Melodifestivalen 2018, Finale

Das Hochamt der Vorentscheidungssaison: als solches kann, nein, muss man das Finale des schwedischen Melodifestivalen bezeichnen. Im Land beliebter und einschaltquotenstärker als der Eurovision Song Contest selbst, verwöhnt das schwedische Fernsehen die internationalen Fans jedes Jahr mit einer fabelhaften Show, süffigen Schwedenschlagern und Comedy-Einlagen, die sich den nicht der skandivanischen Zunge mächtigen Zuschauer/innen nicht erschließen. Auch das Abstimmungsverfahren ist extra kompliziert: elf internationale Länderjurys geben – wie beim großen Contest – einzeln ihre Punkte (ganz klassisch von 1 bis 12) ab, dann werden die Anrufe und Internet-Voten in Prozente umgerechnet und diese wieder in Punkte. Und zwar so, dass die Televoter/innen genau so viele Stimmen zu vergeben haben wie die Jurys. Blöd nur, dass sich seit der Einführung der Internet-Abstimmung die Zuschauerstimmen so gleichmäßig auf die 12 Finalisten verteilen, dass es am Ende doch die Jurys alleine entscheiden. Wobei: im Hinblick auf den bekanntermaßen horriblen Geschmack der Schweden ist das gar keine schlechte Lösung…

Melodifestivalen 2018, Andra Chansen

Die „Zweite Chance“ ist eine besonders grausame, perfide Erfindung der Schweden. In fiesen Knock-Out-Duellen treten hier jeweils zwei Acts gegeneinander an, die in einer der vier vorangegangenen Semifinale den dritten oder vierten Platz belegten und sich damit nicht direkt für das Finale des Melodifestivalen qualifizieren konnten. Natürlich finden sich hier jedes Jahr die besten Songs aus den Semis, und natürlich fliegen jedes Jahr hier die besten der besten Titel gnadenlos raus, oft mit wenigen hundert Stimmen Abstand. Denn leider dürfen auch im Andra Chansen die schwedischen TV-Zuschauer/innen alleine entscheiden, und dass diese kollektiv entmündigt gehören, beweisen sie jedes Jahr aufs Neue.

Melodifestivalen 2018, 4. Semifinale

Örnsköldsvik klingt nach einer besonders hässlichen Flurgarderobe von IKEA, ist aber tatsächlich der Ort, in den heute das vierte und letzte Semifinale des Melodifestivalen gastiert. Sieben Acts stehen parat, darunter die rastahaarige Mariette (MF 2015, 2017). Wie immer gibt es zwei Abstimmungsrunden bei reinem Zuschauer/innenvoting, die beiden Stimmenstärksten wandern direkt ins Finale, die Plätze 3 und 4 in die Andra Chansen. Es moderiert Mello-Schnuckel David Lindgren (MF 20122013).

Melodifestivalen 2018, 3. Semifinale

Vorrunden-Halbzeit in Schweden: das dritte der vier Melodifestivalen-Semis gastiert in Malmö. Sieben Acts stehen parat, darunter Jessica Andersson, die sich beim ESC 2003 als Teil des Abba-Abklatsch-Duos Fame schwerer Verbrechen gegen die Musikalität schuldig gemacht hat. Wie immer gibt es zwei Abstimmungsrunden bei reinem Zuschauer/innenvoting, die beiden Stimmenstärksten wandern direkt ins Finale, die Plätze 3 und 4 in die Andra Chansen. Es moderiert Mello-Schnuckel David Lindgren (MF 20122013).

Melodifestivalen 2018, 2. Semifinale

Die zweite der vier Semis von Europas beliebtestem Eurovisionsvorentscheid, dem schwedischen Melodifestivalen, findet in Göteborg statt. Sieben Acts stehen parat, darunter die beiden jugendlich-virilen Nacktbader Samir & Viktor (MF 2015, 2016). Wie immer gibt es zwei Abstimmungsrunden bei reinem Zuschauer/innenvoting, die beiden Stimmenstärksten wandern direkt ins Finale, die Plätze 3 und 4 in die Andra Chansen. Es moderiert Mello-Schnuckel David Lindgren (MF 20122013).

