Israel: Politik beschneidet Rundfunkfreiheit – Eurovisionsteilnahme in Gefahr?

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu greift nach einem Bericht der Frankfurter Rundschau (FR) massiv in die Gestaltung der öffentlich-rechtlichen TV-Anstalt seines Landes ein – mit möglichen Konsequenzen hinsichtlich der Mitgliedschaft des Senders bei der European Broadcasting Union und damit auch auf die Teilnahme des Nahostlandes am Eurovision Song Contest. Wie die Tageszeitung rapportiert, wird die allgemein als aufgebläht und ineffektiv angesehene bisherige Sendeanstalt Israel Broadcasting Authority (IBA) derzeit gerade abgewickelt – am 30. April 2017 soll die neue, deutlich schlankere Station Kan den Betrieb aufnehmen, die auch die Ausstrahlung des ESC übernimmt. Der hat Netanjahu nun allerdings vorläufig untersagt, Nachrichten zu senden – wie die FR mutmaßt, weil ihm „einige Journalisten des geplanten staatlichen Senders nicht genehm“ seien. Stattdessen sollen die TV-News künftig von einer noch zu gründenden externen Organisation zugeliefert werden, unter Rückgriff auf die ehemaligen Strukturen und abgewickelten Mitarbeiter der IBA, womit sich der Premier allem Anschein nach ihm freundschaftlich gewogene Berichterstatter ins Boot holen will. Bis dieses Konstrukt die Arbeit aufnehmen kann, sollen beim neuen Sender eben nur Kultur und Unterhaltung über die Antenne gehen. Wie Eurovoix berichtet, ist die EBU über diesen „erstaunlichen“ politischen Eingriff nicht amüsiert: nach den aktuellen Statuten dürfen eigentlich nur Sender Mitglied der Union sein, die ein umfassendes Vollprogramm ausstrahlen, zu welchem Nachrichten als journalistisches Herzstück natürlich zwingend dazugehören. Verliert Kan die EBU-Zugehörigkeit, darf es aber auch nicht mehr den Eurovision Song Contest ausstrahlen – und dementsprechend auch nicht mehr teilnehmen. Darf Imri Ziv also nicht in Kiew singen?

Nach ihrem Eurovisionsbeitrag von 1991 benannte sich der neue Sender: das Duo Datz (IL)

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Eurovision Deathmatch #14: Queeres vom Balkan

Homosexualität ist auf dem Balkan leider nach wie vor ein großes Tabuthema. Nichtsdestotrotz – oder gerade deswegen – schicken aber gerade diese Länder immer wieder gerne campe Meisterwerke zum Eurovision Song Contest, bei denen sich jede Frage nach der sexuellen Orientierung des Interpreten von selbst beantwortet. Erinnert sei nur an solche fabelhaften Beiträge wie ‚In the Disco‘ (→ BA 2004), ‚Mr. Nobody‘ (→ SI 2006) oder ‚Ovo je Balkan‘ (→ RS 2010), aber auch den Siegertitel von 2007, ‚Molitva‘, der mit einer wunderbar subtil sapphischen Show aufwartete. Dessen Interpretin, Marija Šerifović, die sich laut Wikipedia erst 2013 offiziell als lesbisch outete, legte sich noch im Jahre 2008 einen Sandprinzen zu: in Form des diesjährigen montenegrinischen Eurovisionsvertreters Slavko Kalezić nämlich, der sich damals in serbischen Gazetten als ihr angeblicher Lover ausgab. Selbiger erscheint im Videoclip zu seinem homosensationellen Grand-Prix-Beitrag ‚Space‘ als durchtrainiertes metrosexuelles Fabelwesen und deliriert mit vor Zweideutigkeit nur so berstenden Textzeilen von betrunkener Liebe, feuchten Träumen und explodierenden Raketen, beschreibt also eine normale Nacht im Darkroom von Belgrads einziger Schwulenbar, dem Chez Milan. Immerhin praktiziert Slavko vorbildlicherweise safen Sex, denn „I have my suit on, no need to worry“, wie er uns mehrfach beruhigend versichert. Und wir können uns alle denken, welche Art von „Anzug“ er damit meint! Ganz zum Schluss schleicht sich jedoch noch ein ganz leiser, nachdenklicher Unterton ein in seinen top-campen Discoschlager, der mit der Zeile „In Space we can be as one“ endet. Nur im Weltraum, außerhalb dieses Planeten, können wir (lies: die LGBTI-Community) also vereint sein – ein subtiler Seitenhieb auf die leider gelegentlich mehr gegen- als miteinander kämpfende Emanzipationsbewegung, mehr aber noch gegen die Unmöglichkeit, uns im Angesicht der ignoranten bis feindlichen Mehrheitsgesellschaft überall auf dieser Welt frei entfalten zu können.

