Ers­tes Semi 2018: Die Rück­kehr des Fast-Food-Pop

Gan­ze 53 Jah­re muss­te das klei­ne, geo­gra­fisch etwas rand­stän­di­ge und kul­tu­rell auf euro­päi­scher Ebe­ne nicht unbe­dingt mas­sen­kom­pa­ti­ble Por­tu­gal von sei­ner Erst­teil­nah­me im Jah­re 1964 bis zu sei­nem Euro­vi­si­ons­sieg 2017 war­ten. Ein ver­schro­be­ner Bar­de namens Sal­va­dor Sobral hol­te bekannt­lich den Pott und die Gast­ge­ber­schaft nach Lis­sa­bon, mit einer inti­men, aus der Zeit gefal­le­nen Tren­nungs­schmerz­bal­la­de in sei­ner Mut­ter­spra­che. Mit “Musik, die wirk­lich etwas aus­drückt”, wie es der lebens­be­droh­lich erkrank­te Adels­spross, dem es nach einer Herz­trans­plan­ta­ti­on mitt­ler­wei­le wie­der bes­ser geht, im Über­schwang sei­ner Sie­ges­an­spra­che for­mu­lier­te. Und nun das: ein Jahr spä­ter, im ers­ten Semi­fi­na­le des in der por­tu­gie­si­schen Haupt­stadt abge­hal­te­nen 2018er Grand Prix, flie­gen gleich zwei von ins­ge­samt ledig­lich drei Bei­trä­gen in Lan­des­spra­che raus, bei­des Bal­la­den. Statt­des­sen folgt ein Durch­marsch fröh­li­cher, größ­ten­teils stark cho­reo­gra­fier­ter und mit mehr oder min­der mas­si­ven Gim­micks arbei­ten­der Uptem­po­num­mern, von “Fast-Food-Pop”, wie Sobral es nen­nen wür­de. Als beken­nen­der Lieb­ha­ber von ‘Amar pelos Dois’ einer­seits und glü­hen­der Dance-Trash-Fan ande­rer­seits sage ich: gut, dass beim Grand Prix für bei­des Platz ist!

L’amour est bleu: das kom­plet­te ers­te Semi­fi­na­le des ESC 2018.

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Die Rück­kehr des Flat­ter­lap­pens: ers­ter Pro­ben­tag in Lis­sa­bon

So, höchs­te Zeit, dass die­ser Blog aus sei­nem Dorn­rös­chen­schlaf erwacht: am gest­ri­gen Sonn­tag eröff­ne­te das – ange­reis­ten Schwur­na­lis­ten zufol­ge viel zu klei­ne – Pres­se­zen­trum in der Lis­sa­bon­ner Alti­ce-Are­na zur Über­tra­gung der ers­ten Kame­ra­pro­ben für das in acht Tagen ange­setz­te ers­te Semi des Euro­vi­si­on Song Con­test 2018. 19 Songs buh­len in die­sem bekannt­lich um einen der knap­pen zehn Plät­ze für das Fina­le. Und auch wenn die­se haupt­säch­lich für die Kame­ra­ein­stel­lun­gen und den Sound­check gedach­ten Pro­ben noch kei­nen umfas­sen­den Auf­schluss über die end­gül­ti­ge Per­for­mance in den bei­den Shows geben, in denen es zählt – näm­lich dem Jury­fi­na­le am kom­men­den Mon­tag und der TV-Show am 8. Mai, – so lässt sich doch zumin­dest ein Blick auf die Cho­reo­gra­fie- und Out­fit-Ide­en der Dele­ga­tio­nen erha­schen. Und da scheint sich in die­sem Jahr ein klei­ner Trend zurück zum Flat­ter­lap­pen zu ent­wi­ckeln, also zur Büh­nen­kla­mot­te mit lan­gen, kei­nem unmit­tel­ba­ren Beklei­dungs­zweck dien­li­chen Exten­si­ons, die man wun­der­bar effek­tiv im Sturm der Wind­ma­schi­ne wehen las­sen kann, um auch ohne LED-Wän­de etwas Dyna­mik in den Auf­tritt zu bekom­men.

