Fes­ti­val da Can­ção 1968: Bis zum Zusammenbruch

Mit einem auf­wen­di­gen opti­schen Gim­mick, der im Ver­lau­fe des Abends noch eine wich­ti­ge Rol­le spie­len soll­te, eröff­ne­te das por­tu­gie­si­sche Fern­se­hen RTP das fünf­te Fes­ti­val da Can­ção aus den Tóbis-Stu­di­os in der Haupt­stadt Lis­sa­bon. Näm­lich mit einer Art dop­pel­wan­di­ger, gigan­ti­scher gol­de­nen Tas­se, die sich mit Schwung öff­ne­te und dabei den Blick frei­gab auf die gewis­ser­ma­ßen im Inne­ren des Trink­ge­fä­ßes ein­ge­schlos­se­ne ers­te Sän­ge­rin die­ses aus zehn Lie­dern bestehen­den Vor­ent­scheids, Mire­ne Car­di­nal­li. Die Sie­ge­rin eines Lie­der­fes­ti­vals in der süd­afri­ka­ni­schen Kolo­nie Ango­la im Jah­re 1966 lie­fer­te pas­send zu die­sem ver­hält­nis­mä­ßig dra­ma­ti­schen Auf­takt mit ‘Ven­to, não vou con­ti­go’ (‘Wind, ich fol­ge dir nicht’) ein mode­rat dra­ma­ti­sches Chan­son, kam damit bei den Jurys aber nicht beson­ders gut an und wur­de nur Ach­te im Ran­king. Es soll­te Mire­nes ein­zi­ger FdC-Auf­tritt blei­ben: nur andert­halb Jah­re spä­ter ver­lor sie bei einem Ver­kehrs­un­fall auf dem Weg zu einem Bene­fiz-Kon­zert gemein­sam mit ihrem Ehe­mann das Leben.

Die Gefahr lau­ert auf der Stra­ße: Mire­ne Cardinalli.

Auf mehr­fa­che Teil­nah­men am por­tu­gie­si­schen Lie­der­fes­ti­val brach­te es hin­ge­gen die stets nur unter ihrem Nach­na­men auf­tre­ten­de FdC-New­co­me­rin Antó­nia de Jesus Mon­tes Tonicha Vie­gas, die hier gleich zwei Songs bei­steu­ern durf­te und mit einem davon die Sil­ber­me­dail­le erreich­te. Eben­falls zwei Lie­der brach­te die FdC-Legen­de und zwei­fa­che ESC-Reprä­sen­tan­tin Simo­ne de Oli­vei­ra zu Gehör, und zwar im Dop­pel­pack direkt hin­ter­ein­an­der weg. Damit über­for­der­te sich die stets zu gro­ßer Aus­drucks­stär­ke nei­gen­de Inter­pre­tin jedoch ein wenig: lie­fer­te sie das für hei­mi­sche Ver­hält­nis­se recht schwung­vol­le ‘Den­tro de outro Mun­do’ (‘In einer ande­ren Welt’) noch mit Aplomb ab, so war ihr beim das Wett­be­werbs­feld abschlie­ßen­den ‘Can­ção ao meu Pia­no vel­ho’ (‘Lied auf mei­nem alten Kla­vier’) die Erschöp­fung anzu­mer­ken: hör­bar außer Pus­te kämpf­te sie sich durch die zähe Bal­la­de, stel­len­wei­se ging sie gar zum Sprech­ge­sang über. Wie die Tages­zei­tung Dia­rio de Lis­boa am nächs­ten Tag berich­te­te, kol­la­bier­te de Oli­vei­ra direkt nach der letz­ten Note und muss­te, von einem star­ken Büh­nen­ar­bei­ter über die Schul­ter gewor­fen, zur Not­auf­nah­me geschleppt wer­den, wo man sie medi­zi­nisch ver­sorg­te und wie­der aufpäppelte.

Mit letz­ter Kraft dahin­ge­haucht: noch in der Büh­nen­tas­se klapp­te Simo­ne zusammen.

