ESC 1991: Hier decke ich den Tisch

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Das gla­mou­rö­se Jahr

Mit einer Hym­ne auf das neu ver­ein­te Euro­pa (‘Insie­me: 1992’) hat­ten die Ita­lie­ner im Vor­jahr die­ses merk­wür­di­ge Wett­sin­gen gewon­nen, das bekannt­lich auf dem Vor­bild ihres heiß­ge­lieb­ten San-Remo-Fes­ti­vals basiert. Da lag es auf der Hand, sel­bi­gem Vor­bild zu hul­di­gen und den Con­test in näm­li­chem ligu­ri­schen Kur­ort aus­zu­tra­gen. Doch je näher das Ereig­nis her­an­rück­te, des­to stär­ker nag­ten die Zwei­fel: wür­de man mit die­sem obsku­ren Euro­trash­spek­ta­kel in der gehei­lig­ten Stät­te des Aris­ton-Thea­ters zu San Remo nicht das Anse­hen des im Lan­de wesent­lich belieb­te­ren Ori­gi­nals beschmut­zen? Woll­te man sich als selbst emp­fun­de­ner kul­tu­rel­ler Nabel Euro­pas wirk­lich die­se Laus in den Pelz set­zen? Also ver­leg­te die RAI die Show in letz­ter Sekun­de nach Rom.

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ESC 1990: Für uns, Lie­be ohne Gren­zen

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Das Jahr der Euro­pa­eu­pho­rie

Deutsch­land schrieb in die­sem Jahr Geschich­te: mit der von muti­gen DDR-Bür­gern fried­lich her­bei­de­mons­trier­ten Revo­lu­ti­on und der sich anschlie­ßen­den, von den meis­ten West­lern wie mir gedank­lich längst abge­schrie­be­nen Wie­der­ver­ei­ni­gung. Aller­dings auch mit den bei­den ers­ten deut­schen Euro­vi­si­ons­teil­neh­mern, die beim Ver­such des Sin­gens kaum einen Ton sau­ber zu tref­fen ver­moch­ten. Hät­te man einen Schock Hun­de­wel­pen ‘Frei zu leben’ jau­len las­sen, das Ergeb­nis wäre gewiss musi­ka­lisch über­zeu­gen­der aus­ge­fal­len. Doch nicht genug, dass sich einem beim Anhö­ren die Fuß­nä­gel kräu­sel­ten, auch der Anblick des pein­li­chen Duos sorg­te für Fremd­schäm­at­tack­en: Dani­el Kovac erschien im C&A-Anzug, Chris Kem­pers mit tuf­fi­ger Dau­er­wel­le und noch tuf­fi­ge­rer Kos­tüm­ja­cke, die deut­lich aus­sag­te: “Hal­lo, ich kom­me aus der Pro­vinz und las­se mir jeden Mist andre­hen”. Es war erbärm­lich. So bil­lig die Gar­de­ro­be, so bil­lig der Song: es schien, als sei der Grand Prix für alle Betei­lig­ten, ein­schließ­lich der ARD, nur noch eine quä­len­de Pflicht­ver­an­stal­tung, die man mit so wenig Auf­wand und Bud­get wie mög­lich zu absol­vie­ren such­te.

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ESC 1987: Is het een orka­an?

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Das Jahr der Wie­der­kehr

Der Brüs­se­ler Con­test – ein ein­zi­ges Déjà Vu: der­sel­be Sie­ger wie schon 1980; die glei­chen deut­schen Teil­neh­mer wie schon 1985, die wie­der­um die­sel­be Plat­zie­rung erreich­ten wie bereits zwei Jah­re zuvor, näm­lich den zwei­ten Rang. Erneut erhiel­ten wir nur einen Punkt aus der Schweiz – auch das war man gewohnt. Dies­mal spiel­te es aber kei­ne Rol­le mehr: selbst mit zwölf hel­ve­ti­schen Zäh­lern hät­ten Wind (DE 1985, 1992, DVE 1998, 1999) nicht mehr gewon­nen. ‘Lass die Son­ne in Dein Herz’, für des­sen stump­fe Gleich­schritts­prä­sen­ta­ti­on Ralph Sie­gel eigens für teu­er Geld eine “eng­li­sche Cho­reo­gra­fin, aus Eng­land” enga­giert habe, wie er in einem ARD-Spe­cial stolz erzähl­te, hass­te ich eigent­lich immer abgrund­tief. Bis zur 50-Jah­re-ESC-Fei­er Congra­tu­la­ti­ons in Kopen­ha­gen: dort wur­de ich bei der fröh­li­chen, knall­vol­len After-Show-Par­ty im Jail­house Zeu­ge, wie ein äußerst knuf­fi­ger, rand­voll mit Bier und Jäger­meis­ter abge­füll­ter Däne den Sie­gel-Schla­ger inbrüns­tig mit­träl­ler­te. Auf deutsch und mit sehr nied­li­chem däni­schen Akzent. Ich weiß auch nicht, war­um, aber seit­her mag ich die Num­mer irgend­wie!

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ESC 1983: Wie­der holen ist gestoh­len

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Das ver­fluch­te Jahr

Drei früh­zei­tig dahin­ge­schie­de­ne Teilnehmer/innen; zwei Nil­poin­ter; der ers­te kom­mer­zi­ell erfolg­lo­se Sie­ger­ti­tel seit über zwan­zig Jah­ren; ein Büh­nen­bild wie das Innen­le­ben eines Heiz­lüf­ters und eine sich stän­dig ver­has­peln­de Gast­ge­be­rin: es scheint, als läge ein Fluch über der Mün­che­ner Ver­an­stal­tung. Dabei woll­te man doch alles rich­tig machen und sich inter­na­tio­nal prä­sen­tie­ren nach dem ers­ten Sieg Deutsch­lands mit Nico­le. Deren so gut ange­kom­me­ne “spon­ta­ne” Ges­te, ihren Titel bei der Sie­ger­re­pri­se in meh­re­ren Spra­chen zu sin­gen, inspi­rier­te die als Mode­ra­to­rin gebuch­te Tän­ze­rin Mar­lè­ne Cha­rell (gebo­ren als Ange­la Miebs in Win­sen an der Luhe), es ihr gleich­zu­tun.

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ESC 1982: Mei­ne Lie­der, die ändern nicht viel

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Das Jahr des Bruchs

1982: eine magi­sche Zahl für Deutsch­land, ein natio­na­les Trau­ma. Nicht nur, weil sich damals ein bir­nen­för­mi­ger Oggers­hei­mer anschick­te, das Land mit einer sech­zehn Jah­re wäh­ren­den Schre­ckens­herr­schaft zu über­zie­hen. Viel wich­ti­ger: wir gewan­nen den Grand Prix! Zum ers­ten – und, wie ich bis zum 29. Mai 2010, als Lena Mey­er-Land­rut die Wach­ab­lö­sung voll­zog und die Ära Sie­gel been­de­te, fest glaub­te, auch zum letz­ten – Mal. Der Con­test zog von den bis­her meist als Aus­tra­gungs­ort aus­ge­wähl­ten Haupt­städ­ten in die tiefs­te bri­ti­sche Pro­vinz nach Hor­ror­ga­te Har­ro­ga­te. Wie pas­send, denn pro­vin­zi­ell mute­te auch das musi­ka­li­sche Auf­ge­bot an.

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ESC 1976: Die Par­ty ist vor­bei

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Das zir­zen­si­sche Jahr

Vor ihrer Grand-Prix-Teil­nah­me kann­te man die Les Hum­phries Sin­gers euro­pa­weit als erfolg­rei­che, mul­ti­kul­tu­rel­le Hip­pie­grup­pe, die mit ‘Mama­loo’ oder ‘Mexi­ko’ und ähn­li­chen Titeln eine Lat­te respek­ta­bler Hits vor­wei­sen konn­te. Hin­ter­her ver­schwan­den sie in der Ver­sen­kung. In Den Haag durf­te die übli­cher­wei­se bis zu 16 Mann star­ke Kapel­le aller­dings auch nur in deut­lich dezi­mier­ter Zahl auf die Büh­ne. Zu sechst näm­lich, dar­un­ter Jür­gen Drews (DVE 1990), wäh­rend ihr Band­lea­der am Diri­gen­ten­pult stand, was ihrer Büh­nen­prä­senz gar nicht gut tat. Dazu kam der len­den­lah­me Sie­gel-‘Sing Sang Song’, sein ers­ter Grand-Prix-Bei­trag fürs Hei­mat­land und ein wahr­lich miss­ra­te­ner Auf­takt. So reich­te es wie­der nur für einen, dies­mal berech­tig­ten, hin­te­ren Platz.

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ESC 1971: Glück ist Hering in Dill­sos­se

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Das Jahr des Auf­bruchs

Hef­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen tob­ten Anfang der Sieb­zi­ger­jah­re hin­ter den Kulis­sen des Song Con­tests, unter ande­rem um das schon mehr­fach geän­der­te Wer­tungs­sys­tem und über die Beset­zung der → Jurys. Auch Deutsch­land droh­te mit dem Aus­stieg aus der Gemein­schafts­ver­an­stal­tung, soll­te sie sich nicht end­lich mehr dem Zeit­geist annä­hern. Doch der Grand Prix ist bekannt­lich unka­putt­bar, und so einig­te man sich, ganz euro­pä­isch, auf einen Kom­pro­miss. Des­sen augen­fäl­ligs­tes Ergeb­nis war, dass die Juro­ren jetzt vor der Kame­ra und damit für alle sicht­bar ihre Punk­te ver­teil­ten statt wie bis­lang im Hin­ter­zim­mer. Zumin­dest in die­sem Jahr sorg­te das tat­säch­lich für annehm­ba­re Abstim­mungs­er­geb­nis­se, ver­mut­lich aus Angst der Juro­ren vor einem wüten­den Lynch­mob. Und es sorg­te für eine Rück­kehr zu alter Beset­zungs­stär­ke: nach nur zwölf Län­dern in Ams­ter­dam gin­gen in Dub­lin nun 18 Staa­ten ins Ren­nen um die euro­päi­sche Chan­son­kro­ne.

