Von Peli­ka­nen und Kame­len: das ESC-Fina­le 2018

Hat das Land so eine Art von Geheim­ver­trag mit dem Kar­ma? Oder wie schafft Isra­el es sonst, sei­ne Euro­vi­si­ons­sie­ge mit einer der­ar­ti­gen mathe­ma­ti­schen Prä­zi­si­on in Abstän­den von jeweils exakt 20 Jah­ren über die Grand-Prix-Geschich­te zu ver­tei­len? Und das auch noch mit einem jeweils ziem­lich ähn­li­chen Kon­zept: 1978 schaff­te es Izhar Cohen auf dem Höhe­punkt der Dis­co­wel­le mit einem tanz­ba­ren, von der uni­ver­sa­len Lie­be unter den Men­schen han­deln­den Kin­der­lied namens ‘A Ba Ni Bi’ und einer sen­sa­tio­nel­len Mar­ge-Simp­son-Fri­sur, die Jurys im Sturm zu erobern; 1998 gelang der kämp­fe­ri­schen Trans­se­xu­el­len Dana Inter­na­tio­nal mit dem Tanz­flä­chen­fül­ler ‘Diva’ der bis heu­te wich­tigs­te, weil ein unüber­seh­ba­res, die gesell­schaft­li­che Libe­ra­li­tät beflü­geln­des Zei­chen für Tole­ranz und Respekt gegen­über dem Anders­sein set­zen­de Sieg in der Euro­vi­si­ons­his­to­rie. Und nun, wei­te­re 20 Jah­re spä­ter, führt die fan­tas­ti­sche, vor selbst­be­wuss­tem Charme nur so sprü­hen­de Wucht­brum­me Net­ta Bar­zi­lai die­se pro­gres­si­ve Tra­di­ti­on fort und gewinnt mit der unglaub­lich spa­ßi­gen, eben­falls extrem tanz­ba­ren Eman­zi­pa­ti­ons­hym­ne ‘Toy’, einem so unver­krampf­ten wie kraft­vol­len Bei­trag zur aktu­el­len Femi­nis­mus­de­bat­te, die euro­päi­schen Lie­der­wett­spie­le. Wie wun­der­bar!

Sie sei eine “schö­ne Krea­tur”, behaup­tet die hier vor ihren gol­de­nen “Bären” (Peter Urban) zu sehen­de Net­ta in ihrem Song über sich selbst. Völ­lig zu Recht. Und ein Vor­bild dazu (IL).

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We can’t move a Moun­tain: drit­ter Pro­ben­tag in Lis­sa­bon

Auch am Tag der Arbeit gehen die Pro­ben für den Euro­vi­si­on Song Con­test 2018 in der Alti­ce-Are­na zu Lis­sa­bon wei­ter, heu­te mit der ers­ten Hälf­te des zwei­ten Semi­fi­na­les. Das eröff­net bekannt­lich, in Per­son Alex­an­der Rybaks, ein ehe­ma­li­ger Euro­vi­si­ons­ge­win­ner. Und wie­wohl sein Bei­trag ‘That’s how you wri­te a Song’ die euro­päi­schen Schwur­na­lis­ten in Fans und beken­nen­de Has­ser spal­tet, herrscht unter den Blogger/innen ziem­li­che Einig­keit, dass auch die­ser Titel erneut um den Sieg mit­spie­len könn­te. Rybak, der Dori­an Gray der Euro­vi­si­on, der seit sei­ner letz­ten Grand-Prix-Teil­nah­me offen­sicht­lich kei­nen Tag alter­te und noch immer über sei­nen Laus­bu­ben­charme ver­fügt, bringt – wie schon 2009 – das bereits aus­ge­reif­te audio­vi­su­el­le Gesamt­kon­zept des nor­we­gi­schen Melo­di Grand Prix mit zum Con­test und setzt es dort Punkt für Punkt um, mit­samt den per Zei­chen­trick hin­zu­ge­füg­ten und um eini­ge Herz­chen erwei­ter­ten Bild­schirm­gra­fi­ken, die sei­ne Cho­reo­gra­fie ergän­zen. Und war­um auch nicht, der Mann weiß schließ­lich, was er tut. Im Pres­se­zen­trum machen sich die Ers­ten nun schon Sor­gen, dass sie nächs­tes Jahr für ein Bier im Euro­club zu Oslo eine wei­te­re Hypo­thek aufs Haus auf­neh­men müs­sen. Und dass, wo doch das Super Bock in Lis­sa­bon so herr­lich güns­tig ist!

