ESC-Fina­le 1971: Ein Staub­korn nur in der Unendlichkeit

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Das Jahr des Aufbruchs

Hef­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen tob­ten Anfang der Sieb­zi­ger­jah­re hin­ter den Kulis­sen des Song Con­tests, unter ande­rem um das schon mehr­fach geän­der­te Wer­tungs­sys­tem und über die Beset­zung der Jurys. Noch immer gär­te der Eklat des Vier­fach­sie­ges von 1969 nach, der im Vor­jahr für einen Teil­boy­kott durch fünf Län­der gesorgt hat­te. Selbst Deutsch­land, seit jeher die uner­schüt­ter­lichs­te Euro­vi­si­ons­na­ti­on, droh­te mit dem Aus­stieg aus der Gemein­schafts­ver­an­stal­tung, soll­te sie sich nicht end­lich dem Zeit­geist annä­hern. Doch der Grand Prix ist bekannt­lich unka­putt­bar, und so einig­te man sich, ganz euro­pä­isch, auf einen Kom­pro­miss. Des­sen augen­fäl­ligs­tes Ergeb­nis war, dass die Jurys jetzt vor der Kame­ra und damit für alle sicht­bar ihre Punk­te ver­teil­ten, statt wie bis­lang im Hin­ter­zim­mer. Zumin­dest in die­sem Jahr sorg­te das tat­säch­lich für annehm­ba­re Abstim­mungs­er­geb­nis­se, ver­mut­lich aus Angst der Betei­lig­ten vor einem wüten­den Lynch­mob. Aller­dings mach­te es die Ergeb­nis­aus­zäh­lung, eigent­lich der für die Zuschauer:innen attrak­tivs­te Teil des Abends, vor allem durch die Zusam­men­fas­sung der Jurys zu Drei­er­grup­pen ziem­lich unüber­sicht­lich und zäh.

Orches­ter, TV-Kame­ras, Mode­ra­to­rin, Punk­te­ta­fel: neben all den tech­ni­schen Erfor­der­lich­kei­ten pass­ten noch unge­fähr 20 Zuschauer:innen ins Gai­ety Thea­ter zu Dublin.

Das neue Ver­fah­ren sorg­te zumin­dest für eine Rück­kehr zu alter Beset­zungs­stär­ke: nach nur zwölf Län­dern in Ams­ter­dam gin­gen in Dub­lin nun 18 Staa­ten ins Ren­nen um die euro­päi­sche Chan­son­kro­ne. Zu den Rück­keh­rern zähl­te neben den Skandinavier:innen (minus Däne­mark, das bereits seit 1967 aus­setz­te) und Por­tu­gal auch Öster­reich, das sich eigent­lich viel zu spät ange­mel­det hat­te und nur des­we­gen noch eine Gna­den­zu­las­sung bekam, weil es geschickt dar­auf hin­wies, dass sich 18 bes­ser durch drei tei­len lässt als 17. Zur Stra­fe muss­te es von Start­platz 1 aus ins Ren­nen. Der galt bis 1975, als eine wei­te­re Öster­rei­che­rin, näm­lich die für Hol­land sin­gen­de Get­ty Kas­pers, von die­ser Posi­ti­on aus sieg­te, als ver­flucht. Der ORF schick­te die wie stets intern aus­ge­wähl­te, groß­ar­ti­ge Mari­an­ne Mendt, die kurz zuvor auch bei uns mit ihrer Debüt-Sin­gle, dem gran­dio­sen Gos­pel­schla­ger ‘Wie a Glockn (die 24 Stun­den läut)’, für Auf­se­hen gesorgt hat­te. Ihren kom­merz­kri­ti­schen, mund­art­lich gesun­ge­nen Grand-Prix-Bei­trag ‘Musik’, der als eine Art Geburts­stun­de des Aus­tro­pop gilt, trug sie mit beein­dru­cken­der Stimm­kraft und Ver­ve vor, auch wenn ihr kurz vor Schluss ein ein­zel­ner fal­scher Ton her­aus­schlüpf­te, was sie für Sekun­den­bruch­tei­le sicht­lich irri­tier­te. Ganz der Pro­fi, sam­mel­te sich Frau Mendt aber sofort und been­de­te ihren Auf­tritt mit Bra­vour. Letzt­lich schei­ter­te sie wohl an der Sprachgrenze.

