Bel­gi­en 2020: Let the Sky fall

Lan­ge muss­ten wir auf den Song war­ten: am heu­ti­gen Mor­gen fei­er­te der bel­gi­sche Bei­trag der bereits im Okto­ber ver­gan­ge­nen Jah­res vom flä­mi­schen Sen­der Één intern nomi­nier­ten Band Hoo­ver­pho­nic in einer Radio­show Pre­miè­re. Und seit heu­te Mit­tag steht auch ein You­tube-Video bereit. Doch zum Lied: ‘Release me’ sei diver­sen Ver­laut­ba­run­gen zufol­ge dem vor kur­zem ver­stor­be­nen Vater des Band­lea­ders Alex Cal­li­er gewid­met, ent­puppt sich bei genaue­rer Betrach­tung lyrisch aller­dings als klas­si­sche Tren­nungs­schmerz­bal­la­de. Es folgt in die­ser ver­wun­der­li­chen Text-Bedeu­tungs­sche­re dem letzt­jäh­ri­gen Sie­ger­song von Dun­can Lau­rence, der zu ‘Arca­de’, einer Betrach­tung über Spiel­sucht, ja eben­falls durch den Tod eines nahe ste­hen­den Men­schen inspi­riert wor­den sein will. Und noch mehr ver­bin­det bei­de Lie­der: wie ‘Arca­de’ schwebt das von einem ele­gi­schen Strei­cher­tep­pich getra­ge­ne ‘Release me’ zwi­schen edler Ele­ganz und ein­schlä­fern­der Lan­ge­wei­le, ver­mag jedoch eben­falls über den Gesang zu fes­seln: die einer­seits völ­lig ent­rückt und unbe­tei­ligt wir­ken­de, gleich­zei­tig tief­trau­rig-ange­kratz­te Stim­me der Lead­sän­ge­rin Luka Cruys­berghs ver­leiht dem von einem leich­ten James-Bond-Flair durch­zo­ge­nen Song eine unbe­streit­ba­re Fas­zi­na­ti­on. Ob die­se aus­reicht, auch live über drei Minu­ten zu tra­gen und das völ­li­ge Feh­len jeg­li­cher musi­ka­li­scher Vari­anz oder dyna­mi­scher Stei­ge­rung wett­zu­ma­chen, wage ich aller­dings zu bezwei­feln. Und so fürch­te ich, dass der bel­gi­sche Bei­trag Rot­ter­dam bereits im Semi­fi­na­le in Schön­heit ster­ben könn­te. Immer­hin: die Heim­fahrt ist nicht weit.

Legt sich als Film­sound­track wie Bal­sam auf die Ohren, dürf­te im Wett­be­werb aber unter­ge­hen: Hoo­ver­pho­nic.

Schon wie­der Ers­ter: Één nomi­niert Hoo­ver­pho­nic für Rot­ter­dam

Die Bel­gi­er sind mal wie­der die Ers­ten: vor weni­gen Minu­ten prä­sen­tier­te der flä­mi­sche Sen­der Één die (intern aus­ge­wähl­ten) Repräsentant/innen des kul­tu­rell und sprach­lich geteil­ten Frit­ten­lan­des. Das Trio Hoo­ver­pho­nic wird für Bel­gi­en im Mai 2020 die nicht all zu lan­ge Rei­se in die benach­bar­ten Nie­der­lan­de antre­ten. Die Trip-Hop-For­ma­ti­on exis­tiert in wech­seln­den Beset­zun­gen bereits seit 1996 und fei­ert seit­her bestän­di­ge Erfol­ge. Und auch, wenn sich ihre bis dato ver­öf­fent­lich­ten zehn Stu­dio­al­ben außer­halb der eige­nen Lan­des­gren­zen unge­rech­ter­wei­se kaum ver­kauf­ten, dürf­ten etli­che ihrer oft­mals sym­pho­nisch daher­kom­men­den Melo­dien vie­len Kinobesucher*innen bekannt sein, fan­den ihre Stü­cke doch bereits als Sound­track in etli­chen Block­bus­tern Ver­wen­dung. Ihr letz­tes Album ‘Loo­king for Stars’, das in Bel­gi­en Gold­sta­tus erreich­te, erschien 2018. Da stieß auch die aktu­el­le, erst 18jährige Front­frau Luka Cruys­berghs, ihres Zei­chens (natür­lich!) The-Voice-Sie­ge­rin, zur Hoo­ver­pho­nic. Sie ist bereits die drit­te Voka­lis­tin in der fast schon ein Vier­tel­jahr­hun­dert wäh­ren­den Band­ge­schich­te. Der deut­lich älte­re Mas­ter­mind des Tri­os, der Pro­du­zent und Kom­po­nist Alex Cal­li­er, ist erklär­ter Euro­vi­si­ons­fan und schrieb an Sen­neks ‘A Mat­ter of Time’ mit. Am bel­gi­schen Bei­trag für Rot­ter­dam arbei­tet er gera­de, ein Ver­öf­fent­li­chungs­da­tum steht noch nicht fest. Ledig­lich, dass er – wie alle bis­he­ri­gen Ver­öf­fent­li­chun­gen der Band – auf Eng­lisch gesun­gen wird, wis­sen wir. Der Sen­der jeden­falls freut sich wie Bol­le, einen solch dicken Fisch an Land gezo­gen zu haben: “Wir träu­men seit Jah­ren davon, dass Hoo­ver­pho­nic die bel­gi­schen Far­ben ver­tei­di­gen. Toll, dass es jetzt geklappt hat! Für Één ist es eine unbe­schreib­li­che Ehre, die Bes­ten der Bes­ten zum Euro­vi­si­on Song Con­test schi­cken zu kön­nen,” zitiert Wiwi­bloggs den Pres­se­spre­cher. Gro­ße Wor­te – jetzt fehlt nur noch ein gro­ßer Song!

Mein per­sön­li­ches Lieb­lings­stück der Bel­gi­er: das abso­lut bril­lan­te ‘Some­ti­mes’ aus dem Album ‘Hoo­ver­pho­nic pres­ents Jackie Cane’ von 2002 (Reper­toire­bei­spiel), da noch mit ande­rer Front­frau. Wenn ihr ESC-Bei­trag auch nur halb so gut aus­fällt, kön­nen wir uns auf Rot­ter­dam freu­en.