Von Peli­ka­nen und Kame­len: das ESC-Fina­le 2018

Hat das Land so eine Art von Geheim­ver­trag mit dem Kar­ma? Oder wie schafft Isra­el es sonst, sei­ne Euro­vi­si­ons­sie­ge mit einer der­ar­ti­gen mathe­ma­ti­schen Prä­zi­si­on in Abstän­den von jeweils exakt 20 Jah­ren über die Grand-Prix-Geschich­te zu ver­tei­len? Und das auch noch mit einem jeweils ziem­lich ähn­li­chen Kon­zept: 1978 schaff­te es Izhar Cohen auf dem Höhe­punkt der Dis­co­wel­le mit einem tanz­ba­ren, von der uni­ver­sa­len Lie­be unter den Men­schen han­deln­den Kin­der­lied namens ‘A Ba Ni Bi’ und einer sen­sa­tio­nel­len Mar­ge-Simp­son-Fri­sur, die Jurys im Sturm zu erobern; 1998 gelang der kämp­fe­ri­schen Trans­se­xu­el­len Dana Inter­na­tio­nal mit dem Tanz­flä­chen­fül­ler ‘Diva’ der bis heu­te wich­tigs­te, weil ein unüber­seh­ba­res, die gesell­schaft­li­che Libe­ra­li­tät beflü­geln­des Zei­chen für Tole­ranz und Respekt gegen­über dem Anders­sein set­zen­de Sieg in der Euro­vi­si­ons­his­to­rie. Und nun, wei­te­re 20 Jah­re spä­ter, führt die fan­tas­ti­sche, vor selbst­be­wuss­tem Charme nur so sprü­hen­de Wucht­brum­me Net­ta Bar­zi­lai die­se pro­gres­si­ve Tra­di­ti­on fort und gewinnt mit der unglaub­lich spa­ßi­gen, eben­falls extrem tanz­ba­ren Eman­zi­pa­ti­ons­hym­ne ‘Toy’, einem so unver­krampf­ten wie kraft­vol­len Bei­trag zur aktu­el­len Femi­nis­mus­de­bat­te, die euro­päi­schen Lie­der­wett­spie­le. Wie wun­der­bar!

Sie sei eine “schö­ne Krea­tur”, behaup­tet die hier vor ihren gol­de­nen “Bären” (Peter Urban) zu sehen­de Net­ta in ihrem Song über sich selbst. Völ­lig zu Recht. Und ein Vor­bild dazu (IL).

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Ers­tes Semi 2018: Die Rück­kehr des Fast-Food-Pop

Gan­ze 53 Jah­re muss­te das klei­ne, geo­gra­fisch etwas rand­stän­di­ge und kul­tu­rell auf euro­päi­scher Ebe­ne nicht unbe­dingt mas­sen­kom­pa­ti­ble Por­tu­gal von sei­ner Erst­teil­nah­me im Jah­re 1964 bis zu sei­nem Euro­vi­si­ons­sieg 2017 war­ten. Ein ver­schro­be­ner Bar­de namens Sal­va­dor Sobral hol­te bekannt­lich den Pott und die Gast­ge­ber­schaft nach Lis­sa­bon, mit einer inti­men, aus der Zeit gefal­le­nen Tren­nungs­schmerz­bal­la­de in sei­ner Mut­ter­spra­che. Mit “Musik, die wirk­lich etwas aus­drückt”, wie es der lebens­be­droh­lich erkrank­te Adels­spross, dem es nach einer Herz­trans­plan­ta­ti­on mitt­ler­wei­le wie­der bes­ser geht, im Über­schwang sei­ner Sie­ges­an­spra­che for­mu­lier­te. Und nun das: ein Jahr spä­ter, im ers­ten Semi­fi­na­le des in der por­tu­gie­si­schen Haupt­stadt abge­hal­te­nen 2018er Grand Prix, flie­gen gleich zwei von ins­ge­samt ledig­lich drei Bei­trä­gen in Lan­des­spra­che raus, bei­des Bal­la­den. Statt­des­sen folgt ein Durch­marsch fröh­li­cher, größ­ten­teils stark cho­reo­gra­fier­ter und mit mehr oder min­der mas­si­ven Gim­micks arbei­ten­der Uptem­po­num­mern, von “Fast-Food-Pop”, wie Sobral es nen­nen wür­de. Als beken­nen­der Lieb­ha­ber von ‘Amar pelos Dois’ einer­seits und glü­hen­der Dance-Trash-Fan ande­rer­seits sage ich: gut, dass beim Grand Prix für bei­des Platz ist!