Der über­am­bi­tio­nier­te öster­rei­chi­sche Jazz- und Chan­son-Ver­such” (Tho­mas Her­manns): Mari­an­ne Mendt (AT) gibt alles, erin­nert aber optisch ein wenig an Bet­ty Boop.

So wie auch die ihren Euro­vi­si­ons­ein­stand fei­ern­de Mit­tel­meer­in­sel Mal­ta. Die ver­such­te es zunächst mit lan­des­sprach­li­cher Folk­lo­re. Und das Mut­ter-Idi­om der Insulaner:innen (zwei­te Amts­spra­che ist, der zeit­wei­li­gen Beset­zung durch die Bri­ten sei Dank, Eng­lisch) besteht aus einer sehr eigen­ar­ti­gen Kreu­zung von melo­disch-wei­chem Ita­lie­nisch und dem für euro­päi­sche Ohren eher aggres­siv klin­gen­den Ara­bisch. Fol­ge­rich­tig erhielt Joe Grechs mit einem patrio­tisch-reli­giö­sen Sub­text auf­ge­la­de­ner Taver­nen­schla­ger ‘Mari­ja L’Mal­ti­ja’, von dem kote­let­ten­tra­gen­den Künst­ler mit extre­mem Over­ac­ting dar­ge­bo­ten, als Begrü­ßungs­ge­schenk die Rote Later­ne. Was auch an der fie­sen Klatsch­fal­le gele­gen haben mag, in die uns der tücki­sche Joe arg­los lock­te. Zu den über­fäl­li­gen Ergeb­nis­sen des Rin­gens um Moder­ni­sie­rung beim Grand Prix zähl­te die amt­li­che Zulas­sung von Grup­pen (mit maxi­mal sechs Per­so­nen) ab die­sem Jahr. Die Schweizer:innen, sonst eigent­lich nie vor­ne­weg, nutz­ten als Ers­te die neue Regel und schick­ten ganz offi­zi­ell ein eben­falls intern bestimm­tes Gesangs­trio. Peter, Sue & Marc tra­ten im Lau­fe der nächs­ten Jahr­zehn­te ins­ge­samt vier­mal für die Eid­ge­nos­sen­schaft an, jedes mal in einer ande­ren Spra­che. Mit dem Bel­gi­er Fud Leclerc und der San­ma­ri­ne­s­se Valen­ti­na Monet­ta tei­len sie sich den Rekord für die meis­ten Euro­vi­si­ons­teil­nah­men. Bei ihrer Grand-Prix-Pre­miè­re mit dem nach­denk­li­chen Lie­der­ma­cher­stück ‘Les Illu­si­ons de nos vingt Ans’ reich­te es für eine Posi­ti­on im Mittelfeld.

Illu­sio­nen hast Du Dir gemacht: Peter Reber, Sue Schell und Marc Diet­rich (CH).

