Israel schickt des Golden Boys Tänzer nach Kiew

Ein wenig überschattet von den aktuellen Entwicklungen in Kiew ging heute Abend im israelischen Fernsehen die Castingshow The Next Star zu Ende, mit welcher der Vertreter des Landes für den Eurovision Song Contest 2017 ermittelt wurde. Imri Ziv heißt der junge Mann, verfügt über hinreißende Segelöhrchen, sexy behaarte Unterarme, überhaupt ein blendendes Aussehen sowie eine – das macht mir allerdings ein wenig Angst – besonders für Balladen geeignete Stimme. Er setzte sich im heutigen Finale der (aufgemerkt, NDR:) mehrwöchigen Sendereihe gegen die drei letzten verbliebenen Konkurrent/innen durch. Sein Beitrag für Kiew steht allerdings noch nicht fest: in der Castingshow gab man nur Coverversionen zum Besten, den israelischen Song 2017 will man gesondert finden. Für besonders scharfäugige Beobachter/innen ist Imri kein eurovisionäres Frischfleisch: das Multitalent stand bereits zwei Mal auf der Grand-Prix-Bühne, nämlich als Tänzer für den ‚Golden Boy‘ Nadav Guedj (→ IL 2015), der seinem Facebook-Account zufolge derzeit seinen Dienst im israelischen Heer ableistet und davon durchaus ansprechende Fotos veröffentlicht, sowie für seinen Eurovisions-Nachfolger Hovi Star (→ IL 2016). Hoffen wir mal, dass sich die Israelis bei der Songauswahl von dieser früheren Beschäftigung inspirieren lassen und ihm etwas Uptemporäres zuschanzen!

Obwohl: er dürfte mich auch mit einer Liebesballade zusülzen (IL, Repertoirebeispiel)

Russische Jurorin fliegt raus

Die EBU schließt in Absprache mit dem russischen Sender RTR die in der Ukraine geborene Sängerin Anastasija Stockaja aus der Jury des Landes für den Eurovision Song Contest 2016 aus und erklärt die von ihr abgegebenen Punkte für nichtig. Damit reagiert die Organisation auf einen von Stockaja gestern Abend während des ersten Juryfinales live auf dem Streamingdienst Periscope geleakten Mitschnitt, welcher die fünf Jurymitglieder zeigt, wie sie sie gerade den niederländischen und den armenischen Beitrag mitverfolgen und bewerten, offensichtlich in sehr relaxter Stimmung. Kurz schwenkt Anastasijas Handy-Kamera auch auf ihren eigenen Stimmzettel, den sie zwar noch reflexartig abzudecken versucht – dennoch sieht man für eine Schrecksekunde, dass sie bei einzelnen Beiträgen ein Minuszeichen gemacht hat und bei anderen ein Plus. Nicht schwerwiegend genug, um das komplette russische Juryvoting zu stornieren, wie es aufgebrachte Regelfetischisten unter den Fans bereits forderten, denn schließlich lässt sich aus solcherart vagen Notationen der Vorlieben eines einzelnen Mitglieds noch kein Vorzeichen für das komplette Juryvoting schlussfolgern. Man betrachte das Verhalten der Sängerin, die 2005 selbst an der russischen Vorentscheidung teilnahm, seitens der EBU aber als „nicht im Einklang mit dem Geist des Wettbewerbs“ stehend und verweist auf das „potentielle Risiko, ungewollt die Jury-Ergebnisse zu verraten,“ wie es heute in einer Stellungnahme hieß. Das Online-Streaming an sich sei aber kein Regelverstoß, solange es keine Ergebnisse enthalte. Die übrigen vier Juroren bleiben damit von Sippenhaft verschont, ihre Ergebnisse zählen. Für das Finale am Samstag darf der Sender ein neues, fünftes Jurymitglied nachnominieren.

