Ein Lied für Jeru­sa­lem 1979: Dann bleibst Du län­ger dran

Dschinghis Khan, DE 1979
Die Impe­ra­to­ren

In die­sem Jahr erb­te der Baye­ri­sche Rund­funk den inner­halb der ARD nach wie vor eher unbe­lieb­ten Grand Prix. Wie es dazu kam? Nun, im Vor­jahr hat­te Isra­el den Wett­be­werb gewon­nen, und für die Bericht­erstat­tung über das Nah­ost­land liegt die Zustän­dig­keit bei der Arbeits­ge­mein­schaft deut­scher Rund­funk­an­stal­ten in Mün­chen. Also bekam der BR auch den Con­test zuge­scho­ben. Logisch, oder? Die Bay­ern, das muss man ihnen zugu­te hal­ten, stell­ten sich der Auf­ga­be mit Bra­vour: sie pro­du­zier­ten eine TV-Vor­ent­schei­dung mit zwölf Teilnehmer:innen, größ­ten­teils die A‑Liste des deut­schen Schla­gers. Außer­dem erkann­ten sie schon fast zwan­zig Jah­re vor der EBU, dass die Zeit der orga­ni­sier­ten Bevor­mun­dung durch Jurys abge­lau­fen war, und beauf­trag­ten das Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tut Infra­test, in einer tele­fo­ni­schen Umfra­ge unter 540 vor­her aus­ge­wähl­ten Haus­hal­ten den Publi­kums­lieb­ling zu ermit­teln. Wobei die­se kei­nen reprä­sen­ta­ti­ven Quer­schnitt durch die gesam­te Bevöl­ke­rung bil­de­ten: man habe betrach­tet, wer über­haupt sol­che Sen­dun­gen schaue und dann Men­schen mit ent­spre­chen­den geschmack­li­chen Prä­fe­ren­zen ausgesucht.

Prince hat ange­ru­fen und will sei­ne Rüschen­blu­se zurück: Rober­to Blan­co ver­wei­gert die Arbeit.

Punks dürf­ten sich also nicht unter den Befrag­ten befun­den haben. Um so erstaun­li­cher für das offi­zi­ell als beson­ders flei­ßig gel­ten­de Deutsch­land, dass gleich zwei das süße Nichts­tun ver­herr­li­chen­de Bei­trä­ge recht gut abschnit­ten. Näm­lich zum einen, auf Platz 4, Rober­to Blan­cos Blau­ma­cher­schla­ger ‘Sam­ba si! Arbeit no!’. So ändern sich die Zei­ten: wag­te es in unse­rer heu­ti­gen Hartz-IV-Gesell­schaft jemand, einen sol­cher­art leis­tungs­ver­wei­gern­den Auf­ruf zu sin­gen, er wür­de ohne viel Feder­le­sens von einem wüten­den, von der Bild auf­ge­wie­gel­ten Lynch­mob am Blitz­ab­lei­ter der ört­li­chen Arbeits­agen­tur auf­ge­knüpft! Und tat­säch­lich muss­te sich der im Saal in ers­ter Rei­he sit­zen­de baye­ri­sche Minis­ter­prä­si­dent Franz-Josef Strauß nach Blan­cos Par­ty­kra­cher erst ein­mal den Wut­schweiß von der Stir­ne tup­fen. Gar auf den zwei­ten Rang schaff­te es die ent­spann­te Lang­schlä­fer­hym­ne ‘Take it easy, altes Haus’ der Coun­try­for­ma­ti­on Truck Stop. Die sym­pa­thi­schen Cow­boys von der Water­kant lie­fer­ten hier mit gol­de­nen Text­zei­len wie “Fang Dei­nen Tag doch spä­ter an, dann bleibst Du län­ger dran” mein Lebens­mot­to ab. Das Lob des Lie­gen­blei­bens reich­te noch für unte­re Chart­rän­ge: Platz 38 in der Verkaufshitparade.

Es gibt nichts Schlim­me­res, als mor­gens auf­zu­stehn: Jungs, ihr ver­steht mich! (Und übri­gens, der Voll­bär­ti­ge am Hack­brett: woof!)

