Ers­tes Semi 2018: Die Rück­kehr des Fast-Food-Pop

Gan­ze 53 Jah­re muss­te das klei­ne, geo­gra­fisch etwas rand­stän­di­ge und kul­tu­rell auf euro­päi­scher Ebe­ne nicht unbe­dingt mas­sen­kom­pa­ti­ble Por­tu­gal von sei­ner Erst­teil­nah­me im Jah­re 1964 bis zu sei­nem Euro­vi­si­ons­sieg 2017 war­ten. Ein ver­schro­be­ner Bar­de namens Sal­va­dor Sobral hol­te bekannt­lich den Pott und die Gast­ge­ber­schaft nach Lis­sa­bon, mit einer inti­men, aus der Zeit gefal­le­nen Tren­nungs­schmerz­bal­la­de in sei­ner Mut­ter­spra­che. Mit “Musik, die wirk­lich etwas aus­drückt”, wie es der lebens­be­droh­lich erkrank­te Adels­spross, dem es nach einer Herz­trans­plan­ta­ti­on mitt­ler­wei­le wie­der bes­ser geht, im Über­schwang sei­ner Sie­ges­an­spra­che for­mu­lier­te. Und nun das: ein Jahr spä­ter, im ers­ten Semi­fi­na­le des in der por­tu­gie­si­schen Haupt­stadt abge­hal­te­nen 2018er Grand Prix, flie­gen gleich zwei von ins­ge­samt ledig­lich drei Bei­trä­gen in Lan­des­spra­che raus, bei­des Bal­la­den. Statt­des­sen folgt ein Durch­marsch fröh­li­cher, größ­ten­teils stark cho­reo­gra­fier­ter und mit mehr oder min­der mas­si­ven Gim­micks arbei­ten­der Uptem­po­num­mern, von “Fast-Food-Pop”, wie Sobral es nen­nen wür­de. Als beken­nen­der Lieb­ha­ber von ‘Amar pelos Dois’ einer­seits und glü­hen­der Dance-Trash-Fan ande­rer­seits sage ich: gut, dass beim Grand Prix für bei­des Platz ist!

L’amour est bleu: das kom­plet­te ers­te Semi­fi­na­le des ESC 2018.

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Griff ins Klo: zwei­ter Pro­ben­tag in Lis­sa­bon

Eigent­lich gehört es zur Eröff­nungs­tra­di­ti­on des Pres­se­zen­trums, dass die dort ver­sam­mel­ten Schwur­na­lis­ten von der aller­ers­ten Pro­be aus tech­ni­schen Grün­den nichts mit­be­kom­men, weil die Lei­tung von der Hal­le noch nicht steht. Das war am Sonn­tag zwar nicht der Fall, dafür aber am heu­ti­gen Mon­tag: pünkt­lich zum Pro­ben­be­ginn um zehn Uhr lie­fen noch Tou­ris­mus­wer­be­clips in Dau­er­schlei­fe, wäh­rend in der Alti­ce-Are­na bereits das maze­do­ni­sche Duo Eye Cue auf der Büh­ne stand. Erst zum drit­ten Durch­lauf drück­te jemand den Knopf: auf den Moni­to­ren erschien, wie OnU berich­te­te, bild­fül­lend der Hin­tern der Lead­sän­ge­rin Mari­ja. Und falls sich jemand noch mit Schau­dern an das pink­far­be­ne Camel­toe-Out­fit aus dem Video zu ‘Lost and found’ erin­nert: etwas Ähn­li­ches trägt sie auch in Lis­sa­bon, nur ohne Unter­teil. Dort stol­ziert Mari­ja in einem eben­falls knall­pin­ken, rücken­frei­en Läpp­chen über die Bret­ter, wel­ches die Bli­cke auf ihr sil­ber­nes Hös­chen eher frei­gibt als bedeckt. Passt aber: dafür kommt ihr Beglei­ter Bojan halt oben­rum ohne. Der Auf­tritt wirkt genau so unstruk­tu­riert und chao­tisch wie der aus meh­re­ren Ein­zel­tei­len not­dürf­tig zusam­men­ge­tacker­te Song. Das sehen wir am Sams­tag im Fina­le garan­tiert nicht wie­der.

Lead­sän­ge­rin Mari­ja und ihr Scham­lip­pen­lap­pen.