Nur echt mit der Vio­li­ne: der Rybak.

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MD 2018: Love for Sale

Das Bes­te zum Schluss: an einem ziem­lich durch­wach­se­nen Euro­vi­si­ons-Super­sams­tag unter­hielt das mol­da­wi­sche Fern­se­hen TRM mit einer her­aus­ra­gen­den O Melo­die pen­tru Euro­pa (OMpE), bei der – wie wir das von dem rumä­ni­schen Bru­der­staat gewohnt sind – mal wie­der ein Trash-High­light das nächs­te jag­te. Ange­fan­gen vom erwart­ba­ren Sie­ger­song: dass ‘My lucky Day’ von den DoRe­Dos den Vor­ent­scheid gewin­nen wür­de, stand schon im Vor­feld fest. Stammt das uptem­po­rä­re, schla­ger­haf­te Mach­werk doch aus der Feder der baro­cken rus­si­schen Kom­po­nis­tent­un­te Phil­lip Karko­rov (→ RU 1993). Und der ver­füg­te über genü­gend Kne­te, um dem aus einem Dörf­chen im abtrün­ni­gen Trans­nis­tri­en stam­men­den Trio sowohl eine mit mili­tä­ri­schem Drill exe­ku­tier­te, effek­ti­ve Cho­reo­gra­fie zu spen­die­ren, als auch die Juro­ren zu über­zeu­gen, die bis auf einen ein­zel­nen, der anschei­nend das Memo oder den dis­kre­ten Umschlag nicht erhal­ten hat­te, geschlos­sen für die DoRe­Dos stimm­ten. Auch beim Tel­e­vo­ting über­ließ man nichts dem Zufall: die drei kas­sier­ten gut zehn mal so vie­le Anru­fe (!) wie der Zweit­plat­zier­te.

Spieg­lein, Spieg­lein an der Wand, wer ist der Nied­lichs­te im gan­zen Land? Ser­giu Mita, das DoRe­Dos-Bär­chen, ist es!

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O Melo­die pen­tru Euro­pa 2018

Nach der ursprüng­li­chen Pla­nung des mol­da­wi­schen Sen­ders TRM soll­te vor­ges­tern, zeit­gleich mit deut­schen Vor­ent­scheid, das Semi­fi­na­le der Melo­die pen­tru Euro­pa lau­fen. Doch nach dem öffent­li­chen Vor­sin­gen der ins­ge­samt 27 hei­mi­schen Bewerber/innen (natür­lich inklu­si­ve des legen­dä­ren Sascha Bogni­bov) in einer Karao­ke­bar der Haupt­stadt Chi­si­nau blie­ben ledig­lich 16 Acts übrig. Aus Kos­ten­grün­den ent­schied man sich daher, besag­tes Semi zu strei­chen und alle 16 durch das heu­ti­ge, um 18:40 Uhr deut­scher Zeit begin­nen­de OMpE-Fina­le zu jagen. Als Favo­rit gilt das Trio DoRe­Dos, das mit einem flot­ten Dis­co­schla­ger aus der Kol­lek­ti­on von Phil­lip Kir­ko­rov (RU 1995) antritt. Eine Jury und die Zuschauer/innen ent­schei­den (zumin­dest offi­zi­ell) pari­tä­tisch, wer das Ticket nach Lis­sa­bon erhält. Tra­di­tio­nell natür­lich erst im Anschluss an ein gefühlt vier­stün­di­ges Rah­men­pro­gramm!