Orches­ter, TV-Kame­ras, Mode­ra­to­rin, Punk­te­ta­fel – neben all den tech­ni­schen Erfor­der­lich­kei­ten pass­ten noch etwa 20 Zuschauer/innen ins Point Thea­ter zu Dub­lin

Zu den Rück­keh­rern zähl­te neben den Skan­di­na­vi­ern und Por­tu­gal auch Öster­reich, das sich eigent­lich viel zu spät ange­mel­det hat­te und nur des­we­gen zuge­las­sen wur­de, weil es geschickt dar­auf hin­wies, dass sich 18 Län­der auf der drei­spal­ti­gen Anzei­gen­ta­fel optisch deut­lich bes­ser machen als 17. Zur Stra­fe muss­te es von Start­platz 1 aus ins Ren­nen. Der galt bis 1975, als eine wei­te­re Öster­rei­che­rin, näm­lich die für Hol­land sin­gen­de Get­ty Kas­pers, von die­ser Posi­ti­on aus sieg­te, als ver­flucht. Der ORF schick­te die groß­ar­ti­ge Mari­an­ne Mendt, die kurz zuvor auch bei uns mit ihrer Debüt-Sin­gle, dem gran­dio­sen Gos­pel­schla­ger ‘Wie a Glockn (die 24 Stun­den läut)’, für Auf­se­hen gesorgt hat­te. Ihren kom­merz­kri­ti­schen, mund­art­lich gesun­ge­nen Grand-Prix-Bei­trag ‘Musik’, der als eine Art Geburts­stun­de des Aus­tro­pop gilt (die min­der flot­ten Deut­schen brauch­ten mit ihrem Äqui­va­lent, der NDW, mal wie­der ein biss­chen län­ger), trug sie mit beein­dru­cken­der Stimm­kraft und Ver­ve vor, schei­ter­te jedoch an der Sprach­gren­ze.

Der über­am­bi­tio­nier­te öster­rei­chi­sche Jazz- und Chan­son-Ver­such” (Tho­mas Her­manns): Mari­an­ne Mendt (AT) gibt alles, erin­nert aber optisch ein wenig an Bet­ty Boop. In der → Post­kar­te kurz im Bild: die Wie­ner Stadt­hal­le, wo 2015 der Con­test statt­fin­den soll­te.

So wie auch die Pre­miè­re fei­ern­de Mit­tel­meer­in­sel Mal­ta, heut­zu­ta­ge ein ver­läss­li­cher Lie­fe­rant für Euro­vi­si­ons­camp. 1971 ver­such­ten es die Insu­la­ner zunächst mit lan­des­sprach­li­cher Folk­lo­re. Und das Mut­ter-Idi­om der Mal­te­ser (zwei­te Amts­spra­che ist, der zeit­wei­li­gen Beset­zung durch die Bri­ten sei Dank, Eng­lisch) besteht aus einer sehr eigen­ar­ti­gen Kreu­zung aus melo­disch-wei­chem Ita­lie­nisch und dem für euro­päi­sche Ohren eher aggres­siv klin­gen­den Ara­bisch. Fol­ge­rich­tig erhielt Joe Grechs Taver­nen­schla­ger ‘Mari­ja L’Maltija’, der zudem mit einer fie­sen Klatsch­fal­le über­rasch­te, als Begrü­ßungs­ge­schenk die Rote Later­ne über­reicht. Zu den über­fäl­li­gen Ergeb­nis­sen des dau­ern­den Rin­gens um Moder­ni­sie­rung beim Grand Prix zähl­te die amt­li­che Zulas­sung von Grup­pen (mit maxi­mal sechs Per­so­nen) ab die­sem Jahr. Die Schwei­zer, sonst eigent­lich nie vor­ne­weg, nutz­ten als Ers­te die­se neue → Regel und schick­ten ganz offi­zi­ell ein Gesangs­trio, das sich nicht mehr, wie einst­mals noch die Spa­ni­er (Los TNT, 1964), Jugo­sla­wen (4M, 1969) oder die Nie­der­län­der (Heart of Soul, 1970), also Solosänger/in plus Chor tar­nen muss­te. Peter, Sue & Marc (→ CH 1976, 1979, 1981) tra­ten in der Fol­ge noch mehr­fach für die Eid­ge­nos­sen an. Mit dem Bel­gi­er Fud Leclerc (→ BE 1956, 1958, 1960, 1962) tei­len sie den Rekord für die meis­ten Euro­vi­si­ons­teil­nah­men, nur dass sie jedes­mal in einer ande­ren Spra­che san­gen und über einen län­ge­ren Zeit­raum dabei waren. Bei ihrer Pre­miè­re mit dem nach­denk­li­chen Lie­der­ma­cher­stück ‘Les Illu­si­ons de nos vingt Ans’ reich­te es für eine Posi­ti­on im Mit­tel­feld.

Die­ses Lied, die­ses Lied, hat die Kat­ja uns geschenkt (DE)

Wie gut sich ein Medail­len­platz, wenn auch nur ein bron­ze­ner, anfühlt, hat­ten die Deut­schen im letz­ten Jahr erst­ma­lig erfah­ren dür­fen. Die bis dato unge­wohn­te Dro­ge des Erfol­ges berausch­te sie so stark, dass sie sofort den nächs­ten Schuss woll­ten und die hier­für ver­ant­wort­li­che Vor­jah­res­ver­tre­te­rin Kat­ja Ebstein (→ DE 19701980, Vor­ent­scheid 1975, Mode­ra­ti­on 1981) gleich noch mal nomi­nier­ten. Kommt einem irgend­wie bekannt vor, gel­le? Eine aus­ge­zeich­ne­te Wahl: Kat­ja brach­te den sen­sa­tio­nel­len Öko­schla­ger ‘Die­se Welt’, mit dem die den Sozi­al­de­mo­kra­ten nahe­ste­hen­de Künst­le­rin all die sei­ner­zeit bei­spiels­wei­se im Ruhr­ge­biet oder der Gegend um Bit­ter­feld täg­lich erleb­ba­ren Miss­stän­de (“Rauch aus tau­send Schlo­ten senkt sich über Stadt und Land”) the­ma­ti­sier­te, die eine Deka­de spä­ter zur Grün­dung der Grü­nen führ­ten. Mit die­ser Con­test-Per­le, in ihrem span­nungs­reich-düs­te­ren Unter­ton auch musi­ka­lisch von erle­se­ner Qua­li­tät, zeig­te sich die Ebstein sehe­risch und ihrer Zeit weit vor­aus. Viel­leicht zu weit: obschon es sich bei ‘Die­se Welt’ um den ein­deu­tig bes­ten Bei­trag beim Haupt­wett­be­werb in Dub­lin han­del­te, kam wie­der nur der drit­te Platz her­aus. Immer­hin mit einem im Ver­gleich zum Vor­jahr deut­lich gerin­ge­rem Abstand zur Erst- und Zweit­plat­zier­ten.

Dann mach ich mir ein Loch ins Kleid und find es wun­der­bar: Kari­na (ES)

Eine davon war die direkt nach Kat­ja star­ten­de Spa­nie­rin Kari­na, antre­tend in einem Maxik­leid mit einem kreis­run­den Loch auf Höhe der zar­ten Fes­seln – ob hier die Idee für Gol­die Hawns “Ich kann Dich durch­schau­en!”-Kleid in ‘Der Tod steht ihr gut’ her­stammt? ‘En un Mun­do nue­vo’ muss man als ein in der End­pha­se des Fran­co-Regimes bei­na­he schon muti­ges Lied bezeich­nen, das – wenn auch schla­ger­ty­pisch unbe­stimmt – die in der Luft lie­gen­de Hoff­nung auf ein bes­se­res Mor­gen in einer neu­en Welt besang. Trotz Klatsch­fal­le und Humptata-Fina­le erreich­te sie einen gerech­ten zwei­ten Platz. Inter­es­san­tes Detail: Kari­na (bür­ger­lich: María Isa­bel Bár­ba­ra Llau­des) nahm ihren Titel auch in einer fast wört­lich über­setz­ten deut­schen Ver­si­on auf (‘Wir glau­ben an mor­gen’, akzent­frei nach­ge­sun­gen dann von Mary Roos [→ DE 1972, 1984, Vor­ent­scheid 1970, 1975, 1982]), wäh­rend die Ebstein von ihrem die Din­ge beim Namen nen­nen­den, auf Ver­än­de­rung set­zen­den Öko­schla­ger auch eine sehr ein­dring­li­che spa­ni­sche Fas­sung (Este Mun­do siemp­re asì) ein­spiel­te. Bei­de Songs tra­fen per­fekt die über­all zu spü­ren­de Auf­bruch­stim­mung der begin­nen­den sieb­zi­ger Jah­re, in der die Men­schen tat­säch­lich noch an ein neu­es, bes­se­res Mor­gen glaub­ten.

