelnd strah­len­de Vor­ent­schei­dungs­per­le lei­der nie auf Ton­trä­ger auf­nahm. Rober­to Blan­co (→ Vor­ent­scheid 1973, 1979), der “wun­der­ba­re Neger”, wie ihn der baye­ri­sche Innen­mi­nis­ter Joa­chim Herr­mann (CSU) in der TV-Quas­sel­bu­de Hart aber Fair ein­mal nann­te (ziem­lich hart, wenig fair), besang euro­vi­si­ons­ty­pisch die Lie­be in allen Spra­chen des Kon­ti­nents und wirk­te dabei gar nicht so sehr wie der spä­te­re Okto­ber­fest-Bier­zelt­stim­mungs­sän­ger, son­dern gera­de­zu jet­set­mä­ßig inter­na­tio­nal.

Auf dem Kur­fürs­ten­damm sagt man “ohne Gum­mi fuff­zig, mit drei­ßig”

Die nor­we­gi­sche Drei­fach-Reprä­sen­tan­tin Kirsti Spar­boe (→ NO 1965, 1967, 1969), die im Vor­jahr mit dem fröh­li­chen ‘Ein Stu­dent aus Upp­sa­la’ einen euro­pa­wei­ten Top-Hit lan­den konn­te, erschien eben­falls im quietsch­gel­ben Topf­lap­pen und gab einen von Dra­fi Deut­scher erdich­te­ten, schlim­men Schun­kel­schla­ger mit ver­klä­ren­der Pen­ner­ro­man­tik über das sor­gen­freie Leben der ach so glück­li­chen Ber­ber von Paris zum Bes­ten – da hat­te Dra­fi beim Tex­ten wohl dem fran­zö­si­schen Land­rot­wein Mar­ke “Penn­er­glück” etwas zu sehr zuge­spro­chen… Nach so viel Inter­na­tio­na­li­tät mute­te das 2007 ver­stor­be­ne Schla­ger­fos­sil Peter Beil (→ Vor­ent­scheid 1962, 1965) mit sei­nem drö­gen Anfor­de­rungs­ka­ta­log an mög­li­che Gespie­lin­nen, ‘Rote Augen, brau­ne Lip­pen und kas­ta­ni­en­blau­es Haar’ (oder so ähn­lich), doch ein wenig pro­vin­zi­ell an. In dem zeit­sprung­haft moder­nen Umfeld des dies­jäh­ri­gen Vor­ent­scheids fühl­te er sich wohl der­ge­stalt ver­un­si­chert, dass er sich wäh­rend des gesam­ten Vor­trags ängst­lich am Mikro­fon­ka­bel fest­klam­mer­te und sei­nen Auf­tritt ziem­lich ver­geig­te. Kon­se­quen­ter­wei­se erhielt er kei­nen ein­zi­gen Punkt.

Fabel­haft im hell­blau­en Maxi­kleid: Kat­ja Ebstein regiert die Büh­ne

Die hin­rei­ßen­de, sen­sa­tio­nel­le, fan­tas­ti­sche Kat­ja Ebstein (→ DE 1971, 1980, Vor­ent­scheid 1975, Mode­ra­ti­on 1981) ließ bereits bei ihrem ers­ten Auf­tritt erken­nen, dass nur sie die Köni­gin des Abends sein kön­ne: nicht eine Sekun­de bie­der­te sie sich beim Publi­kum an, hat­te ledig­lich die vage Andeu­tung eines huld­vol­len Lächelns übrig – sie wuss­te sehr genau, dass nie­mand sie vom Mate­ri­al her schla­gen konn­te, dass sie über einen Jahr­hun­dert­song ver­füg­te. ‘Wun­der gibt es immer wie­der’, die Refe­renz­klas­se des deut­schen Trös­tungs­schla­gers, erhielt durch ihren stimm­lich dra­ma­ti­schen wie bedeu­tungs­schwer melan­cho­li­schen Vor­trag einen Tief­gang, der noch­mals deut­lich über den eigent­li­chen Text hin­aus­ging. Wel­cher im Gegen­satz zu den ver­gleichs­wei­se wei­ner­li­chen Para­dies-wo-bist-Du-Schla­gern der Sech­zi­ger die sub­ti­le Auf­for­de­rung zum akti­ven Zupa­cken (“…musst Du sie auch sehn”) ent­hielt. Und damit sag­te: nimm Dein Leben selbst in die Hand, Du bist Dei­nes Glü­ckes Schmied! Das war neu im deut­schen Schla­ger, der bis dato eher eine Art von schick­sals­er­ge­be­ner Dul­dungs­star­re pro­pa­gier­te. Musi­ka­lisch fand sich das span­nungs­ge­la­de­ne Lied ohne­hin Äonen vom übli­chen Schla­ge­r­ei­n­er­lei ent­fernt, in einer völ­lig ande­ren Gala­xie.

Ich bin kein Ham­pel­mann: der Rei­ner fin­det sei­ne Schö­ne auch inmit­ten von Mil­lio­nen

Auch Rei­ner Schö­ne, ein in Wei­mar auf­ge­wach­se­ner Schau­spie­ler und Lie­der­ma­cher, der 1968 aus der DDR rüber­mach­te und in der Bun­des­re­pu­blik Haupt­rol­len in aktu­el­len Musi­cals wie ‘Hair’ und ‘Jesus Christ Super­star’ sowie spä­ter in zahl­lo­sen Seri­en- und Film­pro­duk­tio­nen ergat­ter­te, leg­te einen beacht­li­chen Auf­tritt hin. Selbst wenn er, wie schon wei­land Cliff Richard (→ UK 1968), dabei gele­gent­lich den Ein­druck erweck­te, unter Diar­rhö zu lei­den, so geduckt, wie er dastand. Mit hip­piesk lan­gem Haupt- sowie scham­los frei­ge­leg­tem Brust­haar sah er ein biss­chen aus wie der frie­si­sche Blö­del­bar­de Otto Waal­kes auf Tes­to­ste­ron. Nur, dass Schö­ne deut­lich bes­ser sin­gen konn­te. Sein Bei­trag ‘Allein unter Mil­lio­nen’ beschäf­tig­te sich im Grun­de mit dem­sel­ben The­ma, mit dem zwei Jah­re zuvor Karel Gott (→ AT 1968) für Öster­reich beim Lon­do­ner Con­test baden ging: die Ein­sam­keit in der Groß­stadt. Wirk­te Karels Schla­ger jedoch ver­zagt, so zeich­ne­te sich Schö­nes opti­mis­tisch gestimm­tes, kom­pe­tent vor­ge­tra­ge­nes Ange­bot als eines aus, das Mut macht (“…und das Glück wird mich beloh­nen”) und, wie Kat­jas Lied, die Zuhörer/innen auf­for­dert, sich das pral­le Leben mit bei­den Hän­den fest zu grei­fen. Auch ihm wäre, eben­so wie Mary Roos, ein Sieg durch­aus zu gön­nen gewe­sen.

Chart­watch 1970: Ob das die sel­be ‘Anu­sch­ka’ ist, der Inge Brück 1967 beim Con­test in Wien Trost spen­den muss­te? Schwe­re­nö­ter Udo Jür­gens (→ AT 1964, 1965, 1966) lan­de­te auch 1970 wie­der einen Top-Ten-Hit in den deut­schen Ver­kaufs­charts. 

Die Wer­tung teil­te sich in zwei Pha­sen auf: sie­ben Juror/innen durf­ten zunächst jeweils drei Bei­trä­gen einen Punkt geben; die drei best­plat­zier­ten Titel kamen eine Run­de wei­ter. Die lang­at­mi­gen Erklä­run­gen Hans-Otto Grü­ne­feldts, man suche etwas Vor­zeig­ba­res für das inter­na­tio­na­le Par­kett (ach, wie sehr wünsch­te man sich, die heu­ti­ge NDR-Aus­wahl­ju­ry für den deut­schen Euro­vi­si­ons­vor­scheid zeig­te sich vom sel­ben Ziel beseelt, anstatt nur ängst­lich dar­auf zu schie­len, was auf hei­mi­schen Main­stream-Radio­wel­len lau­fen könn­te), ver­fehl­ten ihre Wir­kung nicht: tat­säch­lich flo­gen die drei eher klas­si­schen Schla­ger von Blan­co, Spar­boe und Beil raus und die drei musi­ka­lisch wie inhalt­lich anspruchs­vol­le­ren Bei­trä­ge der Roos, der Ebstein und des Schö­ne kamen ins Fina­le. Wobei der Sieg von Kat­ja Ebstein, die sie­ben von sie­ben mög­li­chen Punk­ten erhielt, eigent­lich bereits zu die­sem Zeit­punkt fest­stand.

Noch fabel­haf­ter im Mini mit sil­ber­nen Stie­feln: Mode­kö­ni­gin Kat­ja Ebstein in Ams­ter­dam!

Trotz­dem muss­ten alle drei ihre Songs in der End­run­de noch­mals prä­sen­tie­ren. Und zwar, da woll­te man sich sei­tens des Hes­si­schen Rund­funks wohl Auf­wand erspa­ren, mit exakt der glei­chen Dra­ma­tur­gie und den­sel­ben Kame­ra­ein­stel­lun­gen wie schon im ers­ten Durch­lauf. Was die Show nicht gera­de abwechs­lungs­rei­cher mach­te. In der zwei­ten Wer­tungs­run­de gin­gen Herr Schö­ne und Frau Roos dann fie­ser Wei­se völ­lig leer aus und Frau Ebstein durf­te ihren Schla­ger ein drit­tes Mal an die­sem Abend sin­gen. Mode­ra­to­rin Marie-Loui­se Stein­bau­er, der man dies­mal erlaubt hat­te, ihren Job zu machen und etwas locke­rer zu plau­dern als noch im letz­ten Jahr, freu­te sich auf­rich­tig, auch wenn sie das lethar­gi­sche Stu­dio­pu­bli­kum zum Sie­ge­sap­plaus erst geson­dert auf­for­dern muss­te. Mit einer Chorin­ter­pre­ta­ti­on von ‘Boom Bang A Bang’ ging der unter sech­zig­mi­nü­ti­ge Far­ben- und Klang­rausch schließ­lich zu Ende.

