Melo­di Grand Prix 1971: Gebt den Kin­dern das Kommando

Dann fan­gen wir an mit der am meis­ten geschmäh­ten Fern­seh­sen­dung des Jah­res:” mit die­sen Wor­ten begrüß­te der Mode­ra­tor des nor­we­gi­schen Vor­ent­scheids 1971, Jan Voigt, die hei­mi­schen TV-Zuschauer:innen. Er nahm damit Bezug auf die Debat­te um den Sie­ger­ti­tel des Melo­di Grand Prix (MGP) 1969 und das absur­de Ergeb­nis beim Euro­vi­si­on Song Con­test in Madrid, das zu einem Boy­kott des Wett­be­werbs durch die skan­di­na­vi­schen Län­der im Jah­re 1970 geführt hat­te. Das Nach­be­ben spür­te man bis in die­se Sen­dung: gleich zu Beginn stell­te Voigt die im Stu­dio anwe­sen­den und offen abstim­men­den 14 nor­we­gi­schen Juror:innen, davon ein Drit­tel weib­li­chen Geschlechts, nament­lich vor. Für die meis­ten Regio­nen des Lan­des ver­rich­te­ten jeweils gleich zwei Per­so­nen die ver­ant­wor­tungs­vol­le Auf­ga­be, davon eine über und eine unter 25 Jah­ren. Ledig­lich Elver­um, Hamar, Levan­ger und Trond­heim durf­ten jeweils nur eine Per­son ent­sen­den. Die 14 ver­rich­te­ten ihren Job mit sehr unter­schied­li­cher Gemüts­la­ge: wäh­rend der TV-Mode­ra­tor Andre­as Lun­ann sich stets mit einem gewin­nen­den Lächeln ins Pro­fil dreh­te, um der Kame­ra sei­ne Scho­ko­la­den­sei­te zu prä­sen­tie­ren, und sei­ne Wer­tungs­ta­fel im exakt rich­ti­gen, bild­fül­len­den Win­kel hielt, blick­te der neben ihm sit­zen­de Oslo­er Juror Sten Fre­drik­sen mit einem so sinis­te­ren Star­ren vor sich hin, als pla­ne er gera­de die Ato­mi­sie­rung des Erden­bal­les. Beim Haupt­wett­be­werb in Dub­lin, wo er eben­falls öffent­lich abstim­men durf­te, wirk­te er dann aber ganz frohgestimmt.

Zwölf Songs, 14 Juror:innen und ein Sie­ger­ti­tel: das etwas über ein­stün­di­ge MGP 1971.

Zwölf Titel tra­ten gegen­ein­an­der an, die Hälf­te davon aus­ge­siebt aus knapp 200 offe­nen Ein­sen­dun­gen. Die rest­li­chen sechs Lie­der stamm­ten aus der Feder eta­blier­ter und von NRK direkt beauf­trag­ter Songschreiber:innen. Zwar hat­te der Sen­der auch zwölf Interpret:innen auf­trei­ben kön­nen, die ver­teil­ten sich dank eines Duet­tes und eines Tri­os jedoch so ungleich­mä­ßig auf die Bei­trä­ge, dass ein paar von ihnen gleich mehr­fach ran muss­ten. So bei­spiels­wei­se der MGP-Vete­ran Odd Bør­re Søren­sen, der sowohl die unpas­send ver­hal­te­ne Bal­la­de ‘Opti­mis­ten’ inter­pre­tier­te als auch das gemein­sam mit dem eben­falls einen eige­nen Solo-Titel prä­sen­tie­ren­den Jan Erik Bernt­sen vor­ge­stell­te ‘Iron­side’. Das klang exakt so, als habe sein Kom­po­nist Sigurd Jan­sen es einst als (dann lei­der abge­lehn­te) Titel­me­lo­die für die gleich­na­mi­ge (im deut­schen Sprach­raum aller­dings als ‘Der Chef’ bekann­te), ab 1967 aus­ge­strahl­te US-ame­ri­ka­ni­sche Kri­mi­se­rie mit Ray­mond Burr in der Haupt­rol­le des roll­stuhl­fah­ren­den Ver­bre­chens­be­kämp­fers ver­fasst. Bør­re und Bernt­sen erkämpf­ten sich damit den mehr als ver­dien­ten zwei­ten Platz, ganz im Gegen­satz zu einer wei­te­ren alt­ge­dien­ten Teil­neh­me­rin, näm­lich Inger Jacob­sen, die für ihre zu glei­chen Tei­len kli­schee­haft wie völ­lig falsch instru­men­tier­te Bal­la­de über den Sub­kon­ti­nent ‘India’ zu Recht die Rote Later­ne kassierte.

