ECG-Fan­tref­fen mit drei ESC-Schwer­ge­wich­ten

Das jähr­li­che Ver­an­stal­tungs­high­light für alle Grand-Prix-Fans – das Fan­tref­fen des Euro­vi­si­on Club Ger­ma­ny (ECG) am 14. Novem­ber 2015 in Köln – war­tet mit einem sen­sa­tio­nel­len Line-Up auf: zum fünf­zehn­jäh­ri­gen Bestehen hat der Fan­club tief in die Scha­tul­le gegrif­fen und prä­sen­tiert gleich drei Euro­vi­si­ons-Schwer­ge­wich­te: aus dem aktu­el­len Jahr­gang wird Fan-Lieb­ling Boja­na Sta­men­ov (‘Beau­ty never lies’) das Glo­ria zum Kochen brin­gen. Für erhöh­ten Blut­druck bei den Fans sorgt sicher­lich auch Baby-Bär­chen Roman Lob, der uns 2012 das bis­her letz­te deut­sche Ergeb­nis inner­halb der Top Ten bescher­te, und des­sen Teil­nah­me (als Ersatz für den ursprüng­lich geplan­ten John Kara­gi­an­nis [CY 2015]) der ECG heu­te bekannt gab. Der Haupt­au­gen­merk gebührt indes selbst­re­dend dem größ­ten deut­schen Grand-Prix-Star über­haupt, ihrer könig­li­chen ESC-Hoheit Kat­ja Ebstein, die dem Land 1970 den ers­ten Medail­len­rang ersang und uns mit ‘Wun­der gibt es immer wie­der’ und ‘Die­se Welt’ (1971) zwei der musi­ka­lisch wie text­lich erle­sens­ten Euro­vi­si­ons­per­len aller Zei­ten schenk­te.

Die­ses Lied hat die Kat­ja uns geschenkt

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Mein Lied an einen Stein”: unser Gewinn­spiel­sie­ger

Eine wirk­lich wun­der­schön tra­shi­ge Hom­mage an eini­ge der bes­ten deut­schen Euro­vi­si­ons­bei­trä­ge hat der Müns­te­ra­ner Uwe Krü­ger da gemein­sam mit sei­nen Freun­den auf die Bei­ne gestellt – und damit an dem von mei­nem kon­ge­nia­len Co-Autoren Mario Lack­ner initi­ier­ten Video-Wett­be­werb teil­ge­nom­men. Mit der hoff­nungs­vol­len Schluss­zei­le “Bald schon wird Deutsch­land wie­der sie­gen” hat es die­ses Jahr in Wien zwar noch nicht ganz geklappt (hüs­tel), aber dafür sieg­te Uwe Krü­ger bei uns und darf sich nun auf ein Exem­plar von Frie­de, Freu­de, Quo­ten­brin­ger – #60JahreSongcontest freu­en. Und wir uns über ein fabel­haf­tes Video. Vie­len Dank! Das Buch ist wei­ter­hin direkt beim Ver­lag oder über jede Buch­hand­lung bestell­bar – wer es unbe­dingt über den bösen Inter­ne­trie­sen bezie­hen möch­te, kann die dort ange­ge­be­ne, künst­lich lan­ge Lie­fer­zeit umge­hen, indem er dort auf “alle / ande­re Ange­bo­te” geht und den Ver­sen­der bkaiser26 (das ist der Ver­lag) aus­wählt: das Buch geht dann am sel­ben Tag noch raus und der Kauf ist über ama­zon abge­si­chert. Oh, und da es tat­säch­lich Anfra­gen bezüg­lich einer per­sön­li­chen Wid­mung gab (ich füh­le mich geehrt!): sowohl Mario Lack­ner wie mei­ne Wenig­keit wer­den beim Fan­club­tref­fen des EC Ger­ma­ny am 14. Novem­ber 2015 im Köl­ner Glo­ria anwe­send sein. Wohin die Anrei­se allei­ne schon wegen des Star­gas­tes lohnt: die deut­sche Grand-Prix-Legen­de Kat­ja Ebstein (im Sie­ger­vi­deo eben­falls geehrt) gibt dort ein ein­stün­di­ges Gala­kon­zert. Ein abso­lu­tes Must-see!

DVE 2008: It won’t get bet­ter

No Angels, DE 2008
Die Tan­ten­haf­ten

Bereits zum drit­ten Mal in Fol­ge begrüß­te Deutsch­lands erschre­ckends­tes Pfer­de­ge­biss, Tho­mas Her­manns, die über­wie­gend schwu­le Fan­ge­mein­de im plü­schi­gen Ham­bur­ger Schau­spiel­haus und vor den Fern­seh­ge­rä­ten zu einem gla­mou­rö­sen Gala­abend. Nach den schlech­ten Ergeb­nis­sen der letz­ten bei­den deut­schen Grand-Prix-Ver­tre­ter nahm man sanf­te Ver­än­de­run­gen vor, die sich im Wesent­li­chen in einem von drei auf fünf Has­beens und Never­be­ens auf­ge­stock­ten Teil­neh­mer­feld und einer mode­ra­ten Hin­wen­dung an das aktu­el­le Pop­ge­sche­hen mani­fes­tier­ten.

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DE 1981: Lie­der kön­nen grau­sam sein

Lena Valaitis, DE 1981
Die Frän­ki­sche

Busi­ness as usu­al bei der deut­schen Vor­ent­schei­dung. Der Baye­ri­sche Rund­funk behielt nach dem Erfolg von Kat­ja Ebstein ([DE 1970, 1971, 1980, DVE 1975] die zum Dank dies­mal mode­rie­ren durf­te, was nicht unbe­dingt zu ihren aller­stärks­ten Talen­ten gehört) die Ver­ant­wor­tung und führ­te das Kon­zept unver­än­dert fort. Selbst die Stu­di­ode­ko­ra­ti­on blieb die glei­che. Trotz eini­ger pro­mi­nen­ter Namen lag das künst­le­ri­sche Niveau in die­sem Jahr jedoch aus­ge­spro­chen nied­rig – dass es im Ver­lau­fe des anste­hen­den Jahr­zehnts in noch abgrün­di­ge­re Tie­fen sän­ke, ver­moch­te man sich zu die­sem Zeit­punkt noch gar nicht vor­stel­len. Das hat­te mit einem Genera­ti­ons­wech­sel zu tun, den man in Mün­chen hart­nä­ckig igno­rier­te. Wäh­rend in den Ver­kaufs­charts und selbst in Die­ter Tho­mas Hecks (DVE 1961ZDF-Hit­pa­ra­de eine fröh­li­che, vom Punk und New Wave inspi­rier­te Revo­lu­ti­on namens Neue Deut­sche Wel­le tob­te, zog man es vor, sich beim Vor­ent­scheid nach dem Mot­to “Augen zu und durch” auf den Schla­ger­fried­hof zu ver­krie­chen, auch wenn dies bedeu­te­te, die musi­ka­li­sche Glaub­wür­dig­keit des Wett­be­werbs zu ver­spie­len.

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ESC 1980: Was ist schon ein Jahr?

Logo des Eurovision Song Contest 1980
Das trau­ri­ge Jahr

Den Dop­pel­sieg Isra­els in den bei­den Vor­jah­ren hat­ten vie­le Zuschauer/innen mit erbos­tem Gegrum­mel quit­tiert, alber­ne Vor­wür­fe der Preis­klas­se “Alles Poli­tik!” oder “Schie­bung!” lie­ßen nicht lan­ge auf sich war­ten (dass der iri­sche Sie­ges-Hat­trick in den Neun­zi­gern für kei­ner­lei Empö­rung mehr sorg­te, erklärt sich durch das völ­li­ge Des­in­ter­es­se der Medi­en und der Zuschau­er am Euro­vi­si­on Song Con­test in die­sem Zeit­raum). Lehn­te Isra­el des­we­gen die noch­ma­li­ge Aus­tra­gung des Wett­be­werbs ab? Oder fehl­te dem Sen­der IBA schlicht das Geld? Jeden­falls sprang dies­mal nicht, wie sonst üblich, die BBC als Ver­an­stal­ter ein, son­dern die im Vor­jahr zwölft­plat­zier­ten Hol­län­der, die sich die Post­kar­ten zwi­schen den Songs spar­ten und statt­des­sen die Titel von natio­na­len Ansager/innen (in unse­rem Fall: Caro­lin Rei­ber) oder Kom­men­ta­to­ren anmo­de­rie­ren lie­ßen. Die NOS leg­te das Datum der Ver­an­stal­tung auf den Holo­caust-Gedenk­tag, so dass Isra­el auch sei­ne Teil­nah­me am Wett­be­werb absa­gen muss­te: und schon war die Gefahr eines drit­ten Sie­ges in Fol­ge gebannt!

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DE 1980: Grel­le Blit­ze schre­cken mich

Katja Ebstein, DE 1980
Die Gelif­te­te

Wie schon im Vor­jahr bot der nun für die ARD beim Grand Prix feder­füh­ren­de Baye­ri­sche Rund­funk, der auch bei der Stu­di­ode­ko­ra­ti­on kei­ne Gele­gen­heit zur Eigen­re­kla­me aus­ließ, für die­se Vor­ent­schei­dung gleich zwei Mode­ra­to­ren auf: für die Jün­ge­ren den all­seits belieb­ten, sei­ner­zeit noch schlag­fer­ti­gen Tho­mas Gott­schalk; für die Kuki­dent-Genera­ti­on Caro­li­ne Rei­ber, die in einem uni­far­be­nen, eben­so teu­er wie spie­ßig aus­schau­en­den Glo­cken­kleid-Alp­traum in einer schlim­men Pas­tell­far­be auf­trat. Sie mode­rier­te so bemüht sprit­zig wie emo­tio­nal unglaub­wür­dig.

