WSV 2019: das Bes­te und die Res­te

Mit Rie­sen­schrit­ten nähern wir uns dem Ende der Vor­ent­schei­dungs­sai­son 2019. Mit dem Fina­le des schwe­di­schen Melo­di­fes­ti­va­len steht an die­sem Sams­tag der letz­te öffent­li­che Vor­ent­scheid an. Aus­ge­rech­net all jene Natio­nen, die zu faul oder zu gei­zig waren, einen sol­chen zu orga­ni­sie­ren, haben sich nun ver­ab­re­det, Fans und Euro­vi­si­ons­blog­ger in den Stress­in­farkt zu schi­cken, in dem sie all ihre – teils seit vie­len Wochen im Tre­sor gebun­ker­ten – Bei­trä­ge mehr oder min­der gleich­zei­tig ver­öf­fent­lich­ten. Den Beginn in unse­rer klei­nen Werk­schau macht das mitt­ler­wei­le auch von­sei­ten der EBU offi­zi­ell umbe­nann­te Nord­ma­ze­do­ni­en, das als ein­zi­ge der betei­lig­ten Natio­nen einen vali­den Grund vor­wei­sen kann, sei­nen Song heu­te – am Inter­na­tio­na­len Frau­en­tag – her­aus­zu­brin­gen. Han­delt es sich bei ‘Proud’ doch um eine Bal­la­de zum The­ma der weib­li­chen Selbst­er­mäch­ti­gung, die den zusam­men­ge­cas­te­ten deut­schen Sis­ters, die mit dem glei­chem Sujet unter­wegs sind, zeigt, wo der Ham­mer hängt. Und zwar sowohl musi­ka­lisch, wo nach einem etwas sprö­den, ver­hal­te­nen Anfang ein zwar schon hun­dert­mal gehör­ter, aber gera­de des­we­gen sofort mit­sing­ba­rer Refrain kommt und wo der Song nach einer zwei­ten Stro­phe ziem­lich unver­mit­telt in die Vol­len geht und dabei fast schon gos­pel­haf­te Qua­li­tä­ten ent­wi­ckelt.

Das Alpha­weib­chen: Tama­ra Todevs­ka führt die Schwes­tern­schaft auf die Bar­ri­ka­den. Recht so!

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Inter­pre­ten­kür 2019: Es trollt so hart im Euro­land

Hut ab: nie­mand trollt die Euro­vi­si­ons­ge­mein­de so geni­al wie San Mari­no! Ließ sich der chro­nisch klam­me Sen­der des Minia­tur­staa­tes letz­tes Jahr noch von der ehe­ma­li­gen öster­rei­chi­schen ESC-Teil­neh­me­rin Zoë Straub eine crowd­fun­ding-finan­zier­te öffent­li­che Vor­ent­schei­dung andre­hen, bei der gewann, wer am meis­ten Geld sam­mel­te, posaun­te SMRTV an Sil­ves­ter 2018 groß­spu­rig in die Land­schaft, man arbei­te der­zeit hin­ter ver­schlos­se­nen Türen “mit einem wun­der­ba­ren inter­na­tio­na­len Künst­ler” an einem Bei­trag für Tel Aviv. Und wäh­rend sich die Fan-Bub­ble in den wil­des­ten Spe­ku­la­tio­nen über mög­li­che Welt­stars erging, brach­te sich der wegen ras­sis­ti­scher Äuße­run­gen im Som­mer 2018 aus dem bri­ti­schen Big-Bro­ther-Haus gewor­fe­ne, Schön­heits-OP- und auf­merk­sam­keits­süch­ti­ge, gebür­ti­ge Bra­si­lia­ner Rodri­go Alves, auch bekannt als hoch­gra­dig tra­gi­sche “mensch­li­che Ken-Pup­pe”, selbst ins Gespräch, was man in San Mari­no genüss­lich weder bestä­tig­te noch demen­tier­te. Genau­so wenig wie die Behaup­tung der rus­si­schen Sän­ge­rin Darya­na Krai­eva, sie sei die Aus­er­wähl­te. Ges­tern nun ließ man die Kat­ze aus dem Sack. Und sie­he da: bei dem geheim­nis­um­wo­be­nen “inter­na­tio­na­len Künst­ler” han­delt es sich um einen im Wort­sin­ne alten Bekann­ten! Näm­lich um die tür­ki­sche TV-Per­sön­lich­keit Ser­hat Hacıpaşalıoğlu, der bereits 2016 die Winz-Repu­blik ver­trat. Zu Hil­fe: ich kann seit ges­tern nicht auf­hö­ren, zu lachen.