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AM 2018: Bring mir den Chai!

Ein ein­zi­ger Song in Lan­des­spra­che stand zur Wahl im heu­ti­gen Fina­le der arme­ni­schen Euro­vi­si­ons­vor­ent­schei­dung Depi Evra­tes­il, und er sieg­te mit den Höchst­wer­tun­gen der Jury und des Tele­vo­ting. ‘Qami’ (‘Wind’) heißt das Stück, es ist eine ziem­lich klas­si­sche, leicht düs­te­re, sach­te begin­nen­de und sich lang­sam, aber ste­tig ins Dra­ma­ti­sche stei­gern­de Bal­la­de, die ab der Zwei-Minu­ten-Mar­ke so rich­tig auf­dreht. Dann kommt ein gos­pe­li­ger Chor (hier offen­sicht­lich vom Band) hin­zu, und der voll­bär­ti­ge, mit einem schwar­zen Gla­dia­to­ren-Wams aus Plas­te ange­ta­ne Sän­ger Sevak Kha­na­gyan beschränkt sich ab die­ser Stel­le voll­stän­dig dar­auf, mit vol­ler Inbrunst immer und immer wie­der nach sei­nem bereits vor einer Vier­tel­stun­de bestell­ten, aber noch nicht gebrach­ten Tee zu rufen: “Kamiiiil, Kaaaa-haa-miiiiiiiil!”. Nervt aber auch, war­ten zu müs­sen! Sevak, soviel ver­rät das Netz, wur­de vor 30 Jah­ren in Arme­ni­en gebo­ren, zog mit 15 mit sei­ner Fami­lie nach Mos­kau, wo er durch die Teil­nah­me an der Cas­ting­show The Voice ers­te Bekannt­heit erlang­te. Den Durch­bruch schaff­te er aber mit dem Sieg bei der ukrai­ni­schen Aus­ga­be von X-Fac­tor.

Bat­man lebt!

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Euro­vi­si­on Death­match #7: Bis auf die Kno­chen

Hoch die Hän­de – Wochen­en­de! Zum Aus­klang der Arbeits­wo­che ist es mal wie­der an der Zeit, beim Euro­vi­si­on Death­match zwei rea­le Erz­fein­de gegen­ein­an­der antre­ten zu las­sen: die AAs näm­lich, also Arme­ni­en und Aser­bai­dschan. Die unter­hal­ten uns beim Euro­vi­si­on Song Con­test nun schon seit etli­chen Jah­ren mit fort­ge­setz­ten klei­ne­ren und grö­ße­ren Sti­che­lei­en, und auch ihre bei­de dies­jäh­ri­gen Reprä­sen­tan­tin­nen schen­ken sich nichts in unse­rem heu­ti­gen Diven­zwei­kampf. Begin­nen wir (rein aus alpha­be­ti­schen Grün­den!) mit Arts­vik Haru­tyunya aus dem Land der Apri­ko­sen. Die Sie­ge­rin der arme­ni­schen Euro­vi­si­ons-Cas­ting­show Depi Evra­tes­il umschmei­chelt uns mit dem leicht hyp­no­ti­schen, deut­lich ori­en­ta­lisch gefärb­ten Elek­tro-Track ‘Fly with me’, einer Ein­la­dung, der man ger­ne fol­gen mag. Auch an opti­schem Zucker spar­te sie nicht: drei hin­rei­ßend bebar­te­te Tän­zer (neben drei qua­sio­ri­en­ta­lisch mit Zip­fel­müt­zen ver­hüll­ten Tän­ze­rin­nen) beglei­ten die mit spek­ta­ku­lä­ren Fri­su­ren auf­war­ten­de Sän­ge­rin, die sich für die schwe­do­phi­len Fans gar noch das Melo­di­fes­ti­va­len-Logo auf den zar­ten Ober­kör­per näh­te. Ein star­ker Auf­tritt, der lei­der just in dem Moment endet, als man denkt, jetzt sei es genug des Vor­spiels und der Song könn­te end­lich mal rich­tig los­ge­hen.

