DE 1986: Unse­re ein­zi­ge Welt

Ingrid Peters, DE 1986
Die Mager­süch­ti­ge

Sie fing schon mit einem Knal­ler an, die vom Baye­ri­schen Rund­funk leicht anrü­chig als “End­aus­schei­dung” apo­stro­phier­te Vor­auswahl 1986: gera­de groov­ten sich die Vor­jah­res­ver­tre­ter Wind (DE 1985, 1987, 1992, DVE 1998, 1999) auf der Büh­ne des Deut­schen Thea­ters zu Mün­chen zum Voll­play­back von ‘Für alle’ ein, da klemm­te bereits nach weni­gen Sekun­den das Band. Dazu hilf­los-nerv­tö­ten­des Gestam­mel von einer absurd auf­tou­pier­ten Frau mit dem spre­chen­den Namen Sabri­na Lal­lin­ger, wäh­rend ihre Komo­de­ra­to­rin der­ma­ßen grau­en­haf­te Lime­ricks stol­pernd vom Blatt able­sen muss­te, dass man sich die Ein­füh­rung der Scha­ria in Deutsch­land her­bei­sehn­te, um die hier­für ver­ant­wort­li­chen BR-Redak­teu­re mit Stock­schlä­gen bestra­fen zu dür­fen. Nicht aber die Able­se­rin, die char­man­te Wencke Myh­re (DE 1968, DVE 1983), die den Abend mit einem freud’schen Ver­spre­cher per­fekt zusam­men­fass­te: “Noch zwei Lie­der, dann haben die Zuschau­er die Wahl der Qual”!

Wei­ter­le­senDE 1986: Unse­re ein­zi­ge Welt

DE 1983: Ver­band uns wirk­lich nur die Nacht?

Hoffmann & Hoffmann, DE 1983
Die Rück­sichts­vol­len

Im Jahr Eins nach Nico­le hielt sich Ralph Sie­gel aus der deut­schen Vor­ent­schei­dung kom­plett her­aus. Kein “Pro­jekt Titel­ver­tei­di­gung wie bei einem ande­ren gro­ßen Euro­vi­si­ons­e­go­ma­nen – Onkel Ralph wuss­te, dass sich die Magie des Augen­blicks nicht ein­fach wie­der­ho­len lässt. Ansons­ten blieb alles wie gehabt: abge­half­ter­te Schla­ger­stars und unbe­kann­te Stern­chen san­gen (noch immer unter der sel­ben Licht­or­gel wie schon 1979!) eine Aus­wahl ermü­den­der Schlicht­schla­ger – alles, was auch nur im Ent­fern­tes­ten nach Sub­ver­si­on oder Blö­de­lei hät­te klin­gen kön­nen, sieb­ten die Juro­ren und die Hörer/innen der ARD-Schla­ger­wel­len in den Vor­wah­len gna­den­los aus. Die deut­sche Vor­ent­schei­dung blieb ein Hort der spie­ßig-hei­len Schla­ger­welt, ein Boll­werk gegen moder­nen Deutsch­pop, gegen das rich­ti­ge Leben.

Wei­ter­le­senDE 1983: Ver­band uns wirk­lich nur die Nacht?

ESC 1968: Hap­pi­ness had­n’t been inven­ted

Logo Eurovision Song Contest 1968
Das Jahr der Schie­bung

Jurys sind Wich­ser™! Den im Ver­gleich zu den → Nul-Point-Ergeb­nis­sen der Vor­jah­re zwar deut­lich bes­se­ren, im Lich­te der Kon­kur­renz den­noch etwas ent­täu­schen­den (und unge­rech­ten!) sechs­ten Platz im ers­ten Jahr der euro­vi­sio­nä­ren Farb­aus­strah­lung ver­dankt der fabel­haf­te deut­sche Bei­trag von 1968 unter ande­rem den nor­we­gi­schen Wer­tungs­rich­tern: die reagier­ten pikiert, weil die in Oslo gebür­ti­ge, in Deutsch­land jedoch kei­nen uner­heb­li­chen Anteil ihres Ein­kom­mens als Schla­ger­sän­ge­rin gene­rie­ren­de Wencke Myh­re nicht fürs Hei­mat­land sang, und straf­ten sie fürs Fremd­ge­hen mit null Punk­ten ab. Doch auch Deutsch­land sorg­te beim Con­test in Lon­don nicht nur mit dem pro­gres­si­ven ‘Ein Hoch der Lie­be’ für Furo­re, son­dern eben auch mit den sehr offen­sicht­lich – eine ande­re Erklä­rung schei­det aus – von Kor­rup­ti­on gepräg­ten Wer­tun­gen unse­rer → Juro­ren.