Ohne Loch im Kleid: Mary mit der deut­schen Fas­sung des spa­ni­schen Bei­trags

Für Dei­ne Lie­be tut sie alles: Clo­dagh “Hot­pants” Rod­gers (UK)

Nach die­sen Höhen­flü­gen wie­der zurück in die Nie­de­run­gen des Con­test­ge­schäf­tes. Bei den nächs­ten bei­den, musi­ka­lisch unin­ter­es­san­ten Num­mern aus Frank­reich und Luxem­burg bie­ten allen­falls die Song­ti­tel eine Vor­la­ge für müde Flach­wit­ze: wäh­rend Ser­ge Lama noch ziel­los im ‘Jar­din sur la Terre’ her­um­spa­zier­te, sam­mel­te sei­ne Nach­fol­ge­rin Moni­que Mel­sen hin­ter ihm die Früch­te auf: ‘Pom­me, Pom­me, Pom­me’. Groß­bri­tan­ni­en ent­sand­te einen etwas ver­härmt wir­ken­den Abklatsch der Vor­jah­res­ver­tre­te­rin Mary Hop­kin (→ UK 1970): Clo­dagh Rod­gers ver­füg­te über eine schwä­che­re Stim­me, zeig­te dafür aber deut­lich mehr Bein. In ihrem flot­ten, mehr geklopf­ten als gesun­ge­nen Bei­trag ‘Jack in the Box’ (UK-Charts #4, DE #36, BE #3) degra­dier­te sich die Sän­ge­rin text­lich zum all­zeit auf Knopf­druck berei­ten Spiel­zeug: ihre Autoren hat­ten, wie sie in einem Inter­view sag­ten, am Bei­spiel von ‘Pup­pet on a String’ (→ UK 1967) “bewusst stu­diert”, wie ein Grand-Prix-Lied beschaf­fen sein müss­te, und lie­ßen sich so zur (sexis­ti­schen) Spiel­zeug­the­ma­tik inspi­rie­ren. Musi­ka­lisch glich der Titel ziem­lich ein­deu­tig dem Vor­jah­res­bei­trag ‘Knock knock, who’s the­re?’ – und folg­te damit kon­se­quent der von Cliff Richard (→ UK 1968, 1973) bereits drei Jah­re zuvor geleg­ten Ton­spur. “Poch, Poch, wer da?” - wenn es in die­ser Ära irgend­wo klopf­te, konn­te man sicher sein: die Bri­ten ste­hen vor der Tür.

Zu früh gefreut: im Gegen­satz zu ihrem Pro­mo­clip schaff­ten es Nico­le & Hugo (BE) im wah­ren Leben dann doch nicht über den Ärmel­ka­nal. So kamen wir 1973 erst in den Genuss ihrer Tanz­dar­bie­tun­gen.

Die zeig­ten sich übri­gens wegen des eska­lie­ren­den Kon­flik­tes mit der IRA sehr besorgt über die Fra­ge, wen sie nach Dub­lin schi­cken soll­ten, und hat­ten die Nord­irin Clo­dagh, die den Lon­do­ner Vor­ent­scheid allei­ne bestrei­ten durf­te, gewis­ser­ma­ßen als Wogen­glät­te­rin aus­ge­wählt. Auch die 1996 ver­stor­be­ne Kom­men­ta­to­ren­le­gen­de Ter­ry Wogan kam so zu sei­nem Job: der Ire war erst weni­ge Wochen vor dem Con­test von RTÉ zur BBC gewech­selt. Er soll­te für die nächs­ten Jahr­zehn­te die Wahr­neh­mung des Wett­be­werbs auf der Insel mit sei­nen sar­kas­ti­schen Spit­zen ent­schei­dend prä­gen. Den flo­cki­gen flä­mi­schen Easy-Lis­ten­ing-Bei­trag ‘Goei­emor­gen, mor­gen’, ein Song wie ein lau­war­mer Milch­kaf­fee, hat­te beim bel­gi­schen Vor­ent­scheid noch das Kult­duo Nico­le & Hugo (→ BE 1973) gesun­gen. Auf­grund einer Gelb­sucht Nico­les muss­ten beim Con­test jedoch sehr kurz­fris­tig Jac­ques Ray­mond (→ BE 1963) und Lily Cas­tel ein­sprin­gen, die sich die exal­tier­te → Cho­reo­gra­fie der ursprüng­li­chen Ver­tre­ter nicht mehr drauf­schaf­fen konn­ten, ihre Sache aber den­noch sehr ordent­lich mach­ten.

Der Link zwi­schen The Mamas & the Papas und Abba (SE)

Für Ita­li­en trat ein hüb­sches Kerl­chen namens Mas­si­mo Ranie­ri (→ IT 1973) an, der sei­ne gefühls­sturm­kit­schi­ge, man­do­li­nen­ge­schwän­ger­te Ode an den Bei­schlaf, ‘L’Amore é un Atti­mo’, mit der­ar­tig expres­sio­nis­ti­scher Hin­ga­be und Dra­ma­tik into­nier­te, dass man stel­len­wei­se befürch­te­te, es kön­ne ihn jeden Moment vor lau­fen­den Kame­ras förm­lich zer­rei­ßen. Gott sei Dank blieb er heil – so konn­te er zwei Jah­re spä­ter noch­mal zum Con­test zurück­keh­ren. Der Nea­po­li­ta­ner nahm sei­ne Num­mer in meh­re­ren Spra­chen auf, dar­un­ter in einer sehr pos­sier­li­chen deut­schen Fas­sung als ‘Die Lie­be ist ein Traum’. Sein bel­gi­scher Euro­vi­si­ons­kol­le­ge Luis Neefs (→ BE 1967, 1969) cover­te den Schla­ger als ‘Omdat ik van je hou’. Für Ranie­ri schloss sich eine Kar­rie­re als Film­schau­spie­ler in sei­ner Hei­mat an. Neben den Schwei­zern nutz­ten auch die Schwe­den die neue Grup­pen­frei­heit mit der Fami­ly Four (→ SE 1972): zwei bär­ti­ge Her­ren, zwei Damen, die eine blond, die ande­re brü­nett, eine davon mit Namen Agne­ta, und im Gepäck eine opti­mis­tisch swin­gen­de Hap­py­sound­num­mer (‘Vita vid­der’) – wie­so kommt einem das Kon­zept nur so bekannt vor?

Gibt wirk­lich alles: Mas­si­mo (IT)

Das Gast­ge­ber­land schick­te eine sin­gen­de Schwarz­wäl­der Kirsch­tor­te namens Ange­la Farell, die ziem­lich schlecht abschnitt. Was aber ange­sichts der Auf­re­gung, als ver­hält­nis­mä­ßig klei­ne und arme Nati­on erst­mals einen Event die­ser Grö­ßen­ord­nung stem­men zu müs­sen, gar nicht ins Gewicht fiel – nach Recher­chen von Gor­don Rox­burgh gab RTÉ 44.000 € allei­ne für die not­wen­di­ge tech­ni­sche Umstel­lung von schwarz­weiß auf Far­be aus und muss­te im Vor­feld mit erbit­ter­ter sen­der­in­ter­ner Oppo­si­ti­on wegen der hohen Kos­ten umge­hen. Am Ende aber konn­te man heil­froh bilan­zie­ren, dass “die Repu­ta­ti­on” der TV-Sta­ti­on noch “intakt” sei, wie der spä­te­re Unter­hal­tungs­chef David Bla­de Know in sei­nem Buch ‘Ire­land and the Euro­vi­si­on’ so schön for­mu­liert. Die Nie­der­lan­de steu­er­ten das Vor­bild für Inga & Wolf (→ DVE 1972) bei, näm­lich ihr Lie­der­ma­cher­pär­chen Sas­kia & Ser­ge. Sie hat­ten kei­ne all zu gute ‘Tijd’ auf der Büh­ne: die ihren medi­ä­val anmu­ten­den Bei­trag musi­ka­lisch prä­gen­den Block­flö­ten klan­gen live, als ob in einem schall­ge­dämpf­ten Neben­raum zwei Grund­schü­ler an dem Instru­ment übten. Sas­ki­as Mikro­fon pro­du­zier­te ent­we­der Ton­aus­fäl­le oder fie­se Rück­kop­pe­lun­gen, und dass der fus­sel­bär­ti­ge Ser­ge sei­ne Gitar­re direkt unter dem Kinn tra­gend zupf­te, weil man schein­bar ver­ges­sen hat­te, ihm ein zwei­tes Mikro zu instal­lie­ren, irri­tier­te ein wenig. So, als woll­ten sie die Kli­schees über ihre Haupt­stadt Ams­ter­dam unbe­dingt bestä­ti­gen, sahen die Bei­den auch noch so aus­ge­mer­gelt aus, wie es für lang­jäh­ri­ge Drogengebraucher/innen typisch ist.

Ein frü­hes Hip­ster­pär­chen: Sas­kia & Ser­ge (NL)

Unge­wohn­ten Opti­mis­mus ver­brei­te­ten hin­ge­gen die Por­tu­gie­sen: obwohl das iri­sche Orches­ter ihren fröh­li­chen Folkschla­ger ‘Meni­na’ nur mit unge­fähr der Hälf­te des Tem­pos der fast schon speed­me­tal­ar­tig schnel­len Stu­dio­fas­sung zele­brier­te, gehört der Titel zu den weni­gen lusi­ta­ni­schen Grand-Prix-Bei­trä­gen, die nicht in die sofor­ti­ge Depres­si­on füh­ren. Ein kur­zer Kame­ra­schwenk ins Publi­kum direkt nach Ton­ichas Per­for­mance (in einem wirk­lich far­ben­fro­hen Maxik­leid) sorg­te für den Kult­mo­ment des Abends, zeig­te er doch eine für weni­ge Sekun­den enthu­si­as­tisch applau­die­ren­de Zuschaue­rin, die plötz­lich mit­ten in der Bewe­gung ein­fror, so als habe ihr jemand den Ste­cker gezo­gen. Oder wur­den wir hier Zeu­gen eines Feh­lers in der Matrix? Der jugo­sla­wi­sche kroa­ti­sche Ver­tre­ter Kru­nos­lav Slab­niac hat­te sich in ein Sak­ko gewor­fen, das aus­sah wie aus einem Wand­tep­pich genäht, nur dass der Kra­gen groß­räu­mig fehl­te. Dafür glänz­te er mit den ers­ten Schul­ter­pols­tern der Mode­ge­schich­te. Sei­ne hoch­gra­dig melo­dra­ma­ti­sche Tren­nungs­schmerz­bal­la­de ‘Tvoj Dječak je tužan’, vom Kol­le­gen Ivi­ca Kra­jač (→ YU 1969) kom­po­niert und spä­te­ren Bal­kan-Schmacht­fet­zen wie ‘Lane Moje’ (→ RS 2004) in punk­to gro­ße Gefüh­le durch­aus eben­bür­tig, stieß aller­dings auf tau­be west­eu­ro­päi­sche Juro­ren­oh­ren.

