Con­cours Euro­vi­si­on 1968: Als Jod­le­rin umstritten

Er erwies sich mal wie­der als gro­ße Wun­der­tü­te aus gewe­se­nen, kom­men­den und nie so rich­tig statt­fin­den­den Stars, der Schwei­zer Vor­ent­scheid 1968. Immer­hin, sei­nen Rhyth­mus hat­te der Con­cours Euro­vi­si­on zwi­schen­zeit­lich gefun­den: wie schon seit 1965 bestand auch die­se Aus­ga­be aus sechs ver­schie­de­nen Künstler:innen mit jeweils einem Song; zu Gehör kamen – streng pari­tä­tisch – jeweils zwei fran­zö­si­sche Chan­sons, zwei ita­lie­ni­sche Can­zo­ne und zwei deut­sche Lie­der. Den gal­li­schen Part besorg­ten die nur kurz­zei­tig in Erschei­nung getre­te­ne Sän­ge­rin Irè­ne Bert­hi­er und der vor allem als Text­dich­ter bekann­te Fran­zo­se Charles Level. Ende der Fünf­zi­ger noch selbst als Front­mann einer Cover-Band unter­wegs, ver­leg­te er sich dann auf das Schrei­ben von Schla­ger­tex­ten bei­spiels­wei­se für Dali­da oder Mireil­le Mathieu. Ein­nah­me bescher­te ihm auch das Ersin­nen fran­zö­si­scher Über­set­zun­gen für die Titel­mu­si­ken von TV-Seri­en und Spiel­fil­men. 1984 trat er noch ein­mal beim Grand Prix in Erschei­nung, da als Autor des gal­li­schen Euro­vi­si­ons­bei­trags von Annick Tho­u­mazeau.

Ihre aller­ers­te Plat­ten­auf­nah­me: mit ‘Für alle Zei­ten’ nahm die Schwei­zer Schla­ger­le­gen­de Pao­la am hei­mi­schen Vor­ent­scheid teil.

Gefähr­lich, gefähr­lich’ nann­te sich das Lied von Bea Abrecht, eine der bei­den deutsch­spra­chi­gen Inter­pre­tin­nen. Ob das stimm­te, ent­zieht sich unse­rer Kennt­nis: wie die meis­ten Vor­ent­schei­dungs­bei­trä­ge fin­det es sich nicht im Netz. Es stamm­te aus der Feder ihres Ent­de­ckers Wer­ner Schmid, bei dem sie bereits als Elf­jäh­ri­ge täg­lich auf der Büh­ne sei­nes Eta­blis­se­ments stand. Ein ansons­ten recht freund­li­ches SRF-Por­trait von Beas Lebens­werk wirft ihr inves­ti­ga­tiv-kri­tisch vor, “als Jod­le­rin aller­dings umstrit­ten” gewe­sen zu sein, weil sie “höher und schnel­ler gejo­delt [hat] als alle Ande­ren, das brach­te ihr nicht nur Freun­de ein”. Man sieht, der leicht­fer­ti­ge Umgang mit die­sem natio­na­len Kul­tur­gut ist in der Schweiz ‘gefähr­lich, gefähr­lich’! Nach einem Kar­rie­re­hoch in den Sieb­zi­gern mit gemein­sa­men Auf­trit­ten mit Grö­ßen des Show­ge­schäfts wie Udo Jür­gens mach­te Abrecht Ende der Acht­zi­ger noch einen Abste­cher in die Nie­de­run­gen des Volks­tüm­li­chen Schla­gers, bevor ein Ver­kehrs­un­fall ihre Lauf­bahn beendete.

Eine dau­er­ge­well­te Blon­di­ne in Pumps, die zu Klän­gen aus der völ­ki­schen Schla­ger­höl­le was einer latein­ame­ri­ka­ni­schen Sau­se faselt und dazu merk­bar ange­wi­dert den Putz­lap­pen schwingt: bei Bea passt so über­haupt nichts zusam­men (Reper­toire­bei­spiel)!

