DE 1970: Musst Du sie auch sehn!

Katja Ebstein, DE 1970
Die Welt­ver­bes­se­re­rin

Eine Ver­an­stal­tung wie ein Dro­gen­rausch: kurz, bunt und knal­lig. Der Kon­trast zur viel belä­chel­ten 1969er Klein­tier­züch­ter­ver­eins­vor­stands­sit­zung, eben­so wie die­se Show vom Hes­si­schen Rund­funk pro­du­ziert, hät­te nicht kras­ser aus­fal­len kön­nen. Nie­mals zuvor und nie wie­der danach atme­te eine deut­sche Euro­vi­si­ons­vor­ent­schei­dung so inten­siv den Duft der gro­ßen wei­ten Welt. Bezie­hungs­wei­se, prä­zi­ser gesagt: Lon­dons. Von dort her flog der hr die aus der bri­ti­schen Chart­show Top of the Pops bekann­te Tanz­for­ma­ti­on Pan’s Peop­le ein, die in den Wer­tungs­pau­sen anstel­le des preu­ßi­schen Ehe­paars Trautz das Publi­kum im Sen­de­stu­dio (und vor den Bild­schir­men) unter­hal­ten soll­te. Und wie sie das taten!

Im Spät­som­mer der Lie­be: Pan’s Peop­le 

Knal­lig bunt und auf­rei­zend knapp geklei­det, wir­bel­ten sie zu den Klän­gen der Beat­les bzw. des ‘Clap­ping Song’ der­art wild auf der Büh­ne her­um, dass sich die Zuschauer/innen vor lau­ter Far­ben und Bewe­gung auf einem LSD-Trip (oder zumin­dest im Afri-Cola-Rausch) wäh­nen muss­ten. Augen­schein­lich hat­ten die Leu­te des Pan dazu noch gleich das Frank­fur­ter Sen­de­stu­dio ein­ge­rich­tet, denn bunt und psy­che­de­lisch wirk­ten auch die Pro­jek­tio­nen auf der Video­lein­wand, vor der die Interpret/innen die­ser Vor­ent­schei­dung ihre Bei­trä­ge zum Bes­ten gaben. Selbst die sechs Titel, wenn­gleich text­lich alle­samt eher bana­le Lie­bes­schla­ger, wirk­ten doch durch ihren musi­ka­li­schen Vor­trag, nicht zuletzt durch die tat­kräf­ti­ge Hil­fe des beglei­ten­den Gün­ter-Kall­mann-Cho­res, der so spa­cig klang wie eben frisch von der Raum­pa­trouil­le ent­führt, gera­de­zu revo­lu­tio­när modern. Bereits die Eröff­nungs­se­quenz, eine ver­jazz­te (und somit bei­na­he erträg­li­che) Instru­men­tal-Inter­pre­ta­ti­on des letzt­jäh­ri­gen deut­schen Bei­trags ‘Pri­ma­bal­le­ri­na’ wies die Rich­tung.

Der swin­gen­de Topf­lap­pen: Mary Roos mit einer ihrer anbe­tungs­wür­dig läs­si­gen Per­for­man­ces, für die wir sie so sehr lie­ben

Die groß­ar­ti­ge, fan­tas­ti­sche, nicht hoch genug zu loben­de Mary Roos (→ DE 1972, 1984, Vor­ent­scheid 1975, 1982) eröff­ne­te das Feld mit Gran­dez­za. In einen rie­si­gen, hand­ge­hä­kel­ten, FDP-far­be­nen Topf­lap­pen gewan­det, mit gestuf­ter Kurz­haar­fri­sur und Ori­on-Eye­li­ner sah sie nicht nur extrem sty­lish aus, son­dern inter­pre­tier­te ihr fabel­haf­tes ‘Bei jedem Kuss’ auch noch der­ma­ßen über­trie­ben cool, als han­de­le es sich um eine Auf­for­de­rung zum Trend­club­hop­ping à la Petu­la Clark (‘Down­town’). Nichts schla­ger­haft Dump­fes haf­te­te die­sem Auf­tritt an, wie es in den Sech­zi­gern noch üblich war: hier begann eine neue deut­sche Euro­vi­si­ons­ära! Und das eher zufäl­lig: eigent­lich soll­te Edi­na Pop (→ Vor­ent­scheid 1972, DE 1979 als Teil von Dschinghis Khan) die Num­mer sin­gen, sie fiel jedoch kurz­fris­tig krank­heits­be­dingt aus. Mary sprang als Inter­pre­tin ein, was viel­leicht erklärt, war­um sie die­se fun­kelnd strah­len­de Vor­ent­schei­dungs­per­le lei­der nie auf Ton­trä­ger auf­nahm. Rober­to Blan­co (→ Vor­ent­scheid 1973, 1979), der “wun­der­ba­re Neger”, wie ihn der baye­ri­sche Innen­mi­nis­ter Joa­chim Herr­mann (CSU) in der TV-Quas­sel­bu­de Hart aber Fair ein­mal nann­te (ziem­lich hart, wenig fair), besang euro­vi­si­ons­ty­pisch die Lie­be in allen Spra­chen des Kon­ti­nents und wirk­te dabei gar nicht so sehr wie der spä­te­re Okto­ber­fest-Bier­zelt­stim­mungs­sän­ger, son­dern gera­de­zu jet­set­mä­ßig inter­na­tio­nal.

Auf dem Kur­fürs­ten­damm sagt man “ohne Gum­mi fuff­zig, mit drei­ßig”

