Die Jury: Power to all my Friends?

Langjährige Leser/innen dieses Blogs werden mit meiner beinahe schon ans Pathologische grenzenden Ablehnung der Jury beim Eurovision Song Contest vertraut sein. Doch bekanntlich ist der Kopf rund, damit das Denken seine Richtung wechseln kann, und nicht zuletzt der Sieg des Portugiesen Salvador Sobral beim ESC 2017 in Kiew wirft ein neues Licht auf die Frage, ob die Institution in einem gewissen, streng abgegrenzten Rahmen nicht sogar doch ihre Berechtigung haben könnte: bei den nationalen Vorentscheiden nämlich! Man mag es sich kaum ausmalen, aber Europa hätte den wunderbar verschrobenen Jazz-Schlumpf aus Lissabon niemals kennengelernt (und Portugal, das aufgrund seiner chronisch schlechten Ergebnisse erst 2016 eine einjährige Schmollpause einlegte, vermutlich weitere 53 Jahre auf seinen ersten Eurovisionssieg gewartet), wäre es nach dem Willen des heimischen Publikums gegangen. Das nämlich zog sowohl im ersten Semi als auch im Finale des dortigen Vorentscheids Festival da Cançāo das schauderhaft anzuschauende und anzuhörende Trio Viva la Diva mit dem rundweg brechreizerregenden Popera-Titel ‚Nova Glória‘ dem so sanften wie bezaubernden Liebessehnen Salvadors vor, was einen ein wenig an der geistigen, vollends aber an der geschmacklichen Zurechnungsfähigkeit der Portugiesen zweifeln lässt. Nur das beherzte Eingreifen der Juroren, welche den entsetzlichen Diva-Driss vorsichtshalber auf den fünften Platz abwerteten, sicherte den Gesamtsieg Sobrals und muss im Hinblick auf das Endergebnis als die glücklichste Entscheidung bezeichnet werden, die jenes Organ jemals fällte.

Ist uns gerade nochmal erspart geblieben, und den Portugiesen damit ein erneutes Ausscheiden im Semi: Viva la Diva. Danke, Jury!

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Dem Arsch von Kiew droht der Knast

Wer vergangene Samstagnacht während der Wertungspause beim Finale des 62. Eurovision Song Contest in Kiew gerade kurz mit der Stimmabgabe, dem Plaudern mit Freunden oder dem Getränkenachschub beschäftigt war oder auch nur kurz blinzelte, verpasste womöglich die ärgerlich-unterhaltsamsten fünf Sekunden der gesamten Show: während die Vorjahressiegerin Jamala gerade ihre spektakulär langweilige und musikalisch erstaunlich farblose neue Single ‚I believe in U‘ vorstellte, enterte ein mit der australischen Flagge umhüllter Mann urplötzlich die Satellitenbühne, umtänzelte kurz die ukrainische Sängerin (die sich nichts anmerken ließ und ihren Auftritt professionell weiter durchzog), um dann überraschend blankzuziehen und seinen Allerwertesten in die Kamera zu strecken. So schnell, wie er kam, war er auch wieder weg: nur Sekunden später zog ihn die Security von der Bühne. Noch in der Nacht stellte sich heraus, dass es sich nicht, wie zunächst vermutet, um einen Fan-Hooligan aus Down Under handelte (wie auch, ein echter Grand-Prix-Fan würde so etwas Affiges niemals tun!), sondern um einen professionellen Störer. Vitalii Sediuk heißt der Mann, ein ehemaliger ukrainischer TV-Journalist, der seine massive Profilneurose auslebt, in dem er weltweit nichts Böses ahnende Prominente belästigt und für Tumulte bei glamourösen Veranstaltungen sorgt. Er vergrub unter anderem schon sein Gesicht im Schritt von Leonardo DiCaprio und versuchte, Kim Kardashians extraordinären Hintern zu küssen. Nun drohen ihm bis zu fünf Jahre Haft, wie unter anderem der Spiegel unter Bezug auf die Nachrichtenagentur dpa kolportiert. Der von der internationalen Blamage erboste ukrainische Innenminister bezeichnete den offenbar sozial gestörten Mann bereits als „Schande des Landes“. Bei Sediuk handelt es sich nicht um den ersten Eurovisionsflitzer: bereits 2010 enterte der Spanier Jaume Marquet während des Auftritts seines Landsmannes Daniel Diges beim ESC in Oslo die Bühne und fügte sich für wenige Takte in die Harlekin-Choreographie des iberischen Walzers ‚Algo Pequeñito‘ ein, ohne allerdings irgendwelche Körperteile zu entblößen. Marquet kam seinerzeit mit einer milden Geldbuße davon.