Wie gut sich hin­ge­gen ein Medail­len­platz anfühlt, selbst ein bron­ze­ner, hat­ten die Deut­schen im Vor­jahr erst­ma­lig erfah­ren dür­fen. Die bis dato unge­wohn­te Dro­ge des Erfol­ges berausch­te sie so stark, dass sie sofort den nächs­ten Schuss woll­ten und die hier­für ver­ant­wort­li­che Kat­ja Ebstein gleich noch mal nomi­nier­ten. Kommt einem irgend­wie bekannt vor, gel­le? Eine aus­ge­zeich­ne­te Wahl übri­gens: Kat­ja brach­te den in einer rei­nen Song-Aus­wahl bestimm­ten, sen­sa­tio­nel­len Öko­schla­ger ‘Die­se Welt’ zu Gehör, mit dem die den Sozi­al­de­mo­kra­ten nahe­ste­hen­de Künst­le­rin all die sei­ner­zeit bei­spiels­wei­se im Ruhr­ge­biet oder der Gegend um Bit­ter­feld täg­lich erleb­ba­ren Miss­stän­de (“Rauch aus tau­send Schlo­ten senkt sich über Stadt und Land”) the­ma­ti­sier­te, die eine Deka­de spä­ter zur Grün­dung der Grü­nen führ­ten. Mit die­ser durch das appel­la­ti­ve “Was wer­den soll, liegt an Dir” frag­los als poli­tisch zu ver­ste­hen­den Con­test-Per­le, in ihrem span­nungs­reich-düs­te­ren Unter­ton auch musi­ka­lisch von exzel­len­ter Qua­li­tät, zeig­te sich die Ebstein hin­sicht­lich der uns mit Sicher­heit noch in die­sem Jahr­hun­dert in die Apo­ka­lyp­se füh­ren­den Kli­ma­ka­ta­stro­phe sehe­risch und ihrer Zeit weit vor­aus. Viel­leicht zu weit: obschon es sich bei ‘Die­se Welt’ um den ein­deu­tig bes­ten Bei­trag beim Haupt­wett­be­werb in Dub­lin han­del­te, kam erneut nur der drit­te Platz heraus.

Die­ses Lied, die­ses Lied, hat die Kat­ja uns geschenkt (DE).

Vor Kat­ja lan­de­te die direkt nach ihr gestar­te­te Spa­nie­rin Kari­na, ange­tan in einem Maxi­kleid mit einem kreis­run­den Loch auf Höhe der zar­ten Fes­seln: ob hier die Idee für Gol­die Hawns “Ich kann Dich durch­schau­en!”-Kleid in ‘Der Tod steht ihr gut’ her­stammt? ‘En un Mun­do nue­vo’ muss man als ein in der begin­nen­den End­pha­se des Fran­co-Regimes bei­na­he schon muti­ges Lied bezeich­nen, das – wenn auch schla­ger­ty­pisch unbe­stimmt – die in der Luft lie­gen­de Hoff­nung auf ein bes­se­res Mor­gen in einer neu­en Welt besang. Ärger­lich: wäh­rend Kari­nas ers­ter Text­zei­le war ihr Mikro­fon noch nicht auf. Schön: der sanf­te musi­ka­li­sche Auf­takt und die gleich zwei Rückun­gen. Nur der infer­na­li­sche, kom­plett unnö­ti­ge Marsch­ka­pel­len-Nach­klapp trüb­te erheb­lich den Genuss. Inter­es­san­tes Detail: Kari­na (bür­ger­lich: María Isa­bel Bár­ba­ra Llau­des) nahm ihren Titel auch in einer fast wört­lich über­setz­ten deut­schen Ver­si­on auf (‘Wir glau­ben an mor­gen’, akzent­frei nach­ge­sun­gen dann von Mary Roos), wäh­rend die Ebstein von ihrem die Din­ge beim Namen nen­nen­den, auf Ver­än­de­rung set­zen­den Öko­schla­ger auch eine sehr ein­dring­li­che spa­ni­sche Fas­sung (Este Mun­do siemp­re asì) ein­spiel­te. Bei­de Songs tra­fen per­fekt die über­all zu spü­ren­de Auf­bruch­stim­mung der begin­nen­den sieb­zi­ger Jah­re, in der die Men­schen tat­säch­lich noch an ein neu­es, bes­se­res Mor­gen glaub­ten. Blöd nur, dass wir es seit­her so gründ­lich und irrever­si­bel vergeigten.

Dann mach ich mir ein Loch ins Kleid und find es wun­der­bar: Kari­na (ES).