L’amour est bleu: das kom­plet­te ers­te Semi­fi­na­le des ESC 2018.

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Griff ins Klo: zwei­ter Pro­ben­tag in Lis­sa­bon

Eigent­lich gehört es zur Eröff­nungs­tra­di­ti­on des Pres­se­zen­trums, dass die dort ver­sam­mel­ten Schwur­na­lis­ten von der aller­ers­ten Pro­be aus tech­ni­schen Grün­den nichts mit­be­kom­men, weil die Lei­tung von der Hal­le noch nicht steht. Das war am Sonn­tag zwar nicht der Fall, dafür aber am heu­ti­gen Mon­tag: pünkt­lich zum Pro­ben­be­ginn um zehn Uhr lie­fen noch Tou­ris­mus­wer­be­clips in Dau­er­schlei­fe, wäh­rend in der Alti­ce-Are­na bereits das maze­do­ni­sche Duo Eye Cue auf der Büh­ne stand. Erst zum drit­ten Durch­lauf drück­te jemand den Knopf: auf den Moni­to­ren erschien, wie OnU berich­te­te, bild­fül­lend der Hin­tern der Lead­sän­ge­rin Mari­ja. Und falls sich jemand noch mit Schau­dern an das pink­far­be­ne Camel­toe-Out­fit aus dem Video zu ‘Lost and found’ erin­nert: etwas Ähn­li­ches trägt sie auch in Lis­sa­bon, nur ohne Unter­teil. Dort stol­ziert Mari­ja in einem eben­falls knall­pin­ken, rücken­frei­en Läpp­chen über die Bret­ter, wel­ches die Bli­cke auf ihr sil­ber­nes Hös­chen eher frei­gibt als bedeckt. Passt aber: dafür kommt ihr Beglei­ter Bojan halt oben­rum ohne. Der Auf­tritt wirkt genau so unstruk­tu­riert und chao­tisch wie der aus meh­re­ren Ein­zel­tei­len not­dürf­tig zusam­men­ge­tacker­te Song. Das sehen wir am Sams­tag im Fina­le garan­tiert nicht wie­der.

Lead­sän­ge­rin Mari­ja und ihr Scham­lip­pen­lap­pen.

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Con­chi­ta Wurst: “Ich bin HIV-posi­tiv”

In einem Insta­gram-Pos­ting oute­te sich die Sie­ge­rin des Euro­vi­si­on Song Con­test 2014, Con­chi­ta Wurst, heu­te als posi­tiv. Wurst erläu­tert: “Heu­te ist der Tag gekom­men, mich für den Rest mei­nes Lebens von einem Damo­kles­schwert zu befrei­en: ich bin seit vie­len Jah­ren HIV-posi­tiv. Das ist für die Öffent­lich­keit eigent­lich irrele­vant, aber ein Ex-Freund droht mir, mit die­ser pri­va­ten Infor­ma­ti­on an die Öffent­lich­keit zu gehen, und ich gebe auch in Zukunft nie­man­dem das Recht, mir Angst zu machen und mein Leben der­art zu beein­flus­sen”. Sie habe ihren Sta­tus bis­lang auch mit Rück­sicht auf ihre Fami­lie nicht kom­mu­ni­ziert, die sie aber jeder­zeit “bedin­gungs­los unter­stützt” habe. Nach eige­ner Aus­sa­ge befin­det sie sich seit der Dia­gno­se in medi­zi­ni­scher Behand­lung und liegt “seit vie­len Jah­ren unter­bre­chungs­frei unter der Nach­weis­gren­ze”, ist “damit also nicht in der Lage, den Virus wei­ter zu geben”. Die öster­rei­chi­sche Grand-Prix-Kai­se­rin hof­fe nach eige­nen Wor­ten, mit ihrem Com­ing Out “Mut zu machen und einen wei­te­ren Schritt zu set­zen gegen die Stig­ma­ti­sie­rung von Men­schen, die sich durch ihr eige­nes Ver­hal­ten oder aber unver­schul­det mit HIV infi­ziert haben”. Und auch, wenn ich immer dach­te, dass ich die vor­bild­li­che Wurst nicht noch stär­ker lie­ben und respek­tie­ren könn­te als nach ihrem Euro­vi­si­ons­sieg: heu­te hat sie mir bewie­sen, dass das geht!

