Melo­di­fes­ti­va­len 2020: Nicht das Gel­be vom Ei

Ein Punkt. Ein ein­zi­ges gott­ver­damm­tes Pünkt­chen trenn­te am Ende einer ner­ven­auf­rei­ben­den Abstim­mung beim dies­jäh­ri­gen Melo­di­fes­ti­va­len die Sie­ge­rin­nen von der Fan-Favo­ri­tin. Immer­hin war es hier nicht die Schuld der inter­na­tio­na­len Jury: die zeig­te sich näm­lich genau so gespal­ten wie das Publi­kum und bedach­te bei­de Betei­lig­ten mit der exakt glei­chen Stim­men­zahl. So, dass es allei­ne den schwe­di­schen Televoter:innen oblag, für Klar­heit zu sor­gen. Und die ent­schie­den sich mit einem wirk­lich nur hauch­dün­nen Vor­sprung von 0,1% der abge­ge­be­nen Stim­men für The Mamas, den Begleit­chor des Vor­jah­res­ver­tre­ters John Lundvik, die heu­er, geschrumpft vom Quar­tett zum Trio, selbst ange­tre­ten waren im Kampf um die Fahr­kar­te nach Rot­ter­dam. Sel­bi­ge ergat­ter­ten die drei schwar­zen, stimm- wie figur­ge­wal­ti­gen Diven Lou­lou Lamot­te (wenn das kein fabel­haf­ter Drag-Name ist!), Ash­ley Hay­nes und Dinah Yonas Man­na mit ihrem uplif­ten­den Gos­pel-Pop­song ‘Move’ und einer simp­len, aber vor schie­rer Ener­gie und posi­ti­ver Aus­strah­lung nur so bers­ten­den Büh­nen­show. Und spä­tes­tens, als nach der Tro­phä­en­über­ga­be durch Lundvik bei der Sie­ger­re­pri­se bei einer der Drei­en die Freu­den­trä­nen flos­sen und ihr vor Gerührt­heit kurz die Stim­me ver­sag­te, muss­te jedem, der ein Herz besitzt, die­ses augen­blick­lich dahin schmel­zen.

Three Tons of Fun: die abso­lut ado­rablen Mamas.

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Per­len der Vor­ent­schei­dun­gen: Child­ren of the Revo­lu­ti­on

Bevor es mit dem bereits am Don­ners­tag star­ten­den, nächs­ten Vor­ent­schei­dungs-Wochen­en­de wie­der in die maxi­ma­le Über­for­de­rung geht, gilt es, noch zwei Semis vom ver­gan­ge­nen Sams­tag nach­zu­rei­chen. In Por­tu­gal bot das tra­di­ti­ons­rei­che Fes­ti­val da Can­ção, wie wir es von dem klei­nen Land gewohnt sind, mal wie­der eine frap­pie­ren­de Mischung aus völ­lig aus der Zeit gefal­le­nen Musi­cal-Num­mern, len­den­lah­men Schnarch­bal­la­den, absei­ti­gem Eth­no­folk und bizar­ren Dar­bie­tun­gen. Acht Acts kämpf­ten am spä­ten Abend um vier Final­plät­ze. Und lei­der erlaub­ten sich (genau weiß man es noch nicht, die Split-Voting-Ergeb­nis­se hält der Sen­der RTP unter Ver­schluss) ent­we­der das Publi­kum oder, deut­lich wahr­schein­li­cher, die Jury beim Her­aus­sie­ben einen mas­si­ven Miss­griff: auf der Stre­cke blie­ben mei­ne per­sön­li­chen Favo­ri­ten die­ser Vor­run­de, das bereits seit 1995 bestehen­de alter­na­ti­ve Künst­ler­kol­lek­tiv Blas­ted Mecha­nism, das – nichts bräuch­ten wir drin­gen­der in die­sen Tagen – zur ‘Rebel­li­on’ auf­rief. Und dies glaub­wür­dig­keits­för­dernd in Büh­nen­kos­tü­men, als kämen sie gera­de vom Bur­ning Man oder dem Boom Fes­ti­val. Ihr Pro­blem: bis zum ers­ten Refrain, der in sei­ner appel­la­ti­ven Schlicht­heit durch­aus als Demo-Slo­gan taugt, ver­ging erst mal eine gan­ze lan­ge Minu­te, gefüllt mit einem die Kampf­kraft eher ein­schlä­fern­den Genu­del. So wird das nichts mit dem Krieg gegen die Paläs­te!

Mad Max trifft Robin Hood auf dem Goa-Fes­ti­val: Blas­ted Mecha­nism.

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Eesti Laul 2019: selbst­ver­lieb­te Schmacht­lap­pen

Was für ein Kata­stro­phen-Sams­tag! In drei vier Län­dern gin­gen ges­tern Abend Vor­ent­schei­dungs­fi­na­le über die Büh­ne, und in allen drei­en vie­ren fie­len der­ar­tig haar­sträu­ben­de Fehl­ent­schei­dun­gen, dass es mal wie­der an der Zeit ist, den abge­grif­fe­nen Spruch vom “schlimms­ten Jahr­gang aller Zei­ten” aus der Mot­ten­kis­te zu holen, zu dem ein­ge­fleisch­te Grand-Prix-Fans in die­ser Pha­se der Sai­son meist reflex­ar­tig grei­fen, den zurück­zu­wei­sen jedoch am heu­ti­gen Tage beson­ders schwie­rig erscheint. In Est­land jeden­falls gewann im Super­fi­na­le der Eesti Laul ein schmier­lap­pi­ger Sän­ger schwe­di­scher Her­kunft namens Vic­tor Cro­ne, ein­ge­fleisch­ten Melo­di­fes­ti­va­len-Guckern noch ver­traut aus dem Jahr­gang 2015, wo er die Lead Vocals für den Rap­per Behrang Miri bei­steu­er­te. Cro­nes aktu­el­les Lied ‘Storm’ stammt unter ande­rem aus der Feder von Stig Räs­ta, was man kaum glau­ben möch­te, weil es so töd­lich durch­schnitt­lich und wie bereits fünf Mil­lio­nen Mal gehört klingt; nach einem per­fek­ten Fül­ler für die Play­list des Rewe-Ein­kaufs­ra­di­os oder für das Line-up des däni­schen Melo­di Grand Prix. Doch augen­schein­lich bevor­zu­gen auch die Est/innen Seich­tes: obwohl die Jury ihr Men­schen­mög­lichs­tes tat, den Schwe­den­im­port mit einem kon­zer­tier­ten Down­vo­ting zu ver­hin­dern und statt­des­sen den nicht min­der schlei­mi­gen Ste­fan Aira­pet­jan mit einer ster­bens­lang­wei­li­gen Kla­vier­bal­la­de noch oben zu mani­pu­lie­ren, wähl­ten die Zuschauer/innen den faden Schwe­denhap­pen rigo­ros an die Spit­ze.

A Song like this / can break my Ears like this: Vic­tor hol­te in Est­land die Kro­ne.

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