Ofra Haza (IL 1983), reborn: Arts­vik (AM)

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Arme­ni­en 2017: Fly­ing high in Yer­e­van

Der dies­jäh­ri­ge Diva-Award für den unnö­tig dra­ma­tischs­ten Auf­tritt geht zwei­fels­frei an Arme­ni­en: erst am gest­ri­gen Sams­tag, sechs Tage nach der Dead­line für das Ein­rei­chen der Wett­be­werbs­bei­trä­ge für den Euro­vi­si­on Song Con­test 2017 bei der EBU, prä­sen­tier­te das arme­ni­sche Fern­se­hen den Song der bereits zu Weih­nach­ten 2016 über eine mona­te­lang lau­fen­de Cas­ting­show als Reprä­sen­tan­tin des Lan­des aus­ge­wähl­ten Arts­vik Haru­tyun­yan end­lich der bereits vol­ler Unge­duld mit den Hufen schar­ren­den Welt­öf­fent­lich­keit. Hat sich das lan­ge War­ten auf ‘Fly with me’, so der Titel des eth­no­las­ti­gen Uptem­po­songs, mit dem alle 43 Lie­der für Kiew nun kom­plet­tiert sind, denn wenigs­tens gelohnt? Nun­ja, bedingt. Zwar weiß das arti­fi­zi­el­le Stück mit sei­ner span­nen­den und anspruchs­vol­len Mix­tur aus ori­en­ta­li­schen Anklän­gen und sphä­ri­schen Elek­tro­sounds durch­aus zu gefal­len, gibt aber zugleich eine Art von Ver­spre­chen ab, das es nicht ein­zu­lö­sen ver­mag. Man hört irgend­wie Ofra Haza (→ IL 1983) über die Ton­spur von Lore­ens ‘State­ments’ (→ SE Vor­ent­scheid 2017) sin­gen, was zumin­dest erklärt, war­um sich Arts­vik das Melo­di­fes­ti­va­len-Logo auf das Kleid nähen ließ, obschon ihr Bei­trag nicht aus schwe­di­scher Feder stammt, son­dern vom sel­ben hei­mi­schen Kom­po­nis­ten-Ehe­paar, das bereits für ‘Love­Wa­ve’ (→ AM 2016) und ‘I’m not alo­ne’ (→ AM 2014) ver­ant­wort­lich zeich­ne­te. Und man fühlt sich ange­nehm unter­hal­ten, war­tet zugleich jedoch die gan­ze Zeit dar­auf, dass es nun end­lich rich­tig los­geht. Oder anders gesagt: der Song klingt wie ein drei­mi­nü­ti­ges, hoch­gra­dig anre­gen­des Vor­spiel, das jedoch genau an der Stel­le endet, wo es zum eigent­li­chen Gesche­hen über­lei­ten soll­te. Als Zuhö­rer fühlt man sich gewis­ser­ma­ßen ange­trig­gert, aber dann um den Höhe­punkt betro­gen. Und das passt ja nun wie­der zum diva­es­ken Auf­tritt Arme­ni­ens.

Ein Meis­ter­werk der Haar­kunst: Arts­viks Tep­pich­klop­fer-Zopf und die Bär­te ihrer Pro­phe­ten (AM)

