Das ECG-Tref­fen: Köni­gin Kalio­pi regier­te in Köln

Sie liebt uns alle. Das wur­de die maze­do­ni­sche Grand-Prix-Köni­gin (→ MK 1996, 2012, 2016) Kalio­pi nicht müde, ein ums ande­re mal zu beto­nen bei ihrem Auf­tritt am ver­gan­ge­nen Sams­tag im Köl­ner Glo­ria. Die Bal­kan-Power­frau mit der unglaub­li­chen Aus­strah­lung war dort Teil eines nach­ge­ra­de unfass­ba­ren Line-Ups an Star­gäs­ten beim jüngs­ten Fan­club­tref­fen des EC Ger­ma­ny. Kalio­pi, kurz­fris­tig ein­ge­sprun­gen für die bul­ga­ri­sche Kol­le­gin Poli Geno­va (→ BG 2011, 2016), die trotz vor­he­ri­ger Zusa­ge einen Gig beim zeit­gleich in Mal­ta statt­fin­den­den Juni­or ESC vor­zog, schlug den aus­ver­kauf­ten Saal kom­plett in ihren Bann. Und das, obwohl (oder gera­de weil) ihr Set – mit Aus­nah­me einer deutsch gesun­ge­nen Hom­mage an ‘Ein biss­chen Frie­den’ – aus­schließ­lich aus jugo­sla­wi­schen Lie­dern bestand. Dar­un­ter natür­lich ihren je nach Zähl­wei­se zwei bzw. drei Euro­vi­si­ons­bei­trä­gen (der von 1996 schei­ter­te damals – wie der deut­sche – an der ver­ma­le­dei­ten Jury) und, zu mei­nem gro­ßen per­sön­li­chen Ent­zü­cken, ihrem 2013er Hit ‘Loko­mo­ti­va’ als Zuga­be. Doch nicht nur sie sorg­te für Stan­ding Ova­tions bei den 400 ange­reis­ten Fans: auch Mari­an­na Zor­ba (→ GR 1997) erzeug­te mit von ihrem Mann musi­ka­lisch beglei­te­ten, fra­gil-inti­men Live-Inter­pre­ta­tio­nen hel­le­ni­scher Euro­vi­si­ons­bei­trä­ge der Neun­zi­ger­jah­re, alle­samt in Lan­des­spra­che, Gän­se­haut im Glo­ria. Die mitt­ler­wei­le in Wup­per­tal hei­mi­sche Grie­chin stell­te somit unter Beweis, was für fan­tas­ti­sche Bei­trä­ge ihr Land damals hat­te, obwohl es sel­ten den gerech­ten Punk­te-Lohn erhielt. Und, eben­so wie Kalio­pi das tat, dass man ech­te Euro­vi­si­ons-Fans eben auch mit nicht mit­sing­ba­ren Grand-Prix-Songs packen kann. Anders übri­gens als die noch aktu­el­le spa­ni­sche Reprä­sen­tan­tin Barei, die aus­schließ­lich in Eng­lisch per­form­te und wohl eher die in Köln zah­len­mä­ßig aller­dings unter­le­ge­ne Frak­ti­on der jugend­li­chen Bumms­beat-Befür­wor­ter anspre­chen soll­te. Und das sage ich, obwohl ich ihren Bei­trag ‘Say yay’ sehr mag! Ihr rest­li­ches Pro­gramm konn­te jedoch nur mäßig mit­rei­ßen.

Was für eine Frau! Es ist unmög­lich, Kalio­pis Charme nicht zu erlie­gen

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ECG-Fan­tref­fen 2016 mit Mary Roos

Der abso­lu­te Höhe­punkt des Euro­vi­si­ons­jah­res steht wie­der an: das Club­tref­fen 2016 des Euro­vi­si­on Club Ger­ma­ny (ECG) am 19. Novem­ber im Köl­ner Glo­ria! Dies­mal haben sich die Jungs und Mädels vom Fan­club wirk­lich selbst über­trof­fen und ein Line-up zusam­men­ge­stellt, das jeden Euro­vi­sio­nis­ta, ins­be­son­de­re aber den hie­si­gen Sei­ten­be­trei­ber, vor Ver­zü­ckung schier in Ohn­macht fal­len lässt. Star­gast der Ver­an­stal­tung ist näm­lich kei­ne Gerin­ge­re als die unfass­bar fan­tas­ti­sche, her­vor­ra­gen­de, unver­gleich­li­che, anbe­tungs­wür­di­ge, unüber­treff­li­che, lie­bens­wer­te, groß­ar­ti­ge Mary Roos! Jene Mary Roos, deren 1984er Bei­trag ‘Auf­recht gehn’ als Namen­s­pa­te für die­se beschei­de­ne Sei­te dien­te und für immer einen beson­de­ren Platz in mei­nem Her­zen hat. Jene Mary Roos zudem, die 1972 mit dem her­aus­ra­gen­den ‘Nur die Lie­be lässt uns leben’ den unver­gess­lichs­ten, in sei­ner puren Büh­nen­prä­senz atem­be­rau­bends­ten deut­schen Grand-Prix-Auf­tritt aller Zei­ten hin­leg­te. Ich ver­mag mei­ne Begeis­te­rung kaum in Wor­te zu fas­sen!

Trost­spen­dend und mut­ma­chend: Marys fabel­haf­te Eman­zi­pa­ti­ons­hym­ne

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Roman Lob und Mary Roos rich­ten über den deut­schen Bei­trag

