Uuden Musiikin Kilpailu 2018

Eine Künstlerin – drei Songs: das ist das Motto beim diesjährigen UMK, dem finnischen Vorentscheid. Entgegen sonstiger Gewohnheiten buchte YLE die beim UMK 2016 zweitplatzierte Saara Aalto fix, die durch ihre aktuelle Teilnahme an einer britischen Castingshow gerade als der absolut heiße Scheiß gilt und dem finnischen Sender die Pistole auf die Brust setzte: entweder nehmt ihr mich exklusiv – oder ich bewerbe mich auf der Insel! Unter drei „speziell für Saara“ geschriebenen Liedern dürfen die Zuschauerinnen auswählen – und damit sie keinen Mist bauen, ist eine internationale Jury ebenfalls stimmberechtigt. Krista Siegfrids (FI 2013) moderiert.

 

Saara Aalto fix für Finnland

Wie das finnische Fernsehen YLE heute überraschend bekanntgab, ist die dreißigjährige Sängerin und Songschreiberin Saara Aalto als Repräsentantin ihres Landes beim Eurovision Song Contest 2017 in Lissabon gesetzt. Das skandinavische Land, das bislang seine/n Vertreter/in stets über einen öffentlichen Vorentscheid bestimmte, bricht damit mit seiner Tradition. Nur für Saaras Beitrag bleibt es bei der Publikumsbeteiligung: am 3. März 2018 sollen die Zuschauer/innen bei der zur reinen Liedauswahl reduzierten Uuden Musiikin Kilpailu (UMK) entscheiden, mit welchen von drei speziell für sie komponierten Songs sie ihre Heimat vertritt. Die, wie die Prinzen vermerken, offen lesbische Doppel-Aa-Sängerin versuchte es bereits dreimal ohne Erfolg beim finnischen Vorentscheid, zuletzt 2016, wo sie mit dem zweiten Platz hinter Sandhja (→ FI 2016) ein für sie typisches Ergebnis erzielte: auch bei den Castingshows The Voice (Finnland) und X Factor (Großbritannien), mit welcher sie eine breite Bekanntheit und einen Plattenvertrag im Vereinigten Königreich ergatterte, schaffte sie jeweils die Silbermedaille. Zuletzt spekulierten britische Boulevardblätter, dass die BBC ihr eine Teilnahme am Vorentscheid der europaabtrünnigen Insel angetragen habe, was sich nach der heutigen Verkündigung indes wohl erledigt haben dürfte. Oder nutzte das kluge Kind das X-Factor-Momentum und angebliche britische Angebot gar, um ihrem Heimatsender YLE die Pistole auf die Brust zu setzen? Eurofire zufolge bezeichnete sie sich in der heutigen Pressekonferenz jedenfalls als „das glücklichste Mädchen überhaupt“, zumal sie den Song Contest „schon immer geliebt“ habe. Und welches Ziel verfolgt Saara in Lissabon? Gegenüber eurovision.tv sagte sie selbstironisch: „Natürlich trete ich mit der Einstellung an, dass ich den Eurovision Song Contest gewinnen kann – oder wenigstens Zweite werde! Darin bin ich zweifellos sehr gut“. Ha – ich mag das Mädel!

Saara mit dem einigermaßen erträglichen Dance-Remix ihrer leider todlangweiligen UMK-Ballade ‚No Fear‘.

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Lost in Verona: wen die Jurys 2017 im Semi killten