Ach, all der Auf­wand: Arts­vik singt eine Arie für Arme­ni­en

Es kann nie­mand behaup­ten, die Arme­ni­er näh­men den Euro­vi­si­on Song Con­test nicht ernst. Geschla­ge­ne drei Mona­te lang lief, von der Öffent­lich­keit außer­halb des Lan­des der Apri­ko­sen­bäu­me wei­test­ge­hend unbe­merkt, dort die Cas­ting­show Depi Evra­tes­il (Zur Euro­vi­si­on), mit wel­cher die Haja­sta­ner ihren Ver­tre­ter für Kiew zu ermit­teln such­ten. Mit zahl­rei­chen Audi­tions, etli­chen Duel­len und drei Live-Shows im arme­ni­schen Fern­se­hen. Heu­te Abend ging dort, wäh­rend der west­eu­ro­päi­sche Euro­vi­si­ons­fan im Krei­se der Liebs­ten die Weih­nachts­ge­schen­ke öff­ne­te, der Vier­tel­jah­res­ma­ra­thon zu Ende, mit einem Zwei­kampf der bei­den übrig­ge­blie­be­nen Kom­bat­tan­tin­nen Mar­ta und Arts­vik. Letz­te­re gewann mit 60% der Jury- und 80% der Zuschau­er­stim­men. Bei der 32jährigen Arts­vik Haru­tyunya, so der vol­le Name der Sän­ge­rin, han­delt es sich um ein typi­sches Cas­ting-Show-Gewächs, wel­ches in der rus­si­schen Aus­ga­be von The Voice ers­te Erfah­run­gen sam­mel­te. Das hört man auch: wie so vie­le ihre Kol­le­gin­nen ver­greift sie sich mit Vor­lie­be an erfolg­rei­chen Pop-Bal­la­den, wel­che ihr die Mög­lich­keit geben, mit Stimm­vo­lu­men zu über­zeu­gen. Lei­der jedoch ohne jed­we­de Rück­sicht­nah­me auf die Fein­hei­ten der Aus­spra­che und Beto­nung. Da wird gejo­delt und modu­liert, bis die Schwar­te kracht, aber um was es in dem Song inhalt­lich geht, wüss­te die Dame ver­mut­lich nicht. Das focht aber auch das mit ehe­ma­li­gen arme­ni­schen Eurovisionsteilnehmer/innen pro­mi­nent besetz­te Jury­panel nicht wei­ter an. All der Auf­wand dien­te im Übri­gen nur zur Ermitt­lung der Gesangs­fach­kraft, das zum Vor­tra­ge zu brin­gen­de Lied­gut steu­ert der Sen­der extra bei – ver­mut­lich nach einer Ein­kaufs­tour in Stock­holm. Und mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit erwar­tet uns eine bom­bas­ti­sche, kli­schee­trie­fen­de Euro­vi­si­ons­bal­la­de mit gro­ßer hoher Schluss­no­te.

Exe­ku­tiert mit dem Charme und gesang­li­chen Fein­ge­fühl einer rus­si­schen Kugel­stoß-Olym­pio­ni­kin: Arts­vik mas­sa­kriert ‘A Mil­li­on Voices’

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Zypern 2017: ein schö­ner Sai­son­auf­takt!

Der Ear­ly-Bird-Award für die frü­hes­te Nomi­nie­rung des Euro­vi­si­ons-Reprä­sen­tan­ten geht in die­ser Sai­son über­ra­schend an… Zypern! Das son­ni­ge, zwei­ge­teil­te Mit­tel­meer-Eiland gab heu­te bekannt, dass der 27jährige Hovig Demir­ji­an das Land in Kiew ver­tritt. Der intern aus­ge­wähl­te, optisch ein wenig an Ant­o­ny Cos­ta von Blue (UK 2011) erin­nern­de Hovig ist gebür­ti­ger Arme­ni­er, lebt aber in Zypern, wo er sich 2015 mit der etwas zähen Bal­la­de ‘Stone in a River’ ohne Erfolg beim Vor­ent­scheid bewarb. Ers­te grö­ße­re Bekannt­heit erlang­te der gut aus­se­hen­de Sän­ger durch sei­ne Teil­nah­me an der grie­chi­schen Aus­ga­be der Cas­ting­show X Fac­tor im Jah­re 2009. Wie eurovision.tv ver­kün­det, kom­po­niert der schwe­di­sche Seri­en­schrei­ber Tho­mas G:sson, der schon für den Rock­schla­ger ‘Alter Ego’ (CY 2016) ver­ant­wort­lich zeich­ne­te und augen­schein­lich einen Mehr­jah­res­ver­trag mit CyBC abge­schlos­sen hat, auch den aktu­el­len zypri­schen Bei­trag, über den aber noch kei­ne wei­te­ren Details bekannt sind.

Optisch kann Hovig schon mal über­zeu­gen. Wenn G:sson ihm jetzt noch einen guten Song schreibt, könn­te das was wer­den!

