ESC-Fina­le 1967: Sicher vor der sen­gen­den Sonne

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Das Jahr der Vielsprachigkeit

Wahr­lich kei­nen wür­di­ge­ren Gast­ge­ber hät­te es für die­sen den Über­gang zwi­schen Tra­di­ti­on und Moder­ne mar­kie­ren­den Euro­vi­si­ons­jahr­gang geben kön­nen als den ORF. Mit der Wahl des Fest­saals der kai­ser­li­chen Wie­ner Hof­burg als Ver­an­stal­tungs­ort steu­er­ten die Öster­rei­cher die unein­hol­bar nobels­te Loca­ti­on, in wel­cher der Grand Prix jemals gas­tier­te, zum Gesche­hen bei. Üppi­ge Blu­men­ar­ran­ge­ments auf der Büh­ne, ger­ne ins Bild gerück­te gigan­ti­sche Kron­leuch­ter an den hohen Stuck­de­cken, die fest­li­che Abend­gar­de­ro­be des hand­ver­le­se­nen Saal­pu­bli­kums, ein exzel­len­tes Orches­ter und die tra­di­ti­ons­rei­chen Wie­ner Hof­kna­ben als Pau­sen­pro­gramm sorg­ten im letz­ten Jahr des Schwarz­weiß­fern­se­hens für einen gera­de­zu baro­cken Glanz beim euro­päi­schen Chan­son­wett­be­werb. Gleich­zei­tig bemüh­te man sich mit rie­si­gen Dreh­spie­geln hin­ter den auf­tre­ten­den Künstler:innen um etwas Abwechs­lung und Fri­sche im Bild, sorg­te damit aller­dings, wie von der BBC gesam­mel­te Reak­tio­nen bele­gen, bei nicht weni­gen TV-Zuschauer:innen mit sol­cher­lei unge­wohn­ten Spe­zi­al­ef­fek­ten für unan­ge­neh­me Schwindelgefühle.

Spieg­lein, Spieg­lein an der Wand, wer singt am schöns­ten im gan­zen Land? Der ESC 1967.

Für die gezwun­ge­ner­ma­ßen far­ben­blin­den Men­schen zu Hau­se vor den Gerä­ten erläu­ter­te der öster­rei­chi­sche Kom­men­ta­tor Emil Koll­pa­cher auf bei­na­he schon poe­ti­sche Wei­se die Kolo­rie­rung der modi­schen Gewän­der und Fri­su­ren der Sän­ge­rin­nen (“Kas­ta­ni­en­braun an Aug’ und Haar”), und wie ernst er die­se Auf­ga­be nahm, illus­triert die Aus­sa­ge “Wir haben uns dar­auf geei­nigt, die Far­be des Klei­des als ‘muschel­grün’ zu bezeich­nen”. Wir? Fand wäh­rend der Pro­ben­wo­che in Wien eine Kon­fe­renz der natio­na­len Grand-Prix-Kom­men­ta­to­ren statt, auf wel­cher man sich über der­art essen­ti­el­le Details ver­stän­dig­te? Für unfrei­wil­li­ges Amü­se­ment sorg­te die Tat­sa­che, dass alle 17 ange­tre­te­nen Interpret:innen sich das­sel­be Stand­mi­kro­fon tei­len muss­ten, was zur Fol­ge hat­te, dass jede:r von ihnen vor Lied­be­ginn das Teil erst mal selbst von Hand auf die rich­ti­ge Höhe schrau­ben muss­te: ein ste­ti­ger, hoch­span­nen­der Wett­lauf mit der Zeit, ob er oder sie es vor dem ers­ten Ton auch schaf­fen wür­de. Und zugleich ein visu­ell wert­vol­ler Hin­weis auf die sehr unter­schied­li­chen Kör­per­grö­ßen der inter­na­tio­na­len Stars, die sich in der selbst­er­nann­ten Welt­haupt­stadt der Musik ver­sam­mel­ten und die mit ledig­lich zwei Aus­nah­men jeweils völ­lig allei­ne auf­tra­ten, so dass einem ansons­ten jede Ver­gleichs­mög­lich­keit fehlte.

