Deutschland 2017: hello last Place, my old Friend

Der NDR lernt es einfach nie. Zehn Kombinationen von Künstler/in und Song wären bei Unser Song 2017 heute Abend theoretisch möglich gewesen, mit zweien davon hätten wir unter Umständen in Kiew mehr als null Punkte holen können: ‚Wildfire‘ in der fröhlichen Uptempoversion von Felicia Lu Kürbiß, die sie aber erst gar nicht vorstellen durfte, weil sie sich den falschen Cover-Song für die Vorstellungsrunde ausgesucht hatte, und ‚Perfect Life‘ in der Fassung von von Axel Feige. Beide blieben aufgrund des absolut albernen Auswahlverfahrens jedoch unterwegs auf der Strecke. Stattdessen bestritt Levina Lueen alleine mit beiden Titeln das völlig antiklimatische Superfinale, und dass es am Ende mit 69% der abgegebenen Zuschauerstimmen ‚Perfect Life‘ wurde, spielte dann schon keine Rolle mehr. Denn bei aller berechtigten Begeisterung über die wirklich hervorragende stimmliche Leistung der blonden Bonnerin (die natürlich auch deswegen so glänzte, weil die drei anderen Küken, die wie aus der Mini Playback Show entliehen wirkten, ihr nicht das Wasser reichen konnten): musikalisch ebnete sie beide Songs, sowohl den ursprünglich flotten Poptitel ‚Wildfire‘ als auch das als kantige Bond-Ballade gedachte ‚Perfect Life‘, zu einheitlichem, tödlich langweiligen Midtemposeich ein, der mich persönlich null erreichte. Den ersten internationalen Fan-Reaktionen in den einschlägigen Foren zufolge übrigens auch die Menschen außerhalb Deutschlands nicht. Wir können uns also schon mal auf ein neuerliches Rendezvous mit unserem altbekannten Freund, dem letzten Platz im Finale, einstellen.

Perfektes Hintergrundgedudel fürs Einkaufsradio, aber kein ESC-Sieger: der deutsche Beitrag 2017

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Australien 2016: I’m a Daim from Down Under

Auch im zweiten Jahr ihrer Teilnahme bleibt die ehemalige britische Kolonie Australien ihrer Linie treu und schickt eine intern ausgewählte, beim Branchenriesen Sony unter Vertrag stehende, ehemalige Castingshow-Siegerin mit asiatischem Migrationshintergrund zum Eurovision Song Contest. Wie Unsere Bärtige Dame vom Grand Prix, Conchita Wurst (AT 2014), heute Vormittag mitteleuropäischer Zeit bei einem Gig in Sydney öffentlich verkünden durfte, vertritt die 27jährige, offenbar von buchstabierschwachen, auf Schokoriegel fixierten Eltern getaufte Dami Im den fünften Kontinent in Stockholm. Sie gewann 2013 die fünfte Staffel von X-Factor und landete mit ihrem Siegersong ‚Alive‘ einen Nummer-Eins-Hit. Auch ihre Nachfolgesingles konnten sich noch gut in den australischen Charts platzieren. Damis Vorgänger Guy Sebastian, selbst ein Idol-Gewächs, saß übrigens bis zum Jahr vor Damis X-Factor-Teilnahme dort in der Jury, wohin er auch 2016 zurückkehrt. Während er über malaysische Wurzeln verfügt, zog Dami mit neun Jahren von Südkorea nach Australien. Einer kurzen Youtube-Sichtung nach verfügt sie über eine starke Stimme, teilt aber die Unart so viele ihrer Kolleginnen, das von ihr dargebotene Liedgut, insbesondere bei Coverversionen, nicht im Sinne seines emotionalen Inhalts zu interpretieren, sondern lediglich als Vorlage für möglichst beeindruckende Vokalakrobatik zu mißbrauchen. Wie man beispielsweise an der schrecklichen ‚Jolene‘-Akustik-Version hören kann, dem auch im Pausenprogramm von Unser Lied für Stockholm von den Common Linnets dargebotenen Dolly-Parton-Klassiker, bei dem ihr im Gegensatz zu Ilse DeLange jedes Gefühl für die Dramatik der Textzeilen abgeht. Aber lassen wir uns (im Zweifel positiv) überraschen: Frau Ims Eurovisionsbeitrag soll am 11. März 2016 veröffentlicht werden. So oder so: schön, dass das Land wieder dabei ist!