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Finale 2017: Gift im Instrument

Es war ein denkwürdiger Abend der Verzauberung am gestrigen Samstag in Kiew. Ein Mann schaffte es, einem ganzen Kontinent den Kopf zu verdrehen und Millionen von Menschen tief in ihren Herzen berühren. Und das mit einer extrem zurückgenommenen Inszenierung und einem völlig aus der Zeit gefallenen Lied, das klang, als sei es für eine romantische Filmschnulze aus den Fünfzigerjahren geschrieben worden, bei dem man im eigenen Kopfkino die junge Audrey Hepburn mit tränenvernebeltem Blick durch das schwarzweiß fotografierte Lissabon spazieren sehen konnte. Salvador Sobral, so der Name des koboldhaften jungen Portugiesen, verweigerte sich als Einziger der 26 Finalacts der Nutzung der gigantischen, futuristisch aufgebrezelten Showbühne im Internationalen Ausstellungszentrum der ukrainischen Metropole und sang stattdessen inmitten des andächtig schweigenden, von seiner intimen Darbietung ebenso wie die Fernsehzuschauer/innen tief ergriffenen Hallenpublikums auf der kleinen Satellitenbühne stehend seine zerbrechliche, hauchzarte Trennungsschmerzballade ‚Amar pelos Dois‘, ein flehendes Abschiedslied an seine Verflossene, in welcher er in poetischen Worten seine Trauer, seine noch immer sanft glimmende Hoffnung auf eine Rückkehr der Geliebten und seine Entschlossenheit, seine Liebe niemals sterben zu lassen, vor uns ausgoß. Was ich im Übrigen nur weiß, weil ich die Übersetzung seines in Landessprache verfassten Songtextes gegoogelt habe. Doch die Sprachbarriere spielte keine Rolle: auch ohne ein Wort zu verstehen, konnte man die mit dem Lied verbundenen Emotionen fühlen, ja geradezu mit Händen greifen. Die Bildregie des veranstaltenden Senders blendete im Anschluss an seinen Auftritt in den Green Room, wo sich die armenische Teilnehmerin Artsvik Harutyunyan gerade ein Tränchen aus dem Auge wischte und damit wohl auf den Punkt brachte, was wir alle (oder jedenfalls alle mit einem offenen Herzen) in diesem Moment empfanden. Es war eine seltener Moment der Überwältigung, ein Sieg der „Musik, die wirklich etwas ausdrückt,“ wie der portugiesische Adelsspross sagte, als man ihn am Ende des Abends zur Reprise auf die Bühne holte.

Jackett frisst Künstler: Hutzelmännchen Salvador überzeugte dennoch (PT)

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Eurovision Deathmatch #3: I heard it all before