Vor­ent­scheid DE 1970

Ein Lied für Ams­ter­dam, Sams­tag, 16. Febru­ar 1970, aus dem Sen­de­stu­dio des Hes­si­schen Rund­funks in Frank­furt am Main. Sechs Teil­neh­mer, Mode­ra­ti­on: Marie-Lui­se Stein­bau­er.
#Inter­pretTitelPunk­tePlatzCharts
01Mary RoosBei jedem Kuss05 | 0002-
02Rober­to Blan­coAuf dem Kur­fürs­ten­damm sagt man “Lie­be”01 | –--
03Kirsti Spar­boePierre, der Clo­chard03 | –--
04Peter BeilBlaue Augen, rote Lip­pen und kas­ta­ni­en­brau­nes Haar00 | –--
05Kat­ja EbsteinWun­der gibt es immer wie­der07 | 070116
06Rai­ner Schö­neAllein unter Mil­lio­nen05 | 0002-

ESC 1969: Er mach­te Fröh­li­che melan­cho­lisch

Logo Eurovision Song Contest 1969
Das Jahr der vier Sie­ger

Das hat­ten sich die den 1969er Grand Prix eröff­nen­den Jugo­sla­wen sehr cle­ver gedacht. In acht euro­päi­schen Spra­chen, ein­schließ­lich eines “Guten Tag”, begrüß­ten sie die Zuschauer/innen zum Auf­takt des mit wei­tem Abstand absur­des­ten (und somit groß­ar­tigs­ten) Con­test­jahr­gangs aller Zei­ten in der spa­ni­schen Haupt­stadt Madrid, wo bereits die merk­wür­di­ge Büh­nen­de­ko­ra­ti­on, eine kru­de Mischung aus alt­her­ge­brach­ten Blu­men­bee­ten, sakral anmu­ten­den Orgel­pfei­fen und einer futu­ris­ti­schen Metall­skulp­tur aus der Künst­ler­hand Sal­va­dor Dalís, auf das noch fol­gen sol­len­de Cha­os ein­stimm­te.

Vor­bild­lich: nach nur fünf Minu­ten singt schon der ers­te Teil­neh­mer beim ESC 1969 (kom­plet­ter Con­test)

Pozdrav Svi­jetu’ (‘Grü­ße an die Welt’), die hem­mungs­lo­se – wenn auch wun­der­bar har­mo­nisch gesun­ge­ne – kroa­ti­sche Punk­te­ab­greif­num­mer, zün­de­te bei den Jurys jedoch nicht wie erhofft. Was wohl vor allem an dem voll­bär­ti­gen Ivan lag (bür­ger­lich: Ivi­ca Kra­jač, eigent­lich ein gleich­be­rech­tig­tes Vier­tel des “Vokal­ni Kvar­tet” 4M, ver­dank­te er sei­ne Her­aus­he­bung als Lead­sän­ger der damals noch gül­ti­gen Euro­vi­si­ons­re­gel, die offi­zi­ell ledig­lich Solis­ten und maxi­mal drei­köp­fi­ge Begleit­chö­re zuließ), der sei­nen Vor­trag der­ma­ßen affek­tiert und thea­tra­lisch gestal­te­te, dass es einem beim Zuschau­en die Schu­he aus­zog: eine Acht auf der → Hal­dor-Lægreid-Ska­la. Nicht wei­ter ver­wun­der­lich, dass er sei­nen Song “allen Jun­gen aller Flag­gen” wid­me­te, wie er sang: gemeint war wohl der bei Schwu­len belieb­te Hanky-Code, denn Mäd­chen fan­den in sei­nem Lied kei­ne Erwäh­nung. Bes­ser schnitt da schon die Schwei­ze­rin Pao­la del Med­i­co (→ CH 1980, Vor­ent­scheid DE 1979 + 1982) ab, die auf eine ähn­li­che The­ma­tik setz­te.

Stand zu sei­ner inne­ren Lori­el­le: der Ivan (YU)

Ihr schwung­vol­les ‘Bon­jour, bon­jour’, das wie für Cate­ri­na Valen­te geschrie­ben klang, erquick­te den Hörer mit unbe­küm­mer­tem, hor­mo­num­tos­tem, Allein­ste­hen­de aller­dings acht­los aus­gren­zen­dem Opti­mis­mus (“Die Welt ist wun­der­bar, sie kann nicht schö­ner sein / Und sie gehört nur den Ver­lieb­ten allein”), wel­chem die wie immer arg steif auf­tre­ten­de spä­te­re Ehe­frau von Kurt Felix und Mit­mo­de­ra­to­rin der quä­lend unlus­ti­gen TV-Show Ver­ste­hen Sie Spaß? mit dem ihr so eige­nen Gefrier­lä­cheln nicht ganz gerecht wer­den konn­te. Mona­co schick­te ein erst zwölf­jäh­ri­ges Milchbüb­chen namens Jean-Jac­ques Bor­to­laï, das sei­ne ‘Maman’ anfleh­te, bitte­bit­te noch lan­ge­lan­ge an ihrem Rock­zip­fel kle­ben zu dür­fen: da mani­fes­tier­te sich wohl Heint­jes unglück­se­li­ger (und in des­sen Wahl­hei­mat Bel­gi­en stets viru­len­ter) Ein­fluss. Die­ses Grau­en mach­te die in einem augen­schmerz­grü­nen Kleid vom For­mat eines Zir­kus­zel­tes auf­tre­ten­de Irin Muri­el Day ver­ges­sen, die sich mit einem eksta­ti­schen Veits­tanz die ‘Wages of Love’ ver­dien­te (#1 in den hei­mi­schen Charts).

Erzielt sicher einen guten Lie­bes­lohn: die Muri­el (IE)

Für Bel­gi­en beschmach­te­te Lou­is Neefs (→ BE 1967), der Mann mit dem viel­leicht häss­lichs­ten Tou­pet der Con­test­ge­schich­te, ein Lon­do­ner Mäd­chen namens ‘Jen­ni­fer Jen­nings’. Er tat das mit stoi­scher Mie­ne und völ­lig bewe­gungs­los – bis zum ers­ten Refrain, als er ohne jede Vor­war­nung plötz­lich die Arme nach oben riss und in einer artis­ti­schen Ver­ren­kung über dem Kopf zusam­men­schlug. Wie vie­le älte­re Zuschau­er die­ser völ­lig unvor­her­seh­ba­re Gefühls­aus­bruch in den Herz­tod schick­te, ist nicht über­lie­fert. Finn­land ent­zück­te mit einem put­zi­gen Duo (und ech­tem Ehe­paar) namens Jark­ko & Lau­ra und einer Rag­time-Ode an die gute alte Zeit. Jark­ko hat­te sich stil­echt mit einem Kreis­sä­gen­hut und einem Regen­schirm kos­tü­miert; bei­de lie­fer­ten dazu eine lus­ti­ge Tanz­ein­la­ge, irgend­wo zwi­schen Kung-Fu, Stumm­film und Stepp­tanz. Siw Malmkvist (→ SE 1960, Vor­ent­scheid SE 1961, Vor­ent­scheid DE 1962) schau­te hin­ge­gen ver­zwei­felt und trug ihr ält­li­ches deut­sches Schla­ger­lein namens ‘Pri­ma­bal­le­ri­na’ vor, in dem sie die trau­ri­ge Ein­sam­keit eines Por­zel­lan­püpp­chens besang: ein wirk­lich sozi­al­kri­tisch auf­rüt­teln­des Lied. Dazu dreh­te sie sich selbst etwa so anmu­tig wie der sprich­wört­li­che Ele­fant im Por­zel­lan­püpp­chen­la­den.

Gin­gen offen­sicht­lich zum sel­ben Fri­seur: Jark­ko & Lau­ra (FI)

Die­se Rei­se durchs wil­de Absur­di­stan bil­de­te aber nur das Vor­spiel für das unüber­trof­fe­ne Dra­ma um die Punk­teaus­wer­tung. Nach dem umstrit­te­nen Sieg eines ‘La La La’-Lied­chens im Vor­jahr setz­ten nun etli­che Län­der auf ähn­li­che Laut­ma­le­rei­en in ihren Bei­trä­gen, wie die im Zwei-Jah­res-Rhyth­mus antre­ten­de nor­we­gi­sche Kirsti Spar­boe (→ NO 1965, 1967, Vor­ent­scheid DE 1970) mit dem pep­pi­gen ‘Oj oj oj’ (nein: kei­ne Skin­head-Ode); die sich als ver­hin­der­te Opern­sän­ge­rin gebär­den­de Por­tu­gie­sin Simo­ne de Oli­vei­ra (→ PT 1965), die im Refrain ihres Songs ‘Des­folha­da’ eben­falls das ein oder ande­re “La La La” und “Lay Lay Lay” unter­brach­te; oder die völ­lig über­dreh­te, kul­ler­äu­gi­ge Schot­tin Marie McDo­nald McLaugh­lin Lawrie, bes­ser bekannt als Lulu (ihr → Cho­reo­gra­fie-Vor­bild bil­de­ten offen­sicht­lich die­se “lus­ti­gen” Kat­zen­uh­ren, bei denen sich die Augen im Sekun­den­takt über­trie­ben hin- und her­dre­hen), deren Kar­dio­lo­ge ihr vor dem Wett­streit die beun­ru­hi­gen­de Nach­richt über­bracht hat­te, ihr Herz schla­ge ‘Boom Bang A Bang’. Womit sie trotz ihres grau­en­haf­ten Kräch­zens einen der ers­ten Plät­ze beleg­te.

Vier gewinnt

Ääähh – wie bit­te? Einen der ers­ten Plät­ze? Jawohl, denn es gab gan­ze vier Sie­ger­ti­tel an die­sem Abend!

Freut sich, dass sie Euro­pa so ver­äp­peln konn­te: Lulu! (UK)

Bei ins­ge­samt 16 Teil­neh­mer­län­dern – Öster­reich, drei Jah­re zuvor noch der Sie­ger, befand sich in der ers­ten sei­ner zahl­rei­chen euro­vi­sio­nä­ren Sinn­kri­sen und setz­te aus – teil­ten sich vier Bei­trä­ge, also jedes vier­te Lied, die Höchst­wer­tung. Bei den wei­te­ren Glück­li­chen han­del­te es sich um zum einen um den Viel­fach­ge­win­ner Frank­reich (Fri­da Boc­ca­ra mit dem klas­si­schen, mit abso­lu­ter Prä­zi­si­on und Hin­ga­be gesun­ge­nen fran­ko­phi­len Gefühls­sturm ‘Un Jour, un Enfant’) und um das Gast­ge­ber­land Spa­ni­en selbst, wel­ches eine mit einem gro­tes­ken, meh­re­re Kilo schwe­ren Röhr­chen­fum­mel beklei­de­te Natur­tran­se (also eine als Maria Rosa Mar­co Poquet gebo­re­ne, bio­lo­gisch ech­te Frau, die aber aus­sah wie ein über­schmink­ter Trans­ves­tit mit pom­pö­ser Perü­cke) mit dem Künst­le­rin­nen­na­men Salomé auf die Büh­ne schick­te. Auch sie unter­stütz­te ihren son­ni­gen, deut­lich auf die Erfolgs­for­mel von ‘La la la’ (→ ES 1968) set­zen­den Euro­vi­si­ons­schla­ger ‘Vivo can­tan­do’ mit etli­chen “Hey!“s im Refrain. Wobei der Song in der Liv­e­fas­sung aus ledig­lich einer ein­lei­ten­den Stro­phe und fünf sich ste­tig stei­gern­den Wie­der­ho­lun­gen des Kehr­reims sowie gleich drei → Rückun­gen bestand. Sie topp­te das Gan­ze mit einer schun­keln­den Tanz­per­for­mance, bei der die metal­li­c­blau­en Röhr­chen an ihrem Hosen­an­zug nur so flo­gen – Sest­re (→ SI 2002), her­ge­schaut: das ist ech­ter Drag-Queen-Gla­mour!

