FI 1966: Auf der Stra­ße nach Süden

Eine noch heu­te vom NDR beim deut­schen Vor­ent­scheid ger­ne ange­wand­te Abstim­mungs­tech­nik führ­te der fin­ni­sche Sen­der YLE erst­ma­lig 1966 als Neue­rung ein: das Super­fi­na­le. Wie nicht anders zu erwar­ten, stell­te sie ihre Unge­eig­net­heit gleich bei der Pre­miè­re unter Beweis. Zum einen stand die Sie­ge­rin des Abends, die damals 22jährige Eurovi­isukar­sin­ta-Novi­zin Ann-Chris­ti­ne Nyström mit ihrem fröh­lich-belang­lo­sen Schla­ger­lein ‘Play­boy’, eigent­lich bereits nach der ers­ten Jury­ab­stim­mung fest, in wel­cher sie mit zwei Zäh­lern Vor­sprung vor den bei­den punkt­gleich zweit­plat­zier­ten Bal­la­den ‘Muis­to­jen Bule­var­di’ von Lai­la Kinn­unen (→ FI 1961) und ‘Vie­ras rakastettu­ni’ (‘Frem­de, die ich lie­be’) von Vik­tor Kli­men­ko (→ FI 1965) führ­te. Den­noch muss­te die sel­be Jury anschlie­ßend die­se drei Titel noch ein­mal neu bewer­ten, wobei sich der ‘Play­boy’ wenig über­ra­schend erneut durch­setz­te, dies­mal mit deut­lich grö­ße­rem Abstand. Denn natür­lich ver­teil­ten sich bei die­ser Drei­er­kon­stel­la­ti­on die Stim­men der Bal­la­den­freun­de rela­tiv gleich­mä­ßig auf die bei­den lang­sa­men Lie­der, wäh­rend die Anhän­ger flot­te­ren Lied­gu­tes uni­so­no für Ann-Chris­ti­ne stimm­ten. Hät­te anstel­le von Kli­men­kos halb­ga­rem Gei­gen­ge­schnul­ze ein zwei­ter Uptem­po-Titel zur Aus­wahl gestan­den (der sich aller­dings unter den neun Bei­trä­gen die­ses Jahr­gangs, aus denen sich allen­falls noch Tama­ra Lunds jaz­zig-ele­gan­te Betrach­tung über ‘Nas­sen Asphalt’ ein wenig her­aus­hob, nicht fin­den ließ), wäre Finn­land in die­sem Jahr frag­los auf Lai­las von zahl­lo­sen Akkor­de­on­spie­lern gesäum­ten, nost­al­gie­ver­ne­belt-tief­me­lan­cho­li­schen ‘Bou­le­vard der Erin­ne­run­gen’ gen Luxem­burg gewan­delt. So aber folg­te Frau Nyström dem Bei­spiel Mari­on Rungs (→ FI 1962, 1973) und ver­such­te ver­ge­bens, die für die Fin­nen so nach­tei­li­ge, in die­sem Jahr erst schrift­lich fixier­te → Spra­chen­re­gel mit einer inter­na­tio­nal ver­ständ­li­chen Titel­zei­le zu umschif­fen.

Mer­ke: volu­mi­nö­se Haar­hel­me, auch wenn modisch gera­de ange­sagt, las­sen schmal geschnit­te­ne Gesich­ter optisch noch län­ger erschei­nen.

Vor­ent­scheid FI 1966

Suo­men Eurovi­isukar­sin­ta. Sams­tag, 22. Janu­ar 1966, aus den YLE-Fern­seh­stu­di­os in Hel­sin­ki. Neun Teilnehmer/innen. Mode­ra­ti­on: Tuula Igna­ti­us + Ris­to Vana­ri.
#Interpret/inTitelPunk­tePlatz
01Tama­ra LundMär­k­ää Asfalt­tia08 | –5
02Ilk­ka Rin­neSyys­ro­mans­si04 | –9
03Caro­la Stan­dertsk­jöldMeren Lau­lu07 | –7
04Vik­tor Kli­men­koVie­ras rakastettu­ni20 | 253
05Lai­la Kinn­unenMuis­to­jen Bule­var­di20 | 292
06Dan­nyPie­ni sana05 | –8
07Mar­jat­ta Lep­pä­nenAamu­yön tans­si08 | –5
08Las­se Mår­ten­sonKen hän on13 | –4
09Ann-Chris­ti­ne NyströmPlay­boy22 | 541

