Deut­scher Vor­ent­scheid 1994: Um so län­ger, um so lieber

MeKaDo, DE 1994
Das Guil­ty Pleasure

Die intern aus­ge­wähl­te Mün­che­ner Frei­heit, einer der kom­mer­zi­ell erfah­rens­ten Euro­vi­si­ons­ver­tre­ter der letz­ten zehn Jah­re, hat­te es beim letzt­jäh­ri­gen Wett­be­werb in Mill­street ver­ris­sen. Also kehr­te man bei der ARD, der Expe­ri­men­te und ohne­hin des gan­zen kost­spie­li­gen Wett­be­werbs über­drüs­sig, lie­ber zum Bewähr­ten zurück. Wie­der eine öffent­li­che Vor­ent­schei­dung zu orga­ni­sie­ren, wür­de ohne­hin nur Geld kos­ten, die Ein­schalt­quo­ten nach unten und das Genör­gel der Öffent­lich­keit nach sich zie­hen. Und Ralph Sie­gel wür­de ohne­hin gewin­nen, völ­lig unab­hän­gig vom Abstim­mungs­sys­tem, zumal der Grand Prix (nicht nur) in Deutsch­land auf­grund der dort gezeig­ten, völ­lig unzeit­ge­mä­ßen Musik mitt­ler­wei­le unter einem der­art ver­staub­ten Image litt, dass ohne­hin nur noch Rentner:innen und hart­ge­sot­te­ne Schla­ger­fans ihn guck­ten. Eine Ziel­grup­pe also, in der die nach wie vor fest im Schla­ger­ge­schäft ver­an­ker­te Nico­le wei­ter­hin als Köni­gin galt und Sie­gel als unse­re bes­te Chan­ce, den Tri­umph von Har­ro­ga­te doch noch ein­mal zu wie­der­ho­len. Also bestell­te der ver­ant­wort­li­che MDR ein­fach direkt beim Mün­che­ner Meis­ter einen Bei­trag und spar­te sich das gan­ze Drumherum.

Elf Jah­re nach Har­ro­ga­te ist das Kom­mu­ni­on­s­kleid abge­streift und Frau Hoh­loch sin­niert zu dezent bei ‘Glo­ria’ abge­kup­fer­ten Syn­thie-Sounds auch schon mal über Sex mit dem Ex: Nico­les Hit­sin­gle ‘Dann küss mich doch’ von 1993 (Reper­toire­bei­spiel).

In des Sie­gel Kom­po­si­ti­ons­scha­tul­le stau­ben seit dem Ende sei­ner krea­ti­ven Hoch­pha­se Anfang der Acht­zi­ger prak­tisch nur noch zwei Roh­ent­wür­fe vor sich hin, aus denen er seit­her fast all sei­ne Grand-Prix-Bei­trä­ge durch­paust: die schwüls­ti­ge, kitsch­trie­fen­de Welt­frie­dens­bal­la­de sowie das zwangs­f­röh­li­che Senio­ren­dis­co-Pot­pour­ri. Zur zwei­ten Sor­te zählt sein ‘Wir geben ’ne Par­ty’, von Bernd Mei­nun­ger mit einem hor­mo­num­wall­ten Pseu­do-Spaß­ge­nera­ti­onstext ver­se­hen, der auf Fuß­nä­gel auf­rol­lend pein­li­che Art illus­triert, was her­aus­kommt, wenn ein älte­rer Herr krampf­haft ver­sucht, auf jugend­lich zu machen. Um den­noch die erwünsch­te Kre­di­bi­li­tät vor­zu­täu­schen, cas­te­te Sie­gel drei jun­ge Mädels zusam­men: Mela­nie Ben­der, die offen­sicht­lich lobens­wert sex­po­si­ti­ve Toch­ter von Dschinghis-Khan-Glat­ze Ste­ve Ben­der, hat­te gera­de erst eine Euro­dance-Cover­ver­si­on von Madon­nas bes­tem Schlam­pen­so­ng ‘Bur­ning up’ bei Jupi­ter Records ver­öf­fent­licht, der zwei Jah­re spä­ter ein von ihrem Dad­dy geschrie­be­nes und pro­du­zier­tes, in den USA auf den Markt gebrach­tes Album fol­gen soll­te, mit­samt der Sin­gle­aus­kop­pe­lung ‘You just want Sex’.

Das hört jeder Vater doch ger­ne: Mela­nie Ben­der (Reper­toire­bei­spiel).