Die Informelle Mitarbeiterin Dami (AU, Repertoirebeispiel)

Enchantée d’Autriche: die Ösis geben uns Zucker!

Es war der Abend der Brautkleider beim heutigen Alpenvorentscheid: fast alle Sängerinnen gingen in Hochzeitsrobe an den Start bei Wer singt für Österreich? Zwei von ihnen standen sich am Ende im Superfinale gegenüber, und im Gegensatz zum Vorjahr, wo sie die putzige Bandleadertochter auf den dritten Rang verbannten und so ihr Null-Punkte-Schicksal besiegelten, entschieden sich die Zuschauer/innen diesmal ausnahmsweise richtig und wählten Zoë Straub zu ihrer Repräsentantin. Die auch wohlweislich aus den Fehlern des Vorjahres gelernt hatte und ihr charmantes Chanson ‚Loin d’ici‘ diesmal komplett in französischer Sprache vortrug (2015 verdarb sie sich noch durch einen Wechsel ins Englische selbst die Chancen). Ihr Auftritt erinnerte optisch ein wenig an Flor-de-Lis (PT 2009): elfengleich stand sie vor einem Pop-Art-bunten Wiesenhintergrund, der wohl auch durch die zahlreichen Zauberpilze inspiriert gewesen sein dürfte, die im Laufe der drei Minuten an uns vorbeizogen. Drei Minuten, welche die arme Zoë auf dem vom Bühnennebel verdeckten Laufband absolvieren musste. Half aber: es unterstützte optisch den Schwung des zuckersüßen Gute-Laune-Liedchens, mit dem der Finaleinzug für unsere Lieblingsnachbarn gesichert ist. Hurra!

Ich kann mich gar nicht entscheiden, ist alles so schön bunt hier!

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Perlen der Vorentscheidungen: mundgeschälte Bananen aus Israel

Früher einmal stand das englische Wörtchen „gay“ sowohl für „schwul“, als auch – im Originalsinne – für „fröhlich“. Das scheint lange her: mittlerweile hat sich bei vielen Berufshomos leider eine nervtötende Humorlosigkeit breit gemacht, wie sich am Beispiel der gerade laufenden israelischen Vorentscheidung Rising Star zeigt. Dort kam der junge Künstler Maor Gamliel eine Runde weiter, mit einem Song, der sich nach meinem Empfinden in freundschaftlich-neckender Weise über einen Schrankschwulen lustig macht. ‚Moshiko‘, so der Name des titelgebenden Homos, „liebt Ärsche“, „treibt keinen Sport“, hält sich aber ständig im Umkleideraum auf, „lässt die Seife fallen“, „schält Bananen mit dem Mund“ und sollte sich endlich outen, fordert Maor. Denn, auch so heißt es im Songtext, „schwul ist cool“ und es „gibt kein falsch oder richtig“. Letzteres sah der israelische Schwulen- und Lesbenverband jedoch anders und rief zu offiziellen Beschwerden über die Ausstrahlung des Titels im Fernsehen auf. Erfolgreich: 200 Klagen gingen bei der zuständigen Programmbehörde ein, die den Fall nun prüft, wie die britischen Pink News heute berichten.

Lustig oder verletzend? Maor sorgt für Kontroversen

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Schlechte Wurst-Parodie sorgt für Kontroverse