Dass die TV-Zuschauer:innen hier­von nichts mit­be­ka­men, lag am ein­gangs erwähn­ten Büh­nen­gim­mick: schien des­sen Dreh­me­cha­nis­mus nach der Prä­sen­ta­ti­on der ers­ten Künst­le­rin des Abends dau­er­haft außer Betrieb zu sein, so kam er zum Abschluss des Bei­trags­fel­des doch noch ein­mal zum Ein­satz. Noch wäh­rend sich die spä­te­re zwei­fa­che Euro­vi­si­ons­ver­tre­te­rin die letz­ten Töne aus dem Leib press­te, schnapp­te der Gold­be­cher wie­der zu und kap­sel­te die so vor den Bli­cken der Öffent­lich­keit geschütz­te Sän­ge­rin in sich ein. Den­noch fand ein hin­ter den Kulis­sen geschos­se­nes Foto ihres Abtrans­por­tes sei­nen Weg in die Pres­se. Den Vor­ent­scheid gewann der damals Zwan­zig­jäh­ri­ge Car­los Men­des, Grün­der der im Lan­de popu­lä­ren Beat­grup­pe Sheiks, die er im Vor­jahr ver­las­sen hat­te, um eine Solo­kar­rie­re zu ver­wirk­li­chen. Die musi­ka­li­sche Vor­ge­schich­te hör­te man sei­nem Bei­trag ‘Ver­ão’ (‘Som­mer’) an, bei dem sich sehr mode­rat psy­che­de­li­sche Sounds mit der lan­des­ty­pi­schen Tris­tesse ver­misch­ten und es klang, als habe man deut­lich zu vie­le Joints gekifft und spie­le eine alte Beat­les-Sin­gle auf 33 Umdre­hun­gen ab, wäh­rend man sich mehl­tau­be­stäub­te Zucker­wat­te in die Gehör­gän­ge stopft.

Schaut ein biss­chen ver­un­si­chert drein, wo denn bloß Rin­go, Paul und der ande­re blei­ben: Car­los Mendes.

Beim euro­päi­schen Wett­be­werb in Lon­don, der Welt­haupt­stadt des Beats, reich­te es damit für einen hin­te­ren Mit­tel­feld­platz. Den­noch (oder des­we­gen?) muss­te er sich nach eige­ner Aus­sa­ge nach sei­ner Rück­kehr auf­grund sei­ner hei­mat­li­chen Popu­la­ri­tät zeit­wei­lig auf der Farm eines Freun­des vor der Öffent­lich­keit ver­ste­cken. Men­des nahm 1972 noch­mals am Grand Prix teil, der zufäl­li­ger­wei­se erneut in Groß­bri­tan­ni­en statt­fand. Im Jahr dar­auf schloss er ein par­al­lel zu sei­ner Gesangs­kar­rie­re begon­ne­nes Archi­tek­tur­stu­di­um ab, arbei­te­te aber nur für weni­ge Mona­te in die­sem Beruf, um sich doch wie­der der Musik zu wid­men. 1975 grün­de­te er gemein­sam mit sei­nen Euro­vi­si­ons­kol­le­gen Fer­nan­do Tordo und Pau­lo de Car­val­ho ein eige­nes, unab­hän­gi­ges Plat­ten­la­bel. Ab Ende der Sieb­zi­ger trat er zeit­wei­lig wie­der gemein­sam mit den Sheiks auf, spä­ter folg­ten Abste­cher ins Fern­se­hen als Seri­en­schau­spie­ler und TV-Moderator.

Hübsch melo­dra­ma­tisch: der Sän­ger, Schau­spie­ler und spä­te­re TV-Pro­du­zent João Nico­lau de Melo Breyner Morei­ra Lopes (Rang 4).

Vor­ent­scheid PT 1968

Fes­ti­val da Can­ção. Sams­tag, 4. März 1968, aus den Estú­di­os da Tobis in Lis­sa­bon. Acht Teilnehmer:innen. Mode­ra­ti­on: Maria Fer­nan­da + Hen­ri­que Mendes.
#Interpret:inTitelJuryPlatz
01Mire­ne CardinalliVen­to não vou contigo1108
02TonichaFui ter com a Madrugada5902
03Nico­lau BreynerPau­co mais3304
04João Maria TudelaAo Ven­to e às Andorinhas2405
05Car­los MendesVer­ão6101
06José CidBala­da para Dona Inês4303
07Antó­nio CalvárioO nos­so Mundo0210
08TonichaCalen­dá­rio1207
09Simo­ne de OliveiraDen­tro do outro Mundo1108
10Simo­ne de OliveiraCan­ção ao meu Pia­no velho1406

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