Die nor­we­gi­sche Drei­fach-Reprä­sen­tan­tin Kirsti Spar­boe (→ NO 1965, 1967, 1969), die im Vor­jahr mit dem fröh­li­chen ‘Ein Stu­dent aus Upp­sa­la’ einen euro­pa­wei­ten Top-Hit lan­den konn­te, erschien eben­falls im quietsch­gel­ben Topf­lap­pen und gab einen von Dra­fi Deut­scher erdich­te­ten, schlim­men Schun­kel­schla­ger mit ver­klä­ren­der Pen­ner­ro­man­tik über das sor­gen­freie Leben der ach so glück­li­chen Ber­ber von Paris zum Bes­ten – da hat­te Dra­fi beim Tex­ten wohl dem fran­zö­si­schen Land­rot­wein Mar­ke “Penn­er­glück” etwas zu sehr zuge­spro­chen… Nach so viel Inter­na­tio­na­li­tät mute­te das 2007 ver­stor­be­ne Schla­ger­fos­sil Peter Beil (→ Vor­ent­scheid 1962, 1965) mit sei­nem drö­gen Anfor­de­rungs­ka­ta­log an mög­li­che Gespie­lin­nen, ‘Rote Augen, brau­ne Lip­pen und kas­ta­ni­en­blau­es Haar’ (oder so ähn­lich), doch ein wenig pro­vin­zi­ell an. In dem zeit­sprung­haft moder­nen Umfeld des dies­jäh­ri­gen Vor­ent­scheids fühl­te er sich wohl der­ge­stalt ver­un­si­chert, dass er sich wäh­rend des gesam­ten Vor­trags ängst­lich am Mikro­fon­ka­bel fest­klam­mer­te und sei­nen Auf­tritt ziem­lich ver­geig­te. Kon­se­quen­ter­wei­se erhielt er kei­nen ein­zi­gen Punkt.

Fabel­haft im hell­blau­en Maxik­leid: Kat­ja Ebstein regiert die Büh­ne

Die hin­rei­ßen­de, sen­sa­tio­nel­le, fan­tas­ti­sche Kat­ja Ebstein (→ DE 1971, 1980, Vor­ent­scheid 1975, Mode­ra­ti­on 1981) ließ bereits bei ihrem ers­ten Auf­tritt erken­nen, dass nur sie die Köni­gin des Abends sein kön­ne: nicht eine Sekun­de bie­der­te sie sich beim Publi­kum an, hat­te ledig­lich die vage Andeu­tung eines huld­vol­len Lächelns übrig – sie wuss­te sehr genau, dass nie­mand sie vom Mate­ri­al her schla­gen konn­te, dass sie über einen Jahr­hun­dert­song ver­füg­te. ‘Wun­der gibt es immer wie­der’, die Refe­renz­klas­se des deut­schen Trös­tungs­schla­gers, erhielt durch ihren stimm­lich dra­ma­ti­schen wie bedeu­tungs­schwer melan­cho­li­schen Vor­trag einen Tief­gang, der noch­mals deut­lich über den eigent­li­chen Text hin­aus­ging. Wel­cher im Gegen­satz zu den ver­gleichs­wei­se wei­ner­li­chen Para­dies-wo-bist-Du-Schla­gern der Sech­zi­ger die sub­ti­le Auf­for­de­rung zum akti­ven Zupa­cken (“…musst Du sie auch sehn”) ent­hielt. Und damit sag­te: nimm Dein Leben selbst in die Hand, Du bist Dei­nes Glü­ckes Schmied! Das war neu im deut­schen Schla­ger, der bis dato eher eine Art von schick­sals­er­ge­be­ner Dul­dungs­star­re pro­pa­gier­te. Musi­ka­lisch fand sich das span­nungs­ge­la­de­ne Lied ohne­hin Äonen vom übli­chen Schla­ge­r­ei­n­er­lei ent­fernt, in einer völ­lig ande­ren Gala­xie.

Ich bin kein Ham­pel­mann: der Rei­ner fin­det sei­ne Schö­ne auch inmit­ten von Mil­lio­nen

Auch Rei­ner Schö­ne, ein in Wei­mar auf­ge­wach­se­ner Schau­spie­ler und Lie­der­ma­cher, der 1968 aus der DDR rüber­mach­te und in der Bun­des­re­pu­blik Haupt­rol­len in aktu­el­len Musi­cals wie ‘Hair’ und ‘Jesus Christ Super­star’ sowie spä­ter in zahl­lo­sen Seri­en- und Film­pro­duk­tio­nen ergat­ter­te, leg­te einen beacht­li­chen Auf­tritt hin. Selbst wenn er, wie schon wei­land Cliff Richard (→ UK 1968), dabei gele­gent­lich den Ein­druck erweck­te, unter Diar­rhö zu lei­den, so geduckt, wie er dastand. Mit hip­piesk lan­gem Haupt- sowie scham­los frei­ge­leg­tem Brust­haar sah er ein biss­chen aus wie der frie­si­sche Blö­del­bar­de Otto Waal­kes auf Tes­to­ste­ron. Nur, dass Schö­ne deut­lich bes­ser sin­gen konn­te. Sein Bei­trag ‘Allein unter Mil­lio­nen’ beschäf­tig­te sich im Grun­de mit dem­sel­ben The­ma, mit dem zwei Jah­re zuvor Karel Gott (→ AT 1968) für Öster­reich beim Lon­do­ner Con­test baden ging: die Ein­sam­keit in der Groß­stadt. Wirk­te Karels Schla­ger jedoch ver­zagt, so zeich­ne­te sich Schö­nes opti­mis­tisch gestimm­tes, kom­pe­tent vor­ge­tra­ge­nes Ange­bot als eines aus, das Mut macht (“…und das Glück wird mich beloh­nen”) und, wie Kat­jas Lied, die Zuhörer/innen auf­for­dert, sich das pral­le Leben mit bei­den Hän­den fest zu grei­fen. Auch ihm wäre, eben­so wie Mary Roos, ein Sieg durch­aus zu gön­nen gewe­sen.

Chart­watch 1970: Ob das die sel­be ‘Anu­sch­ka’ ist, der Inge Brück 1967 beim Con­test in Wien Trost spen­den muss­te? Schwe­re­nö­ter Udo Jür­gens (→ AT 1964, 1965, 1966) lan­de­te auch 1970 wie­der einen Top-Ten-Hit in den deut­schen Ver­kaufs­charts. 

Die Wer­tung teil­te sich in zwei Pha­sen auf: sie­ben Juror/innen durf­ten zunächst jeweils drei Bei­trä­gen einen Punkt geben; die drei best­plat­zier­ten Titel kamen eine Run­de wei­ter. Die lang­at­mi­gen Erklä­run­gen Hans-Otto Grü­ne­feldts, man suche etwas Vor­zeig­ba­res für das inter­na­tio­na­le Par­kett (ach, wie sehr wünsch­te man sich, die heu­ti­ge NDR-Aus­wahl­ju­ry für den deut­schen Euro­vi­si­ons­vor­scheid zeig­te sich vom sel­ben Ziel beseelt, anstatt nur ängst­lich dar­auf zu schie­len, was auf hei­mi­schen Main­stream-Radio­wel­len lau­fen könn­te), ver­fehl­ten ihre Wir­kung nicht: tat­säch­lich flo­gen die drei eher klas­si­schen Schla­ger von Blan­co, Spar­boe und Beil raus und die drei musi­ka­lisch wie inhalt­lich anspruchs­vol­le­ren Bei­trä­ge der Roos, der Ebstein und des Schö­ne kamen ins Fina­le. Wobei der Sieg von Kat­ja Ebstein, die sie­ben von sie­ben mög­li­chen Punk­ten erhielt, eigent­lich bereits zu die­sem Zeit­punkt fest­stand.