Da lach ich doch! Ich bin die Sie­ge­rin! (ES)

Die Nie­der­län­de­rin Len­ny Kuhr mit ihrer fol­ki­gen, selbst getex­te­ten Bän­kel­sän­ger­bal­la­de ‘De Trou­ba­dour’, auch sie dem ein oder ande­ren “Lay lay lay” nicht abge­neigt, ver­voll­stän­dig­te das Quar­tett der Erst­plat­zier­ten. Nach mei­nem Ver­ständ­nis zählt sie als die ech­te Sie­ge­rin die­ses Jahr­gan­ges. Lei­der erst im Nach­gang zu die­sem pein­li­chen Deba­kel erließ die Euro­pean Broad­cas­ting Uni­on (EBU) die Bestim­mung, dass bei einem künf­ti­gen Punk­te­gleich­stand der­je­ni­ge gewon­nen habe, der die höhe­ren Ein­zel­wer­tun­gen vor­wei­sen kann. Eine mitt­ler­wei­le ins Gegen­teil (heu­te zählt die höhe­re Anzahl der Wer­tun­gen) gedreh­te Regel, die erst­mals 1991 zum Ein­satz kam, als Ami­na Anna­bi (FR) und Caro­la Häggkvist (SE) mit jeweils 146 Zäh­lern vor­ne lagen. Bei­de hat­ten je vier mal 12 Punk­te kas­siert; Caro­la konn­te aber fünf­mal 10 Punk­te auf sich ver­ei­nen, Ami­na nur vier mal. So gewann Caro­la. Wen­det man die­se Zähl­wei­se retro­ak­tiv auf den 1969er Con­test an, wie ich es in allen mei­nen Tabel­len (und nicht nur bei den Sie­ger­ti­teln, son­dern auch bei Punk­te­gleich­stän­den auf den unte­ren Plät­zen) tue, ergibt sich ein ein­deu­ti­ges Bild: Len­ny Kuhr gewinnt mit der höchs­ten Ein­zel­wer­tung (6 Punk­te) vor Lulu (5 Punk­te), Fri­da Boc­ca­ra (4 Punk­te) und Salomé (3 Punk­te).

Ein biss­chen Sie­gen: Len­ny Kuhr (NL)

Anders ver­hielt es sich in den Charts: dort räum­te ledig­lich Lulu (#8 in Deutsch­land, #2 in Groß­bri­tan­ni­en, #1 in Nor­we­gen) rich­tig ab. An die­sem Abend aber blieb es, zur erheb­li­chen Belus­ti­gung des anwe­sen­den Saal­pu­bli­kums und zur end­gül­ti­gen Über­for­de­rung der Mode­ra­to­rin Lau­ri­ta Valen­zue­la nach der Ent­schei­dung des EBU-Schieds­rich­ters Clif­ford Brown ganz offi­zi­ell bei vier Sie­ge­rin­nen, die auch alle vier eine Medail­le erhiel­ten (ver­füg­te der aus­rich­ten­de Sen­der TVE etwa über sehe­ri­sche Kräf­te?). Und zwar aus der Hand von Vor­jah­res­ge­win­ne­rin Mas­siel, die sich extra für die­sen Anlass in einen unglaub­lich prot­zi­gen, mit Gold­ap­pli­ka­tio­nen bestick­ten Pelz warf und sich über­haupt als eigent­li­cher Star des Abends gebär­de­te. Das Cha­os auf der rasch über­füll­ten Büh­ne meis­ter­te sie jedoch sou­ve­rän, reih­te die Mädels und ihre → Kom­po­nis­ten nach Kör­per­grö­ße sor­tiert auf wie die Orgel­pfei­fen, ver­teil­te Orden und Küss­chen und hielt beru­hi­gend Händ­chen, wo es nötig war.

Lau­ri­ta Valen­zue­la glaubt es kaum: vier Sie­ger!

Berüh­rend: die bereits 1996 im Alter von nur 55 Jah­ren an einer Lun­gen­ent­zün­dung ver­stor­be­ne Fran­zö­sin Fri­da Boc­ca­ra, schon beim ers­ten Gesangs­vor­trag, aber auch bei der Sie­ge­rin­nen­re­pri­se mehr als beein­dru­ckend in ihrer fei­nen Balan­ce aus stimm­li­chem Kön­nen und wohl dosier­ter Mimik, leuch­te­te bei der Über­rei­chung ihrer Medail­le für drei Sekun­den von innen her­aus so, als sei genau die­ser Moment der bes­te, wich­tigs­te und schöns­te ihres gesam­ten Lebens. Was er ja viel­leicht auch war. Den Tru­bel um sie her­um voll­stän­dig igno­rie­rend, erschaff­te sie nur durch ihren Gesichts­aus­druck einen kur­zen, stil­len Augen­blick des Glücks; so fra­gil, dass ich selbst beim wie­der­hol­ten Anschau­en an die­ser Stel­le jedes Mal unwill­kür­lich den Atem anhal­te, um ihn nicht ver­se­hent­lich zu zer­stö­ren. Mit die­ser win­zi­gen, fei­nen Ges­te gab sie dem gan­zen Abend sei­ne Wür­de zurück und setz­te einen berau­schen­den Schluss­punkt unter einen nie wie­der zu top­pen­den Jahr­gang mei­nes Lieb­lings­events.

Den­noch bekom­men alle vier Sie­ge­rin­nen ihre Medail­le!

Euro­vi­si­on Song Con­test 1969

Gran Pre­mio de la Can­ción de Euro­vi­si­on. Sams­tag, 29. März 1969, aus dem Tea­tro Real in Madrid, Spa­ni­en. 16 Teil­neh­mer­län­der. Mode­ra­ti­on: Lau­ri­ta Vene­zue­la.
#LandInter­pretTitelPunk­tePlatz
01YUIvan + 3MPozdrav Svi­jetu0513
02LURomu­ald Figu­ierCathé­ri­ne0711
03ESSaloméVivo can­t­an­to1804
04MCJean-Jac­ques Ber­to­laiMaman1106
05IEMuri­el DayThe Wages of Love1007
06ITIva Zanic­chiDue gros­se Lacrime bian­che0514
07UKLuluBoom Bang a Bang1802
08NLLen­ny KuhrDe Trou­ba­dour1801
09SETom­my Kör­bergJudy, min Vän0809
10BELou­is NeefsJen­ni­fer Jen­nings1008
11CHPao­la del Med­i­coBon­jour, bon­jour1305
12NOKirsti Spar­boeOj oj oj, så glad jeg skal bli0116
13DESiw MalmkvistPri­ma­bal­le­ri­na0810
14FRFri­da Boc­ca­raUn Jour, un Enfant1803
15PTSimo­ne de Oli­vei­raDes­folha­da 0415
16FIJark­ko + Lau­raKuin Sil­lon ennen0612

DE 1969: Hey, das ist Musik für mich!

Siw Malmkvist, DE 1969
Die Unbe­schwer­te

Als Lehr­stun­de des ger­ma­ni­schen öffent­lich-recht­li­chen Unter­hal­tungs­elends kann ohne jede Fra­ge die Vor­ent­schei­dung des Jah­res 1969 die­nen. Die Show lief ver­mut­lich exakt so ab, wie sich das Deutsch­lands obers­ter Grand-Prix-Beam­te, Hans-Otto Grü­ne­feldt vom Hes­si­schen Rund­funk, immer vor­ge­stellt hat­te. So ver­wen­de­te er quä­lend lan­ge Sen­de­mi­nu­ten dar­auf, den Zuschauer/innen haar­klein aus­ein­an­der­zu­set­zen, dass dies hier ein → Kom­po­nis­ten­wett­be­werb sei, in wel­cher Form die Vor­auswahl der neun an die­sem Abend zu Gehör zu brin­gen­den Schlicht­schla­ger erfolg­te, und dass die Auf­tritts­rei­hen­fol­ge der drei Sänger/innen, die sich “freund­li­cher­wei­se zur Ver­fü­gung gestellt” hat­ten, den Mist weg­zu­sin­gen, unter nota­ri­el­ler Auf­sicht aus­ge­lost wur­de.

Der letz­te TV-Auf­tritt Alex­an­dras vor ihrem tra­gi­schen Tod fand nicht, wie zunächst geplant, beim deut­schen Vor­ent­scheid statt. Für die Aktu­el­le Schau­bu­de stand sie statt­des­sen ziem­lich zuge­dröhnt in der mas­siv ver­müll­ten Ost­see.

Nach Anga­ben des Fan­clubs Euro­vi­si­on Club Ger­ma­ny soll­te ursprüng­lich auch Alex­an­dra (‘Mein Freund, der Baum’) in Frank­furt dabei sein. Die Aus­nah­mesän­ge­rin mit der ein­zig­ar­ti­gen Stim­me, die im Som­mer des­sel­ben Jah­res bei einem Auto­un­fall den Tod fand, sag­te jedoch auf­grund wich­ti­ge­rer Ter­mi­ne ab. Oder wegen des grau­en­haf­ten Song­ma­te­ri­als? Selbst der so char­man­ten wie bedau­erns­wer­ten Mode­ra­to­rin Marie-Loui­se Stein­bau­er war es sei­tens des Sen­ders strengs­tens unter­sagt, ihren Job aus­zu­üben und tat­säch­lich zu mode­rie­ren. Irgend­wel­che gar noch spon­ta­nen Äuße­run­gen hät­ten ja als Beein­flus­sung gel­ten kön­nen. So muss­te sie die Rol­le eines Sprechro­bo­ters spie­len und durf­te ledig­lich ansa­gen: “Das war Lied Num­mer 1 und jetzt kommt Lied Num­mer 2”. Und auch das ver­mut­lich erst, nach­dem die­ser Satz durch das hr-Jus­ti­zia­ri­at acht­fach gegen­ge­prüft und geneh­migt wur­de. Selbst bei der Büh­nen­de­ko­ra­ti­on leg­te man ängst­lich Wert dar­auf, bloß kei­nen der drei Prot­ago­nis­ten, die jeweils im Wech­sel drei Lied­lein vor­zu­tra­gen hat­ten, in irgend­ei­ner Form zu bevor­zu­gen.

Hey, DAS ist Musik für mich: die poly­glot­te Peg­gy March

Doch wozu der gan­ze Auf­wand? Denn selbst­ver­ständ­lich blieb der unmün­di­ge Zuschau­er von der Ent­schei­dungs­fin­dung aus­ge­schlos­sen. Statt­des­sen tag­te ein Gre­mi­um von elf alten Män­nern in grau­en Tre­vi­ra­an­zü­gen und mit bil­li­gen Tou­pets, die nicht ver­drieß­li­cher das Grau­en des alles­läh­men­den deut­schen Ver­bands­un­we­sens hät­ten illus­trie­ren kön­nen: je zwei Ver­tre­ter der Tex­ter- und Kom­po­nis­ten­lob­bys sowie der “Arbeits­ge­mein­schaft Schall­plat­te” (also der Indus­trie), die Unter­hal­tungs­chefs der ARD-Sen­de­an­stal­ten und, aus wel­chem Grund auch immer, der Kapell­meis­ter der Städ­ti­schen Büh­nen Frank­furt am Main, Rudi Franz. Letz­te­rer ver­rich­te­te sei­ne Juro­ren­tä­tig­keit (wegen des Spe­sen­schecks?) wenigs­tens mit einem son­ni­gen Lächeln, wäh­rend die übri­gen Her­ren mit staats­tra­gend sauer­töp­fi­scher Mie­ne und zusam­men­ge­knif­fe­nen Lip­pen (und ver­mut­lich auch Poba­cken) ihre alber­nen Papp-Wer­tungs­tä­fel­chen zogen und vor sich depo­nier­ten. In ihrer unfass­bar spie­ßi­gen Ver­klemmt­heit wirk­te die gan­ze Sze­ne­rie wie ein Sketch von Lori­ot. (Unfrei­wil­lig) lus­tig wur­de es jedoch nur ein­mal ganz kurz, als der Gro­ße Vor­sit­zen­de Grü­ne­feldt die von einem der Lob­by­is­ten abge­ge­be­ne Vote für Peg­gy March (→ Vor­ent­scheid 1975) wie­der­hol­te: “Herr Hée: Hey!”.

