Irland 2020: Whe­re the Grass is real­ly gree­ner

Und als hät­te man sich mit den am glei­chen Tage ver­öf­fent­li­chen­den Öster­rei­chern abge­spro­chen, setzt auch der iri­sche Sen­der RTÉ, der seit Mona­ten groß­spu­rig und unab­läs­sig einen “Almigh­ty Bop” ankün­dig­te, für sei­nen heu­te end­lich vor­ge­stell­ten Euro­vi­si­ons­bei­trag ‘Sto­ry of my Life’ auf gefäl­li­gen Retro-Pop. Wie eine stark ver­wäs­ser­te Vari­an­te von Katy Per­rys Hit ‘Cali­for­nia Gurls’ aus dem Jah­re 2010 klingt die gitar­ren­ge­trie­be­ne, fröh­li­che Uptem­po­num­mer, die von Anfang an voll auf die Zwölf geht und auch inhalt­lich eine lyrisch zwar gemä­ßig­te, den­noch erfri­schen­de Fick-Dich-ich-mach-was-ich-will-Atti­tü­de an den Tag legt. Mit der Text­zei­le “I’m not a Pup­pet on a String” gleich im ers­ten Vers flicht die kom­po­si­to­risch am Lied mit­be­tei­lig­te Inter­pre­tin Les­ley Roy, eine 34jährige Irin, die sich nach einem geflopp­ten Debüt­al­bum im Jah­re 2008 zunächst aufs Song­schrei­ben für Ande­re ver­leg­te, dann sogleich eine cle­ve­re Grand-Prix-Reve­renz ein, die auch die Älte­ren für sie ein­neh­men soll. Und so wirkt die Num­mer trotz eines erfreu­lich und kon­stant hohen Ener­gie­le­vels ein biss­chen alt­mo­disch. Bleibt auch hier die Hoff­nung, dass die Show es raus­rei­ßen kann: fürs Sta­ging zeich­net eine queer-avant­gar­dis­ti­sche Thea­ter­grup­pe aus Dub­lin ver­ant­wort­lich. Und schon das Musik­vi­deo lässt die vage Hoff­nung auf­kei­men, dass es im iri­schen Camp in Rot­ter­dam tat­säch­lich camp zuge­hen könn­te.

LGBT­Qs als schmü­cken­des Bei­werk und Ablen­kung von einer mäßig cha­ris­ma­ti­schen Sän­ge­rin: Les­ley Roy.

Öster­reich 2020: Strai­ght Mas­ter­pie­ces

Ein stark ver­wäs­ser­ter Neu­auf­guß von Mark Ron­sons Top­hit ‘Uptown Funk’ aus dem Jah­re 2014, so könn­te man den heu­te mor­gen tra­di­tio­nell zu nacht­schla­fen­der Stun­de gegen 7:40 Uhr zunächst im Ö3-Radio­we­cker vor­ge­stell­ten und spä­ter von einem offi­zi­el­len Video­clip beglei­te­ten öster­rei­chi­schen Bei­trag für Rot­ter­dam knapp zusam­men­fas­sen. Sicher­lich nicht die ori­gi­nells­te Umschrei­bung, aber der ori­gi­nells­te Song ist ‘Ali­ve’ ja nun auch nicht gera­de. Ein biss­chen schlep­pend fängt er an, nach knapp einer Minu­te schal­tet er in einen höhe­ren Gang und groovt gemäch­lich vor sich hin. Gera­de genug zum ent­spann­ten Mit­wip­pen im Fau­teuil, ohne dass es einen zum Auf­ste­hen und Tan­zen ani­mier­te. Am Ende haut ‘Ali­ve’ wie­der die Hand­brem­se rein und ver­san­det flach, wie es der­zeit eine weit ver­brei­te­te Unart ist bei Grand-Prix-Bei­trä­gen. Stimm­lich for­dert der wun­der­bar neben­bei hör­ba­re und für eine sta­bi­le Kauf- oder Pro­duk­ti­vi­täts­lau­ne sor­gen­de Radio-Song mit sei­nen vie­len “Oh oh oh“s den bereits im Dezem­ber ver­gan­ge­nen Jah­res als Inter­pret bekannt­ge­ge­be­nen Vin­cent Bue­no nicht beson­ders her­aus, das soll­te also auch live klap­pen. Ob er die Mas­sen dazu bewegt, für ihn anzu­ru­fen, wird wohl stark von der Büh­nen­show abhän­gen. Und die muss spek­ta­ku­lär aus­fal­len (ich gebets­müh­le da ger­ne: Tän­zer! Tän­zer! Tän­zer!), wenn das Kin­der-Bue­no im Gedächt­nis blei­ben will. Aber immer­hin: es ist kei­ne wei­te­re Bal­la­de. Dan­ke dafür, Öster­reich!