Per­len der Vor­ent­schei­dun­gen: ich tra­ge die Non­kon­for­mis­ten-Uni­form

Die Sai­son 2017 hat ihre ers­te Vor­ent­schei­dungs­sen­sa­ti­on her­vor­ge­bracht: wie der uner­müd­li­che bri­ti­sche Per­len­tau­cher Roy Dela­ney berich­tet, sah sich das unter ande­rem mit Aram MP3 (→ AM 2014) pro­mi­nent besetz­te Panel der arme­ni­schen Euro­vi­si­ons-Cas­ting­show Depi Evra­tes­il (durch wel­che mich durch­zu­quä­len ich offen gesagt bis­lang nicht die nöti­ge maso­chis­ti­sche Ener­gie auf­brin­gen konn­te) ges­tern mit einem Teil­neh­mer namens Alex­an­der Pla­to kon­fron­tiert, offen­bar ein ent­fern­ter Nach­fah­re des berühm­ten grie­chi­schen Phi­lo­so­phen. Der trat im vor­schrifts­mä­ßi­gen, fast schon kli­schee­haf­ten Hips­ter-Ornat – haut­enge Jeans auf dro­gen­dün­nen Bein­chen, bärig behaar­te Brust, impo­sant gepfleg­ter Voll­bart, Haar­dutt, dicke Retro­bril­le – vor die Juro­ren und gab ein Mach­werk namens ‘Illu­si­on’ zum Bes­ten, das sich jeder Defi­ni­ti­on ent­zieht. Musi­ka­lisch viel­leicht am ehes­ten noch im Bereich Free Jazz anzu­sie­deln (Alex­an­der beschreibt es als “Rock­opern-Arie vol­ler Ernst­haf­tig­keit, Freu­de, Kum­mer und Sar­kas­mus”), begann er mit einer affek­tiert über­ak­zen­tu­ier­ten eng­li­schen Stro­phe, deren Inhalt sich auf­grund der knö­de­li­gen Beto­nung dem Ohr des Zuhö­rers wei­test­ge­hend ver­schloss. Im – nun­ja, Refrain kann man es eigent­lich nicht nen­nen – nächst­fol­gen­den Song­part ver­leg­te er sich dann aufs Scat­ten, wozu er mit weit auf­ge­ris­se­nen Augen und fin­ger­fuch­telnd ver­such­te, die abstim­mungs­be­rech­tig­ten Panel-Mit­glie­der zu sei­nen Guns­ten zu beschwö­ren. Mit Erfolg: auch wenn die­se deut­lich erkenn­bar nicht wuss­ten, wie ihnen gera­de geschieht und ob sie ange­sichts der sur­rea­len Dar­bie­tung vor ihnen laut lachen, nach der ver­steck­ten Kame­ra suchen, um Hil­fe schrei­en oder weg­ren­nen sol­len, drück­ten sie in einer Art kol­lek­ti­ver Mas­sen­hyp­no­se einer nach dem ande­ren auf den Knopf vor ihnen, mit dem sie ihre pla­to­ni­sche Lie­be zum Kan­di­da­ten bestä­tig­ten. Das arme­ni­sche Hips­ter-Bär­chen ist damit eine Run­de wei­ter – ob er nun ent­spre­chend nach­le­gen kann (für kom­men­den Sams­tag hat er bereits einen ‘Mono­lo­gue’ ange­droht) oder ob er sein Pul­ver mit die­sem denk­wür­di­gen Auf­tritt bereits ver­schos­sen hat, wird sich zei­gen. Wir sind jeden­falls um eine herr­lich bizar­re Epi­so­de rei­cher – herz­li­chen Dank und gro­ße Ver­beu­gung, Herr Pla­to!

Push! The! But­ton! Alex­an­der Pla­to in sei­ner bes­ten Dschun­gel­buch-Schlan­gen-Imi­ta­ti­on