Runde 3 im Zweikampf der Grand-Prix-Teilnehmer/innen 2017. Diesmal schicken wir zwei Künstler/innen in die tödliche Schlacht, die es in Sachen musikalischer Originalität nicht all zu genau nehmen: Zypern gegen Deutschland oder der Zweikampf der „Plagiat!“-Titel lautet unsere heutige Auslosung. Für die sonnige Mittelmeerinsel tritt der 28jährige Hovig Demirjan an, Sohn armenischer und zyprischer Eltern, der – wie so viele Andere – erstmalig durch eine Teilnahme an einer Castingshow (in seinem Falle: X Factor Ellada) ins Rampenlicht trat. Der optisch durchaus kernige, dafür stimmlich nicht unbedingt besonders gesegnete Sänger bediente sich für seinen Eurovisionsbeitrag ‚Gravity‘ unverkennbar am 2016er Monsterhit ‚Human‘ von Rag’n’Bone Man. Dabei steht das brandaktuelle Klanggerüst dem Titel sehr gut, insbesondere die charakteristischen, verschleppten Beats verleihen dem mit lediglich 75 BPM eigentlich extrem langsamen Song (zum Vergleich: die portugiesische Ballade ‚Amar pelos Deus‘ ist mit 92 Schlägen pro Minute deutlich schneller) einen ordentlichen Schub. Textlich kann Hovig mit seinem großen Vorbild allerdings nicht mithalten: handelt ‚Human‘ von großen Themen wie menschlicher Ambivalenz, Schuld und der Überforderung durch die Kompliziertheit der Welt, so reiht der Zyprer in ‚Gravity‘ lediglich Klischees aneinander – und kriegt noch nicht mal das Sujet richtig auf die Reihe: „Let me be your wings / When you’re flying high / I’m gonna raise you up till you touch the sky,“ beginnt der Refrain, „I’ll catch you when you fall / When you’re falling free / Let me be, be your gravity“. Nun ist die Schwerkraft meinen rudimentären Physik-Kenntnissen zufolge doch eigentlich genau das, was uns am Fliegen hindert. Und was dafür sorgt, dass wir stürzen und uns beim Fallen weh tun. Wenn Hovig unsere Schwingen sein und unseren Sturz abfedern möchte – ist er dann nicht das genaue Gegenteil dessen, was er besingt?

Hat im Unterricht wieder nicht richtig zugehört: Hovig (CY)

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Namasté oweh: die Eurovisionsremixe 2017, Part 2

Nachdem in den vergangenen Monaten innerhalb der nunmehr abgeschlossenen Vorentscheidungssaison 2017 nach und nach alle 43 Beiträge für den Eurovision Song Contest 2017 in Kiew ausgewählt wurden, trafen in der vergangenen Woche, rund um die Deadline für das Einreichen der Lieder bei der EBU, diverse Remixe der bereits feststehenden Titel ein, die es hier noch zu besprechen gilt. Dazu zählt natürlich in erster Linie die unvermeidliche Überarbeitung des albanischen Songs. Der hieß, als er Ende Dezember 2016 das heimische Festivali i Kënges gewann, noch ‚Botë‘: eine hochdramatische, verschwenderisch orchestrierte Grand-Prix-Ballade in Landessprache, die von dem stimmsicher, präzise und mit Hingabe dargebotenen Gekreische seiner Interpretin lebt, sowie von den sehr präsenten und eindrucksvollen Chorsängerinnen, die Linditas lautstarkes Klagen mit einer Art schmerzvoll-dunklem Grundbrummen aufs Wunderbarste kombinieren. Der nun präsentierte, unvermeidlicherweise enttäuschende ESC-Remix mischt letzteres bis an die untere Grenze der Wahrnehmbarkeit herunter, hallt und donnert dafür die Leadstimme gigantisch auf, was dem Lied ein wenig die Balance nimmt. Als viel schlimmer erweist sich jedoch die Sprachwahl: während Instrumentierung und Länge praktisch unverändert bleiben (‚Botë‘ beachtete, extrem ungewöhnlich für einen albanischen Song, bereits in der FiK-Fassung die magische → Drei-Minuten-Grenze), singt Frau Hamili den Beitrag in Kiew, wie üblich und wie bereits angekündigt, unter dem neuen Titel ‚World‘ auf Englisch.