Unbeug­sam und nicht klein­zu­krie­gen: die tol­le ♥ Con­chi­ta.

AT 2018: Jean­ny, quit livin’ on Dreams

Zunächst ein­mal: Hut ab, ORF! Der öster­rei­chi­sche Sen­der schaff­te es tat­säch­lich, den Bei­trag des bereits vor gerau­mer Zeit intern aus­ge­wähl­ten Cesár Sam­pson für den Euro­vi­si­on Song Con­test 2018 bis zum gewünsch­ten Ver­öf­fent­lich­tungs­ter­min, näm­lich heu­te, strikt unter Ver­schluss zu hal­ten. Das gelingt sel­ten! Hat sich das lan­ge War­ten denn auch gelohnt? Unbe­dingt: ‘Nobo­dy but you’, so der Titel, über­zeugt qua­li­ta­tiv auf gan­zer Linie. Fei­ne Gos­pel­ele­men­te mischen sich mit druck­vol­lem Pop und abwechs­lungs­rei­chen gesang­li­chen Ver­zie­run­gen. “Rag ’n‘ Bone Man trifft Hozier trifft Jus­tin Tim­ber­la­ke,” so ein You­tube-Kom­men­tar. Das lässt sich hören! Dazu erzählt Cesár eine etwas düs­te­re Geschich­te, die sich je nach Blick­win­kel als Lie­bes­lied, Tren­nungs­schmerz­bal­la­de, aber auch als Stal­ker-Song inter­pre­tie­ren lässt. Denn klar ist, dass der Prot­ago­nist sich ret­tungs­los in ein Mäd­chen ver­liebt hat – ob die­se die Gefüh­le jedoch über­haupt bzw. nicht mehr erwi­dert, bleibt ein wenig im Dun­keln.

Und erneut spielt das öster­rei­chi­sche Prä­sen­ta­ti­ons­vi­deo im tief ver­schnei­ten Win­ter­wald. Sieht ja auch ein­fach gut aus.

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San Mari­no: Give me Chan­ce to refi­nan­ce

Eine kost­spie­li­ge Ange­le­gen­heit ist die Teil­nah­me am Euro­vi­si­on Song Con­test, und gera­de die TV-Sta­tio­nen klei­ne­rer und finanz­schwä­che­rer Län­der müs­sen hier oft krea­ti­ve Wege gehen. So wie die gera­de mal 30.000 Ein­woh­ner star­ke Winz-Repu­blik San Mari­no. Jah­re­lang ließ man sich dort den Bei­trag von Ralph Sie­gel bereit­stel­len und bezah­len, was einer gewis­sen Valen­ti­na Monet­ta (→ SM 2012, 2013, 2014, 2017) zu frag­wür­di­ger Berühmt­heit ver­half. In die­sem Jahr leg­te das san­ma­ri­ne­si­sche Fern­se­hen die Ver­ant­wor­tung in die Hän­de des öster­rei­chi­schen Musik­pro­du­zen­ten Chris­toph Straub, des Vaters von Zoë (→ AT 2016), die ihrer­seits als Co-Kom­po­nis­tin an fast allen Titeln des Vor­ent­schei­dungs­for­mats 1in360 betei­ligt ist. Und gleich­zei­tig der Jury vor­sitzt, die über näm­li­che Lie­der urteilt. Vater Straub, der unter ande­rem die Crowd­s­haring-Platt­form Glo­bal Rock­star betreibt, ver­sucht nun, sich einen Teil sei­ner Aus­ga­ben bei den Fans wie­der­zu­ho­len: wer beim 1in360-Fina­le am 3. März 2018 als Zuschauer/in mit­vo­ten möch­te, muss dazu Antei­le an dem Song kau­fen, den er unter­stüt­zen möch­te. Min­dest­in­vest­ment laut Web­site: 40 Euro.