Heu­te ver­kün­de­te der NDR die Namen der fünf Jury­mit­glie­der, deren Voten am 14. Febru­ar zu ins­ge­samt einem Drit­tel in das Abstim­mungs­er­geb­nis beim deut­schen Vor­ent­scheid Unser Song für Mal­mö ein­flie­ßen. Dar­un­ter zwei, die selbst schon beim Euro­vi­si­on Song Con­test auf der Büh­ne stan­den: die groß­ar­ti­ge Mary Roos, gewis­ser­ma­ßen Namens­pa­tro­nin mei­ner Sei­te, die uns 1972 mit dem sen­sa­tio­nel­len ‘Nur die Lie­be lässt uns leben’ und 1984 mit dem unsterb­li­chen ‘Auf­recht gehn’ ver­trat, sowie unser Baby­bär­chen vom Vor­jahr, Roman Lob. Die wei­te­ren Juro­ren sind Sil­ly-Front­frau Anna Loos, Kom­men­ta­to­ren­le­gen­de Peter Urban sowie der im Vor­feld gerüch­te­hal­ber selbst für den dies­jäh­ri­gen Vor­ent­scheid getipp­te Deut­sche-Schwer­mut-Sän­ger Tim Benzko. Und so sehr ich Mary (wie auch Herrn Urban) ver­eh­re und Roman anschmach­te: das dürf­ten weni­ger ermu­ti­gen­de Nach­rich­ten für die­je­ni­gen Vor­ent­schei­dungs­teil­neh­mer sein, die eher dance- oder elek­tro­las­ti­ge Titel prä­sen­tie­ren. Im Zwei­kampf der Popu­la­ri­täts­schwer­ge­wich­te Cas­ca­da vs. Söh­ne Mann­heims könn­te die­se Jury­zu­sam­men­set­zung die Gewich­te jeden­falls in Rich­tung Baden-Würt­tem­berg ver­schie­ben. Am ehes­ten dürf­te sich aber noch Finn Mar­tin über die­se Mel­dung freu­en. Und Mobi­lée, deren Chan­cen damit ver­mut­lich auch noch mal gestie­gen sind. Oder was meint Ihr?


Dan­ke, Mary!

Wer pro­fi­tiert am meis­ten von der Jury­zu­sam­men­set­zung beim Vor­ent­scheid? (Max. 3 Nen­nun­gen)

  • Bet­ty Ditt­rich (17%, 46 Votes)
  • Das lässt sich nicht vor­her­sa­gen. (12%, 32 Votes)
  • Söh­ne Mann­heims (11%, 29 Votes)
  • Mobi­lée (11%, 29 Votes)
  • Mia Die­kow (10%, 27 Votes)
  • Finn Mar­tin (9%, 25 Votes)
  • Saint Lu (9%, 24 Votes)
  • Nica & Joe (8%, 21 Votes)
  • LaBrass­Ban­da (4%, 12 Votes)
  • Ben Ivory (3%, 9 Votes)
  • Cas­ca­da (3%, 8 Votes)
  • Die Pries­ter mit Moj­ca Erd­mann (2%, 5 Votes)
  • Blitz­kids mvt. (2%, 5 Votes)

Total Voters: 141

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DVE 2006: Nor­disch by Natu­re

Jane Comerford von Texas Lightning, DE 2006
Deutsch­lands Liebs­te

Nach der Schan­de von Kiew (letz­ter Platz für Gra­cia mit 4 Mit­leids­zäh­lern) gab der NDR-Unter­hal­tungs­chef Jür­gen Mei­er-Beer ent­nervt sei­nen Rück­tritt als Euro­vi­si­ons­ver­ant­wort­li­cher bekannt. In sei­ner Rat­lo­sig­keit, was er nun mit der Sen­dung anfan­gen soll­te, hol­te sich der öffent­lich-recht­li­che Sen­der Unter­stüt­zung dort, wo in Deutsch­land die Unter­hal­tungs­kom­pe­tenz behei­ma­tet ist: bei den Pri­va­ten. Genau­er: bei Pro­Sie­ben und des­sen Come­dy-Aus­hän­ge­schild Tho­mas Her­manns (Quatsch Come­dy Club, Pop Club). Der beken­nen­de Grand-Prix-Fan stürz­te sich mit Feu­er­ei­fer an die Auf­ga­be und pro­du­zier­te eine gla­mou­rö­se, schwel­ge­ri­sche Retro-Show rund um den fünf­zigs­ten Geburts­tag des Song Con­tests.

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ESC 1984: Im Augen­blick der Illu­si­on

Logo Eurovision Song Contest 1984
Das Jahr der gol­de­nen Schu­he

Ein Kata­stro­phen­jahr­gang, so das ein­hel­li­ge Urteil in der Pres­se­nach­schau. Dem konn­te man als Zuschau­er nur bei­pflich­ten: mitt­ler­wei­le schick­ten fast alle Län­der aus­schließ­lich auf den ver­mu­te­ten Jury­ge­schmack zuge­schnit­te­ne Lied­kost. Die bestand ent­we­der aus seich­ten, künst­lich mun­te­ren Plas­tik­po­p­num­mern mit ewig­glei­cher Cho­reo­gra­fie oder aus alt­ba­cke­nen Bal­la­den, in denen Sän­ge­rin­nen aus der vier­ten und fünf­ten Rei­he ver­such­ten, mit dün­nen Stimm­chen dick auf­zu­tra­gen. Ernst zu neh­men­de, auch kom­mer­zi­ell erfolg­rei­che Popac­ts, die noch in den Sieb­zi­gern den Song Con­test bevöl­ker­ten, such­te man ver­ge­bens. Einen Licht­blick bot ledig­lich Desi­rée Nos­busch, die trotz ihres jugend­li­chen Alters fünf­spra­chig und mit Witz und Esprit durch die Show führ­te, so als sei sie dafür gebo­ren.

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DE 1984: Mit Stolz in mei­nen Augen

Mary Roos, DE 1984
Die Geknick­te

Der knapp fünf­jäh­ri­ge deut­sche Lauf neig­te sich unauf­halt­sam dem Ende ent­ge­gen. Die Bei­trä­ge der dies­jäh­ri­gen Vor­ent­schei­dung, zu allem Übel auch noch mode­riert durch den per­so­ni­fi­zier­ten Sprech­durch­fall Sabi­ne Sau­er, zeich­ne­ten sich samt und son­ders durch musi­ka­li­sche Grau­sam­keit und inhalt­li­che Belang­lo­sig­keit aus. ‘Wo warst Du, als ich starb?’, die­se von einem Teil­neh­mer gestell­te Fra­ge konn­te stell­ver­tre­tend für den deut­schen Schla­ger ste­hen. Und aus Sicht der Zuschauer/innen beant­wor­tet wer­den mit: vor dem Fern­se­her. Und zwar – am Vor­abend des für April 1984 ter­mi­nier­ten Starts des von Leo-Kirch-Spezl Hel­mut Kohl mit Kanz­ler­macht durch­ge­drück­ten Pri­vat­fern­se­hens – in durch­aus beein­dru­cken­der Zahl. Das soll­te aber nicht mehr all zu lan­ge so blei­ben, und nach die­sem Offen­ba­rungs­eid der öffent­lich-recht­li­chen TV-Unter­hal­tung ver­wun­dert der Zuschau­er­schwund der Fol­ge­jah­re nicht.