Ein bis­sel grus­lig: man war­tet drei Minu­ten drauf, ob Thé­rè­ses Hals­schlag­ader gleich platzt? (NL)

Das von Koll­pa­cher mehr­fach voll­kom­men uniro­nisch behaup­te­te “hohe Niveau” der Lie­der ließ sich dem ers­ten Bei­trag des Abends nicht unbe­dingt beschei­ni­gen: Thé­rè­se Stein­metz aus den Nie­der­lan­den besang in ‘Ring din­ge ding’ ein über­mü­ti­ges Mäd­chen, das als Aus­weis ihres Froh­sinns unter ande­rem einen Minis­ter anruft, um ihm “den Witz des Tages” zu erzäh­len. Dabei wirk­te die Inter­pre­tin selbst weder fröh­lich noch über­mü­tig, son­dern eher ange­strengt. Fol­ge­rich­tig lan­de­te der laut­ma­le­ri­sche Titel weit abge­schla­gen auf dem geteil­ten vor­letz­ten Platz. Die Holländer:innen lie­ßen sich nicht ent­mu­ti­gen und kehr­ten 1975 mit der gebür­ti­gen Öster­rei­che­rin Get­ty Kas­pers als Front­frau der Band Teach-In und dem nicht min­der laut­ma­le­ri­schen ‘Ding a Dong’ ungleich erfolg­rei­cher zurück. Eine kom­men­de Grand-Prix-Gewin­ne­rin ging heu­er erst­mals für Luxem­burg an den Start. Die in Deutsch­land leben­de Grie­chin Vicky Lean­dros hat­te jedoch trotz eines klas­sisch fran­ko­phi­len Gefühls­stur­mes in die­sem Jahr kei­ne Chan­ce. Denn das vom fran­zö­si­schen Kom­po­nis­ten André Popp (→ ‘Tom Pil­li­bi’, FR 1960) ver­fass­te ‘L’A­mour est bleu’ muss­te von Start­po­si­ti­on 2 aus ins Ren­nen: bekann­ter­ma­ßen der Todes­stoß für jeden Beitrag.

Eine Kör­per­hal­tung wie ein Fra­ge­zei­chen: Vicky Lean­dros (LU).

Erschwe­rend kam hin­zu, dass sie hier sang wie eine Hupe und auf der Büh­ne stand wie ein Schluck Was­ser in der Kur­ve. Einen Hit lan­de­te sie mit dem im Deut­schen als ‘Blau wie das Meer’ über­setz­ten Titel den­noch (Platz 27 DE, 18 AT), als Instru­men­tal­fas­sung gelang­te die Melo­die gar in die US-Charts. Der Legen­de zufol­ge schwor sich Vicky nach der Ver­an­stal­tung, eine tri­um­pha­le Rück­kehr hin­zu­le­gen: fünf Jah­re spä­ter mach­te sie es wahr. Die Gast­ge­ber schick­ten den wie immer intern aus­ge­wähl­ten Lie­der­ma­cher Peter Hor­ten, der es in den fol­gen­den Jah­ren noch zwei Mal erfolg­los beim deut­schen Vor­ent­scheid ver­such­te. Da hat­te er sich bereits auf Druck der gleich­na­mi­gen, mitt­ler­wei­le längst abge­wi­ckel­ten Kauf­haus­ket­te in “Hor­ton” umbe­nen­nen müs­sen. Hof­fen wir für Mil­lio­nen Lands­leu­te, dass der Mol­ke­rei­pa­te Theo Mül­ler nie auf dum­me Gedan­ken kommt! ‘War­um es hun­dert­tau­send Ster­ne gibt’, woll­te jeden­falls außer­halb Öster­reichs nie­mand wis­sen: Platz 14. Gro­ßen Erfolg bei den nach wie vor stark fran­ko­phi­len Jurys, jedoch wenig Gegen­lie­be beim plat­ten­kau­fen­den Publi­kum erziel­te die Fran­zö­sin Noël­le Cor­dier mit dem etwas intro­ver­tiert wir­ken­den Chan­son ‘Il doit fai­re beau la-bas’.

Hat hier jemand “intro­ver­tiert” gesagt? Fre­di aus Finnland.