Noch fabel­haf­ter im Mini mit sil­ber­nen Stie­feln: Mode­kö­ni­gin Kat­ja Ebstein in Ams­ter­dam!

Trotz­dem muss­ten alle drei ihre Songs in der End­run­de noch­mals prä­sen­tie­ren. Und zwar, da woll­te man sich sei­tens des Hes­si­schen Rund­funks wohl Auf­wand erspa­ren, mit exakt der glei­chen Dra­ma­tur­gie und den­sel­ben Kame­ra­ein­stel­lun­gen wie schon im ers­ten Durch­lauf. Was die Show nicht gera­de abwechs­lungs­rei­cher mach­te. In der zwei­ten Wer­tungs­run­de gin­gen Herr Schö­ne und Frau Roos dann fie­ser Wei­se völ­lig leer aus und Frau Ebstein durf­te ihren Schla­ger ein drit­tes Mal an die­sem Abend sin­gen. Mode­ra­to­rin Marie-Loui­se Stein­bau­er, der man dies­mal erlaubt hat­te, ihren Job zu machen und etwas locke­rer zu plau­dern als noch im letz­ten Jahr, freu­te sich auf­rich­tig, auch wenn sie das lethar­gi­sche Stu­dio­pu­bli­kum zum Sie­gesap­plaus erst geson­dert auf­for­dern muss­te. Mit einer Chorin­ter­pre­ta­ti­on von ‘Boom Bang A Bang’ ging der unter sech­zig­mi­nü­ti­ge Far­ben- und Klang­rausch schließ­lich zu Ende.

Vor­ent­scheid DE 1970

Ein Lied für Ams­ter­dam, Sams­tag, 16. Febru­ar 1970, aus dem Sen­de­stu­dio des Hes­si­schen Rund­funks in Frank­furt am Main. Sechs Teil­neh­mer, Mode­ra­ti­on: Marie-Lui­se Stein­bau­er.
#Inter­pretTitelPunk­tePlatzCharts
01Mary RoosBei jedem Kuss05 | 0002-
02Rober­to Blan­coAuf dem Kur­fürs­ten­damm sagt man “Lie­be”01 | –--
03Kirsti Spar­boePierre, der Clo­chard03 | –--
04Peter BeilBlaue Augen, rote Lip­pen und kas­ta­ni­en­brau­nes Haar00 | –--
05Kat­ja EbsteinWun­der gibt es immer wie­der07 | 070116
06Rai­ner Schö­neAllein unter Mil­lio­nen05 | 0002-

DE 1969: Hey, das ist Musik für mich!

Siw Malmkvist, DE 1969
Die Unbe­schwer­te

Als Lehr­stun­de des ger­ma­ni­schen öffent­lich-recht­li­chen Unter­hal­tungs­elends kann ohne jede Fra­ge die Vor­ent­schei­dung des Jah­res 1969 die­nen. Die Show lief ver­mut­lich exakt so ab, wie sich das Deutsch­lands obers­ter Grand-Prix-Beam­te, Hans-Otto Grü­ne­feldt vom Hes­si­schen Rund­funk, immer vor­ge­stellt hat­te. So ver­wen­de­te er quä­lend lan­ge Sen­de­mi­nu­ten dar­auf, den Zuschauer/innen haar­klein aus­ein­an­der­zu­set­zen, dass dies hier ein → Kom­po­nis­ten­wett­be­werb sei, in wel­cher Form die Vor­auswahl der neun an die­sem Abend zu Gehör zu brin­gen­den Schlicht­schla­ger erfolg­te, und dass die Auf­tritts­rei­hen­fol­ge der drei Sänger/innen, die sich “freund­li­cher­wei­se zur Ver­fü­gung gestellt” hat­ten, den Mist weg­zu­sin­gen, unter nota­ri­el­ler Auf­sicht aus­ge­lost wur­de.

Der letz­te TV-Auf­tritt Alex­an­dras vor ihrem tra­gi­schen Tod fand nicht, wie zunächst geplant, beim deut­schen Vor­ent­scheid statt. Für die Aktu­el­le Schau­bu­de stand sie statt­des­sen ziem­lich zuge­dröhnt in der mas­siv ver­müll­ten Ost­see.

Nach Anga­ben des Fan­clubs Euro­vi­si­on Club Ger­ma­ny soll­te ursprüng­lich auch Alex­an­dra (‘Mein Freund, der Baum’) in Frank­furt dabei sein. Die Aus­nah­mesän­ge­rin mit der ein­zig­ar­ti­gen Stim­me, die im Som­mer des­sel­ben Jah­res bei einem Auto­un­fall den Tod fand, sag­te jedoch auf­grund wich­ti­ge­rer Ter­mi­ne ab. Oder wegen des grau­en­haf­ten Song­ma­te­ri­als? Selbst der so char­man­ten wie bedau­erns­wer­ten Mode­ra­to­rin Marie-Loui­se Stein­bau­er war es sei­tens des Sen­ders strengs­tens unter­sagt, ihren Job aus­zu­üben und tat­säch­lich zu mode­rie­ren. Irgend­wel­che gar noch spon­ta­nen Äuße­run­gen hät­ten ja als Beein­flus­sung gel­ten kön­nen. So muss­te sie die Rol­le eines Sprech­ro­bo­ters spie­len und durf­te ledig­lich ansa­gen: “Das war Lied Num­mer 1 und jetzt kommt Lied Num­mer 2”. Und auch das ver­mut­lich erst, nach­dem die­ser Satz durch das hr-Jus­ti­zia­ri­at acht­fach gegen­ge­prüft und geneh­migt wur­de. Selbst bei der Büh­nen­de­ko­ra­ti­on leg­te man ängst­lich Wert dar­auf, bloß kei­nen der drei Prot­ago­nis­ten, die jeweils im Wech­sel drei Lied­lein vor­zu­tra­gen hat­ten, in irgend­ei­ner Form zu bevor­zu­gen.