Eine Farb­ex­plo­si­on: Antó­nia de Jesus Mon­tes Ton­icha Vie­gas (PT)

Für Nor­we­gen schließ­lich spa­zier­te eine gut beschirm­te Han­ne Krogh (1985 eine Hälf­te der sieg­rei­chen Bob­by­socks, 1991 ein Vier­tel von Just4Fun: für den fol­ge­rich­tig nächs­ten fäl­li­gen Auf­tritt als ein Ach­tel von irgend­was müss­te die EBU zunächst die Regeln ändern) über die Büh­ne und lis­te­te auf, was ihrer Mei­nung nach Glück sei: ‘Lykken er…’ “eine Steu­er­rück­zah­lung”, “eine Stun­de in der Bade­wan­ne” oder “Hering in Dill­so­ße”. Ah ja – für den Hering sicher nicht, außer man lässt ihn am Leben und füllt die Dill­so­ße in die Bade­wan­ne! Aber auch Han­ne brach­te die Num­mer wenig For­tu­ne: Platz 17. Es gewann eine klei­ne, ver­hält­nis­mä­ßig kor­pu­len­te Sän­ge­rin mit Sturz­helm­fri­sur aus Paris, die aller­dings für das finan­zi­ell gut situ­ier­te Mona­co an den Start ging. Séveri­ne zählt unbe­streit­bar zu denen, die den Con­test durch schie­re Wil­lens­kraft bezwan­gen. Was sich vor allem im letz­ten Refrain ihrer kraft­vol­len Mein-Park-soll-schö­ner-wer­den-Hym­ne ‘Un Banc, un Arb­re, une Rue’ mani­fes­tier­te, als sie nach der → Rückung die kur­zen Ärm­chen völ­lig ent­fes­selt in die Luft warf und der­ar­tig enthu­si­as­tisch und vol­ler glü­hen­der Ver­ve sang, dass die Juro­ren gar nicht anders konn­ten, als sie zur Beloh­nung mit Punk­ten zu über­häu­fen. Auch ihr männ­li­cher Begleit­chor ließ sich von Séveri­nes Begeis­te­rung anste­cken und gab alles, nach­dem er sich zuvor schon mit dem man­tra­ar­ti­gen Durch­sum­men des Refrains wäh­rend der weni­gen Stro­phen in Stim­mung gebracht hat­te.

Glaub an Dich selbst und es wird gelin­gen: Séveri­ne (MC)

Und auch wenn sich das Fürs­ten­tum, das die Aus­tra­gung des Con­tests im Fol­ge­jahr vor unüber­wind­ba­re logis­ti­sche Hin­der­nis­se stell­te, über Séveri­nes Sieg nicht amü­siert zeig­te, bleibt ihr das Wis­sen um einen unsterb­li­chen Auf­tritt und einen viel­fach, unter ande­rem von den Song-Con­test-Kol­le­gin­nen Kirsti Spar­boe (→ NO 1965, 19671969), Siw Malmkvist (→ SE 1960, DE 1969, Vor­ent­scheid DE 1962, Vor­ent­scheid SE 2004), Mari­an­ne Rosen­berg (→ Vor­ent­scheid 1975, 1980, 1982) und Tere­za Keso­vi­ja (→ MC 1966, YU 1972) geco­ver­ten, euro­pa­wei­ten Mil­lio­nen­sel­ler (#13 NL, #9 UK, #5 CH, #3 BE, #2 NO). Als beschä­mend muss man aber bezeich­nen, was die Deut­schen ihr anta­ten: nicht nur muss­te Josia­ne Gri­zeau (so ihr bür­ger­li­cher Name) eine unsäg­li­che, pho­ne­tisch ein­ge­sun­ge­ne deut­sche Fas­sung ihres Grand-Prix-Titels auf­neh­men: ‘Mach die Augen zu (und wünsch Dir einen Traum)’ ver­kauf­te sich hier­zu­lan­de sogar einen Tick bes­ser (#20, wäh­rend das Ori­gi­nal auf #23 ver­en­de­te). Was zur Fol­ge hat­te, dass sie anschlie­ßend mit graus­li­gen Bier­zelt­schla­gern durch deut­sche TV-Shows tin­gel­te. Und sich 1975 und 1982 gar beim deut­schen Vor­ent­scheid bewarb, natür­lich umsonst.

Teil­te sich mit Seve­ri­ne eine Fri­sur: Kru­nos­lav (YU)

Euro­vi­si­on Song Con­test 1971

Euro­vi­si­on Song Con­test. Sams­tag, 3. April 1971, aus dem Gai­ety Thea­t­re in Dub­lin, Irland. 18 Teil­neh­mer­län­der, Mode­ra­ti­on: Ber­na­det­te Ní Chall­choir.
#LandInter­pretTitelPunk­tePlatz
01ATMari­an­ne MendtMusik06616
02MTJoe GrechMari­ja L-Mal­ti­ja05218
03MCSévé­ri­neUn Banc, un Arb­re, une Rue12801
04CHPeter, Sue & MarcLes Illu­si­ons de nos vingt Ans07812
05DEKat­ja EbsteinDie­se Welt10003
06ESKari­naEn un Mun­do nue­vo11602
07FRSer­ge LamaUn Jar­din sur la Terre08210
08LUMoni­que Mel­senPom­me, Pom­me, Pom­me07013
09UKClo­dagh Rod­gersJack in the Box09804
10BEJac­ques Ray­mond + Lily Cas­telGoeie Mor­gen, Mor­gen06814
11ITMas­si­mo Ranie­riL’Amore è un Atti­mo09105
12SEFami­ly FourVita vid­der08507
13IEAnge­la FarellOne Day Love07911
14NLSer­ge + Sas­kiaTjid08506
15PTTon­ichaMeni­na08309
16YUKru­nos­lav Sla­bi­nacTvoj dječak je tužan06815
17FIMark­ku Aro + Koi­vi­si­to Sis­tersTie uute­en Päiv­ään08408
18NOHan­ne KroghLykken er06517

ESC 1969: Er mach­te Fröh­li­che melan­cho­lisch

Logo Eurovision Song Contest 1969
Das Jahr der vier Sie­ger

Das hat­ten sich die den 1969er Grand Prix eröff­nen­den Jugo­sla­wen sehr cle­ver gedacht. In acht euro­päi­schen Spra­chen, ein­schließ­lich eines “Guten Tag”, begrüß­ten sie die Zuschauer/innen zum Auf­takt des mit wei­tem Abstand absur­des­ten (und somit groß­ar­tigs­ten) Con­test­jahr­gangs aller Zei­ten in der spa­ni­schen Haupt­stadt Madrid, wo bereits die merk­wür­di­ge Büh­nen­de­ko­ra­ti­on, eine kru­de Mischung aus alt­her­ge­brach­ten Blu­men­bee­ten, sakral anmu­ten­den Orgel­pfei­fen und einer futu­ris­ti­schen Metall­skulp­tur aus der Künst­ler­hand Sal­va­dor Dalís, auf das noch fol­gen sol­len­de Cha­os ein­stimm­te.

Vor­bild­lich: nach nur fünf Minu­ten singt schon der ers­te Teil­neh­mer beim ESC 1969 (kom­plet­ter Con­test)

Poz­drav Svi­jetu’ (‘Grü­ße an die Welt’), die hem­mungs­lo­se – wenn auch wun­der­bar har­mo­nisch gesun­ge­ne – kroa­ti­sche Punk­te­ab­greif­num­mer, zün­de­te bei den Jurys jedoch nicht wie erhofft. Was wohl vor allem an dem voll­bär­ti­gen Ivan lag (bür­ger­lich: Ivi­ca Kra­jač, eigent­lich ein gleich­be­rech­tig­tes Vier­tel des “Vokal­ni Kvar­tet” 4M, ver­dank­te er sei­ne Her­aus­he­bung als Lead­sän­ger der damals noch gül­ti­gen Euro­vi­si­ons­re­gel, die offi­zi­ell ledig­lich Solis­ten und maxi­mal drei­köp­fi­ge Begleit­chö­re zuließ), der sei­nen Vor­trag der­ma­ßen affek­tiert und thea­tra­lisch gestal­te­te, dass es einem beim Zuschau­en die Schu­he aus­zog: eine Acht auf der → Hal­dor-Lægreid-Ska­la. Nicht wei­ter ver­wun­der­lich, dass er sei­nen Song “allen Jun­gen aller Flag­gen” wid­me­te, wie er sang: gemeint war wohl der bei Schwu­len belieb­te Hanky-Code, denn Mäd­chen fan­den in sei­nem Lied kei­ne Erwäh­nung. Bes­ser schnitt da schon die Schwei­ze­rin Pao­la del Med­ico (→ CH 1980, Vor­ent­scheid DE 1979 + 1982) ab, die auf eine ähn­li­che The­ma­tik setz­te.