I want to pee insi­de your Mind”: Ser­hat will es noch­mal wis­sen!

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Ukrai­ni­sches Fern­se­hen stellt Aus­strah­lung ein

Extre­me Besorg­nis” äußer­te der EBU-Obers­te Noël Cur­ran heu­te in einer Pres­se­mit­tei­lung hin­sicht­lich der Lage der ukrai­ni­schen öffent­lich-recht­li­chen Sen­de­an­stalt UA:PBC, nach­dem die­se auf­grund feh­len­der Geld­mit­tel die ana­lo­ge Ver­brei­tung ihrer Pro­gram­me im Lan­de stop­pen muss­te. Die­ses Jahr habe der Sen­der, der nach den Wor­ten Currans ohne­hin “mit einem der kleins­ten Bud­gets Euro­pas” aus­kom­men müs­se, ledig­lich die Hälf­te der ihm nach den natio­na­len Fest­le­gun­gen gesetz­lich zuste­hen­den Finanz­mit­tel erhal­ten. UA:PBC zeich­net auch für die ukrai­ni­sche Euro­vi­si­ons­teil­nah­me ver­ant­wort­lich (wobei der Vor­ent­scheid Vid­bir auf einen pri­va­ten Musik­ka­nal aus­ge­la­gert wur­de, um Kos­ten zu spa­ren) und hat­te erst in die­ser Woche bekräf­tigt, in Tel Aviv an den Start gehen zu wol­len. Soll­te die Anstalt ihren Betrieb jedoch voll­stän­dig ein­stel­len müs­sen, ent­gin­gen uns künf­tig die tra­di­tio­nell spek­ta­ku­lär insze­nier­ten Bei­trä­ge des kriegs­ge­schüt­tel­ten Lan­des. Doch selbst­re­dend nicht aus die­sem Grund, son­dern wegen der im nächs­ten Jahr anste­hen­den Prä­si­dent­schafts­wah­len for­der­te die EBU die Regie­rung in Kiew heu­te auf, die ana­lo­ge Aus­strah­lung “unver­züg­lich wie­der­her­zu­stel­len und die not­wen­di­gen Mit­tel bereit­zu­stel­len, damit die öffent­lich-recht­li­chen Medi­en ihre wich­ti­ge Rol­le für die Gesell­schaft und die Demo­kra­tie in der Ukrai­ne erfül­len kön­nen.”

Gigan­ti­sche Lun­gen­flü­gel, bol­lern­de Buko­vina-Beats und lus­ti­ges Seil­sprin­gen: die Ukrai­ne weiß beim ESC bes­tens zu unter­hal­ten. Hof­fen wir, dass sie uns wei­ter­hin erhal­ten bleibt!

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Jij bent mijn Leven: Anne­ke Grön­loh ist tot

Wie Euro­fire unter Bezug­nah­me auf die nie­der­län­di­sche Tages­zei­tung De Stan­daard ver­mel­det, ist die hol­län­di­sche Euro­vi­si­ons­ver­tre­te­rin von 1964, Anne­ke Grön­loh, heu­te im Alter von 76 Jah­ren in ihrer Wahl­hei­mat Frank­reich ver­stor­ben. Zu ihren Leb­zei­ten war sie die kom­mer­zi­ell erfolg­reichs­te Künst­le­rin des Lan­des und ver­kauf­te welt­weit rund 30 Mil­lio­nen Schall­plat­ten. Die Trä­ge­rin des Ora­ni­en-Nas­sau-Ordens wur­de 1942 im damals noch unter hol­län­di­scher Besat­zung ste­hen­den Indo­ne­si­en als Toch­ter eines nie­der­län­di­schen Sol­da­ten und einer ein­hei­mi­schen Mut­ter als Johan­na Loui­se Grön­loh gebo­ren. Sie durch­leb­te dort stür­mi­sche ers­te Jah­re: im Zuge der feind­li­chen Über­nah­me der Insel­ket­te durch die Japa­ner im Zwei­ten Welt­krieg geriet Anne­kes Vater in Kriegs­ge­fan­gen­schaft, die Fami­lie leb­te in einem Lager. Nach ihrer Frei­las­sung flo­hen die Grön­lohs vor den indo­ne­si­schen Unab­hän­gig­keits­kämp­fen zurück in die Nie­der­lan­de, wo die jun­ge Anne­ke (deutsch: Änn­chen, das Dimi­nu­tiv ihres ers­ten Vor­na­mens) die Musik für sich ent­deck­te. 1959 gewann sie einen Talent­wett­be­werb und schon 1960 erziel­te sie mit ihrer aller­ers­ten Sin­gle ‘Asma­ra’ ihre ers­te gol­de­ne Schall­plat­te und einen Num­mer-Eins-Hit. Aller­dings nicht zu Hau­se, son­dern auf Malay­sia.