Nervt nicht, schlä­fert nicht ein, depri­miert nicht: Vin­cent Bue­nos Song ist rund­her­um nett.

Nie­der­lan­de 2020: I belie­ve I can fly

Da haben die Gast­ge­ber des Euro­vi­si­on Song Con­test 2020 mit ihrem bereits im Janu­ar prä­sen­tier­ten Inter­pre­ten Jean­gu Macrooy lei­der wirk­lich Pech gehabt mit ihrem Timing. Aus­ge­rech­net am sel­ben Tag wie die die hel­ve­ti­sche Bal­la­de ‘Répon­dez-moi’ stel­len sie ihre Bal­la­de ‘Grow’ vor. Und das in einem bereits weit über jedes akzep­ta­ble Maß hin­aus mit lang­sa­men Lie­dern über­sät­tig­ten Jahr­gang. Ich gebe es ganz offen zu: ich bin gera­de weder in der Lage noch bereit, den nie­der­län­di­schen Bei­trag objek­tiv zu wür­di­gen. Sicher, Macrooy trägt hier einen her­vor­ra­gen­den, tief reflek­tie­ren­den Text vor über das Erwach­sen­wer­den, die damit ver­bun­de­nen Gefüh­le von Ent­täu­schung, Angst und Ohn­macht und die Hoff­nung als ein­zi­ge Chan­ce, zu über­le­ben. Der sach­te Ein­stieg, die ste­ti­gen musi­ka­li­schen Stei­ge­run­gen und der sich immer wei­ter auf­schwin­gen­de, an die gol­de­nen Zei­ten von R. Kel­ly erin­nern­de Gos­pel­chor machen die Num­mer nach hin­ten her­aus rich­tig groß. Und ja, der aus Suri­na­me stam­men­de Sän­ger ver­fügt über eine unver­wech­sel­ba­re Stim­me, deren hei­se­re Inti­mi­tät per­fekt zum Song passt. Doch hier und heu­te spielt das alles für mich kei­ne Rol­le. Ich kann ein­fach kei­ne trau­ri­gen Lie­der mehr ertra­gen. Ich will nicht im Trä­nen­meer ertrin­ken wie die bedau­erns­wer­ten Niederländer:innen vor­aus­sicht­lich in gar nicht so fer­ner Zeit im Ange­sicht der durch die Kli­ma­er­wär­mung stei­gen­den Mee­res­spie­gel. Ich. Will. Kei­ne. Bal­la­den. Mehr. Kei­ne. Ein­zi­ge! Tut mir leid, Jean­gu. Du kannst nichts dafür.

Nimm’s nicht per­sön­lich, sei nicht belei­digt, Jean­gu. Küm­me­re dich nicht um mei­ne Stim­mungs­schwan­kun­gen.

Schweiz 2020: The Rain! The Rain! Cry­ing!