Jeden Moment hebt sie ab: Aser­bai­dschans Aisel trotz der stür­mi­schen Hoch­see.

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AU, HR, BE 2018: Und ich spür das Adre­na­lin

Gleich meh­re­re Natio­nen, deren jeweilige/r Eurovisionsvertreter/in bereits seit län­ge­rem fest­ste­hen, haben in den letz­ten Tagen end­lich die dazu­ge­hö­ri­gen Songs gedroppt. Oder das eigent­lich zu einem spä­te­ren Datum vor­ge­habt, was aller­dings in Zei­ten, da Lea­ken als Volks­sport betrie­ben wird, zum Schei­tern ver­ur­teilt ist. So tröp­fel­te bei­spiels­wei­se der Bei­trag Aus­tra­li­ens bereits durch. Für Down Under tritt bekannt­lich das Cas­ting­stern­chen Jes­si­ca Mau­boy an, die 2014 in Kopen­ha­gen den Pau­se­nact gab, der nach offi­zi­el­ler Geschichts­schrei­bung sei­tens der EBU als erfolg­rei­che Teil­nah­me­be­wer­bung der Aus­tra­li­er akzep­tiert wur­de. Seit­her hän­ge ihr Herz am ESC, so Jes­si­ca bei der dies­jäh­ri­gen Direkt­no­mi­nie­rung durch den Sen­der SBS. Ihr Lied ‘We got Love’ ent­stand laut Euro­fire als Gemein­schafts­pro­duk­ti­on der Inter­pre­tin mit den Kom­po­nis­ten Antho­ny Egi­zii und David Musu­me­ci, die bereits die Bei­trä­ge von Dami Im (→ AU 2016) und Isiah Fire­b­race (→ AU 2017) ver­bra­chen. Merkt man lei­der: gegen den aus belang­lo­sen Text­kli­schees und tau­send Mal gehör­ten Pop-Frag­men­ten lieb­los zusam­men­ge­schus­ter­ten Mid­tem­po­song wirkt sogar Ella End­lichs ‘Atem­los’-Abklatsch ‘Adre­na­lin’ (→ Vor­ent­scheid DE 2016), an des­sen stump­fen Schla­ger­beat es stel­len­wei­se erin­nert, wie ein Feu­er­werk der Ori­gi­na­li­tät.

So, nach viel Hin und Her wur­de das offi­zi­el­le Video nun am Don­ners­tag doch ver­öf­fent­licht. Enjoy. (AU).

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BE 2018: Sen­nek singt kein Sha­la­lie