Anne­kes größ­ter Hit im Hei­mat­land: eine Cover­ver­si­on von ‘Hei­ßer Sand’.

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Som­mer­loch-News: Sha­la­lie, sha­la­la, MDMA

Lan­ge Wochen herrsch­te Funk­stil­le hier im Blog, denn bis auf das ermü­den­de Ping-Pong-Spiel, wel­che israe­li­sche Stadt nun gera­de im Ren­nen um die Aus­tra­gung des Euro­vi­si­on Song Con­test 2019 vor­ne liegt (aktu­el­ler Stand: Tel Aviv), tat sich nicht viel Berich­tens­wer­tes. Ver­gan­ge­ne Woche nun unter­nahm die Dreh­or­gel-Elfe Sien­eke Pee­ters (NL 2010) einen amü­san­ten Ver­such, sich aus dem Orkus des Ver­ges­sens wie­der zurück in die Schlag­zei­len zu brin­gen. Oder, genau­er gesagt, ihre Fami­lie: wie escx­tra rap­por­tier­te, wur­den Sien­ekes Groß­va­ter (der laut Pres­se­be­rich­ten bereits wegen Mor­des meh­re­re Jah­re ein­saß), ihr Onkel und ihr Bru­der fest­ge­nom­men, nach­dem ein mut­maß­lich von ihnen in Nim­we­gen betrie­be­nes Dro­gen­la­bor aus­brann­te und die Poli­zei in den Über­res­ten des als LKW-Fir­ma getarn­ten Gebäu­des ver­rä­te­ri­sches Equip­ment und ent­spre­chen­de Che­mi­ka­li­en fand. Sien­eke, die in die­sem Jahr zum zwei­ten Mal Mut­ter wur­de, zeig­te sich “scho­ckiert”. Wer hät­te gedacht, dass aus­ge­rech­net die so pie­fig wir­ken­de Schla­ger­trul­la einem hol­län­di­schen Brea­king-Bad-Clan ange­hört? Ande­rer­seits braucht es natür­lich jede Men­ge har­ter Dro­gen, um ‘Sha­la­lie, sha­la­la’ zu ertra­gen, inso­fern macht die Mel­dung Sinn.

Hor­ror­trip oder exis­ten­ti­el­le Erfah­rung: wie Sien­ekes Euro­vi­si­ons­lied wohl unter Psy­che­de­li­ka knallt?

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NL 2018: Der Teu­fel hat den Schnaps gemacht

Sei­ne drei Lieb­lings­ge­trän­ke lis­tet der nie­der­län­di­sche Euro­vi­si­ons­ver­tre­ter 2018, Wil­lem Bijkerk ali­as Way­lon, gleich in der ers­ten Text­zei­le sei­nes ges­tern Abend bestä­tig­ten Bei­trags ‘Out­law in ‘em’ auf. Und nur eines davon ist gelo­gen. Denn dass der ganz schön auf­ge­schwemmt und ver­braucht aus­se­hen­de Dima Bilan (→ RU 2006, 2008) des Wes­tens tat­säch­lich Was­ser zu sich nimmt, erscheint wenig glaub­haft. Die eins­ti­ge männ­li­che Hälf­te des legen­dä­ren Con­test-Duos The Com­mon Lin­nets (→ NL 2014), den das hol­län­di­sche Fern­se­hen bereits im Novem­ber 2017 intern zum Reprä­sen­tan­ten in Lis­sa­bon bestimm­te, nutz­te die Song­prä­sen­ta­ti­on als kos­ten­lo­se Wer­be­flä­che für sein jüngst fer­tig­ge­stell­tes neu­es Album: gleich fünf Titel dar­aus stell­te er in der ver­gan­ge­nen Woche an fünf Aben­den in einer täg­li­chen Talk­show vor. Und erst ges­tern erfolg­te die Auf­lö­sung, wel­ches (bereits von Anfang an fest­ste­hen­des) Lied es denn nun von die­sen fünf sein soll. Die Wahl fiel auf einen halb­her­zig-ver­wäs­ser­ten Abklatsch von Nickel­backs US-Hit ‘Rock­star’, des­sen nur semi-iro­ni­scher Text auch Way­lons Lebens­mot­to dar­zu­stel­len scheint.