Zur Inner­lich­keit neig­ten auch die drei skan­di­na­vi­schen Vertreter:innen (Däne­mark begann 1967 sei­ne aus­ge­dehn­te Schmoll­pha­se und fehl­te für die nächs­ten elf Jah­re). Der etwas fül­li­ge Fin­ne Fre­di the­ma­ti­sier­te sei­ne für das nor­di­sche Volk so typi­sche Scheu vor dem glei­ßen­den Ram­pen­licht gar in sei­nem lei­den­schaft­lich krä­hend vor­ge­tra­ge­nen, exqui­si­ten Euro­vi­si­ons­klas­si­ker ‘Var­joon-suo­ja­an’. In einem dunk­len, schat­ti­gen, nur ihm zugäng­li­chen Platz tief im Inners­ten sei­ner See­le suche er Zuflucht vor den Zumu­tun­gen des Ruh­mes und der auf­dring­li­chen Öffent­lich­keit, so berich­te­te er uns. Erst neun Jah­re spä­ter hat­te er an die­sem magi­schen Rück­zugs­ort so viel Kraft gesam­melt, dass es ihn wie­der zum ESC trieb, dies­mal mit dem ungleich extro­ver­tier­te­ren Grand-Prix-Kult­kra­cher ‘Pump-pump’. Sein schwe­di­scher Kol­le­ge Östen War­ner­bring brach­te im Roll­kra­gen­pull­over und mit Kas­sen­ge­stell links­al­ter­na­ti­ven Anti­schick auf die Büh­ne, flan­kiert von extrem mode­rat ein­ge­setz­ten psy­che­de­li­schen Syn­the­si­zer­tö­nen in sei­ner ansons­ten recht unauf­fäl­li­gen Bal­la­de ‘Som en Dröm’. Und die Nor­we­ge­rin Kris­ti Spar­boe hat­te beim zwei­ten ihrer ins­ge­samt drei jeweils im Abstand von zwei Jah­ren erfol­gen­den Euro­vi­si­ons­auf­trit­te mit dem ‘Duk­ke­man’ (‘Pup­pen­spie­ler’) gar eines von zwei Lie­dern die­ses Abends zum beim Grand Prix stets belieb­ten Mario­net­ten-The­ma im Gepäck. Der har­te Fata­lis­mus ihres Tex­tes, der sinn­ge­mäß aus­sag­te, dass wir uns abstram­peln kön­nen, so viel wir wol­len, doch stets jemand anders die Fäden in unse­rem Leben zieht, kam jedoch nicht gut an: vor­letz­ter Rang auch für sie.

Maso­chis­ten hal­ten bit­te bis zum bit­te­ren Ende durch: es lohnt sich! (CH)

Ganz ohne Punk­te schick­ten die Jurys die schwei­ze­ri­sche Reprä­sen­tan­tin Géral­di­ne Gau­lier heim. Das aller­dings völ­lig zu Recht, denn sie hauch­te die Töne ihrer jury­op­ti­mier­ten Bau­kas­ten­bal­la­de man­gels jeg­li­chen voka­len Talen­tes äußerst zurück­hal­tend dahin. Erst bei der gro­ßen hohen Schluss­no­te dreh­te sie plötz­lich auf und ver­fiel ohne jede Vor­war­nung in ein ohren­be­täu­bend lau­tes, sire­nen­haf­tes Jau­len, wel­ches einem der­ge­stalt durch Mark und Bein ging wie sonst nur das Geräusch krat­zen­der Fin­ger­nä­gel auf einer Schie­fer­ta­fel. Edu­ar­do Nasci­men­to, der aus Ango­la stam­men­de und für Por­tu­gal antre­ten­de ers­te männ­li­che schwar­ze Soloist beim ESC, soll in der Nacht vor dem Auf­tritt einen Alp­traum gehabt haben, in wel­chem er von der Büh­ne stürz­te, weil er sich in sei­nen eigens für den Wett­be­werb gekauf­ten, noch nicht rich­tig ein­ge­tra­ge­nen Schu­hen nicht wohl fühl­te. Hielt er des­we­gen sei­nen lin­ken Arm so eng an den Kör­per gepresst? Phan­tom­schmerz? Er brach­te das nur zwei­ein­halb­mi­nü­ti­ge ‘O Ven­tu mudou’ jeden­falls unfall­frei zum Vor­tra­ge und nahm die Zuhörer:innen dank der immensen Kraft sei­ner so rau­en wie nuan­cier­ten Stim­me mit auf eine wun­der­bar abwechs­lungs­rei­che musi­ka­li­sche Rei­se, die mit einem dra­ma­ti­schen Auf­takt abhob, von einem trei­ben­den Rhyth­mus getra­gen wur­de, zwi­schen­drin sanft pro­pel­ler­te und mit einer ein­drucks­vol­len Punkt­lan­dung ende­te. Fol­ge­rich­tig daher, dass der groß­ge­wach­se­ne Nasci­men­to, der 1969 mit dem Kapi­tel Pop­mu­sik abschloss und nach Ango­la zurück­kehr­te, anschlie­ßend in der Luft­fahrt arbei­te­te. Er ver­starb 2019.