So steif wie die Juro­ren: auch sexy Rexy hat einen Stock im Arsch

Bei sel­bi­gem Titel, der es zusam­men mit dem spä­te­ren Sie­ger­lied ‘Pri­ma­bal­le­ri­na’ von Siw Malmkvist (→ SE 1960, Vor­ent­scheid SE 1961, Vor­ent­scheid DE 1962) und Rex Gil­do‘Die bes­te Idee mei­nes Lebens’ (was man über sei­ne Teil­nah­me an die­ser Vor­run­de nicht unbe­dingt sagen kann) in die End­aus­wahl schaff­te, han­delt es sich denn auch um den ein­zi­gen nen­nens­wer­ten Bei­trag des Abends. “Hey, das ist Musik für mich / Hey, das ist Musik für Dich / Denn Musik, die ist nun mal / Inter­na­tio­nal”: grand­pri­x­es­ker konn­te die Bot­schaft des musi­ka­lisch locker-flo­ckig swin­gen­den Easy-Lis­tening-Knül­lers kaum sein. Zu modern und frisch ver­mut­lich für die grau­en Herr­schaf­ten der → Jury, die sich statt­des­sen mehr­heit­lich für das ver­staub­te Spiel­do­sen-Schla­ger­lein ‘Pri­ma­bal­le­ri­na’ aus der Feder von Hans Blum erwärm­ten. Fair­neß­hal­ber soll gesagt sein: es war neben ‘Hey!’ der ein­zi­ge Song des Abends, der den Zuschau­er nicht sofort in dorn­rös­chen­glei­chen Tief­schlaf ver­setz­te, da er zumin­dest eine gefäl­li­ge, ins Ohr gehen­de Melo­die bot. Die man bei den rest­li­chen sie­ben Seicht­songs schmerz­lich ver­miss­te.

Sag, weint Dein Herz? Siw Malmkvist gibt uns die ‘Pri­ma­bal­le­ri­na’

Skur­ril: Durodont-Rex (→ Vor­ent­scheid 1960), des­sen Hoch­zeits-Kit­sch­lied in der ers­ten Run­de noch am ein­deu­tigs­ten führ­te, erhielt in der Final­ab­stim­mung von den­sel­ben Juro­ren kei­nen ein­zi­gen Punkt. Anfang der Sech­zi­ger noch gemein­sam mit Git­te Hæn­ning (→ Vor­ent­scheid DK 1962, DE 1973) als “Traum­paar des deut­schen Schla­gers” ver­mark­tet, war Gil­do lan­ge Jah­re Stamm­gast in der 1969 zum ers­ten Mal aus­ge­strahl­ten ZDF-Hit­pa­ra­de und lan­de­te im sel­ben Jahr mit ‘Don­do­lo’ einen sei­ner zahl­rei­chen Top-Ten-Hits. Drei­ßig Jah­re und etli­che des­il­lu­sio­nier­te Möbel­haus-Auf­trit­te spä­ter wähl­te der schrank­schwu­le Schla­ger­sän­ger dann den Frei­tod. Doch zurück nach 1969: die weni­gen Vor­ent­schei­dungs-Zuschau­er/in­nen, die bis hier­hin noch nicht abge­schal­tet hat­ten und auch die bei­den als Pau­sen­über­brü­ckung gebuch­ten “Tanz­dar­bie­tun­gen” des Ehe­paa­res Trautz ohne Spon­tan­au­gen­krebs über­stan­den, ent­ließ man mit dem siche­ren Gefühl, dass die gan­ze Ver­an­stal­tung für alle sen­der­seits Betei­lig­ten, sei­en es die Juro­ren, die Mode­ra­to­rin oder die Sänger/innen, min­des­tens genau so quä­lend gewe­sen sein muss wie für die Men­schen vor den TV-Gerä­ten. Juris­tisch unan­greif­bar und jeg­li­cher Schie­bung unver­däch­tig gewiss, aber dafür eben auch nicht eine Sekun­de lang unter­halt­sam. Also alle Kli­schees über die red­li­chen, aber lang­wei­li­gen Deut­schen bestä­ti­gend.

Chart-Watch: Süd­län­di­scher Froh­sinn wohn­te dem ‘Lied für Madrid’ nicht inne. Rober­to Blan­co (→ Vor­ent­scheid 1970, 19731979) nahm dann auch lie­ber an der ZDF-Kon­kur­renz­ver­an­stal­tung ‘Deut­scher Schla­ger-Wett­be­werb 1969’ teil, wo er sich schnell von den Fes­seln fest­lich-deut­scher Spie­ßig­keit befrei­te, dem etwas tra­ni­gen ‘Heu­te so, mor­gen so’ tän­ze­risch erstaun­li­chen Pepp ein­hauch­te, damit sieg­te und einen Top-Ten-Hit gene­rier­te. Was hät­te aus dem Mann für ein groß­ar­ti­ger Enter­tai­ner wer­den kön­nen, hät­te man ihm nur mal adäqua­tes Song­ma­te­ri­al gege­ben!

Vor­ent­scheid DE 1969

Ein Lied für Madrid. Sams­tag, 22. Febru­ar 1969, aus dem Sen­de­stu­dio 2 des Hes­si­schen Rund­funks in Frank­furt am Main. Drei Teil­neh­mer, Mode­ra­ti­on: Marie-Loui­se Stein­bau­er.
#Inter­pretTitelPunk­tePlatzCharts
01Siw MalmkvistDein Come­back zu mir02 | –--
02Rex Gil­doLady Julia04 | –--
03Peg­gy MarchKarus­sell mei­ner Lie­be01 | –--
04Siw MalmkvistMelo­die04 | –--
05Rex Gil­doDie bes­te Idee mei­nes Lebens07 | 0003-
06Peg­gy MarchAber die Lie­be bleibt bestehen04 | –--
07Siw MalmkvistPri­ma­bal­le­ri­na05 | 070113
08Rex Gil­doFes­ti­val der jun­gen Lie­be00 | –--
09Peg­gy MarchHey!06 | 040229

ESC 1968: Hap­pi­ness had­n’t been inven­ted

Logo Eurovision Song Contest 1968
Das Jahr der Schie­bung

Jurys sind Wich­ser™! Den im Ver­gleich zu den → Nul-Point-Ergeb­nis­sen der Vor­jah­re zwar deut­lich bes­se­ren, im Lich­te der Kon­kur­renz den­noch etwas ent­täu­schen­den (und unge­rech­ten!) sechs­ten Platz im ers­ten Jahr der euro­vi­sio­nä­ren Farb­aus­strah­lung ver­dankt der fabel­haf­te deut­sche Bei­trag von 1968 unter ande­rem den nor­we­gi­schen Wer­tungs­rich­tern: die reagier­ten pikiert, weil die in Oslo gebür­ti­ge, in Deutsch­land jedoch kei­nen uner­heb­li­chen Anteil ihres Ein­kom­mens als Schla­ger­sän­ge­rin gene­rie­ren­de Wencke Myh­re nicht fürs Hei­mat­land sang, und straf­ten sie fürs Fremd­ge­hen mit null Punk­ten ab. Doch auch Deutsch­land sorg­te beim Con­test in Lon­don nicht nur mit dem pro­gres­si­ven ‘Ein Hoch der Lie­be’ für Furo­re, son­dern eben auch mit den sehr offen­sicht­lich – eine ande­re Erklä­rung schei­det aus – von Kor­rup­ti­on gepräg­ten Wer­tun­gen unse­rer → Juro­ren.

Alles so schön bunt hier: der ESC 1968

Die punk­te­ten näm­lich, getreu des Mot­tos, dass ein anspruchs­vol­les Lied gewin­nen sol­le, mit sechs ihrer ins­ge­samt zehn Stim­men die Spa­nie­rin Mas­siel und ihren tief­schür­fen­den Titel ‘La La La’ über­ra­schend nach vor­ne und ver­hal­fen ihr so zum Sieg. Bei Mas­siel (eigent­lich: María de los Ánge­les San­ta­ma­ría Espi­no­sa) han­del­te es sich um die Zweit­be­set­zung für das kraft­vol­le und ein­gän­gi­ge, Lebens­freu­de trans­por­tie­ren­de Chan­son über die Lust am Sin­gen: der ursprüng­lich vor­ge­se­he­ne Inter­pret Joan Manu­el Ser­rat, einer der bekann­tes­ten ibe­ri­schen Lie­der­ma­cher und Sän­ger, woll­te es nur in der Regio­nal­spra­che Kata­lo­ni­ens, von wo er stamm­te, vor­tra­gen. Da hat­te Spa­ni­ens Dik­ta­tor Fran­co, dem die Unab­hän­gig­keits­be­stre­bun­gen der Kata­la­nen als Bedro­hung sei­ner Macht gal­ten, aber was gegen: er tausch­te Ser­rat gegen die wil­li­ge Kol­la­bo­ra­teu­rin Mas­siel aus. Fai­rer­wei­se muss man zuge­ben: das Lied ver­fügt tat­säch­lich über vier Stro­phen Text, neben den gezähl­ten 138 “La“s des Refrains (der Song trans­por­tiert eben extrem viel Lebens­freu­de!). Die Zuschau­er stan­den nach dem Über­ra­schungs­sieg der Spa­nie­rin Kopf, denn eigent­lich galt jemand ganz ande­res als kla­rer Favo­rit.

Doch, vor allem der Refrain gewinnt eine ganz neue Bedeu­tung: ‘La la la’ in der von Ser­rat bevor­zug­ten kata­la­ni­schen Fas­sung

Näm­lich der bri­ti­sche, welt­weit bekann­te und mit ins­ge­samt mehr als 250 Mil­lio­nen ver­kauf­ten Alben kom­mer­zi­ell extrem erfolg­rei­che Super­star Cliff Richard (→ UK 1973). Sein Wunsch­sen­dungs-Ever­green ‘Congra­tu­la­ti­ons’, eine flot­te Pop­num­mer mit pro­mi­nen­tem Trom­mel­mo­tiv, stand zum Zeit­punkt des Song Con­tests bereits seit Wochen hoch in allen euro­päi­schen Charts (so auf #3 in Deutsch­land, #2 in Öster­reich und der Schweiz und an der Spit­ze in den Nie­der­lan­den, Bel­gi­en, Nor­we­gen und natür­lich im Ver­ei­nig­ten König­reich). Fre­ne­tisch krei­schend begrüß­te ihn das hei­mi­sche Publi­kum in der Roy­al Albert Hall, es schien rei­ne Form­sa­che zu sein, dass er nach San­die Shaw (→ UK 1967) mit dem vom glei­chen Autoren­team geschrie­be­nen Hit den Dop­pel­sieg holen wür­de, für den kein Wett­bü­ro etwas gezahlt hät­te. Doch nun durch­kreuz­ten die dia­bo­li­schen deut­schen Juro­ren sei­ne Plä­ne. Es lag ver­mut­lich nicht an der sehr exal­tier­ten Dar­bie­tung Richards, son­dern an dem idio­ti­schen Man­tra vie­ler Juro­ren, Hits hät­ten beim Grand Prix nichts zu suchen.