Ver­fügt über Jon Bon Jovis nerv­tö­ten­de Nasal­stim­me, minus des­sen gutes Aus­se­hen: Wail-on.

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Die Nie­der­lan­de schi­cken den wascha­ver­sen Way­lon

Mit einem auf dem sen­der­ei­ge­nen You­tube-Kanal ein­ge­stell­ten Tea­ser­vi­deo streu­te das nie­der­län­di­sche Fern­se­hen heu­te früh Hin­wei­se auf den erneut intern bestimm­ten Ver­tre­ter des Lan­des beim Euro­vi­si­on Song Con­test 2018 in Lis­sa­bon. Der aus der Ich-Per­spek­ti­ve gefilm­te Clip ver­folgt einen täto­wier­ten Mann, der nach einer offen­sicht­lich rau­schen­den Par­ty­nacht lang­sam zu sich kommt und sich sei­nen Weg durch einen wüs­ten Hau­fen noch immer weg­ge­tre­te­ner, haupt­säch­lich weib­li­cher Schön­hei­ten und lee­rer Schnaps­fla­schen in Rich­tung Toi­let­te und Küche bahnt. Dabei schafft es der anonym blei­ben­de Haupt­dar­stel­ler, sich inner­halb von nur zwei Minu­ten gleich drei­fach auf unver­zeih­li­che Wei­se unsym­pa­thisch dar­zu­stel­len: erst wäscht er nach dem Kacken nicht die Hän­de, dann benutzt er umwelt­schäd­li­che Kaf­fee­kap­seln, und schließ­lich schmiert er sich ein Erd­nuss­but­ter­bröt­chen – ohne But­ter dar­un­ter! Würg! Das Video endet mit der Anbe­tung eines Hutes, wie wir ihn in die­ser Form schon ein­mal beim Euro­vi­si­on Song Con­test 2014 auf dem Kopf eines Teil­neh­mers gese­hen haben. Und rich­tig: heu­te Mit­tag bestä­tig­te eurovision.tv, dass der hol­län­di­sche Coun­try-Sän­ger Wil­lem Bijkerk ali­as Way­lon als Reprä­sen­tant sei­nes Lan­des auf die Grand-Prix-Büh­ne zurück­keh­ren wird. Auf Ilse de Lan­ge, mit wel­cher er damals das zweit­plat­zier­te und nicht all zu lan­ge nach dem Con­test auf­grund per­sön­li­cher und künst­le­ri­scher Dif­fe­ren­zen wie­der auf­ge­lös­te Duo Com­mon Lin­nets form­te, und gegen die er im Clip mit einer fin­gier­ten Han­dy-Mes­sa­ge einen Sei­ten­hieb aus­teil­te, müs­sen wir aller­dings ver­zich­ten. Die hät­te neben Way­lons auf­ge­bla­se­nem Ego wohl auch mitt­ler­wei­le ein­fach kei­nen Platz mehr auf der Büh­ne. Zum nie­der­län­di­schen Song äußer­te sich der Sen­der noch nicht.

Ver­brei­tet gera­de sei­ne Fäkal­bak­te­ri­en auf der Tas­ta­tur: der nie­der­län­di­sche Ver­tre­ter Way­lon.