Sträf­lich unter­be­wer­tet: Edu­ar­do Nascie­men­to mit einem der bes­ten por­tu­gie­si­schen Beiträge.

Anousch­ka’, der deut­sche Bei­trag, hät­te in der von Alex­an­dra inter­pre­tier­ten Fas­sung ver­mut­lich bes­se­re Chan­cen beses­sen, womit Inge Brücks Fähig­kei­ten nicht abge­wer­tet wer­den sol­len. Aber der melan­cho­li­sche Trös­tungs­schla­ger war sehr hör­bar auf die schmerz­haft schö­ne, tief­trau­ri­ge Stim­me Alex­an­dras, eine der Stamm­ab­neh­me­rin­nen des Kom­po­nis­ten Hans Blum, hin geschrie­ben und gewinnt erst in der sub­ti­len Bre­chung der Durch­hal­te­bot­schaft (”Musst nicht wei­nen, klei­ne Anousch­ka / Er kommt wie­der, klei­ne Anousch­ka”) durch das ein­zig­ar­tig bit­ter­sü­ße Tim­bre der Aus­nah­mesän­ge­rin den nöti­gen inhalt­li­chen Tief­gang. Frau Brück, die neben der spä­te­ren Sie­ge­rin des Abends als Ein­zi­ge mit einem drei­köp­fi­gen Begleit­chor antrat, den “so-cal­led Frank­fur­ters”, wie Koll­pa­cher sie annon­cier­te, gab ihr Men­schen­mög­lichs­tes, ver­füg­te aber nicht nur über eine Fri­sur wie Ange­la Mer­kel, son­dern auch über deren Büh­nen­aus­strah­lung. Und sank in Wien folg­lich wie ein Stein. Denn Groß­bri­tan­ni­en, bekannt­lich das Mut­ter­land des Pop, schick­te eine jun­ge, gut aus­se­hen­de Frau mit ech­tem Pop­star-Appeal und einem ech­ten Popsong.

Die Augen blau, das Mini­kleid oran­ge: Inge Brück.

San­die Shaw, die den bri­ti­schen Vor­ent­scheid A Song for Euro­pe zuvor allei­ne bestrei­ten durf­te, brach­te – nach der Vor­ar­beit von Fran­ce Gall 1965 – mit nur fünf Jah­ren Ver­spä­tung end­gül­tig den Beat zum Con­test. Auch wenn ‘Pup­pet on a String’ eine deut­li­che musi­ka­li­sche Ver­wandt­schaft zum Humpt­ata-Schla­ger des Musi­kan­ten­stadls auf­weist: sei­ner­zeit ging man mit den Gen­re­gren­zen noch nicht so streng um wie heu­te. Zudem erscheint es als nahe­lie­gend, dass gera­de die Kom­bi­na­ti­on der für dama­li­ge Grand-Prix-Ver­hält­nis­se im “Mini-Mini” (Koll­pa­cher) mit aus­gie­big abge­film­ten nack­ten Bei­nen und Füßen außer­ge­wöhn­lich sexy in Sze­ne gesetz­ten Shaw und des eher kon­ven­tio­nel­len und damit ver­söhn­lich wir­ken­den Lieds (das für die nächs­ten zehn Jah­re so etwas wie die Blau­pau­se aller bri­ti­schen Euro­vi­si­ons­bei­trä­ge lie­fern soll­te) zum Sieg führ­te. Mit Madame Gall ver­band Miss Shaw indes nicht nur die Mario­net­ten-The­ma­tik des Song­tex­tes, den die Sän­ge­rin selbst völ­lig zutref­fend als “sexis­ti­schen Schwach­sinn” brand­mark­te, son­dern auch der damit ver­bun­de­ne mas­si­ve kom­mer­zi­el­le Erfolg und des­sen spä­te­re ent­schie­de­ne Ablehnung.