Die bei­den Schla­ger-Hero­in­nen Ingrid Peters und Pao­la del Med­i­co berich­te­ten dazwi­schen, unter­legt von sen­sa­tio­nel­len Dis­co-Sound­ef­fek­ten, von ihren aktu­el­len Affä­ren mit einem ver­hei­ra­te­ten Mann (gar dem sel­ben?). Dabei nahm man der schö­nen, wenn auch bereits beängs­ti­gend schlan­ken Saar­län­de­rin die las­zi­ve Ver­füh­re­rin eher ab als der stets etwas fri­gi­de wir­ken­den Schwei­ze­rin, was ihr jedoch zum Nach­teil geriet. Denn das anschei­nend über­wie­gend aus eifer­süch­ti­gen Ehe­frau­en bestehen­de Infra­test-Publi­kum fand nur bedingt Gefal­len an den Oden auf die Untreue: Rang 3 für die es bei einem ein­ma­li­gen One-Night-Stand belas­sen­de Pao­la (‘Vög­ler der Nacht’; ihr guter haus­frau­li­cher Rat: “Denn mit Gefüh­len / soll­te man nie­mals spü­len”), wäh­rend Ingrid Peters, die sich als Neben­buh­le­rin ihren Ste­cher mit sei­ner Gemah­lin dau­er­haft zu tei­len beab­sich­tig­te, für ihren mit top­ak­tu­el­len Syn­drums auf­ge­pepp­ten Coun­try­schla­ger ‘Du bist nicht frei’ mit dem sechs­ten Platz abge­straft wur­de. Bei­de Sei­ten­sprung-Dra­men stamm­ten übri­gens aus der Feder des dies­be­züg­lich noto­ri­schen Kom­po­nis­ten Jean Frank­fur­ter, der bereits im Vor­jahr Ire­en Sheer mit dem ‘Feu­er’ hat­te spie­len lassen.

Jesus, um die­se Hüf­te kann ich ja mit einer Hand fas­sen! Ingrid Peters ist nicht frei, frei, frei.

Ralph Sie­gel über­flü­gel­te jedoch alle mit sei­ner Retor­ten­for­ma­ti­on Dschinghis Khan, die er eigens für die­sen Wett­be­werb und pas­send zu sei­nem gleich­na­mi­gen, von Boney M.s ‘Ras­pu­tin’ inspi­rier­ten Impe­ra­to­ren­stamp­fer zusam­men­ge­stellt hat­te. Waren es die bun­ten Glit­zer­kos­tü­me vom Aus­ver­kauf im Thea­ter­fun­dus (Vor­bild hier: die Vil­la­ge Peop­le); der schim­mern­de Lip­gloss der bei­den “aus­geufer­ten Sekre­tä­rin­nen” Edi­na Pop und Hen­ri­et­te Hei­chel; die glück­lich machen­de, weil simp­le Cho­reo­gra­fie oder der noch im Voll­suff mit­singba­re, kli­schee­haf­te Ech­te-Ker­le-Phan­ta­sien beför­dern­de Text mit vie­len “Hu-Ha“s und der rund­weg genia­len Eröff­nungs­zei­le “Sie rit­ten um die Wet­te mit dem Step­pen­wind”, der für den ers­ten ech­ten Sie­gel-Sieg sorg­te? Egal: dies­mal ging es voll und ganz in Ord­nung. Ich lieb­te die­se Num­mer damals heiß und innig (und mag sie noch heu­te), tanz­te vor dem Fern­se­her ent­fes­selt mit und wünsch­te mir nichts sehn­li­cher, als dass wir damit den Grand Prix gewön­nen. ‘Dschinghis Khan’ war mei­ne Ein­stiegs­dro­ge in den Euro­vi­si­on Song Con­test. Das sahen wohl auch ande­re so: die Sin­gle schoss an die Spit­ze der deut­schen Charts und konn­te sich unter ande­rem auch in Öster­reich (#8), der Schweiz (#3) und Nor­we­gen (#3) positionieren.

Sie zeug­ten sie­ben Blin­de in einer Nacht: die grel­len Kos­tü­me von Dschinghis Khan.