Trat gestern bereits vor der Jury auf: Douwe Bob (NL)

weiterlesen

Russische Zöllner hinderten Hovi Star an der Einreise

Wie schrecklich es mit der institutionellen russischen Homophobie bestellt ist, erfuhr in dieser Woche der israelische Eurovisionsvertreter Hovi Star am eigenen Leibe. Wie er einem Bericht von Wiwibloggs zufolge gestern Abend in der maltesischen Talkshow Xarabank erzählte, hinderten ihn Zöllner am Flughafen Moskau bei der Einreise in das Land, das er im Zuge einer Promotour besuchen wollte. Hovi: „Sie sagten mir, ich dürfte nicht rein. Sie schauten in meinen Pass, zerrissen ihn und lachten mich aus“. Gründe für diese unglaubliche Behandlung seien nicht genannt worden: „vielleicht, weil ich schwul bin, vielleicht, weil ich mich so anziehe, vielleicht, weil ich Make-up trage – ich weiß es nicht,“ so der Künstler im Interview. Trotz des skandalösen Vorfalls, den seine spanische Kollegin Barei, die das Geschehen als Augenzeugin mitverfolgen musste, am Donnerstag in der Zeitung Lavangardia publik machte, blieb Hovi Star in seiner Mitte: „Mein Song ‚Made of Stars‘ handelt von der Gleichheit; davon, dass alle gleich sind, gleich geboren, gleich im Sterben. Und ich betone immer: schenkt Liebe – sie ist kostenlos. Es gibt keinen Grund für Hass, für Negativität. Ich habe mich entschieden, es als Lehre zu verbuchen.“ Er liebe Russland, das er schon mehrfach besucht habe, und wolle es nicht persönlich nehmen.

„Wir leben, wir lächeln und wir geben jedem freie Liebe“: Bravo, Hovi

weiterlesen

Keine Sterne in Tel Aviv: die ersten ESC-Remixe sind da!

Mit dem schwedischen Melodifestivalen, traditionell immer nur wenige Tage vor dem offiziellen Abgabetermin aller Beiträge bei der EBU terminiert, ging gestern Abend die Vorentscheidungssaison für den Eurovisionsjahrgang 2016 zu Ende. Noch aber wartet die Welt mit angehaltenem Atem auf zwei offene Beiträge und zwei ESC-Versionen bereits gewählter Titel. Während bereits seit geraumer Zeit feststeht, dass die Albanerin Enada Tarifa ihr in der Originalfassung sterbensschönes ‚Përrallë‘ in Stockholm in einer (noch nicht veröffentlichen) anglifizierten Version als ‚Fairytale Love‘ verhunzt, stieg in Rom noch immer kein weißer Rauch auf: ob die San-Remo-Zweite Francesca Miechelin ‚Nessun Grade di Separazione‘, wie von den Fans erhofft, in Landessprache singt oder ebenso den Fehler begeht, auf Englisch zu setzen, ist weiterhin offen. Genau so wie die Frage, für welchen Ersatztitel sich Ira Losco entschieden hat: erst am 17. März 2016, also kommenden Donnerstag, soll der Nachfolger für das von der Interpretin selbst nicht als konkurrenzfähig erachtete ‚Chameleon‘ das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Bereits morgen hingegen lüftet Bulgarien den Schleier über dem Lied für Wiederkehrerin Poli Genova. Unterdessen treffen bereits die ersten ESC-Remixe ein, nachfolgend im Überblick vorgestellt.

Die Lolitas auf der Suche nach dem Mitternachtsgold (GE)

weiterlesen

Von blondierten Barbies und toten Schlagerdiven

So, ein verregneter Sonntagnachmittag, noch ein paar Minuten bis zum Beginn des rumänischen Vorentscheidungsfinales: kurz Zeit also, über einige Phänomene der letzten Tage zu sinnieren. Beginnen wir zunächst mit dem scheinbar merkwürdigen Abstimmungsverhalten in einigen Ländern und den dazugehörigen Hintergründen. Da ist das allgemein unerwartete und schockierende Ergebnis in Polen, wo die Zuschauer/innen eine zottelige Jack-Sparrow-Kopie wählten und den von vielen Fans bereits als möglichen Siegertitel des ESC 2016 gehandelten Song ‚Cool me down‘ von Margaret verschmähten. Was vielleicht weniger verwundert, wenn man sich vor Augen führt, dass der Sender TVP beim gestrigen Televoting pro Anschluss lediglich einen Anruf wertete. Sicherlich fairer im Hinblick auf ein repräsentatives, weniger von anruffreudigen Teenies verzerrtes Resultat, bedeutete dies eben auch, dass die älteren (und konservativeren) Zuschauer/innen, die nicht mehr in dem selben Maße Musik kaufen wie ihre Kinder und damit die Charts nicht mehr bestimmen, in einem stärkeren Umfang über das Ergebnis entschieden. Und die konnten mit einer „blondierten Barbie in Unterwäsche“, wie sie sich in manchen Kommentaren Luft machten, nichts anfangen. Sicherlich half Michał Szpak auch der Umstand, erst im vorigen Jahr an der polnischen Ausgabe des Superstar teilgenommen zu haben.