Hey, DAS ist Musik für mich: die poly­glot­te Peg­gy March

Doch wozu der gan­ze Auf­wand? Denn selbst­ver­ständ­lich blieb der unmün­di­ge Zuschau­er von der Ent­schei­dungs­fin­dung aus­ge­schlos­sen. Statt­des­sen tag­te ein Gre­mi­um von elf alten Män­nern in grau­en Tre­vi­ra­an­zü­gen und mit bil­li­gen Tou­pets, die nicht ver­drieß­li­cher das Grau­en des alles­läh­men­den deut­schen Ver­bands­un­we­sens hät­ten illus­trie­ren kön­nen: je zwei Ver­tre­ter der Tex­ter- und Kom­po­nis­ten­lob­bys sowie der “Arbeits­ge­mein­schaft Schall­plat­te” (also der Indus­trie), die Unter­hal­tungs­chefs der ARD-Sen­de­an­stal­ten und, aus wel­chem Grund auch immer, der Kapell­meis­ter der Städ­ti­schen Büh­nen Frank­furt am Main, Rudi Franz. Letz­te­rer ver­rich­te­te sei­ne Juro­ren­tä­tig­keit (wegen des Spe­sen­schecks?) wenigs­tens mit einem son­ni­gen Lächeln, wäh­rend die übri­gen Her­ren mit staats­tra­gend sauer­töp­fi­scher Mie­ne und zusam­men­ge­knif­fe­nen Lip­pen (und ver­mut­lich auch Poba­cken) ihre alber­nen Papp-Wer­tungs­tä­fel­chen zogen und vor sich depo­nier­ten. In ihrer unfass­bar spie­ßi­gen Ver­klemmt­heit wirk­te die gan­ze Sze­ne­rie wie ein Sketch von Lori­ot. (Unfrei­wil­lig) lus­tig wur­de es jedoch nur ein­mal ganz kurz, als der Gro­ße Vor­sit­zen­de Grü­ne­feldt die von einem der Lob­by­is­ten abge­ge­be­ne Vote für Peg­gy March (→ Vor­ent­scheid 1975) wie­der­hol­te: “Herr Hée: Hey!”.

So steif wie die Juro­ren: auch sexy Rexy hat einen Stock im Arsch

Bei sel­bi­gem Titel, der es zusam­men mit dem spä­te­ren Sie­ger­lied ‘Pri­ma­bal­le­ri­na’ von Siw Malmkvist (→ SE 1960, Vor­ent­scheid SE 1961, Vor­ent­scheid DE 1962) und Rex Gil­do‘Die bes­te Idee mei­nes Lebens’ (was man über sei­ne Teil­nah­me an die­ser Vor­run­de nicht unbe­dingt sagen kann) in die End­aus­wahl schaff­te, han­delt es sich denn auch um den ein­zi­gen nen­nens­wer­ten Bei­trag des Abends. “Hey, das ist Musik für mich / Hey, das ist Musik für Dich / Denn Musik, die ist nun mal / Inter­na­tio­nal”: grand­pri­x­es­ker konn­te die Bot­schaft des musi­ka­lisch locker-flo­ckig swin­gen­den Easy-Lis­ten­ing-Knül­lers kaum sein. Zu modern und frisch ver­mut­lich für die grau­en Herr­schaf­ten der → Jury, die sich statt­des­sen mehr­heit­lich für das ver­staub­te Spiel­do­sen-Schla­ger­lein ‘Pri­ma­bal­le­ri­na’ aus der Feder von Hans Blum erwärm­ten. Fair­neß­hal­ber soll gesagt sein: es war neben ‘Hey!’ der ein­zi­ge Song des Abends, der den Zuschau­er nicht sofort in dorn­rös­chen­glei­chen Tief­schlaf ver­setz­te, da er zumin­dest eine gefäl­li­ge, ins Ohr gehen­de Melo­die bot. Die man bei den rest­li­chen sie­ben Seicht­songs schmerz­lich ver­miss­te.

Sag, weint Dein Herz? Siw Malmkvist gibt uns die ‘Pri­ma­bal­le­ri­na’

Skur­ril: Durodont-Rex (→ Vor­ent­scheid 1960), des­sen Hoch­zeits-Kit­schlied in der ers­ten Run­de noch am ein­deu­tigs­ten führ­te, erhielt in der Final­ab­stim­mung von den­sel­ben Juro­ren kei­nen ein­zi­gen Punkt. Anfang der Sech­zi­ger noch gemein­sam mit Git­te Hæn­ning (→ Vor­ent­scheid DK 1962, DE 1973) als “Traum­paar des deut­schen Schla­gers” ver­mark­tet, war Gil­do lan­ge Jah­re Stamm­gast in der 1969 zum ers­ten Mal aus­ge­strahl­ten ZDF-Hit­pa­ra­de und lan­de­te im sel­ben Jahr mit ‘Don­do­lo’ einen sei­ner zahl­rei­chen Top-Ten-Hits. Drei­ßig Jah­re und etli­che des­il­lu­sio­nier­te Möbel­haus-Auf­trit­te spä­ter wähl­te der schrank­schwu­le Schla­ger­sän­ger dann den Frei­tod. Doch zurück nach 1969: die weni­gen Vor­ent­schei­dungs-Zuschau­er/in­nen, die bis hier­hin noch nicht abge­schal­tet hat­ten und auch die bei­den als Pau­sen­über­brü­ckung gebuch­ten “Tanz­dar­bie­tun­gen” des Ehe­paa­res Trautz ohne Spon­tan­au­gen­krebs über­stan­den, ent­ließ man mit dem siche­ren Gefühl, dass die gan­ze Ver­an­stal­tung für alle sen­der­seits Betei­lig­ten, sei­en es die Juro­ren, die Mode­ra­to­rin oder die Sänger/innen, min­des­tens genau so quä­lend gewe­sen sein muss wie für die Men­schen vor den TV-Gerä­ten. Juris­tisch unan­greif­bar und jeg­li­cher Schie­bung unver­däch­tig gewiss, aber dafür eben auch nicht eine Sekun­de lang unter­halt­sam. Also alle Kli­schees über die red­li­chen, aber lang­wei­li­gen Deut­schen bestä­ti­gend.

