Deut­scher Vor­ent­scheid 1978: Heut will ich’s wissen

Ireen Sheer, DE 1978
Die Strip­pe­rin

Im Jahr Eins nach Grü­ne­feldt herrsch­te bei der ARD in Sachen Grand Prix heil­lo­se Kon­fu­si­on. Der Hes­si­sche Rund­funk gab die Zustän­dig­keit für den Euro­vi­si­on Song Con­test ab, und nie­mand woll­te sie haben. Gegen sei­nen erklär­ten Wil­len erhielt der Süd­west­funk in Baden-Baden die Ver­ant­wor­tung zuge­scho­ben. Der ver­leg­te die natio­na­le Vor­ent­schei­dung ins Radio, nach­dem man die auf einen extrem kurz­fris­ti­gen Auf­ruf hin ein­ge­reich­ten Songs als zu niveau­los für ein TV-Fina­le emp­fand. Und tat­säch­lich las­sen solch klin­gen­de Künstler:innennamen wie die inter­na­tio­nal renom­mier­ten Brun­hil­de Lam­ber­ty (wer?), Alba­tros (mit dem Bei­schlaf­schla­ger ‘Bleib die Nacht bei mir und komm’) oder das deutsch-öster­rei­chi­sche Schla­ger­pär­chen Freya & Bernd Wip­pich (‘Ich tra­ge [schwer an] Dei­nem Namen’) hin­sicht­lich der Bei­trä­ge nichts Gutes erahnen.

Die Play­list mit sechs der 15 Vor­ent­schei­dungs­ti­tel, natür­lich fast aus­schließ­lich in Audioversion.

Der Kom­po­nist Hans-Georg Mos­le­ner reich­te gleich drei Songs ein, von denen sich zwei direkt auf­ein­an­der bezo­gen: wäh­rend der als Man­fred Ober­dörf­fer gebo­re­ne Schla­ger­sän­ger Tony ‘Mäd­chen wie Hele­na’ voll­sülz­te, erwi­der­te die sol­cher­art ange­gra­be­ne Tsche­chin Hele­na Von­drá­č­ko­vá: ‘Män­ner wie Du’. Und mein­te ver­mut­lich: …sind ein Grund, les­bisch zu wer­den. 2007 woll­te sie im zar­ten Alter von 60 Len­zen am ers­ten Vor­ent­scheid ihres Hei­mat­lan­des teil­neh­men, ihre cam­pe Per­le ‘Sam­ba’ wur­de jedoch dis­qua­li­fi­ziert. Einen drit­ten Titel konn­te Mos­le­ner dem gebür­ti­gen Gra­zer Ferenc Gill­mic ali­as John­ny Hill andre­hen, der jedoch erst im Jahr dar­auf mit dem abso­lut här­tes­ten Trä­nen­zie­her der deutsch­spra­chi­gen Schla­ger­ge­schich­te, ‘Ruf Ted­dy­bär Eins-Vier’, sei­nen Durch­bruch schaf­fen soll­te. Die vier­fa­chen schwei­ze­ri­schen Grand-Prix-Vertreter:innen Peter, Sue & Marc, ver­such­ten es ver­ge­bens mit einem Song zu Ehren von ‘Char­lie Chap­lin’. Der hat­te im Dezem­ber 1977 den Löf­fel abge­ge­ben und konn­te sich nun nicht mehr gegen eine der­ar­ti­ge Hom­mage weh­ren. Was auch die Grie­chen nut­zen, um in Paris das Ange­den­ken an den legen­dä­ren Stumm­film­star mit einem furcht­ba­ren Lied­chen zu beschmutzen.

Mehr Punk­te als Kabat hät­te sie ver­mut­lich geholt: Hele­na Von­drá­č­ko­vá mit ihrem dis­qua­li­fi­zier­ten Wett­be­werbs­ti­tel für den tsche­chi­schen Vor­ent­scheid 2007.