Alles so schön bunt hier: der ESC 1968

Die punk­te­ten näm­lich, getreu des Mot­tos, dass ein anspruchs­vol­les Lied gewin­nen sol­le, mit sechs ihrer ins­ge­samt zehn Stim­men die Spa­nie­rin Mas­siel und ihren tief­schür­fen­den Titel ‘La La La’ über­ra­schend nach vor­ne und ver­hal­fen ihr so zum Sieg. Bei Mas­siel (eigent­lich: María de los Ánge­les San­ta­ma­ría Espi­no­sa) han­del­te es sich um die Zweit­be­set­zung für das kraft­vol­le und ein­gän­gi­ge, Lebens­freu­de trans­por­tie­ren­de Chan­son über die Lust am Sin­gen: der ursprüng­lich vor­ge­se­he­ne Inter­pret Joan Manu­el Ser­rat, einer der bekann­tes­ten ibe­ri­schen Lie­der­ma­cher und Sän­ger, woll­te es nur in der Regio­nal­spra­che Kata­lo­ni­ens, von wo er stamm­te, vor­tra­gen. Da hat­te Spa­ni­ens Dik­ta­tor Fran­co, dem die Unab­hän­gig­keits­be­stre­bun­gen der Kata­la­nen als Bedro­hung sei­ner Macht gal­ten, aber was gegen: er tausch­te Ser­rat gegen die wil­li­ge Kol­la­bo­ra­teu­rin Mas­siel aus. Fai­rer­wei­se muss man zuge­ben: das Lied ver­fügt tat­säch­lich über vier Stro­phen Text, neben den gezähl­ten 138 “La“s des Refrains (der Song trans­por­tiert eben extrem viel Lebens­freu­de!). Die Zuschau­er stan­den nach dem Über­ra­schungs­sieg der Spa­nie­rin Kopf, denn eigent­lich galt jemand ganz ande­res als kla­rer Favo­rit.

Doch, vor allem der Refrain gewinnt eine ganz neue Bedeu­tung: ‘La la la’ in der von Ser­rat bevor­zug­ten kata­la­ni­schen Fas­sung

Näm­lich der bri­ti­sche, welt­weit bekann­te und mit ins­ge­samt mehr als 250 Mil­lio­nen ver­kauf­ten Alben kom­mer­zi­ell extrem erfolg­rei­che Super­star Cliff Richard (→ UK 1973). Sein Wunsch­sen­dungs-Ever­green ‘Congra­tu­la­ti­ons’, eine flot­te Pop­num­mer mit pro­mi­nen­tem Trom­mel­mo­tiv, stand zum Zeit­punkt des Song Con­tests bereits seit Wochen hoch in allen euro­päi­schen Charts (so auf #3 in Deutsch­land, #2 in Öster­reich und der Schweiz und an der Spit­ze in den Nie­der­lan­den, Bel­gi­en, Nor­we­gen und natür­lich im Ver­ei­nig­ten König­reich). Fre­ne­tisch krei­schend begrüß­te ihn das hei­mi­sche Publi­kum in der Roy­al Albert Hall, es schien rei­ne Form­sa­che zu sein, dass er nach San­die Shaw (→ UK 1967) mit dem vom glei­chen Autoren­team geschrie­be­nen Hit den Dop­pel­sieg holen wür­de, für den kein Wett­bü­ro etwas gezahlt hät­te. Doch nun durch­kreuz­ten die dia­bo­li­schen deut­schen Juro­ren sei­ne Plä­ne. Es lag ver­mut­lich nicht an der sehr exal­tier­ten Dar­bie­tung Richards, son­dern an dem idio­ti­schen Man­tra vie­ler Juro­ren, Hits hät­ten beim Grand Prix nichts zu suchen.

Im lin­gu­is­ti­schen Nir­wa­na: die äußerst selbst­be­wuss­te Mas­siel (ES)

Eine Anlei­tung zum Nacht­an­zen der legen­dä­ren ‘Congra­tu­la­ti­ons’-Per­for­mance fin­det sich auf der bri­ti­schen, geni­al zyni­schen Euro­vi­si­ons­fan­sei­te Who­ops, Dra­go­vic! Hier die Über­set­zung: “Die → Tanz­schrit­te zu Cliffs Euro­klas­si­ker kön­nen Sie über­all pro­blem­los nach­stel­len; ob Zuhau­se, in Ihrem Gar­ten, der Kir­che oder im Loft.