„Nachahmung ist die höchste Form der Anerkennung“, dieses Zitat wird Oscar Wilde zugeschrieben. Ob das auf den vorliegenden Fall zutrifft, darüber kann man sich streiten. Wie esctoday heute berichtete, ging vor wenigen Tagen im französischen Fernsehen im Rahmen einer Satiresendung ein Videoclip des Comedians Florent Peyre über den Sender, in dem er sich als Conchita Wurst verkleidet und auch einige Szenen ihres Clips zu ‚Rise like a Phoenix‘ zitiert. Als musikalische Vorlage für seine Parodie nutzte er das Lied ‚Color Gitano‘ des französischen Top-Stars Kendji Girac, der bis vor wenigen Wochen noch gerüchteweise selbst als möglicher (Wunsch-)Vertreter der Grand Nation gehandelt wurde, aber zwischenzeitlich absagte. Den Text arbeitete Peyre, der unter dem Namen Kendji Wurst auftrat, in mäßig bis gar nicht lustige Zeilen  wie „C’est une façon de voir la vie, avec des seins et un zizi“ („Es ist eine Art, das Leben zu sehen, mit Brüsten und einem Puller“) um. Als Stein des Anstoßes erwies sich aber insbesondere der Songtitel ‚Travelo‘.

Eine transphobe Hommage?

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A Touch too much: das Finale 2015

Okay, ich geb’s zu: sie kommt ein bisschen spät, diese Besprechung. Direkt nach dem Finale im Mai ging das Buch vor und danach brauchte ich erst mal ein bisschen Abstand. Mit eben diesem Abstand habe ich mir nun, mehr als zwei Monate nach dem eigentlichen Event, die TV-Aufzeichnung des von mir live besuchten Jubiläums-Contests angeschaut. Und prompt stellte es sich wieder ein: dieses schon ihn Wien sehr subtil vorhandene Gefühl, dass es des Guten einfach irgendwie zu viel war. Zu viel von allem: zu viel Sendung (geschlagene vier Stunden ging die Show diesmal), zu viele Lieder (27, so viele wie noch nie zuvor im Finale), zu viele Moderatorinnen („Dreieinhalb“, wie es Barbara Schöneberger in der Anmoderation der deutschen Punktevergabe so neckisch zusammenfasste), zu viel LED-Hintergrundanimationen, viel zu viele Balladen (der unheilvolle Einfluss der Jurys), zu viel Pomp, zu viel Schwermut (als ständig wiederkehrende Themen dominierten Krieg, innere Dämonen und dunkle Geheimnisse), zu viel clevere Choreografie, zu viel Politik, zu viel beschworene heile Welt und Gemeinschaftsgefühl. Jedes davon für sich genommen großartig, gut gemacht, unterhaltsam und erfreulich, und doch blieb in der Summe eine so merkwürdige wie unbestimmte Mischung aus Übersättigung und leichter Enttäuschung. Vielleicht durch nichts so gut illustriert wie durch den offiziellen Siegertitel.

Wieso trug das Zeichentrickmännchen eine Hitlerfrisur? War das der besungene „Dämon“ in Monzis Seele? (SE)

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Schweden 2015: We are the People with Sand

Es war das antizipierte Ergebnis, vielleicht sogar noch deutlicher als erwartet: der sehr selbstverliebte, aber auch sehr hübsch anzuschauende Måns Zelmerlöw gewann heute Abend die wichtigste Vorentscheidung der Saison, das schwedische Melodifestivalen, mit dem Musterbeispiel eines perfekten Popsongs: ‚Heroes‘ bietet einen sanften, leicht countryesken Einstieg; einen süffigen, sofort eingängigen Refrain; absolute Mitsingbarkeit; ein gefälliges Thema, sogar mit ganz leisen, dunklen Untertönen für den Anspruch; uptemporäre Tanzbarkeit (das dürfte im Euroclub mindestens einmal die Stunde laufen) und eine grandiose Show. Eine so eindrückliche Show übrigens, dass sie noch für Debatten sorgen dürfte, ob die Zuschauer für Måns oder die zum Verlieben niedlichen Zeichentrick-Heinzelmännchen anriefen, mit denen er perfekt interagierte. Unwillkürlich fühlt man sich an Mika Newton (UA 2011) erinnert, die Sängerin mit der Sandmalerin, die in Düsseldorf bei den Proben Anke Engelke zu der Parodie ‚We are the People with Sand and we draw the Sand‘ hinriss. Doch das ist Quatsch, in mehrfacher Hinsicht.

Måns zum Rumsauen, die Heinzelmännchen zum Saubermachen: perfekt!