Man sieht Odd Bør­re vor dem inne­ren Auge qua­si im Affen­zahn die stei­len Stra­ßen von San Fran­cis­co her­un­ter­rol­len, böse Buben vom Bür­ger­steig kegelnd.

Eben­falls gleich zwei Eisen im Feu­er hat­te der ehe­ma­li­ge Gitar­rist Dag Span­tell, der solo mit ‘Gi Ver­den en Smil’ (‘Gib der Welt ein Lächeln’) antrat und dane­ben mit Wencke-Britt “Webe Karl­sen und Geir Wen­zel den am Vor­bild aktu­el­ler Hip­pie-Kapel­len wie den Les Hum­phries Sin­gers ori­en­tier­ten Folk-Schla­ger ‘Vi vil tro det vi syn­ger’ (‘Wir wol­len glau­ben, was wir sin­gen’) into­nier­te. Die­ses aus zwei völ­lig unter­schied­lich tem­po­rier­ten Ein­zel­tei­len zusam­men­ge­schweiß­te Ange­bot litt jedoch erkenn­bar an der ekla­tan­ten, skan­di­na­vi­en­ty­pi­schen Zurück­hal­tung der drei Interpret:innen, die den erfor­der­li­chen Groo­ve ein­fach nicht auf­zu­brin­gen ver­moch­ten. Dazu trug mit bei, dass nur die bei­den Her­ren der Schöp­fung über eige­ne Mikro­fo­ne ver­füg­ten und man die ein­zi­ge Frau im Trio akus­tisch kaum wahr­nahm. Zu den wei­te­ren Newcomer:innen gehör­te die Schla­ge­ret­te Gro Ani­ta Schønn, die sich für das Out­fit ihres MGP-Auf­tritts mit dem pos­sier­li­chen Mode­schla­ger ‘Maxi, Midi, Mini’ sehr ein­deu­tig von Kat­ja Ebsteins uner­reich­ba­rem Vor­bild beim ESC 1970 inspi­rie­ren ließ. Ihre wun­der­bar uptem­po­rä­re, von einem enga­giert “Ba bab ba bab bab“enden und huhen­den Damen­chor unter­stütz­te Num­mer ver­sau­te sie jedoch lei­der durch eine extrem unnö­ti­ge, zur Stre­ckung auf vol­le drei Minu­ten an das Lied hin­ten­dran gepapp­te und mit einen pein­sam anzu­schau­en­den Ver­le­gen­heits­tanz über­brück­te “War alles nur ein schlech­ter Scherz”-Fan­fa­re vollständig.

Scha­de drum: hät­ten Gro Ani­ta und ihre Begleit­da­men Mini, Maxi und Midi nach zwei Minu­ten und 50 Sekun­den ein­fach auf­ge­hört, wäre alles per­fekt gewesen.

Die im Jah­re 2001 im Alter von nur 51 Jah­ren an einer Lun­gen­ent­zün­dung ver­stor­be­ne Sän­ge­rin trat hier das ers­te von sechs Malen in Fol­ge beim nor­we­gi­schen Vor­ent­scheid an, eben­so wie ihre Kol­le­gin­nen Anne Lise Gjøs­tøl und Anne-Kari­ne Strøm. Letzt­ge­nann­te soll­te es, anders als die bei­den Annen, gleich drei­mal auch auf die inter­na­tio­na­le Büh­ne schaf­fen, davon ein­mal solo und zwei­mal als Teil der Ben­dik Sin­gers. Ihr aktu­el­ler Bei­trag ‘Hør litt på meg’ (‘Hör mir ein biss­chen zu’) fand aller­dings wenig Zuhörer:innen und ver­en­de­te auf dem zehn­ten Rang. Nicht nur wie für ande­re Mäd­chen ihres Alters üblich ein Pferd, son­dern über­spann­ter­wei­se gleich ein ‘Zebra!’ wünsch­te sich die bei die­sem Auf­tritt erst neun­jäh­ri­ge (!) Ani­ta Heger­land, bis heu­te und auf­grund der seit den Neun­zi­gern bestehen­den Alters­re­ge­lun­gen wohl auch auf ewig die jüngs­te Vor­ent­schei­dungs­teil­neh­me­rin aller Zei­ten. War dem sei­ner­zeit ange­sag­tes­ten und auf dem Hei­mat­markt bereits seit zwei Jah­ren akti­ven Kin­der­star der Erfolg also schon zu Kopf gestie­gen? Die nor­we­gi­sche Shir­ley Temp­le schaff­te es dank der Jury zwar nicht zum Grand Prix, dafür gelang ihr noch im glei­chen Jahr zusam­men mit dem deut­schen Schla­ger­on­kel Roy Black ein mehr als zwei Mil­lio­nen Mal ver­kauf­ter Hit mit dem Ever­green ‘Schön ist es auf der Welt zu sein’. In den spä­ten Acht­zi­gern sang sie dann auf eini­gen Alben von Mike Old­field, mit dem sie gemein­sam zwei Kin­der in die Welt setz­te. Sie ver­such­te es in wei­ten Abstän­den noch drei­mal beim MGP, zuletzt 2009, stets ohne Erfolg.