„Wie unterschiedlich die Meinungen von Publikum und Jury sind, Wahnsinn!“ entfuhr es einem erstaunten Peter Urban Samstagnacht während der Punktevergabe im Finale des Eurovision Song Contest 2017, wo sich mal wieder zeigte, dass die angeblichen Musikprofessionellen, die im sich übrigen hemmungslos dem → Nachbarschaftsvoting hingaben (sollten sie eigentlich nicht genau das einst verhindern?), auf einem völlig anderen Planeten leben als der Rest der Menschheit. Oder auch nur, dass eine zufällige Auswahl von gerade mal fünf Personen schon aus statistischer Notwendigkeit heraus immer nur zufällige, nicht repräsentative und damit völlig wertlose Ergebnisse hervorbringt. Immerhin waren sich die Jurys diesmal ausnahmsweise mit den Zuchauer/innen einig, was den verdienter Sieger des Jahrgangs anging, den wunderbar verschrobenen portugiesischen Jazz-Schlumpf Salvador Sobral. Und das ist ja schon ein deutlicher Fortschritt im Vergleich mit den vergangenen Jahren. Auch in den Qualifikationsrunden stimmten sie übrigens mit den Televoter/innen beim ersten Rang überein, der jeweils an – keine Überraschung – Salvador (erstes Semi) und den bulgarischen Wunderknaben Kristian Kostov (zweites Semi) fiel. Dort allerdings, wo es um Leben und Tod ging, also um den Finaleinzug, sah die Sache schon wieder ganz anders aus: selbstredend verhinderten die diabolischen Profi-Werter/innen auch in diesem Jahr wieder erfolgreich den Einzug einiger Publikumslieblinge in die Samstags-Show, allen vorneweg – wie bereits vermutet – den der Modern-Talking-Epigonen Koit Toome (→ EE 1998) und Laura Põldvere (→ EE 2005). Das von seinem Beziehungsende am Urlaubsort ‚Verona‘ singende estnische Schlagerpärchen erhielt im zweiten Semifinale 69 Punkte von den Televoter/innen und kam damit auf einen so soliden wie verdienten sechsten Rang. Die hochnäsigen Schnepf/innen von der Jury, die sich wohl zu fein waren, sich mit den Massen im Sound des großartigsten Musikjahrzehnts zu suhlen, konnten gerade mal magere 16 Pünktchen (Rang 17) erübrigen und torpedierten das baltische Geschmacks-U-Boot damit erfolgreich. Sterbt und schmort in der Hölle, allesamt!

Grinsen vermutlich trotz des Semi-Aus noch immer: Koit & Laura (EE)

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Erstes Semifinale 2017: no more Drama

Je unsicherer die Zeiten, um so mehr suchen die Menschen fröhlich stimmende Ablenkung und Zerstreuung, so jedenfalls suggeriert es das Ergebnis der ersten Qualifikationsrunde des Eurovision Song Contests 2017, das am gestrigen Dienstagabend im Internationalen Ausstellungszentrum zu Kiew über die Bühne ging. Bestimmten im Vorfeld dieses Jahrgangs noch die schändlichen Ränkespiele um das vom Gastgeberland Ukraine verhängte Einreiseverbot gegen die russische Repräsentantin Julia Samoylova sowie die deutlich verschärften Sicherheitsmaßnahmen rund um die Veranstaltung die öffentliche Wahrnehmung des Wettbewerbs und schufen damit ein mulmiges Klima, so setzten sich im gestrigen Semi größtenteils diejenigen Beiträge durch, die sich an eher uptemporären, aktuellen Sounds orientierten und showtechnisch alten Wein in neue Schläuche gossen. Also irgendwie beruhigend Vertrautes und Bewährtes boten. Von fast ausnahmslos allen Teilnehmer/innen einheitlich befolgte Trends verstärkten dabei den uniformen Eindruck dieses Abends: so das bedauerlicherweise fast durchgängig praktizierte Verstecken der Chorsänger/innen hinter der Bühne; die Dominanz der Unschuld und Reinheit suggerierenden Farbe Weiß für die Garderobe; das gerne genommene Einblenden von Ausschnitten der professionellen Musikvideos oder von überlebensgroßen Porträtfotos der Künstler/innen auf der LED-Wand im Hintergrund sowie der geradezu sklavisch befolgte Modetrend des Flanking (die Kombination von unsichtbaren Sneakersocken und Hochwasserhosen zum Zwecke des kecken Herzeigens eines Streifens Beinfleisches in Höhe der Fesseln).

