Atemlos durch die Balladennacht: die Remixe sind da!

Nachdem am gestrigen Supersamstag die letzten öffentlichen Vorentscheide der Eurovisionssaison 2017 über die Bühne gingen und wir noch immer auf die vier bzw. fünf letzten intern ausgewählten Beiträge für Kiew warten (als da wären: der für den heutigen Abend gegen 18 Uhr angekündigte, angeblich von einem international bekannten Duo interpretierte sanmarinesische Song; der für den morgigen Montag beworbene bulgarische Beitrag; das erst für den kommenden Samstag annoncierte, von Artsvik gesungene armenische Lied; die bereits angekündigte anglifizierte Fassung des albanischen Songs ‚Botë‘ alias ‚World‘ sowie der russische Beitrag – wobei es immer unwahrscheinlicher wird, dass das mit dem Gastgeberland Ukraine kriegerisch verfeindete Land überhaupt teilnimmt), haben neben Weißrussland nun noch weitere Teilnehmernationen aufgefrischte Fassungen ihrer Songs für Kiew vorgestellt. So zum Beispiel die Schweizer, die das hoffnungslos öde ‚Apollo‘ von Timebelle musikalisch deutlich aufdramatisierten und auch die Stimme ihrer rumänischstämmigen Leadsängerin im Tonstudio mit dem Dampfstrahler behandelten. Hilft natürlich auch alles nichts mehr, aber den Versuch war’s wert.

Prominent verpackt: Zeus und Apollo, die eidgenössischen Wunderwaffen (CH)

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Schweiz 2017: Timebelle sinkt im Semi

Sie führte bereits im Vorfeld in allen einschlägigen Fan-Polls, das Schweizer Fernsehen ließ sie extra auf dem letzten Startplatz antreten, dem Pimp Slot, die Leadsängerin Miruna Manescu trug das klassischste Abendkleid und sang von allen sechs Kombattantinnen am wenigsten schief – natürlich gewann, zu niemandes Überraschung, die rumänischweizerische Band Timebelle (mit knapp der Hälfte der Zuschauerstimmen sehr überzeugend) die heutige helvetische Entscheidungsshow. Damit kehren die Eidgenossen zum bewährten Konzept des internationalen Interpreten-Imports zurück: Miruna und ihre zwei Begleitungen stammen aus dem Niedriglohn-EU-Ausland. Ihr Lied ‚Apollo‘, ein völlig belangloser Midtemposeich, bildet musikalisch den Durchschnitt sämtlicher aserbaidschanischen und dänischen Eurovisionsbeiträge der letzten acht Jahre ab und klingt wie schon tausendmal gehört. 2015 boten es seine Songschreiber bereits beim Vorentscheid im Land des Feuers an, wie der in die Auswahl involvierte Wiwiblogger William Lee Adams twitterte.

Die Definiton von „meh“: Timebelle

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Perlen der Vorentscheidungen: das ist die Tessiner Luft

Ach, Helvetia! Du machst es mir wirklich schwer. Gerne mal wurde mir von Leser/innen aus dem Land der Toblerone und der Kantone in den vergangenen Jahren vorgeworfen, ich betriebe Schweiz-Bashing oder habe gar persönlich etwas gegen die Eidgenossen. Was von der Wahrheit nicht weiter entfernt sein könnte: nur enttäuschte Liebe war’s, die aus mir sprach. Kredenzten unsere südlichen Nachbarn mit der für die Verzweifelten und Beladenen aus aller Welt sperrangelweit offenen Internet-Vorrunde ihrer Großen Entscheidungsshow doch lange Jahre ein unerschöpfliches Füllhorn des von mir so heiß geliebten Abseitigen und Schrägen – nur, um dann all diese Perlen zielsicher auszusortieren und im nationalen Vorentscheid zu meiner Bestürzung stets die gleichen, sterbenslangweiligen Variationen von beige anzubieten, von denen das Wahlvolk mit traumwandlerischen Sicherheit jeweils die ödeste zum Grand Prix delegierte. Diesmal freilich blieben die Pforten des Internet-Hades fest verschlossen: im Geheimen wählte eine Jury gestern Abend unter 21 Vorsingenden – übrig geblieben aus 160 von der gleichen Jury vorselektierten Bewerbungen – die sechs Sängerinnen für die Entscheidungsshow am 5. Februar 2017 aus. Und es sind, so leid es mir tut, das sagen zu müssen, erneut sechs Variationen von beige. Brave Damen (eine begleitet von einer Band) mit braven Liedern: nichts Kontroverses, nichts Aufregendes, nichts Originelles, noch nicht mal etwas unfreiwillig Komisches wie seinerzeit Lys Assias legendärer Renterinnen-Rap ‚All in my Head‘. Am wenigsten einschläfernd noch die leicht geschürzte Tessiner Ginta Biku, die mit ihrem franko-anglophonen Billigschlager ‚Cet Air la‘ den von der österreichischen Pilz-Prinzessin Zoë (→ 2016) ins Eurovisionsdickicht geschlagenen Trampelpfad plattwalzt, in Begleitung dreier grazil-gymnastischer Tänzer frisch von der Olivia-Lewis-Schule für geile Grand-Prix-Choreografien und zweier stimmstarker schwarzer Chorsängerinnen. Auch kein Final-Stoff zwar, so wie alle sechs Vorentscheidungstitel, aber zumindest leidlich unterhaltsam. Doch wetten, dass die Eidgenossen auch dieses Stück links liegen lassen werden, nur um es mir wieder schwer zu machen? Seufz!

