song.null.vier 2004: Mer­ci, dass es dich gibt

Als eine Para­de der gut gemein­ten, aber schlecht exe­ku­tier­ten Kon­zep­te soll­te der öster­rei­chi­sche Euro­vi­si­ons­vor­ent­scheid im Jah­re Eins n.P. (nach Poier) in die Grand-Prix-Geschich­te ein­ge­hen. Der Sieg des eben­so umstrit­te­nen wie genia­len Dada-Künst­lers im Vor­jahr befrei­te den Wett­be­werb vor­über­ge­hend vom Ruch der hoff­nungs­los ver­staub­ten Schla­ger­se­lig­keit, was sich in der musi­ka­li­schen wie kul­tu­rel­len Viel­fäl­tig­keit der zehn von den hei­mi­schen Plat­ten­fir­men ein­ge­reich­ten song.null.vier-Bei­trä­ge mani­fes­tier­te. So stell­te gleich zum Auf­takt Dani­el Dju­ric mit dem Buko­wi­na-Beat-Stamp­fer ‘Mil­lion­aire’ unter Beweis, war­um Wien zu Recht das Label der west­lichs­ten Stadt des Bal­kans trägt. Und obschon er sei­ne Sache ganz gut mach­te, fehl­te ihm zu einer bes­se­ren als der Mit­tel­feld­plat­zie­rung lei­der das für so eine Num­mer not­wen­di­ge Cha­ris­ma eines Pasha Par­fe­ny. Immer­hin schnitt er bes­ser ab als die auf­wän­dig fri­sier­te Elnet­te-Ver­wen­de­rin Elnaz mit ihrer lah­men Bau­kas­ten­bal­la­de ‘Hold me’ oder der glatz­köp­fi­ge Mizan, der für sei­ne Ode an sei­ne Hei­mat­stadt (und den dies­jäh­ri­gen Aus­tra­gungs­ort der euro­päi­schen Fest­spie­le), ‘My Istan­bul’, die rote Later­ne kas­sier­te. Was weni­ger der ori­en­ta­li­schen Ver­zie­rung sei­nes öden Rock­po­prie­mens geschul­det gewe­sen sein dürf­te als dem ner­vo­si­täts­be­ding­ten Total­aus­fall sei­ner Stimme.

Schmeißt die Fuf­fies durch den Club: Dani­el Dju­ric. Lei­der erin­ner­te er im ver­schreck­ten Spiel mit sei­nen Tän­ze­rin­nen ein biss­chen an den Bri­ten Josh Dubo­vie (plus Play­list mit allen zehn Live-Auf­trit­ten von song.null.vier).

Zu den Pio­nie­rin­nen der öster­rei­chi­schen Musik­sze­ne zähl­te zwei­fel­los die in Kuf­stein gebo­re­ne Sabi­ne Kap­fin­ger. Die gab einst als Alpi­ne Sabi­ne die Jod­le­rin bei den von Hubert von Goi­sern gegrün­de­ten Ori­gi­nal Alpin­kat­zen, den wohl wich­tigs­ten Ver­tre­tern der Neu­en Volks­mu­sik. Auch nach deren Auf­lö­sung Ende 1994 führ­te sie, nun solo unter dem Namen Zabi­ne, den Cross­over­stil aus volks­tüm­li­chen und moder­nen Klän­gen fort und ver­mähl­te meist Rap und Tech­no mit Jod­lern. Ihr beim Vor­ent­scheid aus­ge­rech­net auf Eng­lisch vor­ge­tra­ge­ner Mid­tem­po-Pop­song ‘Shi­ne on’ ern­te­te unter Fans aller­dings eher Reak­tio­nen wie “künst­le­ri­scher Absturz” und “Selbst­de­mon­ta­ge”. Die­ses Urteil lie­ße sich wohl auch auf das Sieb­zi­ger­jah­re-Schla­ger­duo Water­loo & Robin­son über­tra­gen, das sich nach einer Aus­zeit in den Acht­zi­gern schon seit gerau­mer Zeit zum Zwe­cke des Geld­ver­die­nens wie­der zusam­men­ge­tan und im Jah­re 2002 mit einer Ein­deut­schung des uner­träg­li­chen Bier­zelt­stamp­fers ‘Life is live’ die hei­mi­schen Hit­pa­ra­den gestürmt hat­te. Ihr ganz nach alter Väter Sit­te mit dem Refrain eröff­nen­der Bei­trag ‘You can chan­ge the World’ klang nicht nur dem Titel nach wie ein eigens für den Grand Prix geschrie­be­ner, naiv-zyni­scher Wel­ten­ret­tungs­schla­ger, son­dern führ­te uns auch musi­ka­lisch meh­re­re Äonen zurück.

Ja, das sieht mit Absicht aus wie India­nerfa­sching. Water­loo hat­te irgend­wann mal Zeit in einem Reser­vat der ame­ri­ka­ni­schen Ureinwohner:innen ver­brin­gen dür­fen und war von ihrer Kul­tur beein­druckt. Das brach­te er nun durch kul­tu­rel­le Aneig­nung zum Ausdruck.