Der Schnell­durch­lauf:

Live­stream M1 (benö­tigt Flash)

Live­stream auf Face­book

Vor­ent­scheid MD 2018

O Melo­die pen­tru Euro­pa. Sams­tag, 24. Febru­ar 2018, aus dem TRM Stu­dio in Chi­si­nau, Mol­da­wi­en. 16 Teilnehmer/innen. Mode­ra­ti­on:
#Interpret/inTitelTVJuryGesamtPlatz
01TolikBro­ken Glass0385 | 10030 | 031304
02Lavi­nia RusuAltun­de­va0059 | 02030 | 040610
03Bel­la LunaMoments0034 | 00014 | 000013
04Anna Tim­of­eiEnd­less­ly0039 | 00028 | 020211
05Ilia Soro­cea­nu + Dasha DaGroMinds and Veins0054 | 00025 | 010112
06Che MDIni­ma-n stân­gă0026 | 00003 | 000016
07Cobî­le­an Con­stan­tinNumai tu0134 | 07008 | 000709
08DoRe­DosMy lucky Day3813 | 12104 | 122401
09San­dy C + Aaron SibleyOnce upon a Time0113 | 04036 | 050906
10Anna Odo­bes­cuAgo­ny0062 | 03054 | 081105
11Nico­le­ta SavaEsen­cia del Sur0171 | 08016 | 000807
12Doi­nița Gher­manDance in Fla­mes0134 | 06052 | 071303
13Feli­cia Dun­afAli­en0056 | 01040 | 060708
14Vio­re­laThe Gates of Love0025 | 00005 | 000015
15Vera Țurca­nuBlack Heart0123 | 05069 | 101502
16Rus­lan TsarCome to Life0032 | 00008 | 000014

Per­len der Vor­ent­schei­dun­gen: Kei­ne Lie­be für Sasha Bogni­bov

Nein, sie wer­den wohl kei­ne Freun­de mehr, die mol­da­wi­sche Gothic-Legen­de Sasha Bogni­bov und sein Hei­mat­sen­der TRM. Seit über einer Deka­de reicht der nach sei­ner Eigen­be­schrei­bung für “Güte und Gerech­tig­keit” ein­tre­ten­de Künst­ler Jahr für Jahr Bei­trag um Bei­trag zur Melo­die pen­tru Euro­pa, dem Vor­ent­scheid des rumä­ni­schen Bru­der­lan­des, ein. Und nicht ein ein­zi­ges Mal über­leb­te er die Vor­stel­lungs­run­de. So auch 2018: am ver­gan­ge­nen Mitt­woch ver­sam­mel­te der Sen­der alle (!) 27 Bewerber/innen um das mol­da­wi­sche Euro­vi­si­onsti­cket zu den Audițiile, dem öffent­li­chen Vor­sin­gen, in einer Karao­ke­bar (!) in der Haupt­stadt Chi­si­nau. Und obschon Sasha den Lie­der­nach­mit­tag mit sei­nem aktu­el­len Song ‘Love’ eröff­nen durf­te und eben die­ser Bei­trag, ein so effek­ti­ves wie ein­gän­gi­ges Stück musi­ka­li­schen Welt­schmer­zes, zu des­sem weh­lei­dig-kämp­fe­ri­schen Text Sashas fas­zi­nie­ren­de Wim­mer­stim­me per­fekt passt, nicht nur zu den bes­ten sei­nes bis­he­ri­gen Œuvres gehört, son­dern auch zu den inter­es­san­tes­ten des OMpE-Line-ups, sor­tier­ten ihn die anwe­sen­den Juro­ren unter dem Vor­sitz von Nel­ly Cio­ba­nu (→ MD 2009) gna­den­los aus. Wie gemein!