Könnte so auch beim ukrainischen Vorentscheid antreten, und das ist als Lob gemeint: Ginta Biku

Die Schweiz schließt die Pforten des Internet-Hades

Nicht nur der NDR will nach den schlechten Ergebnissen der letzten Jahre seinen Vorentscheid neu aufstellen: auch das Schweizer Fernsehen nimmt gravierende Neuerungen an der nationalen Vorauswahl vor, wie der deutschsprachige Sender SRF heute Morgen bekannt gab. Dabei entfällt zu meinem großen Bedauern der bisherige Internet-Vor-Vorentscheid, der stets als schier unerschöpfliche Fundgrube des herrlichsten Song-Trashs diente. Fürderhin sichtet eine rund zwanzigköpfige Fachjury ganz alleine die eingereichten Beiträge und siebt aus allen Einsendungen zirka 20 Songs aus. Anschließt bestellt sie deren Interpreten zum Vorsingen ein, wo sie die Auswahl dann auf etwa acht Titel dezimiert, mit denen der Vorentscheid am Sonntag, dem 5. Februar 2017, bestückt wird. Die bisherige Quotenregelung, nach welcher die drei helvetischen Landessender jeweils eine fixe Zahl an Songs benennen, entfällt. Um die Flut der Einsendungen der Hoffnungslosen und Beladenen aus ganz Europa etwas einzudämmen, müssen die Beiträge künftig „zwingend einen Schweizer Bezug haben,“ d.h. entweder der Interpret, der Komponist oder der Texter muss Eidgenosse sein oder im Land wohnen. Beim Vorentscheid selbst entscheidet dann das Publikum alleine. Also, kurz zusammengefasst: weniger Demokratie bei der Vorauswahl, dafür mehr im nationalen Finale. Die entscheidende Frage bleibt jedoch, ob es der Jury und den Zuschauern gelingt, ausnahmsweise mal nicht das Langweiligste aus dem Angebot herauszupicken, sondern endlich mal einen mutigen Beitrag zu schicken. Lassen wir uns überraschen!

Der beste schweizerische Beitrag ever: die Swiss Lady (1977)

Zweites Semifinale 2016: der sich den Wolf tanzt

Måns ist sehr enttäuscht“: das war er, der Satz des Abends, gesprochen vom deutschen Kommentator Peter Urban, nachdem Gastgeberin Petra Mede direkt im Anschluss an den Auftritt des Weißrussen Ivan informierte, dass dieser ursprünglich nackt und in Begleitung von Wölfen zu performen gedachte, was die EBU im Hinblick auf die Regeln leider verbieten musste. Zum Missfallen des komoderierenden Vorjahressiegers, der gerade hinter Petra die Bühne enterte – im Adamskostüm, leider mit einem strategisch platzierten Plüschwolf vor dem Gemächt. Wie dankbar bin ich dem Schweden dafür, dass er ein dergestalt schamlos selbstverliebter, zeigefreudiger Exhibitionist ist, der wirklich keine Gelegenheit auslässt, seinen durchtrainierten Körper möglichst textilfrei der Öffentlichkeit zu präsentieren. Und wie dankbar bin ich den Schweden dafür, dass sie mit solch einer Leichtigkeit durch diesen Abend führten und die Show mit einem wunderbaren Mini-Musical eröffneten, das uns in vier Minuten darüber aufklärte, was die Eurovision eigentlich ist und dabei so fachlich akkurat wie herrlich selbstironisch daherkam. Der Stimmauszählungs-Überbrückungsact ‚Man vs. Machine‘, eine Art Hommage an die Tanzszenen aus dem Achtzigerjahre-Streifen ‚Nummer 5 lebt‘, fiel gegen das bewegende Flüchtlingsballett vom Dienstag zwar etwas ab, ergab aber dennoch eine schöne Pausenunterhaltung. SVT: 12 Points!