Nach die­sen Höhen­flü­gen wie­der zurück in die Nie­de­run­gen des Con­test­ge­schäf­tes. Bei den nächs­ten bei­den musi­ka­lisch völ­lig unin­ter­es­san­ten Num­mern aus Frank­reich und Luxem­burg bil­de­ten die Song­ti­tel eine erzäh­le­ri­sche Brü­cke: wäh­rend der sich offen­bar selbst die Haa­re schnei­den­de gal­li­sche Chan­son­nier Ser­ge Lama noch ziel­los im ‘Jar­din sur la Terre’ (‘Gar­ten auf Erden’) umher­spa­zier­te, sam­mel­te sei­ne aus­nahms­wei­se tat­säch­lich aus dem Groß­her­zog­tum ent­stam­men­de und bizar­r­er­wei­se eine aus Blue­jeans-Stoff gefer­tig­te Latz­ho­sen-Hot­pants tra­gen­de Kol­le­gin Moni­que Mel­sen hin­ter ihm bereits die bibli­schen Früch­te der Sün­de (‘Pom­me, Pom­me, Pom­me’) auf. Groß­bri­tan­ni­en ent­sand­te einen etwas ver­härmt wir­ken­den Abklatsch der Vor­jah­res­ver­tre­te­rin Mary Hop­kin: Clo­dagh Rod­gers ver­füg­te über eine deut­lich schwä­che­re Stim­me, zeig­te dafür aber deut­lich mehr Bein. In ihrem flot­ten, mehr geklopf­ten als gesun­ge­nen Bei­trag ‘Jack in the Box’ (Charts: UK #4, DE #36, BE #3) degra­dier­te sich die Sän­ge­rin text­lich zum all­zeit auf Knopf­druck berei­ten Spiel­zeug: ihre Autoren hat­ten am Bei­spiel des letz­ten bri­ti­schen Sie­ger­songs ‘Pup­pet on a String’ “bewusst stu­diert”, wie ein Grand-Prix-Lied beschaf­fen sein müss­te, und lie­ßen sich so zur (sexis­ti­schen) Spiel­zeug­the­ma­tik inspirieren.

Für Dei­ne Lie­be tut sie alles und springt sogar auf und ab an Dei­ner Schnur: Clo­dagh “Hot­pants” Rod­gers (UK).

Musi­ka­lisch glich der Kir­mes­schla­ger ziem­lich dem Vor­jah­res­bei­trag ‘Knock knock, who’s the­re?’ und folg­te mit sei­nen pro­mi­nen­ten Trom­mel­mo­ti­ven kon­se­quent der von Cliff Richard bereits drei Jah­re zuvor geleg­ten Ton­spur. “Poch, Poch, wer da?” – wenn es in die­ser Ära irgend­wo klopf­te, konn­te man sicher sein: die Bri­ten ste­hen vor der Tür. Die zeig­ten sich wegen des eska­lie­ren­den Kon­flik­tes mit der IRA besorgt über die Fra­ge, wen sie nach Dub­lin schi­cken soll­ten, und hat­ten die gebür­ti­ge Nord­irin Clo­dagh, die den Lon­do­ner Vor­ent­scheid allei­ne bestritt, als Wogen­glät­te­rin gewählt. Auch die 2016 ver­stor­be­ne Kom­men­ta­to­ren­le­gen­de Ter­ry Wogan kam so zu sei­nem Job: der Ire war erst weni­ge Wochen vor dem Con­test von RTÉ zur BBC gewech­selt. Er soll­te für die nächs­ten Jahr­zehn­te die Wahr­neh­mung des Wett­be­werbs auf der Insel mit sei­nen sar­kas­ti­schen Spit­zen ent­schei­dend prä­gen, zunächst im Radio, spä­ter im TV und 1998 gar als Mode­ra­tor des Mei­len­stein-Wett­be­werbs von Bir­ming­ham. Den flo­cki­gen flä­mi­schen Easy-Lis­tening-Bei­trag ‘Goe­i­emor­gen, mor­gen’, ein Song wie ein lau­war­mer Milch­kaf­fee, hat­te beim aus­geufer­ten bel­gi­schen Vor­ent­scheid noch das Kult­schla­ger­duo Nico­le & Hugo prä­sen­tiert. Auf­grund einer Gelb­sucht Nico­les muss­ten in Dub­lin jedoch kurz­fris­tig der ehe­ma­li­ge flä­mi­sche Ver­tre­ter Jac­ques Ray­mond und die als Ali­ce van Acker gebo­re­ne Lily Cas­tel ein­sprin­gen. Die bemüh­ten sich zwar, sich die raum­grei­fend-exal­tier­te Cho­reo­gra­fie der ursprüng­li­chen Vertreter:innen in der Kür­ze der Zeit noch drauf zu schaf­fen, ver­mit­tel­ten aber doch eher den Ein­druck eines Ehe­paars in den bes­ten Jah­ren, das sich ver­se­hent­lich in eine Dis­co ver­irrt hat.