Stand zu sei­ner inne­ren Lori­el­le: der Ivan (YU)

Ihr schwung­vol­les ‘Bon­jour, bon­jour’, das wie für Cate­ri­na Valen­te geschrie­ben klang, erquick­te den Hörer mit unbe­küm­mer­tem, hor­mo­num­tos­tem, Allein­ste­hen­de aller­dings acht­los aus­gren­zen­dem Opti­mis­mus (“Die Welt ist wun­der­bar, sie kann nicht schö­ner sein / Und sie gehört nur den Ver­lieb­ten allein”), wel­chem die wie immer arg steif auf­tre­ten­de spä­te­re Ehe­frau von Kurt Felix und Mit­mo­de­ra­to­rin der quä­lend unlus­ti­gen TV-Show Ver­ste­hen Sie Spaß? mit dem ihr so eige­nen Gefrier­lä­cheln nicht ganz gerecht wer­den konn­te. Mona­co schick­te ein erst zwölf­jäh­ri­ges Milch­büb­chen namens Jean-Jac­ques Bor­to­laï, das sei­ne ‘Maman’ anfleh­te, bitte­bit­te noch lan­ge­lan­ge an ihrem Rock­zip­fel kle­ben zu dür­fen: da mani­fes­tier­te sich wohl Heint­jes unglück­se­li­ger (und in des­sen Wahl­hei­mat Bel­gi­en stets viru­len­ter) Ein­fluss. Die­ses Grau­en mach­te die in einem augen­schmerz­grü­nen Kleid vom For­mat eines Zir­kus­zel­tes auf­tre­ten­de Irin Muri­el Day ver­ges­sen, die sich mit einem eksta­ti­schen Veits­tanz die ‘Wages of Love’ ver­dien­te (#1 in den hei­mi­schen Charts).

Erzielt sicher einen guten Lie­bes­lohn: die Muri­el (IE)

Für Bel­gi­en beschmach­te­te Lou­is Neefs (→ BE 1967), der Mann mit dem viel­leicht häss­lichs­ten Tou­pet der Con­test­ge­schich­te, ein Lon­do­ner Mäd­chen namens ‘Jen­ni­fer Jen­nings’. Er tat das mit stoi­scher Mie­ne und völ­lig bewe­gungs­los – bis zum ers­ten Refrain, als er ohne jede Vor­war­nung plötz­lich die Arme nach oben riss und in einer artis­ti­schen Ver­ren­kung über dem Kopf zusam­men­schlug. Wie vie­le älte­re Zuschau­er die­ser völ­lig unvor­her­seh­ba­re Gefühls­aus­bruch in den Herz­tod schick­te, ist nicht über­lie­fert. Finn­land ent­zück­te mit einem put­zi­gen Duo (und ech­tem Ehe­paar) namens Jark­ko & Lau­ra und einer Rag­time-Ode an die gute alte Zeit. Jark­ko hat­te sich stil­echt mit einem Kreis­sä­gen­hut und einem Regen­schirm kos­tü­miert; bei­de lie­fer­ten dazu eine lus­ti­ge Tanz­ein­la­ge, irgend­wo zwi­schen Kung-Fu, Stumm­film und Stepp­tanz. Siw Malmkvist (→ SE 1960, Vor­ent­scheid SE 1961, Vor­ent­scheid DE 1962) schau­te hin­ge­gen ver­zwei­felt und trug ihr ält­li­ches deut­sches Schla­ger­lein namens ‘Pri­ma­bal­le­ri­na’ vor, in dem sie die trau­ri­ge Ein­sam­keit eines Por­zel­l­an­püpp­chens besang: ein wirk­lich sozi­al­kri­tisch auf­rüt­teln­des Lied. Dazu dreh­te sie sich selbst etwa so anmu­tig wie der sprich­wört­li­che Ele­fant im Por­zel­l­an­püpp­chen­la­den.

Gin­gen offen­sicht­lich zum sel­ben Fri­seur: Jark­ko & Lau­ra (FI)

Die­se Rei­se durchs wil­de Absur­di­stan bil­de­te aber nur das Vor­spiel für das unüber­trof­fe­ne Dra­ma um die Punk­teaus­wer­tung. Nach dem umstrit­te­nen Sieg eines ‘La La La’-Lied­chens im Vor­jahr setz­ten nun etli­che Län­der auf ähn­li­che Laut­ma­le­rei­en in ihren Bei­trä­gen, wie die im Zwei-Jah­res-Rhyth­mus antre­ten­de nor­we­gi­sche Kirsti Spar­boe (→ NO 1965, 1967, Vor­ent­scheid DE 1970) mit dem pep­pi­gen ‘Oj oj oj’ (nein: kei­ne Skin­head-Ode); die sich als ver­hin­der­te Opern­sän­ge­rin gebär­den­de Por­tu­gie­sin Simo­ne de Oli­vei­ra (→ PT 1965), die im Refrain ihres Songs ‘Des­fol­ha­da’ eben­falls das ein oder ande­re “La La La” und “Lay Lay Lay” unter­brach­te; oder die völ­lig über­dreh­te, kul­ler­äu­gi­ge Schot­tin Marie McDo­nald McLaugh­lin Lawrie, bes­ser bekannt als Lulu (ihr → Cho­reo­gra­fie-Vor­bild bil­de­ten offen­sicht­lich die­se “lus­ti­gen” Kat­zen­uh­ren, bei denen sich die Augen im Sekun­den­takt über­trie­ben hin- und her­dre­hen), deren Kar­dio­lo­ge ihr vor dem Wett­streit die beun­ru­hi­gen­de Nach­richt über­bracht hat­te, ihr Herz schla­ge ‘Boom Bang A Bang’. Womit sie trotz ihres grau­en­haf­ten Kräch­zens einen der ers­ten Plät­ze beleg­te.

Vier gewinnt

Ääähh – wie bit­te? Einen der ers­ten Plät­ze? Jawohl, denn es gab gan­ze vier Sie­ger­ti­tel an die­sem Abend!

Freut sich, dass sie Euro­pa so ver­äp­peln konn­te: Lulu! (UK)

Bei ins­ge­samt 16 Teil­neh­mer­län­dern – Öster­reich, drei Jah­re zuvor noch der Sie­ger, befand sich in der ers­ten sei­ner zahl­rei­chen euro­vi­sio­nä­ren Sinn­kri­sen und setz­te aus – teil­ten sich vier Bei­trä­ge, also jedes vier­te Lied, die Höchst­wer­tung. Bei den wei­te­ren Glück­li­chen han­del­te es sich um zum einen um den Viel­fach­ge­win­ner Frank­reich (Fri­da Boc­ca­ra mit dem klas­si­schen, mit abso­lu­ter Prä­zi­si­on und Hin­ga­be gesun­ge­nen fran­ko­phi­len Gefühls­sturm ‘Un Jour, un Enfant’) und um das Gast­ge­ber­land Spa­ni­en selbst, wel­ches eine mit einem gro­tes­ken, meh­re­re Kilo schwe­ren Röhr­chen­fum­mel beklei­de­te Natur­tran­se (also eine als Maria Rosa Mar­co Poquet gebo­re­ne, bio­lo­gisch ech­te Frau, die aber aus­sah wie ein über­schmink­ter Trans­ves­tit mit pom­pö­ser Perü­cke) mit dem Künst­le­rin­nen­na­men Salo­mé auf die Büh­ne schick­te. Auch sie unter­stütz­te ihren son­ni­gen, deut­lich auf die Erfolgs­for­mel von ‘La la la’ (→ ES 1968) set­zen­den Euro­vi­si­ons­schla­ger ‘Vivo can­tan­do’ mit etli­chen “Hey!“s im Refrain. Wobei der Song in der Live­fas­sung aus ledig­lich einer ein­lei­ten­den Stro­phe und fünf sich ste­tig stei­gern­den Wie­der­ho­lun­gen des Kehr­reims sowie gleich drei → Rückun­gen bestand. Sie topp­te das Gan­ze mit einer schun­keln­den Tanz­per­for­mance, bei der die metal­li­c­blau­en Röhr­chen an ihrem Hosen­an­zug nur so flo­gen – Sest­re (→ SI 2002), her­ge­schaut: das ist ech­ter Drag-Queen-Gla­mour!

Da lach ich doch! Ich bin die Sie­ge­rin! (ES)

Die Nie­der­län­de­rin Len­ny Kuhr mit ihrer fol­ki­gen, selbst getex­te­ten Bän­kel­sän­ger­bal­la­de ‘De Trou­ba­dour’, auch sie dem ein oder ande­ren “Lay lay lay” nicht abge­neigt, ver­voll­stän­dig­te das Quar­tett der Erst­plat­zier­ten. Nach mei­nem Ver­ständ­nis zählt sie als die ech­te Sie­ge­rin die­ses Jahr­gan­ges. Lei­der erst im Nach­gang zu die­sem pein­li­chen Deba­kel erließ die European Broad­cas­ting Uni­on (EBU) die Bestim­mung, dass bei einem künf­ti­gen Punk­te­gleich­stand der­je­ni­ge gewon­nen habe, der die höhe­ren Ein­zel­wer­tun­gen vor­wei­sen kann. Eine mitt­ler­wei­le ins Gegen­teil (heu­te zählt die höhe­re Anzahl der Wer­tun­gen) gedreh­te Regel, die erst­mals 1991 zum Ein­satz kam, als Ami­na Anna­bi (FR) und Caro­la Hägg­kvist (SE) mit jeweils 146 Zäh­lern vor­ne lagen. Bei­de hat­ten je vier mal 12 Punk­te kas­siert; Caro­la konn­te aber fünf­mal 10 Punk­te auf sich ver­ei­nen, Ami­na nur vier mal. So gewann Caro­la. Wen­det man die­se Zähl­wei­se retro­ak­tiv auf den 1969er Con­test an, wie ich es in allen mei­nen Tabel­len (und nicht nur bei den Sie­ger­ti­teln, son­dern auch bei Punk­te­gleich­stän­den auf den unte­ren Plät­zen) tue, ergibt sich ein ein­deu­ti­ges Bild: Len­ny Kuhr gewinnt mit der höchs­ten Ein­zel­wer­tung (6 Punk­te) vor Lulu (5 Punk­te), Fri­da Boc­ca­ra (4 Punk­te) und Salo­mé (3 Punk­te).