Dass die fünf Sänger:innen von Dschinghis Khan (neben den bei­den Damen noch der 2006 an Lun­gen­krebs ver­stor­be­ne Rau­cher Ste­ve Ben­der, der gebür­ti­ge Sach­se Wolf­gang Hei­chel, der nach der Schei­dung von Hen­ri­et­te 1986 zu Sie­gels nächs­tem Ein­weg­pro­jekt That’s Life über­lief, sowie der stol­ze Schnauz­bart­trä­ger Les­lie Man­do­ki, der zahl­rei­che Wahl­wer­be­songs für die CDU schrieb) trotz enthu­si­as­tisch getanz­ter Cho­reo­gra­fie nicht hör­bar außer Atem kamen, wie spä­ter bei ihrem Auf­tritt in Jeru­sa­lem, hat­te einen simp­len Grund: das vom BR enga­gier­te Tanz­or­ches­ter Heinz Kiess­ling tat sich bei den Pro­ben der­ma­ßen schwer damit, die mit moder­nen Sound­ef­fek­ten voll­ge­stopf­ten Arran­ge­ments auch nur eini­ger­ma­ßen annehm­bar zu repro­du­zie­ren, dass man für die Sen­dung kurz­fris­tig und not­ge­drun­gen aufs Voll­play­back zurück­griff. Das konn­te man bei­spiels­wei­se bei der Dis­co­for­ma­ti­on Orlan­do Riva Sound ver­fol­gen, die sich teils gar kei­ne Mühe gab, beim Lipsyn­chen das Mikro vor den Mund zu hal­ten. Beson­ders ohren­fäl­lig wur­de es jedoch beim hier erst­mals prak­ti­zier­ten und tat­säch­lich live von der Kapel­le beglei­te­ten Schnell­durch­lauf: rich­tig ama­teur­haft klin­gen die Trom­pe­ten­ar­ran­ge­ments da! Scha­de nur, dass der BR die­ses Fias­ko nicht zum Anlass nahm, bei der EBU auf die Abschaf­fung des Orches­ters zu drän­gen: wie vie­le ver­hunz­te, ent­stell­te Lie­der wären uns beim Grand Prix erspart geblieben!

Die schöns­te Fön­wel­le der Schweiz: Paola.

Neben dem Sie­ger­ti­tel zeich­ne­te Ralph Sie­gel auch für den letzt­plat­zier­ten Song ver­ant­wort­lich, dar­ge­bo­ten von den Gebrü­dern Blatt­schuß. Das Ber­li­ner Come­dy-Quin­tett, zu des­sen Grün­dungs­mit­glie­dern der heu­te vor allem für sei­nen aus der Zeit gefal­le­nen Alt­her­ren­hu­mor berüch­tig­te Jür­gen von der Lip­pe und der sei­nen Nach­na­men zu Recht tra­gen­de Hans-Wer­ner Olm gehör­ten, hat­te im Herbst 1978 mit dem Faschings­schla­ger ‘Kreuz­ber­ger Näch­te’ einen lang­le­bi­gen Hit, der sich ein hal­bes Jahr in den Sin­gle-Charts hal­ten soll­te. Mitt­ler­wei­le waren sie zum Trio zusam­men­ge­schrumpft. An den hohen Kas­tra­ten­ge­sän­gen, Wort­spie­le­rei­en und schrä­gen Gri­mas­sen konn­te man ‘Ein Blick sagt mehr als jedes Wort’ aber auch ohne die­ses Vor­wis­sen leicht als Spaß­bei­trag aus­ma­chen, und mit Spaß haben es die Deut­schen ja in der Regel nicht so. Erstaun­li­cher­wei­se erhiel­ten die Gebrü­der trotz­dem immer noch ein Drit­tel so viel Stim­men wie ‘Dschinghis Khan’. Die hin­te­ren Plät­zen teil­ten sie sich mit zwei Holländer:innen: Jean­ne De Roy (wer?) sang einen Sinn­los-Schla­ger aus der Feder von Hans Blum; Geert­jan Lacu­nes ali­as Jer­ry Rix und sei­ne (baye­ri­sche) Duett­part­ne­rin Lin­da G. Thomp­son (gebo­re­ne Übel­herr) waren vor­her bei­de teils gemein­sam, teils zu unter­schied­li­chen Zeit­punk­ten, Mit­glie­der in den For­ma­tio­nen Sil­ver Con­ven­ti­on, Love Genera­ti­on und den Les Hum­phries Sin­gers. Lin­da sang spä­ter bei den Hor­net­tes. Sie wie­sen uns freund­li­cher­wei­se dar­auf hin, dass wir ‘Wochen­en­de’ hatten.

Ob Farin Urlaub von den Ärz­ten sich von sei­nem Künst­ler­na­men inspi­rie­ren ließ? Rolf Peter Knig­ge ali­as Tony Holi­day (plus Play­list mit allen 12 Titeln in Startreihenfolge).

