Ers­tes Semi­fi­na­le 2017: no more Dra­ma

Je unsi­che­rer die Zei­ten, um so mehr suchen die Men­schen fröh­lich stim­men­de Ablen­kung und Zer­streu­ung, so jeden­falls sug­ge­riert es das Ergeb­nis der ers­ten Qua­li­fi­ka­ti­ons­run­de des Euro­vi­si­on Song Con­tests 2017, das am gest­ri­gen Diens­tag­abend im Inter­na­tio­na­len Aus­stel­lungs­zen­trum zu Kiew über die Büh­ne ging. Bestimm­ten im Vor­feld die­ses Jahr­gangs noch die schänd­li­chen Rän­ke­spie­le um das vom Gast­ge­ber­land Ukrai­ne ver­häng­te Ein­rei­se­ver­bot gegen die rus­si­sche Reprä­sen­tan­tin Julia Samo­yl­o­va sowie die deut­lich ver­schärf­ten Sicher­heits­maß­nah­men rund um die Ver­an­stal­tung die öffent­li­che Wahr­neh­mung des Wett­be­werbs und schu­fen damit ein mul­mi­ges Kli­ma, so setz­ten sich im gest­ri­gen Semi größ­ten­teils die­je­ni­gen Bei­trä­ge durch, die sich an eher uptem­po­rä­ren, aktu­el­len Sounds ori­en­tier­ten und show­tech­nisch alten Wein in neue Schläu­che gos­sen. Also irgend­wie beru­hi­gend Ver­trau­tes und Bewähr­tes boten. Von fast aus­nahms­los allen Teilnehmer/innen ein­heit­lich befolg­te Trends ver­stärk­ten dabei den uni­for­men Ein­druck die­ses Abends: so das bedau­er­li­cher­wei­se fast durch­gän­gig prak­ti­zier­te Ver­ste­cken der Chorsänger/innen hin­ter der Büh­ne; die Domi­nanz der Unschuld und Rein­heit sug­ge­rie­ren­den Far­be Weiß für die Gar­de­ro­be; das ger­ne genom­me­ne Ein­blen­den von Aus­schnit­ten der pro­fes­sio­nel­len Musik­vi­de­os oder von über­le­bens­gro­ßen Por­trät­fo­tos der Künstler/innen auf der LED-Wand im Hin­ter­grund sowie der gera­de­zu skla­visch befolg­te Mode­trend des Flan­king (die Kom­bi­na­ti­on von unsicht­ba­ren Snea­ker­so­cken und Hoch­was­ser­ho­sen zum Zwe­cke des kecken Her­zei­gens eines Strei­fens Bein­flei­sches in Höhe der Fes­seln).

Zwei­ein­vier­tel Stun­den vol­ler hoch­pro­fes­sio­nel­ler TV-Unter­hal­tung: das kom­plet­te ers­te Semi­fi­na­le 2017

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Ukrai­ne 2017: the Ant is near

Das dies­jäh­ri­ge Gast­ge­ber­land Ukrai­ne läuft wohl kei­ne Gefahr, den Wett­be­werb auch 2018 orga­ni­sie­ren zu müs­sen (höre ich da ein erleich­ter­tes Auf­at­men in der inter­na­tio­na­len Fan­ge­mein­de?), denn es ent­schied sich am heu­ti­gen Abend für zwar aus­ge­spro­chen pro­fes­sio­nell ins Bild gesetz­ten, musi­ka­lisch aber uner­träg­lich lang­wei­li­gen Seicht­rock. O.Torvald (jawohl, ohne Leer­zei­chen, dafür war wohl kein Geld mehr da) nennt sich das optisch ganz anspre­chen­de Sof­t­ro­ck­quin­tett, und es insze­nier­te sein lah­mes Geplod­der mit dem beim Song Con­test bis­lang noch nie dage­we­se­nen Titel ‘Time’ inhalt­lich pas­send als düs­te­res End­zeit-Set­ting. Deran­giert, mit auf­ge­mal­ten Schram­men und auf­ge­ris­se­nen T-Shirts ste­hen die Tor­wäl­der auf der Büh­ne, aus ihrer Brust ragen die Dis­plays von Zeit­zün­dern, wel­che die noch ver­blei­ben­den Minu­ten und Sekun­den bis zum unver­meid­li­chen Unter­gang der Erde hin­un­ter­zäh­len. Bezie­hungs­wei­se in ihrem Fall bis zum nicht schnell genug kom­men kön­nen­den Ende des Songs, und hier­bei leis­ten die Digi­tal­an­zei­ger tat­säch­lich wert­vol­le Hil­fe, weiß der Zuschau­er doch so sehr genau, ob er sich beim Gang auf die Toi­let­te und / oder an den Kühl­schrank bzw. das Schnaps­schränk­chen beei­len muss oder sich noch Zeit las­sen kann. Wie auf­merk­sam! Wobei ich zuge­ben muss, dass mir die Insze­nie­rung des Titels im Semi­fi­na­le der ukrai­ni­schen Vor­ent­schei­dung deut­lich bes­ser gefiel: da wur­de der Lead­sän­ger von einem muti­gen und geschmacks­si­che­ren Zuschau­er aus dem Dun­kel des Sen­de­saa­les ange­schos­sen und blu­te­te sein Hemd voll – wenn auch nur mit Ketch­up. Und nein, natür­lich will ich kei­nes­falls Gewalt ver­harm­lo­sen oder recht­fer­ti­gen, aber die­ser Song kann einen da schon bis an die per­sön­li­che Gren­ze füh­ren…