Und noch eine Bal­la­de! Nach­dem das Schwei­zer Fern­se­hen 2019 mit einem her­vor­ra­gend insze­nier­ten Uptem­po-Ban­ger erst­mals seit einem guten Jahr­zehnt das tie­fe Tal der Trä­nen ver­ließ, ent­schied man sich beim SRG heu­er für ein ent­ge­gen­ge­setz­tes Kon­zept. Erneut bestimm­te man den Inter­pre­ten intern: der heißt Gjon Muhar­re­maj, stammt gebür­tig aus dem fran­zö­sisch­spra­chi­gen Kan­ton Fri­bourg und nahm natür­lich schon an The Voice teil, in Frank­reich. Sein Künst­ler­na­me lau­tet Gjon’s Tears und macht bereits deut­lich klar, wohin die Rei­se geht. Fol­ge­rich­tig besteht ‘Répon­dez-moi’ (‘Ant­wor­tet mir’), sein Bei­trag für Rot­ter­dam, aus drei Minu­ten hoch­ele­gan­tem Sad­boi-Gejam­mer, das sich zu einem recht zurück­ge­nom­me­nen, moll­las­ti­gen Musik­bett stimm­lich in gera­de­zu alpi­ne Höhen schraubt. Es passt zur trü­ben Stim­mung des Lie­des, dass es im heu­te prä­sen­tier­ten Musik­vi­deo prak­tisch unun­ter­bro­chen auf den Sän­ger herr­un­ter­reg­net und ‑schneit. Denn der jun­ge Hel­ve­te mit den koso­vo-alba­ni­schen Wur­zeln schreit sich in sei­nem Text Exis­ten­zi­el­les von der See­le: mit “Ici Étran­ger / Là-bas Étran­ger” (“Hier ein Frem­der, dort ein Frem­der”) besingt er das Lebens­ge­fühl vie­ler Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, die weder in ihrem Geburts­land noch in der Hei­mat ihrer Eltern so rich­tig dazu­ge­hö­ren. War­um eigent­lich? Dar­auf ver­langt Gjon von uns allen eine Ant­wort, und zwar zu Recht.

Trotz schlim­mer Scham­haar­fri­sur und Bal­la­den­flut: der berüh­ren­de Text und die fan­tas­ti­sche Stim­me von Gjon Muhar­re­maj machen den Schwei­zer Bei­trag zu etwas Beson­de­rem.

Geor­gi­en 2020: Nimm mich, so wie ich bin

Noch nach­zu­rei­chen gilt es den ges­tern ver­öf­fent­lich­ten geor­gi­schen Bei­trag zum Euro­vi­si­on Song Con­test 2020. Das Kau­ka­sus­land hat­te bereits am Sil­ves­ter­abend 2019 im Rah­men einer Cas­ting­show den ker­ni­gen Tor­ni­ke Kipi­a­ni zu sei­nem Ver­tre­ter bestimmt. Des­sen bis­he­ri­ges Reper­toire erweck­te zunächst die Hoff­nung auf etwas sehr Lau­tes, sehr Düs­te­res. Doch, lei­der: sei­ne nun vor­ge­stell­te Rock­num­mer ‘Take me as I am’ fiel ver­gleichs­wei­se zahm und melo­disch aus, der Geor­gi­er hält sich mit dem für ihn sonst cha­rak­te­ris­ti­schen Anschrei­en ziem­lich zurück und über­lässt gar zwei engels­glei­chen Frau­en­stim­men Tei­le des Refrains. Was nicht hei­ßen soll, dass der Song nicht noch immer posi­tiv her­aus­stä­che aus der bei­gen, auf Sicher­heit kom­po­nier­ten Mid­tem­po-Kacke, mit der die meis­ten Kon­kur­ren­ten das Feld über­schwem­men. Des­sen­un­ge­ach­tet ent­zün­de­te sich in den sozia­len Medi­en eine Debat­te über den rela­tiv über­sicht­li­chen Text sei­nes Bei­trags, in dem Tor­ni­ke sich beklagt, von sei­ner Ange­be­te­ten nicht zurück­ge­liebt zu wer­den, weil die­se ande­re Qua­li­tä­ten von ihm erwar­te als die von ihm mit­ge­brach­ten. So kön­ne er weder reden wie ein Eng­län­der noch rie­chen wie ein Fran­zo­se, sich nicht klei­den wie ein Ita­lie­ner oder gar tan­zen wie ein Spa­ni­er. In Bezug auf die Deut­schen sind dem Geor­gi­er die Kli­schees aller­dings ein biss­chen durch­ein­an­der gera­ten: “why do you want me to play like a Ger­man,” fragt er. Seit wann gehört das zu unse­ren her­vor­ra­gends­ten Eigen­schaf­ten?

