Con­cours Euro­vi­si­on 1969: Sie kann nicht schö­ner sein

Gera­de vor dem Hin­ter­grund, dass sich die Schweiz als Stand­ort der aus­rich­ten­den EBU sowie als Erfin­der, Aus­rich­ter und Sie­ger des aller­ers­ten Grand Prix Euro­vi­si­on nicht ganz ohne Grund als ideel­le Hei­mat des Euro­vi­si­on Song Con­test betrach­tet, kommt man nicht umhin, die Eidgenoss:innen für ihren mehr als laxen Umgang mit der His­to­rie ihrer eige­nen natio­na­len Vor­ent­schei­de zu tadeln. Zuge­ge­ben, auch in Deutsch­land klaf­fen in der ers­ten Deka­de des Wett­be­werbs archi­va­ri­sche Lücken. Doch in der kul­tu­rell drei­ge­teil­ten Alpen­na­ti­on tre­ten die­se auch beim Über­gang in die Hoch­pha­se des Wett­be­werbs Anfang der Sieb­zi­ger­jah­re erneut offen zuta­ge. Und das aus­ge­rech­net beim im Gegen­satz zur bis­her übli­chen D‑Lis­ten-Ver­samm­lung ers­ten wirk­lich hoch­klas­sig bestück­ten hel­ve­ti­schen Vor­ent­scheid, bei dem sich die gro­ßen Namen das Mikro in die Hand gaben. Jeden­falls, soweit wir es über­bli­cken kön­nen. Denn von den erneut sechs Bei­trä­gen des Con­cours Euro­vi­si­on sind nur vier bekannt. Hier­zu zählt der Titel ‘Due Raga­z­zi’ der kroa­ti­schen Sän­ge­rin und zwei­ma­li­gen ESC-Teil­neh­me­rin Tere­za Keso­vi­ja, der sich aller­dings nicht so recht zwi­schen Beat­schla­ger und Bal­la­de ent­schei­den konn­te und somit zu Recht auf der Stre­cke blieb.

So rich­ti­ge Brül­ler waren ihre Bei­trä­ge nie: die mone­gas­si­sche und jugo­sla­wi­sche ESC-Ver­tre­te­rin Tere­za mit ihrem schwei­ze­ri­schen Vorentscheidungstitel.

Um so hel­ler strahlt der Name ihrer Kon­kur­ren­tin Mina. Der bis heu­te musi­ka­lisch akti­ve und in ihrer Hei­mat gott­gleich ver­ehr­te ita­lie­ni­sche Super­star hat­te sich 1966 im schwei­ze­ri­schen Luga­no nie­der­ge­las­sen und dort im Jahr dar­auf ihr eige­nes Plat­ten­la­bel gegrün­det. Dem San-Remo-Fes­ti­val, an dem sie 1960 und 1961 zu Beginn ihrer sie­ben Jahr­zehn­te umspan­nen­den Kar­rie­re teil­nahm, hat­te sie im Zorn über eine nega­ti­ve Pres­se­kri­tik hin­sicht­lich ihres letz­ten Auf­trit­tes dort für immer den Rücken gekehrt. Und so lag es nahe, dass sie es nun in ihrer neu­en Hei­mat ver­such­te, deren Staats­bür­ger­schaft sie zwan­zig Jah­re spä­ter zusätz­lich zu ihrer ursprüng­li­chen anneh­men soll­te. Zumal der Vor­ent­scheid an ihrem neu­en Wohn­ort statt­fand, wobei sich heu­te nicht mehr eru­ie­ren lässt, ob als haus­in­ter­ne Aus­wahl hin­ter ver­schlos­se­nen Türen oder als TV-Show. Jeden­falls stand sie mit gleich zwei Lie­dern auf der hel­ve­ti­schen Aus­wahl­lis­te, näm­lich mit dem aus­ge­spro­chen fröh­li­chen Sam­ba ‘Dai dai doma­ni’ und der herz­er­grei­fend herb-intro­ver­tier­ten Bal­la­de ‘Non crede­re’. Bei­de Titel ver­öf­fent­lich­te sie gemein­sam als Sin­gle, mit dem lang­sa­me­ren Stück als A‑Seite, und erreich­te in Ita­li­en damit Rang 3 der Verkaufshitparade.

Wem du’s heu­te kannst besor­gen, bei dem kom­me nicht erst mor­gen: Mina.

Glau­be nicht, dass die­ser Song zu gut für den Con­test sei: Mina.

Die Schweiz hin­ge­gen ver­schmäh­te die erle­se­nen Leih­ga­ben und ent­schied sich statt­des­sen für ein Eigen­ge­wächs. Wobei die damals erst acht­zehn­jäh­ri­ge Pao­la del Med­i­co zumin­dest väter­li­cher­seits eben­falls über ita­lie­ni­sche Wur­zeln und eben­so wie Mina über bei­de Päs­se ver­fügt. Für die in St. Gal­len gebo­re­ne Pao­la war es die zwei­te Teil­nah­me an einem hel­ve­ti­schen Vor­ent­scheid. Der von dem in Dres­den gebo­re­nen KZ-Über­le­ben­den Hen­ry Mey­er, einem der flei­ßigs­ten Schla­ger­schaf­fen­den Nach­kriegs­deutsch­lands, kom­po­nier­te Titel ‘Bon­jour Bon­jour’, der in abso­lut pas­sen­den, opti­mis­tisch-mit­rei­ßen­den Dur-Tönen und gera­de­zu über­bor­dend eupho­ri­schen Lyrics vom berau­schen­den Endor­phin-Hoch des Frisch­ver­liebt­seins berich­te­te, bescher­te der spä­te­ren TV-Mode­ra­to­rin die ers­te von zwei Euro­vi­si­ons­teil­nah­men. Sowie ihre ers­te von noch zahl­reich fol­gen­den Hit­sin­gles, zu denen neben ihren bei­den lei­der sehr infan­ti­len deut­schen Vor­ent­schei­dungs­bei­trä­gen ‘Der Teu­fel und der jun­ge Mann’ (1981) und ‘Peter Pan’ (1982) vor allem ihr bekann­tes­ter Titel zählt, die 1978 ver­öf­fent­li­che Ein­deut­schung des US-ame­ri­ka­ni­schen Coun­try-Klas­si­kers ‘Blue Bay­ou’.