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DE 1982: Ich bin nur ein Mäd­chen

Nicole, DE 1982
Die Frie­dens­bot­schaf­te­rin

So lang­sam erstarr­ten die in Mün­chen pro­du­zier­ten Grand-Prix-Vor­ent­schei­dun­gen zur Rou­ti­ne. Aus­wahl- und Abstim­mungs­mo­dus, Teil­neh­mer­zahl, Büh­nen­bild: alles exakt wie schon in den Jah­ren zuvor. Erneut führ­te die damen­haf­te Caro­lin Rei­ber mit auf­ge­setz­tem Pathos durch den Abend, und auch wenn sie mit stolz­ge­schwell­ter Brust erzähl­te, dass die Jury dies­mal über 800 Titel zu sich­ten hat­te, befand sich das letzt­lich prä­sen­tier­te Musik­pro­gramm fest im Wür­ge­griff weni­ger alt­ge­dien­ter Schla­ger­schaf­fen­der. Denn die Hand­voll zur Vor­auswahl ein­ge­reich­ten Neue-Deut­sche-Wel­le-Songs flo­gen in den Radio­vor­run­den auf den ARD-Schla­ger­wel­len kon­se­quent raus. Und, auch das mitt­ler­wei­le Rou­ti­ne: erneut beleg­te Ralph Sie­gel die bei­den ers­ten Plät­ze.

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ESC 1972: Tage voll hel­lem Son­nen­schein

Logo des Eurovision Song Contest 1972
Das Jahr der deut­schen Diven

Das 1971 sieg­rei­che Fürs­ten­tum Mona­co, dank eige­ner Spiel­bank finan­zi­ell auf Rosen gebet­tet, lehn­te die Aus­tra­gung des Con­tests ab: nach offi­zi­el­ler Dar­stel­lung woll­te Tele­ra­dio Mon­te Car­lo den Event man­gels geeig­ne­ter Hal­le erst im Juni 1972 im Frei­en abhal­ten. Das war den grö­ße­ren Sen­dern, allen vor­an der BBC, zu spät: bis dato lief der Con­test meist im März. Eine neue Hal­le konn­te und woll­te der Stadt­staat inner­halb weni­ger Mona­te aber nicht aus dem knap­pen Boden stamp­fen. Wie fast immer bei sol­chen Gele­gen­hei­ten sprang die BBC ein. So kam der Wett­be­werb aus der Ehr­furcht ein­flö­ßen­den Usher Hall im schot­ti­schen Edin­burgh. Die anbe­tungs­wür­di­ge Tän­ze­rin und Schau­spie­le­rin Moi­ra Shea­rer (‘Die roten Schu­he’) führ­te in unnach­ahm­lich bri­ti­scher Wei­se, in einer hin­rei­ßen­den Mischung aus pro­fes­sio­nel­ler Stren­ge, aris­to­kra­ti­scher Nobles­se und natür­li­chem Charme durch den aus deut­scher Sicht bes­ten Jahr­gang der Euro­vi­si­ons­ge­schich­te.

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DE 1972: Und es wird gelin­gen!

Mary Roos, DE 1972
Die Über­rasch­te

1972: unbe­streit­bar das bes­te deut­sche Grand-Prix-Jahr aller Zei­ten, ein­ge­lei­tet von einer Vor­ent­schei­dung der Super­la­ti­ve! Als Gemein­schafts­pro­duk­ti­on des Hes­si­schen Rund­funks und des Sen­ders Frei­es (vul­go: West-) Ber­lin trumpf­te die Ver­an­stal­tung mit einem gro­ßen Orches­ter unter der kom­pe­ten­ten Lei­tung von Paul Kuhn (→ Vor­ent­scheid 1957), lus­ti­gen Bal­lett­ein­la­gen, einem fan­tas­ti­schen, sehr enga­gier­ten Chor (den Rosy Sin­gers) und gleich zwei char­man­ten Mode­ra­to­rin­nen auf: näm­lich Rena­te Bau­er vom SFB und “Lot­to­fee” Karin Tiet­ze-Lud­wig vom hr. Sie hat­ten ins­ge­samt zwölf Titel anzu­sa­gen, deren Interpret/innen erst­mals direkt von den Plat­ten­fir­men nomi­niert wur­den. Was sich in einem hoch­ka­rä­ti­gen Ange­bot sowohl an aktu­el­len Schla­ger­stars als auch in der aus­ge­zeich­ne­ten Qua­li­tät der meis­ten Wett­be­werbs­bei­trä­ge nie­der­schlug. Nur eine muss­te man zie­hen las­sen: Vicky Lean­dros (→ LU 1967, 1972, Vor­ent­scheid DE 2006), die sich mit ihrem Lied ‘Dann kamst Du’ aber kei­ner Kon­kur­renz stel­len woll­te.

Vicky Lean­dros: ob sie mit der deut­schen Fas­sung ihres dann für Luxem­burg auf fran­zö­sisch gesun­ge­nen Bei­trags wohl eben­falls den ESC gewon­nen hät­te? Für einen Top-Hit auf dem Hei­mat­markt reich­te es jeden­falls.

Die vor zwei Jah­ren noch kurz­fris­tig krank­heits­be­dingt aus­ge­fal­le­ne Edi­na Pop eröff­ne­te den Rei­gen mit einem von Ralph Sie­gel getex­te­ten (!) Schla­ger – die Pre­miè­re von Mr. Grand Prix! Ver­steckt hin­ter einer rie­sen­gro­ßen Son­nen­bril­le, ihrem Mar­ken­zei­chen, leg­te Frau Pop viel Lei­den­schaft in den eher ver­ges­sens­wür­di­gen Bei­trag ‘Mei­ne Lie­be will ich Dir geben’, aus dem sie eben­so­we­nig einem Hit gene­rie­ren konn­te wie aus ihren deutsch­spra­chi­gen Cover­ver­sio­nen der Euro­vi­si­ons­lie­der ‘Vivo Can­t­an­to’ (→ ES 1969, bei ihr ‘Zwi­schen Wol­ga und Don’) und ‘Knock, knock, who’s the­re’ (→ UK 1970), in ihrer Fas­sung ‘Komm, komm zu mir’. Grö­ße­re Erfol­ge fei­er­te sie dann als Teil von Sie­gels Retor­ten­for­ma­ti­on Dschinghis Khan (→ DE 1979). Ted­dy Par­ker ließ mit der Fred­dy-Quinn-Remi­nis­zenz ‘Ich set­ze auf Dich’ kurz­zei­tig die gol­de­nen Fünf­zi­ger wie­der auf­le­ben und wur­de damit Vor­letz­ter. Oli­via Moli­na, eine Sän­ge­rin mit unglaub­lich gro­ßem Mund und einem bei Kat­ja Ebstein (→ DE 1970, 1971, 1980, DVE 1975) abge­schau­ten Fran­sen­po­ny, setz­te auf bil­li­ge Zir­kus­ro­man­tik, ging in der ‘Größ­ten Manège der Welt’ aber zu Recht unter.