Nicht nur Måns ist enttäuscht – ich ebenso: von der Größe seines, ähm, Wolfs!

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Kleiderkatastrophen und Gänsehaut: die Proben zum zweiten Semi 2016

Und weiter geht’s mit der noch ausstehenden Kommentierung zu den ersten Probedurchläufen des zweiten Semifinales. Der Lette Justs darf dieses mit seinem von der Vorjahresteilnehmerin Aminata geschriebenen Elektrokracher ‚Heartbeat‘ eröffnen, ebenso wie die Proben am Mittwoch. Dort gab er schon mal alles, was ihm zwar Lob bei den Bloggern eintrug, sich im dritten Durchgang dann aber stimmlich bemerkbar machte. Haushalten mit den Kräften ist hier die Devise! Leider müssen wir erneut auf den Riga-Biber verzichten, ansonsten gibt es eine visuell etwas aufgebügelte Version des Vorentscheidungsauftritts, was auch gut funktioniert. Nur die Paola-Gedächtnis-Föhnwelle von Justs stört mich nach wie vor. Kann man den nicht zwangsfrisieren? Gewagte modische Statements auch von Michał Szpak: der Pole absolvierte seine erste Probe in einer uniquen, ärmellosen, silbernen Jacke, die er in den folgenden Durchgängen ablegte, um uns mit einem schwarzen Tanktop zu erfreuen. Sieht man an unaufgepumpten, langhaarigen Dauerwellenträgern ja sonst eher selten! Lustig: drei seiner Backings sind als Violinistinnen getarnt, der ersten fehlte allerdings zunächst das Instrument, so dass sie einen kleinen Maraaya-Luftgeigen-Moment (SI 2015) improvisieren musste. Damit wir dem Schwulst seines Textes nicht entfliehen können, werden die Keywords von ‚Color of your Life‘ auf dem Bühnenhintergrund eingeblendet. Muss das denn sein?

Wer hat die Geige geklaut? (PL)

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Von Göteborg nach Stockholm: ein Kessel Buntes vom Vorentscheid

Meine Güte, was ein Stress: in Köln fanden heute bereits die ersten Generalproben statt für den morgigen deutschen Vorentscheid Unser Lied für Stockholm, bei denen tatsächlich alles auf die langweiligste Option hinauszulaufen scheint; auf den Song, der mich am kältesten lässt: auf das farblose ‚Ghost‘ von Castingshow-Sternchen Jamie Lee Kriewitz nämlich. Gähn. Doch so viel ist noch nachzuholen, so viele Ereignisse stapeln sich noch aus den letzten Tagen, dass sie nur noch in chronologischer Reihenfolge abzuarbeiten sind. Beginnen wir mit dem Halbfinale der lettischen Supernova vom vergangenen Sonntag: dort passierte zwar musikalisch nichts Neues mehr, ging es ja nur noch um das Eindampfen der Finalteilnehmer/innen. Um so lustiger die unvermittelte Zwangspause, als LTV unmittelbar nach dem Auftritt der Band Catalepsia, auf den eigentlich die übliche Kommentierung durch die Jury folgen sollte, plötzlich die Werbung einspielte. Die im Internetstream nicht gezeigt wird, weswegen die internationalen Zuschauer sahen, wie Superbärchen und 2009-Vertreter Intars Busuli, der gerade zu seinem Vortrag ansetzen wollte, rüde aus dem Off abgewürgt werden musste. Auch der zur Publikumsbespaßung in den Pausen eigens eingekaufte Riga Biber wurde von den Geschehnissen überrascht und konnte nicht sofort einspringen. Als Auslöserin des ganzen Chaos entpuppte sich indes eine andere Supernova-Teilnehmerin, Samanta Tīna.