Im lin­gu­is­ti­schen Nir­wa­na: die äußerst selbst­be­wuss­te Mas­siel (ES)

Eine Anlei­tung zum Nacht­an­zen der legen­dä­ren ‘Congra­tu­la­ti­ons’-Per­for­mance fin­det sich auf der bri­ti­schen, geni­al zyni­schen Euro­vi­si­ons­fan­sei­te Who­ops, Dra­go­vic! Hier die Über­set­zung: “Die → Tanz­schrit­te zu Cliffs Euro­klas­si­ker kön­nen Sie über­all pro­blem­los nach­stel­len; ob Zuhau­se, in Ihrem Gar­ten, der Kir­che oder im Loft.

  1. Lau­fen Sie den Gar­ten­pfad (bzw. den Kirch­gang) hin­un­ter, direkt auf die freu­dig jubeln­den Mas­sen zu.
  2. Am Ende des Pfa­des ange­kom­men, tun Sie so, als wür­den Sie mit Ihren Füßen ein Feu­er aus­tre­ten.
  3. Beim Sin­gen ducken Sie sich leicht ver­krampft zusam­men, so als ob Sie unter Durch­fall lit­ten. Las­sen Sie gleich­zei­tig Ihre Arme wie Pro­pel­ler krei­sen.
  4. Wäh­rend des Instru­men­tal­parts Ihres Lie­des wei­sen Sie die Zuschau­er auf die (nicht vor­han­de­nen) Not­aus­gän­ge zu Ihrer Lin­ken und Rech­ten hin.
  5. Beim gro­ßen Song­fi­na­le tre­ten Sie noch­mals die Flam­men aus. Recken Sie dann die Arme dem will­kom­me­nen Applaus ent­ge­gen.
  6. Ver­ste­cken Sie sich auf der Toi­let­te, bis Sie jemand holt.”

Der Seil­spring­pan­to­mi­me: Cliff Richard (UK)

Oder spiel­te doch Geld eine Rol­le? Einer spe­ku­la­ti­ven Doku­men­ta­ti­on eines spa­ni­schen Pri­vat­sen­ders zufol­ge sol­len das Fran­co-Régime und der Staats­sen­der TVE meh­re­re euro­päi­sche Jurys, dar­un­ter die deut­sche, mit dem Ankauf von Fern­seh­se­ri­en (Punk­te im Tausch für den Tat­ort?) besto­chen haben, die dann unge­sen­det in den TVE-Archi­ven ver­rot­te­ten. Das Ziel der anrü­chi­gen Finanz­trans­ak­ti­on: durch einen Sieg Spa­ni­ens und die Aus­tra­gung des Grand Prix im Fol­ge­jahr woll­te sich die an tou­ris­ti­schen Ein­nah­men inter­es­sier­te Dik­ta­tur als kul­tu­rell anschluss­fä­hi­ge euro­päi­sche Nati­on prä­sen­tie­ren. Was auch gelang! Bewie­sen sind die­se Behaup­tun­gen indes nicht, auch wenn der offen­bar arg gekränk­te Cliff Richard, der schon 1968 Mas­siel mit einem “war­men Keh­len­druck” gra­tu­lie­ren woll­te, bereits mein­te, er sei “der glück­lichs­te Mensch der Welt”, soll­ten sie sich bewahr­hei­ten. So lan­ge dient dem schlech­ten Ver­lie­rer der trotz des zwei­ten Plat­zes sehr viel grö­ße­re kom­mer­zi­el­le Erfolg sei­nes Bei­trags mit knapp zwei Mil­lio­nen ver­kauf­ter Ein­hei­ten sicher als klei­nes Trost­pflas­ter.

Ganz der alte Arsch: Clif­fie (Ordens­rit­ter Ihrer Majes­tät) congra­tu­liert der Queen zum 60. Thron­ju­bi­lä­um

Aber nicht nur Sir Richard lie­fer­te eine spek­ta­ku­lä­re Per­for­mance. Mit der Ein­füh­rung des Farb­fern­se­hens in jenem Jahr schien auch jeder Rest von Chan­son­se­lig­keit, vor­neh­mer Zurück­hal­tung, durch stei­fe Abend­ro­ben beding­ter Bewe­gungs­un­fä­hig­keit und Dezenz von der Ver­an­stal­tung abzu­fal­len. Schon der mit einem vom Con­test-Gewin­ner Udo Jür­gens (→ AT 1964, 1965, 1966) ver­fass­ten, aller­dings arg lang­wei­li­gen alpen­län­di­schen Anspruchs­schla­ger über die ach so schlim­me Ein­sam­keit der Groß­stadt für Öster­reich star­ten­de tsche­chisch­stäm­mi­ge Karel Schla­gerGott (‘Babič­ka’) gebär­de­te sich auf der Büh­ne so tun­tig wie ein Musi­cal­sän­ger: eine Vier auf der → Hal­dor-Lægreid-Ska­la für die “Gol­de­ne Stim­me aus Prag”. Noch schwu­ler wirk­ten die jugo­sla­wi­schen Dubro­vač­ki Tru­badu­ri, die sich als mit­tel­al­ter­li­che Min­ne­sän­ger kos­tü­mier­ten und zu ihrer pos­sier­li­chen Wei­se anmu­tig über die Büh­ne hüpf­ten wie hor­mon­ge­steu­er­te Wald­el­fe im Früh­lings­sturm der Gefüh­le. Auf­grund des noch immer gel­ten­den Grup­pen­ver­bo­tes muss­ten sich die eigent­lich fünf­köp­fi­gen Trou­ba­dou­re aus Dubrov­nik offi­zi­ell als Duo (Luci & Hamo) mit Begleit­chor tar­nen.

Auch schön: Män­ner in Strumpf­ho­sen. Die auf­ge­platz­ten Gedär­me am Ellen­bo­gen irri­tier­ten aber ein wenig. (YU)

Eher gru­se­lig gaben sich hin­ge­gen die Ver­tre­ter aus dem hohen Nor­den: der Schwe­de Cla­es-Gör­an Heder­ström wirk­te im Trench­coat mit hoch­ge­schla­ge­nem Kra­gen wie der böse Onkel vom Kin­der­spiel­platz, was den Genuss sei­nes wun­der­bar jaz­zi­gen Loun­ge­songs ‘Ban­ne mej’, in dem er das schwe­re Schick­sal beklagt, frisch ver­liebt zu sein, erheb­lich min­der­te. Etwas opti­sche Lin­de­rung ver­schaff­te uns Finn­land, das eine jun­ge Sän­ge­rin namens Kris­ti­na Hauta­la in einem lind­grü­nen Kleid­chen mit gerüsch­ten Blüm­chen auf dem Ärmel schick­te: eine sin­gen­de Früh­lings­wie­se! Der Nor­we­ger Odd Bør­re Søren­sen schau­te sei­nen Tanz­stil bei dem direkt vor ihm auf­ge­tre­te­nen Cliff ab – nur, dass er mit dicker Horn­bril­le und Bill-Gates-Fri­sur aus­sah wie der ver­rück­te Pro­fes­sor aus einem Hor­ror­film der legen­dä­ren Lon­do­ner Ham­mer-Stu­di­os. Was per­fekt zu sei­nem wir­ren Lied mit dem tref­fen­den Titel ‘Stress’ pass­te. Die­ser ursprüng­lich zweit­plat­zier­te Song der nor­we­gi­schen Vor­ent­schei­dung war nach­ge­rückt, nach­dem der EBU eine all zu gro­ße Ähn­lich­keit des eben­falls von Odd Bør­re inter­pre­tier­ten Sie­ger­ti­tels ‘Jeg har ald­ri vært så glad i no’en som deg’ mit dem Cliff-Richard-Hit ‘Sum­mer Holi­day’ auf­fiel.

Ver­dammt, es ist Lie­be: die Schwe­den sind schon ech­te Roman­ti­ker! (SE)

Für das nicht abge­kup­fer­te ‘Stress’ kas­sier­te Nor­we­gen ledig­lich zwei Mit­leidspünkt­chen – der gerech­te kos­mi­sche Aus­gleich für ihre Rache­wer­tung gegen­über “unse­rer” Wencke Myh­re. Die schun­kel­te und pro­pel­ler­te zum vom BBC-Orches­ter lei­der etwas schaum­ge­bremst beglei­te­ten ‘Hoch der Lie­be’ über die Büh­ne wie ein zu stark auf­ge­zo­ge­ner Brumm­krei­sel, und das in einem top­mo­di­schen, quietsch­gel­ben Mini­kleid, das ihre nicht gera­de reh­schlan­ken Bei­ne erst so rich­tig zur Gel­tung brach­te. Und dann noch die Dai­sy-Duck-Schu­he: grau­sam! Nicht sehr vor­teil­haft mach­te sich auch die fran­zö­si­sche Sie­ge­rin von 1962, Isa­bel­le Aubret, zurecht. Ihr labb­ri­ges, blass­blau­es Satin-Nacht­hemd kon­tras­tier­te so schmerz­voll zu ihrer pla­tin­blon­den Locken­pracht, dass man sich gar nicht auf ihr fas­zi­nie­ren­des Chan­son ‘La Source’ kon­zen­trie­ren konn­te, einer dunk­len Schau­er­ge­schich­te über ein von ihren drei Ver­ge­wal­ti­gern im Wald erschla­ge­nes Mäd­chen. Wobei sich die Fra­ge stellt, ob ihr die­se opti­sche Ablen­kungs­stra­te­gie ange­sichts des nicht nur für Grand-Prix-Ver­hält­nis­se unge­wöhn­lich düs­te­ren Song­the­mas nicht sogar zum Vor­teil gereich­te: immer­hin erreich­te Madame Aubret Rang 3.