Gleicht ertrinkt sie in ihrem eigenen Echo: Lindita (AL)

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NDR holt professionelle Hilfe für Levina

Es ist ein rundheraus löblicher Schritt: wie der Prinz-Blog gestern berichtete, hat der NDR für die professionelle Inszenierung des deutschen Eurovisionsauftritts in Kiew einen Meister seines Fachs beauftragt: den österreichischen Choreografen Marvin Dietmann nämlich. Der zeichnete bereits 2014 für das herausragende Staging von Conchita Wursts ‚Rise like a Phoenix‘ verantwortlich, das er effektiv und hochwertig in Szene setzte und damit einen nicht unerheblichen Anteil an dem Sieg der Grand-Prix-Ikone für sich reklamieren kann. Dietmann, der die fünf deutschen Kandidat/innen bereits im Vorfeld von Unser Song 2017 kennenlernte, soll nun für unsere Vertreterin Levina Lueen ein Staging konzipieren, mit dem wir nach Möglichkeit international positiv im Gedächtnis bleiben. Dass der Sender die Wichtigkeit des Bühnenbildes und der Songpräsentation überhaupt anerkennt und auch bereit ist, dafür Geld in die Hand zu nehmen (denn ein so erfahrener und vielgebuchter Choreograf ist sicherlich nicht für Peanuts zu bekommen), verdient Anerkennung. Das gilt in ähnlicher Weise ebenso für das heute vorgestellte Musikvideo zum deutschen Wettbewerbsbeitrag ‚Perfect Life‘, auch wenn dieses für den Erfolg in Kiew eine nur untergeordnete Rolle spielt. Dennoch ist es erfreulich, dass man den früher gerne gemachten Fehler vermied, direkt im Anschluss an die Vorentscheidung in der gleichen Nacht und im gleichen Studio noch schnell ein entsprechend lieblos hingerotzt wirkendes Video herunterzukurbeln, wie beispielsweise seinerzeit bei Lena (→ DE 2010). Oder sich den Aufwand gleich ganz zu sparen und den Live-Mitschnitt vom Vorentscheidungsauftritt bei der EBU als offizielles Präsentationsvideo einzureichen, während viel kleinere und finanzschwächere Länder aufwändig produzierte Clips herstellen ließen, was bei mir stets für nationale Beschämung sorgte. Ob es (auch) mit einem Wechsel der betreuenden Plattenfirma (von Universal zu Sony) zu tun hat, dass man sich in Hamburg diesmal mehr Mühe gibt?

Setzt nicht zwingend neue Maßstäbe, wirkt aber zumindest angenehm unpeinlich: das offizielle Musikvideo zum deutschen Beitrag 2017, ‚Perfect Life‘

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Deutschland 2017: hello last Place, my old Friend

Der NDR lernt es einfach nie. Zehn Kombinationen von Künstler/in und Song wären bei Unser Song 2017 heute Abend theoretisch möglich gewesen, mit zweien davon hätten wir unter Umständen in Kiew mehr als null Punkte holen können: ‚Wildfire‘ in der fröhlichen Uptempoversion von Felicia Lu Kürbiß, die sie aber erst gar nicht vorstellen durfte, weil sie sich den falschen Cover-Song für die Vorstellungsrunde ausgesucht hatte, und ‚Perfect Life‘ in der Fassung von von Axel Feige. Beide blieben aufgrund des absolut albernen Auswahlverfahrens jedoch unterwegs auf der Strecke. Stattdessen bestritt Levina Lueen alleine mit beiden Titeln das völlig antiklimatische Superfinale, und dass es am Ende mit 69% der abgegebenen Zuschauerstimmen ‚Perfect Life‘ wurde, spielte dann schon keine Rolle mehr. Denn bei aller berechtigten Begeisterung über die wirklich hervorragende stimmliche Leistung der blonden Bonnerin (die natürlich auch deswegen so glänzte, weil die drei anderen Küken, die wie aus der Mini Playback Show entliehen wirkten, ihr nicht das Wasser reichen konnten): musikalisch ebnete sie beide Songs, sowohl den ursprünglich flotten Poptitel ‚Wildfire‘ als auch das als kantige Bond-Ballade gedachte ‚Perfect Life‘, zu einheitlichem, tödlich langweiligen Midtemposeich ein, der mich persönlich null erreichte. Den ersten internationalen Fan-Reaktionen in den einschlägigen Foren zufolge übrigens auch die Menschen außerhalb Deutschlands nicht. Wir können uns also schon mal auf ein neuerliches Rendezvous mit unserem altbekannten Freund, dem letzten Platz im Finale, einstellen.

