Eurovision Deathmatch #20: When you believe

Wenn Sie, wie ich, einen Hang zu hochglanzpoliertem Pop der goldenen Jahrzehnte haben, werden Sie sich vielleicht noch an das legendäre Filmmusik-Duett der beiden (laut Klatschpresse) erbitterten Erzfeindinnen Whitney Houston und Mariah Carey aus dem Jahre 1998 namens ‚When you believe‘ erinnern, sowie das Video, in dem die beiden Diven so tun mussten, als seien sie die besten Freundinnen, während man förmlich riechen konnte, wie gerne sie sich gegenseitig die Augen auskratzen wollten. Das tun in der heutigen Runde des Eurovision Deathmatch hoffentlich unseren beiden Kontrahentinnen, die neben ihrer Vorliebe für große, kraftvolle Noten auch die gemeinsame Sprache verbindet, obwohl sie aus verschiedenen Ländern kommen. Doch auch auf der Mittelmeerinsel Malta spricht man Englisch, jedenfalls als zweite Amtssprache, und Claudia Faniello singt dementsprechend in diesem Idiom. Die Schwester des zweifachen Eurovisionsrepräsentanten Fabrizio (→ MT 2001, 2006) versuchte es in ihrer Heimat gefühlt wohl an die hundert Mal und schenkte uns dabei so wundervolle Trashperlen wie ‚Caravaggio‘ (→ Vorentscheid 2008), konnte sich aber erst heuer mit einer so pompösen wie nichtssagenden Ballade durchsetzen. Im dazugehörigen Videoclip, der sich nicht so recht entscheiden mag, ob er als überlanger Werbespot für Kaffee Hag, Raffaello oder Deinhardt-Sekt daherkommen mag, steht sie eingenäht in diversen wirklich hautengen Abendkleidern dekorativ in der Gegend herum. Was auch den Songtitel ‚Breathlessly‘ erklärt: nur ein tiefer Atemzug, und es würde sämtliche Nähte sprengen.

Teilt Mariah Careys Kleidungsstil: Claudia Faniello (MT)

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Atemlos durch die Balladennacht: die Remixe sind da!

Nachdem am gestrigen Supersamstag die letzten öffentlichen Vorentscheide der Eurovisionssaison 2017 über die Bühne gingen und wir noch immer auf die vier bzw. fünf letzten intern ausgewählten Beiträge für Kiew warten (als da wären: der für den heutigen Abend gegen 18 Uhr angekündigte, angeblich von einem international bekannten Duo interpretierte sanmarinesische Song; der für den morgigen Montag beworbene bulgarische Beitrag; das erst für den kommenden Samstag annoncierte, von Artsvik gesungene armenische Lied; die bereits angekündigte anglifizierte Fassung des albanischen Songs ‚Botë‘ alias ‚World‘ sowie der russische Beitrag – wobei es immer unwahrscheinlicher wird, dass das mit dem Gastgeberland Ukraine kriegerisch verfeindete Land überhaupt teilnimmt), haben neben Weißrussland nun noch weitere Teilnehmernationen aufgefrischte Fassungen ihrer Songs für Kiew vorgestellt. So zum Beispiel die Schweizer, die das hoffnungslos öde ‚Apollo‘ von Timebelle musikalisch deutlich aufdramatisierten und auch die Stimme ihrer rumänischstämmigen Leadsängerin im Tonstudio mit dem Dampfstrahler behandelten. Hilft natürlich auch alles nichts mehr, aber den Versuch war’s wert.

Prominent verpackt: Zeus und Apollo, die eidgenössischen Wunderwaffen (CH)

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Malta 2017: Atemlos durch die Nacht