Zweieinviertel Stunden voller hochprofessioneller TV-Unterhaltung: das komplette erste Semifinale 2017

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Eurovision Deathmatch #11: Hello Darkness, my old Friend

Eine Triggerwarnung vorweg: wer selbst gerade unter Depressionen leidet, sollte diese Runde des Eurovision Deathmatch vielleicht überspringen, denn heute geben wir uns ganz und gar der bittersüßen Melancholie hin. Und wer brächte bei diesem Thema mehr Kompetenz mit als die von Hause aus schwermütigen Finnen? Die schicken das beim dortigen Vorentscheid UMK siegreiche Duo Norma John ins Rennen, und tatsächlich klingt dessen Sängerin Leena Tirronen wie Adele auf Downern. Sie gibt eine herzzerreißende Trennungsschmerzballade zum Besten, in welcher sie eine Amsel anfleht, sich zu verkrümeln und ihr Nest anderswo aufzuschlagen, da nämliches Tier mit seinem Gesang unter ihrem Fenster einst die unvergesslichen Nächte mit ihrem Ex begleitete und unsere bedauernswerte Adele, Verzeihung, Leena, nun mit seinem Gezwitscher an glücklichere Zeiten erinnert. Was diese nun gerade überhaupt nicht brauchen kann. So schlimm steht es um die vom Liebeskummer Geschlagene, dass sie im dazugehörigen, nachtschwarzen Videoclip gar ins Wasser geht. Dass selbiger Clip mit einem Kameraschwenk auf einen mit der finnischen Landesflagge angemalten Sarg endet, bringt zum Abschluss einen herrlich morbiden, fast schon wieder ironischen Ton ins Spiel. Jedenfalls ertrinkt man als Zuhörer ebenso in der mollschwarzen Schwere der tiefdüsteren Klavierballade wie die gramgebeugte Protagonistin im See. Ein Song für schwarze Tage.

Auch live sieht Leena übrigens aus wie eine Wasserleiche (FI)

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Finnland 2017: Ihr habt wohl einen Vogel!

Man muss die Finnen schon bewundern, ganz ehrlich. Und zwar für ihre Hingabe an den kosmischen Strom der Gegebenheiten. Führt man sich die aktuelle politische Weltlage mal kurz vor Augen, mit einem dünnhäutigen, mental retardierten Psychopathen im Weißen Haus, allen Anzeichen eines möglichen Auseinanderbrechens der EU und den anhaltenden Wahlerfolgen der Neofaschisten in Europa, so muss man unweigerlich Schmerz und Verzweiflung empfinden. Und sehr schlechte Laune bekommen. Wie stark ist da die Versuchung, sich wenigstens beim Eurovision Song Contest mit fröhlichem Liedgut, lustigen Kostümen und bunten Shows für ein paar Stunden abzulenken und die Realität zu verdrängen. Stoff genug hierfür stand beim heutigen Vorentscheid UMK zur Auswahl: gleich drei schmissige Uptemponummern mit eingängiger Melodik und amüsantem Drumherum buhlten (neben sieben weiteren Konkurrenten) um die Gunst der Zuschauer/innen. Doch vergeblich: sehr eindeutig siegte stattdessen eine düstere, tiefschwarze Depressionsballade namens ‚Blackbird‘, in welcher eine blonde, leichenblasse Frau in einem hochgeschlossenen, buschigen schwarzen Witwenkleid die titelgebende Amsel flehentlich ersucht, doch bitte nicht vor ihrem Fenster zu singen, um sie nicht aus ihrer tiefen, tiefen Traurigkeit zu reißen. Die, wie bei Balladen üblich, zwar von einer beendeten Beziehung herrührt, was sich aber natürlich auch als Abgesang auf die augenscheinlich abgekühlte Romanze der Menschheit mit den Tugenden der Aufklärung und des gesellschaftlichen Fortschritts interpretieren lässt. Ein bleicher Rotschopf begleitet die Sängerin ganz klassisch am Klavier, das Bühnenbild ertrinkt im Trockeneisnebel und einer sanft wogenden Tiefsee-Projektion im Hintergrund, zweifellos eine subtile Anspielung auf das von Donald Trump gut geheißene und vermutlich bald auch im Inland breit zum Einsatz kommende Waterboarding. Norma John, so der Name des wie eine Kreuzung aus Anouk (→ NL 2013) und den Common Linnets (→ NL 2014) daherkommenden Duos, geben sich dem Weltschmerz, der ihrer Ballade innewohnt, voll und ganz hin. Und wenn wir es ihnen gleichtun und uns für drei Minuten fallen lassen in das Meer der Schwermut, hinabtauchen auf den Grund der Traurigkeit, dann ist es ein wirklich atemberaubendes Erlebnis. Auch wenn wir dort vielleicht in der Depression ertrinken.