Tor­ni­ke: ein Angry Cau­ca­si­an Male, den nur mal jemand fest in den Arm neh­men müss­te. Also, ich hül­fe da ger­ne!

Wei­ter­le­senGeor­gi­en 2020: Nimm mich, so wie ich bin

HaS­h­ir HaBa 2020: Let the Sun shi­ne in

Ein ech­tes Novum bescher­te uns ges­tern Abend das israe­li­sche Fern­se­hen bei der Aus­wahl des Songs für sei­ne schon län­ger fest­ste­hen­de Euro­vi­si­ons­re­prä­sen­tan­tin Eden Ale­ne, der Sie­ge­rin der wie jedes Jahr gefühlt über meh­re­re hun­dert Run­den lau­fen­den Cas­ting­show HaKok­hav HaBa 2020. Vier Lie­der stan­den für die 19jährige mit den äthio­pi­schen Wur­zeln bei der etwas über ein­stün­di­gen Aus­wahl­show HaS­h­ir HaBa zur Aus­wahl: eine Bal­la­de und drei for­mi­da­ble Pop-Ban­ger. Die Chan­ce, es zu ver­sau­en, lag also rein rech­ne­risch bei nur 25%, und zu mei­nem gro­ßen Erstau­nen zogen die Israe­lis die­se Opti­on nicht (auf­ge­merkt, Mol­da­wi­en und Rumä­ni­en!). Die mit 60% Ent­schei­dungs­ge­walt aus­ge­stat­te­ten, auf meh­re­re Grup­pen auf­ge­teil­ten Jurys stimm­ten mehr­heit­lich für den Titel ‘Roots’, der sozu­sa­gen als akus­ti­sches Gim­mick mit einer zwei­ten Sän­ge­rin arbei­te­te, die mit stark ver­zerr­ter Stim­me aggres­siv ins Mikro bell­te, was aber tat­säch­lich ziem­lich gut kam. Das sehr ein­deu­tig aus­ge­fal­le­ne Publi­kums­vo­ting gab jedoch den Aus­schlag für ‘Feker Libi’, einen vier­spra­chi­gen Uptem­po­song in Eng­lisch, Hebrä­isch und Ara­bisch mit einem amha­ri­schen Titel (eine Euro­vi­si­ons­pre­mie­re) aus der Feder der Kom­po­nis­ten Doron Meda­lie (‘Gol­den Boy’, ‘Toy’) und Idan Rai­chel, Star­gast beim ESC 2019 in Tel Aviv.

Haba haba’, nur in ver­dammt gut!

Wei­ter­le­senHaS­h­ir HaBa 2020: Let the Sun shi­ne in

Beo­vi­zi­ja 2020: Im Auge des Orkans

Sie kom­men wie ein Wir­bel­wind über Euro­pa, die drei ser­bi­schen Pop-Köni­gin­nen Iva­na Niko­lić, Kse­ni­ja Kneže­vić (die im Chor ihres Papas beim ESC 2015 in Wien mit auf der Büh­ne stand) und San­ja Vučić (‘Shel­ter’), wel­che gemein­sam die (übri­gens wirk­lich nach zwei tro­pi­schen Orka­nen benann­te) Girl­group Hur­ri­ca­ne bil­den. Als haus­ho­he Favo­ri­tin­nen gin­gen sie im Fina­le der Beo­vi­zi­ja 2020 am ver­gan­ge­nen Sonn­tag ins Ren­nen, und haus­hoch räum­ten sie im Tele­vo­ting ab. Selbst die Jury, die sich ansons­ten bei so gut wie kei­nem der elf Kon­kur­renz­ti­tel mit dem Publi­kum auch nur im Ent­fern­tes­ten einig zeig­te, ergab sich kampf­los und schob den drei Glit­ze­rel­sen die Höchst­wer­tung rüber, wohl um einen Volks­auf­stand zu ver­hin­dern. Und das mit Recht: ‘Has­ta la Vis­ta’ (ser­bi­scher Text, spa­ni­sche Hook­li­ne) über­zeugt als erfri­schend bil­li­ger, extrem hart boun­cen­der, unwi­der­steh­li­cher Hands-in-the-Air-Euro­club­kra­cher, der ein­fach ohne Ende Spaß macht. Er lebt neben der elek­tro­brass­las­ti­gen Instru­men­tie­rung vor allem von der selbst­be­wuss­ten In-your-Face-Atti­tü­de der drei sen­sa­tio­nel­len Euro­vi­si­ons­di­ven, die in ihren fut­ti­gen Glit­ze­rout­fits, nut­ti­gen High Heels und mit im Wind­ma­schi­nen­sturm wehen­den Haa­ren wun­der­bar tra­shig aus­sa­hen, dazu jedoch der­ma­ßen domi­nan­te Bli­cke in die Kame­ra schick­ten, dass sofort klar wur­de: die­se drei star­ken Frau­en sind ange­tre­ten, um in Rot­ter­dam zu regie­ren!