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ESC 1971: Glück ist Hering in Dill­sos­se

Logo des Eurovision Song Contest 1971
Das Jahr des Auf­bruchs

Hef­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen tob­ten Anfang der Sieb­zi­ger­jah­re hin­ter den Kulis­sen des Song Con­tests, unter ande­rem um das schon mehr­fach geän­der­te Wer­tungs­sys­tem und über die Beset­zung der → Jurys. Auch Deutsch­land droh­te mit dem Aus­stieg aus der Gemein­schafts­ver­an­stal­tung, soll­te sie sich nicht end­lich mehr dem Zeit­geist annä­hern. Doch der Grand Prix ist bekannt­lich unka­putt­bar, und so einig­te man sich, ganz euro­pä­isch, auf einen Kom­pro­miss. Des­sen augen­fäl­ligs­tes Ergeb­nis war, dass die Juro­ren jetzt vor der Kame­ra und damit für alle sicht­bar ihre Punk­te ver­teil­ten statt wie bis­lang im Hin­ter­zim­mer. Zumin­dest in die­sem Jahr sorg­te das tat­säch­lich für annehm­ba­re Abstim­mungs­er­geb­nis­se, ver­mut­lich aus Angst der Juro­ren vor einem wüten­den Lynch­mob. Und es sorg­te für eine Rück­kehr zu alter Beset­zungs­stär­ke: nach nur zwölf Län­dern in Ams­ter­dam gin­gen in Dub­lin nun 18 Staa­ten ins Ren­nen um die euro­päi­sche Chan­son­kro­ne.

Orches­ter, TV-Kame­ras, Mode­ra­to­rin, Punk­te­ta­fel – neben all den tech­ni­schen Erfor­der­lich­kei­ten pass­ten noch etwa 20 Zuschauer/innen ins Point Thea­ter zu Dub­lin

Zu den Rück­keh­rern zähl­te neben den Skan­di­na­vi­ern und Por­tu­gal auch Öster­reich, das sich eigent­lich viel zu spät ange­mel­det hat­te und nur des­we­gen zuge­las­sen wur­de, weil es geschickt dar­auf hin­wies, dass sich 18 Län­der auf der drei­spal­ti­gen Anzei­gen­ta­fel optisch deut­lich bes­ser machen als 17. Zur Stra­fe muss­te es von Start­platz 1 aus ins Ren­nen. Der galt bis 1975, als eine wei­te­re Öster­rei­che­rin, näm­lich die für Hol­land sin­gen­de Get­ty Kas­pers, von die­ser Posi­ti­on aus sieg­te, als ver­flucht. Der ORF schick­te die groß­ar­ti­ge Mari­an­ne Mendt, die kurz zuvor auch bei uns mit ihrer Debüt-Sin­gle, dem gran­dio­sen Gos­pel­schla­ger ‘Wie a Glockn (die 24 Stun­den läut)’, für Auf­se­hen gesorgt hat­te. Ihren kom­merz­kri­ti­schen, mund­art­lich gesun­ge­nen Grand-Prix-Bei­trag ‘Musik’, der als eine Art Geburts­stun­de des Aus­tro­pop gilt (die min­der flot­ten Deut­schen brauch­ten mit ihrem Äqui­va­lent, der NDW, mal wie­der ein biss­chen län­ger), trug sie mit beein­dru­cken­der Stimm­kraft und Ver­ve vor, schei­ter­te jedoch an der Sprach­gren­ze.

Der über­am­bi­tio­nier­te öster­rei­chi­sche Jazz- und Chan­son-Ver­such” (Tho­mas Her­manns): Mari­an­ne Mendt (AT) gibt alles, erin­nert aber optisch ein wenig an Bet­ty Boop. In der → Post­kar­te kurz im Bild: die Wie­ner Stadt­hal­le, wo 2015 der Con­test statt­fin­den soll­te.

So wie auch die Pre­miè­re fei­ern­de Mit­tel­meer­in­sel Mal­ta, heut­zu­ta­ge ein ver­läss­li­cher Lie­fe­rant für Euro­vi­si­ons­camp. 1971 ver­such­ten es die Insu­la­ner zunächst mit lan­des­sprach­li­cher Folk­lo­re. Und das Mut­ter-Idi­om der Mal­te­ser (zwei­te Amts­spra­che ist, der zeit­wei­li­gen Beset­zung durch die Bri­ten sei Dank, Eng­lisch) besteht aus einer sehr eigen­ar­ti­gen Kreu­zung aus melo­disch-wei­chem Ita­lie­nisch und dem für euro­päi­sche Ohren eher aggres­siv klin­gen­den Ara­bisch. Fol­ge­rich­tig erhielt Joe Grechs Taver­nen­schla­ger ‘Mari­ja L’Maltija’, der zudem mit einer fie­sen Klatsch­fal­le über­rasch­te, als Begrü­ßungs­ge­schenk die Rote Later­ne über­reicht. Zu den über­fäl­li­gen Ergeb­nis­sen des dau­ern­den Rin­gens um Moder­ni­sie­rung beim Grand Prix zähl­te die amt­li­che Zulas­sung von Grup­pen (mit maxi­mal sechs Per­so­nen) ab die­sem Jahr. Die Schwei­zer, sonst eigent­lich nie vor­ne­weg, nutz­ten als Ers­te die­se neue → Regel und schick­ten ganz offi­zi­ell ein Gesangs­trio, das sich nicht mehr, wie einst­mals noch die Spa­ni­er (Los TNT, 1964), Jugo­sla­wen (4M, 1969) oder die Nie­der­län­der (Heart of Soul, 1970), also Solosänger/in plus Chor tar­nen muss­te. Peter, Sue & Marc (→ CH 1976, 1979, 1981) tra­ten in der Fol­ge noch mehr­fach für die Eid­ge­nos­sen an. Mit dem Bel­gi­er Fud Leclerc (→ BE 1956, 1958, 1960, 1962) tei­len sie den Rekord für die meis­ten Euro­vi­si­ons­teil­nah­men, nur dass sie jedes­mal in einer ande­ren Spra­che san­gen und über einen län­ge­ren Zeit­raum dabei waren. Bei ihrer Pre­miè­re mit dem nach­denk­li­chen Lie­der­ma­cher­stück ‘Les Illu­si­ons de nos vingt Ans’ reich­te es für eine Posi­ti­on im Mit­tel­feld.

Die­ses Lied, die­ses Lied, hat die Kat­ja uns geschenkt (DE)

Wie gut sich ein Medail­len­platz, wenn auch nur ein bron­ze­ner, anfühlt, hat­ten die Deut­schen im letz­ten Jahr erst­ma­lig erfah­ren dür­fen. Die bis dato unge­wohn­te Dro­ge des Erfol­ges berausch­te sie so stark, dass sie sofort den nächs­ten Schuss woll­ten und die hier­für ver­ant­wort­li­che Vor­jah­res­ver­tre­te­rin Kat­ja Ebstein (→ DE 19701980, Vor­ent­scheid 1975, Mode­ra­ti­on 1981) gleich noch mal nomi­nier­ten. Kommt einem irgend­wie bekannt vor, gel­le? Eine aus­ge­zeich­ne­te Wahl: Kat­ja brach­te den sen­sa­tio­nel­len Öko­schla­ger ‘Die­se Welt’, mit dem die den Sozi­al­de­mo­kra­ten nahe­ste­hen­de Künst­le­rin all die sei­ner­zeit bei­spiels­wei­se im Ruhr­ge­biet oder der Gegend um Bit­ter­feld täg­lich erleb­ba­ren Miss­stän­de (“Rauch aus tau­send Schlo­ten senkt sich über Stadt und Land”) the­ma­ti­sier­te, die eine Deka­de spä­ter zur Grün­dung der Grü­nen führ­ten. Mit die­ser Con­test-Per­le, in ihrem span­nungs­reich-düs­te­ren Unter­ton auch musi­ka­lisch von erle­se­ner Qua­li­tät, zeig­te sich die Ebstein sehe­risch und ihrer Zeit weit vor­aus. Viel­leicht zu weit: obschon es sich bei ‘Die­se Welt’ um den ein­deu­tig bes­ten Bei­trag beim Haupt­wett­be­werb in Dub­lin han­del­te, kam wie­der nur der drit­te Platz her­aus. Immer­hin mit einem im Ver­gleich zum Vor­jahr deut­lich gerin­ge­rem Abstand zur Erst- und Zweit­plat­zier­ten.

Dann mach ich mir ein Loch ins Kleid und find es wun­der­bar: Kari­na (ES)

Eine davon war die direkt nach Kat­ja star­ten­de Spa­nie­rin Kari­na, antre­tend in einem Maxik­leid mit einem kreis­run­den Loch auf Höhe der zar­ten Fes­seln – ob hier die Idee für Gol­die Hawns “Ich kann Dich durch­schau­en!”-Kleid in ‘Der Tod steht ihr gut’ her­stammt? ‘En un Mun­do nue­vo’ muss man als ein in der End­pha­se des Fran­co-Regimes bei­na­he schon muti­ges Lied bezeich­nen, das – wenn auch schla­ger­ty­pisch unbe­stimmt – die in der Luft lie­gen­de Hoff­nung auf ein bes­se­res Mor­gen in einer neu­en Welt besang. Trotz Klatsch­fal­le und Humptata-Fina­le erreich­te sie einen gerech­ten zwei­ten Platz. Inter­es­san­tes Detail: Kari­na (bür­ger­lich: María Isa­bel Bár­ba­ra Llau­des) nahm ihren Titel auch in einer fast wört­lich über­setz­ten deut­schen Ver­si­on auf (‘Wir glau­ben an mor­gen’, akzent­frei nach­ge­sun­gen dann von Mary Roos [→ DE 1972, 1984, Vor­ent­scheid 1970, 1975, 1982]), wäh­rend die Ebstein von ihrem die Din­ge beim Namen nen­nen­den, auf Ver­än­de­rung set­zen­den Öko­schla­ger auch eine sehr ein­dring­li­che spa­ni­sche Fas­sung (Este Mun­do siemp­re asì) ein­spiel­te. Bei­de Songs tra­fen per­fekt die über­all zu spü­ren­de Auf­bruch­stim­mung der begin­nen­den sieb­zi­ger Jah­re, in der die Men­schen tat­säch­lich noch an ein neu­es, bes­se­res Mor­gen glaub­ten.