Viel­leicht hät­te Sasha sich, wie bei sei­nem Voll­play­back-Auf­tritt im mol­da­wi­schen Früh­stücks­fern­se­hen, auch bei der Audițiile das herz­för­mi­ge Nadel­kis­sen auf die Hand schnal­len sol­len?

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O Melo­die pen­tru Euro­pa, Audițiile

Rund 30 Acts bewar­ben sich 2018 beim mol­da­wi­schen Sen­der TRM um die Teil­nah­me am dor­ti­gen Vor­ent­scheid O Melo­die pen­tru Euro­pa. 27 sind aktu­ell noch übrig (sie­he Lis­te), nach­dem die Ver­ant­wort­li­chen unter ande­rem die Sän­ge­rin Pel­ageya Ste­fo­glo aus­schlos­sen, die sich mit dem sel­ben Bei­trag, den sie in Mol­da­wi­en zu sin­gen gedach­te, bereits erfolg­los in Weiß­russ­land bewarb. 16 Plät­ze gibt es aller­dings nur im OMpE-Fina­le am 24. Febru­ar (das ursprüng­lich für den 22. vor­ge­se­he­ne Semi strich man zwi­schen­zeit­lich). Heu­te müs­sen daher alle 27 Hoff­nungs­vol­len, unter ihnen natür­lich auch der legen­dä­re Sasha Bogni­bov, vor einem Aus­wahl­ko­mi­tee des Sen­ders zu einem Vor­sin­gen antre­ten, wel­ches pas­sen­der­wei­se in einer Karao­ke­bar statt­fin­det und im Sin­ne höchst­mög­li­cher Trans­pa­renz nicht nur für die Öffent­lich­keit zugäng­lich ist, son­dern auch auf der TRM-Sei­te gestreamt wer­den soll. Als ob nicht ohne­hin bereits fest­stün­de, dass dies­mal die DoRe­Dos mit ihrem Kir­ko­rov-Titel ‘My lucky Day’ gewin­nen…

Live­stream Audi­tions

You­tube-Kanal TRM

Audi­tio­nä­re:

  1. Sasha Bogni­bov – Love
  2. Anna Tim­of­ei – End­less­ly
  3. Che MD – Ini­ma-n stîn­gă
  4. Cod­rea­nu Maria – Zâm­beș­te soare­lui
  5. Rus­lan Tara­nu – Come To Life
  6. Doi­nița Gher­man – Dance In Fla­mes
  7. San­dy C & Aaron Sibley – Once Upon a Time
  8. Tolik – Glass
  9. Dima Gai­tur – Ona Moja
  10. Vera Turca­nu  – Black Heart
  11. For­ma­tia 5 Ste­le – Mal­da­vi­an Dance
  12. Tudor Bum­bac – Numai Pen­tru Tine
  13. DoRe­DoS – My Lucky Day
  14. Bost­an – Frățică
  15. Feli­cia Dun­af – Ali­en
  16. Nico­le­ta Sava – Esen­cia del Sur
  17. Lavi­nia Rusu – Altun­de­va
  18. Mari­na Cudalb – Bian­co e Nero
  19. Den­ny Fey­ton – May­be It’s Love
  20. Lau­ra Bag­rii – Da Bucu­riei
  21. Anna Odo­bes­cu – Ago­ny
  22. Illia Soro­ce­an & Dasha DaGro – Minds & Veins
  23. Bel­la Luna – Moments
  24. Shvets – The World
  25. Saidy – Beau­ty Song
  26. Cobî­le­an Con­stan­tin – Numai Tu
  27. Vio­re­la – The Gates of Love

Alex Flo­rea bezich­tigt Sal­va­dor Sobral des “Thea­ter­spiels”