  1. Lau­fen Sie den Gar­ten­pfad (bzw. den Kirch­gang) hin­un­ter, direkt auf die freu­dig jubeln­den Mas­sen zu.
  2. Am Ende des Pfa­des ange­kom­men, tun Sie so, als wür­den Sie mit Ihren Füßen ein Feu­er aus­tre­ten.
  3. Beim Sin­gen ducken Sie sich leicht ver­krampft zusam­men, so als ob Sie unter Durch­fall lit­ten. Las­sen Sie gleich­zei­tig Ihre Arme wie Pro­pel­ler krei­sen.
  4. Wäh­rend des Instru­men­tal­parts Ihres Lie­des wei­sen Sie die Zuschau­er auf die (nicht vor­han­de­nen) Not­aus­gän­ge zu Ihrer Lin­ken und Rech­ten hin.
  5. Beim gro­ßen Song­fi­na­le tre­ten Sie noch­mals die Flam­men aus. Recken Sie dann die Arme dem will­kom­me­nen Applaus ent­ge­gen.
  6. Ver­ste­cken Sie sich auf der Toi­let­te, bis Sie jemand holt.”

Der Seil­spring­pan­to­mi­me: Cliff Richard (UK)

Oder spiel­te doch Geld eine Rol­le? Einer spe­ku­la­ti­ven Doku­men­ta­ti­on eines spa­ni­schen Pri­vat­sen­ders zufol­ge sol­len das Fran­co-Régime und der Staats­sen­der TVE meh­re­re euro­päi­sche Jurys, dar­un­ter die deut­sche, mit dem Ankauf von Fern­seh­se­ri­en (Punk­te im Tausch für den Tat­ort?) besto­chen haben, die dann unge­sen­det in den TVE-Archi­ven ver­rot­te­ten. Das Ziel der anrü­chi­gen Finanz­trans­ak­ti­on: durch einen Sieg Spa­ni­ens und die Aus­tra­gung des Grand Prix im Fol­ge­jahr woll­te sich die an tou­ris­ti­schen Ein­nah­men inter­es­sier­te Dik­ta­tur als kul­tu­rell anschluss­fä­hi­ge euro­päi­sche Nati­on prä­sen­tie­ren. Was auch gelang! Bewie­sen sind die­se Behaup­tun­gen indes nicht, auch wenn der offen­bar arg gekränk­te Cliff Richard, der schon 1968 Mas­siel mit einem “war­men Keh­len­druck” gra­tu­lie­ren woll­te, bereits mein­te, er sei “der glück­lichs­te Mensch der Welt”, soll­ten sie sich bewahr­hei­ten. So lan­ge dient dem schlech­ten Ver­lie­rer der trotz des zwei­ten Plat­zes sehr viel grö­ße­re kom­mer­zi­el­le Erfolg sei­nes Bei­trags mit knapp zwei Mil­lio­nen ver­kauf­ter Ein­hei­ten sicher als klei­nes Trost­pflas­ter.

Ganz der alte Arsch: Clif­fie (Ordens­rit­ter Ihrer Majes­tät) congra­tu­liert der Queen zum 60. Thron­ju­bi­lä­um

Aber nicht nur Sir Richard lie­fer­te eine spek­ta­ku­lä­re Per­for­mance. Mit der Ein­füh­rung des Farb­fern­se­hens in jenem Jahr schien auch jeder Rest von Chan­son­se­lig­keit, vor­neh­mer Zurück­hal­tung, durch stei­fe Abend­ro­ben beding­ter Bewe­gungs­un­fä­hig­keit und Dezenz von der Ver­an­stal­tung abzu­fal­len. Schon der mit einem vom Con­test-Gewin­ner Udo Jür­gens (→ AT 1964, 1965, 1966) ver­fass­ten, aller­dings arg lang­wei­li­gen alpen­län­di­schen Anspruchs­schla­ger über die ach so schlim­me Ein­sam­keit der Groß­stadt für Öster­reich star­ten­de tsche­chisch­stäm­mi­ge Karel Schla­gerGott (‘Babič­ka’) gebär­de­te sich auf der Büh­ne so tun­tig wie ein Musi­cal­sän­ger: eine Vier auf der → Hal­dor-Lægreid-Ska­la für die “Gol­de­ne Stim­me aus Prag”. Noch schwu­ler wirk­ten die jugo­sla­wi­schen Dubro­vački Tru­badu­ri, die sich als mit­tel­al­ter­li­che Min­ne­sän­ger kos­tü­mier­ten und zu ihrer pos­sier­li­chen Wei­se anmu­tig über die Büh­ne hüpf­ten wie hor­mon­ge­steu­er­te Wald­el­fe im Früh­lings­sturm der Gefüh­le. Auf­grund des noch immer gel­ten­den Grup­pen­ver­bo­tes muss­ten sich die eigent­lich fünf­köp­fi­gen Trou­ba­dou­re aus Dubrov­nik offi­zi­ell als Duo (Luci & Hamo) mit Begleit­chor tar­nen.