Singt die sanf­te Bal­la­de ‘Stay’: der Deut­sche Sebas­ti­an Schmidt will für San Mari­no zum Euro­vi­si­on Song Con­test 2018.

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Ave, Cesár: Öster­reich setzt 2018 auf Erfah­rung

Eben­falls noch nach­zu­rei­chen ist die mitt­ler­wei­le lei­der scho­ne eine Woche alte Mel­dung (sor­ry, Win­ter­de­pres­si­on!) über unser sym­pa­thi­sches klei­nes Nach­bar­land Öster­reich. Das hat es sich im Gegen­satz zum NDR in Euro­vi­si­ons­din­gen heu­er mal wie­der leicht gemacht und sei­nen Reprä­sen­tan­ten intern bestimmt. Und war­um auch nicht? Der vom ORF damit beauf­trag­te Talen­tes­cout Eber­hard For­cher wähl­te näm­lich offen­sicht­lich klug und ent­schied sich für den 34jährigen Song­schrei­ber, Pro­du­zen­ten und Sän­ger Cesár Sam­pson als Ver­tre­ter des Alpen­staa­tes in Lis­sa­bon. Und auch, wenn des­sen Namen bis dahin sicher­lich die wenigs­ten Öster­rei­cher kann­ten, lag sei­ne Nomi­nie­rung auf der Hand: kann der groß­ge­wach­se­ne, schmuck anzu­schau­en­de Bari­ton, der laut ORF schon Teil des Teams Con­chi­ta (→ AT 2014) war, doch eini­ge Grand-Prix-Erfah­rung vor­wei­sen und stand er sogar selbst schon auf der Euro­vi­si­ons­büh­ne, als Backing näm­lich für die fabel­haf­te Poli Geno­va (→ BG 2016). Und auch ihren Nach­fol­ger, den Sil­ber­me­dail­len­ge­win­ner Kris­ti­an Kostov (→ BG 2017) unter­stütz­te er vor Ort als Chor­sän­ger sowie, noch ent­schei­den­der, als Stimm­leh­rer (oder, wie es neu­deutsch heißt: Vocal Coach).

Hal­lo, Cesár! Ich hof­fe sehr, Du nimmst Dir kein schlech­tes Vor­bild an dem ande­ren ESC-Cezar (RO 2013) und rasierst nicht, wie die­ser, vor dem Auf­tritt Dein Dekol­le­té!

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Öster­reich will kei­ne gro­ßen Töch­ter: Con­chi­ta Wurst aus­ge­buht

Wie das Gra­tis­blatt heu­te berich­tet, muss­te sich die Sie­ge­rin des Euro­vi­si­on Song Con­test 2014, Con­chi­ta Wurst, bei einem Auf­tritt im Rah­men­pro­gramm der Beach­vol­ley­ball-WM auf der Wie­ner Donau­in­sel am ver­gan­ge­nen Sams­tag neben Applaus auch deut­li­che Buh­ru­fe gefal­len las­sen, als sie die Natio­nal­hym­ne des Alpen­staa­tes in der seit fünf Jah­ren gül­ti­gen, gen­der­ge­rech­ten Fas­sung sang: einst­mals aus­schließ­lich die “Hei­mat gro­ßer Söh­ne”, fin­den in der seit dem 1. Janu­ar 2012 offi­zi­ell ver­ab­schie­de­ten aktu­el­len Ver­si­on nun auch die “Töch­ter” des Lan­des Erwäh­nung, was vie­le Tra­di­tio­na­lis­ten auch heu­te noch immer in Wal­lung zu brin­gen scheint. Und obwohl selbst der bis­lang eher durch eine extrem kon­ser­va­ti­ve Welt­sicht auf­ge­fal­le­ne Volks­mu­sik-Kotz­bro­cken Andre­as Gaba­lier, der in der Ver­gan­gen­heit sei­ne Fans noch auf­ge­for­dert hat­te, die Hym­ne stets in der alten Fas­sung zu sin­gen, seit den der­zei­ti­gen Erfol­gen der öster­rei­chi­schen Fuß­ball­frau­en bei der EM kon­ze­diert: “Hei­mat seid’s ihr gro­ßer Töch­ter. Des muass ma jetzt wirk­lich amol sogn,” leh­ne nach einer von heu­te pas­send zum Vor­fall zitier­ten aktu­el­len Mei­nungs­um­fra­ge eine Mehr­heit von 55% der Alpenländler/innen das Gen­dern in der Spra­che ab – acht Pro­zent­punk­te mehr als noch 2014. Selbst unter den reprä­sen­ta­tiv befrag­ten Frau­en wol­len 47% im Sprach­ge­brauch lie­ber unsicht­bar blei­ben. Man kann sich schon des Ein­drucks nicht erweh­ren, dass die hei­mi­schen Alpen – so land­schaft­lich reiz­voll sie auch sein mögen – ihren Bewohner/innen auch den geis­ti­gen Hori­zont ver­stel­len…