Bleibt noch die maka­bre Fra­ge, ob sich Lou­is Hen­rik Pot­gie­ter (†1994), der tan­zen­de Dschinghis Khan in Dschinghis Khan, und das schrank­schwu­le One-Hit-Won­der Tony Holi­day (‘Tan­ze Sam­ba mit mir’, †1990), der in einer mit Straß besetz­ten knall­ro­ten Cow­boy­fran­sen­ja­cke, haut­engen Kunst­le­der­ho­sen und wei­ßen Stie­fe­let­ten wenig glaub­wür­dig – und ent­spre­chend erfolg­los – ‘Zuviel Tequi­la, zu viel schö­ne Mäd­chen’ besang, bei die­ser Vor­ent­schei­dung näher ken­nen lern­ten und sich gegen­sei­tig infi­zier­ten? Denn bei­de, trau­ri­ge Chro­nis­ten­pflicht, es zu ver­mel­den, star­ben an den Fol­gen von Aids. Auch die gute Han­ne Hal­ler weilt nicht mehr unter uns: die 2005 dem Brust­krebs zum Opfer gefal­le­ne Sin­ger-Song­wri­te­rin saß, wie bei fast allen ihren Gigs, fest­be­to­niert hin­ter dem Kla­vier und häm­mer­te fröh­lich in die Tas­ten, obwohl in dem Stück über­haupt kein Pia­no vor­kam. Mit dem von Harold Fal­ter­mey­er (‘Axel F’) kom­po­nier­ten ‘Good­bye, Ché­rie’ gab sie bei ihrem ers­ten gro­ßen TV-Auf­tritt ein unbe­ab­sich­tig­tes und ver­früh­tes Abschieds­lied, obschon sie als Kom­po­nis­tin noch ein paar Mal mit­ma­chen soll­te. 2008 erfuhr Han­ne ihr post­hu­mes Outing in der Bild durch ihre angeb­li­che zeit­wei­li­ge Lebens­ge­fähr­tin, die 2012 im Pro­mifried­hof Dschun­gel­camp gestran­de­te TV-Mode­ra­to­rin Ramo­na Leiß.

Das Zau­ber­wort heißt Demo­sko­pie,” so die in einem beson­ders dezen­ten Abend­kleid aus der Ado®-Kollektion mode­rie­ren­de Caro­li­ne Rei­ber: der Baye­ri­sche Rund­funk ebne­te 1979 dem Volks­wil­len den Weg beim Vor­ent­scheid. Und läu­te­te damit eine fünf­jäh­ri­ge deut­sche Grand-Prix-Hoch­pha­se ein. 

Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1979

Ein Lied für Jeru­sa­lem. Sams­tag, 17. März 1979, aus der Rudi-Sedl­may­er-Hal­le in Mün­chen. 12 Teilnehmer:innen. Mode­ra­ti­on: Caro­li­ne Rei­ber und Tho­mas Gott­schalk. Demo­sko­pi­sche Umfrage.
#Inter­pre­tenSong­ti­telTele­vo­tePlatzCharts
01Tony Holi­dayZuviel Tequi­la, zuviel schö­ne Mädchen2.80709-
02Han­ne HallerGood­bye, Chérie3.00907-
03Gebrü­der BlattschussEin Blick sagt mehr als jedes Wort1.67312-
04Ingrid PetersDu bist nicht frei2.89408-
05Jer­ry Rix + Lin­da ThompsonWochen­en­de1.92011-
06Truck StopTake it easy, altes Haus4.3940238
07Jean­ne de RoyWas wir aus Lie­be tun2.11710-
08Bern­hard BrinkMade­lei­ne3.32606-
09Dschinghis KhanDschinghis Khan4.8070101
10Pao­laVogel der Nacht4.12703-
11Rober­to BlancoSam­ba si! Arbeit no!3.46104-
12Orlan­do Riva SoundLady Lady Lady3.33605-

Letz­te Aktua­li­sie­rung: 18.10.2021

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3 Comments

  • Feh­ler im Text Der Vor­jah­res­bei­trag von Ire­en Sheer wur­de von Jean Frank­fur­ter geschrie­ben. In die­sem Jahr sang nicht Ingrid Peters einen Titel des Kom­po­nis­ten, son­dern die (immer etwas fri­gi­de wir­ken­de) Pao­la! Sie lan­de­te auf dem drit­ten Platz und die las­zi­ve Ver­füh­re­rin, also die Peters, hatt kei­nen irgend gear­te­ten Nachteil! 😀

  • Kor­rek­tur sor­ry !!!! bei­de Damen san­gen einen Titel von Jean Frank­fur­ter … Asche auf mein Haupt

  • ‘Dschinghis Khan’ war mei­ne Ein­stiegs­dro­ge in den Euro­vi­si­on Song Contest.” 

    Jawoll, das ging mir damals im zar­ten Alter von acht Jah­ren genauso 😉

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