Noch vor dem ESC 1969 durf­te Pao­la ihren Bei­trag in der ARD-Musi­kan­ten­scheu­ne ‘Zum blau­en Bock’ prä­sen­tie­ren, wobei sich Heinz Schenk etwas schwer mit ihrem Nach­na­men tat.

Die­ser Signa­tur-Song ist im deutsch­spra­chi­gen Raum so stark mit ihrem Namen ver­bun­den, dass kaum noch jemand das eben­falls kom­mer­zi­ell erfolg­rei­che Ori­gi­nal von Roy Orbin­son aus dem Jah­re 1963 oder die 1977 von Lin­da Ron­stadt neu ein­ge­spiel­te Ver­si­on kennt, wel­che die Vor­la­ge für Pao­las Top-Hit bil­de­te. Wozu natür­lich auch das immer wie­der gern aus­ge­gra­be­ne Flutsch­ba­na­nen-Mal­heur in der Karl-Dall-Gala betrug, dem viel­leicht lus­tigs­ten Live-Miss­ge­schick in der Geschich­te des deut­schen Fern­se­hens, das die Schwei­ze­rin mit ado­rabler Bra­vour meis­ter­te. Lei­der über­strahlt die­ser Erfolg ein wenig ihr rest­li­ches Œuvre, zu dem auch mein per­sön­li­ches unein­hol­ba­res Lieb­lings-Guil­ty-Plea­su­re zählt, ihre 1982 ver­öf­fent­lich­te Ein­deut­schung von Char­le­nes schrei­end cam­pem Selbst­fin­dungs­heu­ler ‘I’ve never been to me’. Zumal wohl nie­mand so abso­lut glaub­wür­dig die­se anti­fe­mi­nis­ti­sche Kitsch-Knot­te inter­pre­tie­ren konn­te wie die mit Kurt Felix ver­mähl­te Sän­ge­rin, die in die­sem Lied einer ehe­ma­li­gen Schul­freun­din und Voll­zeit-Haus­frau-und-Mut­ter gesteht, wie sehr sie ihr eige­nes, selbst­be­stimm­tes Jet-Set-Leben hasst und die dar­ob sicher­lich begeis­ter­te Bekann­te dar­um benei­det, ein­fach nur den Mann zu umsor­gen, wenn er “müd’ von der Arbeit kommt”.

Da krie­gen Mit­glie­der der Wer­te-Uni­on einen Har­ten: Pao­las Haus­frau­en­hym­ne (Reper­toire­bei­spiel).

Zu Pao­las größ­ten Fans zählt übri­gens ihr Schwei­zer Euro­vi­si­ons­kol­le­ge Micha­el von der Hei­de, der ihr im Jahr 2016 ein gan­zes Album mit Cover­ver­sio­nen wid­me­te. Das dar­in ent­hal­te­ne Duett ‘Wo ist das Land’ stellt denn auch ihre letz­te Ver­öf­fent­li­chung dar, nach dem sich Pao­la anläss­lich ihres vier­zigs­ten Geburts­tags eigent­lich bereits Ende der Acht­zi­ger­jah­re aus dem Schla­ger­ge­schäft zurück­ge­zo­gen hat­te. Um nun aber noch­mals auf die von ihr 1969 aus­ge­boo­te­te Mina zurück­zu­kom­men: die bewarb sich auch 1970 (hier ken­nen wir nur zwei der sechs Kon­kur­renz­ti­tel) um das eid­ge­nös­si­sche Euro­vi­si­onsti­cket. Da mit dem epi­schen Can­zo­ne ‘Insie­me’ (nicht zu ver­wech­seln mit Toto Cutug­nos gleich­na­mi­ger Euro­pa­hym­ne von 1990), mit dem sie erneut die ita­lie­ni­schen Charts auf­roll­te (#2 IT), aber wie­der­um gegen einen Schwei­zer den Kür­ze­ren zog, näm­lich gegen den spä­te­ren Kin­der­lied-Inter­pre­ten Hen­ri Dès (bür­ger­lich: Destraz) und sei­ne kir­mes­haf­te Novel­ty­num­mer ‘Retour’, die in der Haupt­sa­che von lus­ti­gen Geräusch­ef­fek­ten und einem “Ba babapp ba baa ba”-Refrain leb­te. Ver­ständ­li­cher­wei­se ver­such­te es Mina nach die­ser erneu­ten Brüs­kie­rung nie wieder.

Für den ESC womög­lich zu anspruchs­voll: Minas Vor­ent­schei­dungs­bei­trag von 1970.

Vor­ent­scheid CH 1969

Con­cours Euro­vi­si­on. Sen­der­in­ter­ne Aus­wahl unter sechs Teilnehmer:innen im TSR-Sen­de­stu­dio in Lugano.
#Inter­pre­tenSong­ti­telPlatz
01n.b.n.b.n.b.
02n.b.n.b.n.b.
03Tere­za KesovijaDue Raga­z­zin.b.
04MinaNon crede­rin.b.
05MinaDai, dai, Domanin.b.
06Pao­laBon­jour, Bonjour01

Letz­te Aktua­li­sie­rung: 12.06.2021

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