Rank & File 2019: Platz 20 – Run with the Lions

Herz­lich Will­kom­men zum Berg­fest beim aufrechtgehn.de-Ran­king der Euro­vi­si­ons­bei­trä­ge 2019! Die furcht­ba­re­re Hälf­te haben wir hin­ter uns gelas­sen, heu­te betre­ten wir den Abschnitt mit den okay­en bis ziem­lich guten Songs. Und zwar mit einem der weni­gen Lie­der die­ses Jahr­gangs, des­sen Titel aus mehr aus als nur einem Wort besteht, wel­ches im Refrain dann stumpf acht­hun­dert Mal wie­der­holt wird.

Platz 20: Litau­en – Jurij Veklen­ko: Run with the Lions (Lauf mit den Löwen)

Albert Hei­jn ver­kauft wirk­lich lecke­re Sand­wi­ches! © EiC

Dass der Kehr­reim der litaui­schen Wett­be­werbs­ein­rei­chung einen voll­stän­di­gen Satz beinhal­tet, gehört in der Tat zu ihren größ­ten Stär­ken. Hin­zu tre­ten eine recht har­mo­ni­sche Melo­die­füh­rung und ein – das Auge hört ja bekannt­lich immer mit – durch­aus ansehn­li­cher Inter­pret, des­sen gemein­sa­mes Foto-Posing mit dem Schwei­zer Kol­le­gen am Flug­ha­fen Schip­hol im Rah­men von Euro­vi­si­on in Con­cert den men­tal etwas Ver­dor­be­ne­ren unter uns *hüs­tel* man­nig­fa­chen Stoff für, sagen wir mal, unter­halt­sa­me Fan­ta­si­en lie­fer­te. Stimm­lich jedoch bil­det Juri­jus, wie er sich wohl zur Becir­cung der Juror/innen ger­ne nennt, lei­der zugleich die größ­te Bür­de des Bei­trags. Denn lei­der neigt der Sän­ger zum Fal­sett, und das kann, wenn man es denn camp genug ein­setzt, durch­aus sei­nen Reiz haben, wie beim ESC bei­spiels­wei­se schon Alan Sor­ren­ti, Cezar oder ‘Vero­na’ unter Beweis stell­ten. Jury-Juice aber meint das uniro­nisch und irri­tiert hier­durch eher.

Piep, piep, bit­te hab mich lieb: Jury-Juice schaut (hier beim litaui­schen Vor­ent­schei­de) einen Ticken zu devot in die Kame­ra.

wei­ter­le­senRank & File 2019: Platz 20 – Run with the Lions

Rank & File 2019: Platz 21 – The Dream

Falls der kroa­ti­sche Sen­der HRT glaub­te, mit der gnä­di­gen Direkt­no­mi­nie­rung des frü­he­ren Dora-Dau­er­gas­tes Jac­ques Hou­dek für den ESC 2017 sei man die mensch­li­che Kano­nen­ku­gel nun für immer los, so sah man sich getäuscht. Zum in die­sem Jahr nach län­ge­rer Pau­se wie­der auf­ge­leg­ten Vor­ent­scheid kehr­te er als Kom­po­nist zurück – und gewann ful­mi­nant.

Platz 21: Kroa­ti­en – Roko Blaže­vić: The Dream (Der Traum)