Nach dem Schwe­den Robin Beng­ts­son hat sich nun auch der rumä­ni­sche Rap­per Alex Flo­rea (‘Yodel it!’) kri­tisch über den am ver­gan­ge­nen Sams­tag sieg­rei­chen Por­tu­gie­sen Sal­va­dor Sobral geäu­ßert. Wie Wiwi­bloggs rap­por­tiert, äußer­te er heu­te früh in einem live aus­ge­strahl­ten Video-Inter­view mit der rumä­ni­schen Tages­zei­tung Ade­va­rul Zwei­fel an den gesund­heit­li­chen Pro­ble­men des schlump­fi­gen Hip­sters und ver­brei­te­te die Theo­rie, es han­de­le sich dabei um Mit­leids-“Mar­ke­ting”, wie es in Cas­ting­shows an der Tages­ord­nung sei: “Sei­ne Hin­ter­grund­sto­ry funk­tio­nier­te, das Publi­kum hat es geschluckt,” so Flo­rea. Sobral war auf Anra­ten sei­ner Ärz­te erst spä­ter als sei­ne Konkurrent/innen nach Kiew ange­reist und etli­chen Pro­ben fern­ge­blie­ben, in den Medi­en mach­ten (von eini­gen Kom­men­ta­to­ren offen­sicht­lich wei­ter­ver­brei­te­te) Gerüch­te über eine lebens­be­droh­li­che Herz­er­kran­kung die Run­de, die sein Manage­ment aller­dings strikt zurück­wies. Auf Anfra­gen besorg­ter Schwur­na­lis­ten in den Pres­se­kon­fe­ren­zen in Kiew räum­te Sal­va­dor aller­dings gesund­heit­li­che Pro­ble­me ein. Der rumä­ni­sche Bad Boy kauf­te ihm das aber nicht ab: “Sal­va­dor hat kei­ne Herz­pro­ble­me, bei ihm stimmt etwas im Kopf nicht”. Er sei von sei­nem “bil­li­gen Thea­ter” ange­wi­dert, des­we­gen reagie­re er so zynisch: “Ich habe in Cas­ting­shows auch schon Pro­ble­me gehabt, aber nie zu sol­chen Tak­ti­ken gegrif­fen, um zu gewin­nen,” so der Rumä­ne, der Sobral jedoch zumin­dest zuge­stand, dass sein Song “exzel­lent” gewe­sen sei. Flo­reas jodeln­de Duett­part­ne­rin Illin­ca Băcilă zeig­te sich im glei­chen Inter­view dage­gen “glück­lich” über den Sieg des Por­tu­gie­sen: “Was Sal­va­dor tat, kann man als Kunst begrei­fen, daher herz­li­chen Glück­wunsch zum Erfolg”! Sie gra­tu­lier­te außer­dem dem Sun­Stro­ke Pro­ject aus dem Nach­bar­land Mol­da­wi­en, das für die Bron­ze­me­dail­le beim Con­test, das bes­te Ergeb­nis des Bal­kan­lan­des bis­her, vom hei­mi­schen Minis­ter­prä­si­den­ten Igor Dodon nach Bericht von Euro­voix sogar eine staat­li­che Aus­zeich­nung erhal­ten soll: “Eine super­be Show”! Der rumä­ni­sche Jodel-Rap lan­de­te beim Publi­kum auf dem fünf­ten Rang, wur­de von den Jurys aber auf den sieb­ten Platz abge­wer­tet.

Schießt mit Kano­nen auf Spat­zen: Alex Flo­rea (RO)