Ohne Loch im Kleid: Mary mit der deut­schen Fas­sung des spa­ni­schen Bei­trags

Für Dei­ne Lie­be tut sie alles: Clo­dagh “Hot­pants” Rod­gers (UK)

Nach die­sen Höhen­flü­gen wie­der zurück in die Nie­de­run­gen des Con­test­ge­schäf­tes. Bei den nächs­ten bei­den, musi­ka­lisch unin­ter­es­san­ten Num­mern aus Frank­reich und Luxem­burg bie­ten allen­falls die Song­ti­tel eine Vor­la­ge für müde Flach­wit­ze: wäh­rend Ser­ge Lama noch ziel­los im ‘Jar­din sur la Terre’ her­um­spa­zier­te, sam­mel­te sei­ne Nach­fol­ge­rin Moni­que Mel­sen hin­ter ihm die Früch­te auf: ‘Pom­me, Pom­me, Pom­me’. Groß­bri­tan­ni­en ent­sand­te einen etwas ver­härmt wir­ken­den Abklatsch der Vor­jah­res­ver­tre­te­rin Mary Hop­kin (→ UK 1970): Clo­dagh Rod­gers ver­füg­te über eine schwä­che­re Stim­me, zeig­te dafür aber deut­lich mehr Bein. In ihrem flot­ten, mehr geklopf­ten als gesun­ge­nen Bei­trag ‘Jack in the Box’ (UK-Charts #4, DE #36, BE #3) degra­dier­te sich die Sän­ge­rin text­lich zum all­zeit auf Knopf­druck berei­ten Spiel­zeug: ihre Autoren hat­ten, wie sie in einem Inter­view sag­ten, am Bei­spiel von ‘Pup­pet on a String’ (→ UK 1967) “bewusst stu­diert”, wie ein Grand-Prix-Lied beschaf­fen sein müss­te, und lie­ßen sich so zur (sexis­ti­schen) Spiel­zeug­the­ma­tik inspi­rie­ren. Musi­ka­lisch glich der Titel ziem­lich ein­deu­tig dem Vor­jah­res­bei­trag ‘Knock knock, who’s the­re?’ – und folg­te damit kon­se­quent der von Cliff Richard (→ UK 1968, 1973) bereits drei Jah­re zuvor geleg­ten Ton­spur. “Poch, Poch, wer da?” - wenn es in die­ser Ära irgend­wo klopf­te, konn­te man sicher sein: die Bri­ten ste­hen vor der Tür.

Zu früh gefreut: im Gegen­satz zu ihrem Pro­mo­clip schaff­ten es Nico­le & Hugo (BE) im wah­ren Leben dann doch nicht über den Ärmel­ka­nal. So kamen wir 1973 erst in den Genuss ihrer Tanz­dar­bie­tun­gen.

Die zeig­ten sich übri­gens wegen des eska­lie­ren­den Kon­flik­tes mit der IRA sehr besorgt über die Fra­ge, wen sie nach Dub­lin schi­cken soll­ten, und hat­ten die Nord­irin Clo­dagh, die den Lon­do­ner Vor­ent­scheid allei­ne bestrei­ten durf­te, gewis­ser­ma­ßen als Wogen­glät­te­rin aus­ge­wählt. Auch die 1996 ver­stor­be­ne Kom­men­ta­to­ren­le­gen­de Ter­ry Wogan kam so zu sei­nem Job: der Ire war erst weni­ge Wochen vor dem Con­test von RTÉ zur BBC gewech­selt. Er soll­te für die nächs­ten Jahr­zehn­te die Wahr­neh­mung des Wett­be­werbs auf der Insel mit sei­nen sar­kas­ti­schen Spit­zen ent­schei­dend prä­gen. Den flo­cki­gen flä­mi­schen Easy-Lis­ten­ing-Bei­trag ‘Goei­emor­gen, mor­gen’, ein Song wie ein lau­war­mer Milch­kaf­fee, hat­te beim bel­gi­schen Vor­ent­scheid noch das Kult­duo Nico­le & Hugo (→ BE 1973) gesun­gen. Auf­grund einer Gelb­sucht Nico­les muss­ten beim Con­test jedoch sehr kurz­fris­tig Jac­ques Ray­mond (→ BE 1963) und Lily Cas­tel ein­sprin­gen, die sich die exal­tier­te → Cho­reo­gra­fie der ursprüng­li­chen Ver­tre­ter nicht mehr drauf­schaf­fen konn­ten, ihre Sache aber den­noch sehr ordent­lich mach­ten.

Der Link zwi­schen The Mamas & the Papas und Abba (SE)

Für Ita­li­en trat ein hüb­sches Kerl­chen namens Mas­si­mo Ranie­ri (→ IT 1973) an, der sei­ne gefühls­sturm­kit­schi­ge, man­do­li­nen­ge­schwän­ger­te Ode an den Bei­schlaf, ‘L’Amore é un Atti­mo’, mit der­ar­tig expres­sio­nis­ti­scher Hin­ga­be und Dra­ma­tik into­nier­te, dass man stel­len­wei­se befürch­te­te, es kön­ne ihn jeden Moment vor lau­fen­den Kame­ras förm­lich zer­rei­ßen. Gott sei Dank blieb er heil – so konn­te er zwei Jah­re spä­ter noch­mal zum Con­test zurück­keh­ren. Der Nea­po­li­ta­ner nahm sei­ne Num­mer in meh­re­ren Spra­chen auf, dar­un­ter in einer sehr pos­sier­li­chen deut­schen Fas­sung als ‘Die Lie­be ist ein Traum’. Sein bel­gi­scher Euro­vi­si­ons­kol­le­ge Luis Neefs (→ BE 1967, 1969) cover­te den Schla­ger als ‘Omdat ik van je hou’. Für Ranie­ri schloss sich eine Kar­rie­re als Film­schau­spie­ler in sei­ner Hei­mat an. Neben den Schwei­zern nutz­ten auch die Schwe­den die neue Grup­pen­frei­heit mit der Fami­ly Four (→ SE 1972): zwei bär­ti­ge Her­ren, zwei Damen, die eine blond, die ande­re brü­nett, eine davon mit Namen Agne­ta, und im Gepäck eine opti­mis­tisch swin­gen­de Hap­py­sound­num­mer (‘Vita vid­der’) – wie­so kommt einem das Kon­zept nur so bekannt vor?

Gibt wirk­lich alles: Mas­si­mo (IT)

Das Gast­ge­ber­land schick­te eine sin­gen­de Schwarz­wäl­der Kirsch­tor­te namens Ange­la Farell, die ziem­lich schlecht abschnitt. Was aber ange­sichts der Auf­re­gung, als ver­hält­nis­mä­ßig klei­ne und arme Nati­on erst­mals einen Event die­ser Grö­ßen­ord­nung stem­men zu müs­sen, gar nicht ins Gewicht fiel – nach Recher­chen von Gor­don Rox­burgh gab RTÉ 44.000 € allei­ne für die not­wen­di­ge tech­ni­sche Umstel­lung von schwarz­weiß auf Far­be aus und muss­te im Vor­feld mit erbit­ter­ter sen­der­in­ter­ner Oppo­si­ti­on wegen der hohen Kos­ten umge­hen. Am Ende aber konn­te man heil­froh bilan­zie­ren, dass “die Repu­ta­ti­on” der TV-Sta­ti­on noch “intakt” sei, wie der spä­te­re Unter­hal­tungs­chef David Bla­de Know in sei­nem Buch ‘Ire­land and the Euro­vi­si­on’ so schön for­mu­liert. Die Nie­der­lan­de steu­er­ten das Vor­bild für Inga & Wolf (→ DVE 1972) bei, näm­lich ihr Lie­der­ma­cher­pär­chen Sas­kia & Ser­ge. Sie hat­ten kei­ne all zu gute ‘Tijd’ auf der Büh­ne: die ihren medi­ä­val anmu­ten­den Bei­trag musi­ka­lisch prä­gen­den Block­flö­ten klan­gen live, als ob in einem schall­ge­dämpf­ten Neben­raum zwei Grund­schü­ler an dem Instru­ment übten. Sas­ki­as Mikro­fon pro­du­zier­te ent­we­der Ton­aus­fäl­le oder fie­se Rück­kop­pe­lun­gen, und dass der fus­sel­bär­ti­ge Ser­ge sei­ne Gitar­re direkt unter dem Kinn tra­gend zupf­te, weil man schein­bar ver­ges­sen hat­te, ihm ein zwei­tes Mikro zu instal­lie­ren, irri­tier­te ein wenig. So, als woll­ten sie die Kli­schees über ihre Haupt­stadt Ams­ter­dam unbe­dingt bestä­ti­gen, sahen die Bei­den auch noch so aus­ge­mer­gelt aus, wie es für lang­jäh­ri­ge Drogengebraucher/innen typisch ist.

Ein frü­hes Hip­ster­pär­chen: Sas­kia & Ser­ge (NL)

Unge­wohn­ten Opti­mis­mus ver­brei­te­ten hin­ge­gen die Por­tu­gie­sen: obwohl das iri­sche Orches­ter ihren fröh­li­chen Folkschla­ger ‘Meni­na’ nur mit unge­fähr der Hälf­te des Tem­pos der fast schon speed­me­tal­ar­tig schnel­len Stu­dio­fas­sung zele­brier­te, gehört der Titel zu den weni­gen lusi­ta­ni­schen Grand-Prix-Bei­trä­gen, die nicht in die sofor­ti­ge Depres­si­on füh­ren. Ein kur­zer Kame­ra­schwenk ins Publi­kum direkt nach Ton­ichas Per­for­mance (in einem wirk­lich far­ben­fro­hen Maxik­leid) sorg­te für den Kult­mo­ment des Abends, zeig­te er doch eine für weni­ge Sekun­den enthu­si­as­tisch applau­die­ren­de Zuschaue­rin, die plötz­lich mit­ten in der Bewe­gung ein­fror, so als habe ihr jemand den Ste­cker gezo­gen. Oder wur­den wir hier Zeu­gen eines Feh­lers in der Matrix? Der jugo­sla­wi­sche kroa­ti­sche Ver­tre­ter Kru­nos­lav Slab­niac hat­te sich in ein Sak­ko gewor­fen, das aus­sah wie aus einem Wand­tep­pich genäht, nur dass der Kra­gen groß­räu­mig fehl­te. Dafür glänz­te er mit den ers­ten Schul­ter­pols­tern der Mode­ge­schich­te. Sei­ne hoch­gra­dig melo­dra­ma­ti­sche Tren­nungs­schmerz­bal­la­de ‘Tvoj Dječak je tužan’, vom Kol­le­gen Ivi­ca Kra­jač (→ YU 1969) kom­po­niert und spä­te­ren Bal­kan-Schmacht­fet­zen wie ‘Lane Moje’ (→ RS 2004) in punk­to gro­ße Gefüh­le durch­aus eben­bür­tig, stieß aller­dings auf tau­be west­eu­ro­päi­sche Juro­ren­oh­ren.