Die Euro­vi­si­ons­sai­son star­tet dies­mal wirk­lich lang­sam: bei­na­he ist es schon Anfang Okto­ber, und jetzt erst steht die ers­te Teil­neh­me­rin des Euro­vi­si­on Song Con­test 2018 in Lis­sa­bon fest. Es han­delt sich, wie heu­te Abend in einer TV-Show bekannt gege­ben, um die vom flä­mi­schen Fern­se­hen intern aus­ge­wähl­te und bis­lang nicht all­zu bekann­te Bel­gie­rin Lau­ra Groese­ne­ken. Die erzählt im Kurz­in­ter­view mit eurovision.tv denn sym­pa­thi­scher­wei­se auch gleich mal, dass sie haupt­be­ruf­lich bei IKEA arbei­tet. Und tat­säch­lich führt der ers­te Link bei der Goog­le-Suche auf ihr Lin­kedIn-Pro­fil, das exakt die­se Pro­fes­si­on angibt, neben ihren Tätig­kei­ten als Vocal Coach und Kom­po­nis­tin. Über Büh­nen­er­fah­rung ver­fügt die 27jährige den­noch zuhauf: so tour­te sie bereits als Beglei­tung des eta­blier­ten bel­gi­schen Sän­gers Piet God­da­er ali­as Ozark Hen­ry durch Euro­pa, der 2013 mit dem cold­playes­ken Duett ‘I’m your Sacri­fice’ einen Spit­zen­rei­ter im Nach­bar­land hat­te und es damit auch in Ita­li­en in die Top Ten schaff­te. Der­zeit bas­telt die kla­vier­spie­len­de Lau­ra an ihrer Solo-Kar­rie­re und tritt dabei unter dem Namen Sen­nek auf. Eine Ver­wechs­lungs­ge­fahr mit der hol­län­di­schen Schla­ger­tan­te Sien­ne­ke Pee­ters (→ NL 2010) dürf­te dabei selbst für Grand-Prix-Fans nicht bestehen, singt Sen­nek doch kei­ne Dreh­or­gel­schla­ger, son­dern selbst geschrie­be­nes, ein­schlä­fernd ent­kof­fe­inier­tes Geplät­scher, wie ihr aktu­el­ler Titel ‘Kalei­do­scope’ illus­triert. Für den Wett­be­werb in Por­tu­gal will sie ihr Lied selbst kom­po­nie­ren, und auch auf die­sem Feld kann sie bereits Meri­ten vor­wei­sen: so war sie krea­tiv an dem 2014er Titel ‘Gra­vi­ty’ der Band Hoo­ver­pho­nic betei­ligt, der als Wer­be­jing­le für ein Par­füm Bekannt­heit erlang­te. Als euro­vi­sio­nä­res Vor­bild nennt sie Jama­las düs­ter-arti­fi­zi­el­len 2016er Sie­ger­song ‘1944’. Und wenn es eines gibt, was sie nicht kann, so ver­rät sie im eurovision.tv-Interview, dann ist es tan­zen. Man kann also mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit davon aus­ge­hen, dass uns in die­sem Jahr aus Bel­gi­en kein fröh­li­cher Uptem­po­bei­trag erwar­tet. Ein wenig Geduld müs­sen wir indes auf­brin­gen: Sen­nek möch­te sich zum Kom­po­nie­ren Zeit las­sen. Recht so: gut Ding will Wei­le haben.

Zu die­sem Zeit­punkt knapp 400 Abru­fe und 25 Likes: Lau­ras im März 2017 ein­ge­stell­tes ‘Kalei­do­scope’ (Reper­toire­bei­spiel). Ein rich­tig gro­ßer Star ist Lau­ra also noch nicht…

Und? Ers­ter Ein­druck?

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Chart-Watch: Blan­che ist nicht alo­ne in the Dan­ger Zone