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Österreich 2015: They’re beautiful

Österreich bleibt dem Bart treu: drei extrem gut aussehende junge Herren, allesamt mit schmückender Gesichtsbehaarung ausgestattet, treten in Wien die Nachfolge von Conchita Wurst (als Repräsentantin Austrias) an. Zu meinem großen Bedauern tun das The Makemakes, so der Name der heute Abend siegreichen Band, mit einer pianolastigen, in enervierend hoher Stimmlage intonierten Rockballade, die mich an mein absolutes musikalisches Top-Hassobjekt erinnert, das winselige britische Weichei James Blunt nämlich. Obschon, ein bisschen klingt ‚I am yours‘ auch nach Coldplay, einer Kapelle, die ich kein Jota weniger verabscheue. Was diese beiden Acts allerdings vereint, ist ihr durchschlagender kommerzieller Erfolg, und auch für die sehr selbstbewusst auftretenden Machmacher und ihren hochgradig professionell dargebotenen Beitrag sollte ein Top-Ten-Ergebnis auf heimischem Grund (und ein potentieller Eurohit) im Rahmen des Möglichen liegen.

Nein, es ist der holländische Amish-Mann vom Vorjahr! The Makemakes

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DVE 2015: You can win if you want

Er geht als einer der großen, historischen Ereignisse in die deutsche Grand-Prix-Geschichte ein: der überraschende Moment, als der Sieger eines über weite Strecken musikalisch langweiligen, wenn auch glanzvoll produzierten Vorentscheids nach seiner Akklamation die Krone zurückgab und erklärte, die Publikumswahl nicht anzunehmen.  Er sei nur „ein kleiner Sänger“ und die Zweitplatzierte Ann Sophie Dürmeyer „viel geeigneter und qualifizierter,“ das Land in Wien zu vertreten, sprach USFÖ-Gewinner Andreas Kümmert der Moderatorin Barbara Schöneberger ins Mikrofon. Womit er zweifellos Recht hat: die 24jährige gebürtige Londonerin gewann bereits die Wildcard aufgrund ihrer selbst attestierten Eigenschaft als „Rampensau“. Sie brennt für den Wettbewerb, dem bodenständigen Kümmert scheint die große Glitzermaschine Song Contest eher Angst zu machen. Wusste er von der unlängst aufgedeckten Verschwörung der Grand-Prix-Fans gegen hässliche mittelalte Männer? Oder erkannte der wie Catweazle aussehende Franke mit der Joe-Cocker-Röhre schlicht in allerletzter Sekunde, dass er einfach nicht für die große Bühne gemacht ist?

Der Notnagel zu sein: Ann Sophie Dürmeyer kümmert’s wenig

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Ich bin die Schweiz, holt mich hier raus! (CH 2015)

Als hätten sich die Programmplaner von RTL und dem Schweizer Fernsehen SRF abgesprochen, gingen auf deren Kanälen gestern Abend zeitlich perfekt aufeinander abgestimmt die Finalsendungen zweier Shows über die Sender, die mit ihrem sonst üblichen Suhlen im Trash und dem gnadenlosen öffentlichen Vorführen verzweifelter Has-Beens wie Lys Assia (CH 1956, 1957, 1958, VE 2012) oder Costa Cordalis (DVE 1980, 1983) bestens dazu geeignet sind, dem von der Winterdepression gepeinigten Publikum den unerträglichsten Monat des Jahres durch eine gehörige Portion an Schadenfreude zu versüßen, diesmal jedoch auf voller Linie versagten, weil spätestens mit der Nominierung der Finalisten jegliches Mitfiebern verflogen und die unendliche Ödnis vorprogrammiert war. Während im Dschungelcamp mit der ehemaligen Glücksrad-Buchstabenumdreherin Maren Gilzer unter den verbliebenen Langweilern wenigstens noch die sympathischste gewann, schafften es die Schweizer hingegen mal wieder, zielsicher ins Klo zu greifen und unter den sechs ausgesiebten Kandidaten für Die große Entscheidungsshow mit Mélanie René die sicherste Anwärterin für das erneute, verdiente Ausscheiden im Semi herauszupicken.


Jade Ewen (UK 2009) hat angerufen und will ihren Act zurück

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