Weder die flei­ßi­ge Bie­ne noch das phi­lo­so­phi­sche Sta­chel­schwein soll­ten es für Ani­ta sein: nein, ein ver­kehrs­re­geln­des Zebra wünsch­te sie sich!

Mit ihren damals 15 Jah­ren ent­pupp­te sich die Sie­ge­rin die­ses Melo­di Grand Prix, Han­ne Kro­gh, im Ver­gleich zu Ani­ta Heger­land bei­na­he schon als alte Frau, auch wenn heu­te weder am ESC noch an des­sen Juni­or­aus­ga­be hät­te teil­neh­men dür­fen. Ihr von der lur­chi­gen nor­we­gi­schen Euro­vi­si­ons­le­gen­de Arne Ben­dik­sen, der bei der Sie­ger­eh­rung sowohl der Blu­men­strauß-Über­rei­che­rin ein Wan­gen­küss­chen abpress­te als auch sei­ner Inter­pre­tin unge­fragt ein sol­ches auf­drück­te, geschrie­be­ner Titel ‘Lykken er’ (‘Glück ist’) ori­en­tier­te sich sehr augen­fäl­lig an der Erfolgs­for­mel des Vor­jah­res­sie­gers ‘All kinds of every­thing’. Wie die eben­falls sehr kind­lich wir­ken­de Dana lis­te­te auch Han­ne eine ran­do­mi­sier­te Zusam­men­stel­lung von Din­gen auf, die für das Glück ste­hen sol­len. Oder auch nicht: so garan­tier­ten ihr zufol­ge weder “Geld auf der Bank” noch der durch die Tank­stel­len­ket­te Esso bewor­be­ne “Tiger im Tank” Zufrie­den­heit, son­dern viel­mehr “klei­ne Baga­tel­len”. In Dub­lin zeig­te sich Han­ne das Glück nicht hold: sie beleg­te den vor­letz­ten Platz. Des­sen unge­ach­tet nahm sie noch zwei Mal am Euro­vi­si­on Song Con­test teil: 1991 als Teil des Quar­tetts Just 4 Fun und 1985 gemein­sam mit der Schwe­din Eli­sa­beth “Bet­t­an” Andre­as­sen als Duo Bob­by­socks, mit dem sie ihrem Land den ers­ten Grand-Prix-Sieg bescher­te. Neben der Musik mach­te Kro­gh eine Aus­bil­dung zur Schau­spie­le­rin: so spiel­te sie die Haupt­rol­le in dem nor­we­gi­schen Weih­nachts­klas­si­ker Rei­sen til Julestje­r­nen von 1976, der noch heu­te jedes Jahr an Hei­lig­abend im Fern­se­hen läuft.

Rüde: gleich zwei­mal wen­det Han­ne dem Publi­kum den Rücken zu.

Vor­ent­scheid NO 1971

Melo­di Grand Prix. Sams­tag, 20. Febru­ar 1971, aus den NRK-Fern­seh­stu­di­os in Oslo. Elf Teilnehmer:innen. Mode­ra­ti­on: Jan Voigt.
#Inter­pre­tenSong­ti­telJuryPlatz
01Odd Bør­re + Jan-Erik BerntsenIron­side4802
02Jan Høi­landFjell-Låt3807
03Ani­ta HegerlandGi meg en Sebra!4405
04Anne Lise GjøstølRiv deg løs3708
05Dag Span­tellGi Ver­den et Smil4404
06Inger Jacob­senIndia3012
07Webe Karl­sen, Dag Span­tell + Geir WenzelVi vil tro det vi synger4503
08Anne-Kari­ne StrømHør litt på meg3210
09Jan-Erik Bernt­senEnk­le Ort3111
10Gro Ani­ta SchønnMaxi-midi-mini3709
11Odd Bør­reOpti­mis­ten3806
12Han­ne KroghLykken er5201

Letz­te Aktua­li­sie­rung: 18.07.2021

< Melo­di Grand Prix 1969

Melo­di Grand Prix 1972 >

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.