Ich dreh mich in der Müh­le / der stür­mi­schen Gefüh­le: so ein Hur­ri­ca­ne.

Wei­ter­le­senBeo­vi­zi­ja 2020: Im Auge des Orkans

Sel­ecția Națio­nală 2020: Alco­hol is free

Die unin­ter­es­san­tes­te Vor­ent­schei­dung der gesam­ten Sai­son 2020 ging am letz­ten Super-Sams­tag in Buzău in der Wala­chei über die Büh­ne. In das Hun­dert­tau­send-Ein­woh­ner-Städt­chen hat­te der unter extre­men Geld­nö­ten ste­hen­de rumä­ni­sche Sen­der TVR die Sel­ecția Națio­nală ver­legt, weil der dor­ti­ge Bür­ger­meis­ter die Kos­ten der kom­plet­ten Sen­dung aus der Gemein­de­kas­se über­nahm. Aus peku­niä­ren Grün­den erfolg­te auch die Zusam­men­ar­beit mit dem größ­ten ein­hei­mi­schen Plat­ten­la­bel Glo­bal Records, das mit der vor­ab zur Allein­in­ter­pre­tin bestimm­ten 20jährigen Lari­sa Roxa­na Giur­giu ali­as Roxen immer­hin einen der aktu­el­len Top-Stars des Lan­des bei­steu­er­te. Für näm­li­che Roxen galt es nun, unter fünf bereits vor Tagen ver­öf­fent­lich­ten Lie­dern aus­zu­wäh­len; samt und son­ders musi­ka­lisch völ­lig nichts­sa­gen­den, mit elek­tro­ni­schen Sounds voll­ge­stopf­ten Mid­tem­po-Num­mern, von denen nicht eine irgend­wie im Gehör­gang hän­gen blie­be. Am Ende sieg­te bei Jury und im Tele­vo­ting glei­cher­ma­ßen der von der Inter­pre­tin selbst erkenn­bar bevor­zug­te und auch in den meis­ten Fan-Foren vor­ab favo­ri­sier­te Song: die auf einem Wort­spiel mit “I’ll call you” basie­ren­de Mid­tem­po­bal­la­de ‘Alco­hol you’, in wel­cher die Prot­ago­nis­tin von nächt­li­chen Ver­zweif­lungs­an­ru­fen bei ihrem Ex im besof­fe­nen Zustand erzählt.

Ver­gaß im Alko­hol­stu­por sogar ihre Unter­wä­sche: Roxen. Und ehe Sie fra­gen: nein, den Song kann man sich nicht schön­trin­ken. Es wird nur noch schlim­mer. Für Sie getes­tet, damit Sie es nicht tun müs­sen.

Wei­ter­le­senSel­ecția Națio­nală 2020: Alco­hol is free

Söng­vakepp­nin 2020: Who’s my Dad­dy?