Kam bei konservativen Polen nicht gut an: Krachtasche Margaret (PL) (Liveauftritt ist derzeit wegen irgendwelcher elender Contentwichser gesperrt. Sterbt!)

weiterlesen

Israel 2016: die Sterne stehen gut

So viel Sterne leuchteten selten gleichzeitig auf an nur einem Abend: die als israelisches Vorentscheidungsformat verwendete Castingshow Rising Star brachte soeben einen Sänger namens Hovi Star als Sieger (und Grand-Prix-Vertreter) hervor. Mit dem Titel ‚Made of Stars‘. Drei mal Star in einem Aufwasch: mehr Stern geht nicht! Wobei: geht doch, denn gleich zwei der insgesamt vier Rising-Star-Finalisten interpretierten heute Abend ‚Made of Stars‘ und verdoppelten so noch einmal die Anzahl der Himmelskörper. Neben dem siegreichen Hovi, einem zur figürlichen Fülle und zu einer leichten Effeminiertheit neigenden jungen Mann mit einer eigenwilligen Emo-Frisur und großem Starappeal, versuchte sich auch die vergleichsweise schüchterne Nofar Salman an der Nummer, die sie aber bei weitem nicht so überzeugend darbot und bei der sie vor allem die Rückung (hurra!) ziemlich vergeigte – eine Stelle, an welcher der sehr offensichtlich zur Familie gehörende Hovi noch mal so richtig einen drauf setzte. Dennoch schaffte sie es im (reinen Zuschauer-)Voting-Duell bis auf 2 Prozentpunkte an den von bösen Zungen bereits als Maria Serifovics verschollenen Cousin“ betitelten Mitbewerber heran, der schlussendlich mit 68 zu 66% (bitte nicht nach der Sinnhaftigkeit der Abstimmungsskala fragen, es ist halt eine Castingshow) denkbar knapp gewann.

Tijana Dapčević (MK 2014) hat angerufen und will ihre Frisur zurück: Hovi Star

weiterlesen

Perlen der Vorentscheidungen: mundgeschälte Bananen aus Israel

Früher einmal stand das englische Wörtchen „gay“ sowohl für „schwul“, als auch – im Originalsinne – für „fröhlich“. Das scheint lange her: mittlerweile hat sich bei vielen Berufshomos leider eine nervtötende Humorlosigkeit breit gemacht, wie sich am Beispiel der gerade laufenden israelischen Vorentscheidung Rising Star zeigt. Dort kam der junge Künstler Maor Gamliel eine Runde weiter, mit einem Song, der sich nach meinem Empfinden in freundschaftlich-neckender Weise über einen Schrankschwulen lustig macht. ‚Moshiko‘, so der Name des titelgebenden Homos, „liebt Ärsche“, „treibt keinen Sport“, hält sich aber ständig im Umkleideraum auf, „lässt die Seife fallen“, „schält Bananen mit dem Mund“ und sollte sich endlich outen, fordert Maor. Denn, auch so heißt es im Songtext, „schwul ist cool“ und es „gibt kein falsch oder richtig“. Letzteres sah der israelische Schwulen- und Lesbenverband jedoch anders und rief zu offiziellen Beschwerden über die Ausstrahlung des Titels im Fernsehen auf. Erfolgreich: 200 Klagen gingen bei der zuständigen Programmbehörde ein, die den Fall nun prüft, wie die britischen Pink News heute berichten.