Eine Farb­ex­plo­si­on: Antó­nia de Jesus Mon­tes Ton­icha Vie­gas (PT)

Für Nor­we­gen schließ­lich spa­zier­te eine gut beschirm­te Han­ne Krogh (1985 eine Hälf­te der sieg­rei­chen Bob­by­socks, 1991 ein Vier­tel von Just4Fun: für den fol­ge­rich­tig nächs­ten fäl­li­gen Auf­tritt als ein Ach­tel von irgend­was müss­te die EBU zunächst die Regeln ändern) über die Büh­ne und lis­te­te auf, was ihrer Mei­nung nach Glück sei: ‘Lykken er…’ “eine Steu­er­rück­zah­lung”, “eine Stun­de in der Bade­wan­ne” oder “Hering in Dill­so­ße”. Ah ja – für den Hering sicher nicht, außer man lässt ihn am Leben und füllt die Dill­so­ße in die Bade­wan­ne! Aber auch Han­ne brach­te die Num­mer wenig For­tu­ne: Platz 17. Es gewann eine klei­ne, ver­hält­nis­mä­ßig kor­pu­len­te Sän­ge­rin mit Sturz­helm­fri­sur aus Paris, die aller­dings für das finan­zi­ell gut situ­ier­te Mona­co an den Start ging. Séveri­ne zählt unbe­streit­bar zu denen, die den Con­test durch schie­re Wil­lens­kraft bezwan­gen. Was sich vor allem im letz­ten Refrain ihrer kraft­vol­len Mein-Park-soll-schö­ner-wer­den-Hym­ne ‘Un Banc, un Arb­re, une Rue’ mani­fes­tier­te, als sie nach der → Rückung die kur­zen Ärm­chen völ­lig ent­fes­selt in die Luft warf und der­ar­tig enthu­si­as­tisch und vol­ler glü­hen­der Ver­ve sang, dass die Juro­ren gar nicht anders konn­ten, als sie zur Beloh­nung mit Punk­ten zu über­häu­fen. Auch ihr männ­li­cher Begleit­chor ließ sich von Séveri­nes Begeis­te­rung anste­cken und gab alles, nach­dem er sich zuvor schon mit dem man­tra­ar­ti­gen Durch­sum­men des Refrains wäh­rend der weni­gen Stro­phen in Stim­mung gebracht hat­te.

Glaub an Dich selbst und es wird gelin­gen: Séveri­ne (MC)

Und auch wenn sich das Fürs­ten­tum, das die Aus­tra­gung des Con­tests im Fol­ge­jahr vor unüber­wind­ba­re logis­ti­sche Hin­der­nis­se stell­te, über Séveri­nes Sieg nicht amü­siert zeig­te, bleibt ihr das Wis­sen um einen unsterb­li­chen Auf­tritt und einen viel­fach, unter ande­rem von den Song-Con­test-Kol­le­gin­nen Kirsti Spar­boe (→ NO 1965, 19671969), Siw Malmkvist (→ SE 1960, DE 1969, Vor­ent­scheid DE 1962, Vor­ent­scheid SE 2004), Mari­an­ne Rosen­berg (→ Vor­ent­scheid 1975, 1980, 1982) und Tere­za Keso­vi­ja (→ MC 1966, YU 1972) geco­ver­ten, euro­pa­wei­ten Mil­lio­nen­sel­ler (#13 NL, #9 UK, #5 CH, #3 BE, #2 NO). Als beschä­mend muss man aber bezeich­nen, was die Deut­schen ihr anta­ten: nicht nur muss­te Josia­ne Gri­zeau (so ihr bür­ger­li­cher Name) eine unsäg­li­che, pho­ne­tisch ein­ge­sun­ge­ne deut­sche Fas­sung ihres Grand-Prix-Titels auf­neh­men: ‘Mach die Augen zu (und wünsch Dir einen Traum)’ ver­kauf­te sich hier­zu­lan­de sogar einen Tick bes­ser (#20, wäh­rend das Ori­gi­nal auf #23 ver­en­de­te). Was zur Fol­ge hat­te, dass sie anschlie­ßend mit graus­li­gen Bier­zelt­schla­gern durch deut­sche TV-Shows tin­gel­te. Und sich 1975 und 1982 gar beim deut­schen Vor­ent­scheid bewarb, natür­lich umsonst.

Teil­te sich mit Seve­ri­ne eine Fri­sur: Kru­nos­lav (YU)

Euro­vi­si­on Song Con­test 1971

Euro­vi­si­on Song Con­test. Sams­tag, 3. April 1971, aus dem Gai­ety Thea­t­re in Dub­lin, Irland. 18 Teil­neh­mer­län­der, Mode­ra­ti­on: Ber­na­det­te Ní Chall­choir.
#LandInter­pretTitelPunk­tePlatz
01ATMari­an­ne MendtMusik06616
02MTJoe GrechMari­ja L-Mal­ti­ja05218
03MCSévé­ri­neUn Banc, un Arb­re, une Rue12801
04CHPeter, Sue & MarcLes Illu­si­ons de nos vingt Ans07812
05DEKat­ja EbsteinDie­se Welt10003
06ESKari­naEn un Mun­do nue­vo11602
07FRSer­ge LamaUn Jar­din sur la Terre08210
08LUMoni­que Mel­senPom­me, Pom­me, Pom­me07013
09UKClo­dagh Rod­gersJack in the Box09804
10BEJac­ques Ray­mond + Lily Cas­telGoeie Mor­gen, Mor­gen06814
11ITMas­si­mo Ranie­riL’Amore è un Atti­mo09105
12SEFami­ly FourVita vid­der08507
13IEAnge­la FarellOne Day Love07911
14NLSer­ge + Sas­kiaTjid08506
15PTTon­ichaMeni­na08309
16YUKru­nos­lav Sla­bi­nacTvoj dječak je tužan06815
17FIMark­ku Aro + Koi­vi­si­to Sis­tersTie uute­en Päiv­ään08408
18NOHan­ne KroghLykken er06517

DE 1971: Es ist schön auf ihr

Katja Ebstein, DE 1971
Die Öko­lo­gi­sche

Wun­der gibt es immer wie­der’ – und im Vor­jahr war tat­säch­lich eines geschehn: erst­mals in der bis­he­ri­gen Grand-Prix-Geschich­te konn­te Kat­ja Ebstein (→ DE 19701980, Vor­ent­scheid 1975, Mode­ra­ti­on 1981) für das bis dato beim inter­na­tio­na­len Wett­sin­gen eher glück­los agie­ren­de und nur sehr mäßig erfolg­rei­che Deutsch­land einen (bron­ze­nen) Medail­len­platz errin­gen. Und um das Glück per­fekt zu machen, zudem noch mit einem Titel, der beim Publi­kum wie bei der Kri­tik glei­cher­ma­ßen Anklang fand. Der sei­ner­zei­ti­ge Grand-Prix-Ver­ant­wort­li­che Hans-Otto Grü­ne­feldt vom Hes­si­schen Rund­funk wit­ter­te Mor­gen­luft und buch­te die Schla­ger­sän­ge­rin mit der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Welt­ver­bes­se­re­r­at­ti­tü­de in die­sem Jahr gleich fest. Wie man sieht, folg­te das Lena-Dop­pel also einem his­to­ri­schen Vor­bild, und nicht dem Schlech­tes­ten!

Chart-Watch 1971: Der Som­mer­hit des Jah­res stamm­te, wie im rest­li­chen Euro­pa, auch in Deutsch­land von Peret (ES 1974)

Kat­ja sah natür­lich ihre Chan­ce, ihre durch den Song Con­test fun­dier­te Kar­rie­re durch einen erneu­ten pro­mi­nen­ten TV-Auf­tritt zu fes­ti­gen und sag­te ger­ne zu. Um auch die Lob­by­ver­bän­de zu beglü­cken, durf­ten ihr sechs bekann­te und in der Stan­des­ver­tre­tung orga­ni­sier­te Schla­ger­kom­po­nis­ten jeweils ein Lied auf den schlan­ken Leib schrei­ben. Die Ebstein sang sie in Zwei­er­blö­cken weg, in den Umklei­de­pau­sen unter­bro­chen von einer neu­er­li­chen bri­ti­schen Tanz­for­ma­ti­on, die – hek­tisch durch das Stu­dio wir­belnd – für einen inter­na­tio­na­len Touch sorg­te. Auch der hip­pe Far­ben­rausch des Vor­jah­res fei­er­te sei­ne Rück­kehr, wobei man die wil­den Licht­pro­jek­tio­nen dies­mal im Blue­s­creen­ver­fah­ren hin­ter die Sän­ge­rin schnitt, wäh­rend die­se vor der Stu­dio­wand stand und mit – je nach per­sön­li­cher Zunei­gung zum Titel – mehr oder min­der star­kem Ein­satz per­form­te.