Auch schön: Män­ner in Strumpf­ho­sen. Die auf­ge­platz­ten Gedär­me am Ellen­bo­gen irri­tier­ten aber ein wenig. (YU)

Eher gru­se­lig gaben sich hin­ge­gen die Ver­tre­ter aus dem hohen Nor­den: der Schwe­de Cla­es-Gör­an Heder­ström wirk­te im Trench­coat mit hoch­ge­schla­ge­nem Kra­gen wie der böse Onkel vom Kin­der­spiel­platz, was den Genuss sei­nes wun­der­bar jaz­zi­gen Loun­ge­songs ‘Ban­ne mej’, in dem er das schwe­re Schick­sal beklagt, frisch ver­liebt zu sein, erheb­lich min­der­te. Etwas opti­sche Lin­de­rung ver­schaff­te uns Finn­land, das eine jun­ge Sän­ge­rin namens Kris­ti­na Hauta­la in einem lind­grü­nen Kleid­chen mit gerüsch­ten Blüm­chen auf dem Ärmel schick­te: eine sin­gen­de Früh­lings­wie­se! Der Nor­we­ger Odd Bør­re Søren­sen schau­te sei­nen Tanz­stil bei dem direkt vor ihm auf­ge­tre­te­nen Cliff ab – nur, dass er mit dicker Horn­bril­le und Bill-Gates-Fri­sur aus­sah wie der ver­rück­te Pro­fes­sor aus einem Hor­ror­film der legen­dä­ren Lon­do­ner Ham­mer-Stu­di­os. Was per­fekt zu sei­nem wir­ren Lied mit dem tref­fen­den Titel ‘Stress’ pass­te. Die­ser ursprüng­lich zweit­plat­zier­te Song der nor­we­gi­schen Vor­ent­schei­dung war nach­ge­rückt, nach­dem der EBU eine all zu gro­ße Ähn­lich­keit des eben­falls von Odd Bør­re inter­pre­tier­ten Sie­ger­ti­tels ‘Jeg har ald­ri vært så glad i no’en som deg’ mit dem Cliff-Richard-Hit ‘Sum­mer Holi­day’ auf­fiel.

Ver­dammt, es ist Lie­be: die Schwe­den sind schon ech­te Roman­ti­ker! (SE)

Für das nicht abge­kup­fer­te ‘Stress’ kas­sier­te Nor­we­gen ledig­lich zwei Mit­leids­pünkt­chen – der gerech­te kos­mi­sche Aus­gleich für ihre Rache­wer­tung gegen­über “unse­rer” Wencke Myh­re. Die schun­kel­te und pro­pel­ler­te zum vom BBC-Orches­ter lei­der etwas schaum­ge­bremst beglei­te­ten ‘Hoch der Lie­be’ über die Büh­ne wie ein zu stark auf­ge­zo­ge­ner Brumm­krei­sel, und das in einem top­mo­di­schen, quietsch­gel­ben Mini­kleid, das ihre nicht gera­de reh­schlan­ken Bei­ne erst so rich­tig zur Gel­tung brach­te. Und dann noch die Dai­sy-Duck-Schu­he: grau­sam! Nicht sehr vor­teil­haft mach­te sich auch die fran­zö­si­sche Sie­ge­rin von 1962, Isa­bel­le Aubret, zurecht. Ihr labb­ri­ges, blass­blau­es Satin-Nacht­hemd kon­tras­tier­te so schmerz­voll zu ihrer pla­tin­blon­den Locken­pracht, dass man sich gar nicht auf ihr fas­zi­nie­ren­des Chan­son ‘La Source’ kon­zen­trie­ren konn­te, einer dunk­len Schau­er­ge­schich­te über ein von ihren drei Ver­ge­wal­ti­gern im Wald erschla­ge­nes Mäd­chen. Wobei sich die Fra­ge stellt, ob ihr die­se opti­sche Ablen­kungs­stra­te­gie ange­sichts des nicht nur für Grand-Prix-Ver­hält­nis­se unge­wöhn­lich düs­te­ren Song­the­mas nicht sogar zum Vor­teil gereich­te: immer­hin erreich­te Madame Aubret Rang 3.

Bra bra bra statt la la la: Odd Bør­re (NO)