Chart-Watch: Süd­län­di­scher Froh­sinn wohn­te dem ‘Lied für Madrid’ nicht inne. Rober­to Blan­co (→ Vor­ent­scheid 1970, 19731979) nahm dann auch lie­ber an der ZDF-Kon­kur­renz­ver­an­stal­tung ‘Deut­scher Schla­ger-Wett­be­werb 1969’ teil, wo er sich schnell von den Fes­seln fest­lich-deut­scher Spie­ßig­keit befrei­te, dem etwas tra­ni­gen ‘Heu­te so, mor­gen so’ tän­ze­risch erstaun­li­chen Pepp ein­hauch­te, damit sieg­te und einen Top-Ten-Hit gene­rier­te. Was hät­te aus dem Mann für ein groß­ar­ti­ger Enter­tai­ner wer­den kön­nen, hät­te man ihm nur mal adäqua­tes Song­ma­te­ri­al gege­ben!

Vor­ent­scheid DE 1969

Ein Lied für Madrid. Sams­tag, 22. Febru­ar 1969, aus dem Sen­de­stu­dio 2 des Hes­si­schen Rund­funks in Frank­furt am Main. Drei Teil­neh­mer, Mode­ra­ti­on: Marie-Loui­se Stein­bau­er.
#Inter­pretTitelPunk­tePlatzCharts
01Siw MalmkvistDein Come­back zu mir02 | –--
02Rex Gil­doLady Julia04 | –--
03Peg­gy MarchKarus­sell mei­ner Lie­be01 | –--
04Siw MalmkvistMelo­die04 | –--
05Rex Gil­doDie bes­te Idee mei­nes Lebens07 | 0003-
06Peg­gy MarchAber die Lie­be bleibt bestehen04 | –--
07Siw MalmkvistPri­ma­bal­le­ri­na05 | 070113
08Rex Gil­doFes­ti­val der jun­gen Lie­be00 | –--
09Peg­gy MarchHey!06 | 040229

DE 1968: Das ist das ers­te Mal für mich

Wencke Myhre, DE 1968
Die Auf­ge­trie­del­te

Auch 1968 blieb es hin­sicht­lich der Ermitt­lung des deut­schen Grand-Prix-Bei­tra­ges beim strikt inter­nen Aus­wahl­ver­fah­ren. Aller­dings bequem­te sich der zustän­di­ge Hes­si­sche Rund­funk nach den Plei­ten der letz­ten Jah­re mit ange­staub­ten Durch­hal­te­schla­gern end­lich zum längst über­fäl­li­gen Moder­ni­täts­sprung. Als Kom­po­nis­ten des aktu­el­len Bei­trags ver­pflich­te­te man den Easy-Lis­ten­ing-Geni­us Horst Jan­kow­ski, Schöp­fer des fabel­haf­ten, schwung­voll-pop­pi­gen Instru­men­tal­ti­tels ‘Schwarz­wald­fahrt’ (ein US-Hit im Jah­re 1965!). Er schrieb das nicht min­der schwung­vol­le und pop­pi­ge ‘Ein Hoch der Lie­be’; ver­pass­te dem Stück einen Text, in dem es, wie fast immer im Schla­ger, unter­schwel­lig ums Pop­pen ging; ver­zier­te den Refrain mit poly­glot­ten Ein­spreng­seln in eng­lisch, fran­zö­sisch und spa­nisch und bestand – Gip­fel der Inter­na­tio­na­li­tät – gegen alle ari­schen Wider­stän­de inner­halb der ARD dar­auf, dass die sehr popu­lä­re Nor­we­ge­rin Wencke Myh­re (‘Beiß nicht gleich in jeden Apfel’) den mal wie­der in Hans-Joa­chim Kulen­kampffs Sams­tags­abend­show EWG dem Publi­kum vor­ge­stell­ten Titel sin­gen soll­te.

Dreh Dich im Krei­sel der Zeit: Wencke Myh­re

Eine sehr wei­se Ent­schei­dung, denn nicht nur gab es beim Grand Prix end­lich mal wie­der mehr als → null Punk­te, auch die Plat­ten­käu­fer gou­tier­ten den fröh­li­chen Song: Rang 18 in den deut­schen und #17 in den öster­rei­chi­schen Charts. Nach den letz­ten vier Voll­flops mit eher grüb­le­ri­scher Ware eine sehr will­kom­me­ne Abwechs­lung! Wencke, die es 1983 noch­mals beim deut­schen Vor­ent­scheid ver­su­chen soll­te und den­sel­ben 1986 gar mode­rier­te, eröff­ne­te mit ihrer Teil­nah­me in Lon­don die deutsch-skan­di­na­vi­schen Jah­re beim Grand Prix: ihre bei­den Kol­le­gin­nen Siw Malmkvist (Schwe­den, → SE 1960, Vor­ent­scheid SE 1961, Vor­ent­scheid DE 1962), die noch im glei­chen Jahr mit dem nicht min­der fröh­li­chen ‘Har­le­kin’ den Deut­schen Schla­ger-Wett­be­werb gewann, und Git­te Hæn­ning (Däne­mark, → Vor­ent­scheid DK 1962), mit denen sie zwi­schen 2004 und 2007 prak­tisch pau­sen­los vor aus­ver­kauf­ten Häu­sern und fre­ne­tisch fei­ern­den Fans im Drei­er­pack auf­trat, folg­ten 1969 und 1973 und bescher­ten uns eben­falls respek­ta­ble Ergeb­nis­se beim euro­päi­schen Wett­sin­gen. “Die Skan­di­na­vie­rin­nen waren irgend­wie immer frei­er, nicht so ver­zopft”, nann­te ein­mal Chris­ti­an Bruhn (der Schöp­fer ihres größ­ten Hits ‘Lie­bes­kum­mer lohnt sich nicht’) den Grund für den Erfolg der nor­di­schen Sän­ge­rin­nen bei und für uns.