Der Link zwi­schen The Mamas & the Papas und Abba: Fami­ly Four (SE).

Für Ita­li­en trat dies­mal nicht der Sie­ger des San-Remo-Fes­ti­vals an, son­dern der von der Rai intern zum Grand-Prix-Reprä­sen­tan­ten bestimm­te Gewin­ner des Kon­kur­renz­wett­be­werbs Can­zo­nis­si­moMas­si­mo Ranie­ri into­nier­te sei­ne gefühls­sturm­kit­schi­ge, man­do­li­nen­ge­schwän­ger­te Tren­nungs­schmerz­bal­la­de ‘L’A­mo­re é un Atti­mo’ (‘Die Lie­be ist ein Augen­blick’) mit der­ar­tig expres­sio­nis­ti­scher Hin­ga­be und Dra­ma­tik, dass man stel­len­wei­se befürch­te­te, es kön­ne das hüb­sche Kerl­chen jeden Moment vor lau­fen­den Kame­ras zer­rei­ßen. Gott sei Dank blieb er heil: so konn­te er zwei Jah­re spä­ter zum Con­test zurück­keh­ren. Der Nea­po­li­ta­ner nahm sei­ne Num­mer in meh­re­ren Spra­chen auf, dar­un­ter in einer sehr pos­sier­li­chen deut­schen Fas­sung als ‘Die Lie­be ist ein Traum’. Sein etwas weni­ger expres­sio­nis­tisch agie­ren­der bel­gi­scher Euro­vi­si­ons­kol­le­ge Luis Neefs cover­te den Schla­ger als ‘Omdat ik van je hou’. Neben der Schweiz nutz­te auch das wie­der in den Schoß der Grand-Prix-Fami­lie zurück­ge­kehr­te Schwe­den die neue Grup­pen­frei­heit mit der tat­säch­lich als Geschwis­ter­quar­tett gestar­te­ten, auf­grund eines tra­gi­schen Unfall­to­des aber mitt­ler­wei­le fremd­auf­ge­stock­ten Fami­ly Four: zwei bär­ti­ge Her­ren, zwei Damen, die eine blond, die ande­re brü­nett, eine davon mit Namen Agne­ta, und im Gepäck eine opti­mis­tisch swin­gen­de Dur­me­lo­die (‘Vita vid­der’). Wie­so kommt einem das Kon­zept nur so bekannt vor?

Gibt wirk­lich alles: Mas­si­mo (IT).