Perfektes Hintergrundgedudel fürs Einkaufsradio, aber kein ESC-Sieger: der deutsche Beitrag 2017

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Warum ich mich nicht auf Unser Song 2017 freue

In knapp viereinhalb Stunden ist es soweit: um 20:15 Uhr heute Abend startet im Ersten die deutsche Eurovisionsvorentscheidung, Unser Song 2017. Und man kann dem NDR nicht vorwerfen, dass er nicht versucht hätte, das Interesse zu wecken: seit Tagen wird die Eurovisionsapp beworben, mit der ausländische Grand-Prix-Fans ein Stimmungsbild erzeugen sollen, welcher der fünf potentiellen Vertreter/innen und welcher der von der sendereigenen Songfindungskommission ausgewählten zwei potentiellen Eurovisionsbeiträgen international am besten ankommt. Auf der offiziellen Senderseite sind Ausschnitte von den gestrigen Generalproben zu sehen, so dass wir uns schon mal einen Eindruck verschaffen können. Seit heute stehen alle zehn Versionen in der Studiofassung auf Spotify zum Anhören bereit. Die Cover-Songs für die Vorstellungsrunde stellten die Fantastischen Fünf in dieser Woche schon mal im ARD-Moma vor. Vorentscheidung also auf allen Kanälen. Und dennoch gab es im Vorfeld der nationalen Songauswahl selten so wenig medialen Wiederhall, vor allem aber so wenig Vorfreude bei mir persönlich auf die Sendung. Ich schau mir das heute Abend gewissermaßen aus professioneller Verpflichtung an, also weil ich muss. Aber auch wenn ich ungern den nörgeligen Spielverderber gebe: Lust drauf habe ich überhaupt kein bisschen. Woran liegt das? Der Versuch einer Analyse.

Die fabelhafte Conchita wirbt für die Eurovision-App

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Unser Song 2017: 6 Autoren, 5 Künstler, 4 Runden, 2 Songs, 1 App, 0 Landessprache

Heute präzisierte der NDR, wie der dreistündige Vorentscheid Unser Song 2017 am Donnerstag nächster Woche ablaufen soll. Außerdem wissen wir jetzt, dass der deutsche Beitrag für Kiew entweder ‚Wildfire‘ oder ‚Perfect Life‘ heißen wird. Beide Titel wurden von einem jeweils dreiköpfigen, schwerpunktmäßig US-amerikanischen Autorenteam geschrieben, was auch erklärt, warum sich erwartungsgemäß nichts Landessprachliches im Aufgebot befindet. Wie bereits bekannt, gibt es vier Abstimmungsrunden: zunächst treten alle fünf deutschen Nachwuchshoffnungen mit je einem Coversong ihrer Wahl auf. Für zwei von ihnen ist danach bereits Schluss: nur die drei Bestplatzierten in der Zuschauerabstimmung ziehen in die nächste Runde und stellen dort den ersten der beiden zur Wahl stehenden Songs vor, jede/r von ihnen in einem anderen, auf sie bzw. ihn zugeschnittenen Arrangement. Dann werden die Leitungen wieder geöffnet (Kosten je Anruf: 14 Cent, SMS 20 Cent), und jetzt kommen nur noch zwei Künstler/innen weiter. Die stellen im dritten Durchgang dann beide den zweiten potentiellen Eurovisionstitel vor, wiederum jede/r in ihrer oder seiner persönlichen Interpretation. Nun bestimmt das Publikum, welcher der beiden Songs, gesungen von welchem der beiden Übriggebliebenen, ihm am besten gefällt. Hier stehen also vier mögliche Kombinationen zur Auswahl: Sänger/in A mit ‚Wildfire‘, Sänger/in A mit ‚Perfect Life‘, Sänger/in B mit ‚Wildfire‘ und Sänger/in B mit ‚Perfect Life‘. Bis hierhin verstanden? Gut, denn wir sind noch nicht am Ende!