Way­lon für die Nie­der­lan­de. Das ist…

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Cry no more: Mut­ter der O’gene-Schwestern gestor­ben

Isol­de Vol-Malee, die Mut­ter der drei dies­jäh­ri­gen nie­der­län­di­schen Euro­vi­si­ons­ver­tre­te­rin­nen Lisa, Amy und Shel­ley Vol, ist heu­te im Krei­se ihrer Fami­lie gestor­ben, wie O’gene vor etwa einer Stun­de bekannt gaben. ‘Lights and Shadows’, der von ihrem Vater mit­ver­fass­te Bei­trag der drei Schwes­tern für Kiew, war ihrer Mut­ter und ihrem jah­re­lang Kampf gegen eine sel­te­ne Art von Kno­chen­krebs gewid­met, den sie nun ver­lor. O’gene pos­te­ten auf Face­book: “Wir ver­trau­en dar­auf, dass ihre Kampf­be­reit­schaft, ihre posi­ti­ve Ein­stel­lung, ihre Aus­dau­er und ihr ewi­ges Lachen uns die Kraft geben, um wei­ter zu machen. Jetzt ist gro­ße Trau­er ange­sagt. Wir hof­fen, dass alle unse­re Pri­vat­sphä­re respek­tie­ren und uns die Ruhe und den hier­für Raum geben”. Isol­de Vol-Malee, die trotz ihrer Erkran­kung zum Fina­le nach Kiew ange­reist war, hat­te vor drei Wochen die aggres­si­ve Strah­len­the­ra­pie ein­stel­len las­sen, weil die Neben­wir­kun­gen zu stark wur­den. Sie wur­de nur 48 Jah­re alt.

What’s with the Uni­ver­se, why you”: O’gene mit ihrer Hom­mage in Kiew.

The Party’s over now: San­dra Ree­mer ist tot

Drei­mal ver­trat San­dra Ree­mer die Nie­der­lan­de beim Euro­vi­si­on Song Con­test und steu­er­te jedes­mal über­durch­schnitt­lich gute Grand-Prix-Lie­der bei: 1972 in Edin­burgh als Teil des Duos San­dra & And­res mit dem kar­ne­val­es­ken Schun­kel­schla­ger ‘Als het um de Lief­de gaat’, in Deutsch­land unter dem Titel ‘Was soll ich tun’ ein Hit­pa­ra­den­er­folg, 1976 in Den Haag mit dem nach­denk­lich-schwung­vol­len ‘The Party’s over now’ und 1979 in Jeru­sa­lem mit dem von ihrem Ehe­mann Fer­di Bol­land und sei­nem Bru­der kom­po­nier­ten, super­ein­gän­gi­gen Dis­co­schla­ger ‘Colo­ra­do’, eben­falls ein Hit in etli­chen euro­päi­schen Län­dern, hier unter dem Namen Xan­dra. In die­ser Schreib­wei­se hat­te die auf der Insel Java (damals noch eine hol­län­di­sche Kolo­nie) gebo­re­ne Alex­an­dra ihren Vor­na­men ursprüng­lich abge­kürzt. Als sie jedoch im Alter von acht Jah­ren nach der Unab­hän­gig­keit der heu­te indo­ne­si­schen Insel mit ihren Eltern in die Nie­der­lan­de kam und dort eine Ordens­schu­le besuch­te, muss­te sie auf Druck der Schwes­tern auf den “teuf­li­schen Buch­sta­ben” ver­zich­ten und sich San­dra nen­nen. Teuf­lisch lie­fer­te sie jeden­falls beim Song Con­test ab, und das nicht nur musi­ka­lisch, son­dern auch modisch: von grün geba­tik­ten Öko-Kla­mot­ten über eine Ver­klei­dung als tür­kis­far­be­ne Chif­fon-Fle­der­maus bis zu einem sei­ner Zeit vor­aus­ei­len­den, schwar­zen Mos­ki­to­netz­über­wurf mit bun­ten Deko-Drei­ecken wuss­te Frau Ree­mer stets auch visu­ell im Gedächt­nis zu blei­ben. 1983, beim Con­test von Mün­chen, kam sie noch­mals als Chor­sän­ge­rin für Ber­na­det­te Kraak­man zum Ein­satz. Spä­ter arbei­te­te sie als TV-Mode­ra­to­rin und hat­te Gala-Auf­trit­te, unter ande­rem bei Gay-Pri­de-Ver­an­stal­tun­gen. Anfang der Zwei­tau­sen­der fei­er­te sie gemein­sam mit den Song-Con­test-Kol­le­gin­nen Mar­cha Bult (→ BE 1987) und Mag­gie McNe­al (→ NL 1974, 1980) als Dutch Divas im nie­der­län­di­schen Sprach­raum noch­mals ein Come­back. 2008 grün­de­te sie eine Stif­tung, die Kin­dern in Ent­wick­lungs­län­dern eine Aus­bil­dung ermög­lich­te. Anfang 2017 dia­gnos­ti­zier­ten die Ärz­te bei der 66jährigen Brust­krebs. Heu­te starb sie in einem Kran­ken­haus in Ams­ter­dam.