Die hel­din­nen­haf­te Con­chi­ta.

Zu wis­sen, ich hab den Song Con­test über­lebt”: Wil­fried Scheutz ist tot

Als der “gro­ße alte Mann des Aus­tro­pop” sag­te ihn der Mode­ra­tor Pat Ken­ny beim Euro­vi­si­on Song Con­test 1988 in Irland an, bei dem Wil­fried Scheutz mit, man muss es lei­der so sagen, einem der schlech­tes­ten Euro­vi­si­ons­bei­trä­ge aller Zei­ten den letz­ten Platz und die gefürch­te­ten → Nul Points hol­te. Zu die­sem Zeit­punkt hat­te das Urge­stein der Neu­en Öster­rei­chi­schen Volks­mu­sik bereits eine beweg­te Kar­rie­re hin­ter sich: mit rocki­gen Neu­in­ter­pre­ta­tio­nen bekann­ter Volks­lie­der wie ‘Ziwui, Ziwui’ oder dem ‘Kuf­stein­lied’ und mit geni­al-skur­ri­len Pop­songs wie ‘High­del­bee­ren’ (beglei­tet von einem der legen­därs­ten Video­clips aller Zei­ten) fei­er­te er in den Sieb­zi­gern und Acht­zi­gern gro­ße Erfol­ge und schrieb sich ins kol­lek­ti­ve Musik­ge­dächt­nis der Alpen­re­pu­blik ein. Er wirk­te zudem auf dem Pre­mie­ren­al­bum der Ers­ten All­ge­mei­nen Ver­un­si­che­rung mit, wobei er sei­ne Frau Mari­na Tatic ken­nen­lern­te. Sei­ne Teil­nah­me am Grand Prix bezeich­ne­te er im Rück­blick als “Blöd­sinn”. Über den fol­gen­den, her­ben Kar­rie­re­knick sag­te er im Mai die­sen Jah­res in einem sehr bewe­gen­den Inter­view mit dem Maga­zin News: “Nach dem Song Con­test hab ich Thea­ter gespielt, weil ganz Öster­reich gewusst hat: ‘Der größ­te Trot­tel ist der Wil­fried’. Vor­her wur­de geschrie­ben ‘Das ist ein Genie’. Die öffent­li­che Mei­nung ändert sich so schnell, wie eine Tür zufällt”. Auch Freun­de hät­ten sich in die­ser schmerz­vol­len Pha­se von ihm abge­wen­det. Den­noch ste­he er zu sei­ner dama­li­gen Ent­schei­dung: “Das sind Din­ge, die mich durchs Leben brin­gen: Zu wis­sen, ich hab den Song Con­test über­lebt”. 1996 grün­de­te er die Aca­pel­la-Grup­pe 4Xang, die mit einer Mischung aus Kaba­rett und Aus­tro­pop erfolg­reich durch die Lan­de zog und bei der er mit ehe­ma­li­gen EAV-Kol­le­gen zusam­men­ar­bei­te­te. Gemein­sam mit sei­nem Sohn Hani­bal, der auch sein letz­tes, 2017 erschie­ne­nes Album ‘Gut Lack’ pro­du­zier­te, grün­de­te er 2009 zudem die Jazz­for­ma­ti­on Fathers’n’Sons. Dane­ben war er als Schau­spie­ler tätig. Erst vor weni­gen Mona­ten mach­te er bei den Aus­tri­an Music Awards sei­ne Krebs­dia­gno­se öffent­lich. Wil­fried dazu im News-Inter­view: “Es gibt Zita­te in Lie­dern, die damit zu tun haben, dass ich mir mei­ner End­lich­keit bewusst bin. Die Krank­heit hat mir Sachen eröff­net, über die ich mir vor­her kei­ne Gedan­ken gemacht habe. Wie glück­lich mich die uner­war­te­te Zuwen­dung der Leu­te machen kann, zum Bei­spiel”. Wil­fried erlag ges­tern im Kran­ken­haus von Lili­en­feld im Alter von 67 Jah­ren der tücki­schen Krank­heit.