Lustig oder verletzend? Maor sorgt für Kontroversen

weiterlesen

The King of Fun: zweites Semi 2015

Na, das war aber auch an der Zeit! Da musste erst ein kerniger siebzehnjähriger ‚Golden Boy‘ aus Tel Aviv kommen, um den Fluch von ‚Ding-Dong‘Dana (IL 1998, 2011) abzuschütteln und die Israelis nach einer fünfjährigen Durststrecke endlich wieder ins Gelobte Land zu führen. Dramaturgisch geschickt hatte sich der ORF die Verkündung des Finaleinzugs von Nadav Guedj bis ganz am Schluss aufgehoben, und der kollektive Erleichterungsschrei aus über zehntausend Fankehlen ließ die Wiener Stadthalle beinahe in ihren Grundfesten erbeben. Wäre Israel diesmal wieder kleben geblieben, hätte ich auch endgültig den Glauben an die Menschheit verloren. Doch dazu erwies sich die Mischung aus goldenen Schuhen (schon für Schweden 1984 ein Siegesrezept), jugendlicher Energie, bewährter israelischer Engtanzchoreografie, genialen Textzeilen wie „Before I leave / let me show you Tel Aviv“ (sehr gerne!) und dem lustigen Selfie zum Songfinale als zu unwiderstehlich. Daher heute keine Publikumsbeschimpfung, sondern ein herzliches: danke, Europa!

Schön auch die subtile Homoerotik in Nadavs Tanzmoves bei „Do you like my Dancing?“ bei 1:45 Minuten. Yes, Honey, we do! (IL)

weiterlesen

Schweden und die HJ: erste Proben zweites Semi 2015

In Wien setzten sich am Mittwoch und Donnerstag die ersten Probedurchläufe fort, diesmal mit den Teilnehmer/innen des zweiten Semifinales vom kommenden Donnerstag. Eine Fortsetzung fand auch die Saga um die händchenhaltenden Ampelmännchen: ausgerechnet die sich selbst als „freiheitlich“ titulierende FPÖ drohte an, die hübsche Geste gegenüber der Eurovisions-Kernzielgruppe (und Umsetzung der Toleranzbotschaft der aktuell regierenden Eurovisionskaiserin Conchita) zur Anzeige zu bringen. Es handele sich um „grüne Klientelpolitik und Steuergeldverschwendung in Reinkultur,“ so der FPÖ-Mann Toni Mahdalik laut Kronenzeitung. Da Beides nicht verboten ist, begründete die FPÖ die Anzeige offiziell mit einem „Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung“ – und musste sich prompt belehren lassen, dass in der StVO „lediglich die Farben Rot, Grün, Gelb geregelt [sind], jedoch nicht die Form“, so Sonja Vicht von der Wiener Stadtverwaltung. Es gilt übrigens nochmals darauf hinzuweisen, dass unter den drei Motiven auch ein Hetero-Pärchen zu sehen ist – was uns wunderbar auf die ersten Starter im zweiten Eurovisionssemi hinleitet…

Beste Stelle bei 0:48 Minuten: ich weiß nicht warum, aber irgendwie scheint mir das mit der erhöhten Aufmerksamkeit nicht ganz zu funktionieren! 

weiterlesen

Israel 2015: der Retter des Abendlandes

Noch nachzureichen gilt es den bereits am Donnerstag veröffentlichten israelischen Beitrag für Wien. Die Verspätung liegt auch daran, dass es mir (bis heute) nicht gelungen ist, angemessene Worte der Dankbarkeit und der Lobpreisung zu finden, die auch nur annähernd das Maß meiner glückseligen Freude über den Song ‚Golden Boy‘ zum Ausdruck bringen könnten, mit dem der unerschrockene und heldenhafte Nadav Guedj das Unerhörte wagt. Das, was seit der Rückkehr der Jurys zum Song Contest strengstens verboten ist und was in diesem Jahr (bis auf die Briten, denen eh schon alles egal zu sein scheint) keiner auch nur ansatzweise riskiert: er verbreitet ungebremste Fröhlichkeit! Und schenkt uns mit der Textzeile „Before I leave / let me show you Tel Aviv“ gar einen neuen Camp-Klassiker der Eric-SaadePoesie-Schule. Fraglos stehen also die Grauen Herren (und Damen) der Jurys schon mit frisch angespitzten Wertungsbleistiften bereit, um sie ihm im Mai virtuell in den Hals zu rammen. Da Israel beim Publikumsvoting außer Russland – das im anderen Semi antritt – zudem über keine Punkteallianzpartner verfügt, steht das zuletzt 2010 erreichte Finale für das Nahostland aber wohl ohnehin nicht mehr auf Liste der realistischen Ziele.


Desperado, oh er ist ein Desperado: Golden Boy Nadav

weiterlesen