Erschwe­rend kam hin­zu, dass der ver­peil­te Schnauz­bart­trä­ger Robin­son sich so weit weg vom Mikro pos­tier­te, dass man sei­ne weni­gen Parts nicht hör­te. Dafür Water­loo um so mehr, der aller­dings optisch auch nicht mehr der Aller­fri­sches­te war, wes­we­gen die Kame­ra lie­ber auf dem halb­nack­ten Mus­kel­berg hin­ter der Trom­mel ruh­te (das ist kei­ne Beschwer­de!). Eine dreis­te musi­ka­li­sche Grab­schän­dung betrieb der Musi­cal­sän­ger André Leherb: er trat mit einem von Fal­co kom­po­nier­ten Song an, der es aus gutem Grund nicht mehr auf das letz­te Album des 1998 bei einem Ver­kehrs­un­fall ver­stor­be­nen Aus­nah­me-Pop­stars geschafft hat­te. Leherb ver­such­te beim Auf­tritt so gut er konn­te Öster­reichs Größ­ten zu imi­tie­ren, beschmutz­te damit aber doch nur des­sen Andenken. Die Televoter:innen setz­ten mit dem vor­letz­ten Platz das rich­ti­ge Zei­chen. Eine schö­ne Idee ver­folg­te der 2012 ver­stor­be­ne Poet und Grün­der der Wie­ner Schu­le für Dich­tung, Chris­ti­an Ide Hint­ze. Der Akti­ons­künst­ler, Ende der Sieb­zi­ger von der Ost­ber­li­ner Volks­po­li­zei für das Ver­tei­len von Flug­zet­tel­ge­dich­ten sowie zuhau­se für das Bekle­ben des Wie­ner Burg­thea­ters ver­haf­tet, woll­te mit dem Titel ‘Link Love’, in dem er zu einem relax­ten Reg­gea-Beat die Wor­te “Ich lie­be Dich” in alle mög­li­chen Spra­chen über­setz­te, ein Zei­chen gegen Ras­sis­mus und für gegen­sei­ti­ges kul­tu­rel­les Ver­ständ­nis setzen.

Aar­gh! Kei­ne Pan­to­mi­men, die sind des Teu­fels, wie wir bereits seit Kat­ja Ebsteins ‘Thea­ter’ wissen!

Als Kon­zept natür­lich rund­weg sym­pa­thisch, wie auch der ephe­ben­haft-homo­ero­ti­sche Gold-Amor als Teil sei­ner Büh­nen­show; doch als Song viel­leicht ein biss­chen zu ent­spannt für einen Wett­be­werb. Den gewann dann, immer­hin mit einem guten Drit­tel der ein­ge­gan­ge­nen Anru­fe, aus­ge­rech­net die eigens für die­ses Event aus der Retor­te geho­be­ne und optisch ein wenig an einen Stamm­tisch der Jun­gen Libe­ra­len erin­nern­de Boy­band Tie Break (nicht ver­wandt mit der gleich­na­mi­gen For­ma­ti­on aus dem deut­schen Vor­ent­scheid 1986). Und zwar mit einem sah­ni­gen Kli­schee­stan­zen­schla­ger, der klang wie eins zu eins aus der Mer­ci-Wer­bung (bzw. von Yvonne Knat­ter­felds Num­mer-Eins-Hit ‘Für Dich’ aus dem Jahr 2003) kopiert. Als schlech­te Ver­lie­rer erwie­sen sich die zweit­plat­zier­ten Water­loo & Robin­son, die ernst­haft gegen den ORF klag­ten, weil sie beim Nach­ver­mes­sen der Kon­kur­renz­ti­tel fest­stell­ten, dass ‘Du bist’ sich neun Sekun­den mehr Zeit ließ als nach der Drei-Minu­ten-Regel der EBU erlaubt (die frei­lich bei natio­na­len Vor­ent­schei­den nicht gilt). Vor Gericht blitz­ten sie ab, weil selbst eine Dis­qua­li­fi­ka­ti­on der Scho­ko­la­den­bu­ben nicht zwin­gend das Nach­rü­cken der bei­den Schla­ger­gruf­tis bedeu­tet hät­te: im Regel­werk des song.null.vier stand dazu nichts und der ORF hielt sich mit einer Stel­lung­nah­me vor­nehm zurück.

Der Stern am Ster­nen­zelt: beim Tex­ten des Tie-Break-Schla­gers hat wohl jemand zu tief in die Bai­leys-Fla­sche geschaut.

So durf­ten die drei Kna­ben mit einer regel­kon­form gekürz­ten Ver­si­on doch nach Istan­bul fah­ren, wo sie bei Pres­se­kon­fe­ren­zen tat­säch­lich Süß­wa­ren des Mer­ci-Her­stel­lers Storck ver­teil­ten, mit einer stüm­per­haft-tap­si­gen Cho­reo­gra­fie jedoch mal wie­der einen Platz ganz weit hin­ten (sowie Rang 44 in den Aus­tria-Charts) hol­ten. Der von Alf Poier ange­sto­ße­ne Image­wan­del ver­puff­te damit sehr schnell.

Vor­ent­scheid AT 2004

Song.Null.Vier. Frei­tag, 5. März 2004, aus den ORF-Stu­di­os in Wien. Zehn Teilnehmer:innen. Mode­ra­ti­on: Boris Uran, Oli­ver Auspitz. Televoting.
#Inter­pre­tenSong­ti­telTele­vo­tePlatz
01Dani­el DjuricMil­lion­aire20.39406
02Zabi­neShi­ne on13.84007
03MizanMy Istan­bul02.77610
04Rob DavisGood to see you!22.38905
055 in LoveRich White Man26.49004
06Water­loo & RobinsonYou can chan­ge the World54.90102
07André LeherbSexua­li­ty05.11909
08ElnazHold me08.97408
09Ide Hint­zeLink Love26.91703
10Tie BreakDu bist82.20301

Letz­te Aktua­li­sie­rung: 13.10.2021

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