Geh die Stra­ße nach New Orleans: C&B in Gos­pel­schla­gerek­sta­se

Etwas rat­los lie­ßen Cin­dy & Bert (→ DE 1974, Vor­ent­scheid 1973, 1978) das anwe­sen­de Ber­li­ner Stu­dio­pu­bli­kum zurück. Das in spä­te­ren Hit­pa­ra­den­kar­rie­re meist auf harm­lo­se Urlaubs­schla­ger abon­nier­te saar­län­di­sche Pär­chen into­nier­te mit dem sen­sa­tio­nel­len, mit gleich zwei → Rückun­gen auf­war­ten­den Gos­pel­knül­ler ‘Geh die Stra­ße’ das nach dem Black-Sab­bath-Cover ‘Der Hund von Bas­ker­vil­le’ wohl außer­ge­wöhn­lichs­te Lied sei­nes gesam­ten Reper­toires. Für den rund­weg fan­tas­ti­schen, mit Ver­ve und Soul vor­ge­tra­ge­nen Song, frag­los der bes­te Bei­trag des Abends, ern­te­ten die Bei­den nichts­des­to­trotz nur einen sehr ver­hal­te­nen Applaus. Lag es an den schlim­men, unpas­sen­den Puff­är­meln des weib­li­chen Parts des Duos? Hat­te das Publi­kum mit einer sol­cher­ma­ßen her­aus­ra­gen­den Dar­bie­tung erst gar nicht gerech­net (selbst Cin­dy schien an eini­gen Stel­len leicht erschro­cken zu sein, wel­che Töne ihrem zar­ten Leib da ent­fuh­ren) und war noch damit beschäf­tigt, die Tou­pets wie­der auf­zu­sam­meln, die Frau Ber­ger den Her­ren vom Kopf blies? Oder hall­te hier noch der alte Reflex der spä­ten Fünf­zi­ger nach, in denen man “schwar­ze” Musik fürch­te­te wie den Leib­haf­ti­gen? Es bleibt ein Rät­sel.

Ein Piran­ha mit Koch­topf­schnitt: Oli­via Moli­na beim deut­schen Vor­ent­scheid 1972 (gan­ze Sen­dung)

Es folg­te die groß­ar­ti­ge Mari­on Maerz (‘Er ist wie­der da’), die sich von Klaus Dol­din­ger mit dem ange­gos­pel­ten ‘Hal­le­lu­jah Man’ eben­falls ein ziem­lich gutes Stück hat­te schrei­ben las­sen, dies aber in einem völ­lig unpas­sen­den, eher einer Nico­le Hoh­loch (→ DE 1982) wür­di­gen, folk­lo­ris­ti­schen Rüsch­chen­kleid­chen vor­trug. Unglück­li­cher­wei­se rüs­te­te man die Büh­ne hin­ter ihr noch mit einem Spie­gel­ka­bi­nett auf, um das opti­sche Grau­en ins Unend­li­che zu ver­viel­fa­chen. Kei­ne gute Idee! Nur drei Jah­re spä­ter schenk­ten sie und ihr dama­li­ger Part­ner Frank Elst­ner ihrer Toch­ter Masha das Leben, die es 2004 beim Vor­ent­scheid ver­su­chen soll­te. “Viel hilft viel” war schon immer das Mot­to von Ralph Sie­gel, und so hat­te er auch an die­sem Abend noch einen zwei­ten Pfeil im Köcher. Näm­lich in Form von Adri­an Wolf, einem ehe­ma­li­gen Ham­bur­ger Kna­ben­ch­o­rist. Ver­mut­lich als Sie­gel­sche Ant­wort auf Jür­gen Mar­cus (→ Vor­ent­scheid 1974, 1975, LU 1976) ange­dacht, ent­pupp­te er sich in der Rea­li­tät aller­dings eher als Schmal­spur­aus­ga­be von Bernd Clü­ver (→ Vor­ent­scheid 1983 1985). Sie­gels unaus­ge­go­re­ner Sound­mix (hier hat­te er kom­po­niert, was man sofort hört) ende­te als ver­dien­tes Schluss­licht. Herr Wolf ver­öf­fent­lich­te spä­ter ein paar Schla­ger auf nie­der­län­disch, hin­ter­ließ aber kei­nen blei­ben­den Ein­druck in der euro­päi­schen Musik­ge­schich­te.

Die Afro-Deut­sche: Su Kra­mer

Zum sofor­ti­gen Publi­kums­lieb­ling avan­cier­te Su Kra­mer. Kein Wun­der ange­sichts eines ein­gän­gi­gen, dis­co­t­as­ti­schen Selbst­wert­schla­gers mit auf­bau­en­dem Alles-wird-gut-Text (“Du musst Dir ver­traun und es wird gelin­gen”), ihrer modi­schen Afro­wel­le und eines offen­her­zi­gen Hosen­kleids, das drei­ßig Jah­re spä­ter Kylie Mino­gue zu einem ähn­lich gewag­ten, eben­falls nur mit kna­cki­gen sekun­dä­ren Geschlechts­merk­ma­len trag­ba­ren Dress im Video­clip zu ‘Can’t get you out of my Head’ inspi­rie­ren soll­te. ‘Glaub an Dich selbst’: die Kra­mer tat es offen­bar. Und mit Recht! Inga & Wolf (→ Vor­ent­scheid 1973) bil­de­ten als alter­na­tiv kos­tü­mier­tes Song­schrei­ber­pär­chen einen akus­ti­schen wie opti­schen Kon­tra­punkt. Ihr von Rein­hard Mey (unter dem Pseud­onym Alfons Yondra­schek) kom­po­nier­ter Ever­green ‘Gute Nacht, Freun­de’ sang wenig über­ra­schend das Hohe­lied der Freund­schaft. Unver­ges­sen die von seli­gen Zei­ten des reue­lo­sen Genus­ses erzäh­len­den Zei­len “Was ich noch zu sagen hät­te / dau­ert eine Ziga­ret­te / und ein letz­tes Fass Glas im Stehn”. Auch sie gehör­ten zu den Favo­ri­ten.