Zu den eta­blier­ten Namen zähl­te Mari­an­ne Rosen­berg, deren Wett­be­werbs­bei­trag ‘Nein, wei­nen werd’ ich nicht’ zwar vom sel­ben Song­schrei­ber­team stamm­te wie ihr Signa­tur­song ‘Er gehört zu mir’, den­noch musi­ka­lisch nicht wei­ter vom uplif­ten­den Phil­ly­sound jener Pro­duk­ti­on hät­te ent­fernt sein kön­nen. Lang­fris­ti­ge Kne­bel­ver­trä­ge zwan­gen die Schla­ger­queen, Album auf Album abzu­lie­fern, und so sang sie halt auch die­sen brä­sig-mage­ren Bal­la­den­quark weg. Gleich zwei Eisen hat­te das Vor­zei­ge-Ehe­paar des deut­schen Schla­gers, Cin­dy & Bert, im Feu­er. Doch weder mit dem durch pum­pen­de Dis­co­beats auf­ge­wer­te­ten ‘Wer die Ster­ne lenkt’ noch mit dem von Bert selbst geschrie­be­nen Wal­zer ‘Chan­son d’É­té’ konn­ten sie reüs­sie­ren. Dra­fi Deut­scher, Mit­te der Sech­zi­ger­jah­re der erfolg­reichs­te deut­sche Pop­star (‘Mar­mor, Stein und Eisen bricht’), steu­er­te unter dem Pro­jekt­na­men Roy­al Bre­we­ry ein (fremd­ge­sun­ge­nes) ‘Lied für Euro­pa’ bei, mit dem er sämt­li­che poli­ti­schen Span­nun­gen des Viel­völ­ker­kon­ti­nents durch die Kraft der Musik auf­zu­lö­sen trach­te­te. Ob “all die Diplo­ma­ten” tat­säch­lich “gut bera­ten” gewe­sen wären, auf ihn zu hören, erfah­ren wir wohl nie: der Song schaff­te es nicht nach Paris.

Da bleibt kein Auge tro­cken: erst Bene­det­to Ari­co ali­as Bino gab dem Trä­nen­zie­her, an dem sich zuvor schon Ruth Hän­del und Mike Mareen ver­sucht hat­ten, das gewünsch­te authen­ti­sche Flair (Reper­toire­bei­spiel). 

Ein Smash­hit gelang Dra­fi im glei­chen Jahr den­noch: in der Ein­spie­lung des gebür­ti­gen Sizi­lia­ners Bino stürm­te sei­ne Mons­ter­schmon­zet­te ‘Mama Leo­ne’ sowohl in der deut­schen als auch in einer vom Inter­pre­ten selbst über­setz­ten ita­lie­ni­schen Fas­sung die Charts und setz­te welt­weit 20 Mil­lio­nen Ein­hei­ten ab. Ein Müt­ter­ver­ab­schie­dungs­song (‘Good­bye Mama’) hat­te auch der Schla­ger­sän­ge­rin Ire­en Sheer im Jah­re 1973 ihren ers­ten (und größ­ten) Hit beschert. Das Mar­ken­zei­chen der gebür­ti­gen Bri­tin ist bis heu­te ihre unver­wech­sel­ba­re, von einer gewis­sen metal­le­nen Schär­fe gepräg­te Stim­me. Damit rag­te sie im Funk aus dem auf Har­mo­nie geeich­ten Ange­bot der ARD-Schla­ger­wel­len her­aus, auf wel­chen die fünf­zehn Titel die­ses Wett­be­werbs lie­fen. Kein Wun­der daher, dass die Radiohörer:innen ihren zün­den­den Dis­co­schla­ger ‘Feu­er’ zum Sie­ger kür­ten. Und zwar völ­lig zu Recht: die fabel­haf­te Num­mer gehört schlecht­hin zu den bes­ten deut­schen Euro­vi­si­ons­bei­trä­gen! Eine gänz­lich ande­re Ansicht ver­tra­ten jedoch die so genann­ten “Exper­ten”. Der SWR hat­te es nicht las­sen kön­nen, par­al­lel zum Publi­kum auch eine acht­köp­fi­ge, aus Musikjournalist:innen und GEMA-Mit­glie­dern zusam­men­ge­setz­te Jury mit so pro­mi­nen­ten und pop­kom­pe­ten­ten Mit­glie­dern wie dem Jaz­zer Knut Kie­se­wet­ter zu befra­gen, deren Wer­tung ursprüng­lich zu zwei Drit­teln zäh­len soll­te. Und die emp­fand alle 15 Titel, ein­schließ­lich Ire­ens hell lodern­dem ‘Feu­er’, als ästhe­ti­sche Zumutung.

Ein schö­ner Rücken kann auch ent­zü­cken: Ire­en setzt im Euro­vi­si­ons­dress das Stu­dio in Flammen.