Bra bra bra statt la la la: Odd Bør­re (NO)

Den abso­lu­ten Vogel schoss aber der so drol­li­ge wie tra­gi­sche Schwei­zer Gian­ni Mas­co­lo ab. In einem kür­bis­far­be­nen, schraub­sto­cken­gen Anzug und mit Hei­no-Bril­le lie­fer­te er den abschlie­ßen­den Beweis, dass das sämt­li­che modi­schen Fehl­grif­fe scho­nungs­los auf­de­cken­de Farb­fern­se­hen nicht immer ein Segen sein muss. Zudem hat­te er mit ‘Guar­da­no il Sole’ eine sehr grand­pri­x­es­ke Bal­la­de dabei. Und grand­pri­x­esk meint hier vor allem: mit einem gro­ßen, emo­ti­ons­ge­la­de­nen, auf­wal­len­den Fina­le. Ein Song also, wie er eigent­lich für fran­zö­si­sche Chan­so­net­ten typisch ist. Und wie eine sol­che gebär­de­te sich Gian­ni auch: er strahl­te, schmet­ter­te und warf die Arme in die Luft, exal­tier­ter als jeder Jür­gen Mar­cus (→ Vor­ent­scheid DE 19741975, LU 1976) und min­des­tens genau so enthu­si­as­tisch wie drei Jah­re nach ihm Sévé­ri­ne. Die gewann 1971 mit genau so einer Dar­bie­tung. Dem armen Gian­ni bleib das ver­wehrt: mit nur mage­ren zwei Pünkt­chen, eben­so vie­len wie Odd Bør­re erhielt, lan­de­te er ganz hin­ten. Ein glas­kla­rer Fall von geschlechts­spe­zi­fi­scher Dis­kri­mi­nie­rung: blö­de für den im fal­schen Kör­per gebo­re­nen Ita­lo­schwei­zer, dass es sei­ner­zeit noch kei­ne Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten gab.

Eine fünf auf der → Hal­dor-Lægreid-Ska­la: Gian­ni (CH)

Trotz der all­ge­mei­nen Auf­re­gung über den (ver­mut­lich nicht zu Unrecht) als Schie­bung emp­fun­de­nen Sieg Mas­siels ver­kauf­te sich ‘La, la, la’ übri­gens euro­pa­weit ziem­lich gut (#18 in den Nie­der­lan­den, #12 in Deutsch­land, #8 in Öster­reich und der Schweiz sowie #5 in Nor­we­gen). Und konn­te, sozu­sa­gen als Kir­sche auf dem Sah­ne­häub­chen, selbst die sonst gegen fremd­spra­chi­ge Titel so her­me­tisch abrie­gel­ten bri­ti­schen Top 40 kna­cken (#35). Manch­mal lohnt sich ein Königs­mord also doch!

Euro­vi­si­on Song Con­test 1968

Euro­vi­si­on Song Con­test. Sams­tag, 6. April 1968, aus der Roy­al Albert Hall in Lon­don, Groß­bri­tan­ni­en. 17 Teil­neh­mer­län­der, Mode­ra­ti­on: Kat­ie Boyle.
#LandInter­pretTitelPunk­tePlatz
01PTCar­los Men­desVer­ão0511
02NLRon­nie ToberMor­gen0116
03BEClau­de Lom­bardQuand tu revi­en­dras0808
04ATKarel GottTau­send Fens­ter0213
05MCChris Bal­do + Sophie GarelNous vivrons d’A­mour0512
06CHGian­ni Mas­co­loGuar­da­no il Sole0213
07MCLine + Wil­lyÀ cha­cun sa Chan­son0807
08SECla­es-Gör­an Heder­strömDet bör­jar ver­ka Kärlek, ban­ne mej1505
09FIKris­ti­na Hauta­laKun Kel­lo käy0116
10FRIsa­bel­le AubretLa Source2003
11ITSer­gio End­ri­goMari­an­ne0710
12UKCliff RichardCongra­tu­la­ti­ons2802
13NOOdd Bør­re Søren­senStress0215
14IEPat McGe­eganChan­ce of a Life­time1804
15ESMas­sielLa la la2901
16DEWencke Myh­reEin Hoch der Lie­be1106
17YUDubro­vač­ki Tru­badu­riJedan Dan0808

DE 1968: Das ist das ers­te Mal für mich

Wencke Myhre, DE 1968
Die Auf­ge­trie­del­te

Auch 1968 blieb es hin­sicht­lich der Ermitt­lung des deut­schen Grand-Prix-Bei­tra­ges beim strikt inter­nen Aus­wahl­ver­fah­ren. Aller­dings bequem­te sich der zustän­di­ge Hes­si­sche Rund­funk nach den Plei­ten der letz­ten Jah­re mit ange­staub­ten Durch­hal­te­schla­gern end­lich zum längst über­fäl­li­gen Moder­ni­täts­sprung. Als Kom­po­nis­ten des aktu­el­len Bei­trags ver­pflich­te­te man den Easy-Lis­tening-Geni­us Horst Jan­kow­ski, Schöp­fer des fabel­haf­ten, schwung­voll-pop­pi­gen Instru­men­tal­ti­tels ‘Schwarz­wald­fahrt’ (ein US-Hit im Jah­re 1965!). Er schrieb das nicht min­der schwung­vol­le und pop­pi­ge ‘Ein Hoch der Lie­be’; ver­pass­te dem Stück einen Text, in dem es, wie fast immer im Schla­ger, unter­schwel­lig ums Pop­pen ging; ver­zier­te den Refrain mit poly­glot­ten Ein­spreng­seln in eng­lisch, fran­zö­sisch und spa­nisch und bestand – Gip­fel der Inter­na­tio­na­li­tät – gegen alle ari­schen Wider­stän­de inner­halb der ARD dar­auf, dass die sehr popu­lä­re Nor­we­ge­rin Wencke Myh­re (‘Beiß nicht gleich in jeden Apfel’) den mal wie­der in Hans-Joa­chim Kulen­kampffs Sams­tags­abend­show EWG dem Publi­kum vor­ge­stell­ten Titel sin­gen soll­te.

Dreh Dich im Krei­sel der Zeit: Wencke Myh­re

Eine sehr wei­se Ent­schei­dung, denn nicht nur gab es beim Grand Prix end­lich mal wie­der mehr als → null Punk­te, auch die Plat­ten­käu­fer gou­tier­ten den fröh­li­chen Song: Rang 18 in den deut­schen und #17 in den öster­rei­chi­schen Charts. Nach den letz­ten vier Voll­flops mit eher grüb­le­ri­scher Ware eine sehr will­kom­me­ne Abwechs­lung! Wencke, die es 1983 noch­mals beim deut­schen Vor­ent­scheid ver­su­chen soll­te und den­sel­ben 1986 gar mode­rier­te, eröff­ne­te mit ihrer Teil­nah­me in Lon­don die deutsch-skan­di­na­vi­schen Jah­re beim Grand Prix: ihre bei­den Kol­le­gin­nen Siw Malmkvist (Schwe­den, → SE 1960, Vor­ent­scheid SE 1961, Vor­ent­scheid DE 1962), die noch im glei­chen Jahr mit dem nicht min­der fröh­li­chen ‘Har­le­kin’ den Deut­schen Schla­ger-Wett­be­werb gewann, und Git­te Hæn­ning (Däne­mark, → Vor­ent­scheid DK 1962), mit denen sie zwi­schen 2004 und 2007 prak­tisch pau­sen­los vor aus­ver­kauf­ten Häu­sern und fre­ne­tisch fei­ern­den Fans im Drei­er­pack auf­trat, folg­ten 1969 und 1973 und bescher­ten uns eben­falls respek­ta­ble Ergeb­nis­se beim euro­päi­schen Wett­sin­gen. “Die Skan­di­na­vie­rin­nen waren irgend­wie immer frei­er, nicht so ver­zopft”, nann­te ein­mal Chris­ti­an Bruhn (der Schöp­fer ihres größ­ten Hits ‘Lie­bes­kum­mer lohnt sich nicht’) den Grund für den Erfolg der nor­di­schen Sän­ge­rin­nen bei und für uns.

Siw im dro­gen­bun­ten Baby­stramp­ler beim Deut­schen Schla­ger-Wett­be­werb 1968

Was übri­gens nicht wei­ter ver­wun­dert. Denn nicht nur, dass die skan­di­na­vi­schen Län­der seit jeher gesell­schaft­lich deut­lich libe­ra­ler auf­ge­stellt sind, sie inves­tie­ren auch staat­li­cher­seits deut­lich mehr in die Nach­wuchs­för­de­rung als Deutsch­land. Wird der Musik­un­ter­richt an unse­ren Schu­len eher als Blüm­chen­fach wahr­ge­nom­men und den Kin­dern mit der obli­ga­to­ri­schen Block­flö­te der Spaß an der ver­meint­lich brot­lo­sen Kunst sys­te­ma­tisch aus­ge­trie­ben, so genießt er bei­spiels­wei­se in Schwe­den einen ganz ande­ren Stel­len­wert (und eine deut­lich höhe­re finan­zi­el­le För­de­rung). Am Wich­tigs­ten aber: der Blick über den Tel­ler­rand, der in ver­hält­nis­mä­ßig bevöl­ke­rungs­schwä­che­ren Län­dern bei­na­he auto­ma­tisch not­wen­dig ist. Und der dafür sorgt, dass inter­na­tio­na­le musi­ka­li­sche Trends dort sehr viel schnel­ler wahr­ge­nom­men und adap­tiert wer­den, wäh­rend die Deut­schen ten­den­zi­ell eher im eige­nen Saft schwit­zen. Gera­de in den Sech­zi­gern (und noch bis hin­ein in die Sieb­zi­ger) konn­te man das auch in den Charts sehen, wo es eng­lisch­spra­chi­ge Titel noch deut­lich schwe­rer hat­ten, in Deutsch­land Käu­fer zu fin­den, und oft­mals die deut­schen Cover­ver­sio­nen erfolg­rei­cher waren als die Ori­gi­na­le. Könn­ten Sie bei­spiels­wei­se aus dem Stand den Text von ‘Let your Love flow’ von den Bel­l­a­my Bro­thers rezi­tie­ren? Aber die Ein­deut­schung die­ses Titels, ‘Ein Bett im Korn­feld’ von Jür­gen Drews (→ DE 1976, Vor­ent­scheid 1990), die ken­nen Sie – ob Sie wol­len oder nicht – von vor­ne bis hin­ten aus­wen­dig, nicht wahr?

Noch drei Minu­ten bis zu den Nach­rich­ten: Zeit für eine Schwarz­wald­fahrt mit Horst Jan­kow­ski

Auch die Grö­ße des Mark­tes spielt eine wich­ti­ge – und in Sachen Grand Prix für uns eher nach­tei­li­ge – Rol­le. Wäh­rend die drei erwähn­ten Skan­di­na­vie­rin­nen den Löwen­an­teil ihres Ein­kom­mens als Schla­ger­sän­ge­rin­nen eben in Deutsch­land erziel­ten, und auch Bands wie Abba (→ SE 1974), a‑ha (Nor­we­gen) oder Aqua (Däne­mark) stets über den Hei­mat­markt hin­aus den­ken und auf die inter­na­tio­na­le Ver­markt­bar­keit ihrer Songs ach­ten muss­ten, reich­ten die Plat­ten­um­sät­ze im dritt­größ­ten Musik­markt der Welt für deut­sche Inter­pre­ten locker aus, um gut davon leben zu kön­nen. Auch wenn das in Zei­ten von Spo­ti­fy mitt­ler­wei­le deut­lich schwie­ri­ger gewor­den ist: eine Hele­ne Fischer braucht die Märk­te jen­seits der deut­schen Gren­zen nicht und muss sich daher auch nicht nach den musi­ka­li­schen Befind­lich­kei­ten ande­rer Natio­nen rich­ten. Im Gegen­teil: sie bedient sich ja ger­ne kul­tu­rel­ler Ein­flüs­se von über­all her auf, dampf­strahlt sie dann und presst sie mit dem unver­zicht­ba­ren Dis­co­fox­beat ins enge deut­sche Schla­ger­kor­sett. Hei­mi­sche Acts aber, die inter­na­tio­na­le Trends set­zen (wie das immer­hin in den Acht­zi­gern und Neun­zi­gern noch im Bereich Tech­no und Euro­dance der Fall war), sucht man in der Regel ver­ge­bens. Horst Jan­kow­ski, um abschlie­ßend end­lich wie­der zum Vor­ent­scheid 1968 zurück­zu­kom­men, gehör­te zu den sel­te­nen Aus­nah­men.