Rus­si­sches Fern­se­hen sieht Ser­gey als Sie­ger

Es war eine erwart­ba­re Reak­ti­on, und sie kam prompt: in einer Pres­se­mel­dung erklär­te der musi­ka­li­sche Direk­tor des Fern­seh­sen­ders Rus­sia 1, Yuri Aksyu­ta, sei­nen eige­nen Kan­di­da­ten zum mora­li­schen Sie­ger des Euro­vi­si­on Song Con­test 2016. “Für mich sind die Ergeb­nis­se des Publi­kums ent­schei­dend, denn für die­ses wird die Musik gemacht. So gese­hen war es ein Sieg von Ser­gey Laza­rev,” so Aksyu­ta. Er warf den Jurys einen geziel­ten Boy­kott des rus­si­schen Bei­trags vor, denn wäh­rend Ser­gey aus jedem (!) ein­zel­nen Land Punk­te im Tele­vo­ting erhielt (ein­schließ­lich der Höchst­wer­tung aus Deutsch­land sowie aus der Ukrai­ne), ging er bei der Hälf­te der Jury­ab­stim­mun­gen leer aus. Unter den 21 orga­ni­sier­ten Laza­rev-Ver­ach­tern fan­den sich mit Est­land, Litau­en, Geor­gi­en und – wenig über­ra­schend – der Ukrai­ne vier ehe­ma­li­ge Sowjet­staa­ten sowie fünf wei­te­re Natio­nen, die sich einst hin­ter dem eiser­nen Vor­hang befan­den. Die rus­si­sche Jury aller­dings ver­hielt sich kei­nen Deut bes­ser: wäh­rend die Zuschau­er aus dem flä­chen­mä­ßig größ­ten Staat der Erde zehn Punk­te an Jama­la rüber­scho­ben, setz­ten sie die fünf Juro­ren, die am Diens­tag noch durch das Live­strea­ming ihrer Abstim­mung für Auf­se­hen gesorgt hat­ten, auf Null­di­ät. Etwas ver­söhn­li­cher äußer­te sich Ser­gey: Wie das Sprich­wort sagt, jeder liebt einen Gewin­ner! Ich gra­tu­lie­re Jama­la! Ich bin froh, dass das Publi­kum für Russ­land gestimmt hat, für mein Lied, und so emp­fin­de ich kei­ne Frus­tra­ti­on”. Er habe beson­ders den aus­tra­li­schen Bei­trag von Dami Im gemocht, die in der Jury­ab­stim­mung haus­hoch führ­te.

Sieg­te mit Ser­geys Segen: die fan­tas­ti­sche Jama­la (UA)

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EBU ver­warnt Arme­ni­en

Es gehört seit Jah­ren zum fes­ten Ritu­al beim Euro­vi­si­on Song Con­test: die Kab­be­lei­en zwi­schen den bei­den Teil­neh­mer­län­dern Arme­ni­en und Aser­bai­dschan. Mal hält die Punk­te­spre­che­rin ein Klemm­brett mit einem unlieb­sa­men Foto in die Kame­ra, mal fällt wäh­rend der Live-Über­tra­gung des kon­kur­rie­ren­den Bei­trags wie zufäl­lig das Bild aus, mal singt man vom Geno­zid, mal zitiert das Innen­mi­nis­te­ri­um Bür­ger des eige­nen Lan­des zum Ver­hör, die für das Lied des Geg­ners gestimmt haben – um nur eine zufäl­li­ge Aus­wahl zu tref­fen. Anlass der von bei­den Sei­ten mit der glei­chen Beharr­lich­keit und Lust geführ­ten, unschö­nen Ran­ge­lei­en sind die seit den Neun­zi­gern schwe­len­den Aus­ein­an­der­set­zun­gen bei­der Natio­nen um die offi­zi­ell zu Aser­bai­dschan zäh­len­de, nach lang­jäh­ri­gem Bür­ger­krieg mit Ver­trei­bun­gen und zahl­lo­sen Toten auf bei­den Sei­ten aber fast aus­schließ­lich von Arme­ni­ern bewohn­te und de fac­to unab­hän­gi­ge Regi­on Berg­ka­ra­bach. Und exakt die Fah­ne die­ser nicht aner­kann­ten Repu­blik wedel­te die in Deutsch­land leben­de arme­ni­sche Sän­ge­rin Ive­ta Muku­chyan im gest­ri­gen ers­ten Semi­fi­na­le bei einem Kame­ra­schwenk in den Green Room wäh­rend des Schnell­durch­laufs durchs Bild. Natür­lich nur, um “Lie­bes­wel­len” an die Regi­on zu schi­cken und für die Ein­hal­tung der immer wie­der ver­letz­ten Waf­fen­ru­he zu wer­ben, wie sie in ihrer Pres­se­kon­fe­renz sag­te. Nee, ist klar. Selbst­re­dend ließ die aser­bai­dscha­ni­sche Dele­ga­ti­on die geziel­te Pro­vo­ka­ti­on nicht auf sich sit­zen und beschwer­te sich bei der EBU, die nun eine offi­zi­el­le Ver­war­nung aus­sprach, sich aber (wie über­ra­schend!) nicht zu einem sofor­ti­gen Aus­schluss des Lan­des durch­rin­gen konn­te.

Schrieb ihren Song nur für den Frie­den mit Aser­bai­dschan, sagt Ive­ta

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