So lau­te­te die Emp­feh­lung des Gre­mi­ums, auf die Grand-Prix-Teil­nah­me gänz­lich zu ver­zich­ten. Typisch deutsch droh­te es gar mit Kla­ge, soll­te die mit einer Reprä­sen­tanz Luxem­burgs im Jah­re 1974 mit einem abso­lut grau­en­haf­ten Sie­gel-Schla­ger bereits con­test­er­fah­re­ne Inter­pre­tin den­noch fah­ren. Was für eine gro­tes­ke Anma­ßung! Selbst­ver­ständ­lich ließ sich unse­re zu allem ent­schlos­se­ne Kult-Uschi, die das deut­sche Schla­ger­we­sen im Lau­fe ihrer mitt­ler­wei­le über fünf­zig­jäh­ri­gen Kar­rie­re um sol­che Trash­per­len wie ‘Heut’ Abend hab ich Kopf­weh’ oder ‘Heut’ ver­kauf ich mei­nen Mann’ berei­cher­te, von den absei­ti­gen “Exper­ten” nicht abhal­ten, nach Paris zu rei­sen und dort eine der unver­gess­lichs­ten deut­schen Per­for­man­ces abzu­lie­fern: bra­vo, Ire­en! Und auch, wenn es beim Con­test dank der Sabo­ta­ge des fran­zö­si­schen Orches­ters ledig­lich für Platz 6 und in den Charts nur für Rang 39 reich­te, ist es doch ein neu­er­li­cher Beweis für die ohne­hin glas­kla­re The­se, dass in Sachen Pop­mu­sik das Publi­kum stets das bes­se­re, auf jeden Fall aber das maß­geb­li­che­re Urteil fällt als irgend­wel­che angeb­li­chen Fachleute.

Ich hab Migrä­ne / weil ich mich seh­ne” gehört zwei­fels­frei zu den schmerz­brin­gends­ten Rei­men des deut­schen Schla­ger­we­sen (Reper­toire­bei­spiel).

Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1978

Auf los geht’s los. Sams­tag, 15. April 1978. Eine Teil­neh­me­rin. Mode­ra­ti­on: Joa­chim Fuchs­ber­ger (Song­vor­stel­lung im Rah­men der TV-Show nach vor­aus­ge­gan­ge­nem Radio-Fina­le mit 15 Teilnehmer:innen). Demo­sko­pi­sche Umfra­ge unter den Radiohörer:innen.
#Inter­pre­tenSong­ti­telPunk­tePlatzCharts
01Cin­dy & BertWas die Ster­ne lenkt5,1505-
02Jochen Brau­er GroupLie­der, die aus dem Radio klingen4,0711-
03Mari­an­ne RosenbergNein, wei­nen werd ich nicht5,0307-
04TonyMäd­chen wie Helena4,5109-
05Andy Nor­denSusann3,8114-
06Alba­trosKomm und bleib die Nacht bei mir4,1610-
07Hele­na VondráčkováMän­ner wie Du3,9812-
08Peter, Sue & MarcChar­lie Chaplin5,3103-
09Brun­hil­de LambertyKennst Du die Zeit?3,7015-
10Freya & Bernd WippichIch trag Dei­nen Namen3,9113-
11Sun­ri­seLiver­pool5,3402-
12John­ny HillLou­sia­na4,9008-
13Ire­en SheerFeu­er5,560139
14Cin­dy & BertChan­son d’Été5,3004-
15Roy­al BreweryEin Lied für Europa5,0406-

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3 Comments

  • 1–2‑3–4- Fire! Kei­ne Fra­ge, einer der bes­ten deut­schen Bei­trä­ge über­haupt. Ein­gän­gig, flott und erstaun­lich unspie­ßig (ver­gli­chen mit dem, was spä­ter noch an deut­schen Bei­trä­gen fol­gen soll­te). Lei­der ver­hunz­te am Final­abend das schlicht­weg desas­trö­se Pari­ser Orches­ter die­se Top-Num­mer mit einem völ­lig inak­zep­ta­blen Arran­ge­ment zu einem ein­zi­gen Enten­tanz. Scha­de – denn Ire­en sang hin­ge­bungs­voll und der Kapu­zen­wurf hat ja mitt­ler­wei­le Geschich­te geschrie­ben. Klei­ne Anek­do­te am Schluss: lan­ge, lan­ge Zeit habe ich zu Beginn der ers­ten Stro­phe immer ver­stan­den: ‘Ich lass’ mir nie mei­ne Mäh­ne dres­si­ern / hab ich geschwo­ren’. Oweh!

  • whonose -

    Hat jemand das Lied von ‘Roy­al Bre­we­ry’? Hal­lo, bit­te mel­den, wenn jemand das Lied ‘Ein Lied für Euro­pa’ von Roy­al Brwe­ry hat. Dan­ke, Gruß, whonose

  • Klaus Kuckuck -

    Ich habe damals den Fern­seh­ton der deut­schen Vor­ent­schei­dung in Ste­reo auf Ton­band auf­ge­nom­men, auch die Roy­al Bre­we­ry. Inzwi­schen habe ich’s in mp3 umgewandelt.
    Gruß Klaus.Kuckuck@gmx.de

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