Cin­dy & Bert in links­al­ter­na­tiv: Inga & der Bril­len-Wolf

Nicht wei­ter der Rede Wert hin­ge­gen der Bei­trag der damals wie heu­te völ­lig unbe­kann­ten San­dra Haas, vor­ge­tra­gen zudem in einem die Augen belei­di­gen­den Kleid, das noch nicht mal als Nacht­hemd für Senio­rin­nen in einem DDR-Alten­heim durch­ge­gan­gen wäre. Auch Sven Jens­sen hät­te sei­nen Song ‘Gren­zen­los’ bes­ser ‘Chan­cen­los’ genannt: text­lich zwar ein sehr grand­pri­x­es­kes Lied der Güte­klas­se naï­ve Welt­ver­bes­se­rungs­fan­ta­sie (“Gren­zen­los wünsch ich sie mir / weil dann für immer Frie­den wär”), von einem Peter Hof­mann für Arme in Knö­del­te­nor­ma­nier vor­ge­tra­gen, ent­pupp­te sich das im Gan­zen schlicht als: hoff­nungs­los. Aber ein biss­chen Füll­stoff muss es ja immer geben, dann wirkt der Sie­ger­ti­tel auch um so glanz­vol­ler. Die fabel­haf­te Mary Roos (→ DE 1984, Vor­ent­scheid 1970, 1975, 1982) ver­füg­te mit ‘Nur die Lie­be lässt uns leben’ über eine von Joa­chim Hei­der (‘Er gehört zu mir’, → Vor­ent­scheid 1975) kom­po­nier­te, wirk­lich durch und durch super­be Hym­ne an die Lebens­kraft spen­den­de Macht der Lie­be, ver­gurk­te das stimm­lich anspruchs­vol­le Chan­son jedoch ziem­lich. Die Rosy Sin­gers, die ihr vor allem im Refrain die Arbeit abnah­men, und ihre lang­jäh­ri­ge Büh­nen­er­fah­rung, die sie trotz Min­der­leis­tung tap­fer wei­ter strah­len ließ, ret­te­ten die Cho­se vor einem Fias­ko.

Dann wird wie­der Dir ver­ge­ben: die Mary, die Roos

Peter Hor­ten Hor­ton (→ AT 1967, Vor­ent­scheid DE 1975) schließ­lich bot ein heu­te mehr denn je aktu­el­les, für den Jury­ge­schmack aber even­tu­ell etwas zu kri­ti­sches, ankla­gen­des Lie­der­ma­cher­stück (“Wo ist die Frei­heit / von der man so viel spricht?”). Mit Por­sche­fah­rer­bril­le und einer leicht bla­sier­ten Aus­strah­lung wirk­te der Öster­rei­cher außer­dem ein klei­nes biss­chen unsym­pa­thisch. Sehr bedau­er­lich, denn ‘Wann kommt der Mor­gen’ und sein von den Rosy Sin­gers ein­dring­lich into­nier­ter For­de­rungs­ka­ta­log nach Frie­den, Frei­heit, Mor­gen und Licht hat­te Tief­gang und setz­te dem pro­gres­si­ven Zeit­geist, der die­se Vor­ent­schei­dung durch­ström­te, gewis­ser­ma­ßen die Kro­ne auf. Nach einer als “Schla­ger­sän­ger­par­odie” ange­kün­dig­ten Bal­lett­ein­la­ge kam es schließ­lich zu der lang­wie­rigs­ten Aus­zäh­lung in der Geschich­te deut­scher Vor­ent­schei­de. Zehn Juro­ren, davon fünf TV-Gewal­ti­ge sowie fünf “musik­in­ter­es­sier­te Lai­en” (dar­un­ter das unfass­bar ange­nervt wir­ken­de “Fräu­lein” Elfrie­de Hil­li­ges, Vor­schü­le­rin zur Kin­der­kran­ken­schwes­ter, und Peter Lau, sei­nes Zei­chens “Stu­dent der maschi­nel­len Form­ge­bung”, mit dem damals übli­chen, aus ästhe­ti­scher Sicht jedoch unent­schuld­ba­ren Kas­sen­ge­stell) gaben ein­zeln ihre Punk­te ab, die Miss Lot­to­fee unter gan­zem kör­per­li­chen Ein­satz eben­so ein­zeln an die Magnet­ta­fel hef­te­te.

Die Rosy Sin­gers in Eksta­se: Peter Hor­ton lie­fert die Stich­wor­te

Um eine ermü­dend lan­ge Geschich­te abzu­kür­zen: Cin­dy & Bert, Mary Roos sowie punkt­gleich Su Kra­mer und Inga & Wolf kamen in die End­run­de. Sie san­gen ihre Bei­trä­ge noch­mals, dann folg­te eine erneu­te Abstim­mung. Dies­mal durf­te jedes Jury­mit­glied nur noch sei­nen per­sön­li­chen Favo­ri­ten benen­nen. Inga & Wolf gin­gen nun über­ra­schend völ­lig leer aus. Beim vor­letz­ten Juror lagen Cin­dy & Bert (die in der ers­ten Run­de noch führ­ten!), Mary Roos und Su Kra­mer mit jeweils drei Punk­ten gleich­auf. Emil Zalud, Unter­hal­tungs­chef des Saar­län­di­schen Rund­funks und Züng­lein an der Waa­ge, stimm­te, wie die meis­ten ande­ren “Profi”-Juroren, für Mary Roos – zum Miss­fal­len des anwe­sen­den Stu­dio­pu­bli­kums, das hör­bar buh­te. Auch Mary hat­te wohl in rea­lis­ti­scher Ein­schät­zung ihrer Leis­tung an die­sem Abend nicht an einen Sieg geglaubt und, wie sie in Jan Fed­der­sens Buch selbst schil­dert, bereits mit dem Abschmin­ken begon­nen, als man sie wie­der auf die Büh­ne rief. Sie muss­te einen lan­gen Stu­dio­gang ent­lang ren­nen, wäh­rend die Kame­ra auf dem Diri­gen­ten Paul Kuhn ruh­te, der ange­sichts der diva­es­ken Ver­spä­tung der Gewin­ne­rin auch nur rat­los mit den Schul­tern zucken konn­te.