Den abso­lu­ten Vogel schoss aber der so drol­li­ge wie tra­gi­sche Schwei­zer Gian­ni Mas­co­lo ab. In einem kür­bis­far­be­nen, schraub­sto­cken­gen Anzug und mit Hei­no-Bril­le lie­fer­te er den abschlie­ßen­den Beweis, dass das sämt­li­che modi­schen Fehl­grif­fe scho­nungs­los auf­de­cken­de Farb­fern­se­hen nicht immer ein Segen sein muss. Zudem hat­te er mit ‘Guar­da­no il Sole’ eine sehr grand­pri­x­es­ke Bal­la­de dabei. Und grand­pri­x­esk meint hier vor allem: mit einem gro­ßen, emo­ti­ons­ge­la­de­nen, auf­wal­len­den Fina­le. Ein Song also, wie er eigent­lich für fran­zö­si­sche Chan­so­net­ten typisch ist. Und wie eine sol­che gebär­de­te sich Gian­ni auch: er strahl­te, schmet­ter­te und warf die Arme in die Luft, exal­tier­ter als jeder Jür­gen Mar­cus (→ Vor­ent­scheid DE 19741975, LU 1976) und min­des­tens genau so enthu­si­as­tisch wie drei Jah­re nach ihm Sévé­ri­ne. Die gewann 1971 mit genau so einer Dar­bie­tung. Dem armen Gian­ni bleib das ver­wehrt: mit nur mage­ren zwei Pünkt­chen, eben­so vie­len wie Odd Bør­re erhielt, lan­de­te er ganz hin­ten. Ein glas­kla­rer Fall von geschlechts­spe­zi­fi­scher Dis­kri­mi­nie­rung: blö­de für den im fal­schen Kör­per gebo­re­nen Ita­lo­schwei­zer, dass es sei­ner­zeit noch kei­ne Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten gab.

Eine fünf auf der → Hal­dor-Lægreid-Ska­la: Gian­ni (CH)

Trotz der all­ge­mei­nen Auf­re­gung über den (ver­mut­lich nicht zu Unrecht) als Schie­bung emp­fun­de­nen Sieg Mas­siels ver­kauf­te sich ‘La, la, la’ übri­gens euro­pa­weit ziem­lich gut (#18 in den Nie­der­lan­den, #12 in Deutsch­land, #8 in Öster­reich und der Schweiz sowie #5 in Nor­we­gen). Und konn­te, sozu­sa­gen als Kir­sche auf dem Sah­ne­häub­chen, selbst die sonst gegen fremd­spra­chi­ge Titel so her­me­tisch abrie­gel­ten bri­ti­schen Top 40 kna­cken (#35). Manch­mal lohnt sich ein Königs­mord also doch!

Euro­vi­si­on Song Con­test 1968

Euro­vi­si­on Song Con­test. Sams­tag, 6. April 1968, aus der Roy­al Albert Hall in Lon­don, Groß­bri­tan­ni­en. 17 Teil­neh­mer­län­der, Mode­ra­ti­on: Kat­ie Boyle.
#LandInter­pretTitelPunk­tePlatz
01PTCar­los Men­desVer­ão0511
02NLRon­nie ToberMor­gen0116
03BEClau­de Lom­bardQuand tu revi­en­dras0808
04ATKarel GottTau­send Fens­ter0213
05MCChris Bal­do + Sophie GarelNous vivrons d’A­mour0512
06CHGian­ni Mas­co­loGuar­da­no il Sole0213
07MCLine + Wil­lyÀ cha­cun sa Chan­son0807
08SECla­es-Gör­an Heder­strömDet bör­jar ver­ka Kärlek, ban­ne mej1505
09FIKris­ti­na Hauta­laKun Kel­lo käy0116
10FRIsa­bel­le AubretLa Source2003
11ITSer­gio End­ri­goMari­an­ne0710
12UKCliff RichardCongra­tu­la­ti­ons2802
13NOOdd Bør­re Søren­senStress0215
14IEPat McGe­eganChan­ce of a Life­time1804
15ESMas­sielLa la la2901
16DEWencke Myh­reEin Hoch der Lie­be1106
17YUDubro­vački Tru­badu­riJedan Dan0808

DE 1968: Das ist das ers­te Mal für mich

Wencke Myhre, DE 1968
Die Auf­ge­trie­del­te

Auch 1968 blieb es hin­sicht­lich der Ermitt­lung des deut­schen Grand-Prix-Bei­tra­ges beim strikt inter­nen Aus­wahl­ver­fah­ren. Aller­dings bequem­te sich der zustän­di­ge Hes­si­sche Rund­funk nach den Plei­ten der letz­ten Jah­re mit ange­staub­ten Durch­hal­te­schla­gern end­lich zum längst über­fäl­li­gen Moder­ni­täts­sprung. Als Kom­po­nis­ten des aktu­el­len Bei­trags ver­pflich­te­te man den Easy-Lis­ten­ing-Geni­us Horst Jan­kow­ski, Schöp­fer des fabel­haf­ten, schwung­voll-pop­pi­gen Instru­men­tal­ti­tels ‘Schwarz­wald­fahrt’ (ein US-Hit im Jah­re 1965!). Er schrieb das nicht min­der schwung­vol­le und pop­pi­ge ‘Ein Hoch der Lie­be’; ver­pass­te dem Stück einen Text, in dem es, wie fast immer im Schla­ger, unter­schwel­lig ums Pop­pen ging; ver­zier­te den Refrain mit poly­glot­ten Ein­spreng­seln in eng­lisch, fran­zö­sisch und spa­nisch und bestand – Gip­fel der Inter­na­tio­na­li­tät – gegen alle ari­schen Wider­stän­de inner­halb der ARD dar­auf, dass die sehr popu­lä­re Nor­we­ge­rin Wencke Myh­re (‘Beiß nicht gleich in jeden Apfel’) den mal wie­der in Hans-Joa­chim Kulen­kampffs Sams­tags­abend­show EWG dem Publi­kum vor­ge­stell­ten Titel sin­gen soll­te.

