Ein Lied für Brüs­sel 1987: Geh ins Licht, Carol-Anne

Wind, DE 1987
Die Son­ni­gen

In die­sem Jahr dege­ne­rier­te die deut­sche Vor­ent­schei­dung voll­ends zu einem Ralph-Sie­gel-Fest­spiel. Fast die Hälf­te aller vor­ge­stell­ten Titel, näm­lich fünf von zwölf, stamm­ten aus sei­ner Feder. Ent­we­der hat­te der Mün­che­ner Fließ­band­kom­po­nist die Vor­auswahl­ju­rys geschickt durch ihm höri­ge Men­schen unter­wan­dern las­sen – oder, und das erscheint mir wahr­schein­li­cher, es woll­te außer ihm tat­säch­lich nie­mand mehr mit dem Grand Prix in Ver­bin­dung gebracht wer­den. Dem Baye­ri­schen Rund­funk schien das Gan­ze so pein­lich zu sein, dass er die Show aus dem ange­stamm­ten Mün­che­ner Sen­de­stu­dio in die unge­lieb­te frän­ki­sche Pro­vinz abschob: offen­bar eine Bestra­fungs­ak­ti­on für das auf­säs­si­ge Nordbayern.

Wie ein Reh im Licht des Auto­schein­wer­fers: auch Rouge mach­ten einen über­fah­re­nen Ein­druck beim Deut­schen Vor­ent­scheid 1987.

Um den musi­ka­li­schen Bank­rott vor den Fernsehzuschauer:innen so gut es irgend­wie ging zu ver­ber­gen, nötig­te man Sie­gel, wenigs­tens für sei­ne schreck­lichs­ten Songs Pseud­ony­me zu wäh­len. Und so kün­dig­te Chris­toph Deum­ling bei­spiels­wei­se die Depres­si­ons­num­mer Lie­der Träu­me tun weh’ von San­dy Derix (wer?) unter dem frei erfun­de­nen Kom­po­nis­ten­na­men “Claus-Peter Bobard” an. Bei der Flut sei­ner Bei­trä­ge blieb für den Ein­zel­nen zudem nicht mehr so viel Bud­get: der armen San­dy hat­te Onkel Ralph die Gar­de­ro­ben­spe­sen so stark gekürzt, dass es gar nur für einen ein­zel­nen Ohr­ring reich­te, was doch sehr irri­tier­te. Sie­gel ver­sorg­te aus­ge­rech­net die bei­den ein­zi­gen leid­lich bekann­ten Inter­pre­ten die­ses Abends nicht mit sei­nen musi­ka­li­schen Wür­fen: den stets erfolg­lo­sen Vor­ent­scheid-Stamm­gast Bern­hard Brink sowie Micha­el Hoff­mann, den über­le­ben­den Teil des Duos Hoff­mann & Hoff­mann (DE 1983) und Kom­po­nist zahl­rei­cher Ita­lo­schla­ger (IT 1985), der dem seit­he­ri­gen Miss­erfolg als Sän­ger ein trot­zi­ges ‘Ich geb nicht auf’ ent­ge­gen­stemm­te – lei­der umsonst.

Hat­te ihr eige­nes Ozon­loch: die her­zi­ge Cas­sy krisch ihren Bei­trag ins ‘Aus’.

Ihr Vor­ent­schei­dungs­de­büt fei­er­te die aus dem hes­si­schen Nid­derau-Ost­heim (Wet­terau) stam­men­de, damals blut­jun­ge Katha­ri­na Mehr­ling, hier unter dem Büh­nen­na­men Cas­sy, den sie für eine wei­te­re Vor­ent­schei­dungs­teil­nah­me im Jah­re 1991 noch um den erfun­de­nen Vor­na­men Bar­ba­ra ergänz­te. Inter­es­san­ter­wei­se erwähnt die heu­ti­ge Musi­cal­sän­ge­rin in ihrer aus­ge­spro­che­nen blu­men- und umfang­rei­chen Bio­gra­fie (“Inter­na­tio­na­les Auf­se­hen erreg­te ihre Ver­kör­pe­rung von Edith Piaf in drei ver­schie­de­nen Thea­ter­in­sze­nie­run­gen”), die sich in wei­ten Tei­len wort­gleich in ihrem Wiki­pe­dia-Ein­trag wie­der­fin­det und die sonst jeden noch so klei­nen Gig in einer New Yor­ker Musik­knei­pe auf­lis­tet, bei­de TV-Auf­trit­te mit kei­ner Sil­be. Viel­leicht, weil sie bei bei­den Anläs­sen zu einer gewis­sen, nen­nen wir es mal: Über­per­form­anz neig­te? Dann gab es noch eine Deni­se (wer?), die ihre Zuhö­re­rin­nen­schaft unter den Lese­rin­nen der ‘Frau im Spie­gel’ ver­mu­te­te. Das waren wohl zu weni­ge: Platz 4, wie schon 1982.