Bei der Sie­ger­re­pri­se noch schlech­ter: Frau Roos

So zeig­te sich Mary drol­li­ger­wei­se bei der Sie­ger­re­pri­se seh- und hör­bar völ­lig außer Pus­te, zumal Paul­chen ihr gera­de zwei Zehn­tel­se­kun­den lang Zeit zur Erho­lung ließ, bevor das Orches­ter ein­setz­te. So umstrit­ten die Ent­schei­dung an die­sem Abend auch war: letzt­lich erwies sich die Wahl als eine gute, wie die dann hin­rei­ßen­de Per­for­mance Marys in Edin­burgh und der drit­te Platz für Deutsch­land bewie­sen. Und auch Cin­dy & Bert, die damals Düpier­ten, erfuh­ren kos­mi­sche Gerech­tig­keit: wie Cin­dy in einem hr-Inter­view erzähl­te, ent­schä­dig­ten sie die betei­lig­ten Fern­seh­un­ter­hal­tungs­chefs für die Zurück­wei­sung bei der Zweit­ab­stim­mung noch im Som­mer des glei­chen Jah­res mit zahl­lo­sen TV-Auf­trit­ten, wodurch ihre Schla­ger­kar­rie­re erst so rich­tig in Schwung kam. Nun nur lei­der nicht mehr mit fan­tas­ti­schen Gos­pel­knül­lern, son­dern mit Spa­ni­schen Gitar­ren.

Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1972

Ein Lied für Edin­burgh. Sams­tag, 19. Febru­ar 1972, aus dem Stu­dio A des Sen­ders Frei­es Ber­lin. 12 Teil­neh­mer. Mode­ra­ti­on: Karin Tiet­ze-Lud­wig und Rena­te Bau­er.
#Inter­pretTitelPunk­tePlatzCharts
01Edi­na PopMei­ne Lie­be will ich Dir geben27 | –06-
02Ted­dy Par­kerIch set­ze auf Dich18 | –11-
03Oli­via Moli­naDie größ­te Manège der Welt20 | –09-
04Cin­dy & BertGeh die Stra­ße41 | 030236
05Mari­on MaerzHal­le­lu­jah Man30 | –05-
06Adri­an WolfMein Geschenk an Dich13 | –12-
07Su Kra­merGlaub an Dich selbst38 | 0303-
08Inga & WolfGute Nacht, Freun­de38 | 000422
09San­dra HaasDas Leben beginnt jeden Tag27 | –06-
10Sven Jens­senGren­zen­los19 | –10-
11Mary RoosNur die Lie­be lässt uns leben40 | 040117
12Peter Hor­tonWann kommt der Mor­gen?27 | –06-

DE 1970: Musst Du sie auch sehn!

Katja Ebstein, DE 1970
Die Welt­ver­bes­se­re­rin

Eine Ver­an­stal­tung wie ein Dro­gen­rausch: kurz, bunt und knal­lig. Der Kon­trast zur viel belä­chel­ten 1969er Klein­tier­züch­ter­ver­eins­vor­stands­sit­zung, eben­so wie die­se Show vom Hes­si­schen Rund­funk pro­du­ziert, hät­te nicht kras­ser aus­fal­len kön­nen. Nie­mals zuvor und nie wie­der danach atme­te eine deut­sche Euro­vi­si­ons­vor­ent­schei­dung so inten­siv den Duft der gro­ßen wei­ten Welt. Bezie­hungs­wei­se, prä­zi­ser gesagt: Lon­dons. Von dort her flog der hr die aus der bri­ti­schen Chart­show Top of the Pops bekann­te Tanz­for­ma­ti­on Pan’s Peop­le ein, die in den Wer­tungs­pau­sen anstel­le des preu­ßi­schen Ehe­paars Trautz das Publi­kum im Sen­de­stu­dio (und vor den Bild­schir­men) unter­hal­ten soll­te. Und wie sie das taten!

Im Spät­som­mer der Lie­be: Pan’s Peop­le 

Knal­lig bunt und auf­rei­zend knapp geklei­det, wir­bel­ten sie zu den Klän­gen der Beat­les bzw. des ‘Clap­ping Song’ der­art wild auf der Büh­ne her­um, dass sich die Zuschauer/innen vor lau­ter Far­ben und Bewe­gung auf einem LSD-Trip (oder zumin­dest im Afri-Cola-Rausch) wäh­nen muss­ten. Augen­schein­lich hat­ten die Leu­te des Pan dazu noch gleich das Frank­fur­ter Sen­de­stu­dio ein­ge­rich­tet, denn bunt und psy­che­de­lisch wirk­ten auch die Pro­jek­tio­nen auf der Video­lein­wand, vor der die Interpret/innen die­ser Vor­ent­schei­dung ihre Bei­trä­ge zum Bes­ten gaben. Selbst die sechs Titel, wenn­gleich text­lich alle­samt eher bana­le Lie­bes­schla­ger, wirk­ten doch durch ihren musi­ka­li­schen Vor­trag, nicht zuletzt durch die tat­kräf­ti­ge Hil­fe des beglei­ten­den Gün­ter-Kall­mann-Cho­res, der so spa­cig klang wie eben frisch von der Raum­pa­trouil­le ent­führt, gera­de­zu revo­lu­tio­när modern. Bereits die Eröff­nungs­se­quenz, eine ver­jazz­te (und somit bei­na­he erträg­li­che) Instru­men­tal-Inter­pre­ta­ti­on des letzt­jäh­ri­gen deut­schen Bei­trags ‘Pri­ma­bal­le­ri­na’ wies die Rich­tung.