Also gut, bringen wir es hinter uns: am gestrigen Samstagabend wählte auch die kleine, in Eurovisionsdingen unermüdliche Mittelmeerinsel Malta ihren Beitrag für Kiew aus. Einiges machte man diesmal anders: das in der Vergangenheit meist obligatorische Semifinale wurde gestrichen, die Vorab-Vorstellung von zirka eine Minute langen Songausschnitten im sterilen Xarabank-TV-Studio entfiel diesmal meines Wissens auch, und – größter vorstellbarer Kulturschock überhaupt! – selbst die bislang allmächtige Jury schaffte das maltesische Fernsehen TVM komplett ab. Nur beim Songtableau gab es keine Überraschungen: das übliche halbe Dutzend unermüdlicher Dauerkomponisten, die üblichen unermüdlichen Verdächtigen hinter dem Mikrofon, die üblichen lehrbuchhaften Tanzchoreografien und der übliche schwerverdauliche Auflauf aus insgesamt 16 mehr oder minder gleich klingenden Beiträgen, deren einziges Ziel es zu sein schien, sich in ihrer absoluten Harmlosigkeit und ihrem kompositorischen Kindergartenniveau gegenseitig hart zu unterbieten. Zu den unermüdlichsten Teilnehmerinnen der maltesischen Vorauswahlen gehört seit gefühlt hundert Jahren Claudia Faniello, Schwester des zweimaligen Eurovisionsrepräsentanten Fabrizio (→ MT 2001, 2006). Fantastische, spitzenmäßige Camp-Disco-Schlager schenkte sie uns dabei in der Vergangenheit, so wie das königlich komische ‚Caravaggio‘ (2008) oder das sensationelle ‚Samsara‘ (2010), doch mit keiner dieser großartigen Beiträge war ihr (oder uns) das Glück beschieden. Gestern forderte sie das Schicksal mit der provokativ betitelten, pompösen Klavierballade ‚Breathlessly‘ heraus – und das zeigte sich ihr (aber nicht uns) gnädig. Gar nicht ‚Atemlos‘ kämpfte sie sich von der letzten Startposition aus im hautengen Abendkleid durch den zähen Torchsong, und das Publikum schenkte ihr den Sieg, ob nun aus Mitleid mit der Sängerin oder aus Bösartigkeit gegenüber den Grand-Prix-Zuschauer/innen. So langsam glaube ich doch an eine europaweite Verschwörung mit dem Ziel, mir den Spaß an meinem einstmals heißgeliebten Fun-Event mit Gewalt zu rauben und mich in den depressionsbedingten Suizid zu treiben…

Und noch eine dramatische Ballade für den Grand Prix. Wir haben ja noch nicht genug davon (MT)

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Keine Jury mehr beim Maltasong

Wunder gibt es immer wieder: wie Eurovoix heute unter Bezug auf eine Meldung des maltesischen Portals Illum berichtet, will der Sender PBS die Macht beim nationalen Eurovisionsvorentscheid, dem ehemaligen Malta Song for Europe oder kurz Maltasong, ab sofort alleine in die Hände der Zuschauer/innen legen. Das kommt auf der Grand-Prix-affinen Mittelmeerinsel einer Revolution gleich: bislang durften fünf vom Sender handverlesene, heimische wie internationale Juror/innen über den Beitrag befinden, das gleichzeitig durchgeführte Televoting floss lediglich als sechste Stimme in die Endabrechnung mit ein. Damit konnte die Jury den Publikumsfavoriten effektiv verhindern. Auslöser für die überraschende Rückkehr der Demokratie beim Maltasong ist ein neuer Senderchef bei PBS: Al John Bundy heißt der Mann, der findet, dass „das Lied dem Volk“ gehöre. Er gab die Änderung gleich in seinem ersten Interview nach Amtsantritt bekannt. Der Mann weiß also, wo seine Prioritäten liegen: sehr gut! Nun kommt es noch darauf an, dass die Malteser/innen mit ihrer Macht verantwortungsvoll umgehen: 2016 stimmten sie mit der Jury in der Auswahl der Eurovisionsikone Ira Losco (→ MT 2002) überein, die jedoch ihren ursprünglichen Song nach dem Vorentscheid noch gegen den überambitionierten Mischmasch ‚Walk on Water‘ austauschte – ein sehr offensichtlicher Hinweis auf den verzweifelten Wunsch der Sängerin, heilandsgleich über das geteilte Mittelmeer zu wandeln und die Eurovisionskrone nach Hause zu bringen, was bekanntlich nicht klappte. Besseres Gelingen also in 2017!

Maltas bislang bester Eurovisionsbeitrag: ‚Vodka‘ aus dem Jahre 2008

Erstes Semifinale 2016: Auf in den Kampf!

Das wird jetzt vielleicht nicht auf ungeteilte Zustimmung bei all meinen Leser/innen stoßen und beschreibt auch das Gegenteil meiner eigenen Empfindungen von vor einem Jahr, aber nach der ersten Qualifikationsrunde 2016 aus dem Stockholmer Globen (der immer noch aussieht wie ein Schneller Brüter) am Dienstagabend muss ich sagen: von mir aus können die Schweden gerne jedes Jahr gewinnen. Solange sie Petra Mede weiter moderieren lassen: locker, flockig, eigenironisch, herrlich! Am schönsten der Gag, als auf die Worte „Welcome, Europe!“ die ersten Takte von ‚The Final Countdown‘ der gleichnamigen schwedischen Achtzigerjahre-Rockband ertönten, live von besagter Kapelle intoniert, die Petra und Måns aber schnell wieder abwürgten und sich flugs für die „Peinlichkeit“ entschuldigten! Auch, was das schwedische Fernsehen an Rahmenprogramm auf die Beine stellte, konnte sich sehen lassen, von der Eröffnungsnummer, als ein Chor aus den Kindern von Stepford das Morbid-Düstere in Måns Zelmerlöws Vorjahres-Siegerlied ‚Heroes‘ erst so richtig herausarbeitete, bis hin zu dem als Pausenact eingesetzten Ballett der ‚Grey People‘ zum Thema Flucht, das einem beim Zuschauen stellenweise den Atem stocken ließ, weil es so artifizielle und dennoch tief unter die Haut gehende Bilder für die Tragödie fand, die sich weiterhin täglich vor unseren Toren abspielt. Danke für diesen Appell ans kollektive Gewissen!