Komm, wir trinken erst mal ein Glas Wein: Leckerli Intars weiß, wie man Pausen überbrückt (LV)

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Die Schweizer wollen die Letzten sein

Zeitgleich mit Dänemark wählte heute Abend auch die Schweiz ihren Beitrag für den Eurovision Song Contest. Und ähnlich wie bei unseren nördlichen Nachbarn griffen auch unsere südlichen dabei so richtig ins Klo. Letztes Jahr gewann die russische Blondine Polina Gagarina in Wien bekanntlich beinahe den Bewerb – warum also nicht einen optischen Abklatsch nach Stockholm schicken, abzüglich der Ausstrahlung und des stimmlichen Talents? So ähnlich muss wohl die Überlegung ausgesehen haben bei den helvetischen Jurymitgliedern und Televotern, anders lässt sich der Sieg der in Kanada aufgewachsenen Christina Maria Rieder alias Rykka nicht erklären. Oder war es gar dies: der Bezug zu Kanada, Herkunft der letzten schweizerischen Siegerin, Céline Dion (1988)? Ich weiß es nicht, sicher scheint mir nur: mit ‚The Last of our Kind‘, dieser mittellahmen, tausend mal gehörten Midtempoballade ohne jeden Funken von Innovation oder Eigenständigkeit, wird Rykka Ähnliches wie Polina oder Céline nicht gelingen. Zumal sie es erst gar nicht ins Finale schaffen dürfte, vor allem nicht, wenn es bei der heute Abend gezeigten schrecklichen Gesangsleistung bleibt. Über das brave weiße Kleidchen und den Frisurenunfall sowie die einfallslose Präsentation auf einen Plexiglastischchen soll des Kommentators Höflichkeit lieber schweigen.

Die letzte ihrer Art (nämlich der stimmschwachen Dauerwellenopfer) wird Rykka sicher nicht bleiben

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Rettet eine Disqualifikation die Schweiz?

Unerhörtes trug sich heute in der Schweiz zu. Dort hatte, so viel kurz zur Vorgeschichte, am 6. Dezember 2015 die senderinterne Jury des deutschschweizerischen Senders SRF aus den wenigen Vorschlägen, welche die Internet-Vorrunde des dortigen Auswahlverfahrens überlebt hatten, die sechs Untauglichsten für das Finale am 13. Februar 2016 in Kreuzlingen herausgesucht. ‚Holz vor dr Hüttn‘ von Platzhirsch, der einzige Song mit guten Chancen im internationalen Wettbewerb, blieb dabei natürlich auf der Strecke. Heute aber mussten die Züricher einen der ausgewählten Beiträge, ‚Perché mi guardi cosi?‘ von Stéphanie Palazzo, disqualifizieren – die Dame hatte das Lied vor zwei Jahren bereits in einer französischen Fassung veröffentlicht. Ups! Das multikulturell aufgestellte Quintett Kaceo aus Bern rückte nach  – und damit könnte sich das Skandälchen noch als Glücksfall entpuppen. Denn ‚Disque d’Or‘ erweist sich als ganz unterhaltsamer Stilmix aus akkordeonsattem Folk, tanzbarem Pop und gitarrengeschwängertem Hardrock: ein bisschen ungelenk noch hie und da, macht aber Spaß! Und außerdem muss der Song ohnehin noch um über eine Minute gekürzt werden, da kann man auch noch den Feinschliff machen. Danke also an Frau Palazzo, dass sie – wenn auch unfreiwillig – den Platz geräumt hat und nun wenigstens ein erträglicher Titel dabei ist bei der Großen Entscheidungsshow im Februar!

Herren im Bad: Kaceo geben alles für den Erfolg

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Die Schweizer haben Holz vor der Hütte

Eine Runde weiter ist man beim kompliziertesten Vorentscheidungsverfahren der Welt, in der Schweiz. Dort haben die User/innen in der Internet-Vorauswahl der Deutschschweiz abgestimmt, anschließend hat die senderinterne Jury das Ergebnis nach eigenem Gusto korrigiert. Zehn Titel kamen weiter, darunter zu meinem großen Erstaunen sogar ein brauchbarer: der Aprés-Ski-Kracher ‚Holz vor dr Hütta‘ des Gaudi-Kollektivs Platzhirsch rund um Rapper Gimma, meines Erachtens der einzige Song, mit dem die Eidgenossen auf internationaler Bühne für Aufsehen sorgen könnten. Ausgesiebt wurden erwartungsgemäß alle wirklich großartigen Knüller wie Inge Ginsberg und die ‚Trümmer‘. In die Kategorie „nett“ fällt die lieblich plätschernde Country-Banjo-Weise ‚Ooops‘ von Sunada. Chancen beim Publikum dürfte zudem die kitschige Flüchtlingsballade ‚No Boundaries‘ von Patric Scott mit Abdullah Alhussainy haben, bei der mir allerdings die Füße einschlafen.

Die Playlist: die sechs helvetischen Beiträge, bei denen man nicht sofort vor Langeweile stirbt, in absteigender Reihenfolge

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