Amsel, Drossel, Fink und Star: alle Vöglein schweigen

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Perlen der Vorentscheidungen: OMG it’s UMK!

In einer einstündigen, auf Youtube übertragenen Pressekonferenz stellte das finnische Fernsehen YLE heute die zehn Teilnehmer/innen des Uuden Musiikin Kilpailu (UMK) vor, der suomischen Vorentscheidung, die am 28. Januar 2017 stattfindet und – große Freude – von der fantastischen Krista Siegfrids (→ FI 2013) moderiert wird. Alle zehn Titel sind bereits auf dem UMK-Youtube-Channel zu finden, und zwar als Lyric-Video. Nach einer ersten Sichtung lässt sich wohl sagen, dass der Contest vermutlich auch 2018 nicht in Helsinki gastieren dürfte. Bekanntester Name ist das schwedische Internet-Phänomen Günther, der 2004 mit dem ‚Ding Dong Song (Touch my Tra la la)‘ einen Chart-Topper im Heimatland landete und international viral ging. 2006 nahm er am Melodifestivalen teil, schied aber im Semi aus. Ums Berühren geht es auch in seinem UMK-Beitrag ‚Love yourself‘, der die wichtige Botschaft der Selbstliebe verbreitet, welche nach Günthers Aussage auch das praktische Handanlegen mit einschließt. Doch so ganz ausgelastet scheint er mit dem alten Vier-gegen-Willi-Spiel selbst nicht zu sein, denn im Mittelteil seines Elektrostampfers raunt uns der herrlich schmutzige Lüstling zu, dass er über einen „Zaubertrank“ verfüge, vom dem er uns gerne kosten lassen möchte, da dieser „zu gut“ sei, um ihn zu „verschleudern“. Bon Appétit!

D’Sanz‘ Zaubertrank würde ich ja vielleicht versuchen: Günther & Company

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Erstes Semifinale 2016: Auf in den Kampf!

Das wird jetzt vielleicht nicht auf ungeteilte Zustimmung bei all meinen Leser/innen stoßen und beschreibt auch das Gegenteil meiner eigenen Empfindungen von vor einem Jahr, aber nach der ersten Qualifikationsrunde 2016 aus dem Stockholmer Globen (der immer noch aussieht wie ein Schneller Brüter) am Dienstagabend muss ich sagen: von mir aus können die Schweden gerne jedes Jahr gewinnen. Solange sie Petra Mede weiter moderieren lassen: locker, flockig, eigenironisch, herrlich! Am schönsten der Gag, als auf die Worte „Welcome, Europe!“ die ersten Takte von ‚The Final Countdown‘ der gleichnamigen schwedischen Achtzigerjahre-Rockband ertönten, live von besagter Kapelle intoniert, die Petra und Måns aber schnell wieder abwürgten und sich flugs für die „Peinlichkeit“ entschuldigten! Auch, was das schwedische Fernsehen an Rahmenprogramm auf die Beine stellte, konnte sich sehen lassen, von der Eröffnungsnummer, als ein Chor aus den Kindern von Stepford das Morbid-Düstere in Måns Zelmerlöws Vorjahres-Siegerlied ‚Heroes‘ erst so richtig herausarbeitete, bis hin zu dem als Pausenact eingesetzten Ballett der ‚Grey People‘ zum Thema Flucht, das einem beim Zuschauen stellenweise den Atem stocken ließ, weil es so artifizielle und dennoch tief unter die Haut gehende Bilder für die Tragödie fand, die sich weiterhin täglich vor unseren Toren abspielt. Danke für diesen Appell ans kollektive Gewissen!