1968 ein Hit: die Ein­deut­schung des bra­si­lia­ni­schen Titels ‘A ban­da’, gesun­gen von Fran­ce Gall (→ LU 1965). Und ohne den char­man­ten fran­zö­si­schen Akzent wäre der kar­ne­val­es­ke deut­sche Text wirk­lich uner­träg­lich.

Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1968
Einer wird gewin­nen. Sams­tag, 16. März 1968, aus dem Sen­de­stu­dio des Hes­si­schen Rund­funks in Frank­furt am Main. Eine Teil­neh­me­rin, Mode­ra­ti­on: Hans-Joa­chim Kulen­kampff (Song­prä­sen­ta­ti­on im Rah­men der TV-Show).

ESC 1967: Sicher vor der sen­gen­den Son­ne

Logo Eurovision Song Contest 1967
Das Jahr der Viel­spra­chig­keit

Schon seit vie­len Jah­ren war den Hol­län­dern kein Sieg beim Grand Prix mehr gelun­gen. Und das, obwohl sie doch in den Anfangs­jah­ren des Wett­be­werbs regel­mä­ßig im Wech­sel mit Frank­reich den ers­ten Platz beleg­ten! Auch die dies­jäh­ri­ge Ver­tre­te­rin Thé­rè­se Stein­metz, die in Wien als ers­te Kom­bat­tan­tin auf die mit moder­nen Dreh­spie­geln aus­staf­fier­te Büh­ne im ansons­ten extrem baro­cken Fest­saal der kai­ser­li­chen Hof­burg – bis heu­te unge­schla­gen die nobels­te Loca­ti­on, in wel­cher der Euro­vi­si­ons­zir­kus jemals gas­tier­te! – muss­te, lan­de­te weit abge­schla­gen auf dem vier­zehn­ten Rang. Skur­ril – denn vom laut­ma­le­ri­schen ‘Ring Din­ge Ding’ ist es, zumin­dest pho­ne­tisch, nicht sehr weit zu ‘Ding A Dong’, mit dem die Nie­der­län­der erst 1975 wie­der die Kro­ne errin­gen konn­ten (mal abge­se­hen natür­lich von 1969, wo sich Len­ny Kuhr den Sieg jedoch mit drei Mit­be­wer­be­rin­nen tei­len muss­te). Eine kom­men­de Grand-Prix-Gewin­ne­rin ging indes heu­er erst­mals für Luxem­burg an den Start.

Ein bis­sel grus­lig: man war­tet drei Minu­ten drauf, ob Thé­rè­ses Hals­schlag­ader gleich platzt? (NL)

Die in Deutsch­land leben­de Grie­chin Vicky Lean­dros (→ LU 1972, Vor­ent­scheid DE 2006) hat­te jedoch trotz eines gran­dio­sen, klas­sisch fran­ko­phi­len Gefühls­stur­mes in die­sem Jahr kei­ne Chan­ce. Denn das vom fran­zö­si­schen Kom­po­nis­ten André Popp (→ ‘Tom Pil­li­bi’, FR 1960) ver­fass­te ‘L’A­mour est bleu’ muss­te von Start­po­si­ti­on 2 aus ins Ren­nen: bekann­ter­ma­ßen der Todes­stoß für jeden Bei­trag. Erschwe­rend kam hin­zu, dass sie hier sang wie eine Hupe und auf der Büh­ne stand wie ein Schluck Was­ser in der Kur­ve. Der Legen­de zufol­ge schwor sich Vicky nach der Ver­an­stal­tung, eine tri­um­pha­le Rück­kehr hin­zu­le­gen: fünf Jah­re spä­ter mach­te sie es wahr. Die Gast­ge­ber schick­ten den Lie­der­ma­cher Peter Hor­ten (→ Vor­ent­scheid DE 1972, 1975), der sich spä­ter auf Druck der gleich­na­mi­gen, mitt­ler­wei­le längst im Metro-Kon­zern auf­ge­gan­ge­nen Kauf­haus­ket­te in Hor­ton umbe­nen­nen muss­te. Hof­fen wir für Mil­lio­nen Deut­sche, dass der Mol­ke­rei­pa­te Theo Mül­ler nie auf dum­me Gedan­ken kommt! ‘War­um es hun­dert­tau­send Ster­ne gibt’, woll­te aber außer­halb Öster­reichs nie­mand wis­sen: Platz 14.

Eine Kör­per­hal­tung wie ein Fra­ge­zei­chen: Vicky Lean­dros (LU)

Für Finn­land sang der etwas fül­li­ge Fre­di (→ FI 1976) lei­den­schaft­lich krä­hend sein ein­dring­li­ches ‘Var­joon-suo­ja­an’, eine ers­te War­nung vor den Fol­gen des Ozon­lochs (“Schutz vor dem glei­ßen­den Him­mel”). Sein Titel kam jedoch zu früh für die ver­schnarcht-kon­ser­va­ti­ven → Jurys, die erwar­tungs­ge­mäß kei­ner­lei Gespür für öko­lo­gi­sche The­men bewie­sen. Ganz → ohne Punk­te schick­ten sie dies­mal immer­hin nur eine Künst­le­rin heim: die schwei­ze­ri­sche Reprä­sen­tan­tin Géral­di­ne Gau­lier. Das aller­dings auch zu Recht, denn sie ver­ge­wal­tig­te die Töne eher, als sie zu sin­gen. Ins­be­son­de­re die gro­ße hohe Schluss­no­te ging einem so sehr durch Mark und Bein wie das Geräusch krat­zen­der Fin­ger­nä­gel auf einer Schie­fer­ta­fel. ‘Anousch­ka’, der deut­sche Bei­trag, hät­te in der von Alex­an­dra inter­pre­tier­ten Fas­sung durch­aus Chan­cen beses­sen, womit Inge Brücks Fähig­kei­ten nicht abge­wer­tet wer­den sol­len. Aber der wun­der­bar melan­cho­li­sche Trös­tungs­schla­ger war, sehr hör­bar, auf die schmerz­haft schö­ne, tief­trau­ri­ge Stim­me Alex­an­dras (eine der Stamm­ab­neh­me­rin­nen des Kom­po­nis­ten Hans Blum) hin geschrie­ben und gewinnt erst in der sub­ti­len Bre­chung der Durch­hal­te­bot­schaft (”Musst nicht wei­nen, klei­ne Anousch­ka / Er kommt wie­der, klei­ne Anousch­ka”) durch das ein­zig­ar­tig bit­ter­sü­ße Tim­bre der Aus­nah­mesän­ge­rin den nöti­gen inhalt­li­chen Tief­gang. Inge Brück gab ihr Bes­tes, ver­füg­te aber nicht nur über eine Fri­sur wie Ange­la Mer­kel, son­dern auch über deren Büh­nen­aus­strah­lung. Und sank in Wien folg­lich wie ein Stein.

Maso­chis­ten hal­ten bit­te bis zum bit­te­ren Ende durch: es lohnt sich! (CH)

Denn Groß­bri­tan­ni­en, bekannt­lich das Mut­ter­land des Pop, schick­te eine jun­ge, gut aus­se­hen­de Frau mit ech­tem Pop­star-Appeal und einem ech­ten Pop­song. San­die Shaw, die den brit­schen Vor­ent­scheid A Song for Euro­pe zuvor allei­ne bestrei­ten durf­te, brach­te – nach der Vor­ar­beit von Fran­ce Gall 1965 – mit nur fünf Jah­ren Ver­spä­tung nun end­gül­tig den Beat zum Con­test. Auch wenn ‘Pup­pet on a String’ eine gewis­se musi­ka­li­sche Ver­wandt­schaft zum Humpt­ata-Schla­ger des Musi­kan­ten­stadls auf­weist: sei­ner­zeit ging man mit den Gen­re­gren­zen noch nicht so streng um wie heu­te. Zudem erscheint es als nahe­lie­gend, dass gera­de die Kom­bi­na­ti­on der für dama­li­ge Ver­hält­nis­se unkon­ven­tio­nell auf­tre­ten­den und damit frisch wir­ken­den Shaw und des eher gewöhn­li­chen, ver­söhn­lich wir­ken­den Lieds (das für die nächs­ten zehn Jah­re so etwas wie die Blau­pau­se aller bri­ti­schen Euro­vi­si­ons­bei­trä­ge lie­fern soll­te) zum Sieg führ­ten. Mit Madame Gall ver­band Miss Shaw indes nicht nur die Mario­net­ten-The­ma­tik des Song­tex­tes, den die Sän­ge­rin selbst als “sexis­ti­schen Schwach­sinn” brand­mark­te, son­dern auch der damit ver­bun­de­ne Erfolg und des­sen spä­te­re ent­schie­de­ne Ableh­nung.

Wahr­lich nicht schlech­ter: ‘Tell the Boys’, Platz 2 beim Song for Euro­pe 1967

Shaw wäre wohl deut­lich lie­ber mit dem zweit­plat­zier­ten Bei­trag des bri­ti­schen Vor­ent­scheids nach Wien gefah­ren. Ver­ständ­li­cher­wei­se, wie man sagen muss: ‘Tell the Boys’ klang deut­lich weni­ger nach Bier­zelt und ein biss­chen mehr nach Motown, war dabei sehr ein­gän­gig und mit­rei­ßend, und erzähl­te inhalt­lich, wenn­gleich es vor­der­grün­dig ums The­ma Treue ging, eine deut­lich eman­zi­pier­te­re Geschich­te (die sich jetzt in fes­ten Hän­den befin­den­de San­die ver­ab­schie­det sich von ihren zahl­rei­chen frü­he­ren Lieb­ha­bern, mit denen sie bis­lang “sehr viel Spaß” hat­te) als der Titel, den ihr das Publi­kum letzt­lich her­aus­such­te. Das aber natür­lich, wie stets, die rich­ti­ge Wahl traf: ihr in der Hof­burg bar­fuß vor­ge­tra­ge­nes ‘Pup­pet on a String’ gewann nicht nur mit rie­si­gem Vor­sprung den Song Con­test, es warf auch einen euro­pa­wei­ten Num­mer-Eins-Hit ab und avan­cier­te zum unver­ges­se­nen Ever­green. Sogar die eilig ein­ge­deutsch­te, von der bedau­erns­wer­ten Inter­pre­tin eigens pho­ne­tisch ein­ge­sun­ge­ne Fas­sung ‘Wie­de­hopf im Mai’ fand trotz absur­des­ter Über­set­zungs­ly­rik noch ihre Abneh­mer (#36). San­dies Sieg mar­kier­te damit den unum­kehr­ba­ren Über­gang in eine neue Euro­vi­si­ons­ära: weg vom getra­ge­nen fran­ko­phi­len Chan­son, hin zum beat­be­ton­ten, hit­pa­ra­den­taug­li­chen Pop­song. Eine gut­zu­hei­ßen­de Ent­wick­lung.