Für sei­ne aktu­el­le Song-Mons­tro­si­tät bedien­te sich der beleib­te Song­schrei­ber eines stimm­star­ken, zar­ten Jüng­lings, dem er zu allem Über­fluss auch noch ein paar manns­ho­he Engels­flü­gel umschnall­te, so als wol­le er alle Welt mit Gewalt auf die mehr als sub­til homo­ero­tisch-pädo­phi­le Ader sei­ner künst­le­ri­schen Zusam­men­ar­beit mit dem gera­de erst Voll­jäh­ri­gen hin­wei­sen. Und prompt schaut der zwei­spra­chig auf eng­lisch und kroa­tisch vor sich hin sül­zen­de Sän­ger zwi­schen­drin auch noch der­ma­ßen ver­schmitzt grin­send in die Kame­ra, dass es sämt­li­chen katho­li­schen Wür­den­trä­gern spä­tes­tens an die­ser Stel­le die Sou­ta­ne sprengt. Selbst als mit allen Was­sern gewa­sche­ner, lang­jäh­ri­ger Grand-Prix-Fan steht man mit vor Stau­nen weit offe­nem Mund vor die­ser Dar­bie­tung, die in ihrer kit­schi­gen Scham­lo­sig­keit ihres Glei­chen sucht, und weiß nicht, ob man lachen, wei­nen oder sich Augen und Ohren zuhal­ten soll. Doch so sehr es einen graust, man muss Hou­dek auch wider­wil­lig Respekt zol­len. Nie­mand suhlt sich so scham­los im Kitsch wie er, und nie­mand meint das so uniro­nisch.

Bis zur Minu­te 1:50 will man das Jugend­amt anru­fen, danach erst recht: Roko beim Dora-Auf­tritt.

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Rank & File 2019: Platz 22 – Kru­na

Ser­bi­ens Vor­ent­scheid, die Beo­vi­zi­ja, reih­te sich in die­sem Jahr ein in den immer stär­ker wer­den­den Strom an Län­dern, die zwecks Zuschau­er­bin­dung und Gene­rie­rung von Ein­nah­men zwar pro for­ma noch das Publi­kum abstim­men las­sen, per Jury­ent­scheid jedoch aktiv sicher­stel­len, das bloß nicht die Favo­ri­ten des unmün­di­gen Vol­kes gewin­nen. Und so vote­te man ein rap­pen­des Kampf­les­ben-Duo vor­sätz­lich her­un­ter und mani­pu­lier­te statt­des­sen die trotz ihrer Jugend sehr ver­sier­te Neve­na, die das Land schon beim JESC sowie 2013 beim rich­ti­gen Grand Prix ver­tre­ten hat, an die Spit­ze.

Platz 22: Ser­bi­en – Neve­na Božo­vić: Kru­na (Kro­ne)

Die erschre­ckend dür­re Blon­de ver­fügt mit ‘Kru­na’ denn auch über eine ganz ordent­li­che Bal­kan­bal­la­de und macht auf dem Papier alles rich­tig: die Inter­pre­tin schreit sich die See­le aus dem zar­ten Laib, trifft dabei die Töne tadel­los, singt in der Lan­des­spra­che, ham­pelt nicht albern her­um, schaut ange­mes­sen leid­voll drein und zeigt dabei soviel Bein, wie es gera­de noch eben als ange­mes­sen und geschmack­voll, aber sexy durch­geht. Und anders als ihr ges­tern vor­ge­stell­ter rus­si­scher Kol­le­ge Ser­gey tritt sie für ein Land an, aus dem man ein lang­sa­mes Lied gera­de­zu erwar­tet, ja, das gewis­ser­ma­ßen das Patent dar­auf hält. Doch nicht nur die zwei völ­lig über­flüs­si­gen, anbie­dern­den Text­zei­len auf Eng­lisch las­sen einen stol­pern und zei­gen, das hier irgend­was nicht stimmt. Irgend­wie will hier nichts rich­tig zusam­men­pas­sen: die Brü­cke, der Instru­men­tal­part in der Mit­te, wirkt, als sei sie ledig­lich zu dem Zweck da, um Zeit zu schin­den, und bleibt ein Fremd­kör­per, der nicht orga­nisch mit dem rest­li­chen Song zusam­men­wach­sen will. Das wich­ti­ge Fina­le scheint blut­leer und abrupt, der Refrain bleibt nicht hän­gen. Und die “rocki­ge” E-Gitar­re soll den Song wohl in der Jetzt­zeit ver­or­ten, wird hier­für aber in viel zu homöo­pa­thi­scher Dosis ein­ge­setzt. Hat man gera­de aus Ser­bi­en alles schon sehr oft sehr viel bes­ser gehört. ‘Kru­na’ ent­täuscht die Erwar­tun­gen, jeden­falls mei­ne.

