Grü­ße aus dem Som­mer­loch: Tony Mar­shall will zum ESC

All­jähr­lich kom­men sie zur nach­rich­ten­ar­men Zeit unter ihren Stei­nen her­vor­ge­kro­chen, die Unto­ten des Schla­ger­ge­schäfts, denen sich sonst kaum noch eine Büh­ne bie­tet, und geben eine so aus­sichts­lo­se wie öffent­li­che Bewer­bung für den Euro­vi­si­on Song Con­test ab. Nun reiht sich auch Tony Mar­shall in die­se Armee der Ver­zwei­fel­ten ein und bringt sich in Deutsch­lands wider­lichs­tem Schund­blatt, der Bild, in Posi­ti­on: “In den ver­gan­ge­nen Jah­ren haben wir uns nur bla­miert. Zwölf Punk­te ken­nen wir gar nicht mehr. Beim ESC geht es um das Lied. Dar­auf soll­ten wir uns besin­nen,” so ver­traut er der Sprin­ger-Gazet­te sein Geheim­re­zept für einen Grand-Prix-Erfolg an. Als Refe­renz muss sei­ne Teil­nah­me am deut­schen Euro­vi­si­ons­vor­ent­scheid von 1976 her­hal­ten, wo er mit dem tat­säch­lich her­aus­ra­gen­den, selbst­be­züg­li­chen Chan­son ‘Der Star’, dem ein­zi­gen erträg­li­chen Song sei­nes umfang­rei­chen Port­fo­li­os, die Post­kar­ten­ab­stim­mung haus­hoch gewann – um dann schnö­de besie­gelt zu wer­den: nach einem *hüs­tel* anony­men Hin­weis aus dem Kon­kur­ren­ten­kreis, dass sein Lied bereits vor der offi­zi­el­len Vor­ent­schei­dung von einer Tin­gel­tan­gel­sän­ge­rin in einem baye­ri­schen Bier­zelt vor Publi­kum gesun­gen wur­de, muss­te die ARD den Bei­trag dis­qua­li­fi­zie­ren, es rück­ten die Les Hum­phries Sin­gers mit dem ers­ten aus einer lan­gen Rei­he von deut­schen Grand-Prix-Schla­gern aus der Feder von Ralph Sie­gel nach. Ein Erleb­nis, das Mar­shalls Kol­le­gin Corin­na May fast ein Vier­tel­jahr­hun­dert spä­ter exakt so eben­falls durch­lei­den muss­te und das den Stim­mungs­sän­ger (‘Schö­ne Maid’) anschei­nend nach­hal­tig ver­bit­ter­te: “Das war für mich eine Rie­sen-Ent­täu­schung,” klagt er noch mehr als vier­zig Jah­re spä­ter. Mit Rie­sen-Ent­täu­schun­gen dürf­te sich der aus­ge­bil­de­te Opern­sän­ger, der seit Anbe­ginn sei­ner Schla­ger­kar­rie­re stets mit dem sel­ben räu­di­gen Mini­pli auf­tritt, gut aus­ken­nen: zuletzt lamen­tier­te er im Mai die­sen Jah­res dar­über, dass er sei­ne neu­es­te Sin­gle nicht im ZDF-Fern­seh­gar­ten vor­stel­len durf­te. Was der Main­zer Sen­der offi­zi­ell damit begrün­de­te, sei­ne “Musik­far­be” pas­se nicht in das *hüs­tel* “inter­na­tio­na­le und pop­pi­ge” For­mat der som­mer­sonn­täg­li­chen Rentner/innensedierung – faden­schei­ni­ger kann man das “wir wol­len Dich nicht” wohl kaum bemän­teln. Von Sei­ten des NDR gab es auf die jüngs­te Euro­vi­si­ons­be­wer­bung bis­lang noch kei­ne Reak­ti­on. Und dabei dürf­te es wohl auch blei­ben…

Wir waren mal Stars / die Kar­rie­re ist vor­bei: Tony Mar­shall mit sei­nem Vor­ent­schei­dungs­bei­trag von 1976.