Auch beim Haar­teil zeig­te sich Xan­dra ihrer Zeit vor­aus!

Fina­le 2017: Gift im Instru­ment

Es war ein denk­wür­di­ger Abend der Ver­zau­be­rung am gest­ri­gen Sams­tag in Kiew. Ein Mann schaff­te es, einem gan­zen Kon­ti­nent den Kopf zu ver­dre­hen und Mil­lio­nen von Men­schen tief in ihren Her­zen berüh­ren. Und das mit einer extrem zurück­ge­nom­me­nen Insze­nie­rung und einem völ­lig aus der Zeit gefal­le­nen Lied, das klang, als sei es für eine roman­ti­sche Film­schnul­ze aus den Fünf­zi­ger­jah­ren geschrie­ben wor­den, bei dem man im eige­nen Kopf­ki­no die jun­ge Audrey Hepburn mit trä­nen­ver­ne­bel­tem Blick durch das schwarz­weiß foto­gra­fier­te Lis­sa­bon spa­zie­ren sehen konn­te. Sal­va­dor Sobral, so der Name des kobold­haf­ten jun­gen Por­tu­gie­sen, ver­wei­ger­te sich als Ein­zi­ger der 26 Final­ac­ts der Nut­zung der gigan­ti­schen, futu­ris­tisch auf­ge­bre­zel­ten Show­büh­ne im Inter­na­tio­na­len Aus­stel­lungs­zen­trum der ukrai­ni­schen Metro­po­le und sang statt­des­sen inmit­ten des andäch­tig schwei­gen­den, von sei­ner inti­men Dar­bie­tung eben­so wie die Fernsehzuschauer/innen tief ergrif­fe­nen Hal­len­pu­bli­kums auf der klei­nen Satel­li­ten­büh­ne ste­hend sei­ne zer­brech­li­che, hauch­zar­te Tren­nungs­schmerz­bal­la­de ‘Amar pelos Dois’, ein fle­hen­des Abschieds­lied an sei­ne Ver­flos­se­ne, in wel­cher er in poe­ti­schen Wor­ten sei­ne Trau­er, sei­ne noch immer sanft glim­men­de Hoff­nung auf eine Rück­kehr der Gelieb­ten und sei­ne Ent­schlos­sen­heit, sei­ne Lie­be nie­mals ster­ben zu las­sen, vor uns aus­goß. Was ich im Übri­gen nur weiß, weil ich die Über­set­zung sei­nes in Lan­des­spra­che ver­fass­ten Song­tex­tes gegoo­gelt habe. Doch die Sprach­bar­rie­re spiel­te kei­ne Rol­le: auch ohne ein Wort zu ver­ste­hen, konn­te man die mit dem Lied ver­bun­de­nen Emo­tio­nen füh­len, ja gera­de­zu mit Hän­den grei­fen. Die Bild­re­gie des ver­an­stal­ten­den Sen­ders blen­de­te im Anschluss an sei­nen Auf­tritt in den Green Room, wo sich die arme­ni­sche Teil­neh­me­rin Arts­vik Haru­tyun­yan gera­de ein Trän­chen aus dem Auge wisch­te und damit wohl auf den Punkt brach­te, was wir alle (oder jeden­falls alle mit einem offe­nen Her­zen) in die­sem Moment emp­fan­den. Es war eine sel­te­ner Moment der Über­wäl­ti­gung, ein Sieg der “Musik, die wirk­lich etwas aus­drückt,” wie der por­tu­gie­si­sche Adels­spross sag­te, als man ihn am Ende des Abends zur Repri­se auf die Büh­ne hol­te.

Jackett frisst Künst­ler: Hut­zel­männ­chen Sal­va­dor über­zeug­te den­noch (PT)

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