Fina­le 2017: Gift im Instru­ment

Es war ein denk­wür­di­ger Abend der Ver­zau­be­rung am gest­ri­gen Sams­tag in Kiew. Ein Mann schaff­te es, einem gan­zen Kon­ti­nent den Kopf zu ver­dre­hen und Mil­lio­nen von Men­schen tief in ihren Her­zen berüh­ren. Und das mit einer extrem zurück­ge­nom­me­nen Insze­nie­rung und einem völ­lig aus der Zeit gefal­le­nen Lied, das klang, als sei es für eine roman­ti­sche Film­schnul­ze aus den Fünf­zi­ger­jah­ren geschrie­ben wor­den, bei dem man im eige­nen Kopf­ki­no die jun­ge Audrey Hepburn mit trä­nen­ver­ne­bel­tem Blick durch das schwarz­weiß foto­gra­fier­te Lis­sa­bon spa­zie­ren sehen konn­te. Sal­va­dor Sobral, so der Name des kobold­haf­ten jun­gen Por­tu­gie­sen, ver­wei­ger­te sich als Ein­zi­ger der 26 Final­acts der Nut­zung der gigan­ti­schen, futu­ris­tisch auf­ge­bre­zel­ten Show­büh­ne im Inter­na­tio­na­len Aus­stel­lungs­zen­trum der ukrai­ni­schen Metro­po­le und sang statt­des­sen inmit­ten des andäch­tig schwei­gen­den, von sei­ner inti­men Dar­bie­tung eben­so wie die Fernsehzuschauer/innen tief ergrif­fe­nen Hal­len­pu­bli­kums auf der klei­nen Satel­li­ten­büh­ne ste­hend sei­ne zer­brech­li­che, hauch­zar­te Tren­nungs­schmerz­bal­la­de ‘Amar pelos Dois’, ein fle­hen­des Abschieds­lied an sei­ne Ver­flos­se­ne, in wel­cher er in poe­ti­schen Wor­ten sei­ne Trau­er, sei­ne noch immer sanft glim­men­de Hoff­nung auf eine Rück­kehr der Gelieb­ten und sei­ne Ent­schlos­sen­heit, sei­ne Lie­be nie­mals ster­ben zu las­sen, vor uns aus­goß. Was ich im Übri­gen nur weiß, weil ich die Über­set­zung sei­nes in Lan­des­spra­che ver­fass­ten Song­tex­tes geg­oogelt habe. Doch die Sprach­bar­rie­re spiel­te kei­ne Rol­le: auch ohne ein Wort zu ver­ste­hen, konn­te man die mit dem Lied ver­bun­de­nen Emo­tio­nen füh­len, ja gera­de­zu mit Hän­den grei­fen. Die Bild­re­gie des ver­an­stal­ten­den Sen­ders blen­de­te im Anschluss an sei­nen Auf­tritt in den Green Room, wo sich die arme­ni­sche Teil­neh­me­rin Arts­vik Haru­ty­un­yan gera­de ein Trän­chen aus dem Auge wisch­te und damit wohl auf den Punkt brach­te, was wir alle (oder jeden­falls alle mit einem offe­nen Her­zen) in die­sem Moment emp­fan­den. Es war eine sel­te­ner Moment der Über­wäl­ti­gung, ein Sieg der “Musik, die wirk­lich etwas aus­drückt,” wie der por­tu­gie­si­sche Adels­spross sag­te, als man ihn am Ende des Abends zur Repri­se auf die Büh­ne hol­te.

Jackett frisst Künst­ler: Hut­zel­männ­chen Sal­va­dor über­zeug­te den­noch (PT)

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Pro­ben ers­tes Semi 2017: Schüt­tel Dein Haar, wil­des Mäd­chen