Noch ganz am Beginn ihrer meh­re­re Deka­den umspan­nen­den Schla­ger­kar­rie­re stand die damals Acht­zehn­jäh­ri­ge Pao­la del Med­i­co, TV-Zuschauer:innen im DACH-Raum auch bekannt als die ehe­lich ange­trau­te Komo­de­ra­to­rin von Kurt Ver­ste­hen Sie Spaß Felix. Dem Grand Prix war sie stets eng ver­bun­den: Wiki­pe­dia zufol­ge hat­te sie ihren ers­ten öffent­li­chen Auf­tritt 1964 beim Con­cor­so Musi­ca­le per Dilet­tan­ti (!) im Kon­gress­haus St. Gal­len mit dem Titel ‘Non ho l’e­ta’ von Giglio­la Cin­quet­ti. Hier in Luga­no sang sie das unglaub­lich zähe ‘Für alle Zei­ten’, womit sie den zwei­ten Platz beleg­te. Den glei­chen Titel prä­sen­tier­te sie im sel­ben Jahr auch beim sozia­lis­ti­schen Inter­vi­si­ons-Fes­ti­val im tsche­chi­schen Karls­bad, wo es für Rang 4 reich­te. Sie ver­öf­fent­lich­te den Titel dar­auf­hin nur als B‑Seite ihrer ers­ten Sin­gle ‘Er kam mit einem roten Rosen­strauß’, die aller­dings flopp­te. Im Jahr dar­auf kehr­te sie zum Schwei­zer Vor­ent­scheid zurück, gewann die­sen mit ‘Bon­jour, bon­jour’, und hat­te ihren ers­ten hei­mi­schen Hit, dem noch etli­che inter­na­tio­na­le fol­gen sollten.

Schon deut­lich flot­ter: Pao­las ‘Roter Rosen­strauß’ (Reper­toire­bei­spiel).

Die gro­ße Zeit des in der Lom­bar­dei gebo­re­nen Ric­car­do San­na ali­as Ricky Gian­co lag bereits Ende der Fünf­zi­ger, wo er zu den Weg­be­rei­tern des ita­lie­ni­schen Rock’n’Roll zähl­te. Sei­ne Zusam­men­ar­beit mit dem Cel­en­ta­no-Clan blieb nicht ohne Rei­be­rei­en: 1962 soll er auf Wei­sung des Meis­ters in eine Umklei­de­ka­bi­ne gesperrt wor­den sein, um sei­nen Auf­tritt bei einem Musik­fes­ti­val zu ver­hin­dern. Nach sei­ner Teil­nah­me am Con­cours Euro­vi­si­on klafft in sei­nem Ver­öf­fent­li­chungs­ka­ta­log eine sie­ben­jäh­ri­ge Lücke, erst Mit­te der Sieb­zi­ger kehr­te er unter Pseud­onym ins Musik­ge­schäft zurück. Auch für Gian­ni Mas­co­lo ende­te hier die Kar­rie­re: der ehe­ma­li­ge Chor­kna­be an der Mai­län­der Sca­la schaff­te es nach einer Teil­nah­me am San-Remo-Fes­ti­val 1965 nun via Schweiz zum Euro­vi­si­on Song Con­test. Aller­dings kam der ver­hält­nis­mä­ßig klein­wüch­si­ge Sän­ger in Lon­don mit dem wun­der­bar sämi­gen, mit ado­rie­rens­wer­ter Hin­ga­be hin­aus­ge­schmet­ter­ten Schmacht­schla­ger ‘Guar­d­an­do il Sole’ nicht über einen schä­bi­gen 13. Rang hin­aus. Die­se brüs­ke Zurück­wei­sung nahm er sich schein­bar zu Her­zen: nach einer letz­ten, eben­falls erfolg­lo­sen Nach­fol­ge­sin­gle been­de­te er 1969 sein musi­ka­li­sches Wir­ken. Mas­co­lo ver­starb 2016 im Alter von 76 Jahren.

Hat­te auf der Lon­do­ner ESC-Büh­ne die Zeit sei­nes Lebens: Gian­ni Mascolo.

Vor­ent­scheid CH 1968

Con­cours Euro­vi­si­on. Sams­tag, 27. Janu­ar 1968, aus den TSI-Stu­di­os in Luga­no. Sechs Teilnehmer:innen. Mode­ra­ti­on: Mascia Cantoni.
#Interpret:inTitelErgeb­nis
01Charles LevelIl n’ya a pas 36 Façonsn.b.
02Pao­laFür alle Zeiten02
03Gian­ni MascoloGuar­d­an­do il Sole01
04Irè­ne BerthierLe Bon­heur con­nais plusn.b.
05Bea AbrechtGefähr­lich, gefährlichn.b.
06Ricky Gian­coPas­so di Danzan.b.

Letz­te Aktua­li­sie­rung: 27.02.2021

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