Die­se Welt: in einem garan­tiert nicht aus Bio-Baum­woll­fa­ser her­ge­stell­ten Dress sin­nier­te Kat­ja über die Fol­gen der Umwelt­zer­stö­rung

Als weni­ger hipp erwies sich die Mode­ra­ti­on von Gün­ther Schramm, der sich zwar alle Mühe gab, sen­der­seits jedoch gezwun­gen wur­de, das Publi­kum mit stun­den­lan­gen, schul­meis­ter­li­chen Beleh­run­gen zum The­ma → Kom­po­nis­ten­wett­be­werb und zur Punk­te­ver­ga­be zu lang­wei­len. Wie dünn­häu­tig und unent­spannt der Hes­si­sche Rund­funk mit der Show umging, zeigt ein Zwi­schen­fall: Schramm muss­te auf Wei­sung des hr-Jus­ti­ti­ars noch in der lau­fen­den Sen­dung sei­ne unbe­dach­te Bemer­kung prä­zi­sie­ren, die Juro­ren säßen im Neben­stu­dio, wo sie ihre Wer­tung “abstim­men” wür­den: natür­lich nicht unter­ein­an­der, wie *hüs­tel* bös­wil­li­ge Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker mut­ma­ßen könn­ten, son­dern nur mit sich selbst! Nicht, dass es wie­der Mani­pu­la­ti­ons­vor­wür­fe gibt! “Bevor man die­se Sen­dung mode­riert, hat man bes­ser Jura stu­diert”, so der generv­te Seuf­zer Schramms.

Alle Men­schen will sie fra­gen, die Kat­ja. Da hat sie aber gut zu tun!

Über­haupt, die Wer­tung: in Anleh­nung an das beim Haupt­wett­be­werb prak­ti­zier­te Ver­fah­ren durf­ten erst­mals neben den fünf ARD-Fern­seh­un­ter­hal­tungs­chefs auch fünf “musik­in­ter­es­sier­te Lai­en”, alle unter 25 Jah­ren, gleich­be­rech­tigt mit­vo­ten. Damit soll­te, ganz im Sin­ne des zeit­los gül­ti­gen Wil­ly-Brandt-Mot­tos “mehr Demo­kra­tie wagen”, auch die Stim­me der auf­rüh­re­ri­schen Jugend Berück­sich­ti­gung fin­den. Natür­lich trug der nur bedingt wage­mu­ti­ge hr jedoch durch die Aus­wahl Vio­li­ne spie­len­der Musik­stu­den­tin­nen dafür Sor­ge, dass die­se bloß nicht all zu auf­rüh­re­risch aus­fal­len möge. Um so bemer­kens­wer­ter, dass die Wahl genera­ti­ons­über­grei­fend auch bei den älte­ren Juro­ren auf den ein­zi­gen poli­ti­schen Song des Abends fiel: den die Umwelt­ver­schmut­zung anpran­gern­den und die über alle Maßen Res­sour­cen ver­nich­ten­de Lebens­wei­se der Indus­trie­staa­ten in Fra­ge stel­len­den Öko-Schla­ger ‘Die­se Welt’, ein musi­ka­lisch wie inhalt­lich packen­des, qua­li­ta­tiv her­aus­ra­gen­des Stück. Oder, wie Kat­ja es lako­nisch for­mu­lier­te: “Wir wuss­ten, wir lie­fer­ten kei­nen Schrott ab”. Wohl wahr!

…auf der Welt”: unter­halb des gan­zen Pla­ne­ten tut’s die Ebstein nicht!

Die rest­li­chen fünf Songs des Abends ver­moch­ten da nicht mit­zu­hal­ten, selbst wenn sie text­lich das belieb­te Schla­ger­the­ma “Lie­be” vom übli­chen Klein­klein des Zwi­schen­mensch­li­chen zum All­ge­mein­platz mit glo­ba­lem Anspruch auf­blie­sen. So wie bei­spiels­wei­se ‘Alle Men­schen auf der Erde’, die Kom­po­si­ti­on von Ebsteins dama­li­gem Ehe­mann und Pro­du­zen­ten Chris­ti­an Bruhn, wel­che die Sän­ge­rin per­sön­lich selbst­re­dend favo­ri­sier­te, wie sie spä­ter im Inter­view mit Jan Fed­der­sen zugab. Auch der sonst so pro­gres­si­ve Ton­set­zer Horst Jan­kow­ski (‘Ein Hoch der Lie­be’, → DE 1968) lie­fer­te dies­mal mit ‘Es wird wie­der geschehn’ musi­ka­lisch arg kon­ven­tio­nel­le Ware. Um nicht unge­recht zu erschei­nen: sol­che Aus­nah­me­ti­tel wie ‘Wun­der gibt es immer wie­der’ und ‘Die­se Welt’ schrei­ben sich halt nicht im Dut­zend. In den Charts reich­te es für den auch heu­te noch nichts von sei­ner Aus­sa­ge­kraft ein­ge­büßt haben­den Öko-Song erneut für Rang 16.

Leben von der Lie­be: wenn das die Nah­les hört, kürzt sie gleich wie­der den Hartz-Vier-Regel­satz!

Vor­ent­scheid DE 1971

Ein Lied für Dub­lin. Sams­tag, 27. Febru­ar 1971, aus dem Sen­de­stu­dio des Hes­si­schen Rund­funks in Frank­furt am Main. Eine Teil­neh­me­rin, Mode­ra­ti­on: Gün­ter Schramm.
#Inter­pretTitelPunk­tePlatzCharts
01Kat­ja EbsteinDer Mensch lebt von der Lie­be2705-
02Kat­ja EbsteinAlle Men­schen auf der Erde370216
03Kat­ja EbsteinEs wird wie­der geschehn2804-
04Kat­ja EbsteinDie­se Welt430116
05Kat­ja EbsteinIch bin glück­lich mit Dir2506-
06Kat­ja EbsteinIch glau­be an die Lie­be auf der Welt3702-

ESC 1970: Schmet­ter­lin­ge und Bie­nen

Logo des Eurovision Song Contest 1970
Das psy­che­de­li­sche Jahr

Ein neu­es Jahr­zehnt, ein neu­er Auf­bruch. Das bekam das Publi­kum schon bei der deut­schen Vor­ent­schei­dung zu spü­ren, die sowohl inhalt­lich und optisch als auch musi­ka­lisch einer klei­nen Revo­lu­ti­on gleich­kam. Revo­lu­tio­när auch unse­re Ver­tre­te­rin in Ams­ter­dam, Kat­ja Ebstein (→ DE 1971, 1980, Vor­ent­scheid 1975, Mode­ra­ti­on 1981). Aus der Lie­der­ma­cher­sze­ne kom­mend und mit sozi­al­kri­tisch-auf­klä­re­ri­scher Atti­tü­de aus­ge­stat­tet, sang die spä­te­re SPD-Wahl­kämp­fe­rin und Hein­rich-Hei­ne-Rezi­ta­to­rin einen von Chris­ti­an Bruhn geschrie­be­nen Trös­tungs­schla­ger namens ‘Wun­der gibt es immer wie­der’. Ein unver­gess­li­cher Ever­green, weil er sich musi­ka­lisch wie text­lich sehr deut­lich von der bis­her übli­chen, bie­de­ren Schla­ger-Stan­dard­ware unter­schied.

Kat­ja in Eis­vo­gel-Blau (DE)

Ein gewal­ti­ges, span­nungs­ge­la­de­nes Intro mit einer Blue Note als Hin­hö­rer; der gedehn­te und damit dra­ma­tisch wir­ken­de Gesang der Ebstein; ein Lied­text, der zu einem bewuss­ten Leben und zum akti­ven Selbst­ge­stal­ten des eige­nen Schick­sals auf­for­dert; sowie ein furio­ses Fina­le mach­ten das Lied zu einem Mei­len­stein der Con­test­ge­schich­te und einem der bes­ten Pop­songs über­haupt. Und, wie um den Song­ti­tel zu bestä­ti­gen, erziel­te die Ebstein in Ams­ter­dam mit Rang 3 das bis dahin bes­te deut­sche Euro­vi­si­ons-Ergeb­nis. In ihrem sen­sa­tio­nel­len, spa­ci­gen Out­fit mit schi­ckem Mini, sil­ber­nen Astro­nau­ten­stie­feln und licht­blau­em Maxi­man­tel – nie­mand in der über sech­zig­jäh­ri­gen Con­test­ge­schich­te konn­te unse­re Kat­ja jemals modisch top­pen – erreich­te sie erst­mals für Deutsch­land eine Medail­len­po­si­ti­on beim euro­päi­schen Gesangs­wett­streit. Dafür hat­ten sie ihre Lands­leu­te so lieb, dass die ARD sie für das kom­men­de Jahr gleich fest buch­te – eine Vor­ge­hens­wei­se, die sich exakt drei­ßig Jah­re spä­ter mit einer gewis­sen Lena Mey­er-Land­rut (→ DE 2010, 2011) wie­der­ho­len soll­te.

Die iri­sche Andrea Jür­gens: Dana Natio­nal

Die 1970er Sie­ges­tro­phäe indes ging an die gera­de acht­zehn­jäh­ri­ge Irin Dana (gebo­re­ne Rose­ma­ry Brown) und ihr ‘All Kinds of Every­thing’, einen wei­te­ren Euro­vi­si­ons­e­ver­green, wenn auch kei­ner der von mir gou­tier­ten Sor­te. Sie gab sich ganz als die naï­ve, natür­li­che Unschuld vom Lan­de, wie Jah­re spä­ter Nico­le Hoh­loch (→ DE 1982) auf einem Hocker sit­zend (aller­dings ohne Lager­feu­er­gi­tar­re) und mit ener­vie­rend hoher Kin­der­stim­me wol­kig-harm­lo­se All­ge­mein­plät­ze über die Lie­be into­nie­rend. Das war alles sehr geschickt auf hei­le Welt und Kind­chen­sche­ma pro­du­ziert. Was vor Ort auch dar­in Aus­druck fand, dass Danas mit­an­ge­reis­te Eltern ihren Aug­ap­fel im ver­derb­ten hol­län­di­schen Sün­den­pfuhl Ams­ter­dam nicht eine Sekun­de von der Lei­ne lie­ßen. Kein Wun­der, dass die klei­ne Dana im Gegen­satz zu Kat­ja spä­ter einen poli­tisch stramm kon­ser­va­ti­ven Kurs ein­schlug: nach einer Kar­rie­re als Fern­seh­pre­di­ge­rin in den USA kan­di­dier­te sie Ende der Neun­zi­ger (und erneut in 2011) für den Pos­ten der iri­schen Prä­si­den­tin, aller­dings ohne Erfolg. Von 1999 bis 2004 saß sie im Euro­pa­par­la­ment, wo sie sich vor allem als fun­da­men­ta­lis­tisch stren­ge Abtrei­bungs­geg­ne­rin her­vor­tat – eine Posi­ti­on, die sie mit Kat­ja Ebsteins enger Freun­din und Grand-Prix-Kol­le­gin Inge Brück (→ DE 1967) teilt.