Gebt der armen Frau doch mal was zu essen! Dann wirkt sie viel­leicht auch nicht mehr so apa­thisch. Nee-Vena beim Beo­vi­zi­ja-Auf­tritt.

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Rank & File 2019: Platz 23 – Scream

Eigent­lich hat der rus­si­sche Super­star Ser­gey Laza­rev ja bereits den ESC gewon­nen. 2016, bei sei­ner Erst­teil­nah­me, wo er im Zuschau­er­vo­ting regel­recht abräum­te. Aus poli­ti­schen Grün­den stahl ihm die Jury jedoch den Sieg und schanz­te ihn aus­ge­rech­net dem Erz­feind Ukrai­ne zu. Gelingt es dem durch­trai­nier­ten Sehr­gay nun, wie wei­land Dima Bilan im zwei­ten Anlauf die Kro­ne zu errin­gen?

Platz 23: Russ­land – Ser­gey Laza­rev: Scream (Schrei)

Die Ukrai­ne jeden­falls strich schon mal die Segel und schoss sich die aus­ge­wähl­te Kan­di­da­tin Maruv, frag­los eine der stärks­ten Mitbewerber/innen auf den Grand Prix, sicher­heits­hal­ber selbst weg. Ein biss­chen vor­ei­lig viel­leicht, denn direkt nach der Ver­öf­fent­li­chung von Ser­geys Wett­be­werbs­ti­tel sank sein bis dahin hell fun­keln­der Stern bei den Buch­ma­chern rapi­de. Und das mit Recht. ‘Scream’ ist zwar, das muss man dem Rus­sen las­sen, eine star­ke, viel­schich­ti­ge Bal­la­de mit dra­ma­ti­schen Strei­chern und einer nicht min­der dra­ma­ti­schen Melo­die­füh­rung, die für Ser­gey und sei­nen Begleit­chor mas­sen­haft har­te Belas­tungs­pro­ben für die hof­fent­lich gut geöl­ten Stimm­bän­der bereit­hal­ten und die Raum für eine bom­bas­ti­sche Insze­nie­rung bie­tet. Feuch­te Hös­chen bei den Juror/innen sind also garan­tiert, und ver­mut­lich sehen die­se des­we­gen sogar über das arg anti­kli­ma­ti­sche Song­fi­na­le und die ekla­tan­te Refrain­schwä­che des Lie­des hin­weg, das getreu sei­nes Titels anstel­le eines mit­rei­ßen­den Kehr­rei­mes ledig­lich einen röcheln­den Schrei offe­riert. In der aufrechtgehn.de-Wer­tung kann es jedoch ledig­lich für einen Platz in der zwei­ten Hälf­te rei­chen, denn ich will von dem schnu­cke­li­gen Pop­star mit dem Hang zu nack­ter Haut natür­lich nur eine bis aufs Mark durch­cho­reo­gra­fier­te, fröh­lich-fluffi­ge Uptem­po-Num­mer hören und sehen, aber doch um Him­mels Wil­len kei­ne Depri-Bal­la­de!

Die Welt ist ein düs­te­rer und gefähr­li­cher Ort, aber der rus­si­sche Fähr­mann bringt uns sicher durch die schwar­ze Nacht und tötet für uns alle Dra­chen: Ser­geys Video­clip spart nicht an star­ken Bil­dern.

wei­ter­le­senRank & File 2019: Platz 23 – Scream

Rank & File 2019: Platz 24 – Look away

Ein eta­blier­ter Musik­pro­du­zent und DJ mit einem jün­ge­ren Gast­sän­ger: was 2017 für Nor­we­gen gut funk­tio­nier­te, soll­te den fin­ni­schen Nach­barn doch nur Recht sein, dach­te sich der Sen­der YLE wohl. Zumal man da doch noch Einen in pet­to hat, der mal zu den ganz Gro­ßen gehör­te.