Ein kraftvoller Zentaur, der für die Freiheit kämpft – und das auf sehr unterhaltsame Weise: Slavko (ME)

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Eurovision Deathmatch #13: Je t’adore

Die Dreizehn – ihr haftet bei abergläubischen Menschen ein Nimbus als Unglückszahl an. Und als ein bisschen unglücklich erweist sich auch die heutige Paarung in unserem Eurovision Deathmatch, die man auch als Reste-Rampe bezeichnen könnte, wenn es nicht so ungerecht gegenüber den betroffenen Künstlerinnen wäre. Doch ein roter Faden, der beide Acts verbindet, will sich nicht so ohne Weiteres finden lassen: ihre Songs sind völlig verschiedener Machart, sie treten in unterschiedlicher Zahl an, ihre Vorauswahl erfolgte auf jeweils andere Weise und noch nicht mal ihre beide Nationen grenzen aneinander oder befinden sich im Krieg miteinander. Für Beide hätte es passendere Paarungen gegeben – die aber waren bereits belegt. Und so müssen Svala Björkvinsdóttir für Island und Ogene für die Niederlande eben heute gegeneinander antreten. Der hohe Norden beginnt, wo die blonde Sängerin, ihres Zeichens Tochter des isländischen Vertreters von 1995, Bo Halldórsson, in unglaublich hässlichen Hufschuhen und mit dem elektrolastigen, düster anmutenden Midtemposong ‚Paper‘ das Söngvakeppnín gewann. Fans verglichen sie und ihren Beitrag bereits mit der letztjährigen Norwegerin Agnete und dem ‚Icebreaker‘. Und hier findet sich vielleicht doch noch eine Gemeinsamkeit: wie schon Agnete wird Svala bei etlichen Fans für eine Top-Platzierung im Grand-Prix-Finale gehandelt – und wie Nämliche bleibt sie nach meiner Einschätzung mit ihrem eher zähen Lied in der Qualifikationsrunde hängen.

In den Schminktopf gefallen: Svala (IS)

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Eurovision Deathmatch #12: Jodel Cha Cha

Wenn der Eurovisionsjahrgang 2017 von einem nicht zu wenig hat, dann sind es Jodlerinnen. Nein, damit meine ich nicht den rumänischen Beitrag, sondern Balladessen mit starken Stimmen, welche die Noten in die Länge ziehen bis kurz vor die Unendlichkeit und beim Singen gerne mal die Tonleiter hoch und runter joggen, um ihre Range zu präsentieren und den Juroren, denen wir diese Flut einzig und alleine zu verdanken haben, die Punkte aus der Tasche zu holen. Vergangenen Mittwoch präsentierte ich bereits die erste Eurovision-Deathmatch-Paarung dieser Hochleistungsdamen, und das heutige Schreiende-Frauen-Duell zwischen Dänemark und der Schweiz wird nicht das letzte seiner Art sein in unserem Leser/innen-Spiel. Anja Nissen tritt also an für unser skandinavisches Nachbarland, und sie zieht bei ‚Where I am‘ alle Register. Wenn es das Label „generisch“ nicht schon gäbe, für den dänischen Beitrag müsste man es (mal wieder) erfinden. Text, Melodie, Musik: alles Nebensache, alles völlig ohne Belang, alles nur ein Vehikel, damit die im roten Kleid mitten im Sturm der Windmaschine stehende Anja sich die Lungen wund schreien kann. Und das tut sie dann auch, wie eine ihr ganzes Leben lang auf diesen Moment hin gedrillte Eiskunstläuferin: technisch perfekt. Und mit der persönlichen Ausstrahlung eines Mantarochen.

The Lady in Red: Anja Nissen (DK)

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Juliagate: Eurovision Party in Moskau abgesagt

Das Juliagate hat seinen ersten Kollateralschaden gefordert: wie Eurovoix heute vermeldete, sagten die Veranstalter der für den 24. April 2017 in der russischen Hauptstadt geplanten Eurovision Party den Event vorläufig ab, nachdem etliche der eingeplanten Künstler/innen ihre Auftrittszusage angesichts des aktuellen Hauens und Stechens zurückgezogen hätten. Der Kartenvorverkauf sei daher bis auf Weiteres eingestellt. Neben Julia Samoylova, die am Sonntag noch in Moskau ihre Postkarte für Kiew drehte, als sei nichts geschehen, waren unter anderem Timebelle aus der Schweiz, der Israeli Imri Ziv und der Top-Favorit auf einen Eurovisionssieg, der Italiener Francesco Gabbani, zu der Sause angekündigt. Sollte Russland wider Erwarten doch noch in Kiew teilnehmen können, wolle man die Party aber steigen lassen, so hieß es seitens der Veranstalter.