Da stand anfangs wohl irgend­je­mand auf der Lei­tung! (UK)

Wie sehr Shaw die Num­mer schon in Wien hass­te, offen­bar­te sich nicht nur an ihrem ver­stei­ner­ten Gesicht im erst­mals ein­ge­blen­de­ten Green­room, als sich bereits nach vier Wer­tun­gen ihr Sieg abzeich­ne­te, son­dern auch an ihrer Hand­ha­bung der Tech­nik: im Gegen­satz zu allen ande­ren Konkurrent:innen, die brav hin­ter dem Stand­mi­kro Auf­stel­lung nah­men, benutz­te sie als Ein­zi­ge ein Hand­ge­rät. Das sie über wei­te Stre­cken des Lie­des so weit wie mög­lich weg vom Mund führ­te, so als woll­te sie sich schon wäh­rend des Vor­trags von des­sen Inhalt distan­zie­ren. Es half nichts: das schmis­si­ge und melo­disch zwin­gen­de ‘Pup­pet on a String’ gewann nicht nur mit rie­si­gem Vor­sprung den Song Con­test, es warf auch einen euro­pa­wei­ten Num­mer-Eins-Hit ab und avan­cier­te zum unver­ges­se­nen Ever­green. Sogar die eilig ein­ge­deutsch­te, von der bedau­erns­wer­ten Inter­pre­tin eigens pho­ne­tisch ein­ge­sun­ge­ne Fas­sung ‘Wie­de­hopf im Mai’ fand trotz absur­des­ter Über­set­zungs­ly­rik noch ihre Abneh­mer (Platz 36 in den deut­schen Charts). San­dies Sieg mar­kier­te damit den unum­kehr­ba­ren Über­gang in eine neue Euro­vi­si­ons­ära: weg vom getra­ge­nen fran­ko­phi­len Chan­son, hin zum beat­be­ton­ten, hit­pa­ra­den­taug­li­chen Pop­song. Eine gut­zu­hei­ßen­de Entwicklung.

Ein wenig fröh­li­cher als Nico­le: das Anti­kriegs­lied von Min­ou­che (MC).

Einen wei­te­ren Moder­ni­täts­schub lie­fer­te Mona­co, das die Fran­zö­sin Min­ou­che Barel­li und ihr von Ser­ge Gain­s­bourg kom­po­nier­tes Anti­kriegs­lied ‘Boum Bad­abo­um’ ein­ge­kauft hat­te. Nicht nur ein mit diver­sen Count­downs spie­len­der musi­ka­li­scher Don­ner­schlag: die Aus­sa­ge, ange­sichts des durch die Atom­bom­be bevor­ste­hen­den Welt­un­ter­gangs das Leben rasch voll aus­kos­ten zu wol­len (natür­lich, es ist ja von Gain­s­bourg, auch sexu­ell), kann für Grand-Prix-Ver­hält­nis­se als gera­de­zu revo­lu­tio­när poli­tisch gel­ten. Heut­zu­ta­ge fie­le so eine Num­mer sicher­lich der EBU-Zen­sur zum Opfer. Barel­li ver­starb 2004 im Alter von nur 57 Jah­ren in Mona­co, zwei Jah­re, nach­dem sie die Staats­an­ge­hö­rig­keit des Stadt­staa­tes ange­nom­men hat­te. Mit gar nur 43 Jah­ren riss ein Auto­un­fall 1980 den bel­gi­schen Ver­tre­ter Lou­is Neefs aus dem Leben. Sein deut­lich tra­di­tio­nel­le­rer Schla­ger ‘Ik heb Zor­gen’ hät­te auch von Peter Alex­an­der stam­men kön­nen, unter­hielt aber immer­hin durch eine per­fi­de Klatsch­fal­le: einem kunst­voll ange­täusch­ten Lied­en­de, das aber in Wahr­heit nur aus einer zir­ka zwei­ein­halb­se­kün­di­gen Pau­se bestand, nach wel­cher der Inter­pret den Refrain noch ein­mal wie­der­hol­te. Sol­che klei­nen Schock­mo­men­te lieb­te Neefs sehr, was ihn irgend­wie zum gru­se­ligs­ten Mann des Grand Prix machte.