Seit Sonn­tag haben die Pfor­ten des Inter­na­tio­na­len Aus­stel­lungs­zen­trums in Kiew ihre Pfor­ten geöff­net für die 42 Dele­ga­tio­nen des dies­jäh­ri­gen Euro­vi­si­ons­jahr­gan­ges und für alle beson­ders uner­schro­cke­nen Schwur­na­lis­ten, die trotz der wid­ri­gen Umstän­de um die Vor­be­rei­tun­gen und den Ticket­ver­kauf die Rei­se in die ukrai­ni­sche Metro­po­le antra­ten. Das ers­te Semi­fi­na­le ist bereits ein­mal kom­plett durch­ge­probt, für die Zurück­ge­blie­be­nen offe­riert der offi­zi­el­le You­tube-Kanal der EBU aller­dings, wie schon aus den Vor­jah­ren gewohnt, ledig­lich kur­ze, fron­tal gefilm­te Aus­schnit­te von den Auf­trit­ten. Was durch­aus Sinn macht, denn eigent­lich ver­fügt der ers­te Pro­ben­durch­gang nur über eine sehr ein­ge­schränk­te Aus­sa­ge­kraft, geht es doch zunächst haupt­säch­lich um die rich­ti­gen Kame­ra­ein­stel­lun­gen. Ein Teil der Künstler/innen tritt noch casu­al an, ohne Büh­nen­gar­de­ro­be, nie­mand ver­aus­gabt sich stimm­lich, es geht erst mal dar­um, ein Gefühl für die Büh­ne zu bekom­men und einen Ein­druck für das TV-Signal, die Dele­ga­tio­nen haben noch die Mög­lich­keit, Din­ge aus­zu­pro­bie­ren und letz­te Ände­run­gen vor­zu­schla­gen. Den­noch bloggt die ver­sam­mel­te Fan­schaft natür­lich bereits flei­ßig aus der Hal­le, und so reicht es durch­aus für ers­te Ein­drü­cke aus zwei­ter Hand. So, wie zum Bei­spiel für die beru­hi­gen­de Nach­richt, dass man trotz allem Hin und Her im Vor­feld auch in Kiew an lieb­ge­won­ne­nen Tra­di­tio­nen fest­hält: bei der aller­ers­ten Pro­be am Sonn­tag­mor­gen, zur unchrist­li­chen Stun­de von 9 Uhr deut­scher Zeit, gab es nach über­ein­stim­men­den Berich­ten im Pres­se­zen­trum zunächst kei­nen Ton. Wie jedes Jahr, ganz egal, wo die Show statt­fin­det.

Die­se Fra­ge beant­wor­tet sich von selbst!

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Euro­vi­si­on Death­match #10: Last Night a DJ took my Life

Mit ‘Mis­ter Music Man’ setz­te die Schweiz schon 1992 beim Grand Prix ein musi­ka­li­sches Denk­mal für den Beruf des Plat­ten­auf­le­gers, der uns im Euro­club mit tanz­ba­rem Stoff ver­sorgt. Und auch auf der Euro­vi­si­ons­büh­ne fin­det sich solch ein Exem­plar immer mal wie­der: hier waren erneut die Eid­ge­nos­sen bei­spiel­ge­bend, als sie 2007 ihren welt­weit erfolg­reichs­ten Musik­ex­port ent­sand­ten – und DJ Bobo im Blut­bad-Semi­fi­na­le von Hel­sin­ki sang- und klang­los raus­flog. Anders als drei Jah­re spä­ter das mol­da­wi­sche Sun­Stro­ke Pro­jekt, das mit dem Euro­dance-Titel ‘Run away’ und dem zum Inter­net-Meme avan­cier­ten Epic Sax Guy den Final­ein­zug spie­lend schaff­te. Der ist auch heu­er wie­der dabei, wenn das Hou­se-Kol­lek­tiv erneut für sein Hei­mat­land in den Ring steigt. In ‘Hey Mam­ma’ ver­sucht Front­mann Ser­ghei Ialo­vițchii die Erzie­hungs­be­rech­tig­te sei­ner neu­es­ten Flam­me von sei­nen guten Absich­ten zu über­zeu­gen – und kommt dabei ziem­lich cree­py her­über, da der Vers “Like the sun in the sea / She will disap­pe­ar ton­ight with me / I know we’re not any­mo­re / Do what other cats did befo­re” eher danach klingt, als wol­le das Fräu­lein Toch­ter im Meer ersau­fen. Und das anfäng­li­che “You won’t ever hide what you think of me” klingt dank sei­ner ver­wa­sche­nen Aus­spra­che eher nach “You won’t ever hap­pen to fin­ger me”. Ich sage mal so: hät­te ich Kin­der, ich wür­de sie ihm nicht anver­trau­en!

Und da ist er wie­der, der Epic Sax Guy! (MD)

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