Platz 24: Finn­land – Daru­de + Sebas­ti­an Rej­man – Look away (Schau weg)

Fällt nun der suo­mi­sche Euro­vi­si­ons­bei­trag 2019 tat­säch­lich zu Recht in die Kate­go­rie der ver­zicht­ba­ren Songs? Ja klar, wer­den Sie beim Anhö­ren spä­tes­tens nach einer Minu­te drei­ßig sagen, wenn alle eher spär­li­chen Ide­en auf­ge­braucht sind und sich die Num­mer zäh dem Ende ent­ge­gen schleppt. Ande­rer­seits erfüllt selbst ‘Look away’ sei­nen Zweck, oder genau­er gesagt deren sogar gleich drei: zum einen eröff­net er sei­nem Schöp­fer die Chan­ce, noch­mals für kur­ze Zeit aus dem See des Ver­ges­sens her­vor­zu­tau­chen und sich zurück ins Gespräch zu brin­gen. Wer weiß, viel­leicht ent­deckt auch der ein oder ande­re nach dem Jahr­tau­send­wech­sel Gebo­re­ne durch Daru­des Euro­vi­si­ons­auf­tritt sei­nen ein­zi­gen rich­tig gro­ßen und rich­tig guten Hit ‘Sand­s­torm’ für sich. Und dann hät­te es sich ja bereits gelohnt. Zwei­tens holt er Herrn Rej­man wenigs­tens für ein paar Mona­te von der Stra­ße: der Lead­sän­ger von ‘Look away’ dürf­te ange­sichts sei­nes eher über­schau­ba­ren stimm­li­chen Talents und sei­ner Ver­wech­sel­bar­keit sonst über nicht all zu vie­le Beschäf­ti­gungs­mög­lich­kei­ten ver­fü­gen.

Immer­hin schafft es Daru­de, nicht ganz so gru­se­lig zu wir­ken wie Gro­mee: der Vor­ent­schei­dungs­auf­tritt.

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ESC-Phi­lo­so­phe­rei: Tabu

Was darf – und was geht gar nicht beim Euro­vi­si­on Song Con­test? Unser aller Lieb­lingsevent ist bekannt für gewag­te Auf­trit­te, knap­pe Kos­tü­me, Dop­pel­deu­tig­kei­ten und Anzüg­lich­kei­ten. Und manch­mal auch für har­te lyri­sche Kost in sei­nen Lie­dern. Die EBU selbst ver­sucht, Poli­ti­sches her­aus­zu­hal­ten, was natür­lich zum Schei­tern ver­ur­teilt ist. Doch wie sieht es mit ande­ren gesell­schaft­li­chen Tabus aus? Gibt es die heu­te über­haupt noch? Wel­che Fol­gen hat es, wenn ein Grand-Prix-Act die­se – even­tu­ell sogar kal­ku­liert – über­schrei­tet? Ist der ESC viel­leicht sogar der Ort, an dem regel­mä­ßig euro­pa­weit über gesell­schaft­li­che Gren­zen ver­han­delt wird? Wer Lust hat, in gesel­li­ger Run­de unter der so lie­be­voll auf­merk­sa­men Gast­ge­ber­schaft wie fach­kun­di­gen Mode­ra­ti­on von Anna Bran­des und “Dr. Euro­vi­si­on” Irving Benoît Wol­ther über die­ses The­ma zu plau­dern, soll­te sich zügig anmel­den: nur noch drei von zehn Plät­zen sind frei für das phi­lo­so­phi­sche Tisch­ge­spräch am 30. April in der Unesco City of Music Han­no­ver. 41 € kos­tet die Teil­nah­me dank För­de­rung durch das Kul­tur­bü­ro der Lan­des­haupt­stadt. Unbe­ding­te Emp­feh­lung!