Da stand anfangs wohl irgend­je­mand auf der Lei­tung! (UK)

Einen wei­te­ren Moder­ni­täts­schub lie­fer­te Mona­co, das die Fran­zö­sin Min­ou­che Barel­li und ihr von Ser­ge Gain­s­bourg (→ ‘Pou­pée de Cire, Pou­pée de Son’, LU 1965) kom­po­nier­tes Anti­kriegs­lied ‘Boum Bad­abo­um’ ein­ge­kauft hat­te. Nicht nur ein musi­ka­li­scher Don­ner­schlag: die Aus­sa­ge, ange­sichts des durch die Atom­bom­be bald bevor­ste­hen­den Welt­un­ter­gangs noch schnell das Leben in vol­len Zügen genie­ßen zu wol­len (natür­lich, es ist ja von Gain­s­bourg, auch sexu­ell), kann für Grand-Prix-Ver­hält­nis­se als gera­de­zu revo­lu­tio­när poli­tisch gel­ten. Heut­zu­ta­ge fie­le so eine Num­mer sicher­lich der EBU-Zen­sur zum Opfer. Barel­li ver­starb 2004 im Alter von nur 57 Jah­ren in Mona­co, zwei Jah­re, nach­dem sie die Staats­an­ge­hö­rig­keit des Stadt­staa­tes ange­nom­men hat­te. Mit gar nur 43 Jah­ren riss ein Auto­un­fall 1980 den bel­gi­schen Ver­tre­ter Luis Neefs (→ BE 1969) aus dem Leben. Sein deut­lich tra­di­tio­nel­le­rer Schla­ger ‘Ik heb Zor­gen’ hät­te auch von Peter Alex­an­der stam­men kön­nen, unter­hielt aber immer­hin durch eine per­fi­de Klatsch­fal­le: einem ange­täusch­ten, abrup­ten Lied­en­de, das aber in Wahr­heit nur aus einer zir­ka ein­se­kün­di­gen Kunst­pau­se bestand, nach wel­cher der Inter­pret so über­ra­schen­der- wie über­flüs­si­ger­wei­se den Refrain noch ein­mal wie­der­hol­te. Sol­che klei­nen Schock­mo­men­te lieb­te Neefs sehr, was ihn zum gru­se­ligs­ten Mann des Grand Prix mach­te.

Ein wenig fröh­li­cher als Nico­le: das Anti­kriegs­lied von Min­ou­che (MC)

Spa­ni­en schick­te erneut den Vor­jah­res­sän­ger Rapha­el (→ ES 1966), mit einem wei­te­ren dra­ma­ti­schen Bei­trag namens ‘Hab­la­mos del Amor’, der aber nicht ganz an die Ein­dring­lich­keit von ‘Yo soy aquél’ anknüp­fen konn­te. Fast allen die­sen Län­dern soll­te der ers­te Tri­umph noch bevor­ste­hen. Öster­reich hin­ge­gen muss­te ein knap­pes hal­bes Jahr­hun­dert auf einen wei­te­ren Sieg war­ten, und nach die­ser Ver­an­stal­tung ist das auch kein Wun­der. Die ORF-Mode­ra­to­rin Eri­ca Vaal ver­hed­der­te sich bei der Punk­te­ver­ga­be völ­lig und rief San­die Shaw (die zu die­sem Zeit­punkt aller­dings bereits unein­hol­bar führ­te) bereits vor der letz­ten Wer­tung zur Sie­ge­rin aus, was der düpier­te iri­sche Jury­spre­cher mit einem mokan­ten “I thought we were going to be left out” kom­men­tier­te, wäh­rend die Gast­ge­be­rin vor lau­ter Zer­knirscht­heit an ihrem “Oh, I am so sor­ry” fast erstick­te. So weit, so amü­sant. Doch galt das weni­ger für den zähen Show-Auf­takt, bei dem Frau Vaal ihre gefühlt drei­stün­di­ge (und real zehn­mi­nü­ti­ge) Begrü­ßungs­re­de auf deutsch, fran­zö­sisch, eng­lisch, ita­lie­nisch, spa­nisch und – für die Zuschauer/innen der Inter­vi­si­on – rus­sisch hielt. Anschlie­ßend ent­schul­dig­te sie sich, nicht auch noch die Spra­chen der rest­li­chen Teil­neh­mer­län­der gelernt zu haben, ver­sprach aber, das nach­zu­ho­len, soll­te der Con­test “in naher Zukunft” noch­mals in Wien statt­fin­den. Die Euro­pä­er begrif­fen das wohl als ernst­zu­neh­men­de Dro­hung: erst der Tod von Frau Vaal im Okto­ber 2013 ebne­te tra­gi­scher­wei­se den Weg für Con­chi­ta Wurst (→ AT 2014)!

Spieg­lein, Spieg­lein an der Wand, wer singt am schöns­ten im gan­zen Land? Der ESC 1967

Euro­vi­si­on Song Con­test 1967

Grand Prix de la Chan­son. Sams­tag, 8. April 1967, aus dem Gro­ßen Fest­saal der Hof­burg in Wien, Öster­reich. 17 Teil­neh­mer­län­der, Mode­ra­ti­on: Eri­ca Vaal.
#LandInter­pretTitelPunk­tePlatz
01NLThé­rè­se Stein­metzRing Din­ge Ding0214
02LUVicky Lean­drosL’A­mour est bleu1704
03ATPeter Hor­tonWar­um es 100.000 Ster­ne gibt0214
04FRNoël­le Cor­dierIl doit fai­re beau là-bas2003
05PTEdu­ar­do Nasci­men­toO Ven­to mudou0312
06CHGéral­di­ne Gau­lierQuel Coeur vas-tu bri­ser?0017
07SEÖsten War­ner­bringSom en Dröm0708
08FIFre­diVar­joon-Suo­jann0312
09DEInge BrückAnousch­ka0710
10BELou­is NeefsIk heb Zor­gen0807
11UKSan­die ShawPup­pet on a String4701
12ESRapha­el Mar­tos Sán­chezHable­m­os del Amor0906
13NOKirsti Spar­boeDuk­ke­man0214
14MCMin­ou­che Barel­liBoum Bad­abo­um1005
15YULado Lesko­varVse Rože Sve­ta0709
16ITClau­dio Vil­laNon anda­re più lon­ta­no0411
17IESean Dun­phyIf I could choo­se2202

DE 1967: Musst nicht wei­nen

Inge Brück, DE 1967
Die Christ­li­che

Auch in mei­nem Geburts­jahr woll­te sich kein kom­mer­zi­ell erfolg­rei­cher deut­scher Schla­ger­star mit einer Grand-Prix-Teil­nah­me die Kar­rie­re zugrun­de rich­ten, und so trug Hans-Otto Grü­ne­feldt, der dama­li­ge Unter­hal­tungs­chef des Hes­si­schen Rund­funks und Euro­vi­si­ons­ver­ant­wort­li­che der ARD, der Sän­ge­rin Inge Brück auf, den deut­schen Bei­trag zu Gehör zu brin­gen. Deren ein­zi­ger Hit, der kes­se Schla­ger ‘Peter, komm heut Abend zum Hafen’, lag zwar bereits zehn Jah­re zurück. Doch sie konn­te 1966 mit dem dezent dra­ma­ti­schen ‘Frag den Wind’ das renom­mier­te Inter­na­tio­na­le Song­fes­ti­val in Rio de Janei­ro gewin­nen. Viel­leicht, so die Hoff­nung im Frank­fur­ter Funk­haus am Dorn­busch, gelän­ge ihr das­sel­be ja auch in Wien, wo der euro­päi­sche Wett­be­werb 1967 statt­fand.

Die Fri­sur: zu wis­sen, es ist Beton!

Wei­ter­le­senDE 1967: Musst nicht wei­nen

PT 1967: Trom­meln dröh­nen hei­ser

Ein Jahr, nach­dem die dama­li­ge Kolo­ni­al­macht Nie­der­lan­de mit der von einem Surin­a­mer (Süd­ame­ri­ka) abstam­men­den Mil­ly Scott die ers­te schwar­ze Sän­ge­rin zum Euro­vi­si­on Song Con­test dele­gier­te, domi­nier­ten Künst­ler aus der por­tu­gie­si­schen Kolo­nie Ango­la (Süd­afri­ka), die erst 1975 die Unab­hän­gig­keit erlang­te, das Fes­ti­val da Can­ção. Der por­tu­gie­si­schen Wiki­pe­dia zufol­ge soll dies gerüch­te­hal­ber einem Wunsch des dik­ta­to­risch agie­ren­den Macht­ha­bers Sala­zar ent­spro­chen haben, der damit bele­gen woll­te, kein Ras­sist zu sein. Der Sen­der RTP, der das Stu­dio dies­mal mit einem schlich­ten, seit­lich beleuch­te­ten und in einer klei­nen, stopp­schild­för­mi­gen Büh­ne mün­den­den Lauf­steg schmück­te, schal­te­te bei die­sem FdC erst­ma­lig zwei Semis mit jeweils sechs Bei­trä­gen vor, von denen jeweils die Hälf­te ins Fina­le kam. Dem ango­la­ni­schen Duo Ouro Negro (“Schwar­zes Gold”), bestehend aus den Jugend­freun­den Raul Indipwo und Milo MacMa­hon, die an bei­den Vor­run­den teil­nah­men, gelang es dabei, gleich bei­de Titel ins Fina­le durch­zu­brin­gen. Dort beleg­te der deut­lich schmis­si­ge­re ihrer bei­den Wett­be­werbs­songs, das mit einer syn­chro­nen klei­nen Hand­cho­reo­gra­fie dar­ge­bo­te­ne, erfri­schend kur­ze ‘Quan­do aman­he­cer’ den vier­ten Rang, wäh­rend die ent­setz­lich alt­mo­di­sche und unglaub­lich lang­wei­li­ge Bal­la­de ‘Liv­ro sem Fim’ (‘End­lo­ses Buch’) sogar die Sil­ber­me­dail­le zu errin­gen ver­moch­te. Bei­de Bei­trä­ge hat­ten musi­ka­lisch nicht das Gerings­te mit ihrem hei­mat­li­chen Reper­toire zu tun, das auf dem von der Quer­flö­te gepräg­ten, jaz­zi­gen Kwe­la-Sound basier­te. Wobei das Duo Ouro Negro eben auch por­tu­gie­si­schen Pop im Pro­gramm hat­te und damit durch ganz Euro­pa tour­te. Mit dem Tod von Milo MacMa­hon Ende der Acht­zi­ger lös­te das Duo sich auf.

Hier erken­ne ich doch schon ers­te Vor­läu­fer einer klas­si­schen Grand-Prix-Cho­reo­gra­fie: das Schwar­ze Gold aus Ango­la beim FdC.

Wei­ter­le­senPT 1967: Trom­meln dröh­nen hei­ser