Siw im dro­gen­bun­ten Baby­stramp­ler beim Deut­schen Schla­ger-Wett­be­werb 1968

Was übri­gens nicht wei­ter ver­wun­dert. Denn nicht nur, dass die skan­di­na­vi­schen Län­der seit jeher gesell­schaft­lich deut­lich libe­ra­ler auf­ge­stellt sind, sie inves­tie­ren auch staat­li­cher­seits deut­lich mehr in die Nach­wuchs­för­de­rung als Deutsch­land. Wird der Musik­un­ter­richt an unse­ren Schu­len eher als Blüm­chen­fach wahr­ge­nom­men und den Kin­dern mit der obli­ga­to­ri­schen Block­flö­te der Spaß an der ver­meint­lich brot­lo­sen Kunst sys­te­ma­tisch aus­ge­trie­ben, so genießt er bei­spiels­wei­se in Schwe­den einen ganz ande­ren Stel­len­wert (und eine deut­lich höhe­re finan­zi­el­le För­de­rung). Am Wich­tigs­ten aber: der Blick über den Tel­ler­rand, der in ver­hält­nis­mä­ßig bevöl­ke­rungs­schwä­che­ren Län­dern bei­na­he auto­ma­tisch not­wen­dig ist. Und der dafür sorgt, dass inter­na­tio­na­le musi­ka­li­sche Trends dort sehr viel schnel­ler wahr­ge­nom­men und adap­tiert wer­den, wäh­rend die Deut­schen ten­den­zi­ell eher im eige­nen Saft schwit­zen. Gera­de in den Sech­zi­gern (und noch bis hin­ein in die Sieb­zi­ger) konn­te man das auch in den Charts sehen, wo es eng­lisch­spra­chi­ge Titel noch deut­lich schwe­rer hat­ten, in Deutsch­land Käu­fer zu fin­den, und oft­mals die deut­schen Cover­ver­sio­nen erfolg­rei­cher waren als die Ori­gi­na­le. Könn­ten Sie bei­spiels­wei­se aus dem Stand den Text von ‘Let your Love flow’ von den Bel­l­a­my Bro­thers rezi­tie­ren? Aber die Ein­deut­schung die­ses Titels, ‘Ein Bett im Korn­feld’ von Jür­gen Drews (→ DE 1976, Vor­ent­scheid 1990), die ken­nen Sie – ob Sie wol­len oder nicht – von vor­ne bis hin­ten aus­wen­dig, nicht wahr?

Noch drei Minu­ten bis zu den Nach­rich­ten: Zeit für eine Schwarz­wald­fahrt mit Horst Jan­kow­ski

Auch die Grö­ße des Mark­tes spielt eine wich­ti­ge – und in Sachen Grand Prix für uns eher nach­tei­li­ge – Rol­le. Wäh­rend die drei erwähn­ten Skan­di­na­vie­rin­nen den Löwen­an­teil ihres Ein­kom­mens als Schla­ger­sän­ge­rin­nen eben in Deutsch­land erziel­ten, und auch Bands wie Abba (→ SE 1974), a-ha (Nor­we­gen) oder Aqua (Däne­mark) stets über den Hei­mat­markt hin­aus den­ken und auf die inter­na­tio­na­le Ver­markt­bar­keit ihrer Songs ach­ten muss­ten, reich­ten die Plat­ten­um­sät­ze im dritt­größ­ten Musik­markt der Welt für deut­sche Inter­pre­ten locker aus, um gut davon leben zu kön­nen. Auch wenn das in Zei­ten von Spo­ti­fy mitt­ler­wei­le deut­lich schwie­ri­ger gewor­den ist: eine Hele­ne Fischer braucht die Märk­te jen­seits der deut­schen Gren­zen nicht und muss sich daher auch nicht nach den musi­ka­li­schen Befind­lich­kei­ten ande­rer Natio­nen rich­ten. Im Gegen­teil: sie bedient sich ja ger­ne kul­tu­rel­ler Ein­flüs­se von über­all her auf, dampf­strahlt sie dann und presst sie mit dem unver­zicht­ba­ren Dis­co­fox­beat ins enge deut­sche Schla­ger­kor­sett. Hei­mi­sche Acts aber, die inter­na­tio­na­le Trends set­zen (wie das immer­hin in den Acht­zi­gern und Neun­zi­gern noch im Bereich Tech­no und Euro­dance der Fall war), sucht man in der Regel ver­ge­bens. Horst Jan­kow­ski, um abschlie­ßend end­lich wie­der zum Vor­ent­scheid 1968 zurück­zu­kom­men, gehör­te zu den sel­te­nen Aus­nah­men.

1968 ein Hit: die Ein­deut­schung des bra­si­lia­ni­schen Titels ‘A ban­da’, gesun­gen von Fran­ce Gall (→ LU 1965). Und ohne den char­man­ten fran­zö­si­schen Akzent wäre der kar­ne­val­es­ke deut­sche Text wirk­lich uner­träg­lich.

Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1968
Einer wird gewin­nen. Sams­tag, 16. März 1968, aus dem Sen­de­stu­dio des Hes­si­schen Rund­funks in Frank­furt am Main. Eine Teil­neh­me­rin, Mode­ra­ti­on: Hans-Joa­chim Kulen­kampff (Song­prä­sen­ta­ti­on im Rah­men der TV-Show).

DE 1967: Musst nicht wei­nen

Inge Brück, DE 1967
Die Christ­li­che

Auch in mei­nem Geburts­jahr woll­te sich kein kom­mer­zi­ell erfolg­rei­cher deut­scher Schla­ger­star mit einer Grand-Prix-Teil­nah­me die Kar­rie­re zugrun­de rich­ten, und so trug Hans-Otto Grü­ne­feldt, der dama­li­ge Unter­hal­tungs­chef des Hes­si­schen Rund­funks und Euro­vi­si­ons­ver­ant­wort­li­che der ARD, der Sän­ge­rin Inge Brück auf, den deut­schen Bei­trag zu Gehör zu brin­gen. Deren ein­zi­ger Hit, der kes­se Schla­ger ‘Peter, komm heut Abend zum Hafen’, lag zwar bereits zehn Jah­re zurück. Doch sie konn­te 1966 mit dem dezent dra­ma­ti­schen ‘Frag den Wind’ das renom­mier­te Inter­na­tio­na­le Song­fes­ti­val in Rio de Janei­ro gewin­nen. Viel­leicht, so die Hoff­nung im Frank­fur­ter Funk­haus am Dorn­busch, gelän­ge ihr das­sel­be ja auch in Wien, wo der euro­päi­sche Wett­be­werb 1967 statt­fand.

Die Fri­sur: zu wis­sen, es ist Beton!