Die Hälf­te ist geschafft: nur noch eine Minu­te und 30 Sekun­den Lan­ge­wei­le sind zu über­ste­hen (UA)

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Ukrai­ne 2016: Now this is War

Es war ein äußerst denk­wür­di­ger Vor­ent­schei­dungs­abend in der Ukrai­ne. Nicht so sehr wegen der sechs zur Aus­wahl ste­hen­den Songs, fast alle von wirk­lich her­aus­ra­gen­der Qua­li­tät. Son­dern viel­mehr auf­grund der drei­köp­fi­gen Jury, die sich über die Sen­dung hin­weg der­ma­ßen hart in die Wol­le krieg­te, dass stel­len­wei­se hand­greif­li­che Aus­schrei­tun­gen zu befürch­ten stan­den. Jeder fuhr hier sei­ne eige­ne Agen­da, und die schier end­lo­sen Dis­kus­sio­nen zwi­schen den Pane­lis­ten führ­ten nicht nur zu einer zir­ka zwei­stün­di­gen Über­zie­hung der ange­setz­ten Sen­de­zeit, son­dern war­fen auch ein bezeich­nen­des Licht auf das poli­tisch geteil­te Land. Am Ende gewann – dem Publi­kum sei Dank – denn auch der poli­tischs­te Titel im Ange­bot, ‘1944’ von Jama­la. Ja, genau, von der aus der nicht weni­ger denk­wür­di­gen ukrai­ni­schen Vor­ent­schei­dung von 2011 bekann­ten Jama­la, die sei­ner­zeit mit dem grenz­wer­tig-fröh­li­chen ‘Smi­le’ für Auf­se­hen sorg­te und schließ­lich wegen angeb­li­cher Schie­bun­gen das Hand­tuch warf. Bis zu ihrer Sie­ges­ak­kla­ma­ti­on aber war es ein wei­ter, lan­ger, anst­re­gen­der Weg, der Jury wegen. Vor­hang auf: auf­ein­an­der tra­fen die ehe­ma­li­gen ukrai­ni­schen Ver­tre­te­rin­nen Ver­ka Ser­duch­ka (UA 2007), heu­er in Zivil als Andrij Danyl­ko, und Rus­la­na (UA 2004) sowie der TV-Pro­du­zent Kon­stan­tin Melad­ze. Und so ent­fal­te­ten sich die Ereig­nis­se.

The who­le World’s Pain / in Ukrai­ne ton­ight: Jama­la

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ESC 2016 ohne Dosen­ap­plaus

Kei­ne Zen­sur” wol­le man beim 61. Euro­vi­si­on Song Con­test in Stock­holm vor­neh­men, sag­te SVT-Che­fin Han­na Stjär­ne ges­tern dem Afton­bla­det. Damit bezog sie sich auf den gefak­ten Applaus vom Band, mit dem der öster­rei­chi­sche Sen­der ORF bei der Live­über­tra­gung aus Wien die in der Hal­le deut­lich hör­ba­ren Buh­ru­fe des Publi­kums für die rus­si­sche Sän­ge­rin Poli­na Gaga­ri­na über­tön­te. Einen sol­cher­art empö­ren­den Ein­griff soll es 2016 nicht geben, die Schwe­den leg­ten Wert auf “eine authen­ti­sche Show”, so Frau Stjär­ne. Auch der aus Nor­we­gen stam­men­de EBU-Ver­ant­wort­li­che Jan Ola Sand unter­stützt das: der Dosen­ap­plaus sei nicht auf Wunsch aus Genf erfolgt, stell­te er in der Zei­tung klar. Aller­dings scheint es ohne­hin unwahr­schein­lich, dass der aktu­el­le rus­si­sche Ver­tre­ter Ser­gey Laza­rev ähn­li­chen Fan-Anfein­dun­gen aus­ge­setzt sein wird wie sei­ne Vor­gän­ge­rin: auch, wenn sein Bei­trag noch nicht fest­steht, kön­nen wir auf­grund sei­ner musi­ka­li­schen Vor­ge­schich­te eher mit etwas Uptem­po­rä­rem rech­nen als mit einer ver­lo­ge­nen, zyni­schen Frie­dens­kitsch­bal­la­de. Und – ja, die meis­ten Fans sind so ober­fläch­lich – ganz hübsch schaut er auch aus. Rich­tig lau­te Miß­fal­lens­be­kun­dun­gen bra­chen sich in Wien auch erst Bahn, als ein Sieg Poli­nas greif­bar schien und damit das Sze­na­rio droh­te, dass der nächs­te Con­test in Euro­pas offi­zi­ell schwu­len­feind­lichs­tem Land statt­fin­den wür­de. Und auch, wenn die Gaga­ri­na dafür per­sön­lich nichts konn­te und ihr Aus­bu­hen natür­lich als ver­ab­scheu­ungs­wür­dig gebrand­markt wer­den muss: das Zen­sie­ren die­ser Unmuts­äu­ße­run­gen durch den ORF war um ein Viel­fa­ches empö­ren­der.