Fünf der sechs­und­zwan­zig Final­ti­tel des Euro­vi­si­on Song Con­test 2017 haben es in die am gest­ri­gen Frei­tag­abend offi­zi­ell ver­öf­fent­lich­ten deut­schen Sin­gle-Top-100 geschafft. Den höchs­ten Ein­stieg konn­te die Bel­gie­rin Blan­che mit ‘City Lights’ auf Rang 38 ver­zeich­nen, erstaun­li­cher­wei­se gefolgt vom nach übli­chen Maß­stä­ben nicht sehr hit­ver­däch­ti­gen Sie­ger­ti­tel ‘Amar pelos Dois’ von Sal­va­dor Sobral, der auf Platz 43 notiert und damit doch ein paar Ver­käu­fe (sprich: bezahl­te Down­loads oder Streams) gene­riert haben muss. Wäh­rend der in Kiew zweit­plat­zier­te Bul­ga­re Kris­ti­an Kostov leer aus­ging, zogen die Bron­ze­me­dail­len­ge­win­ner vom Sun­Stro­ke Pro­ject mit ‘Hey Mam­ma!’ auf Platz 52 in die deut­schen Top 100 ein. Ihre rumä­ni­schen Kol­le­gen Ilin­ca und Alex Flo­rea fol­gen sehr viel tie­fer auf Rang 93. Dazwi­schen reich­te es für die mit dem vor­letz­ten Platz heim­ge­kehr­te deut­sche Ver­tre­te­rin Levina Lueen, die bereits nach dem hei­mi­schen Vor­ent­scheid Unser Song 2017 für genau eine Woche auf Platz 28 in die Charts ein­zog, zu einer kur­zen Rück­kehr auf Rang 88. Gibt es so etwas wie Mit­leids­käu­fe? Kei­ne Notie­rung war hin­ge­gen für den im Vor­feld des Wett­be­werbs lan­ge Zeit als kla­rer Sie­ger vor­her­ge­sag­ten Ita­lie­ner Fran­ces­co Gab­ba­ni und sein ‘Occidentali’s Kar­ma’ zu ver­zeich­nen, das vie­le bereits als euro­päi­schen Som­mer­hit 2017 gehan­delt hat­ten. Sein Auf­tritt im ARD-Mor­gen­ma­ga­zin Anfang die­ser Woche mit einer ent­kof­fe­inier­ten, von ihm selbst am Kla­vier beglei­te­ten Unplug­ged-Ver­si­on dürf­te da ver­mut­lich auch nichts mehr ret­ten: in den Tief­schlaf geklim­per­te Men­schen kau­fen kei­ne Musik­stü­cke! In den Mid-Week-Charts lagen die fünf Euro­vi­si­ons­ti­tel übri­gens jeweils um eini­ges höher, wor­aus sich schlie­ßen lässt, dass es sich – wie schon in den ver­gan­ge­nen Jah­ren – nur um ein kur­zes Stroh­feu­er han­delt, also ein­ma­li­ge Käu­fe direkt im Anschluss an die TV-Show ver­gan­ge­nen Sams­tag, und dass die Hit­pa­ra­de nächs­te Woche bereits wie­der berei­nigt sein dürf­te von allen Grand-Prix-Ein­flüs­sen. Am meis­ten pro­fi­tier­te indes die deut­sche Schla­ger­kö­ni­gin Hele­ne Fischer vom ESC: die im wie immer völ­lig unsäg­li­chen Grand-Prix-Rah­men­pro­gramm des Ers­ten vor­ge­stell­ten drei Lie­der aus ihrem neu­en Album stie­gen alle­samt hoch ein, der Titel ‘Herz­be­ben’ sogar auf Rang 18. Und zum Schluss noch ein kur­zer Blick zu den Nach­barn: der öster­rei­chi­sche Char­mer Nathan Trent schaff­te es im Hei­mat­land auf Rang 72 der Charts, die schwei­ze­ri­sche Band Time­bel­le zu Hau­se auf Platz 80.

Hat noch am ehes­ten Chan­cen auf ein Cross­over ins ech­te Pop-Leben: Blan­che (BE)