Die pfif­fi­gen Fin­nen arbei­ten wei­ter hart an ihrer Markt­füh­rer­schaft im Sek­tor der Grand-Prix-Skur­ri­li­tä­ten: ihr lang­haar­be­helm­ter Ver­tre­ter Mark­ku Aro fand sich in Beglei­tung der bei­den pünkt­lich zum ers­ten Refrain wie aus dem Nichts auf­tau­chen­den blon­den Schwes­tern Anja und Anne­li Koi­vis­to, die mit einem bei­na­he schon über­trie­ben strah­len­den Lächeln und einer beherzt abge­ar­bei­te­ten, hoch­gra­dig unter­halt­sa­men Syn­chrontanz-Cho­reo­gra­fie sehr erfolg­reich von der schla­ger­haf­ten Mit­tel­mä­ßig­keit des Bei­trags ‘Tie uuteen Päiv­ään’ (‘Weg in einen neu­en Tag’, ein wei­te­res Glanz­stück der aktu­el­len Auf­bruchs­stim­mungs-Kol­lek­ti­on) abzu­len­ken ver­moch­ten. So erfolg­reich, dass gar ein Platz auf der lin­ken Sei­te des Scoreboards her­aus­sprang. Anders als für Nor­we­gen: für das Wikin­ger­volk lis­te­te die erst fünf­zehn­jäh­ri­ge, gut beschirm­te Han­ne Kro­gh auf, was ihrer Mei­nung nach Glück sei: ‘Lykken er…’: “eine Steu­er­rück­zah­lung”, “eine Stun­de in der Bade­wan­ne” oder “Hering in Dill­so­ße”. Für den Hering sicher nicht, außer man lässt ihn am Leben und füllt die Dill­so­ße in die Bade­wan­ne! Doch auch Han­ne brach­te die süß­li­che, ein wenig zu sehr am letzt­jäh­ri­gen Sie­ger­ti­tel ‘All kinds of every­thing’ ange­lehn­te Num­mer wenig For­tu­ne: Platz 17.

Auf der Stra­ße nach Nor­den: Mark­ko und die Koi­vis­to­lai­set (FI).

Das Gast­ge­ber­land schick­te eine sin­gen­de Schwarz­wäl­der Kirsch­tor­te namens Ange­la Far­rell. Das arme Ding litt unter einer aku­ten Hals­ent­zün­dung, was sich nach der ers­ten, tap­fer durch­ge­stan­de­nen Minu­te dann doch bemerk­bar mach­te. Es tat kör­per­lich weh, zuzu­hö­ren und mit­zu­lei­den. Wich­ti­ger als ihr ent­spre­chend schlech­tes Ergeb­nis war dem Sen­der RTÉ aber, erst­mals über­haupt einen Event die­ser Grö­ßen­ord­nung gestemmt zu haben. Nach Recher­chen von Gor­don Rox­burgh gab man 44.000 € allei­ne für die not­wen­di­ge tech­ni­sche Umstel­lung von Schwarz­weiß auf Far­be aus, was im Vor­feld zu erbit­ter­ter inter­ner Oppo­si­ti­on wegen der hohen Kos­ten führ­te. Hin­ter­her bilan­zier­te man heil­froh, dass “die Repu­ta­ti­on” der TV-Sta­ti­on noch “intakt” sei, wie der spä­te­re Unter­hal­tungs­chef David Bla­ke Knox in sei­nem Buch ‘Ire­land and the Euro­vi­si­on’ so schön for­mu­liert. Das von den Nie­der­lan­den ent­sand­te Lie­der­ma­cher­pär­chen Saskia & Ser­ge, das kei­ne all zu gute ‘Tijd’ auf der Büh­ne hat­te, könn­te da womög­lich wider­spre­chen: aus Miss­trau­en gegen­über dem RTÉ-Orches­ter lie­ßen sie die ihren medi­ä­val anmu­ten­den Bei­trag musi­ka­lisch prä­gen­den Block­flö­ten von eigens mit­ge­brach­ten Flötist:innen spie­len. Zudem pro­du­zier­te Saski­as Mikro­fon stän­dig ent­we­der Ton­aus­fäl­le oder fie­se Rück­kop­pe­lun­gen. Und der fus­sel­bär­ti­ge Ser­ge muss­te sein Sai­ten­in­stru­ment direkt unter dem Kinn tra­gend zup­fen, weil man schein­bar ver­gaß, ihm ein zusätz­li­ches Gitar­ren­mi­kro zu installieren.

Ein frü­hes Hip­ster­pär­chen: Saskia & Ser­ge (NL).