Melodifestivalen 2018, 1. Semifinale

Europas beliebtester Eurovisionsvorentscheid, das schwedische Melodifestivalen, eröffnet den diesjährigen Reigen in Karlstad. Sieben Acts stehen parat, darunter der fabelhafte Schlagerpummel Kikki Danielsson (SE 1982, 1985), die an ihrem Beitrag ‚Osby Tennesse‘ selbst mitgeschrieben hat. Wie immer gibt es zwei Abstimmungsrunden bei reinem Zuschauer/innenvoting, die beiden Stimmenstärksten wandern direkt ins Finale, die Plätze 3 und 4 in die Andra Chansen. Es moderiert Mello-Schnuckel David Lindgren (MF 2012, 2013).

Robin Bengtsson: getroffene Elche blöken

Es sei ein Sieg der „echten Musik,“ so formulierte es der portugiesische Gewinner des Eurovision Song Contest 2017, Salvador Sobral, bei seiner Siegeransprache am vergangenen Samstagabend, über das, was er als wegwerfbare „Fast-Food-Musik“ bezeichnete: den inhaltsleeren Mainstreampop nämlich, der keinerlei authentische Geschichte erzähle oder keine Gefühle transportiere. Und, sind wir ganz ehrlich: die Meisten von uns werden in diesem Moment intuitiv an den klassischen, hochglanzpolierten Schwedenschlager gedacht haben, der seit Jahren den Grand Prix nicht nur für sein Heimatland dominiert. Das ging wohl auch dem diesjährigen schwedischen Vertreter Robin Bengtsson so, der mit ‚I can’t go on‘, einem geradezu prototypischen Beispiel dieser Musikgattung, auf dem fünften Platz landete. Jedenfalls kritisierte er Salvador in einem Instagram-Posting, wo er schrieb: „Glückwunsch zu Deinem Sieg, ich mag Deinen Song und die Art, wie Du ihn singst, sehr, aber ich denke, Deine Ansprache war eines Siegers nicht würdig. ‚Fast food‘-Pop kann zur richtigen Zeit und am richtigen Ort die beste Sache der Welt sein, so wie eben auch ein so schöner Song wie Deiner. Es ist Platz genug für Alle“. Der australische Teilnehmer und Jury-Liebling Isaiah Firebrace und der norwegische Sänger Alexander Walmann signalisierten in den Kommentaren zur Robins Posting ihre Zustimmung zum Gesagten.

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Finale 2017: Gift im Instrument

Es war ein denkwürdiger Abend der Verzauberung am gestrigen Samstag in Kiew. Ein Mann schaffte es, einem ganzen Kontinent den Kopf zu verdrehen und Millionen von Menschen tief in ihren Herzen berühren. Und das mit einer extrem zurückgenommenen Inszenierung und einem völlig aus der Zeit gefallenen Lied, das klang, als sei es für eine romantische Filmschnulze aus den Fünfzigerjahren geschrieben worden, bei dem man im eigenen Kopfkino die junge Audrey Hepburn mit tränenvernebeltem Blick durch das schwarzweiß fotografierte Lissabon spazieren sehen konnte. Salvador Sobral, so der Name des koboldhaften jungen Portugiesen, verweigerte sich als Einziger der 26 Finalacts der Nutzung der gigantischen, futuristisch aufgebrezelten Showbühne im Internationalen Ausstellungszentrum der ukrainischen Metropole und sang stattdessen inmitten des andächtig schweigenden, von seiner intimen Darbietung ebenso wie die Fernsehzuschauer/innen tief ergriffenen Hallenpublikums auf der kleinen Satellitenbühne stehend seine zerbrechliche, hauchzarte Trennungsschmerzballade ‚Amar pelos Dois‘, ein flehendes Abschiedslied an seine Verflossene, in welcher er in poetischen Worten seine Trauer, seine noch immer sanft glimmende Hoffnung auf eine Rückkehr der Geliebten und seine Entschlossenheit, seine Liebe niemals sterben zu lassen, vor uns ausgoß. Was ich im Übrigen nur weiß, weil ich die Übersetzung seines in Landessprache verfassten Songtextes gegoogelt habe. Doch die Sprachbarriere spielte keine Rolle: auch ohne ein Wort zu verstehen, konnte man die mit dem Lied verbundenen Emotionen fühlen, ja geradezu mit Händen greifen. Die Bildregie des veranstaltenden Senders blendete im Anschluss an seinen Auftritt in den Green Room, wo sich die armenische Teilnehmerin Artsvik Harutyunyan gerade ein Tränchen aus dem Auge wischte und damit wohl auf den Punkt brachte, was wir alle (oder jedenfalls alle mit einem offenen Herzen) in diesem Moment empfanden. Es war eine seltener Moment der Überwältigung, ein Sieg der „Musik, die wirklich etwas ausdrückt,“ wie der portugiesische Adelsspross sagte, als man ihn am Ende des Abends zur Reprise auf die Bühne holte.