Dreh Dich im Krei­sel der Zeit: Wencke Myh­re

Eine sehr wei­se Ent­schei­dung, denn nicht nur gab es beim Grand Prix end­lich mal wie­der mehr als → null Punk­te, auch die Plat­ten­käu­fer gou­tier­ten den fröh­li­chen Song: Rang 18 in den deut­schen und #17 in den öster­rei­chi­schen Charts. Nach den letz­ten vier Voll­flops mit eher grüb­le­ri­scher Ware eine sehr will­kom­me­ne Abwechs­lung! Wencke, die es 1983 noch­mals beim deut­schen Vor­ent­scheid ver­su­chen soll­te und den­sel­ben 1986 gar mode­rier­te, eröff­ne­te mit ihrer Teil­nah­me in Lon­don die deutsch-skan­di­na­vi­schen Jah­re beim Grand Prix: ihre bei­den Kol­le­gin­nen Siw Malmkvist (Schwe­den, → SE 1960, Vor­ent­scheid SE 1961, Vor­ent­scheid DE 1962), die noch im glei­chen Jahr mit dem nicht min­der fröh­li­chen ‘Har­le­kin’ den Deut­schen Schla­ger-Wett­be­werb gewann, und Git­te Hæn­ning (Däne­mark, → Vor­ent­scheid DK 1962), mit denen sie zwi­schen 2004 und 2007 prak­tisch pau­sen­los vor aus­ver­kauf­ten Häu­sern und fre­ne­tisch fei­ern­den Fans im Drei­er­pack auf­trat, folg­ten 1969 und 1973 und bescher­ten uns eben­falls respek­ta­ble Ergeb­nis­se beim euro­päi­schen Wett­sin­gen. “Die Skan­di­na­vie­rin­nen waren irgend­wie immer frei­er, nicht so ver­zopft”, nann­te ein­mal Chris­ti­an Bruhn (der Schöp­fer ihres größ­ten Hits ‘Lie­bes­kum­mer lohnt sich nicht’) den Grund für den Erfolg der nor­di­schen Sän­ge­rin­nen bei und für uns.

Siw im dro­gen­bun­ten Baby­stramp­ler beim Deut­schen Schla­ger-Wett­be­werb 1968

Was übri­gens nicht wei­ter ver­wun­dert. Denn nicht nur, dass die skan­di­na­vi­schen Län­der seit jeher gesell­schaft­lich deut­lich libe­ra­ler auf­ge­stellt sind, sie inves­tie­ren auch staat­li­cher­seits deut­lich mehr in die Nach­wuchs­för­de­rung als Deutsch­land. Wird der Musik­un­ter­richt an unse­ren Schu­len eher als Blüm­chen­fach wahr­ge­nom­men und den Kin­dern mit der obli­ga­to­ri­schen Block­flö­te der Spaß an der ver­meint­lich brot­lo­sen Kunst sys­te­ma­tisch aus­ge­trie­ben, so genießt er bei­spiels­wei­se in Schwe­den einen ganz ande­ren Stel­len­wert (und eine deut­lich höhe­re finan­zi­el­le För­de­rung). Am Wich­tigs­ten aber: der Blick über den Tel­ler­rand, der in ver­hält­nis­mä­ßig bevöl­ke­rungs­schwä­che­ren Län­dern bei­na­he auto­ma­tisch not­wen­dig ist. Und der dafür sorgt, dass inter­na­tio­na­le musi­ka­li­sche Trends dort sehr viel schnel­ler wahr­ge­nom­men und adap­tiert wer­den, wäh­rend die Deut­schen ten­den­zi­ell eher im eige­nen Saft schwit­zen. Gera­de in den Sech­zi­gern (und noch bis hin­ein in die Sieb­zi­ger) konn­te man das auch in den Charts sehen, wo es eng­lisch­spra­chi­ge Titel noch deut­lich schwe­rer hat­ten, in Deutsch­land Käu­fer zu fin­den, und oft­mals die deut­schen Cover­ver­sio­nen erfolg­rei­cher waren als die Ori­gi­na­le. Könn­ten Sie bei­spiels­wei­se aus dem Stand den Text von ‘Let your Love flow’ von den Bel­l­a­my Bro­thers rezi­tie­ren? Aber die Ein­deut­schung die­ses Titels, ‘Ein Bett im Korn­feld’ von Jür­gen Drews (→ DE 1976, Vor­ent­scheid 1990), die ken­nen Sie – ob Sie wol­len oder nicht – von vor­ne bis hin­ten aus­wen­dig, nicht wahr?