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ESC 1966: Zwin­gen kann man kein Glück

Logo Eurovision Song Contest 1966
Das Jahr der Show­trep­pe

Das zehn­jäh­ri­ge Jub­liäum des Euro­vi­si­on Song Con­tests nahm die EBU zum Anlass, im Früh­jahr 1966 bei den teil­neh­men­den TV-Anstal­ten Ide­en für die künf­ti­ge Gestal­tung des Wett­be­werbs zu sam­meln. Dabei zeig­ten sich regio­nal sehr unter­schied­li­che Schwer­punk­te, wie Gor­don Rox­burgh in der Fibel Songs for Euro­pe auf­lis­tet: so bestan­den die skan­di­na­vi­schen Sen­der dar­auf, dass der “musi­ka­li­schen Qua­li­tät” der Bei­trä­ge die abso­lu­te Prio­ri­tät ein­zu­räu­men sei. Die west­eu­ro­päi­schen Anstal­ten wie die ARD, das bel­gi­sche BRT, der ORF und das fran­zö­si­sche Fern­se­hen woll­ten vor allem die Teil­neh­mer­zahl von zuletzt 18 Natio­nen redu­zie­ren und schlu­gen ver­schie­de­ne For­ma­te für Semi­fi­na­le vor, wie sie sich aber erst 2004 durch­set­zen soll­ten. Die lin­gu­is­tisch zwie­ge­spal­te­nen Bel­gi­er votier­ten dabei für die Zutei­lung der Län­der anhand von Sprach­grup­pen, was ihnen selbst gleich zwei Start­plät­ze beschert hät­te: einen für Flan­dern in der nie­der­län­di­schen Vor­run­de, einen für Wal­lo­ni­en in der ungleich grö­ße­ren fran­zö­si­schen Grup­pe. Noch mehr Bei­trä­ge hät­te dies für die Schweiz bedeu­tet: einen für das deut­sche Semi, einen fürs fran­zö­si­sche und einen wei­te­ren fürs ita­lie­ni­sche. Die RAI woll­te den Wett­be­werb hin­ge­gen ger­ne über zwei oder gar drei Aben­de stre­cken, nicht unähn­lich dem eige­nen San-Remo-Fes­ti­val. Die BBC nahm Anstoß an der über­pro­por­tio­na­len Prä­senz Frank­reichs, das via Mona­co und Luxem­burg stets drei­fach ver­tre­ten war und sich im Jury­vo­ting gegen­sei­tig die Punk­te zuschau­feln konn­te. Das skan­di­na­vi­sche Ver­lan­gen nach “Qua­li­tät” konn­ten die Bri­ten nicht nach­voll­zie­hen: der Sie­ger­song wür­de schließ­lich stets anhand sei­nes “Pop-Appeals” bewer­tet.

Klei­ne Büh­ne, gro­ße Show: 1966, ein Mei­len­stein-Con­test.

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DE 1966: Vor­wärts und nie zurück

Margot Eskens, DE 1966
Die Preu­ßi­sche

Kar­rie­re­zer­stö­ren­de → Null-Punk­te-Resul­ta­te zu ersin­gen, dar­auf lie­ßen sich Mit­te der Sech­zi­ger die wenigs­ten deut­schen Schla­ger­stars noch ein, und so hat­te der Euro­vi­si­ons­ver­ant­wort­li­che des Hes­si­schen Rund­funks, Hans-Otto Grü­ne­feld, lang­sam ernst­haf­te Pro­ble­me, noch Sänger/innen für den Grand Prix zu fin­den. Aber eine woll­te – eine, die man vor drei Jah­ren zuguns­ten von Hei­di Brühl (→ DE 1963) fal­len gelas­sen hat­te. Und auch dies­mal, so kol­por­tiert es Jan Fed­der­sen in sei­ner Grand-Prix-Bibel ‘Ein Lied kann eine Brü­cke sein’, woll­ten die ARD-Obe­ren viel lie­ber die Nie­der­län­de­rin Cor­ry Brok­ken (→ NL 1956, 1957, 1958) impor­tie­ren, in Deutsch­land zuletzt mit dem tod­trau­ri­gen Trä­nen­zie­her ‘La Mam­ma’ sehr erfolg­reich. Doch die erin­ner­te sich ver­mut­lich noch mit Grau­en an die rüden Umgangs­for­men der Frank­fur­ter (nach ihrem Sieg beim ESC 1957 hat­te ihr der dama­li­ge hr-Direk­tor zunächst eine Tro­phäe über­reicht, nur um sie ihr kurz dar­auf wie­der zu ent­rei­ßen und an ihren → Kom­po­nis­ten aus­zu­hän­di­gen, wel­cher der wirk­li­che Gewin­ner sei, wie man ihr auf Deutsch beschied) und sag­te dan­kend ab.

Chart­watch 1966: Wencke Myh­re (→ DE 1968), die Sie­ge­rin der Deut­schen Schla­ger­fest­spie­le 1966, mit ihrem Num­mer-Eins-Mons­ter­hit ‘Beiß nicht gleich in jeden Apfel’. Die Copy­right­kla­ge von Apple ist schon in der Post!

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DE 1965: Dann der Schlag ins Gesicht

Ulla Wiesner, DE 1965
Die Ver­zag­te

Nur zu ger­ne zie­hen Euro­vi­si­ons­fans heut­zu­ta­ge über die man­geln­de Unter­hal­tungs­kom­pe­tenz der ARD her – und der Haus­herr die­ses Blogs wäscht da sei­ne Hän­de kei­nes­falls in Unschuld. Auch die eher einer freund­li­chen Über­nah­me durch Ste­fan Raab (→ DE 2000) gleich­kom­men­de “Koope­ra­ti­on” des Ers­ten mit Pro­Sie­ben bei den deut­schen Euro­vi­si­ons­vor­ent­schei­dun­gen von 2010 bis 2012 (im Wirt­schafts-Neu­sprech hie­ße so etwas “Joint-Ven­ture unter Abga­be der unter­neh­me­ri­schen Füh­rung”) könn­te man als (aller­dings im End­ergeb­nis sehr erfolg­rei­chen) kon­zep­tio­nel­len Offen­ba­rungs­eid inter­pre­tie­ren, wenn man möch­te. Doch so neu ist das alles nicht: bereits in den Sech­zi­gern tat sich das öffent­lich-recht­li­che Fern­se­hen, nament­lich der damals feder­füh­ren­de Hes­si­sche Rund­funk unter sei­nem Unter­hal­tungs­chef Hans-Otto Grü­ne­feld, aus­ge­spro­chen schwer mit dem Wett­be­werb der leich­ten Muse.