Wie bereits im Vor­jahr, als sich beim islän­di­schen Euro­vi­si­ons­vor­ent­scheid Söng­vakepp­nin alles um einen ein­zi­gen Namen dreh­te, näm­lich um Hata­ri, stand auch 2020 alles im Schat­ten der Fra­ge: schafft es Daði Freyr Péturs­son dies­mal oder muss er sich, wie schon 2017 mit dem groß­ar­ti­gen ‘Is it Love?’, erneut geschla­gen geben? Die gute (und bereits seit Sams­tag­nacht bekann­te) Nach­richt: er schaff­te es! Gemein­sam mit sei­ner fünf­köp­fi­gen Begleit­band Gagna­ma­gnið (in etwa: Daten­vo­lu­men) konn­te er die fan­tas­tisch coo­le Retro-Syn­thie-Num­mer ‘Think about Things’ zum Sieg füh­ren, um die schon vor gut zwei Wochen ein Inter­net-Hype los­brach, nach­dem Daði den dazu­ge­hö­ri­gen, extrem selbst­iro­ni­schen Video­clip ver­öf­fent­lich­te und Pro­mi­nen­te wie Rus­sell Cro­we oder Jan Böh­mer­mann sel­bi­gen via Twit­ter ver­brei­te­ten. Es blie­ben die ban­gen Fra­gen: funk­tio­niert der Song auch live? Und wird das stets für eine Über­ra­schung gute islän­di­sche Publi­kum nicht doch lie­ber die blin­de Íva Marín Adri­chem mit ihrem eben­falls selbst­iro­nisch beti­tel­ten New-Age-Gejau­le ‘Ocu­lis vide­re’ (‘Augen kön­nen sehen’) nach Rot­ter­dam ent­sen­den, wo die klas­sisch aus­ge­bil­de­te Sän­ge­rin ohne­hin stu­diert?

Zu Recht gelobt: ich kann mir den Clip hun­dert­mal anschau­en und wer­fe mich immer wie­der weg.

Wei­ter­le­senSöng­vakepp­nin 2020: Who’s my Dad­dy?

Dora 2020: She’s like the Wind to my Tree

Für eine sehr klas­si­sche, herz­zer­rei­ßen­de Bal­kan-Schmer­zens­bal­la­de ent­schie­den sich die Kroat:innen am ver­gan­ge­nen Sams­tag­abend im Rah­men des klas­si­schen Euro­vi­si­ons­vor­ent­schei­dungs­for­mats Dora und bestä­tig­ten damit ein­mal mehr ihren Ruf als kon­ser­va­ti­ve Grand-Prix-Nati­on. Denn musi­ka­lisch könn­te das schmalz­trie­fen­de, gei­gen­ge­sät­tig­te ‘Divlji Vjet­re’ (‘Rau­er Wind’) mit­samt sei­ner etwas über­ra­schend an der Stel­le, an der man das Lied eigent­lich zu Ende wähnt, dran­ge­schraub­ten Rückung auch im Jah­re 1990 ange­sie­delt sein. Oder 1960. Lyrisch war es viel­leicht nicht die geschick­tes­te Wahl für den im Früh­lings­mo­nat Mai in Rot­ter­dam statt­fin­den­den Haupt­wett­be­werb, denn der in schwar­zer Trau­er­klei­dung auf­tre­ten­de Damir Kedžo, einst­mals Kir­chen­chor­kna­be und spä­ter Boy­band-Mit­glied, greift dar­in zur Umschrei­bung sei­nes Tren­nungs­schmer­zes zu düs­te­ren Meta­phern von die Bäu­me ent­lau­ben­den Herbst­stür­men und win­ter­li­chem Eis­re­gen. Doch auch, wenn die meis­ten Europäer:innen man­gels Kroa­tisch­kennt­nis­sen Damirs Wor­te nicht ver­ste­hen, las­sen uns die apart anzu­schau­en­den, stets bedroh­lich vor dem Plat­zen ste­hen­de Adern auf sei­nen aus­ra­sier­ten Schlä­fen instink­tiv die Dra­ma­tik der Situa­ti­on erfas­sen. Und natür­lich möch­te man den attrak­ti­ven Inter­pre­ten umge­hend trös­tend in die Arme neh­men.

Letz­te Anstren­gung: Damir und sein Damen­chor las­sen die Gefüh­le auf­wal­len. Trau­ri­ge und… nicht so trau­ri­ge.

Wei­ter­le­senDora 2020: She’s like the Wind to my Tree