Der swin­gen­de Topf­lap­pen: Mary Roos mit einer ihrer anbe­tungs­wür­dig läs­si­gen Per­for­man­ces, für die wir sie so sehr lie­ben

Die groß­ar­ti­ge, fan­tas­ti­sche, nicht hoch genug zu loben­de Mary Roos (→ DE 1972, 1984, Vor­ent­scheid 1975, 1982) eröff­ne­te das Feld mit Gran­dez­za. In einen rie­si­gen, hand­ge­hä­kel­ten, FDP-far­be­nen Topf­lap­pen gewan­det, mit gestuf­ter Kurz­haar­fri­sur und Ori­on-Eye­li­ner sah sie nicht nur extrem sty­lish aus, son­dern inter­pre­tier­te ihr fabel­haf­tes ‘Bei jedem Kuss’ auch noch der­ma­ßen über­trie­ben cool, als han­de­le es sich um eine Auf­for­de­rung zum Trend­club­hop­ping à la Petu­la Clark (‘Down­town’). Nichts schla­ger­haft Dump­fes haf­te­te die­sem Auf­tritt an, wie es in den Sech­zi­gern noch üblich war: hier begann eine neue deut­sche Euro­vi­si­ons­ära! Und das eher zufäl­lig: eigent­lich soll­te Edi­na Pop (→ Vor­ent­scheid 1972, DE 1979 als Teil von Dschinghis Khan) die Num­mer sin­gen, sie fiel jedoch kurz­fris­tig krank­heits­be­dingt aus. Mary sprang als Inter­pre­tin ein, was viel­leicht erklärt, war­um sie die­se fun­kelnd strah­len­de Vor­ent­schei­dungs­per­le lei­der nie auf Ton­trä­ger auf­nahm. Rober­to Blan­co (→ Vor­ent­scheid 1973, 1979), der “wun­der­ba­re Neger”, wie ihn der baye­ri­sche Innen­mi­nis­ter Joa­chim Herr­mann (CSU) in der TV-Quas­sel­bu­de Hart aber Fair ein­mal nann­te (ziem­lich hart, wenig fair), besang euro­vi­si­ons­ty­pisch die Lie­be in allen Spra­chen des Kon­ti­nents und wirk­te dabei gar nicht so sehr wie der spä­te­re Okto­ber­fest-Bier­zelt­stim­mungs­sän­ger, son­dern gera­de­zu jet­set­mä­ßig inter­na­tio­nal.

Auf dem Kur­fürs­ten­damm sagt man “ohne Gum­mi fuff­zig, mit drei­ßig”

Die nor­we­gi­sche Drei­fach-Reprä­sen­tan­tin Kirsti Spar­boe (→ NO 1965, 1967, 1969), die im Vor­jahr mit dem fröh­li­chen ‘Ein Stu­dent aus Upp­sa­la’ einen euro­pa­wei­ten Top-Hit lan­den konn­te, erschien eben­falls im quietsch­gel­ben Topf­lap­pen und gab einen von Dra­fi Deut­scher erdich­te­ten, schlim­men Schun­kel­schla­ger mit ver­klä­ren­der Pen­ner­ro­man­tik über das sor­gen­freie Leben der ach so glück­li­chen Ber­ber von Paris zum Bes­ten – da hat­te Dra­fi beim Tex­ten wohl dem fran­zö­si­schen Land­rot­wein Mar­ke “Penn­er­glück” etwas zu sehr zuge­spro­chen… Nach so viel Inter­na­tio­na­li­tät mute­te das 2007 ver­stor­be­ne Schla­ger­fos­sil Peter Beil (→ Vor­ent­scheid 1962, 1965) mit sei­nem drö­gen Anfor­de­rungs­ka­ta­log an mög­li­che Gespie­lin­nen, ‘Rote Augen, brau­ne Lip­pen und kas­ta­ni­en­blau­es Haar’ (oder so ähn­lich), doch ein wenig pro­vin­zi­ell an. In dem zeit­sprung­haft moder­nen Umfeld des dies­jäh­ri­gen Vor­ent­scheids fühl­te er sich wohl der­ge­stalt ver­un­si­chert, dass er sich wäh­rend des gesam­ten Vor­trags ängst­lich am Mikro­fon­ka­bel fest­klam­mer­te und sei­nen Auf­tritt ziem­lich ver­geig­te. Kon­se­quen­ter­wei­se erhielt er kei­nen ein­zi­gen Punkt.

Fabel­haft im hell­blau­en Maxik­leid: Kat­ja Ebstein regiert die Büh­ne

Die hin­rei­ßen­de, sen­sa­tio­nel­le, fan­tas­ti­sche Kat­ja Ebstein (→ DE 1971, 1980, Vor­ent­scheid 1975, Mode­ra­ti­on 1981) ließ bereits bei ihrem ers­ten Auf­tritt erken­nen, dass nur sie die Köni­gin des Abends sein kön­ne: nicht eine Sekun­de bie­der­te sie sich beim Publi­kum an, hat­te ledig­lich die vage Andeu­tung eines huld­vol­len Lächelns übrig – sie wuss­te sehr genau, dass nie­mand sie vom Mate­ri­al her schla­gen konn­te, dass sie über einen Jahr­hun­dert­song ver­füg­te. ‘Wun­der gibt es immer wie­der’, die Refe­renz­klas­se des deut­schen Trös­tungs­schla­gers, erhielt durch ihren stimm­lich dra­ma­ti­schen wie bedeu­tungs­schwer melan­cho­li­schen Vor­trag einen Tief­gang, der noch­mals deut­lich über den eigent­li­chen Text hin­aus­ging. Wel­cher im Gegen­satz zu den ver­gleichs­wei­se wei­ner­li­chen Para­dies-wo-bist-Du-Schla­gern der Sech­zi­ger die sub­ti­le Auf­for­de­rung zum akti­ven Zupa­cken (“…musst Du sie auch sehn”) ent­hielt. Und damit sag­te: nimm Dein Leben selbst in die Hand, Du bist Dei­nes Glü­ckes Schmied! Das war neu im deut­schen Schla­ger, der bis dato eher eine Art von schick­sals­er­ge­be­ner Dul­dungs­star­re pro­pa­gier­te. Musi­ka­lisch fand sich das span­nungs­ge­la­de­ne Lied ohne­hin Äonen vom übli­chen Schla­ge­r­ei­n­er­lei ent­fernt, in einer völ­lig ande­ren Gala­xie.