Fina­le 2017: Gift im Instru­ment

Es war ein denk­wür­di­ger Abend der Ver­zau­be­rung am gest­ri­gen Sams­tag in Kiew. Ein Mann schaff­te es, einem gan­zen Kon­ti­nent den Kopf zu ver­dre­hen und Mil­lio­nen von Men­schen tief in ihren Her­zen berüh­ren. Und das mit einer extrem zurück­ge­nom­me­nen Insze­nie­rung und einem völ­lig aus der Zeit gefal­le­nen Lied, das klang, als sei es für eine roman­ti­sche Film­schnul­ze aus den Fünf­zi­ger­jah­ren geschrie­ben wor­den, bei dem man im eige­nen Kopf­ki­no die jun­ge Audrey Hepburn mit trä­nen­ver­ne­bel­tem Blick durch das schwarz­weiß foto­gra­fier­te Lis­sa­bon spa­zie­ren sehen konn­te. Sal­va­dor Sobral, so der Name des kobold­haf­ten jun­gen Por­tu­gie­sen, ver­wei­ger­te sich als Ein­zi­ger der 26 Final­ac­ts der Nut­zung der gigan­ti­schen, futu­ris­tisch auf­ge­bre­zel­ten Show­büh­ne im Inter­na­tio­na­len Aus­stel­lungs­zen­trum der ukrai­ni­schen Metro­po­le und sang statt­des­sen inmit­ten des andäch­tig schwei­gen­den, von sei­ner inti­men Dar­bie­tung eben­so wie die Fernsehzuschauer/innen tief ergrif­fe­nen Hal­len­pu­bli­kums auf der klei­nen Satel­li­ten­büh­ne ste­hend sei­ne zer­brech­li­che, hauch­zar­te Tren­nungs­schmerz­bal­la­de ‘Amar pelos Dois’, ein fle­hen­des Abschieds­lied an sei­ne Ver­flos­se­ne, in wel­cher er in poe­ti­schen Wor­ten sei­ne Trau­er, sei­ne noch immer sanft glim­men­de Hoff­nung auf eine Rück­kehr der Gelieb­ten und sei­ne Ent­schlos­sen­heit, sei­ne Lie­be nie­mals ster­ben zu las­sen, vor uns aus­goß. Was ich im Übri­gen nur weiß, weil ich die Über­set­zung sei­nes in Lan­des­spra­che ver­fass­ten Song­tex­tes gegoo­gelt habe. Doch die Sprach­bar­rie­re spiel­te kei­ne Rol­le: auch ohne ein Wort zu ver­ste­hen, konn­te man die mit dem Lied ver­bun­de­nen Emo­tio­nen füh­len, ja gera­de­zu mit Hän­den grei­fen. Die Bild­re­gie des ver­an­stal­ten­den Sen­ders blen­de­te im Anschluss an sei­nen Auf­tritt in den Green Room, wo sich die arme­ni­sche Teil­neh­me­rin Arts­vik Haru­tyun­yan gera­de ein Trän­chen aus dem Auge wisch­te und damit wohl auf den Punkt brach­te, was wir alle (oder jeden­falls alle mit einem offe­nen Her­zen) in die­sem Moment emp­fan­den. Es war eine sel­te­ner Moment der Über­wäl­ti­gung, ein Sieg der “Musik, die wirk­lich etwas aus­drückt,” wie der por­tu­gie­si­sche Adels­spross sag­te, als man ihn am Ende des Abends zur Repri­se auf die Büh­ne hol­te.

Jackett frisst Künst­ler: Hut­zel­männ­chen Sal­va­dor über­zeug­te den­noch (PT)

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Lost in Vero­na: wen die Jurys 2017 im Semi kill­ten

