Zypern 2017: ein schöner Saisonauftakt!

Der Early-Bird-Award für die früheste Nominierung des Eurovisions-Repräsentanten geht in dieser Saison überraschend an… Zypern! Das sonnige, zweigeteilte Mittelmeer-Eiland gab heute bekannt, dass der 27jährige Hovig Demirjian das Land in Kiew vertritt. Der intern ausgewählte, optisch ein wenig an Antony Costa von Blue (UK 2011) erinnernde Hovig ist gebürtiger Armenier, lebt aber in Zypern, wo er sich 2015 mit der etwas zähen Ballade ‚Stone in a River‘ ohne Erfolg beim Vorentscheid bewarb. Erste größere Bekanntheit erlangte der gut aussehende Sänger durch seine Teilnahme an der griechischen Ausgabe der Castingshow X Factor im Jahre 2009. Wie eurovision.tv verkündet, komponiert der schwedische Serienschreiber Thomas G:sson, der schon für den Rockschlager ‚Alter Ego‘ (CY 2016) verantwortlich zeichnete und augenscheinlich einen Mehrjahresvertrag mit CyBC abgeschlossen hat, auch den aktuellen zyprischen Beitrag, über den aber noch keine weiteren Details bekannt sind.

Optisch kann Hovig schon mal überzeugen. Wenn G:sson ihm jetzt noch einen guten Song schreibt, könnte das was werden!

Zypern 2016: das Schaf im Wolfspelz

Nominiert ist die zypriotische Band Minus One schon seit dem 4. November vergangenen Jahres – heute endlich veröffentlichte sie ihren Wettbewerbsbeitrag für Stockholm, das vom schwedischen Hit-Magier G:sson geschriebene ‚Alter Ego‘. Wer nun einen süffigen Schwedenschlager mit sofort eingängiger Hookline erwartet, sieht sich nicht getäuscht. Allerdings handelt es sich bei den Interpreten um gestandene Rocker, und entsprechend hauen uns Minus One die Gitarren nur so um die Ohren und posen dazu wie die ganz harten Kerle. Selbst ein Wolf darf im Videoclip nicht fehlen. Der etwas härtere Anstrich tut den aus dem skandinavischen Powerhouse des Pop allseits gewohnten Klängen aber erstaunlich gut und verleiht dem Lied etwas Frisches. Man merkt es, das G:son, der 1988 seine eigene Hardrockformation gründete, das Genre nicht fremd ist: auch wenn ‚Alter Ego‘, das man als Titel im Hinblick auf seinen Autoren und sein Doppelleben als Schwedenschlagergröße und Rocker durchaus autobiografisch lesen kann, wie weiland Lordis ‚Hard Rock Hallelujah‘ (FI 2006) musikalisch als Schaf im Wolfspelz daherkommt, wirkt die Nummer doch authentisch. Und so könnte die beim Wettbewerb in den letzten zehn Jahren nicht sonderlich erfolgreiche Mittelmeerinsel diesmal einen Beitrag in den Händen halten, auf den sich (fast) alle einigen können und das ihnen einen vorderen Platz zu bescheren vermag.

Der Wolf, das Lamm, auf der grünen Wiese: Minus One

Perlen der Vorentscheidungen: Hey you, the Rocksteady Crew

Von einer schweren Halsentzündung war er heimgesucht bei seinem Live-Auftritt in der gestrigen zweiten Vorrunde der ungarischen Vorentscheidung A Dal: der diesjährige Favorit András Kállay Saunders, der schon 2014 dem Land der Magyaren mit dem düster-druckvollen ‚Running‘ seine zweitbeste Platzierung beim Eurovision Song Contest bescherte. Nun versucht er es erneut, diesmal begleitet von der Kállay Saunders Band, und trotz der deutlich hörbaren, krankheitsbedingten stimmlichen Schwächen ihres Frontmannes gewann selbige gestern aus dem Stand. Zu Recht: das rockige ‚Who we are‘ (mit passender Dubstep-Einlage) überzeugt durch melodiöse Eingängigkeit und Biss, wenngleich es nicht ganz die finstere Tiefe seines vorgehenden Meisterwerks erreicht. András ist im zerrissenen Muskelshirt und in enger Lederhose zudem eine Augenweide, selbst die mit Neon-Plaka-Farbe auf seine nackte Haut aufgemalten Textzitate aus dem Song, die dem Auftritt einen Hauch von Beat Street (1984) verliehen, können das optische Vergnügen nicht trüben.