Die perfekte Sprache gefunden, um das wichtige Thema an diesem Abend nicht vergessen zu lassen, ohne belehrend zu wirken. Respekt, SVT!  

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Vier Todesfälle und eine Hochzeit: der schlimme Supersamstag

Fünf Nationen wählten gestern gleichzeitig ihre Beiträge aus für den Eurovision Song Contest 2016 in Stockholm an diesem stressigsten aller Supersamstage der laufenden Saison. Als erste von ihnen startete bereits um 18:40 Uhr MEZ die moldawische Vorentscheidung, wo wir erfuhren, dass die Zahl 16 (wie in 2016) dort „șaișpe“ heißt, was sich nicht von ungefähr wie „Scheiße“ anhört. Folgerichtig griff das rumänische Bruderland, wie fast alle gestern Abend auswählenden Nationen, tief ins Klo bei ihrer Entscheidung. Sehr, sehr tief. Das sah wohl sogar die Siegerin so, die man nach ihrer Akklamation erst mal hektisch suchen musste (war sie eine rauchen gegangen?). Und ich kann es noch nicht mal auf die korrupte Jury schieben, denn es waren die moldawischen Televoter/innen, die den dissonant vor sich hin kreischenden Hexenbesen namens Lidia Isac mehrheitlich zu ihrer Vertreterin bestimmten, mit einem (natürlich von einem schwedischen Team geschriebenen) absoluten Nichts von einem Song. ‚Falling Stars‘ heißt der und dürfte vermutlich als Omen für die Punkteerwartung in Stockholm stehen. Gut, ein paar Länder müssen ja auch im Semi ausscheiden, und in diesem Fall schmerzt es wenigstens nicht.

Zwei Ventilatoren aus dem Baumarkt als Windmaschine: es sieht so billig aus, wie der Song klingt (MD)

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Perlen der Vorentscheidungen: der Maultrommelirrsinn am Supersamstag

Ein weiterer ereignisreicher Supersamstag liegt hinter uns. Neben der Entscheidung in Island liefen in fünf Ländern weitere Vorrunden. Im Gastgeberland des ESC 2016, Schweden, war es bereits die dritte, und noch immer nichts dabei, das mich besonders berührt hätte. Selbstredend flogen die beiden einzigen Beiträge des gestrigen Melodifestivalen, die mich nicht komplett zu Tode langweilten, unisono raus. Nämlich zum einen den ursprünglich unter dem Titel ‚Love take me higher‘ für Alcazar geschriebenen Schwedenschlager ‚Kom ut som en stjärna‘, stattdessen nun dargeboten von Drag-Act After Darkvom dem allerdings das pinke Kleid und der ohrenzermürbend schiefe Gesang als eindrücklichste Erinnerung bleibt. Sowie zum anderen das tanzbare Penisverherrlichungslied ‚You carved your Name‘, das mit so schönen Textzeilen aufwartete wie „Gonna bring you to your Knees“ oder „‚cause it’s bigger than it seems“, zu denen sich Interpret Swingfly dann auch unablässig ans Gemächt griff. Die EBU-Oberzensorin Sara Yuen, die 2003 dem Österreicher Alf Poier solcherlei Anzüglichkeiten noch strikt verbot, dürfte bei diesem Anblick wohl in Ohnmacht gefallen sein. Swingflys ein wenig prollig wirkende, für den kraftvollen Refrain zuständige Duettpartnerin Helena Gutarra machte übrigens schon mit so hübschen Hits wie ‚Dicksuckin‘ von 2013 auf sich aufmerksam. Subtil!