Wie unter­schied­lich die Mei­nun­gen von Publi­kum und Jury sind, Wahn­sinn!” ent­fuhr es einem erstaun­ten Peter Urban Sams­tag­nacht wäh­rend der Punk­te­ver­ga­be im Fina­le des Euro­vi­si­on Song Con­test 2017, wo sich mal wie­der zeig­te, dass die angeb­li­chen Musik­pro­fes­sio­nel­len, die im sich übri­gen hem­mungs­los dem → Nach­bar­schafts­vo­ting hin­ga­ben (soll­ten sie eigent­lich nicht genau das einst ver­hin­dern?), auf einem völ­lig ande­ren Pla­ne­ten leben als der Rest der Mensch­heit. Oder auch nur, dass eine zufäl­li­ge Aus­wahl von gera­de mal fünf Per­so­nen schon aus sta­tis­ti­scher Not­wen­dig­keit her­aus immer nur zufäl­li­ge, nicht reprä­sen­ta­ti­ve und damit völ­lig wert­lo­se Ergeb­nis­se her­vor­bringt. Immer­hin waren sich die Jurys dies­mal aus­nahms­wei­se mit den Zuchauer/innen einig, was den ver­dien­ter Sie­ger des Jahr­gangs anging, den wun­der­bar ver­schro­be­nen por­tu­gie­si­schen Jazz-Schlumpf Sal­va­dor Sobral. Und das ist ja schon ein deut­li­cher Fort­schritt im Ver­gleich mit den ver­gan­ge­nen Jah­ren. Auch in den Qua­li­fi­ka­ti­ons­run­den stimm­ten sie übri­gens mit den Televoter/innen beim ers­ten Rang über­ein, der jeweils an – kei­ne Über­ra­schung – Sal­va­dor (ers­tes Semi) und den bul­ga­ri­schen Wun­der­kna­ben Kris­ti­an Kostov (zwei­tes Semi) fiel. Dort aller­dings, wo es um Leben und Tod ging, also um den Final­ein­zug, sah die Sache schon wie­der ganz anders aus: selbst­re­dend ver­hin­der­ten die dia­bo­li­schen Pro­fi-Wer­ter/in­nen auch in die­sem Jahr wie­der erfolg­reich den Ein­zug eini­ger Publi­kums­lieb­lin­ge in die Sams­tags-Show, allen vor­ne­weg – wie bereits ver­mu­tet – den der Modern-Tal­king-Epi­go­nen Koit Too­me (→ EE 1998) und Lau­ra Põld­ve­re (→ EE 2005). Das von sei­nem Bezie­hungs­en­de am Urlaubs­ort ‘Vero­na’ sin­gen­de est­ni­sche Schla­ger­pär­chen erhielt im zwei­ten Semi­fi­na­le 69 Punk­te von den Televoter/innen und kam damit auf einen so soli­den wie ver­dien­ten sechs­ten Rang. Die hoch­nä­si­gen Schnepf/innen von der Jury, die sich wohl zu fein waren, sich mit den Mas­sen im Sound des groß­ar­tigs­ten Musik­jahr­zehnts zu suh­len, konn­ten gera­de mal mage­re 16 Pünkt­chen (Rang 17) erüb­ri­gen und tor­pe­dier­ten das bal­ti­sche Geschmacks-U-Boot damit erfolg­reich. Sterbt und schmort in der Höl­le, alle­samt!

Grin­sen ver­mut­lich trotz des Semi-Aus noch immer: Koit & Lau­ra (EE)

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Ers­tes Semi­fi­na­le 2017: no more Dra­ma

Je unsi­che­rer die Zei­ten, um so mehr suchen die Men­schen fröh­lich stim­men­de Ablen­kung und Zer­streu­ung, so jeden­falls sug­ge­riert es das Ergeb­nis der ers­ten Qua­li­fi­ka­ti­ons­run­de des Euro­vi­si­on Song Con­tests 2017, das am gest­ri­gen Diens­tag­abend im Inter­na­tio­na­len Aus­stel­lungs­zen­trum zu Kiew über die Büh­ne ging. Bestimm­ten im Vor­feld die­ses Jahr­gangs noch die schänd­li­chen Rän­ke­spie­le um das vom Gast­ge­ber­land Ukrai­ne ver­häng­te Ein­rei­se­ver­bot gegen die rus­si­sche Reprä­sen­tan­tin Julia Samo­yl­o­va sowie die deut­lich ver­schärf­ten Sicher­heits­maß­nah­men rund um die Ver­an­stal­tung die öffent­li­che Wahr­neh­mung des Wett­be­werbs und schu­fen damit ein mul­mi­ges Kli­ma, so setz­ten sich im gest­ri­gen Semi größ­ten­teils die­je­ni­gen Bei­trä­ge durch, die sich an eher uptem­po­rä­ren, aktu­el­len Sounds ori­en­tier­ten und show­tech­nisch alten Wein in neue Schläu­che gos­sen. Also irgend­wie beru­hi­gend Ver­trau­tes und Bewähr­tes boten. Von fast aus­nahms­los allen Teilnehmer/innen ein­heit­lich befolg­te Trends ver­stärk­ten dabei den uni­for­men Ein­druck die­ses Abends: so das bedau­er­li­cher­wei­se fast durch­gän­gig prak­ti­zier­te Ver­ste­cken der Chorsänger/innen hin­ter der Büh­ne; die Domi­nanz der Unschuld und Rein­heit sug­ge­rie­ren­den Far­be Weiß für die Gar­de­ro­be; das ger­ne genom­me­ne Ein­blen­den von Aus­schnit­ten der pro­fes­sio­nel­len Musik­vi­de­os oder von über­le­bens­gro­ßen Por­trät­fo­tos der Künstler/innen auf der LED-Wand im Hin­ter­grund sowie der gera­de­zu skla­visch befolg­te Mode­trend des Flan­king (die Kom­bi­na­ti­on von unsicht­ba­ren Snea­ker­so­cken und Hoch­was­ser­ho­sen zum Zwe­cke des kecken Her­zei­gens eines Strei­fens Bein­flei­sches in Höhe der Fes­seln).