Da freut er sich die­bisch: Lou­is Neefs zwang das Saal­pu­bli­kum zum dop­pel­ten Applau­die­ren (BE).

Spa­ni­en schick­te erneut den (heu­er intern bestimm­ten) Vor­jah­res­sän­ger Rapha­el, mit einem wei­te­ren herr­lich melo­dra­ma­ti­schen Lied namens ‘Hab­la­mos del Amor’ (‘Spre­chen wir von der Lie­be’), das aber nicht ganz an die Ein­dring­lich­keit von ‘Yo soy aquél’ anknüp­fen konn­te. Womög­lich auch, weil die ibe­ri­sche Dele­ga­ti­on den zur thea­tra­li­schen Ges­tik nei­gen­den jun­gen Mann dies­mal im Vor­feld offen­bar wochen­lang dar­in abge­rich­tet hat­te, die Hän­de um Got­tes Wil­len in den Anzug­ta­schen zu ver­gra­ben und bit­te nicht wie­der so hem­mungs­los her­um­zu­fuch­teln wie sein deut­scher Schla­ger­kol­le­ge Jür­gen Mar­cus. Was sei­nem Vor­trag zwar das unfrei­wil­lig Komi­sche nahm, aber auch das Beson­de­re. Unfrei­wil­li­ge Tra­gik wohn­te hin­ge­gen dem ita­lie­ni­schen Bei­trag inne. Der Frei­tod eines im Semi­fi­na­le aus­ge­schie­de­nen Künst­lers als Pro­test gegen die Jury über­schat­te­te das dies­jäh­ri­ge San-Remo-Fes­ti­val und des­sen Sie­ger­ti­tel ‘Non pensa­re a me’. Viel­leicht ganz gut so, denn das bedien­te sich melo­disch recht deut­lich bei ‘Stran­gers in the Night’. Im Wind­schat­ten des Sui­zid-Skan­dals tausch­te die Rai es klamm­heim­lich gegen das nicht min­der alt­mo­di­sche ‘Non anda­re più lon­ta­no’ aus. Der Rent­ne­rin­nen­schwarm Clau­dio Vil­la leg­te sich damit in Wien trotz eines direkt zum Song­auf­takt dra­ma­tisch geschmet­ter­ten “Amo­re!” auf die Schnauze.

Die Fäust­chen zu bal­len blieb dies­mal das höchs­te der Gefüh­le: Rapha­el (ES).

Ob der Maze­do­ni­er Lado Lesko­var wohl über sehe­ri­sche Kräf­te ver­füg­te? Der vom damals noch ver­ein­ten sozia­lis­ti­schen Jugo­sla­wi­en ent­sand­te Sän­ger und spä­te­re Poli­ti­ker sin­nier­te im von Emil Koll­pa­cher als “Pro­test­lied” annon­cier­ten ‘Vse rože sve­ta’ (‘Alle Blu­men der Welt’) über einen toten Sol­da­ten, auf des­sen Feld­grab die von sei­ner Liebs­ten abge­leg­ten Blu­men in einer Alle­go­rie zur Ver­gäng­lich­keit des Lebens ver­rot­ten. Lei­der schei­ter­ten die bal­kan­ty­pisch tief­trau­ri­gen Lyrics an der Sprach­gren­ze – und an der etwas drö­gen musi­ka­li­schen Beglei­tung, aus der sich die sla­wi­sche Lei­dens­be­reit­schaft nur sehr ver­hal­ten her­aus­hö­ren ließ. Auch der über ein Trom­pe­ten­so­lo abge­lie­fer­te Sprech­part sorg­te bei den west­li­chen Jurys eher für Befrem­dung. Immer­hin gab es den­noch aus fast jedem zwei­ten Teil­neh­mer­land einen Punkt, was inso­fern als Leis­tung anzu­se­hen ist, da man in die­sem Jahr nach all­ge­mei­nem Unmut über das nicht zu über­se­hen­de tak­ti­sche Voting beim Wett­be­werb von 1966 wie­der zu einem Sys­tem zurück­kehr­te, bei dem jede:r der zehn Juror:innen pro Nati­on nur jeweils eine Stim­me für sein oder ihr Lieb­lings­lied abge­ben durfte.

Muss­te zwi­schen­drin nach­prü­fen, ob er noch einen Puls hat: Lado Lesko­var (YU).