FI 1963: I am what I am

Viel Mühe hat­te sich das fin­ni­sche Fern­se­hen YLE gege­ben mit sei­ner drit­ten Euro­vi­si­ons­vor­ent­schei­dung, der Suo­men Eurovi­isukar­sin­ta 1963. Acht Titel hat­te man kom­mis­sio­niert, dar­un­ter Stü­cke mit so viel­ver­spre­chen­den Titeln wie ‘Pim­pu­la vei’ (‘Ver­flucht’): kei­ne Spra­che klingt so gangs­ter­mä­ßig und eig­net sich so gut zum Flu­chen wie das Fin­ni­sche! Wie sei­ner­zeit üblich, wur­den alle Bei­trä­ge jeweils von zwei ver­schie­de­nen Künstler/innen ein­ge­sun­gen, in unter­schied­li­cher Instru­men­tie­rung, um den Fokus der zwei­hun­dert­köp­fi­gen (!) Lai­en­ju­ry weg vom Inter­pre­ten und hin zum Song zu len­ken. Dies gelang jedoch nur sehr ein­ge­schränkt (wie auch, schließ­lich bil­det bei­des eine untrenn­ba­re Ein­heit), und nicht immer unbe­dingt zum Vor­teil der Künstler/innen. So gab bei­spiels­wei­se eine der Abstim­mungs­be­rech­tig­ten, eine Bäue­rin aus Mit­tel­finn­land, spä­ter der Pres­se zu Pro­to­koll, ihr Lieb­lings­bei­trag sei eigent­lich das jaz­zig-ver­ruch­te ‘Olen mikä olen’ (‘Ich bin, was ich bin’) in der Inter­pre­ta­ti­on von Tama­ra Lund gewe­sen, ein durch­aus anre­gen­des Stück wie aus einem James-Bond-Strei­fen. Wegen der dezent auf­rei­zen­den, an die Gren­zen des damals Schick­li­chen gehen­den Prä­sen­ta­ti­on durch die Sän­ge­rin und Schau­spie­le­rin habe sie aber nicht öffent­lich für das Lied stim­men kön­nen, aus Angst, sonst im Hei­mat­dorf als “ver­dor­ben” ange­se­hen zu wer­den. So muss­te sich Lund, die mit die­sem Auf­tritt ihren Durch­bruch schaff­te, mit dem drit­ten Rang begnü­gen. Die 2005 ver­stor­be­ne Künst­le­rin blick­te auf ein beweg­tes Leben zurück: ihre ers­te gro­ße Lie­be, der Schau­spiel­kol­le­ge Rami Sar­masto, mit dem sie gemein­sam das in der Hei­mat bekann­te Lie­bes­lied ‘Sinun oma­si’ auf­nahm, starb 1965 weni­ge Tage vor der geplan­ten Hoch­zeit bei einem Auto­un­fall. Es folg­ten zwei Ehen mit zwei Sän­gern und dar­aus ent­sprin­gend zwei Kin­dern, dar­un­ter die Musi­cal-Inter­pre­tin Maria Lund (→ Vor­ent­scheid FI 2010). In den Sieb­zi­gern wan­der­te sie nach Deutsch­land aus, wo sie in Mün­chen und Düs­sel­dorf arbei­te­te. 2000 kehr­te sie nach Finn­land zurück und war als Gemein­de­rä­tin in Tur­ku aktiv, wo sie in einen Schwarz­geld­skan­dal ver­wi­ckelt wur­de und dabei die Hälf­te ihres Ver­mö­gens ver­lor. 2005 erlag sie einem Krebs­lei­den.

I am what I am / I am my own spe­cial Crea­ti­on’: Tama­ra Lund kom­bi­niert geschickt geschmack­voll und scharf.

Wei­ter­le­senFI 1963: I am what I am