Zwei­ein­vier­tel Stun­den vol­ler hoch­pro­fes­sio­nel­ler TV-Unter­hal­tung: das kom­plet­te ers­te Semi­fi­na­le 2017

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Euro­vi­si­on Death­match #19: Dude sings like a Lady

Cele­bra­te Diver­si­ty”“Fei­ert die Viel­falt” ist das anspre­chen­de Mot­to des Euro­vi­si­on Song Con­test 2017. Die bei­den Landesvertreter/innen, die heu­te in unse­rem Leser/innenspiel in den Ring stei­gen, tra­gen hier­zu beson­ders bei. Sie tre­ten mit Songs an, die unter­schied­li­cher nicht sein könn­ten, und doch eint sie – neben ihrer Jugend – eine gemein­sa­me Beson­der­heit, die ich mal keck als Trans­gen­der-Gesang bezeich­nen will: eine Stimm­la­ge, die vor­der­grün­dig nicht sofort mit dem bio­lo­gi­schen Geschlecht des Inter­pre­ten har­mo­nie­ren will. Es beginnt – Ladies first – die Bel­gie­rin Ellie Del­veaux, die sich den so gar nicht zu ihrem zar­ten Alter von nur 16 Len­zen pas­sen­den Künst­le­rin­nen­na­men Blan­che zuleg­te, für nicht mehr ganz so tau­fri­sche Fans wie mich natür­lich für immer untrenn­bar mit der män­ner­ver­schlin­gen­den Mit­be­woh­ne­rin der lus­ti­gen, in Mia­mi behei­ma­te­ten Alters-WG der Gol­den Girls ver­bun­den. Schon mal der ers­te inne­re Wider­spruch, zu dem noch etli­che hin­zu­kom­men: das Video zu ihrem fan­tas­ti­schen Elek­tro-Track ‘City Lights’ spielt in einer her­un­ter­ge­kom­me­nen, unwirt­li­chen Beton­ku­lis­se, die irgend­wo im Nie­mands­land zu ste­hen scheint – nur nicht in der hell illu­mi­nier­ten Groß­stadt, deren Neon­be­leuch­tung Blan­che im Titel besingt. Ein ele­gant durch die Kulis­se schwe­ben­der Licht­ball sorgt für Span­nung und macht das Set­ting über­haupt erst aus­halt­bar – sein Sinn erschließt sich aller­dings genau so wenig wie der des kryp­ti­schen Tex­tes, bei dem nie so ganz klar wird, ob die Inter­pre­tin hier eine Bezie­hung the­ma­ti­siert (und falls ja, ob die­se am Beginn, am Ende oder irgend­wo dazwi­schen steht) oder ein apo­ka­lyp­ti­sches Sze­na­rio. Für die meis­te Gän­se­haut sorgt aber ihre äußerst dunk­le Stim­me, die, um im Gol­den-Girls-Ver­gleich zu blei­ben, tat­säch­lich zu der eher mas­ku­lin wir­ken­den Doro­thy pas­sen wür­de als zur Süd­staa­ten-Schön­heit Blan­che. Sie steht in reiz­vol­lem Kon­trast zum atmo­sphä­risch schwe­ben­den, trei­ben­den Musik­bett und ver­leiht ihrem Song eine gera­de­zu hyp­no­ti­sche, nun­ja: Tie­fe.