Wer­den die Fans sich auch ihm gegen­über respekt­los ver­hal­ten? Dafür fast schon mal ein Sor­ry, Ser­gey!

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Ver­ka Ser­duch­ka: Opfer des “Propaganda”-Gesetzes?

Wie das Inter­net­por­tal Queer.de heu­te berich­tet, ver­lor die ukrai­ni­sche Drag­queen Ver­ka Ser­duch­ka (zwei­ter Platz beim ESC 2007) einen hoch­do­tier­ten Auf­tritts­ver­trag in einer popu­lä­ren Sams­tag­nacht­show des rus­si­schen Staats­sen­ders Ros­si­ja 1. In ver­schie­de­nen Pres­se­be­rich­ten sei über einen Zusam­men­hang mit dem umstrit­te­nen neu­en Gesetz spe­ku­liert wor­den, das die “Pro­pa­gan­da nicht tra­di­tio­nel­ler Lebens­wei­sen” unter Stra­fe stellt. Der Sen­der wies die Vor­wür­fe zurück: die Ent­schei­dung, den Halb­jah­res­ver­trag nicht zu ver­län­gern, sei bereits vor vier Mona­ten gefal­len. Ser­duch­ka kön­ne wei­ter im Rah­men von Gast­auf­trit­ten in die Sen­dung zurück­keh­ren und sei auch bereits für ein Neu­jahrs­spe­cial ange­fragt. Bis­lang trat der (übri­gens hete­ro­se­xu­el­le) Tra­ves­tie­künst­ler, der sich mit der umstrit­te­nen Text­zei­le “Lasha Tum­bai / Rus­sia good­bye” bei sei­nem Euro­vi­si­ons­auf­tritt in Hel­sin­ki nicht nur Freun­de mach­te, laut queer.de als einer der bei­den regel­mä­ßi­gen Haupt­acts in der Show auf, sei aber seit Wochen vom Bild­schirm ver­schwun­den.


Gefähr­det eine Drag­queen die sitt­li­che Rei­fe rus­si­scher Jugend­li­cher?

ESC Fina­le 2007: Okay. Hap­py End.

Logo des Eurovision Song Contest 2007 (Semifinale)
Das Jahr der Damen­dar­stel­ler

Ein kol­lek­ti­ves, erleich­ter­tes Seuf­zen ging durch Euro­pa: nach fünf Jah­ren Vor­herr­schaft der Show über die Musik sieg­te end­lich wie­der ein Lied! Ein sanf­tes, melo­diö­ses, in der Lan­des­spra­che gesun­ge­nes noch dazu. Eines ganz ohne Cho­reo­gra­fie! Aller­dings: so ganz stimm­te das nicht. Molit­va’ gewann natür­lich auch auf­grund sei­ner Show – nur, dass die­se halt sehr viel unauf­dring­li­cher daher­kam als bei­spiels­wei­se bei den fin­ni­schen Mons­ter­ro­ckern. Genau die­se char­man­te Prä­sen­ta­ti­on zärt­li­cher Soli­da­ri­tät zwi­schen fünf gut aus­se­hen­den und einer stimm­ge­wal­ti­gen Frau (nicht zu ver­ges­sen der sub­til les­bi­sche Unter­ton) hob den ser­bi­schen Bei­trag aus der Flut auf­wän­di­ger Tanz­cho­reo­gra­fi­en her­aus und führ­te ihn zum hoch ver­dien­ten Sieg.

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DJ Bobo: Stich in die Braut!

Nach­dem ein paar reli­gi­ös fehl­ge­lei­te­te Schwei­zer DJ Bobos Euro­vi­si­ons­bei­trag ‘Vam­pi­res are ali­ve’ wegen sata­ni­scher Bot­schaf­ten ver­bie­ten las­sen wol­len, macht das Bou­le­vard­blatt 20 Minu­ten die Pro­be aufs Exem­pel und stellt den Song zum rück­warts Anhö­ren ins Netz. Das scho­ckie­ren­de Ergeb­nis: Bobo hul­digt dem Ter­ro­ris­mus! Aber auch in der Ukrai­ne hat Ver­ka Ser­duch­ka gegen Geis­tes­schwa­che zu kämp­fen.


Fürch­tet Euch: der Schwei­zer Fürst der Fins­ter­nis

wei­ter­le­senDJ Bobo: Stich in die Braut!