Verteilt es wie eine Tropenkrankheit: Swingfly (SE)

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Supersamstag 2016: Rettet die Schlagerdiven

Er geht als Abend der Überforderung ein in die Annalen der Eurovisionsforschung, der gestrige Samstag: in zehn Ländern gleichzeitig liefen Grand-Prix-Vorentscheidungen. Darunter drei Finale, von denen eines, nämlich das italienische San-Remo-Festival, ohne Ergebnis zu Ende ging, weil die dortigen Sieger einen Kümmert pullten und das angebotene Ticket nach Stockholm erst mal ausschlugen, sich dann aber doch Bedenkzeit ausboten. Befassen wir uns hier nun aber zunächst mit sechs der sieben Nationen, in denen Vorrunden stattfanden (Island wird von mir, wie angekündigt, mit Nichtachtung gestraft). Die meisten Eurovisionsfans entschieden sich angesichts des massiven Überangebotes wohl für das beliebteste Format, nämlich das schwedische Melodifestivalen, von dem die zweite Vorrunde über die Bühne ging. Und mit einem noch schlechteren musikalischen Aufgebot enttäuschte als die erste vor einer Woche. So richtete sich der Fokus auf das Rahmenprogramm, in dem die schwedische Siegerin von 1999 und erfolglose Titelverteidigerin von 2008, Charlotte Perrelli, einen witzigen (und vorbehaltlos zu unterstützenden) Aufruf zur Rettung der bedauerlicherweise langsam aussterbenden Spezies der Schlagerdiva zu Gehör brachte. Und zwar zur Killermelodie von Helene Fischers ‚Atemlos‘! Damit adelt sie den Titel zur neuen Kampfhymne aller europäischen Schlagerfans. Grandios!

„Rettet Schlagerdiven“, fordert Charlotte. Wo kann ich unterschreiben? (SE)

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Semifinal-Supersamstag 2016: I love to hate you!

Nun liegt er hinter uns, der ausschließlich aus diversen Vorrunden (ganze sechs an der Zahl!) bestehende Supersamstag, an dem sich in ganz Skandinavien und weiten Teilen des ehemaligen Ostblocks etliche Sänger/innen battelten, ohne dass eine finale Entscheidung für Stockholm fiel. Und natürlich endete er fast überall mit maßlosen Enttäuschungen. Fangen wir gleich mit der schlimmsten davon an, damit wir sie aus dem Weg bekommen: Island! Zwölf Kandidat/innen gibt es im Söngvakeppni insgesamt, sechs davon traten gestern an, darunter die Einzige mit einem hörenswerten Beitrag und meinem aktuellen Lieblingsohrwurm aller Zeiten und Sonnensysteme: Sigga Eyrún mit ‚Kreisí‘. Der klingt, wie er heißt, also großartigst, besteht partiell aus dem Super-Mario-Soundtrack, partiell aus der Strophe von Erasures Dramapop-Meisterwerk ‚I love to hate you‘ sowie einer fantastischen Bühnenshow mit einer sympathisch-fülligen Sängerin, begleitet von einer Dragqueen und einer auf irre geschminkten, videospielsüchtigen Frau, die sich mit Tischtennis aus alten C-64-Tagen vergnügt. Und alleine für den Choreografieeinfall, die Mittellinie des Spiels von einem regenbogenfarbenen Pacman auffressen zu lassen, gebührte ihr der Sieg beim Eurovision Song Contest in Stockholm. Doch dazu wird es nicht kommen: die völlig geschmacksinkompetenten isländischen Televoter/innen ließen sie noch nicht mal ins Finale ziehen! Ich bin so sauer, dass ich es nicht anders in Worte fassen kann als: diese Insel soll bitte im Meer ertrinken. Sofort!

Ab Sekunde 28: singen Sie da mal „I like to read murder mystery / I like to know the killer isn’t me“ drüber. Und, passt, oder? (IL)

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