Unge­wohn­ten Opti­mis­mus ver­brei­te­ten die Por­tu­gie­sen: obwohl das iri­sche Orches­ter ihren fröh­li­chen Folkschla­ger ‘Meni­na’ (‘Mäd­chen’) nur mit unge­fähr der Hälf­te des Tem­pos der fast schon speed­me­tal­ar­tig schnel­len Stu­dio­fas­sung zele­brier­te, gehört der Titel zu den weni­gen lusi­ta­ni­schen Grand-Prix-Bei­trä­gen, die nicht in die unmit­tel­ba­re Depres­si­on füh­ren. Ein kur­zer Kame­ra­schwenk ins Publi­kum direkt nach Tonichas Per­for­mance (in einem wirk­lich far­ben­fro­hen Maxi­kleid) sorg­te für den Kult­mo­ment des Abends, zeig­te er doch eine für weni­ge Sekun­den enthu­si­as­tisch applau­die­ren­de Zuschaue­rin, die plötz­lich mit­ten in der Bewe­gung ein­fror, so als habe ihr jemand den Ste­cker gezo­gen. Oder wur­den wir hier Zeu­gen eines Feh­lers in der Matrix? Mode­ge­schich­te schrieb auch der jugo­sla­wi­sche Ver­tre­ter Kru­nos­lav Slab­niac: der Kroa­te hat­te sich in eine Art Tore­ro-Kos­tüm gewor­fen, das aus­sah wie aus einem Wand­tep­pich genäht. Da der Kra­gen groß­räu­mig fehl­te, reflek­tier­te sein per­sil­wei­ßes Hemd das Büh­nen­licht so stark, dass er zeit­wei­lig wie ein frei­schwe­ben­der Tor­so ohne Unter­leib anmu­te­te. Sei­ne hoch­gra­dig melo­dra­ma­ti­sche Tren­nungs­schmerz­bal­la­de ‘Tvoj Dječak je tužan’ (‘Dein Jun­ge ist trau­rig’), vom Euro­vi­si­ons­kol­le­gen Ivi­ca Kra­jač kom­po­niert und spä­te­ren Bal­kan-Schmacht­fet­zen wie ‘Lane Moje’ durch­aus eben­bür­tig, stieß aller­dings auf tau­be west­eu­ro­päi­sche Jurorenohren.

Eine Farb­ex­plo­si­on: Antó­nia de Jesus Mon­tes Tonicha Vie­gas (PT).

Wie zuletzt 1959 durf­ten nach der Stimm­aus­zäh­lung neben der Sie­ge­rin auch die Sil­ber- und Bron­ze­me­dail­lis­tin­nen Kari­na und Kat­ja noch­mals kurz auf die Büh­ne, aller­dings nur, um einen Blu­men­strauß und eine Urkun­de in Emp­fang zu neh­men. Es gewann eine klei­ne, ver­hält­nis­mä­ßig kor­pu­len­te Pari­ser Sän­ge­rin mit Sturz­helm­fri­sur, die nach einer erfolg­lo­sen Lis­tung bei der haus­in­ter­nen fran­zö­si­schen Aus­wahl mit dem net­ten Beat­schla­ger ‘Viens’ nun aller­dings für das finan­zi­ell gut situ­ier­te Mona­co an den Start ging. Séveri­ne zählt unbe­streit­bar zu denen, die den Con­test durch schie­re Wil­lens­kraft bezwan­gen. Was sich vor allem im letz­ten Refrain ihrer unwi­der­steh­li­chen, kraft­vol­len Mein-Park-soll-schö­ner-wer­den-Hym­ne ‘Un Banc, un Arb­re, une Rue’ (‘Eine Bank, ein Baum, eine Stra­ße’) mani­fes­tier­te, als sie nach der Rückung die kur­zen Ärm­chen völ­lig ent­fes­selt in die Luft warf und der­ar­tig enthu­si­as­tisch und vol­ler glü­hen­der Ver­ve sang, dass die Juror:innen gar nicht anders konn­ten, als sie zur Beloh­nung mit Punk­ten zu über­häu­fen. Auch ihr männ­li­cher Begleit­chor ließ sich von Séveri­nes Begeis­te­rung anste­cken und gab alles, nach­dem er sich zuvor schon mit dem man­tra­ar­ti­gen Durch­sum­men des Refrains wäh­rend der weni­gen Stro­phen in Stim­mung gebracht hatte.