Muss über seine Reibeisenstimme selbst lachen: András Kállay Saunders (HU) (zur Zeit leider nur auf der schlecht gemachten Senderseite verfügbar)

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Bestätigt: Zypern schickt Einen Weniger

Vor zwei Tagen geisterte es noch als Gerücht durch die Gegend, nun hat es der zyprische Delegationsleiter bestätigt, wie Eurovoix berichtet: der griechische Part der zweigeteilten Mittelmeerinsel entsendet die Rockband Minus One nach Schweden. Die fünf Herren errangen beim großangelegten Vorentscheid 2015 den ersten Platz im Juryvoting, wurden aber Letzte in der Publikumsabstimmung. Für 2016 legte sich das zyprische Fernsehen daher gleich auf eine interne Abstimmung fest. Wie Eurovoix weiter berichtet, tritt das Quintett mit einem Song aus der Feder des schwedischen Fließbandkomponisten Thomas G:son an. Der ist zwar eher bekannt für uptemporäre Schwedenschlager wie ‚Möt mig i Gamla stan‘ von Magnus Carlsson (Melodifestivalen 2015) oder pompöse Bombastballaden wie ‚Quédate conmigo‘ von Pastora Soler (ES 2012), spielt aber selbst Gitarre in einer Hardrockband und hat auch schon Rockschlager geschrieben wie ‚Land of broken Dreams‘ für Dynazty (Mello 2012). Mal schauen, was er den Jungs von Minus One zusammenschustert.

Mein Lieblings-G:son-Stück. Ob er für Minus One auch so etwas Süffiges schreibt?

Minus One für Zypern?

Bereits beim letzten Contest hätte die zyprische Jury gerne die inseleigene Rockband Minus One nach Wien geschickt. Doch die aufsässigen Televoter machten ihnen einen Strich durch die Rechnung und bedachten ihren von der Jury präferierten, außergewöhnlich faden Song ‚Shine‘ im Finale der groß angelegten Vorentscheidung Euro Challenge mit dem letzten Platz. Diesmal geht CyBC auf Nummer Sicher und nominiert direkt. Und, Überraschung: glaubt man einer lokalen Klatschseite, so läuft es wohl diesmal auf besagte Kapelle hinaus, wie EuroVisionary rapportiert. Ob der Bandname als Omen hinsichtlich des angestrebten Eurovisionsergebnisses zu werten ist; ob es Minus One dementsprechend gelingt, noch einen Punkt weniger zu erringen als Ann Sophie; ob sie vielleicht doch noch einen Rocksong vorstellen, der tatsächlich rockt; oder ob alles nur ein Gerücht war, bleibt abzuwarten.

In einer Langweilerliga mit den Dorians (AM 2013): Minus One

The King of Fun: zweites Semi 2015

Na, das war aber auch an der Zeit! Da musste erst ein kerniger siebzehnjähriger ‚Golden Boy‘ aus Tel Aviv kommen, um den Fluch von ‚Ding-Dong‘Dana (IL 1998, 2011) abzuschütteln und die Israelis nach einer fünfjährigen Durststrecke endlich wieder ins Gelobte Land zu führen. Dramaturgisch geschickt hatte sich der ORF die Verkündung des Finaleinzugs von Nadav Guedj bis ganz am Schluss aufgehoben, und der kollektive Erleichterungsschrei aus über zehntausend Fankehlen ließ die Wiener Stadthalle beinahe in ihren Grundfesten erbeben. Wäre Israel diesmal wieder kleben geblieben, hätte ich auch endgültig den Glauben an die Menschheit verloren. Doch dazu erwies sich die Mischung aus goldenen Schuhen (schon für Schweden 1984 ein Siegesrezept), jugendlicher Energie, bewährter israelischer Engtanzchoreografie, genialen Textzeilen wie „Before I leave / let me show you Tel Aviv“ (sehr gerne!) und dem lustigen Selfie zum Songfinale als zu unwiderstehlich. Daher heute keine Publikumsbeschimpfung, sondern ein herzliches: danke, Europa!

Schön auch die subtile Homoerotik in Nadavs Tanzmoves bei „Do you like my Dancing?“ bei 1:45 Minuten. Yes, Honey, we do! (IL)

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Schweden und die HJ: erste Proben zweites Semi 2015

In Wien setzten sich am Mittwoch und Donnerstag die ersten Probedurchläufe fort, diesmal mit den Teilnehmer/innen des zweiten Semifinales vom kommenden Donnerstag. Eine Fortsetzung fand auch die Saga um die händchenhaltenden Ampelmännchen: ausgerechnet die sich selbst als „freiheitlich“ titulierende FPÖ drohte an, die hübsche Geste gegenüber der Eurovisions-Kernzielgruppe (und Umsetzung der Toleranzbotschaft der aktuell regierenden Eurovisionskaiserin Conchita) zur Anzeige zu bringen. Es handele sich um „grüne Klientelpolitik und Steuergeldverschwendung in Reinkultur,“ so der FPÖ-Mann Toni Mahdalik laut Kronenzeitung. Da Beides nicht verboten ist, begründete die FPÖ die Anzeige offiziell mit einem „Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung“ – und musste sich prompt belehren lassen, dass in der StVO „lediglich die Farben Rot, Grün, Gelb geregelt [sind], jedoch nicht die Form“, so Sonja Vicht von der Wiener Stadtverwaltung. Es gilt übrigens nochmals darauf hinzuweisen, dass unter den drei Motiven auch ein Hetero-Pärchen zu sehen ist – was uns wunderbar auf die ersten Starter im zweiten Eurovisionssemi hinleitet…