Her­ein, wenn’s kein Wogan ist: Mary Hop­kin (UK)

Zu der Frak­ti­on “Euro­vi­si­ons­lie­der, die man sofort erkennt” gehört auch das (natür­lich!) zweit­plat­zier­te Stück ‘Knock knock, who’s the­re’ der von den Beat­les ent­deck­ten und von ihrem Apple-Label (nein, kei­ne Divi­si­on des heu­ti­gen Her­stel­lers von schick design­ten, mas­siv über­teu­er­ten Mobil­te­le­fo­nen) gesign­ten Bri­tin Mary Hop­kin, die 1968 mit ‘Tho­se were the Days’ einen ers­ten gro­ßen Hit lan­den konn­te. Ihr Bei­trag arbei­te­te, dem Titel gerecht wer­dend, mit den sei­ner­zeit im eng­li­schen Pop sehr belieb­ten Klopf­mo­ti­ven und erwies sich als eher ein­fach struk­tu­riert, war an die­sem Grand-Prix-Abend nach sechs vor­aus­ge­gan­ge­nen Lan­ge­wei­le­lie­dern jedoch hoch­will­kom­men, was sich auch am fre­ne­ti­schen Saa­l­ap­plaus bemerk­bar mach­te. Die Inter­pre­tin selbst moch­te den Titel, den ihr das bri­ti­sche TV-Publi­kum unter sechs mög­li­chen Alter­na­ti­ven in einem Song-Vor­ent­scheid aus­ge­sucht hat­te, weil es am deut­lichs­ten der Humptata-Sie­ges­for­mel von ‘Pup­pet on a String’ (→ UK 1967) ent­sprach, hin­ge­gen gar nicht. Der Buch­au­tor Gor­don Rox­burgh zitiert sie im zwei­ten Band sei­ner Serie Songs for Euro­pe mit den Wor­ten: “Es war mir so pein­lich. Es ist furcht­bar, auf der Büh­ne zu ste­hen und ein Lied zu sin­gen, das Du hasst”. Die Arme!

Sweet, sweet Gwen­d­o­ly­ne: Julio in der Straf­ho­se (ES)

Für Spa­ni­en trat ein ehe­ma­li­ger Fuß­ball­spie­ler des FC Real Madrid an, der hier den Grund­stein für sei­ne noch fol­gen­de Kar­rie­re als erfolg­reichs­ter Schnul­zensän­ger Euro­pas leg­te. Aber­tau­sen­de von Haus­frau­en soll­ten im Lau­fe der Zeit bei sei­nen Kon­zert­tour­ne­en vor Ver­zü­ckung in Ohn­macht fal­len und ihm jahr­zehn­te­lang aus­ver­kauf­te Säle sowie gol­de­ne Schall­plat­ten in rau­en Men­gen sichern: laut Wiki­pe­dia setz­te er ins­ge­samt mehr als 300 Mil­lio­nen Ton­trä­ger ab. Hier lan­de­te der noch etwas fah­rig wir­ken­de und in einer baby­blau­en Ach­sel­ho­se ziem­lich unschön anzu­schau­en­de Julio Lang­ne­si­as Igle­si­as, der Mann mit dem zar­ten Schmalz, mit sei­ner schmach­tend vor­ge­jaul­ten ‘Gwen­d­o­ly­ne’ auf dem vier­ten Rang. Grund sei­ner Ner­vo­si­tät war übri­gens, dass sei­ne Dele­ga­ti­on ihm vor dem Auf­tritt die Sak­ko­taschen hat­te ent­fer­nen las­sen, auf dass er nicht die Hän­de dar­in ver­gra­be. Nun wuss­te er nicht, wohin damit – ein Schick­sal, dass er mit zahl­rei­chen ande­ren männ­li­chen Euro­vi­si­ons­in­ter­pre­ten teilt. So wie bei­spiels­wei­se mit dem medi­ter­ra­nen Kon­kur­ren­ten Gian­ni Moran­di, der wäh­rend sei­ner Dar­bie­tung des mit­rei­ßen­den Ita­lo­schla­gers ‘Occhi di Rag­ga­zi’ mehr­fach – wenn­gleich ver­geb­lich – ver­such­te, flü­gel­schla­gend von der Büh­ne abzu­he­ben.

Domi­ni­que Dus­sel Dus­s­ault und ihr deut­sches Idol (MC)

Deutsch­land sah sich nicht nur von Kat­ja reprä­sen­tiert: die für Mona­co antre­ten­de jun­ge Fran­zö­sin Domi­ni­que Dus­s­ault him­mel­te in ihrem Lied die unsterb­li­che deut­sche Schau­spie­le­rin ‘Mar­le­ne’ Diet­rich an, in ihrer ver­füh­re­risch-geheim­nis­vol­len Andro­gy­nie seit jeher ein Les­ben­idol. Domi­ni­que imi­tier­te im Lau­fe ihrer Femmage die belieb­tes­ten Posen des Film­stars. Das war von hoher unfrei­wil­li­ger Komik, denn der eher kom­pak­ten, schne­cken­lo­cki­gen Inter­pre­tin selbst ging jeg­li­cher Gla­mour ab – es wirk­te, als wenn Hel­ga Bei­mer ver­such­te, Madon­na nach­zu­ah­men. Das Gast­ge­ber­land schick­te ein am Vor­bild längst ver­bli­che­ner ame­ri­ka­ni­scher Motown-Girl­groups ori­en­tier­tes Trio namens Hearts of Soul: drei Schwes­tern, die 1977 erneut unter dem Namen Dream Express für Bel­gi­en antra­ten. Stel­la Maes­sen, die ganz rechts außen, schenk­te uns 1982 außer­dem noch das unglaub­lich schö­ne ‘Si tu aimes ma Musi­que’. Ihre in Ams­ter­dam vor­ge­tra­ge­ne Reve­renz an das vom welt­weit erfolg­rei­chen Musi­cal ‘Hair’ ins pop­kul­tu­rel­le Kol­lek­tiv­be­wusst­sein trans­por­tier­te Was­ser­mann­zeit­al­ter ver­moch­te jedoch auf­grund des vom hei­mi­schen Orches­ter stark gebrems­ten Tem­pos bedau­er­li­cher­wei­se nicht zu über­zeu­gen. Scha­de, denn mit andert­halb­fa­cher Geschwin­dig­keit abge­spielt, ent­wi­ckelt der Song doch noch so etwas wie Groo­ve. Pro­bie­ren Sie es aus: in den You­tube-Ein­stel­lun­gen (das Zahn­räd­chen rechts unten) leicht zu fin­den, ver­bes­sert ein höhe­res Tem­po bei vie­len Euro­vi­si­ons­bei­trä­gen den Genuss!

Die Supre­mes auf Vali­um: Hearts of Soul (NL)

Der psy­che­de­li­sche Look der deut­schen Vor­ent­schei­dung setz­te sich in Ams­ter­dam fort: mit frei­schwe­ben­den Kugeln erschu­fen die Hol­län­der eine ziem­lich futu­ris­ti­sche Büh­nen-Atmo­sphä­re, in der die antre­ten­den Künstler/innen jedoch, ins­be­son­de­re bei eher klas­si­schen Stü­cken, gele­gent­lich etwas fremd wirk­ten. Bes­tes Bei­spiel: der am Ver­an­stal­tungs­ort gebo­re­ne nie­der­län­di­sche Schla­ger­sän­ger David Alex­and­re Win­ter, der im Vor­jahr einen Num­mer-Eins-Hit in Frank­reich hat­te und nun Luxem­burg ver­trat. Er sei direkt “vom Him­mel gefal­len”, wie er in sei­nem hoff­nungs­los alt­mo­di­schen Schla­ger behaup­te­te – und zwar offen­bar ohne Fall­schirm: der wild mit den Armen rudern­de Win­ter zer­schell­te mit (abso­lut gerech­ten) → null Punk­ten auf dem Boden der Jury­wer­tun­gen. Spä­ter sie­del­te er, wie die Alles­wis­sen­de Müll­hal­de berich­tet, in die USA über, wo er Gebraucht­wa­gen ver­kauf­te. Ein all­ge­mein als eher halb­sei­den ange­se­he­ner Beruf, wie ihn auch Die­ter Tho­mas Heck (→ DVE 1961) vor sei­ner Kar­rie­re als Radio-DJ und Pate der ZDF-Hit­pa­ra­de aus­üb­te. Und der nahe liegt: in bei­den Jobs muss man mit vol­ler Über­zeu­gung not­dürf­tig auf­po­lier­ten Schrott an über­töl­pel­te Kun­den ver­hö­kern kön­nen.

Nasch­te der Schau­spie­ler und Sän­ger in Ams­ter­dam von när­ri­schen Pil­zen oder wie erklärt sich sein wil­des Her­um­ge­ham­pel? (IT)

Dass der Con­test über­haupt in der Kif­fer­welt­haupt­stadt statt­fand, ver­dan­ken wir nach Rox­burghs Recher­che einem Zufall: nach­dem im Vor­jahr vier Län­der punkt­gleich sieg­ten, von denen zwei – näm­lich das Ver­ei­nig­te König­reich und Spa­ni­en – bereits 1968 respek­ti­ve 1969 den Wett­be­werb orga­ni­siert hat­ten, ent­schied ein Münz­wurf zwi­schen den ver­blie­be­nen Kan­di­da­ten Hol­land und Frank­reich, wer 1970 als Ver­an­stal­ter dran war. “Die Nie­der­lan­de ver­lo­ren,” kom­men­tier­te ein BBC-Mit­ar­bei­ter mali­zi­ös den Aus­gang der Ent­schei­dung. Die Gast­ge­ber­schaft mach­te sich erneut bei der höchst effi­zi­en­ten, fast schon fros­ti­gen Mode­ra­ti­on bemerk­bar: der bei der Punk­te­ver­ga­be bis weit über die Gren­ze zur Unhöf­lich­keit hin­aus straf­fe Ablauf führ­te – bei nur zwölf Teil­neh­mern, denn alle skan­di­na­vi­schen Län­der und Por­tu­gal hat­ten aus Pro­test gegen die Wer­tungs­far­ce des Vor­jah­res abge­sagt – nicht nur zu einer außer­ge­wöhn­lich kur­zen Sen­de­zeit, son­dern ver­stärk­te auch den unper­sön­li­chen, kal­ten Ein­druck die­ses Jahr­gangs. Die Show dau­er­te nur knapp 75 Minu­ten, obwohl das nie­der­län­di­sche Fern­se­hen die Sen­dung erst­mals mit eigens ange­fer­tig­ten Ein­spiel­film­chen zwi­schen den Songs streck­te, wel­che die antre­ten­den Interpret/innen in ihrer jewei­li­gen Heimat(haupt-)stadt zeig­ten. Die­se aus der Not gebo­re­ne Idee soll­te sich dau­er­haft hal­ten: noch heu­te wer­den die Umbau­pau­sen zwi­schen den Live-Auf­trit­ten mit den soge­nann­ten → Post­kar­ten über­brückt.