Ein biss­chen Sie­gen: Len­ny Kuhr (NL)

Anders ver­hielt es sich in den Charts: dort räum­te ledig­lich Lulu (#8 in Deutsch­land, #2 in Groß­bri­tan­ni­en, #1 in Nor­we­gen) rich­tig ab. An die­sem Abend aber blieb es, zur erheb­li­chen Belus­ti­gung des anwe­sen­den Saal­pu­bli­kums und zur end­gül­ti­gen Über­for­de­rung der Mode­ra­to­rin Lau­ri­ta Valen­zue­la nach der Ent­schei­dung des EBU-Schieds­rich­ters Clif­ford Brown ganz offi­zi­ell bei vier Sie­ge­rin­nen, die auch alle vier eine Medail­le erhiel­ten (ver­füg­te der aus­rich­ten­de Sen­der TVE etwa über sehe­ri­sche Kräf­te?). Und zwar aus der Hand von Vor­jah­res­ge­win­ne­rin Mas­siel, die sich extra für die­sen Anlass in einen unglaub­lich prot­zi­gen, mit Gold­ap­pli­ka­tio­nen bestick­ten Pelz warf und sich über­haupt als eigent­li­cher Star des Abends gebär­de­te. Das Cha­os auf der rasch über­füll­ten Büh­ne meis­ter­te sie jedoch sou­ve­rän, reih­te die Mädels und ihre → Kom­po­nis­ten nach Kör­per­grö­ße sor­tiert auf wie die Orgel­pfei­fen, ver­teil­te Orden und Küss­chen und hielt beru­hi­gend Händ­chen, wo es nötig war.

Lau­ri­ta Valen­zue­la glaubt es kaum: vier Sie­ger!

Berüh­rend: die bereits 1996 im Alter von nur 55 Jah­ren an einer Lun­gen­ent­zün­dung ver­stor­be­ne Fran­zö­sin Fri­da Boc­ca­ra, schon beim ers­ten Gesangs­vor­trag, aber auch bei der Sie­ge­rin­nen­re­pri­se mehr als beein­dru­ckend in ihrer fei­nen Balan­ce aus stimm­li­chem Kön­nen und wohl dosier­ter Mimik, leuch­te­te bei der Über­rei­chung ihrer Medail­le für drei Sekun­den von innen her­aus so, als sei genau die­ser Moment der bes­te, wich­tigs­te und schöns­te ihres gesam­ten Lebens. Was er ja viel­leicht auch war. Den Tru­bel um sie her­um voll­stän­dig igno­rie­rend, erschaff­te sie nur durch ihren Gesichts­aus­druck einen kur­zen, stil­len Augen­blick des Glücks; so fra­gil, dass ich selbst beim wie­der­hol­ten Anschau­en an die­ser Stel­le jedes Mal unwill­kür­lich den Atem anhal­te, um ihn nicht ver­se­hent­lich zu zer­stö­ren. Mit die­ser win­zi­gen, fei­nen Ges­te gab sie dem gan­zen Abend sei­ne Wür­de zurück und setz­te einen berau­schen­den Schluss­punkt unter einen nie wie­der zu top­pen­den Jahr­gang mei­nes Lieb­lingsevents.

Den­noch bekom­men alle vier Sie­ge­rin­nen ihre Medail­le!

Euro­vi­si­on Song Con­test 1969

Gran Pre­mio de la Can­ción de Euro­vi­si­on. Sams­tag, 29. März 1969, aus dem Tea­tro Real in Madrid, Spa­ni­en. 16 Teil­neh­mer­län­der. Mode­ra­ti­on: Lau­ri­ta Vene­zue­la.
#LandInter­pretTitelPunk­tePlatz
01YUIvan + 3MPoz­drav Svi­jetu0513
02LURomu­ald Figu­ierCathé­ri­ne0711
03ESSalo­méVivo can­t­an­to1804
04MCJean-Jac­ques Ber­to­laiMaman1106
05IEMuri­el DayThe Wages of Love1007
06ITIva ZanicchiDue gros­se Lacrime bian­che0514
07UKLuluBoom Bang a Bang1802
08NLLen­ny KuhrDe Trou­ba­dour1801
09SETom­my Kör­bergJudy, min Vän0809
10BELou­is NeefsJen­ni­fer Jen­nings1008
11CHPao­la del Med­icoBon­jour, bon­jour1305
12NOKirsti Spar­boeOj oj oj, så glad jeg skal bli0116
13DESiw MalmkvistPri­ma­bal­le­ri­na0810
14FRFri­da Boc­ca­raUn Jour, un Enfant1803
15PTSimo­ne de Oli­vei­raDes­fol­ha­da 0415
16FIJark­ko + Lau­raKuin Sil­lon ennen0612

ESC 1968: Hap­pi­ness hadn’t been inven­ted

Logo Eurovision Song Contest 1968
Das Jahr der Schie­bung

Jurys sind Wich­ser™! Den im Ver­gleich zu den → Nul-Point-Ergeb­nis­sen der Vor­jah­re zwar deut­lich bes­se­ren, im Lich­te der Kon­kur­renz den­noch etwas ent­täu­schen­den (und unge­rech­ten!) sechs­ten Platz im ers­ten Jahr der euro­vi­sio­nä­ren Farb­aus­strah­lung ver­dankt der fabel­haf­te deut­sche Bei­trag von 1968 unter ande­rem den nor­we­gi­schen Wer­tungs­rich­tern: die reagier­ten pikiert, weil die in Oslo gebür­ti­ge, in Deutsch­land jedoch kei­nen uner­heb­li­chen Anteil ihres Ein­kom­mens als Schla­ger­sän­ge­rin gene­rie­ren­de Wencke Myh­re nicht fürs Hei­mat­land sang, und straf­ten sie fürs Fremd­ge­hen mit null Punk­ten ab. Doch auch Deutsch­land sorg­te beim Con­test in Lon­don nicht nur mit dem pro­gres­si­ven ‘Ein Hoch der Lie­be’ für Furo­re, son­dern eben auch mit den sehr offen­sicht­lich – eine ande­re Erklä­rung schei­det aus – von Kor­rup­ti­on gepräg­ten Wer­tun­gen unse­rer → Juro­ren.

Alles so schön bunt hier: der ESC 1968

Die punk­te­ten näm­lich, getreu des Mot­tos, dass ein anspruchs­vol­les Lied gewin­nen sol­le, mit sechs ihrer ins­ge­samt zehn Stim­men die Spa­nie­rin Mas­siel und ihren tief­schür­fen­den Titel ‘La La La’ über­ra­schend nach vor­ne und ver­hal­fen ihr so zum Sieg. Bei Mas­siel (eigent­lich: María de los Ánge­les San­ta­ma­ría Espi­no­sa) han­del­te es sich um die Zweit­be­set­zung für das kraft­vol­le und ein­gän­gi­ge, Lebens­freu­de trans­por­tie­ren­de Chan­son über die Lust am Sin­gen: der ursprüng­lich vor­ge­se­he­ne Inter­pret Joan Manu­el Ser­rat, einer der bekann­tes­ten ibe­ri­schen Lie­der­ma­cher und Sän­ger, woll­te es nur in der Regio­nal­spra­che Kata­lo­ni­ens, von wo er stamm­te, vor­tra­gen. Da hat­te Spa­ni­ens Dik­ta­tor Fran­co, dem die Unab­hän­gig­keits­be­stre­bun­gen der Kata­la­nen als Bedro­hung sei­ner Macht gal­ten, aber was gegen: er tausch­te Ser­rat gegen die wil­li­ge Kol­la­bo­ra­teu­rin Mas­siel aus. Fai­rer­wei­se muss man zuge­ben: das Lied ver­fügt tat­säch­lich über vier Stro­phen Text, neben den gezähl­ten 138 “La“s des Refrains (der Song trans­por­tiert eben extrem viel Lebens­freu­de!). Die Zuschau­er stan­den nach dem Über­ra­schungs­sieg der Spa­nie­rin Kopf, denn eigent­lich galt jemand ganz ande­res als kla­rer Favo­rit.

Doch, vor allem der Refrain gewinnt eine ganz neue Bedeu­tung: ‘La la la’ in der von Ser­rat bevor­zug­ten kata­la­ni­schen Fas­sung

Näm­lich der bri­ti­sche, welt­weit bekann­te und mit ins­ge­samt mehr als 250 Mil­lio­nen ver­kauf­ten Alben kom­mer­zi­ell extrem erfolg­rei­che Super­star Cliff Richard (→ UK 1973). Sein Wunsch­sen­dungs-Ever­green ‘Congra­tu­la­ti­ons’, eine flot­te Pop­num­mer mit pro­mi­nen­tem Trom­mel­mo­tiv, stand zum Zeit­punkt des Song Con­tests bereits seit Wochen hoch in allen euro­päi­schen Charts (so auf #3 in Deutsch­land, #2 in Öster­reich und der Schweiz und an der Spit­ze in den Nie­der­lan­den, Bel­gi­en, Nor­we­gen und natür­lich im Ver­ei­nig­ten König­reich). Fre­ne­tisch krei­schend begrüß­te ihn das hei­mi­sche Publi­kum in der Roy­al Albert Hall, es schien rei­ne Form­sa­che zu sein, dass er nach San­die Shaw (→ UK 1967) mit dem vom glei­chen Autoren­team geschrie­be­nen Hit den Dop­pel­sieg holen wür­de, für den kein Wett­bü­ro etwas gezahlt hät­te. Doch nun durch­kreuz­ten die dia­bo­li­schen deut­schen Juro­ren sei­ne Plä­ne. Es lag ver­mut­lich nicht an der sehr exal­tier­ten Dar­bie­tung Richards, son­dern an dem idio­ti­schen Man­tra vie­ler Juro­ren, Hits hät­ten beim Grand Prix nichts zu suchen.

