Dora 2020: She’s like the Wind to my Tree

Für eine sehr klas­si­sche, herz­zer­rei­ßen­de Bal­kan-Schmer­zens­bal­la­de ent­schie­den sich die Kroat:innen am ver­gan­ge­nen Sams­tag­abend im Rah­men des klas­si­schen Euro­vi­si­ons­vor­ent­schei­dungs­for­mats Dora und bestä­tig­ten damit ein­mal mehr ihren Ruf als kon­ser­va­ti­ve Grand-Prix-Nati­on. Denn musi­ka­lisch könn­te das schmalz­trie­fen­de, gei­gen­ge­sät­tig­te ‘Divlji Vjet­re’ (‘Rau­er Wind’) mit­samt sei­ner etwas über­ra­schend an der Stel­le, an der man das Lied eigent­lich zu Ende wähnt, dran­ge­schraub­ten Rückung auch im Jah­re 1990 ange­sie­delt sein. Oder 1960. Lyrisch war es viel­leicht nicht die geschick­tes­te Wahl für den im Früh­lings­mo­nat Mai in Rot­ter­dam statt­fin­den­den Haupt­wett­be­werb, denn der in schwar­zer Trau­er­klei­dung auf­tre­ten­de Damir Kedžo, einst­mals Kir­chen­chor­kna­be und spä­ter Boy­band-Mit­glied, greift dar­in zur Umschrei­bung sei­nes Tren­nungs­schmer­zes zu düs­te­ren Meta­phern von die Bäu­me ent­lau­ben­den Herbst­stür­men und win­ter­li­chem Eis­re­gen. Doch auch, wenn die meis­ten Europäer:innen man­gels Kroa­tisch­kennt­nis­sen Damirs Wor­te nicht ver­ste­hen, las­sen uns die apart anzu­schau­en­den, stets bedroh­lich vor dem Plat­zen ste­hen­de Adern auf sei­nen aus­ra­sier­ten Schlä­fen instink­tiv die Dra­ma­tik der Situa­ti­on erfas­sen. Und natür­lich möch­te man den attrak­ti­ven Inter­pre­ten umge­hend trös­tend in die Arme neh­men.

Letz­te Anstren­gung: Damir und sein Damen­chor las­sen die Gefüh­le auf­wal­len. Trau­ri­ge und… nicht so trau­ri­ge.

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Dora 2019: Ottom Bot­tom

Wie das mit der Rück­be­sin­nung auf eige­ne Stär­ken funk­tio­niert, mach­te uns ges­tern Abend der kroa­ti­sche Sen­der HRT vor, der nach meh­re­ren Jah­ren schmäh­li­cher, der Finanz­knapp­heit geschul­de­ter Pau­se wie­der zum tra­di­tio­nel­len Vor­ent­schei­dungs­for­mat zurück­kehr­te, näm­lich der im mon­dä­nen Küs­ten­städt­chen Opa­ti­ja ver­an­stal­te­ten Dora. Zwar zog man vom frü­he­ren Hotel Kvar­ner wei­ter in die grö­ße­re Mari­no-Cve­t­ko­vić-Sport­hal­le. Doch auch dort schaff­te es der Sen­der, eine nost­al­gie­ge­sät­tig­te, fest­li­che Sen­dung hin­zu­le­gen, die alles beinhal­te­te, was des Grand-Prix-Fans Herz höher schla­gen lässt. Dem Dora-Fina­le mit 16 (!) Acts gin­gen zwei Auf­takt­ta­ge vor­an, an denen die Teilnehmer/innen zur Ein­stim­mung klas­si­sche Melo­dien und soge­nann­te “Opa­ti­ja-Sere­na­den” dar­bo­ten, bevor sie ges­tern Abend ihre Wett­be­werbs­ti­tel prä­sen­tie­ren durf­ten. Und wie es sich für Kroa­ti­en gehört, gewann am Ende ein Kom­po­nist, der es ver­stand, die Euro­vi­si­ons­kli­schees am scham­lo­ses­ten zu bedie­nen: Jac­ques Hou­dek, der per­sön­lich­keits­ge­spal­te­ne Tenor von 2017, hat­te für sei­nen per­sön­li­chen Schütz­ling, den gera­de erst voll­jäh­ri­gen Roko Blaže­vić, sei­nes Zei­chens Sie­ger einer hei­mi­schen Kin­der-Cas­ting­show, eine kitsch­trie­fen­de, klas­sisch auf­ge­bau­te Grand-Prix-Hym­ne namens ‘The Dream’ ver­fasst.

Der Traum jedes Pädo­phi­len: der engels­glei­che Roko schmach­tet in die Kame­ra und ins Mikro­fon.

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