Die in Frank­furt (Oder) gebo­re­ne, opti­sche Eva-Her­man-Dop­pel­gän­ge­rin Kati Kar­ney stand bei Ralph mit drei geflopp­ten Schla­ger­sin­gles in der Bilanz. Die bei Frank­furt (Main) gebo­re­ne Dor­kas Kie­fer hat­te ihrem Vor­ent­schei­dungs­ti­tel ‘Ich hab Angst’ von 1989 eben­falls drei Sin­gles fol­gen las­sen. Mela­nie, Kati und Dor­kas ergab zusam­men: MeKa­Do. Die Pseu­do-Girl­group wur­de natür­lich von der jugend­li­chen Ziel­grup­pe kon­se­quent igno­riert: der Titel schaff­te es für genau eine Woche in die deut­schen Top 100 – auf Platz 100! Blüm­chen ließ man sich ja noch andre­hen und Tic Tac Toe, aber die wirk­ten gegen MeKa­Do gera­de­zu authen­tisch und echt. Zum Ver­gleich: die erfolg­reichs­te deut­sche Pro­duk­ti­on des Jah­res hieß ‘Omen III von Magic Affair (mit der Stim­me von Fran­ca Mor­ga­no, die es 2011 erfolg­los beim Schwei­zer Inter­net-Vor-Vor­ent­scheid ver­su­chen soll­te), die best­plat­zier­te deutsch­spra­chi­ge Sin­gle (‘Eins zwei Poli­zei’) stamm­te iro­ni­scher­wei­se vom Ita­lo-Dance-Pro­ject Mo-Do.

Dass die­ses Stück kei­ne Käufer:innen gefun­den hat, wun­dert mich… nicht: Dor­kas Kie­fer (Reper­toire­bei­spiel).

Wir geben ’ne Par­ty’ funk­tio­niert aber natür­lich als klas­si­sches Guil­ty Plea­su­re, und das sehr gut: selbst­re­dend ist der aus­schließ­lich für den Con­test kon­zi­pier­te (und dort mit Rang 3 ins­be­son­de­re für einen nicht anglo­phi­len Bei­trag tat­säch­lich außer­ge­wöhn­lich erfolg­rei­che) Dis­co­schla­ger als mit kal­ter Berech­nung zusam­men­ge­zim­mer­ter, völ­lig unzeit­ge­mä­ßer Trash zu klas­si­fi­zie­ren. Selbst­ver­ständ­lich mag ich den Song aber genau des­we­gen: er ist flott, tanz­bar (funk­tio­niert bei Euro­vi­si­ons­par­tys immer!), catchy und camp bis zum Abwin­ken. Außer­dem lässt sich die von den “Three Lieb­chens from Ger­ma­ny” (so der bri­ti­sche Kom­men­ta­tor Ter­ry Wogan) vor­ge­führ­te Han­do­gra­phy sehr leicht nach­ma­chen. Wenn man die Num­mer also nicht ernst nimmt, macht sie rie­si­gen Spaß. Da unter­schei­det sie sich nur wenig von ‘Dschinghis Khan’. Außer, dass ich 1979 erst elf war und sol­che Kin­der­lie­der damals auch ganz offi­zi­ell gut fin­den durf­te. Seit­her dreh­te sich die Welt aber wei­ter. Nur Ralph Sie­gel offen­bar nicht, der wohl bis heu­te nicht ver­steht, war­um er für sei­nen Bron­ze­platz in Dub­lin zuhau­se nicht mit Lie­be und Aner­ken­nung über­schüt­tet wurde.

Eins der im super­drö­gen Bal­la­den­jahr 1994 abso­lut rar gesä­ten fröh­li­chen Stü­cke, und allei­ne dafür muss man Ralph Sie­gel schon dank­bar sein.

Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1994

Die gol­de­ne Eins. Sams­tag, 21. März 1994, aus dem Sen­de­stu­dio des MDR. Ein Teil­neh­mer, Mode­ra­ti­on: Max Schau­t­zer (Song­prä­sen­ta­ti­on im Rah­men der TV-Show nach vor­he­ri­ger sen­der­in­ter­ner Auswahl).

Zuletzt aktua­li­siert: 22.10.2021

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1 Comment

  • Ich muss ja zuge­ben, dass ich die­sen Song, wenn mich kei­ner sieht/hört, heim­lich ger­ne höre – allein schon, weil es der ers­te deut­sche Bei­trag seit Dschinghis Khan 1979 war, der wie­der sowas wie Dri­ve besaß und der statt ‚wie in den Vor­jah­ren üblich, nicht mehr 100 Mil­lio­nen, son­dern nur noch 99 Mil­lio­nen Licht­jah­re von aktu­el­len Pop­ge­sche­hen ent­fernt war.

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