Im lin­gu­is­ti­schen Nir­wa­na: die äußerst selbst­be­wuss­te Mas­siel (ES)

Eine Anlei­tung zum Nacht­an­zen der legen­dä­ren ‘Congra­tu­la­ti­ons’-Per­for­mance fin­det sich auf der bri­ti­schen, geni­al zyni­schen Euro­vi­si­ons­fan­sei­te Who­ops, Dra­go­vic! Hier die Über­set­zung: “Die → Tanz­schrit­te zu Cliffs Euro­klas­si­ker kön­nen Sie über­all pro­blem­los nach­stel­len; ob Zuhau­se, in Ihrem Gar­ten, der Kir­che oder im Loft.

  1. Lau­fen Sie den Gar­ten­pfad (bzw. den Kirch­gang) hin­un­ter, direkt auf die freu­dig jubeln­den Mas­sen zu.
  2. Am Ende des Pfa­des ange­kom­men, tun Sie so, als wür­den Sie mit Ihren Füßen ein Feu­er aus­tre­ten.
  3. Beim Sin­gen ducken Sie sich leicht ver­krampft zusam­men, so als ob Sie unter Durch­fall lit­ten. Las­sen Sie gleich­zei­tig Ihre Arme wie Pro­pel­ler krei­sen.
  4. Wäh­rend des Instru­men­tal­parts Ihres Lie­des wei­sen Sie die Zuschau­er auf die (nicht vor­han­de­nen) Not­aus­gän­ge zu Ihrer Lin­ken und Rech­ten hin.
  5. Beim gro­ßen Song­fi­na­le tre­ten Sie noch­mals die Flam­men aus. Recken Sie dann die Arme dem will­kom­me­nen Applaus ent­ge­gen.
  6. Ver­ste­cken Sie sich auf der Toi­let­te, bis Sie jemand holt.”

Der Seil­spring­pan­to­mi­me: Cliff Richard (UK)

Oder spiel­te doch Geld eine Rol­le? Einer spe­ku­la­ti­ven Doku­men­ta­ti­on eines spa­ni­schen Pri­vat­sen­ders zufol­ge sol­len das Fran­co-Régime und der Staats­sen­der TVE meh­re­re euro­päi­sche Jurys, dar­un­ter die deut­sche, mit dem Ankauf von Fern­seh­se­ri­en (Punk­te im Tausch für den Tat­ort?) besto­chen haben, die dann unge­sen­det in den TVE-Archi­ven ver­rot­te­ten. Das Ziel der anrü­chi­gen Finanz­trans­ak­ti­on: durch einen Sieg Spa­ni­ens und die Aus­tra­gung des Grand Prix im Fol­ge­jahr woll­te sich die an tou­ris­ti­schen Ein­nah­men inter­es­sier­te Dik­ta­tur als kul­tu­rell anschluss­fä­hi­ge euro­päi­sche Nati­on prä­sen­tie­ren. Was auch gelang! Bewie­sen sind die­se Behaup­tun­gen indes nicht, auch wenn der offen­bar arg gekränk­te Cliff Richard, der schon 1968 Mas­siel mit einem “war­men Keh­len­druck” gra­tu­lie­ren woll­te, bereits mein­te, er sei “der glück­lichs­te Mensch der Welt”, soll­ten sie sich bewahr­hei­ten. So lan­ge dient dem schlech­ten Ver­lie­rer der trotz des zwei­ten Plat­zes sehr viel grö­ße­re kom­mer­zi­el­le Erfolg sei­nes Bei­trags mit knapp zwei Mil­lio­nen ver­kauf­ter Ein­hei­ten sicher als klei­nes Trost­pflas­ter.

Ganz der alte Arsch: Clif­fie (Ordens­rit­ter Ihrer Majes­tät) congra­tu­liert der Queen zum 60. Thron­ju­bi­lä­um

Aber nicht nur Sir Richard lie­fer­te eine spek­ta­ku­lä­re Per­for­mance. Mit der Ein­füh­rung des Farb­fern­se­hens in jenem Jahr schien auch jeder Rest von Chan­son­se­lig­keit, vor­neh­mer Zurück­hal­tung, durch stei­fe Abend­ro­ben beding­ter Bewe­gungs­un­fä­hig­keit und Dezenz von der Ver­an­stal­tung abzu­fal­len. Schon der mit einem vom Con­test-Gewin­ner Udo Jür­gens (→ AT 1964, 1965, 1966) ver­fass­ten, aller­dings arg lang­wei­li­gen alpen­län­di­schen Anspruchs­schla­ger über die ach so schlim­me Ein­sam­keit der Groß­stadt für Öster­reich star­ten­de tsche­chisch­stäm­mi­ge Karel Schla­gerGott (‘Babič­ka’) gebär­de­te sich auf der Büh­ne so tun­tig wie ein Musi­cal­sän­ger: eine Vier auf der → Hal­dor-Lægreid-Ska­la für die “Gol­de­ne Stim­me aus Prag”. Noch schwu­ler wirk­ten die jugo­sla­wi­schen Dubro­vački Tru­badu­ri, die sich als mit­tel­al­ter­li­che Min­ne­sän­ger kos­tü­mier­ten und zu ihrer pos­sier­li­chen Wei­se anmu­tig über die Büh­ne hüpf­ten wie hor­mon­ge­steu­er­te Wald­el­fe im Früh­lings­sturm der Gefüh­le. Auf­grund des noch immer gel­ten­den Grup­pen­ver­bo­tes muss­ten sich die eigent­lich fünf­köp­fi­gen Trou­ba­dou­re aus Dubrov­nik offi­zi­ell als Duo (Luci & Hamo) mit Begleit­chor tar­nen.

Auch schön: Män­ner in Strumpf­ho­sen. Die auf­ge­platz­ten Gedär­me am Ellen­bo­gen irri­tier­ten aber ein wenig. (YU)

Eher gru­se­lig gaben sich hin­ge­gen die Ver­tre­ter aus dem hohen Nor­den: der Schwe­de Cla­es-Gör­an Heder­ström wirk­te im Trench­coat mit hoch­ge­schla­ge­nem Kra­gen wie der böse Onkel vom Kin­der­spiel­platz, was den Genuss sei­nes wun­der­bar jaz­zi­gen Loun­ge­songs ‘Ban­ne mej’, in dem er das schwe­re Schick­sal beklagt, frisch ver­liebt zu sein, erheb­lich min­der­te. Etwas opti­sche Lin­de­rung ver­schaff­te uns Finn­land, das eine jun­ge Sän­ge­rin namens Kris­ti­na Hauta­la in einem lind­grü­nen Kleid­chen mit gerüsch­ten Blüm­chen auf dem Ärmel schick­te: eine sin­gen­de Früh­lings­wie­se! Der Nor­we­ger Odd Bør­re Søren­sen schau­te sei­nen Tanz­stil bei dem direkt vor ihm auf­ge­tre­te­nen Cliff ab – nur, dass er mit dicker Horn­bril­le und Bill-Gates-Fri­sur aus­sah wie der ver­rück­te Pro­fes­sor aus einem Hor­ror­film der legen­dä­ren Lon­do­ner Ham­mer-Stu­di­os. Was per­fekt zu sei­nem wir­ren Lied mit dem tref­fen­den Titel ‘Stress’ pass­te. Die­ser ursprüng­lich zweit­plat­zier­te Song der nor­we­gi­schen Vor­ent­schei­dung war nach­ge­rückt, nach­dem der EBU eine all zu gro­ße Ähn­lich­keit des eben­falls von Odd Bør­re inter­pre­tier­ten Sie­ger­ti­tels ‘Jeg har ald­ri vært så glad i no’en som deg’ mit dem Cliff-Richard-Hit ‘Sum­mer Holi­day’ auf­fiel.

Ver­dammt, es ist Lie­be: die Schwe­den sind schon ech­te Roman­ti­ker! (SE)

Für das nicht abge­kup­fer­te ‘Stress’ kas­sier­te Nor­we­gen ledig­lich zwei Mit­leids­pünkt­chen – der gerech­te kos­mi­sche Aus­gleich für ihre Rache­wer­tung gegen­über “unse­rer” Wencke Myh­re. Die schun­kel­te und pro­pel­ler­te zum vom BBC-Orches­ter lei­der etwas schaum­ge­bremst beglei­te­ten ‘Hoch der Lie­be’ über die Büh­ne wie ein zu stark auf­ge­zo­ge­ner Brumm­krei­sel, und das in einem top­mo­di­schen, quietsch­gel­ben Mini­kleid, das ihre nicht gera­de reh­schlan­ken Bei­ne erst so rich­tig zur Gel­tung brach­te. Und dann noch die Dai­sy-Duck-Schu­he: grau­sam! Nicht sehr vor­teil­haft mach­te sich auch die fran­zö­si­sche Sie­ge­rin von 1962, Isa­bel­le Aubret, zurecht. Ihr labb­ri­ges, blass­blau­es Satin-Nacht­hemd kon­tras­tier­te so schmerz­voll zu ihrer pla­tin­blon­den Locken­pracht, dass man sich gar nicht auf ihr fas­zi­nie­ren­des Chan­son ‘La Source’ kon­zen­trie­ren konn­te, einer dunk­len Schau­er­ge­schich­te über ein von ihren drei Ver­ge­wal­ti­gern im Wald erschla­ge­nes Mäd­chen. Wobei sich die Fra­ge stellt, ob ihr die­se opti­sche Ablen­kungs­stra­te­gie ange­sichts des nicht nur für Grand-Prix-Ver­hält­nis­se unge­wöhn­lich düs­te­ren Song­the­mas nicht sogar zum Vor­teil gereich­te: immer­hin erreich­te Madame Aubret Rang 3.