Brich das Tabu, for­der­te Christa­bel­le aus Mal­ta. Ist der ESC dafür der rich­ti­ge Ort?

Rank & File 2019: Platz 25 – Big­ger than us

Gera­de mal drei Songs für sechs namen­lo­se Teilnehmer/innen: zwar stell­te die ARD, eine der finanz­stärks­ten öffent­lich-recht­li­chen TV-Sta­tio­nen der Erde, bereits vor zwei Jah­ren unter Beweis, dass eine sol­che Dis­count-Vor­ent­schei­dung nicht funk­tio­niert. Aber die bocki­gen Bri­ten erwei­sen sich beim Euro­vi­si­on Song Con­test als genau so ver­nunft­re­sis­tent wie beim Bre­x­it: sie wie­der­hol­ten die­sen Feh­ler mit Euro­vi­si­on: you deci­de erneut.

Platz 25: Groß­bri­tan­ni­en – Micha­el Rice: Big­ger than us (Grö­ßer als wir)

Und so ver­tritt nun ein dick­li­cher, etwas unge­lenk wir­ken­der Jun­ge, im ech­ten Leben Besit­zer eines Waf­fel-Shops, die zu ihren längst ver­gan­ge­nen Glanz­zei­ten einst­mals kul­tu­rell wie kom­mer­zi­ell füh­ren­de euro­päi­sche Pop-Nati­on beschä­men­der­wei­se mit einem Aller­welts­song aus schwe­di­scher Feder. John Lundvik, der aktu­el­le Reprä­sen­tant aus dem Land der Elche, hat­te das von ihm mit­ver­fass­te ‘Big­ger than us’ ursprüng­lich als einen von zwei Vor­schlä­gen zum Melo­di­fes­ti­va­len ein­ge­reicht, sich dann aber auf Rat von Chris­ter Björk­man für den stär­ke­ren sei­ner zwei Titel ent­schie­den und lös­te mit ‘Too late for Love’ denn auch das Ticket nach Tel Aviv, wo er nun gewis­ser­ma­ßen doch mit bei­den Lie­dern ver­tre­ten ist. Und so passt es ins Bild, dass neben der fabel­haf­ten Mel Giedroyc der Schwe­den­hap­pen Måns Zelmerlöw den Vor­ent­scheid des König­reichs mode­rier­te – und mit einem halb­nackt vor­ge­tanz­ten Med­ley bri­ti­scher Euro­vi­si­ons­er­fol­ge aus dem ver­gan­ge­nen Jahr­tau­send auf char­man­te Art und Wei­se noch Salz in die Wun­de rieb. Denn seit dem Mill­en­ni­um hat das UK halt schlicht­weg nichts mehr zustan­de gebracht und das Zep­ter wohl oder übel an Schwe­den wei­ter­ge­reicht.

Mari­ja Šerif­o­vićs jün­ge­rer Bru­der: Micha­el Rice beim Vor­ent­schei­dungs­auf­tritt.

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Rank & File 2019: Platz 26 – That Night

Wenn die Teil­neh­mer­na­tio­nen des Euro­vi­si­on Song Con­test eine gro­ße, bun­te Grand-Prix-Fami­lie bil­den, dann ist Lett­land so etwas wie der durch die hor­mo­nel­len Schü­be geis­tig ver­wirr­te Puber­tie­ren­de, dem man unge­fähr zehn­mal am Tag ein seuf­zen­des “Was hast du dir denn dabei bloß wie­der gedacht?” zuru­fen möch­te.