Jackett frisst Künstler: Hutzelmännchen Salvador überzeugte dennoch (PT)

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Proben erstes Semi 2017: Schüttel Dein Haar, wildes Mädchen

Seit Sonntag haben die Pforten des Internationalen Ausstellungszentrums in Kiew ihre Pforten geöffnet für die 42 Delegationen des diesjährigen Eurovisionsjahrganges und für alle besonders unerschrockenen Schwurnalisten, die trotz der widrigen Umstände um die Vorbereitungen und den Ticketverkauf die Reise in die ukrainische Metropole antraten. Das erste Semifinale ist bereits einmal komplett durchgeprobt, für die Zurückgebliebenen offeriert der offizielle Youtube-Kanal der EBU allerdings, wie schon aus den Vorjahren gewohnt, lediglich kurze, frontal gefilmte Ausschnitte von den Auftritten. Was durchaus Sinn macht, denn eigentlich verfügt der erste Probendurchgang nur über eine sehr eingeschränkte Aussagekraft, geht es doch zunächst hauptsächlich um die richtigen Kameraeinstellungen. Ein Teil der Künstler/innen tritt noch casual an, ohne Bühnengarderobe, niemand verausgabt sich stimmlich, es geht erst mal darum, ein Gefühl für die Bühne zu bekommen und einen Eindruck für das TV-Signal, die Delegationen haben noch die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren und letzte Änderungen vorzuschlagen. Dennoch bloggt die versammelte Fanschaft natürlich bereits fleißig aus der Halle, und so reicht es durchaus für erste Eindrücke aus zweiter Hand. So, wie zum Beispiel für die beruhigende Nachricht, dass man trotz allem Hin und Her im Vorfeld auch in Kiew an liebgewonnenen Traditionen festhält: bei der allerersten Probe am Sonntagmorgen, zur unchristlichen Stunde von 9 Uhr deutscher Zeit, gab es nach übereinstimmenden Berichten im Pressezentrum zunächst keinen Ton. Wie jedes Jahr, ganz egal, wo die Show stattfindet.

Diese Frage beantwortet sich von selbst!

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Eurovision Deathmatch #18: Ich will keine Schokolade

Ging es im gestrigen Eurovision Deathmatch um eine der Basiszutaten des Wettbewerbs, nämlich die kitschige Ballade, so kommen wir heute zu einer anderen: dem tanzenden Schönling. Auf den Geschmack der Hauptzielgruppe zugeschnittene, gut aussehende junge Männer, die sich zu beatbetontem Pop anmutig im Gleichschritt bewegen: dies ist einer der wichtigsten Gründe, warum der Eurovision Song Contest sich solch großer Beliebtheit erfreut. Auch 2017 finden sich einige dieser Exemplare im Line-up – wenn auch, wie immer, leider viel zu wenige. Zwei von ihnen treten heute im Zweikampf um Leben und Tod gegeneinander an. Zuerst steigt mit Imri Ziv der aus einer Castingshow hervorgegangene israelische Vertreter in den Ring, der neben seinem hinreißenden Aussehen (die Prinz-Blogger-Wahl zum schönsten Schönling 2017 gewann er aus dem Stand) auch Grand-Prix-Erfahrung in die Waagschale werfen kann: bereits 2015 und 2016 begleitete er die Repräsentanten seines Landes als Tänzer und Chorsänger. Mit dem zeitgemäß produzierten, uptemporären ‚I feel alive‘ verbreitet er optimistischen Frohsinn ohne all zu große textliche Schwere, kann aber trotz des sommerlichen Tanz-Flashmobs am Strand von Tel Aviv im Begleitvideo nicht ganz mit dem großen Vorbild ‚Golden Boy‘ mithalten. Es hat leider etwas von einem Beitrag aus der zweiten Reihe mit einem Sänger aus der zweiten Reihe. Ein bisschen ist es so, als habe man bei der Losbude auf dem Rummel nur den Trostpreis gezogen – wenn auch keinen all zu schlechten.