Noch drei Minu­ten bis zu den Nach­rich­ten: Zeit für eine Schwarz­wald­fahrt mit Horst Jan­kow­ski

Auch die Grö­ße des Mark­tes spielt eine wich­ti­ge – und in Sachen Grand Prix für uns eher nach­tei­li­ge – Rol­le. Wäh­rend die drei erwähn­ten Skan­di­na­vie­rin­nen den Löwen­an­teil ihres Ein­kom­mens als Schla­ger­sän­ge­rin­nen eben in Deutsch­land erziel­ten, und auch Bands wie Abba (→ SE 1974), a‑ha (Nor­we­gen) oder Aqua (Däne­mark) stets über den Hei­mat­markt hin­aus den­ken und auf die inter­na­tio­na­le Ver­markt­bar­keit ihrer Songs ach­ten muss­ten, reich­ten die Plat­ten­um­sät­ze im dritt­größ­ten Musik­markt der Welt für deut­sche Inter­pre­ten locker aus, um gut davon leben zu kön­nen. Auch wenn das in Zei­ten von Spo­ti­fy mitt­ler­wei­le deut­lich schwie­ri­ger gewor­den ist: eine Hele­ne Fischer braucht die Märk­te jen­seits der deut­schen Gren­zen nicht und muss sich daher auch nicht nach den musi­ka­li­schen Befind­lich­kei­ten ande­rer Natio­nen rich­ten. Im Gegen­teil: sie bedient sich ja ger­ne kul­tu­rel­ler Ein­flüs­se von über­all her auf, dampf­strahlt sie dann und presst sie mit dem unver­zicht­ba­ren Dis­co­fox­beat ins enge deut­sche Schla­ger­kor­sett. Hei­mi­sche Acts aber, die inter­na­tio­na­le Trends set­zen (wie das immer­hin in den Acht­zi­gern und Neun­zi­gern noch im Bereich Tech­no und Euro­dance der Fall war), sucht man in der Regel ver­ge­bens. Horst Jan­kow­ski, um abschlie­ßend end­lich wie­der zum Vor­ent­scheid 1968 zurück­zu­kom­men, gehör­te zu den sel­te­nen Aus­nah­men.

1968 ein Hit: die Ein­deut­schung des bra­si­lia­ni­schen Titels ‘A ban­da’, gesun­gen von Fran­ce Gall (→ LU 1965). Und ohne den char­man­ten fran­zö­si­schen Akzent wäre der kar­ne­val­es­ke deut­sche Text wirk­lich uner­träg­lich.

Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1968
Einer wird gewin­nen. Sams­tag, 16. März 1968, aus dem Sen­de­stu­dio des Hes­si­schen Rund­funks in Frank­furt am Main. Eine Teil­neh­me­rin, Mode­ra­ti­on: Hans-Joa­chim Kulen­kampff (Song­prä­sen­ta­ti­on im Rah­men der TV-Show).

NO 1966: We’­re not gon­na take it

Sie hat­te ein klein wenig was von einem femi­nis­ti­schen Folk-Fes­ti­val, die nor­we­gi­sche Euro­vi­si­ons-Vor­ent­schei­dung Melo­di Grand Prix 1966. Was nicht nur dar­an lag, dass aus­schließ­lich Frau­en san­gen. Nein, auch der eine oder ande­re der ins­ge­samt fünf dort vor­ge­stell­ten Titel ver­ström­te einen lei­sen, leich­ten Hauch von Auf­leh­nung und Rebel­li­on, sei es durch sei­ne Instru­men­tie­rung, sei­nen Text oder sei­ne Inter­pre­ta­ti­on. Inter­es­san­ter­wei­se stamm­ten die­se Lie­der alle­samt aus der schöp­fe­ri­schen Hand eines ein­zel­nen Man­nes, näm­lich des nor­we­gi­schen Kom­po­nis­ten und ESC-Ver­tre­ters von 1964, Arne Ben­dik­sen. Was auch vor dem wei­te­ren Hin­ter­grund bemer­kens­wert erscheint, dass eine sen­der­ei­ge­ne Jury die­se fünf – in jeweils zwei unter­schied­lich instru­men­tier­ten Fas­sun­gen von zwei unter­schied­li­chen Sän­ge­rin­nen dar­ge­bo­te­nen – MGP-Titel aus ins­ge­samt 325 Ein­sen­dun­gen aus­ge­wählt hat­te und dabei gleich alle drei Vor­schlä­ge Ben­dik­sens beach­te­te. Ledig­lich der Eröff­nungs­song und mit 96 Sekun­den Lied­dau­er noch nicht ein­mal kür­zes­te Bei­trag des Abends, der von Wencke Myh­re in einem bezau­bern­den Geschenk­schlei­fen­kleid unter­nom­me­ne, musi­ka­lisch flot­te ‘Lør­dags­tripp’ (‘Sams­tags­aus­flug’), sowie die hoff­nungs­los alt­mo­disch-ver­staub­te Bal­la­de ‘Ung og forels­ket’ (‘Jung und ver­liebt’), die der Sen­der fol­ge­rich­tig Ani­ta Thallaug (→ NO 1963) zudach­te, zähl­ten nicht dazu. Thallaug inter­pre­tier­te in der ers­ten Lied-Run­de, die mit dem klei­nen Orches­ter, auch den in der anschlie­ßen­den Jury­wer­tung letzt­plat­zier­ten Song, das beat­be­tont-fröh­li­che ‘Vims’, mit dem sich die Sän­ge­rin aller­dings stimm­lich gering­fü­gig über­for­dert zeig­te.