Platz 26: Lett­land – Carou­sel: That Night (Die­se Nacht)

So auch bei der dies­jäh­ri­gen Super­no­va, bei wel­cher der legen­dä­re Riga Biber erst­mals nicht als mit Fell kos­tü­mier­ter Pau­sen­fül­ler zuge­gen war, son­dern als mit einem Schot­ten­rock kos­tü­mier­ter musi­ka­li­scher Teil­neh­mer. Doch man ent­schied sich statt sei­ner für das Duo Carou­sel, ein aus­ge­spro­chen aus­ge­zehrt aus­se­hen­des Pär­chen, und sein harm­los plin­kern­des, wat­te­wei­ches und sen­sa­tio­nell sedie­ren­des Coun­try-Folk-Lied­chen ‘That Night’. Ein Lied, das ganz gewiss sei­ne Daseins­be­rech­ti­gung hat: wenn man als völ­lig über­mü­de­ter Gast­ge­ber sei­nen mit zähem Sitz­fleisch geseg­ne­ten Freun­den (und ich muss es geste­hen, ich gehö­re zu die­sem gefürch­te­ten Per­so­nen­kreis) dezent bedeu­ten möch­te, dass die Par­ty ihren Zenit schon vor Stun­den über­schrit­ten hat und ihr wei­te­res Blei­ben die Minu­ten zu quä­len­den Stun­den wer­den lässt, bei­spiels­wei­se. Oder wenn man die Hin­ter­grund­mu­sik für ein Schnell­re­stau­rant aus­su­chen soll, in wel­chem sich die Gäs­te zwar will­kom­men füh­len sol­len, aber auch nicht all zu wohl, auf dass sie die Tische bald wie­der frei machen für die Nächs­ten. Mit ande­ren Wor­ten: wenn man den Froh­sinn dämp­fen möch­te und den Schwung her­aus­neh­men, ohne dass die Stim­mung ins Aggres­si­ve kippt, dann ist die­ser lied­ge­wor­de­ne Dow­ner genau das Rich­ti­ge.

Geben dem Bur­nout eine Büh­ne: das let­ti­sche Duo Carou­sel bei der Super­no­va.

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Rank & File 2019: Platz 27 – Cha­me­le­on

Das mal­te­si­sche Fern­se­hen optier­te für die Aus­wahl sei­ner Inter­pre­tin dies­mal zu einer Cas­ting­show. Aus Sen­der­sicht eine klu­ge Wahl, bescher­te sie TVM über Wochen hohe Ein­schalt­quo­ten und gab den Inselbewohner/innen – anders als die jury­las­ti­gen Vor­ent­schei­dun­gen der Vor­jah­re – die Illu­si­on der bevor­mun­dungs­frei­en Betei­li­gung, ohne dabei jedoch die Ent­schei­dungs­ho­heit über den Song aus der Hand zu geben, den TVM erst im Nach­gang aus­wähl­te.

Platz 27: Mal­ta – Miche­la Pace: Cha­me­le­on (Cha­mä­le­on)

Und die­ser Song ent­zieht sich offen gestan­den mei­ner Beur­tei­lung. Er rich­tet sich ganz klar an ein ande­res Ziel­pu­bli­kum, an eine deut­lich jün­ge­re Alters­grup­pe als die mei­ni­ge. Er bedient sich dabei aller kon­tem­po­rä­ren Pop-Ver­satz­stü­cke, sei es der bol­le­ri­ge Sound oder der sehr hol­pe­ri­ge, aus­ge­spro­chen spar­sam möblier­te Refrain. Mei­ne nost­al­gie­durch­tränk­te Erin­ne­rung drif­tet umge­hend ab in die Ver­gan­gen­heit, sobald Miche­la erst­mals “Cha­me-Cha­me­le­on” singt, was mei­ne Ohren als ‘Kar­ma Cha­me­lon’ miss­deu­ten. Und stan­te pede zurück in die seli­gen Acht­zi­ger­jah­re sprin­gen, zum wun­der­schö­nen gleich­na­mi­gen Lied von Cul­tu­re Club, das mein Hirn­ra­dio umge­hend ein­spielt und dabei den schreck­li­chen Lärm voll­stän­dig aus­blen­det, den Frau Pace da ver­an­stal­tet. Ich kann mich am Ende der drei Minu­ten daher beim bes­ten Wil­len nicht dar­an erin­nern, wie der mal­te­si­sche Bei­trag geht. Ob das nun unter begin­nen­der Seni­li­tät zu ver­bu­chen ist oder unter Selbst­schutz, die­ses Urteil möch­te ich Ihnen über­las­sen. Alles, was bei mir vage hän­gen bleibt, ist eine ganz leich­te sound­tech­ni­sche Ver­wandt­schaft zum zypri­schen Bei­trag ‘Replay’. Und auf die­ser Basis wan­dert ‘Cha­me­le­on’ auf einen Rang im unte­ren Mit­tel­feld.