Bra bra bra statt la la la: Odd Bør­re (NO)

Den abso­lu­ten Vogel schoss aber der so drol­li­ge wie tra­gi­sche Schwei­zer Gian­ni Mas­co­lo ab. In einem kür­bis­far­be­nen, schraub­sto­cken­gen Anzug und mit Hei­no-Bril­le lie­fer­te er den abschlie­ßen­den Beweis, dass das sämt­li­che modi­schen Fehl­grif­fe scho­nungs­los auf­de­cken­de Farb­fern­se­hen nicht immer ein Segen sein muss. Zudem hat­te er mit ‘Guar­da­no il Sole’ eine sehr grand­pri­x­es­ke Bal­la­de dabei. Und grand­pri­x­esk meint hier vor allem: mit einem gro­ßen, emo­ti­ons­ge­la­de­nen, auf­wal­len­den Fina­le. Ein Song also, wie er eigent­lich für fran­zö­si­sche Chan­so­net­ten typisch ist. Und wie eine sol­che gebär­de­te sich Gian­ni auch: er strahl­te, schmet­ter­te und warf die Arme in die Luft, exal­tier­ter als jeder Jür­gen Mar­cus (→ Vor­ent­scheid DE 19741975, LU 1976) und min­des­tens genau so enthu­si­as­tisch wie drei Jah­re nach ihm Sévé­ri­ne. Die gewann 1971 mit genau so einer Dar­bie­tung. Dem armen Gian­ni bleib das ver­wehrt: mit nur mage­ren zwei Pünkt­chen, eben­so vie­len wie Odd Bør­re erhielt, lan­de­te er ganz hin­ten. Ein glas­kla­rer Fall von geschlechts­spe­zi­fi­scher Dis­kri­mi­nie­rung: blö­de für den im fal­schen Kör­per gebo­re­nen Ita­lo­schwei­zer, dass es sei­ner­zeit noch kei­ne Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten gab.

Eine fünf auf der → Hal­dor-Lægreid-Ska­la: Gian­ni (CH)

Trotz der all­ge­mei­nen Auf­re­gung über den (ver­mut­lich nicht zu Unrecht) als Schie­bung emp­fun­de­nen Sieg Mas­siels ver­kauf­te sich ‘La, la, la’ übri­gens euro­pa­weit ziem­lich gut (#18 in den Nie­der­lan­den, #12 in Deutsch­land, #8 in Öster­reich und der Schweiz sowie #5 in Nor­we­gen). Und konn­te, sozu­sa­gen als Kir­sche auf dem Sah­ne­häub­chen, selbst die sonst gegen fremd­spra­chi­ge Titel so her­me­tisch abrie­gel­ten bri­ti­schen Top 40 kna­cken (#35). Manch­mal lohnt sich ein Königs­mord also doch!

Euro­vi­si­on Song Con­test 1968

Euro­vi­si­on Song Con­test. Sams­tag, 6. April 1968, aus der Roy­al Albert Hall in Lon­don, Groß­bri­tan­ni­en. 17 Teil­neh­mer­län­der, Mode­ra­ti­on: Kat­ie Boyle.
#LandInter­pretTitelPunk­tePlatz
01PTCar­los Men­desVer­ão0511
02NLRon­nie ToberMor­gen0116
03BEClau­de Lom­bardQuand tu revi­en­dras0808
04ATKarel GottTau­send Fens­ter0213
05MCChris Bal­do + Sophie GarelNous vivrons d’Amour0512
06CHGian­ni Mas­co­loGuar­da­no il Sole0213
07MCLine + Wil­lyÀ cha­cun sa Chan­son0807
08SECla­es-Gör­an Heder­strömDet bör­jar ver­ka Kärlek, ban­ne mej1505
09FIKris­ti­na Hauta­laKun Kel­lo käy0116
10FRIsa­bel­le AubretLa Source2003
11ITSer­gio End­ri­goMari­an­ne0710
12UKCliff RichardCongra­tu­la­ti­ons2802
13NOOdd Bør­re Søren­senStress0215
14IEPat McGe­eganChan­ce of a Life­time1804
15ESMas­sielLa la la2901
16DEWencke Myh­reEin Hoch der Lie­be1106
17YUDubro­vački Tru­badu­riJedan Dan0808

YU 1966: Caset­ta in Cana­dà

Im groß­zü­gi­gen, 1.600 Zuschauer/innen fas­sen­den Dom Sin­di­ka­ta zu Bel­grad, einem klas­si­schen sozia­lis­ti­schen Prunk­bau mit­ten im Stadt­zen­trum, fand der Vor­ent­scheid zum Euro­vi­si­on Song Con­test 1966, die Jugo­vi­zi­ja, statt. Fol­ge­rich­tig durf­te der ser­bi­sche Sän­ger Dra­gan Sto­j­nić gleich drei der ins­ge­samt 14 Lie­der bei­steu­ern. Der 2003 ver­stor­be­ne Sto­j­nić hat­te es sich zur Lebens­auf­ga­be gemacht, sei­nen sla­wi­schen Lands­leu­ten das gal­li­sche Chan­son näher zu brin­gen, sei­ne Kar­rie­re begann dem­entspre­chend mit einem Cover des fran­zö­si­schen Euro­vi­si­ons­songs von 1963, ‘Elle était si jolié’ von Alain Bar­riè­re, in sei­ner Fas­sung ‘Bila je tako lijepa’. Auch sein Jugo­vi­zi­ja-Bei­trag ‘Duga je Noc’ (‘Die Nacht ist lang’) fiel in die Kate­go­rie der gei­gen­ge­schwän­ger­ten Bal­la­de. Gabi Novak blieb dem The­ma “Ers­ter…” treu: nach dem ‘Ers­ten Schnee’ vom ver­gan­ge­nen Jahr besang sie nun den ‘Ers­ten Brief’. Die Ers­te in der Jury­ab­stim­mung zu wer­den, woll­te ihr den­noch nicht gelin­gen. Für den maze­do­ni­schen Lan­des­teil ging erst­mals Nina Spi­ra­do­va an den Start, die vier Jah­re zuvor das Fes­ti­val von Opa­ti­ja mit dem Schmacht­fet­zen ‘Eden bak­než’ gewon­nen haben soll, einem der größ­ten Ever­greens der spä­te­ren Frü­he­ren Jugo­sla­wi­schen Repu­blik. Etwas flot­te­re Töne steu­er­te die eben­falls schon aus frü­he­ren Jugo­vi­zi­jas bekann­te und belieb­te Kroa­tin Zden­ka Vuč­ko­vić mit dem leicht­ge­wich­ti­gen Beat­schla­ger ‘Rezer­vi­ra­no za Lju­bav’ (‘Reser­viert für die Lie­be’) bei, wobei des­sen Plat­zie­rung – so wie bei allen Bei­trä­gen unter­halb des Sil­ber­me­dail­len­ran­ges – in den im jugo­sla­wi­schen Bür­ger­krieg zer­bomb­ten Archi­ven ver­schol­len bleibt. Bekannt ist natür­lich der Sie­ger­ti­tel, näm­lich ‘Brez besed’ (‘Ohne Wor­te’) der im slo­we­nisch-öster­rei­chi­schen Grenz­städt­chen Tržič (Neu­markt) gebo­re­nen Ber­ta Ambrož. Die beim Wett­be­werb in Luxem­burg im Mit­tel­feld lan­den­de, sehr getra­ge­ne (lies: ster­bens­öde) Bal­la­de soll­te das bekann­tes­te Lied der 2003 ver­stor­be­nen Sän­ge­rin blei­ben, um wel­ches sich beim eben­falls aus Luxem­burg-Stadt kom­men­den ESC von 1973 eine klei­ne Kon­tro­ver­se ent­spann­te, da eine kur­ze Melo­die­fol­ge sei­nes (spar­sa­men) Refrains eine leich­te Ähn­lich­keit mit dem des sei­ner­zei­ti­gen spa­ni­schen Bei­trags ‘Eres tú’ auf­wies. Jed­we­de Pla­gi­ats­an­schul­di­gun­gen ver­lie­fen jedoch San­de, und dies völ­lig zu Recht. Zumal die strit­ti­gen drei (!) Noten in exakt die­ser Rei­hen­fol­ge auch schon im Elvis-Pres­ley-Hit ‘Can’t help fal­ling in Love’ von 1961 vor­ka­men – und in der kana­di­schen Natio­nal­hym­ne aus dem Jah­re 1880!

Ja, die drei (!) Noten des Song­ti­tels haben die glei­che Ton­fol­ge wie ‘Eres tù’. Was für eine scharf­sin­ni­ge Beob­ach­tung! In den rest­li­chen 2:50 Minu­ten kackt ‘Brez besed’ jedoch ab, wäh­rend ‘Eres tù’ den Hörer gefan­gen nimmt. Also beru­higt Euch bit­te wie­der.

Vor­ent­scheid YU 1966

Jugo­vi­zi­ja. Sonn­tag, 23. Janu­ar 1966, aus dem Sin­di­ka­ta Dom in Bel­grad (heu­ti­ges Ser­bi­en). 11 Teilnehmer/innen. Mode­ra­ti­on: Mica Orlo­vic.

#Interpret/inTitelPunk­teErgeb­nis
01Zden­ka Vuč­ko­vićRezer­vi­ra­no za Lju­bav
02Gabi NovakPrvo Pis­mo
03Ber­ta AmbrožSan­ja­la sam
04Dra­gan Sto­j­nićDuga je noc
05Dra­gan Sto­j­nićDva Nov­ci­ca
06Dra­gan Sto­j­nićPri­ca
07Vice VukovOd ova nebo ti Zede del
08Nina Spi­ro­vaDevo­j­ka i Pes­na
09Elda VilerKo si z menoj1102
10Ber­ta AmbrožBrez besed2401
11Đorđe Mar­ja­no­vićNajlep­si Dan
12Lado Lesko­varTvoj osmeh
13Slo­bo­dan Ris­te­lišIzgu­blje­ni kora­ci1102
14unbe­kanntunbe­kannt