Die perfekte Sprache gefunden, um das wichtige Thema an diesem Abend nicht vergessen zu lassen, ohne belehrend zu wirken. Respekt, SVT!  

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Von Wölfen und Lumpensäcken: die Proben zum ersten Semi 2016

In Stockholm gingen heute die ersten Probendurchgänge für die beiden Qualifikationsrunden zu Ende. Seit Montag üben die Teilnehmer/innen aller 42 Nationen ihre Auftritte erstmals auf der echten Eurovisionsbühne. Noch nicht immer im späteren Bühnenoutfit und oftmals mit stimmlich angezogener Handbremse – in der ersten Runde geht es hauptsächlich um die richtigen Kamerapositionen und Bühnenhintergründe und ums letzte Feilen an den Choreografien. Die von den internationalen Bloggern vor Ort natürlich schon fleißig verbreiteten ersten Eindrücke sind daher mit Vorsicht zu genießen, zumal es für zu Hause Gebliebene wie mich nur kurze Dreißigsekünder zu sehen und zu beurteilen gibt. Dennoch will, ja muss ich mich an eine erste Beurteilung wagen. In diesem Posting nun zuerst alle Acts des ersten Semifinales. Auf die Minute pünktlich los ging es am Montag mit der ersten Probe von Sandhja Kuivalainen. Die Finnin trat in einem enganliegenden, offen gesagt wenig vorteilhaften, schulterfreien Einteiler auf, umrahmt von fünf schwarzgekleideten, weiblichen Backings, die sie alle um Haupteslänge überragten. Was optisch leichte Reminiszenzen an Marija Šerifović (RS 2007) und die Beauty Queens hervorrief. Musikalisch eher nicht: ‚Sing it away‘ ist ein netter, flotter Popsong, fällt live allerdings deutlich zur Studioversion ab. So wie wohl auch die Finalchancen der Finnen.

Das Proll-Outfit tauschen die Griechen sicher noch gegen etwas Passenderes

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Malta 2016: Schleuserkönigin Ira teilt das Mittelmeer

Na, wenn sie bei der Aktion mal nicht ertrinkt! Donnerstag Abend präsentierte die bereits im Januar 2016 ausgewählte maltesische Vertreterin Ira Losco der mit angehaltenem Atem wartenden Welt ihren neuen Eurovisionsbeitrag ‚Walk on Water‘. Die Zweitplatzierte von 2002 war beim Maltasong mit gleich zwei anderen Titeln angetreten und gewann den Vorentscheid mit dem Lied ‚Chameleon‘. Das verwarf die offenbar von berechtigter Panik, schlechter als seinerzeit abzuschneiden, erfasste Künstlerin jedoch flugs wieder, um sich auf die Suche nach einem neuen, konkurrenzfähigeren Song zu machen. Den sie nun glaubt, in dem von einem fünfköpfigen, zu 80% schwedischstämmigen Komponistenteam geschriebenen ‚Walk on Water‘ gefunden zu haben, an dem neben der Interpretin selbst auch die Mello-Teilnehmerin Molly Pettersson-Hammar mitstrickte. Und der wie der verzweifelte (wenn auch teils gelungene) Versuch wirkt, um jeden Preis modern und zeitgemäß zu klingen. Wie gefühlt 45 der 43 diesjährigen Eurovisionsbeiträge erweist sich auch der ausgetauschte maltesische Song als im Grundton melancholische Midtempoballade mit verhältnismäßig starken Strophen, die im (um ein Vielfaches schwächeren) Refrain in eine elektrolastige, beatgetriebene Nummer umkippt, glattgebügelt von unzähligen Autotune-Stimmoperationsmaßnahmen. In zwei Worten: kompetentes Mittelmaß.

Im Video lebt Ira ihren Moses-Komplex aus. Ob das auch auf der Bühne gelingt?