Francesco (IT) am vergangenen Wochenende live bei einer Eurovision Party in London

Eurovision Deathmatch #11: Hello Darkness, my old Friend

Eine Triggerwarnung vorweg: wer selbst gerade unter Depressionen leidet, sollte diese Runde des Eurovision Deathmatch vielleicht überspringen, denn heute geben wir uns ganz und gar der bittersüßen Melancholie hin. Und wer brächte bei diesem Thema mehr Kompetenz mit als die von Hause aus schwermütigen Finnen? Die schicken das beim dortigen Vorentscheid UMK siegreiche Duo Norma John ins Rennen, und tatsächlich klingt dessen Sängerin Leena Tirronen wie Adele auf Downern. Sie gibt eine herzzerreißende Trennungsschmerzballade zum Besten, in welcher sie eine Amsel anfleht, sich zu verkrümeln und ihr Nest anderswo aufzuschlagen, da nämliches Tier mit seinem Gesang unter ihrem Fenster einst die unvergesslichen Nächte mit ihrem Ex begleitete und unsere bedauernswerte Adele, Verzeihung, Leena, nun mit seinem Gezwitscher an glücklichere Zeiten erinnert. Was diese nun gerade überhaupt nicht brauchen kann. So schlimm steht es um die vom Liebeskummer Geschlagene, dass sie im dazugehörigen, nachtschwarzen Videoclip gar ins Wasser geht. Dass selbiger Clip mit einem Kameraschwenk auf einen mit der finnischen Landesflagge angemalten Sarg endet, bringt zum Abschluss einen herrlich morbiden, fast schon wieder ironischen Ton ins Spiel. Jedenfalls ertrinkt man als Zuhörer ebenso in der mollschwarzen Schwere der tiefdüsteren Klavierballade wie die gramgebeugte Protagonistin im See. Ein Song für schwarze Tage.

Auch live sieht Leena übrigens aus wie eine Wasserleiche (FI)

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Juliagate: die Ukraine keift zurück

Ja, ich weiß, die Geschichte nervt langsam nur noch, aber leider wird uns die Auseinandersetzung zwischen Russland und der Ukraine um die Teilnahme der Sängerin Julia Samoylova noch eine Weile beschäftigen. Heute Vormittag veröffentlichte der ukrainische Sender UA:PBC eine Stellungnahme zum Brief der Generaldirektorin der EBU, Ingrid Deltenre, von vorletzter Woche, in dem diese sich mit der sehr harsch formulierten Aufforderung an den Staatspräsidenten wendet, dafür Sorge zu tragen, dass die russische Repräsentantin in Kiew auftreten könne und den künftigen Ausschluss des diesjährigen Gastgeberlandes vom Eurovision Song Contest androht, falls es zu keinem für die EBU zufriedenstellenden Ergebnis komme. Wenig überraschend zeigt sich die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt wenig amüsiert über den Genfer Tonfall und weist die Forderung Deltenres, der Präsident möge das vom ukrainischen Geheimdienst verfügte Einreiseverbot temporär aufheben, als „Einmischung in die inneren Angelegenheiten“ zurück, die vom Mandat der EBU nicht gedeckt sei: „Wir ersuchen die EBU und Frau Deltenre, die Souveränität der Ukraine zu achten“.

Der Anlass des Streits: Julias brennende Flamme (RU)

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Eurovision Deathmatch #10: Last Night a DJ took my Life