Chart-Watch 1965: Nur der brei­te ame­ri­ka­ni­sche Akzent der jugend­lich-fri­schen Inter­pre­tin ret­te­te den musi­ka­lisch wie text­lich brä­sig-bie­de­ren Sie­ger­ti­tel der Deut­schen Schla­ger­fest­spie­le 1965 vor der abso­lu­ten Uner­träg­lich­keit. Einen Num­mer-2-Hit konn­te Peg­gy March den­noch erzie­len. Unbe­zahl­bar: das Gesicht der unter­le­ge­nen Kon­kur­ren­tin Git­te Hæn­ning.

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DE 1964: Ist die Ent­täu­schung groß

Nora Nova, DE 1964
Die GSD-Beam­tin

Kein Jahr ver­lief wie das ande­re beim deut­schen Vor­ent­scheid, jeden­falls in den frü­hen Sech­zi­gern: nach den gla­mou­rö­sen Schla­ger­fest­spie­len (1962), deren dies­jäh­ri­ge Sie­ge­rin Siw Malmkvist (→ SE 1961, DE 1969) mit ihrem Wett­be­werbs­bei­trag ‘Lie­bes­kum­mer lohnt sich nicht’ die deutsch­spra­chi­ge Hit­sin­gle des Jah­res lie­fer­te, und der One-Women-Show mit Hei­di Brühl (→ DE 1963) fand dies­mal in Frank­furt am Main wie­der eine klas­si­sche Vor­ent­schei­dung mit meh­re­ren Interpret/innen statt, erst­mals unter dem dann fast ein Vier­tel­jahr­hun­dert lang gül­ti­gen Rubrum “Ein Lied für…”, gefolgt vom Namen des Aus­tra­gungs­or­tes (in die­sem Fall also: Ein Lied für Kopen­ha­gen). Das unbe­frie­di­gen­de Abschnei­den der bei­den deut­schen Super­stars Con­ny Fro­boess (→ DE 1962) und Hei­di Brühl hat­te das Image des Con­tests in der deut­schen Pop-Sze­ne aller­dings nach­hal­tig beschä­digt. Eta­blier­te, zeit­ge­mä­ße Namen blei­ben fern, ledig­lich fünf alt­ge­dien­te Schlagersänger/innen, die ihren Zenit schon lan­ge über­schrit­ten hat­ten, lie­ßen sich für die Sen­dung zusam­men­trei­ben. Und eine New­co­me­rin.

Wo sie Recht hat, hat sie Recht!

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DE 1963: Das geht mir viel zu schnell

Heidi Brühl, DE 1963
Die Zicki­ge

Die Idee, die vom Süd­west­funk aus der Tau­fe geho­be­nen und von gleich vier ARD-Lan­des­sen­dern gemein­schaft­lich ver­an­stal­te­ten Deut­schen Schla­ger­fest­spie­le als Grand-Prix-Vor­ent­scheid zu nut­zen, hat­te 1962 Moder­ni­tät und Glanz in die Ver­an­stal­tung gebracht – und mit ‘Zwei klei­ne Ita­lie­ner’ für einen fri­schen, kom­mer­zi­ell über­aus erfolg­rei­chen deut­schen Bei­trag gesorgt, den erfolg­reichs­ten die­ses Dez­en­ni­ums gar. Wür­de man die­ses rund­um gelun­ge­ne Expe­ri­ment also fort­set­zen, wie es jede mensch­li­che Logik gebie­tet? Weit gefehlt! Denn Hans-Otto Grü­ne­feldt, der Unter­hal­tungs­chef des Hes­si­schen Rund­funks und dama­li­ge Euro­vi­si­ons­ver­ant­wort­li­che der ARD, woll­te ja gera­de kei­ne Hits, son­dern ein “anspruchs­vol­les” Lied. Noch dazu beleg­te die auf die­sem Wege aus­ge­wähl­te Con­ny Fro­boess im Wett­be­werb in Luxem­burg nur einen (aus dama­li­ger Sicht) ent­täu­schen­den sechs­ten Platz, und man wünsch­te sich doch so drin­gend den Sieg!

Ein Mil­lio­nen­sel­ler: der Sie­ger­ti­tel der Deut­schen Schla­ger­fest­spie­le 1963.

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DE 1962: Der Weg des Was­sers wird es uns wei­sen

Conny Froboess, DE 1962
Die Mul­ti­kul­tu­rel­le

Nicht nur für den Euro­vi­si­on Song Con­test bil­de­te das im ligu­ri­schen Kur­ort San Remo statt­fin­den­de Fes­ti­val del­la Can­zo­ne Ita­lia­na einst das Vor­bild. Wie in vie­len ande­ren euro­päi­schen Natio­nen, die sich eben­falls von den Ita­lie­nern für eige­ne Schla­ger­fes­ti­vals inspi­rie­ren lie­ßen, fan­den in den Sech­zi­ger­jah­ren auch in deut­schen Kur­städ­ten gedie­ge­ne Wett­be­wer­be der leich­ten Muse statt. So hat­te das von Radio Luxem­burg gegrün­de­te Deut­sche Schla­ger­fes­ti­val im hes­si­schen Wies­ba­den bereits 1960 als Vor­ent­scheid gedient, aller­dings nur ein­ma­lig. 1961 hob der Süd­west­funk in Kon­kur­renz hier­zu die Deut­schen Schla­ger­fest­spie­le aus der Tau­fe, an deren Erst­aus­ga­be unter ande­rem Lys Assia (→ Vor­ent­scheid DE 1956, CH 1956, 1957, 1958, Vor­ent­scheid CH 2012, 2013), Nora Nova (→ DE 1964) und Inge Brück (→ DE 1967) teil­nah­men. Die zwei­te Aus­ga­be die­ser Ver­an­stal­tung soll­te nun 1962 wie­der­um als Grand-Prix-Vor­ent­scheid fun­gie­ren. Ent­spre­chend groß zog die ARD die Show auf: in vier TV-Vor­run­den mit ins­ge­samt 24 Bei­trä­gen qua­li­fi­zier­ten sich jeweils drei Sänger/innen für die End­run­de im mon­dä­nen Baden-Baden.

Herr­lichs­ter Schla­ger­kitsch, lei­der nur in der Audio­fas­sung: der wun­der­bar weh­lei­dig into­nie­ren­de Jim­my Maku­lis.

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