Der Sie­ger des por­tu­gie­si­schen Vor­ent­scheids 1970, Sérgio Bor­ges, durf­te dann doch nicht fah­ren. Da haben wir noch mal Glück gehabt!

Kom­mer­zi­ell hin­ge­gen lief alles rund: die drei erst­plat­zier­ten Sän­ge­rin­nen lan­de­ten maß­stabs­ge­recht auf Rang #4 (Dana), #12 (Mary Hop­kin) und #16 (Kat­ja Ebstein) in den deut­schen Ver­kaufs­charts. Die bei­den eng­lisch­spra­chi­gen Songs erreich­ten zudem euro­pa­weit die Top Ten, wobei sich Frau Hop­kin (#2) in den bri­ti­schen Charts eben­so wie beim Con­test der Irin Dana (#1) geschla­gen geben muss­te. Die konn­te welt­weit mehr als zwei Mil­lio­nen Exem­pla­re ihrer Sin­gle ver­kau­fen und bescher­te ihrem Volk, das es laut dem Buch­au­tor (‘Ire­land and the Euro­vi­si­on’) und zeit­wei­li­gen RTÉ-Unter­hal­tungs­chef David Bla­ke Knox bis dato “nicht gewohnt war, irgend­et­was zu gewin­nen”, enor­me natio­na­le Glücks­ge­füh­le. Danas Sieg war zudem mit einer hohen innen­po­li­ti­schen Bedeu­tung auf­ge­la­den, stamm­te sie doch aus der nord­iri­schen Stadt (London-)Derry, einem der zen­tra­len Schau­plät­ze der sei­ner­zei­ti­gen blu­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen pro­tes­tan­ti­schen Unio­nis­ten und katho­li­schen Sepa­ra­tis­ten. Die natio­na­le iri­sche Flug­ge­sell­schaft Aer Lin­gus trans­por­tier­te die jun­ge, nach eige­ner Aus­sa­ge fried­lie­ben­de Katho­li­kin (“Das, was dort pas­sier­te, das hat­te mit uns nichts zu tun) am Sonn­tag nach ihrem Sieg direkt von Ams­ter­dam nach Der­ry, wo sie von einer fre­ne­tisch jubeln­den Men­ge emp­fan­gen wur­de – der ers­te Flug der Linie, der im offi­zi­ell bri­ti­schen Hoheits­ge­biet lan­den durf­te.

Nein, das ist kein sti­li­sier­tes Haken­kreuz – das Logo des ESC 1970 setz­te sich aus vier kreis­för­mig ange­ord­ne­ten Musik­no­ten zusam­men.

Euro­vi­si­on Song Con­test 1970

Euro­vi­sie Song­fes­ti­val. Sams­tag, 21. März 1970, aus dem Rai Con­gre­scen­trum in Ams­ter­dam, Nie­der­lan­de. Zwölf Teil­neh­mer­län­der. Mode­ra­ti­on: Wil­ly Dob­be.
#LandInter­pretTitelPunk­tePlatz
01NLHearts of SoulWater­man0707
02CHHen­ri DèsRetour0806
03ITGian­ni Moran­diOcchi di Raga­z­za0510
04YUEva SršenPri­di, dala ti bom Cvet0411
05BEJean Val­léeViens l’oublier0508
06FRGuy Bon­netMarie Blan­che0805
07UKMary Hop­kinKnock, knock, who’s the­re?2602
08LUDavid Alex­and­re Win­terJu suis tom­bé du Ciel0012
09ESJulio Igle­si­asGwen­d­o­ly­ne0804
10MCDomi­ni­que Dus­s­aultMar­lè­ne0509
11DEKat­ja EbsteinWun­der gibt es immer wie­der1203
12IEDanaAll kinds of every­thing3201

DE 1970: Musst Du sie auch sehn!

Katja Ebstein, DE 1970
Die Welt­ver­bes­se­re­rin

Eine Ver­an­stal­tung wie ein Dro­gen­rausch: kurz, bunt und knal­lig. Der Kon­trast zur viel belä­chel­ten 1969er Klein­tier­züch­ter­ver­eins­vor­stands­sit­zung, eben­so wie die­se Show vom Hes­si­schen Rund­funk pro­du­ziert, hät­te nicht kras­ser aus­fal­len kön­nen. Nie­mals zuvor und nie wie­der danach atme­te eine deut­sche Euro­vi­si­ons­vor­ent­schei­dung so inten­siv den Duft der gro­ßen wei­ten Welt. Bezie­hungs­wei­se, prä­zi­ser gesagt: Lon­dons. Von dort her flog der hr die aus der bri­ti­schen Chart­show Top of the Pops bekann­te Tanz­for­ma­ti­on Pan’s Peop­le ein, die in den Wer­tungs­pau­sen anstel­le des preu­ßi­schen Ehe­paars Trautz das Publi­kum im Sen­de­stu­dio (und vor den Bild­schir­men) unter­hal­ten soll­te. Und wie sie das taten!

Im Spät­som­mer der Lie­be: Pan’s Peop­le 

Knal­lig bunt und auf­rei­zend knapp geklei­det, wir­bel­ten sie zu den Klän­gen der Beat­les bzw. des ‘Clap­ping Song’ der­art wild auf der Büh­ne her­um, dass sich die Zuschauer/innen vor lau­ter Far­ben und Bewe­gung auf einem LSD-Trip (oder zumin­dest im Afri-Cola-Rausch) wäh­nen muss­ten. Augen­schein­lich hat­ten die Leu­te des Pan dazu noch gleich das Frank­fur­ter Sen­de­stu­dio ein­ge­rich­tet, denn bunt und psy­che­de­lisch wirk­ten auch die Pro­jek­tio­nen auf der Video­lein­wand, vor der die Interpret/innen die­ser Vor­ent­schei­dung ihre Bei­trä­ge zum Bes­ten gaben. Selbst die sechs Titel, wenn­gleich text­lich alle­samt eher bana­le Lie­bes­schla­ger, wirk­ten doch durch ihren musi­ka­li­schen Vor­trag, nicht zuletzt durch die tat­kräf­ti­ge Hil­fe des beglei­ten­den Gün­ter-Kall­mann-Cho­res, der so spa­cig klang wie eben frisch von der Raum­pa­trouil­le ent­führt, gera­de­zu revo­lu­tio­när modern. Bereits die Eröff­nungs­se­quenz, eine ver­jazz­te (und somit bei­na­he erträg­li­che) Instru­men­tal-Inter­pre­ta­ti­on des letzt­jäh­ri­gen deut­schen Bei­trags ‘Pri­ma­bal­le­ri­na’ wies die Rich­tung.

Der swin­gen­de Topf­lap­pen: Mary Roos mit einer ihrer anbe­tungs­wür­dig läs­si­gen Per­for­man­ces, für die wir sie so sehr lie­ben

Die groß­ar­ti­ge, fan­tas­ti­sche, nicht hoch genug zu loben­de Mary Roos (→ DE 1972, 1984, Vor­ent­scheid 1975, 1982) eröff­ne­te das Feld mit Gran­dez­za. In einen rie­si­gen, hand­ge­hä­kel­ten, FDP-far­be­nen Topf­lap­pen gewan­det, mit gestuf­ter Kurz­haar­fri­sur und Ori­on-Eye­li­ner sah sie nicht nur extrem sty­lish aus, son­dern inter­pre­tier­te ihr fabel­haf­tes ‘Bei jedem Kuss’ auch noch der­ma­ßen über­trie­ben cool, als han­de­le es sich um eine Auf­for­de­rung zum Trend­club­hop­ping à la Petu­la Clark (‘Down­town’). Nichts schla­ger­haft Dump­fes haf­te­te die­sem Auf­tritt an, wie es in den Sech­zi­gern noch üblich war: hier begann eine neue deut­sche Euro­vi­si­ons­ära! Und das eher zufäl­lig: eigent­lich soll­te Edi­na Pop (→ Vor­ent­scheid 1972, DE 1979 als Teil von Dschinghis Khan) die Num­mer sin­gen, sie fiel jedoch kurz­fris­tig krank­heits­be­dingt aus. Mary sprang als Inter­pre­tin ein, was viel­leicht erklärt, war­um sie die­se fun­kelnd strah­len­de Vor­ent­schei­dungs­per­le lei­der nie auf Ton­trä­ger auf­nahm. Rober­to Blan­co (→ Vor­ent­scheid 1973, 1979), der “wun­der­ba­re Neger”, wie ihn der baye­ri­sche Innen­mi­nis­ter Joa­chim Herr­mann (CSU) in der TV-Quas­sel­bu­de Hart aber Fair ein­mal nann­te (ziem­lich hart, wenig fair), besang euro­vi­si­ons­ty­pisch die Lie­be in allen Spra­chen des Kon­ti­nents und wirk­te dabei gar nicht so sehr wie der spä­te­re Okto­ber­fest-Bier­zelt­stim­mungs­sän­ger, son­dern gera­de­zu jet­set­mä­ßig inter­na­tio­nal.