Mit ‚Mister Music Man‘ setzte die Schweiz schon 1992 beim Grand Prix ein musikalisches Denkmal für den Beruf des Plattenauflegers, der uns im Euroclub mit tanzbarem Stoff versorgt. Und auch auf der Eurovisionsbühne findet sich solch ein Exemplar immer mal wieder: hier waren erneut die Eidgenossen beispielgebend, als sie 2007 ihren weltweit erfolgreichsten Musikexport entsandten – und DJ Bobo im Blutbad-Semifinale von Helsinki sang- und klanglos rausflog. Anders als drei Jahre später das moldawische SunStroke Projekt, das mit dem Eurodance-Titel ‚Run away‘ und dem zum Internet-Meme avancierten Epic Sax Guy den Finaleinzug spielend schaffte. Der ist auch heuer wieder dabei, wenn das House-Kollektiv erneut für sein Heimatland in den Ring steigt. In ‚Hey Mamma‘ versucht Frontmann Serghei Ialovițchii die Erziehungsberechtigte seiner neuesten Flamme von seinen guten Absichten zu überzeugen – und kommt dabei ziemlich creepy herüber, da der Vers „Like the sun in the sea / She will disappear tonight with me / I know we’re not anymore / Do what other cats did before“ eher danach klingt, als wolle das Fräulein Tochter im Meer ersaufen. Und das anfängliche „You won’t ever hide what you think of me“ klingt dank seiner verwaschenen Aussprache eher nach „You won’t ever happen to finger me“. Ich sage mal so: hätte ich Kinder, ich würde sie ihm nicht anvertrauen!

Und da ist er wieder, der Epic Sax Guy! (MD)

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Eurovision Deathmatch #9: The dire Wire is on Fire

Nichts klassifiziert einen Song so sehr als „typisch Grand Prix“ wie der immer wieder gerne genommene Fire-Desire-Reim. Besonders Länder wie Malta und Rumänien machten sich in der Vergangenheit schon des Öfteren dieses Verbrechens schuldig. Doch die stehen beim heutigen Eurovision Deathmatch gar nicht in der Arena, denn zwischenzeitlich legten andere Nationen diesbezüglich noch einen drauf. So wie beispielsweise Bulgarien, das unseren ersten Kombattanten schickt, den intern ausgewählten Kristian Kostov, nicht nur der jüngste Teilnehmer des aktuellen Jahrgangs, sondern auch der erste in diesem Jahrtausend Geborene – Gott, ich bin so alt *grein*! Kristian führt einen sprechend betitelten Beitrag namens ‚Beautiful Mess‘ mit sich: eine mit glockenheller, weinerlicher Knabenstimme intonierte Elektro-Ballade, die musikalisch völlig ziellos vor sich hin mäandert und mit einem abstrusen, gleichermaßen ziellos mäanderndem Text aufwartet, in welchem er seine Liebe als „unberührbar“ klassifiziert (AustriAlien lässt grüßen) und welcher davon Kenntnis gibt, dass man unter Wasser nicht atmen könne (ach was!). Und der zudem folgendes Zeilenpaar präsentiert: „Even in the line of fire / When everything is on the wire“. Ein bisschen düster, aber immerhin mal eine neue Reime-Idee!

Ich weiß nicht, ob ich zu diesem Song unbedingt ein Lyric-Video machen würde: Kristian (BG)

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Eurovision Deathmatch #8: der flotte Dreier

Als wir das eurovisionäre Todesduell letzte Woche starteten, befanden sich inklusive des russischen Beitrags offiziell noch 43 Titel im Rennen (wonach es aktuell immer weniger aussieht). Da sich ungerade Zahlen bekanntlich nicht durch zwei teilen lassen, müssen wir diesmal ausnahmsweise ein Oxymoron einschieben, nämlich ein Dreierduell. Gleich drei Damen aus benachbarten Staaten des Balkan steigen also heute in den Ring, um sich die fetten Beats ihrer Dance-Songs um die Ohren zu hauen. Wir beginnen ganz im Süden: unsere erste Kombattantin ist die 25jährige Griechin Dimitra Papadea alias Demy, vom wiederauferstandenen hellenischen Staatssender ERT intern ausgewählt und in einem Song-Vorentscheid mit dem flachen, voll auf die Zwölf gehenden Dance-Stampfer ‚This is Love‘ versorgt. Der klingt wie ein flauer Aufguss von Cascadas ‚Glorious‘ (→ DE 2013), was bekanntlich auch nur ein flauer Abklatsch von Loreens ‚Euphoria‘ (→ SE 2012) war. Von den schlimmen lyrischen Sünden des Songtextes hat man immerhin die fußnägelaufrollendste („This is Love / Rain falls from above“: von wo bitte sonst?) zwischenzeitlich überarbeitet, doch noch immer reimt Demy „There’s an echo in my head“ auf „There’s a crossroad up ahead“. Nun ja, auch mit fett aus den Kopfhörern bollernden Bässen im dröhend leeren Schädel läuft es sich zielgerichtet über die stark befahrenen Straßenkreuzungen Athens, und beim Nahkampf um Leben und Tod gegen ihre beiden Konkurrentinnen kann zuviel Nachdenken ja auch von Nachteil sein.

Feuert aus allen Rohren: Demy (GR)

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