Dafür mag ich die Israelis: schöne Männer mit nettem Uptempo-Pop (IL)

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Schweden 2017: Hier kommt der Trostpreis

Auch Schweden, spirituelles Mutterland des Eurovision Song Contest, schließt sich 2017 dem europaweiten Vorentscheidungstrend an, bei dem die Jury sich in den meisten Auswahlverfahren, an denen sie beteiligt war, über den Willen der Zuschauer/innen hinwegsetzte. Und, so ungern ich das als bekennender Juryhasser zugebe, zumindest im vorliegenden Fall dabei die bessere Entscheidung traf. Sofern man beim Melodifestivalen 2017 von „besser“ sprechen konnte, in dessen Finale sich in diesem Jahr ein ziemlich enttäuschendes Aufgebot versammelte. Als gewissermaßen Einäugiger unter den Blinden gewann mit einem massiven Stimmenvorsprung bei den internationalen Juroren das (beim Publikum drittplatzierte) Botoxgesicht Robin Bengtsson, im letzten Jahr noch Fünfter mit dem Titel ‚Constellation Prize‘ (‚Trostpreis‘), was auch heuer irgendwie treffend gewesen wäre. Sein aktueller Discoschlager ‚I can’t go on‘ lieferte indes exakt das, was Grand-Prix-Fans europaweit von einem schwedischen Beitrag erwarten: eine starke Melodie, eine catchy Hook, eine fehlerfrei exerzierte, bis zur Bewusstlosigkeit einstudierte Choreografie und ein nettes Bühnengimmick in Form eines überbreiten Laufbandes, auf dem Robin und seine drei Begleiter zum Dreiviertelplayback (d.h. mit massivem Einsatz von Stimmen vom Band) performten. Und tatsächlich erwischten die Jurys unter dem übrig gebliebenen Angebot meinen persönlichen Lieblingssong, der allerdings ein wenig unter der blasiert-nervengiftgelähmten Ausstrahlung seines Interpreten litt, der sowohl lyrisch als auch optisch den Eindruck erweckte, er habe seinen Sensibilisierungskurs für Gleichstellungsfragen auf der Trump-Universität abgeschlossen.

Seine Gespielin muss schon eine Zehn sein: Robin Bängt-Sohn (SE)

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Mello-Schocker: respektlose Schweden schmeißen Loreen raus!

Es ist fraglos der absolute Schocker der Vorentscheidungssaison 2017: in der Andra Chansen (AC), dem Duell der Mittelfeldplatzierten aus den Melodifestivalen-Vorrunden der vier vergangenen Samstage, scheiterte am heutigen Abend die Eurovisionsgewinnerin von 2012, die große Loreen, mit ihrem düsteren Titel ‚Statements‘, einem eher als artifizielles Gesamtkunstwerk denn als fröhlich-leichte Popkost zu degustierendem Song, an den offensichtlich komplett geschmacksgestörten schwedischen Televoter/innen. Und als wäre der Umstand, dass die einstige Eurovisionsheldin sich überhaupt der Erniedrigung der Zweiten Chance aussetzen musste, nicht schon beschämend genug für das skandinavische Völkchen, so vergrößerte der Mello-Verantwortliche Christer Björkman, seines Zeichens Letztplatzierter von 1992, die Schmach noch ins Unendliche, in dem er die Grand-Prix-Legende gegen ein blasses Milchbübchen namens Anton Hagman antreten ließ. Einen völligen Newcomer also, jemanden, den ein künstlerisches Schwergewicht wie Loreen eigentlich mit links von der Bühne fegen sollte. Nun ist ‚Statements‘ zugegebenermaßen kein eingängiges, leicht konsumierbares Liedlein, sondern sperrig und anspruchsvoll, aber am heutigen Abend von Loreen und ihren Tanzzombies überzeugend in Szene gesetzt. Und Hagmans seherisch betiteltes ‚Kiss you goodbye‘ bot nun überhaupt keinerlei musikalischen oder künstlerischen Nährwert. Es war ein absolutes Nichts von einem Titel, dargeboten von einem absoluten Nichts von Sänger – und der konnte die kommerziell erfolgreichste Eurovisionsgewinnerin dieses Jahrzehnts besiegen? Was da heute Abend in Land der Elche und Schraubregale geschah, ist an Respektlosigkeit und kultureller Ignoranz kaum zu überbieten. Es lässt mich an meiner bisherigen leidenschaftlichen Ablehnung der Bevormundung des Publikums durch die Jury ernsthaft zweifeln und mich meinen Ruf zur kollektiven Entmündigung der Schweden erneuern.

Müssen nun wieder in den Sumpf zurück: Loreen und ihre untoten Moorleichen (SE)

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