Glaub an Dich selbst und es wird gelin­gen: Séveri­ne (MC).

Und auch wenn sich das win­zig klei­ne Fürs­ten­tum, wel­ches die ursprüng­lich ange­dach­te Aus­tra­gung des Con­tests im Fol­ge­jahr vor unüber­wind­ba­re logis­ti­sche Hin­der­nis­se stell­te, über Séveri­nes Sieg (und ihre in einem Inter­view getä­tig­te Aus­sa­ge, den Stadt­staat, für den sie sang, noch nie besucht zu haben) nicht amü­siert zeig­te, bleibt ihr das Wis­sen um einen unsterb­li­chen Auf­tritt und einen viel­fach, unter ande­rem von den Song-Con­test-Kol­le­gin­nen Kirsti Spar­boeSiw Malmkvist, Mari­an­ne Rosen­berg und Tere­za Keso­vi­ja geco­ver­ten, euro­pa­wei­ten Mil­lio­nen­sel­ler (Charts: #13 NL, #9 UK, #5 CH, #3 BE, #2 NO). Als beschä­mend muss man aber bezeich­nen, was die Deut­schen ihr anta­ten. Nicht nur muss­te Josia­ne Gri­zeau (so ihr bür­ger­li­cher Name) für den ger­ma­ni­schen Schla­ger­markt eine unsäg­li­che, pho­ne­tisch ein­ge­sun­ge­ne Fas­sung ihres Grand-Prix-Titels auf­neh­men: ‘Mach die Augen zu (und wünsch Dir einen Traum)’ ver­kauf­te sich hier­zu­lan­de sogar einen Tick bes­ser (Sin­glecharts: #20, wäh­rend das Ori­gi­nal auf #23 ver­en­de­te). Was zur Fol­ge hat­te, dass sie anschlie­ßend mit graus­li­gen Bier­zelt­schla­gern durch deut­sche TV-Shows tin­gel­te. Und sich 1975 und 1982 gar beim deut­schen Vor­ent­scheid bewarb, natür­lich umsonst.

Teil­te sich mit Seve­ri­ne eine Fri­sur: Kru­nos­lav (YU).

Euro­vi­si­on Song Con­test 1971

Euro­vi­si­on Song Con­test. Sams­tag, 3. April 1971, aus dem Gai­ety Theat­re in Dub­lin, Irland. 18 Teil­neh­mer­län­der, Mode­ra­ti­on: Ber­na­det­te Ní Challchoir.
#LandInter­pre­tenSong­ti­telJuryPlatz
01ATMari­an­ne MendtMusik06616
02MTJoe GrechMari­ja L‑Maltija05218
03MCSéveri­neUn Banc, un Arb­re, une Rue12801
04CHPeter, Sue & MarcLes Illu­si­ons de nos vingt Ans07812
05DEKat­ja EbsteinDie­se Welt10003
06ESKari­naEn un Mun­do nuevo11602
07FRSer­ge LamaUn Jar­din sur la Terre08210
08LUMoni­que MelsenPom­me, Pom­me, Pomme07013
09UKClo­dagh RodgersJack in the Box09804
10BEJac­ques Ray­mond + Lily CastelGoe­ie Mor­gen, Morgen06814
11ITMas­si­mo RanieriL’A­mo­re è un Attimo09105
12SEFami­ly FourVita vid­der08507
13IEAnge­la FarrellOne Day Love07911
14NLSer­ge & SaskiaTjid08506
15PTTonichaMeni­na08309
16YUKru­nos­lav SlabinacTvoj dječak je tužan06815
17FIMark­ku Aro + KoivisitolaisetTie uuteen Päivään08408
18NOHan­ne KroghLykken er06517

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