Schau, wir haben ein hoch­pro­fes­sio­nel­les, auf­wän­di­ges Video gedreht. Wie kön­nen wir die Chan­cen Michelas nun doch noch sabo­tie­ren? Oh ja, lass uns den Song­text zum Mit­le­sen ein­blen­den, damit jeder sieht, was für einen Dünn­pfiff die da singt!

wei­ter­le­senRank & File 2019: Platz 27 – Cha­me­le­on

Rank & File 2019: Platz 28 – Home

Seit vie­len Jah­ren ist beim Euro­vi­si­on Song Con­test das inter­es­san­te Phä­no­men zu beob­ach­ten, dass der Heim­bei­trag, also das Wett­be­werbs­lied des jewei­li­gen Gast­ge­bers, in schö­ner Regel­mä­ßig­keit gera­de­zu um den letz­ten Platz bet­telt. Ein oft­mals auch direkt erfüll­ter Wunsch, hin­ter dem wohl meist die (unbe­wuss­te) Stra­te­gie steht, das teu­re Fes­ti­val um kei­nen Preis ein zwei­tes Mal in Fol­ge aus­tra­gen zu müs­sen.

Platz 28: Isra­el – Kobi Mari­mi: Home (Nach Hau­se)

Noch nie betrieb ein Land dies jedoch so augen­fäl­lig wie Isra­el. Kein Wun­der, steht des­sen beim des­po­ti­schen Regie­rungs­chef ver­hass­ten öffent­lich-recht­li­chen Sen­der doch sowohl poli­tisch wie finan­zi­ell das Was­ser bis Ober­kan­te Unter­lip­pe. Also wähl­te man einen groß­ge­wach­se­nen, schnauz­bär­ti­gen Opern­sän­ger und schnei­der­te ihm einen vor Pathos nur so trie­fen­den Torch Song auf den Leib, in wel­chem der Sie­ger des Fred­die-Mer­cu­ry-Ähn­lich­keits­wett­be­werbs von 1984 mit schmacht­be­ben­der Stim­me ein­for­dert, jemand sein zu wol­len. Kobi trägt die rund­her­aus cam­pe Num­mer mit einer der­ar­tig kno­chen­tro­cke­nen Ernst­haf­tig­keit vor, dass sie inner­halb kür­zes­ter Zeit ins Tra­gi­sche abglei­tet. Auch sein ver­zick­tes Augen­rol­len und sein Ges­tus sug­ge­rie­ren, dass er von sei­nem Anlie­gen und sei­ner eige­nen Gran­dez­za zutiefst über­zeugt ist, und dies sorgt bei ent­spre­chend prä­dis­po­nier­ten Con­nais­seu­ren unfrei­wil­li­ger Komik für lang­an­hal­ten­de Lach­sal­ven. Inso­fern ist das vom Sen­der auch noch im Titel hilf­reich als Heim­bei­trag gekenn­zeich­ne­te ‘Home’, das schon jetzt für immer einen Platz im Schatz­käst­lein mei­nes Her­zens hat, in der Abtei­lung “Ver­zicht­ba­res” eigent­lich grund­falsch. Und doch auch wie­der rich­tig: frei­wil­lig anhö­ren möch­te man sich das gru­se­li­ge Mach­werk näm­lich kei­nes­falls.

Sein Vor­bild lief übers Was­ser, er umarmt es: Kobi im offi­zi­el­len Video.

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