Shake dat Ass: Frau Thallaug über­zeug­te eher tän­ze­risch als gesang­lich. Oh, und natür­lich durch die schmie­de­ei­ser­nen Locken.

Wei­ter­le­senNO 1966: We’­re not gon­na take it

NO 1964: Für immer jung

Es war eine Art von Lehr­stun­de zum The­ma Genera­tio­nen­kon­flikt, was sich beim nor­we­gi­schen Euro­vi­si­ons­vor­ent­scheid von 1964 abspiel­te. Und was auf sei­ne eher spie­le­ri­sche Wei­se das reflek­tier­te, was in der ech­ten Pop­welt drau­ßen gera­de in Form des mas­si­ven Durch­mar­sches von Bands wie den Beat­les pas­sier­te, beglei­tet von hys­te­ri­schem Ver­hal­ten der jugend­li­chen Fans, die in ihrem Über­mut gan­ze Kon­zert­sä­le zer­leg­ten, sowie vom völ­li­gen Unver­ständ­nis und der schrof­fen Ableh­nung der “lang­haa­ri­gen Gamm­ler” durch die Erwach­se­nen­ge­nera­ti­on, die in ihnen – nicht ganz zu Unrecht – eine Bedro­hung für die bestehen­de gesell­schaft­li­che Ruhe und Ord­nung sah. Lus­ti­ger­wei­se reprä­sen­tier­te beim Nor­ske Melo­di Grand Prix ein Mann gleich bei­de Sei­ten der Medail­le: der nor­we­gi­sche Sän­ger, Musi­ker, Band­lea­der, Kom­po­nist und Musik­pro­du­zent Arne Ben­dik­sen näm­lich, der im Lan­de bereits in den Fünf­zi­gern Erfol­ge als Teil der Band The Monn Keys gefei­ert hat­te und der hier mit einer stel­len­wei­se etwas brü­chi­gen Stim­me den sieg­rei­chen Bei­trag ‘Spi­ral’ inter­pre­tier­te, eine klas­si­sche Big-Band-Melo­die, die eigent­lich nicht wei­ter der Rede wert ist – ein ohne grö­ße­re Schmer­zen anhör­ba­res, wenn­gleich ziem­lich alt­mo­disch wir­ken­des Lied, das als dezent swin­gen­de Begleit­mu­sik für das Super­markt­ra­dio bes­tens geeig­net scheint, das man aber sofort wie­der ver­gisst, sobald es ver­klun­gen ist. ‘Spi­ral’ setz­te sich in der Jury-Abstim­mung mit nur einem ein­zi­gen Pünkt­chen Vor­sprung gegen den unter ande­rem von der sich bereits im gesetz­ten Alter befind­li­chen “sin­gen­den Haus­frau aus Lørens­kog”, Eli­sa­beth Gran­ne­man (→ MGP 1960, 1969) inter­pre­tier­ten ‘God gam­mel fir­kan­tet Vals’, den ‘Guten alten spie­ßi­gen Wal­zer durch, der also – auf eine selt­sam eigeniro­ni­sche Art – sei­ne gera­de in der älte­ren Genera­ti­on viru­len­te nost­al­gi­sche Sehn­sucht nach kon­ser­va­ti­ven Wer­ten bereits im Namen trug. Lus­ti­ges Detail: der Schöp­fer die­ses Spieß­bür­ger-Wal­zers hieß… Arne Ben­dik­sen!

Ein Wer­be­song für ein Emp­fäng­nis­ver­hü­tungs­mit­tel? Das kam beim Grand Prix nur so mit­tel an: Platz 8 für Arne Ben­dik­sen.

Wei­ter­le­senNO 1964: Für immer jung