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Frau Losco kann sich nicht entscheiden

Sie macht es sich aber auch wirklich schwer, die maltesische Eurovisionsvertreterin Ira Losco. Beim Vorentscheid bereits mit gleich zwei Beiträgen angetreten, schwirrten direkt nach ihrem dortigen Sieg Gerüchte durch die Gegend, sie könne den Titel ihres Songs ‚Chameleon‘ wörtlich nehmen und ihn durch einen anderen ersetzen (die Statuten des Maltasong lassen diese Möglichkeit ausdrücklich zu). Nun eskaliert die Lage: wie der Sender TVM heute bekannt gab, nehme sie zur Zeit insgesamt neun weitere Lieder auf, sowie einen Remix ihres Siegertitels. Und zwar, wie ihr Produzent heute auf Facebook durchsickern ließ, zusätzlich zu den 16 Titeln, die sie bereits für ihr neues Album in der Pipeline hat (und von denen keiner in die Eurovisionswahl kam). Da leidet jemand entweder unter einem schweren Fall von Arbeitssucht oder stirbt gerade vor (berechtigter) Angst, schlechter abzuschneiden als bei der ersten Eurovisionsteilnahme 2002. Die zehn Songs sollen nun durch eine internationale Jury mit Mitgliedern aus zehn Ländern sowie einheimische Experten auf Herz und Nieren geprüft werden, um den besten zu finden. Eine neue öffentliche Vorentscheidung findet aber nicht statt. Anders läuft es in Mazedonien: dort steht die intern ausgewählte Interpretin Kaliopi, wie Frau Losco eine Contest-Rückkehrerin (MK 2012), bereits seit geraumer Zeit fest. Und seit Mittwoch kennen wir auch den Titel ihres wie immer gemeinsam mit ihrem Exmann Romeo Grill geschriebenen Beitrags, nämlich ‚Dona‘. Nur auf das Lied selbst müssen wir noch warten, bis zum 7. März 2016. Bereits fünf Tage vorher präsentiert Iveta Mukuchyan den armenischen Beitrag ‚LoveWave‘. Freuen können wir uns bereits auf den in Deutschland gedrehten Videoclip: in dem spielt neben Iveta nämlich auch das schwedische Hipster-Topmodel Ben Dahlhaus mit.

Alles aufgeben? Kommt für Frau Losco (im Bild als Hafenhure) nicht in Frage

Heiligenverehrung in Malta: Ira Losco gewinnt

Ihr Sieg stand im Grunde bereits fest, seit sie sich huldvoll herabließ, am Maltasong teilzunehmen: Ira Losco, die aus unerfindlichen Gründen Zweitplatzierte beim Eurovision Song Contest 2002 und seither auf dem Mittelmeereiland offenbar so etwas wie eine Nationalheilige. Und die selbe unfassliche Überschätzung, die ihr bereits vor 14 Jahren vonseiten der Fans entgegenschlug, wurde ihr auch diesmal zuteil. Mit gleich zwei Titeln durfte sie ins gestrige maltesische Semi einziehen, einer davon schaffte es ins heutige Finale. Ob Ira beabsichtigte, mit ‚Chameleon (Invincible)‘ ihre Wandlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen? Egal: dem gigantischen Jubel von den Zuschauerrängen nach zu urteilen, hätte sie wohl auch ‚Alle meine Entchen‘ singen können und wäre trotzdem gewählt worden. Was zwar nichts heißt, da das Ergebnis des Televotings, das sie klar gewann, in Malta nur zu einem Sechstel zählt. Aber auch die Juroren trauten sich aufgrund des kollektiven Jubels nicht, der sich angesichts der ihr zuteil werdenden Heiligenverehrung schon mal passend als Madonnenfigur kleidenden Ira den Sieg zu verwehren – zu sehr fürchteten sie wohl den Zorn des Mobs in der Halle.

Nur mit viel Klosterfrau Melissengeist zu ertragen: Ira Losco

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Georgien schickt männliche Lolitas

Young Georgian Lolitaz, so nennt sich die aus mittelalten, halbverwilderten Herren bestehende Indie-Rock-Kapelle, welche die Georgier heuer zum Song Contest entsenden. Die von Frontmann Nika Kocharov geleitete Elektro-Alternative-Band steht allerdings bislang noch eigenen Beitrag da, der Sender GBP schreibt daher einen offenen Komponistenwettbewerb aus: bis 8. Januar noch können interessierte Songschreiber ihre Vorschläge nach Tiflis schicken. Und bevor Ralph Siegel auf dumme Ideen kommt: gesucht wird etwas mit der „melodischen Songstruktur des Alternative- oder Indie-Rock; mit elektronischen Beats, Synths oder Samples; und mit der Club-Orientierung der Post-Disco-Zeit“. Was immer das sein mag. Zur Anregung kann man sich, wenn man über starke Gehörnerven verfügt, ja den bisherigen Musikkatalog der Lolitaz zu Gemüte führen, die immerhin seit 2000 im Geschäft sind.

Bereits mit leichtem ESC-Fan-Bezug: ‚Gay Swimmer‘ (Repertoirebeispiel)

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