Auf dem Kur­fürs­ten­damm sagt man “ohne Gum­mi fuff­zig, mit drei­ßig”

Die nor­we­gi­sche Drei­fach-Reprä­sen­tan­tin Kirsti Spar­boe (→ NO 1965, 1967, 1969), die im Vor­jahr mit dem fröh­li­chen ‘Ein Stu­dent aus Upp­sa­la’ einen euro­pa­wei­ten Top-Hit lan­den konn­te, erschien eben­falls im quietsch­gel­ben Topf­lap­pen und gab einen von Dra­fi Deut­scher erdich­te­ten, schlim­men Schun­kel­schla­ger mit ver­klä­ren­der Pen­ner­ro­man­tik über das sor­gen­freie Leben der ach so glück­li­chen Ber­ber von Paris zum Bes­ten – da hat­te Dra­fi beim Tex­ten wohl dem fran­zö­si­schen Land­rot­wein Mar­ke “Penn­er­glück” etwas zu sehr zuge­spro­chen… Nach so viel Inter­na­tio­na­li­tät mute­te das 2007 ver­stor­be­ne Schla­ger­fos­sil Peter Beil (→ Vor­ent­scheid 1962, 1965) mit sei­nem drö­gen Anfor­de­rungs­ka­ta­log an mög­li­che Gespie­lin­nen, ‘Rote Augen, brau­ne Lip­pen und kas­ta­ni­en­blau­es Haar’ (oder so ähn­lich), doch ein wenig pro­vin­zi­ell an. In dem zeit­sprung­haft moder­nen Umfeld des dies­jäh­ri­gen Vor­ent­scheids fühl­te er sich wohl der­ge­stalt ver­un­si­chert, dass er sich wäh­rend des gesam­ten Vor­trags ängst­lich am Mikro­fon­ka­bel fest­klam­mer­te und sei­nen Auf­tritt ziem­lich ver­geig­te. Kon­se­quen­ter­wei­se erhielt er kei­nen ein­zi­gen Punkt.

Fabel­haft im hell­blau­en Maxik­leid: Kat­ja Ebstein regiert die Büh­ne

Die hin­rei­ßen­de, sen­sa­tio­nel­le, fan­tas­ti­sche Kat­ja Ebstein (→ DE 1971, 1980, Vor­ent­scheid 1975, Mode­ra­ti­on 1981) ließ bereits bei ihrem ers­ten Auf­tritt erken­nen, dass nur sie die Köni­gin des Abends sein kön­ne: nicht eine Sekun­de bie­der­te sie sich beim Publi­kum an, hat­te ledig­lich die vage Andeu­tung eines huld­vol­len Lächelns übrig – sie wuss­te sehr genau, dass nie­mand sie vom Mate­ri­al her schla­gen konn­te, dass sie über einen Jahr­hun­dert­song ver­füg­te. ‘Wun­der gibt es immer wie­der’, die Refe­renz­klas­se des deut­schen Trös­tungs­schla­gers, erhielt durch ihren stimm­lich dra­ma­ti­schen wie bedeu­tungs­schwer melan­cho­li­schen Vor­trag einen Tief­gang, der noch­mals deut­lich über den eigent­li­chen Text hin­aus­ging. Wel­cher im Gegen­satz zu den ver­gleichs­wei­se wei­ner­li­chen Para­dies-wo-bist-Du-Schla­gern der Sech­zi­ger die sub­ti­le Auf­for­de­rung zum akti­ven Zupa­cken (“…musst Du sie auch sehn”) ent­hielt. Und damit sag­te: nimm Dein Leben selbst in die Hand, Du bist Dei­nes Glü­ckes Schmied! Das war neu im deut­schen Schla­ger, der bis dato eher eine Art von schick­sals­er­ge­be­ner Dul­dungs­star­re pro­pa­gier­te. Musi­ka­lisch fand sich das span­nungs­ge­la­de­ne Lied ohne­hin Äonen vom übli­chen Schla­ge­r­ei­n­er­lei ent­fernt, in einer völ­lig ande­ren Gala­xie.

Ich bin kein Ham­pel­mann: der Rei­ner fin­det sei­ne Schö­ne auch inmit­ten von Mil­lio­nen

Auch Rei­ner Schö­ne, ein in Wei­mar auf­ge­wach­se­ner Schau­spie­ler und Lie­der­ma­cher, der 1968 aus der DDR rüber­mach­te und in der Bun­des­re­pu­blik Haupt­rol­len in aktu­el­len Musi­cals wie ‘Hair’ und ‘Jesus Christ Super­star’ sowie spä­ter in zahl­lo­sen Seri­en- und Film­pro­duk­tio­nen ergat­ter­te, leg­te einen beacht­li­chen Auf­tritt hin. Selbst wenn er, wie schon wei­land Cliff Richard (→ UK 1968), dabei gele­gent­lich den Ein­druck erweck­te, unter Diar­rhö zu lei­den, so geduckt, wie er dastand. Mit hip­piesk lan­gem Haupt- sowie scham­los frei­ge­leg­tem Brust­haar sah er ein biss­chen aus wie der frie­si­sche Blö­del­bar­de Otto Waal­kes auf Tes­to­ste­ron. Nur, dass Schö­ne deut­lich bes­ser sin­gen konn­te. Sein Bei­trag ‘Allein unter Mil­lio­nen’ beschäf­tig­te sich im Grun­de mit dem­sel­ben The­ma, mit dem zwei Jah­re zuvor Karel Gott (→ AT 1968) für Öster­reich beim Lon­do­ner Con­test baden ging: die Ein­sam­keit in der Groß­stadt. Wirk­te Karels Schla­ger jedoch ver­zagt, so zeich­ne­te sich Schö­nes opti­mis­tisch gestimm­tes, kom­pe­tent vor­ge­tra­ge­nes Ange­bot als eines aus, das Mut macht (“…und das Glück wird mich beloh­nen”) und, wie Kat­jas Lied, die Zuhörer/innen auf­for­dert, sich das pral­le Leben mit bei­den Hän­den fest zu grei­fen. Auch ihm wäre, eben­so wie Mary Roos, ein Sieg durch­aus zu gön­nen gewe­sen.

Chart­watch 1970: Ob das die sel­be ‘Anu­sch­ka’ ist, der Inge Brück 1967 beim Con­test in Wien Trost spen­den muss­te? Schwe­re­nö­ter Udo Jür­gens (→ AT 1964, 1965, 1966) lan­de­te auch 1970 wie­der einen Top-Ten-Hit in den deut­schen Ver­kaufs­charts. 

Die Wer­tung teil­te sich in zwei Pha­sen auf: sie­ben Juror/innen durf­ten zunächst jeweils drei Bei­trä­gen einen Punkt geben; die drei best­plat­zier­ten Titel kamen eine Run­de wei­ter. Die lang­at­mi­gen Erklä­run­gen Hans-Otto Grü­ne­feldts, man suche etwas Vor­zeig­ba­res für das inter­na­tio­na­le Par­kett (ach, wie sehr wünsch­te man sich, die heu­ti­ge NDR-Aus­wahl­ju­ry für den deut­schen Euro­vi­si­ons­vor­scheid zeig­te sich vom sel­ben Ziel beseelt, anstatt nur ängst­lich dar­auf zu schie­len, was auf hei­mi­schen Main­stream-Radio­wel­len lau­fen könn­te), ver­fehl­ten ihre Wir­kung nicht: tat­säch­lich flo­gen die drei eher klas­si­schen Schla­ger von Blan­co, Spar­boe und Beil raus und die drei musi­ka­lisch wie inhalt­lich anspruchs­vol­le­ren Bei­trä­ge der Roos, der Ebstein und des Schö­ne kamen ins Fina­le. Wobei der Sieg von Kat­ja Ebstein, die sie­ben von sie­ben mög­li­chen Punk­ten erhielt, eigent­lich bereits zu die­sem Zeit­punkt fest­stand.

Noch fabel­haf­ter im Mini mit sil­ber­nen Stie­feln: Mode­kö­ni­gin Kat­ja Ebstein in Ams­ter­dam!

Trotz­dem muss­ten alle drei ihre Songs in der End­run­de noch­mals prä­sen­tie­ren. Und zwar, da woll­te man sich sei­tens des Hes­si­schen Rund­funks wohl Auf­wand erspa­ren, mit exakt der glei­chen Dra­ma­tur­gie und den­sel­ben Kame­ra­ein­stel­lun­gen wie schon im ers­ten Durch­lauf. Was die Show nicht gera­de abwechs­lungs­rei­cher mach­te. In der zwei­ten Wer­tungs­run­de gin­gen Herr Schö­ne und Frau Roos dann fie­ser Wei­se völ­lig leer aus und Frau Ebstein durf­te ihren Schla­ger ein drit­tes Mal an die­sem Abend sin­gen. Mode­ra­to­rin Marie-Loui­se Stein­bau­er, der man dies­mal erlaubt hat­te, ihren Job zu machen und etwas locke­rer zu plau­dern als noch im letz­ten Jahr, freu­te sich auf­rich­tig, auch wenn sie das lethar­gi­sche Stu­dio­pu­bli­kum zum Sie­gesap­plaus erst geson­dert auf­for­dern muss­te. Mit einer Chorin­ter­pre­ta­ti­on von ‘Boom Bang A Bang’ ging der unter sech­zig­mi­nü­ti­ge Far­ben- und Klang­rausch schließ­lich zu Ende.

Vor­ent­scheid DE 1970

Ein Lied für Ams­ter­dam, Sams­tag, 16. Febru­ar 1970, aus dem Sen­de­stu­dio des Hes­si­schen Rund­funks in Frank­furt am Main. Sechs Teil­neh­mer, Mode­ra­ti­on: Marie-Lui­se Stein­bau­er.
#Inter­pretTitelPunk­tePlatzCharts
01Mary RoosBei jedem Kuss05 | 0002-
02Rober­to Blan­coAuf dem Kur­fürs­ten­damm sagt man “Lie­be”01 | –--
03Kirsti Spar­boePierre, der Clo­chard03 | –--
04Peter BeilBlaue Augen, rote Lip­pen und kas­ta­ni­en­brau­nes Haar00 | –--
05Kat­ja EbsteinWun­der gibt es immer wie­der07 | 070116
06Rai­ner Schö­neAllein unter Mil­lio­nen05 | 0002-