Ganz allein in der Gefah­ren­zo­ne: Blan­che schreckt so schnell nichts (BE)

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Bel­gi­en 2017: Serious for the Win­ter Time

Bereits ges­tern Abend sicker­te der für heu­te Mit­tag zur offi­zi­el­len Ver­öf­fent­li­chung ange­kün­dig­te bel­gi­sche Bei­trag zum Euro­vi­si­on Song Con­test 2017 durch, und seit­dem sind die inter­na­tio­na­len Fans völ­lig aus dem Häus­chen. Und das zu Recht: ‘City Lights’, so der Titel des Songs der vom wal­lo­ni­schen Sen­ders RTBF bereits vor ewi­gen Zei­ten intern bestimm­ten Ver­tre­te­rin Ellie Delva­ux ali­as Blan­che, beför­dert nicht von unge­fähr Asso­zia­ti­on zu Loïc Not­tets eben­falls hoch gehan­del­tem Meis­ter­werk ‘Rhythm insi­de’ (→ BE 2015) und über­zeugt auf gan­zer Linie. Das bal­la­desk begin­nen­de, dann aber durch einen so unauf­dring­li­chen wie trei­ben­den Rhyth­mus unter­leg­te, atmo­sphä­risch dich­te Stück ver­fügt über eine gera­de­zu hyp­no­ti­sche Qua­li­tät, die zum einen vom voka­len Wech­sel­spiel der Inter­pre­tin her­rührt, die mit ver­schie­de­nen Stimm­la­gen, von dun­kel­ge­färbt-andro­gyn bis zu hell und lieb­lich, mit und gegen sich selbst singt (es bleibt, wie beim kroa­ti­schen Kol­le­gen Jac­ques Hou­dek, die Fra­ge, ob das auch mit einer Backing­sän­ge­rin unter Live-Bedin­gun­gen so gut funk­tio­niert); zum ande­ren vom unbe­stimmt-düs­te­ren Text, der von Gefah­ren­zo­nen, Stür­men und Ver­lust berich­tet und dabei offen lässt, ob es um eine Bezie­hung geht oder ein apo­ka­lyp­ti­sches Stim­mungs­bild der aktu­el­len Lage in Euro­pa gezeich­net wer­den soll. Jeden­falls löst der bel­gi­sche Bei­trag, auch wenn ihm im letz­ten Drit­tel noch ein biss­chen zusätz­li­che musi­ka­li­sche Dyna­mik fehlt, gera­de ein Erd­be­ben in den Wett­bü­ros aus und dürf­te mit Sicher­heit um eine vor­de­ren Platz in Kiew mit­spie­len.

Tani­ta Tika­rams Stim­me, gefan­gen im Kör­per von Sien­eke (NL 2010): das ist Bel­gi­ens Blan­che

Bel­gi­en ist sicher im Fina­le. Spielt es auch um den Sieg mit?

  • Ja und ja. Ein her­vor­ra­gen­des und zeit­ge­mä­ßes Pop­stück. Ein Sieg ist zumin­dest nicht aus­zu­schlie­ßen. (35%, 84 Votes)
  • Ich wäre mir da nicht so sicher. Da hängt viel von der Live-Prä­sen­ta­ti­on ab, das kann noch gehö­rig in die Hose gehen. Abwar­ten. (28%, 66 Votes)
  • Den Sieg kann Fran­ces­co Gab­ba­ni bis­lang kei­ner weg­neh­men, auch Blan­che nicht. Für einen vor­de­ren Final­platz reicht es aber alle­mal. (27%, 65 Votes)
  • Ich kann die Fas­zi­na­ti­on nicht nach­voll­zie­hen. Das ist ziem­lich flach und zün­det nicht. Ich sehe es noch nicht mal im Fina­le. (9%, 22 Votes)

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