Beste Stelle bei 0:48 Minuten: ich weiß nicht warum, aber irgendwie scheint mir das mit der erhöhten Aufmerksamkeit nicht ganz zu funktionieren! 

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Zypern 2015: What have we done to you, lately?

Das ist nach meiner Erinnerung ein völliges Novum: dass mich ein Sender soweit kriegt, die Liveübertragung einer Eurovisionsvorentscheidung noch vor Bekanntgabe des Ergebnisses abzuschalten. Gestern schaffte das zyprische Fernsehen CyBC genau dieses, trotz eigentlich hoher Leidensbereitschaft. Lediglich sechs Songs tummelten sich im Finale des Eurovision Song Project: drei völlig indiskutable Darbietungen auf dem Niveau eines Bewerbungssingens für den bunten Abend der örtlichen Grundschule zum Auftakt; gefolgt von einem (zumindest professionell dargebotenen) Rocksong, der noch nicht mal als Albumfüller eine Berechtigung hätte, sowie dem (am Ende siegreichen) männlichen Gegenentwurf zum zypriotischen Beitrag von 2004 und einem herrlich altmodischen Drama-Dualsprach-Duett, das sich allerdings durch den Bühneneinsatz von im Kondom miteinander ringender Spermien selbst die Chancen versaute.

His Glasses are Stronger every Minute: Giannis siegte zu Recht

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Perlen der Vorentscheidungen: Es tut mir (nicht) leid

Fast unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit, schrägte es vergangene Woche erneut einige hoffnungsvolle Bewerber/innen für den Eurovision Song Contest 2015 in Wien, darunter einige mit wundervoll schrägen Beiträgen, die es an dieser Stelle zu würdigen gilt. Dazu zählt an vorderster Stelle natürlich die Litauerin Reda Striškaitė und ihr barjazziger Cabaret-Versuch ‚Es tut mir nicht leid‘. Jawohl, mit deutschem Titel! Wobei: auch wenn Reda, die den Song bis auf diese Zeile auf Englisch vortrug, an der Aussprache noch etwas feilen sollte, pressiert es nicht mehr. Denn obgleich es aufgrund der für Außenstehende schlichtweg undurchdringbaren Kompliziertheit des litauischen Auswahlverfahrens widersprüchliche Angaben darüber gibt, ob der Song nun endgültig draußen ist oder nicht: ins Vorentscheidungsfinale schafft es die patente Hausfrau mit der flotten Lesbenfrisur sicher nicht.

Dass sie draußen ist, tut mir nicht leid: Reda (LT)

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„Christer Björkman, Du bist ein Arschloch!“

Nicht jeder kann mit Kritik gleichermaßen professionell umgehen. Das zeigte sich gestern Abend bei der vom Sender vorgezogenen ersten Ausscheidungsrunde des marathonmäßigen zyprischen Vorentscheids The Eurovision Project, wo es von 20 Beiträgen nur die Hälfte ins zweite Semi schaffte. Zu den Ausgeschiedenen zählte eine Sängerin mit dem schönen Namen Eva Diva. Sie musste sich von Melodifestivalen-Guru und Jurymitglied Christer Björkman (SE 1992) unter anderem anhören, dass ihr in der Tat etwas merkwürdiges Abendkleid (unten Zelt, oben Milchbeutel) womöglich nicht die passende Wahl für ihren dubstepverzierten Discoschlager ‚Come and fight for Freedom‘ gewesen sei, was sie offensichtlich so erboste, dass sie anschließend auf Facebook ihrem Herzen Luft machte: „Christer Björkman – Mr. Melodifestivalen – Du bist ein Arschloch und Du siehst auch wie eins aus. Erzähl mir verflucht noch mal nichts über meine Kleidung, hör Dir den verfluchten Song an! Ich musste für die Sachen bezahlen, die ich trug, ich musste für die Tanzschule für meine Schritte bezahlen, und dann muss ich mich kritisieren lassen, weil ich gut ausschaue – geh und fick Dich selbst!“

Kämpfte vergeblich für ihre künstlerische Freiheit: Eva Diva

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