Was natür­lich, ver­bun­den mit der Neue­rung, dass die Hälf­te der Wer­tungs­fach­kräf­te das drei­ßigs­te Lebens­jahr unter­schrei­ten muss­ten, ent­schei­dend mit zum Erd­rutsch­sieg von San­die Shaw bei­trug. Die durch­aus char­man­te ORF-Mode­ra­to­rin Eri­ca Vaal, die sich von kei­ner noch so hart­nä­cki­gen Zähl­brett­pan­ne (“I hope our tech­ni­cal Dis­or­der will get in order”) aus der Fas­sung brin­gen ließ, rief die wäh­rend der gesam­ten Aus­zäh­lung vom Vor­jah­res­sie­ger und Tro­phä­en­über­rei­cher Udo Jür­gens mit engem Beschlag beleg­te San­die gar schon vor dem letz­ten Voting zur Gewin­ne­rin aus, was der düpier­te iri­sche Jury­spre­cher mit einem mokan­ten “I thought we were going to be left out” kom­men­tier­te, wäh­rend die Gast­ge­be­rin vor lau­ter (ehr­li­cher) Zer­knirscht­heit an ihrem “Oh, I am so sor­ry” fast erstick­te. Min­des­tens eben­so unver­gess­lich bleibt die zum Showauf­takt gehal­te­ne zehn­mi­nü­ti­ge Begrü­ßungs­re­de auf deutsch, fran­zö­sisch, eng­lisch, ita­lie­nisch, spa­nisch und – für die Zuschauer:innen der Inter­vi­si­on – auf rus­sisch. Dass sich Frau Vaal anschlie­ßend ent­schul­dig­te, nicht auch noch die Spra­chen der rest­li­chen Teil­neh­mer­län­der gelernt zu haben, und ver­sprach, das nach­zu­ho­len, soll­te der Con­test “in naher Zukunft” noch­mals in Wien statt­fin­den, begrif­fen die Europäer:innen wohl als ernst­zu­neh­men­de Dro­hung: erst ihr Tod im Okto­ber 2013 ebne­te tra­gi­scher­wei­se den Weg für Con­chi­ta Wurst!

Schön auch, wie Udo San­die auf die Büh­ne zer­ren will und sie ihm auf die Pfo­ten haut: der Con­test 1967 im Kurzüberblick.

Euro­vi­si­on Song Con­test 1967

Grand Prix de la Chan­son. Sams­tag, 8. April 1967, aus dem Gro­ßen Fest­saal der Hof­burg in Wien, Öster­reich. 17 Teil­neh­mer­län­der, Mode­ra­ti­on: Eri­ca Vaal.
#LandInter­pretTitelPunk­tePlatz
01NLThé­rè­se SteinmetzRing Din­ge Ding0214
02LUVicky Lean­drosL’A­mour est bleu1704
03ATPeter Hor­tonWar­um es 100.000 Ster­ne gibt0214
04FRNoël­le CordierIl doit fai­re beau là-bas2003
05PTEdu­ar­do NascimentoO Ven­to mudou0312
06CHGéral­di­ne GaulierQuel Coeur vas-tu briser?0017
07SEÖsten War­ner­bringSom en Dröm0708
08FIFre­diVar­joon-Suo­jann0312
09DEInge BrückAnousch­ka0710
10BELou­is NeefsIk heb Zorgen0807
11UKSan­die ShawPup­pet on a String4701
12ESRapha­el Mar­tos SánchezHable­m­os del Amor0906
13NOKirsti Spar­boeDuk­ke­man0214
14MCMin­ou­che BarelliBoum Bad­abo­um1005
15YULado Lesko­varVse Rože Sveta0709
16ITClau­dio VillaNon anda­re più lontano0411
17IESean Dun­phyIf I could choose2202

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Letz­te Aktua­li­sie­rung: 23.02.2021

2 Comments

  • Colombina -

    Wür­de Frau Vaal noch leben, hät­te sie jetzt wohl eini­ges zu tun 🙂 Wäre viel­leicht nett, wenn man, die Ereig­nis­se der letz­ten Woche betrach­tend, den “Öster­reich hat seit­dem nicht mehr gewonnen”-Teil aus­bes­sern könn­te. Lie­be Grü­ße von einer begeis­ter­ten Lese­rin dei­nes Blogs aus der Alpenrepublik 🙂

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