Die­ses Jackett! Wil­fried beim Euro­vi­si­ons-Auf­tritt.

Fina­le 2017: Gift im Instru­ment

Es war ein denk­wür­di­ger Abend der Ver­zau­be­rung am gest­ri­gen Sams­tag in Kiew. Ein Mann schaff­te es, einem gan­zen Kon­ti­nent den Kopf zu ver­dre­hen und Mil­lio­nen von Men­schen tief in ihren Her­zen berüh­ren. Und das mit einer extrem zurück­ge­nom­me­nen Insze­nie­rung und einem völ­lig aus der Zeit gefal­le­nen Lied, das klang, als sei es für eine roman­ti­sche Film­schnul­ze aus den Fünf­zi­ger­jah­ren geschrie­ben wor­den, bei dem man im eige­nen Kopf­ki­no die jun­ge Audrey Hepburn mit trä­nen­ver­ne­bel­tem Blick durch das schwarz­weiß foto­gra­fier­te Lis­sa­bon spa­zie­ren sehen konn­te. Sal­va­dor Sobral, so der Name des kobold­haf­ten jun­gen Por­tu­gie­sen, ver­wei­ger­te sich als Ein­zi­ger der 26 Final­ac­ts der Nut­zung der gigan­ti­schen, futu­ris­tisch auf­ge­bre­zel­ten Show­büh­ne im Inter­na­tio­na­len Aus­stel­lungs­zen­trum der ukrai­ni­schen Metro­po­le und sang statt­des­sen inmit­ten des andäch­tig schwei­gen­den, von sei­ner inti­men Dar­bie­tung eben­so wie die Fernsehzuschauer/innen tief ergrif­fe­nen Hal­len­pu­bli­kums auf der klei­nen Satel­li­ten­büh­ne ste­hend sei­ne zer­brech­li­che, hauch­zar­te Tren­nungs­schmerz­bal­la­de ‘Amar pelos Dois’, ein fle­hen­des Abschieds­lied an sei­ne Ver­flos­se­ne, in wel­cher er in poe­ti­schen Wor­ten sei­ne Trau­er, sei­ne noch immer sanft glim­men­de Hoff­nung auf eine Rück­kehr der Gelieb­ten und sei­ne Ent­schlos­sen­heit, sei­ne Lie­be nie­mals ster­ben zu las­sen, vor uns aus­goß. Was ich im Übri­gen nur weiß, weil ich die Über­set­zung sei­nes in Lan­des­spra­che ver­fass­ten Song­tex­tes gegoo­gelt habe. Doch die Sprach­bar­rie­re spiel­te kei­ne Rol­le: auch ohne ein Wort zu ver­ste­hen, konn­te man die mit dem Lied ver­bun­de­nen Emo­tio­nen füh­len, ja gera­de­zu mit Hän­den grei­fen. Die Bild­re­gie des ver­an­stal­ten­den Sen­ders blen­de­te im Anschluss an sei­nen Auf­tritt in den Green Room, wo sich die arme­ni­sche Teil­neh­me­rin Arts­vik Haru­tyun­yan gera­de ein Trän­chen aus dem Auge wisch­te und damit wohl auf den Punkt brach­te, was wir alle (oder jeden­falls alle mit einem offe­nen Her­zen) in die­sem Moment emp­fan­den. Es war eine sel­te­ner Moment der Über­wäl­ti­gung, ein Sieg der “Musik, die wirk­lich etwas aus­drückt,” wie der por­tu­gie­si­sche Adels­spross sag­te, als man ihn am Ende des Abends zur Repri­se auf die Büh­ne hol­te.

Jackett frisst Künst­ler: Hut­zel­männ­chen Sal­va­dor über­zeug­te den­noch (PT)

wei­ter­le­senFina­le 2017: Gift im Instru­ment