Ich bin kein Ham­pel­mann: der Rei­ner fin­det sei­ne Schö­ne auch inmit­ten von Mil­lio­nen

Auch Rei­ner Schö­ne, ein in Wei­mar auf­ge­wach­se­ner Schau­spie­ler und Lie­der­ma­cher, der 1968 aus der DDR rüber­mach­te und in der Bun­des­re­pu­blik Haupt­rol­len in aktu­el­len Musi­cals wie ‘Hair’ und ‘Jesus Christ Super­star’ sowie spä­ter in zahl­lo­sen Seri­en- und Film­pro­duk­tio­nen ergat­ter­te, leg­te einen beacht­li­chen Auf­tritt hin. Selbst wenn er, wie schon wei­land Cliff Richard (→ UK 1968), dabei gele­gent­lich den Ein­druck erweck­te, unter Diar­rhö zu lei­den, so geduckt, wie er dastand. Mit hip­piesk lan­gem Haupt- sowie scham­los frei­ge­leg­tem Brust­haar sah er ein biss­chen aus wie der frie­si­sche Blö­del­bar­de Otto Waal­kes auf Tes­to­ste­ron. Nur, dass Schö­ne deut­lich bes­ser sin­gen konn­te. Sein Bei­trag ‘Allein unter Mil­lio­nen’ beschäf­tig­te sich im Grun­de mit dem­sel­ben The­ma, mit dem zwei Jah­re zuvor Karel Gott (→ AT 1968) für Öster­reich beim Lon­do­ner Con­test baden ging: die Ein­sam­keit in der Groß­stadt. Wirk­te Karels Schla­ger jedoch ver­zagt, so zeich­ne­te sich Schö­nes opti­mis­tisch gestimm­tes, kom­pe­tent vor­ge­tra­ge­nes Ange­bot als eines aus, das Mut macht (“…und das Glück wird mich beloh­nen”) und, wie Kat­jas Lied, die Zuhörer/innen auf­for­dert, sich das pral­le Leben mit bei­den Hän­den fest zu grei­fen. Auch ihm wäre, eben­so wie Mary Roos, ein Sieg durch­aus zu gön­nen gewe­sen.

Chart­watch 1970: Ob das die sel­be ‘Anu­sch­ka’ ist, der Inge Brück 1967 beim Con­test in Wien Trost spen­den muss­te? Schwe­re­nö­ter Udo Jür­gens (→ AT 1964, 1965, 1966) lan­de­te auch 1970 wie­der einen Top-Ten-Hit in den deut­schen Ver­kaufs­charts. 

Die Wer­tung teil­te sich in zwei Pha­sen auf: sie­ben Juror/innen durf­ten zunächst jeweils drei Bei­trä­gen einen Punkt geben; die drei best­plat­zier­ten Titel kamen eine Run­de wei­ter. Die lang­at­mi­gen Erklä­run­gen Hans-Otto Grü­ne­feldts, man suche etwas Vor­zeig­ba­res für das inter­na­tio­na­le Par­kett (ach, wie sehr wünsch­te man sich, die heu­ti­ge NDR-Aus­wahl­ju­ry für den deut­schen Euro­vi­si­ons­vor­scheid zeig­te sich vom sel­ben Ziel beseelt, anstatt nur ängst­lich dar­auf zu schie­len, was auf hei­mi­schen Main­stream-Radio­wel­len lau­fen könn­te), ver­fehl­ten ihre Wir­kung nicht: tat­säch­lich flo­gen die drei eher klas­si­schen Schla­ger von Blan­co, Spar­boe und Beil raus und die drei musi­ka­lisch wie inhalt­lich anspruchs­vol­le­ren Bei­trä­ge der Roos, der Ebstein und des Schö­ne kamen ins Fina­le. Wobei der Sieg von Kat­ja Ebstein, die sie­ben von sie­ben mög­li­chen Punk­ten erhielt, eigent­lich bereits zu die­sem Zeit­punkt fest­stand.

Noch fabel­haf­ter im Mini mit sil­ber­nen Stie­feln: Mode­kö­ni­gin Kat­ja Ebstein in Ams­ter­dam!

Trotz­dem muss­ten alle drei ihre Songs in der End­run­de noch­mals prä­sen­tie­ren. Und zwar, da woll­te man sich sei­tens des Hes­si­schen Rund­funks wohl Auf­wand erspa­ren, mit exakt der glei­chen Dra­ma­tur­gie und den­sel­ben Kame­ra­ein­stel­lun­gen wie schon im ers­ten Durch­lauf. Was die Show nicht gera­de abwechs­lungs­rei­cher mach­te. In der zwei­ten Wer­tungs­run­de gin­gen Herr Schö­ne und Frau Roos dann fie­ser Wei­se völ­lig leer aus und Frau Ebstein durf­te ihren Schla­ger ein drit­tes Mal an die­sem Abend sin­gen. Mode­ra­to­rin Marie-Loui­se Stein­bau­er, der man dies­mal erlaubt hat­te, ihren Job zu machen und etwas locke­rer zu plau­dern als noch im letz­ten Jahr, freu­te sich auf­rich­tig, auch wenn sie das lethar­gi­sche Stu­dio­pu­bli­kum zum Sie­gesap­plaus erst geson­dert auf­for­dern muss­te. Mit einer Chorin­ter­pre­ta­ti­on von ‘Boom Bang A Bang’ ging der unter sech­zig­mi­nü­ti­ge Far­ben- und Klang­rausch schließ­lich zu Ende.

Vor­ent­scheid DE 1970

Ein Lied für Ams­ter­dam, Sams­tag, 16. Febru­ar 1970, aus dem Sen­de­stu­dio des Hes­si­schen Rund­funks in Frank­furt am Main. Sechs Teil­neh­mer, Mode­ra­ti­on: Marie-Lui­se Stein­bau­er.
#Inter­pretTitelPunk­tePlatzCharts
01Mary RoosBei jedem Kuss05 | 0002-
02Rober­to Blan­coAuf dem Kur­fürs­ten­damm sagt man “Lie­be”01 | –--
03Kirsti Spar­boePierre, der Clo­chard03 | –--
04Peter BeilBlaue Augen, rote Lip­pen und kas­ta­ni­en­brau­nes Haar00 | –--
05Kat­ja EbsteinWun­der gibt es immer wie­der07 | 070116
06Rai­ner Schö­neAllein unter Mil­lio­nen05 | 0002-