Eine der fantastischen Fünf: Helene Nissen, hier bei einem Auftritt vor zwei Jahren (Repertoirebeispiel)

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Springer-Schmierblatt ruiniert mal wieder Deutschlands ESC-Chancen

Die Bild kann das Wühlen im Dreck einfach nicht lassen: nachdem die Dortmunder Regionalausgabe von Deutschlands widerlichstem Revolverblatt über ein bevorstehendes Gerichtsverfahren der Eurovisionshoffnung Wilhelm „Sadi“ Richter berichtete und das Funke-Medien-Portal Der Westen die Story aufgriff, zog der talentierteste, aussichtsreichste und charismatischste der fünf vom NDR für den deutschen Vorentscheid Unser Song 2017 ausgesuchten Nachwuchskräfte heute seine Bewerbung zurück. „Berichte über mich verursachen gerade so viel Trubel – das möchte ich erst einmal klären und verarbeiten,“ sagte der 19jährige dem Hamburger Sender. „Ich bin selber verwundert, was mir vorgeworfen wird“. Dabei gehe es um Petitessen wie ein Ebay-Geschäft, bei dem die Ware angeblich nicht angekommen sein soll – wohlgemerkt erst mal nur eine Behauptung, an der nichts dran sein muss. Doch es ist verständlich, dass sich Sadi nicht in Ruhe auf seine Teilnahme am Vorentscheid vorbereiten oder dort eine fröhliche Performance abliefern kann, während die Springerpresse aus dem Hintergrund mit Schmutz wirft: „Ich hatte mich total auf die Teilnahme gefreut, möchte das aber nicht unter diesen Umständen machen. So kann ich nicht unbeschwert auftreten. Deshalb bin ich am 9. Februar schweren Herzens in Köln nicht dabei“. Damit macht die Bild erneut unsere Grand-Prix-Aussichten zunichte – wie schon 2002, als das Blatt mit einer gezielten Lügenkampagne über „Horror-Fans mit Übergewicht“ im Vorfeld der deutschen Vorentscheidung die Chancen der Kelly Family untergrub, um die unliebsame Konkurrenz gegen die hauseigene Kandidatin Isabel Soares, das „Fohlen vom Bohlen“, aus dem Weg zu räumen. Mit der Folge, dass am Ende Corinna May gewann und uns in Tallin blamierte. Der NDR benannte übrigens flugs eine Nachrückerin für Sadi: die 21jährige gebürtige Kölnerin Yosefin Buohler nämlich. Die blonde Halbschwedin, die derzeit in Stockholm lebt, präsentiert sich im Speed-Dating-Interview mit Bürger Lars Dietrich als supersymphatisch und schlagfertig, man hat sie nach zwei Sätzen bereits ins Herz geschlossen. Singen kann sie offensichtlich ganz gut, was sie 2014 bereits bei der schwedischen Ausgabe von DSDS unter Beweis stellte, wie auch im Jahr 2013, als sie vor dem Fußballländerspiel der deutschen Elf gegen Schweden die Nationalhymne intonierte. Dennoch: gegenüber dem von den Heckenschützen der Bild zu Fall gebrachten Dortmunder sind die nunmehr verbliebenen Kandidat/innen von Unser Song 2017 nur zweite Wahl. Super gemacht, Springerblatt!

Immerhin brüht sie nicht im Lichte dieses Glückes: Yosefin „Yo-Yo“ Buohler zerjodelt die deutsche Nationalhymne, sehr zur Freude von Thomas Müller, der sich königlich amüsiert.