Jetzt wis­sen wir auch, wer 1985 Petra Scheesers zwei­ten Hand­schuh klau­te: Rouge waren’s!

Zwei Rän­ge tie­fer lan­de­te das Discopop-Duo Rouge, die nach dem Aus­stieg von San­dra (‘Maria Mag­da­le­na’) übrig geblie­be­nen Res­te der hier­zu­lan­de wenig beach­te­ten, dafür in Japan um so bekann­te­ren Girl­group Ara­bes­que. Ihrem neu­en Namen alle Ehre ver­lei­hend, tru­gen die Damen extrem viel Schmin­ke und ein grau­si­ges Gefrier­lä­cheln zur Schau, das ihrem Gesül­ze aber auch nicht zum Durch­bruch ver­half. Erfolg­reich schnitt hin­ge­gen die mit wehen­den Fah­nen von ihrer eins­ti­gen Erschaf­fe­rin Han­ne Hal­ler zu Mr. Grand Prix über­ge­lau­fe­ne Euro­vi­si­ons­re­tor­ten­ka­pel­le Wind ab. Offen­bar erin­ner­ten sich die Zuschauer:innen dar­an, dass die schon mal einen zwei­ten Platz für Deutsch­land ersun­gen hat­ten und gaben ihnen ihr Pla­zet für ‘Lass die Son­ne in Dein Herz’, einen mehr als flau­en Abklatsch des an sich schon flau­en 1983er Som­mer­hits ‘Sunshi­ne Reg­gae’ der däni­schen Band Laid Back. Wen hät­ten sie aus einem depri­mie­ren­den Feld abso­lut gleich grot­ti­ger Schlicht­schla­ger auch sonst wäh­len sol­len? Maxi & Chris Gar­den mit dem brech­reiz­er­re­gend ver­kitscht-ver­lo­ge­nen ‘Frie­den für die Ted­dy­bä­ren’ etwa? So ver­zwei­felt waren sie – noch – nicht!

Ohne Rai­ner Hög­lmai­er, dafür mit Rob Pila­tus (Mil­li Vanil­li): Wind.

Den ein­zi­gen unter­halt­sa­men Part des Abend lie­fer­te aller­dings der als Pau­se­nact gebuch­te, sei­ner­zeit noch jugend­lich-schlan­ke Hape Ker­ke­ling, selbst beken­nen­der Grand-Prix-Fan, der sich in einem gelun­ge­nen Sketch über den inter­es­san­tes­ten Part des Euro­vi­si­on Song Con­test lus­tig mach­te: die Punk­te­ver­ga­be. Er stell­te dabei nicht nur sei­ne enor­me Viel­spra­chig­keit unter Beweis, son­dern nahm auch das bereits unter der Allein­herr­schaft der Jurys bis zum Erbre­chen prak­ti­zier­te Nach­bar­schafts­vo­ting auf die Schip­pe, bei dem sich bei­spiels­wei­se die skan­di­na­vi­schen Län­der ger­ne gegen­sei­tig die Punk­te zuschanz­ten, wäh­rend Öster­reich den gro­ßen Bru­der – “da machen wir’s wie immer” – leer aus­ge­hen ließ. Einer­seits schön, dass der BR so viel Humor bewies, ande­rer­seits scha­de, dass die ARD nicht statt­des­sen bei der EBU auf eine Ände­rung des Wer­tungs­ver­fah­rens und die Abschaf­fung der über­kom­me­nen Spra­chen­re­gel dräng­te, die den sünd­teu­ren Wett­be­werb immer wei­ter in die kul­tu­rel­le Bedeu­tungs­lo­sig­keit führ­ten. So blieb halt nur die Flucht in den Galgenhumor.

Fem Points” für Deutsch­land: Hape par­odiert die Punktesprecher.

Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1987

Ein Lied für Brüs­sel. Sams­tag, 26. März 1987 aus der Fran­ken­hal­le in Nürn­berg. 12 Teil­neh­mer, Mode­ra­ti­on: Chris­toph Däumling.
#Inter­pretTitelPunk­tePlatzCharts
01Helen Chris­tieLie­der der Freiheit305908-
02Micha­el HoffmannIch geb nicht auf319005-
03RougeEiner von uns316606-
04WindLass die Son­ne in Dein Herz44450120
05San­dy DerixTräu­me tun weh290211-
06Bernd SchützVisio­nen in der Nacht292910-
07Michae­laDas Licht eines neu­en Morgens305409-
08Bern­hard BrinkSo bin ich ohne Dich335503-
09Maxi & Chris GardenFrie­den für die Teddybären43700269
10New Genera­ti­onViel zu schön286412-
11Deni­seDie Frau im Spiegel332004-
12Cas­syAus312607-

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