Deut­scher Vor­ent­scheid 2006: Nor­disch by Nature

Jane Comerford von Texas Lightning, DE 2006
Deutsch­lands Liebste

Nach der Schan­de von Kiew, sprich dem letz­ten Platz mit vier arm­se­li­gen Mit­leids­zäh­lern für die durch akti­ven Betrug an ihren Job gekom­me­ne deut­sche Grand-Prix-Ver­tre­te­rin Gra­cia Baur, gab der NDR-Unter­hal­tungs­chef Jür­gen Mei­er-Beer ent­nervt sei­nen Rück­tritt als Euro­vi­si­ons­ver­ant­wort­li­cher bekannt. In sei­ner völ­li­gen Rat­lo­sig­keit, was er nun mit der Sen­dung anfan­gen soll­te, hol­te sich der öffent­lich-recht­li­che Sen­der­ver­bund ARD Unter­stüt­zung dort, wo in Deutsch­land die Unter­hal­tungs­kom­pe­tenz behei­ma­tet ist: bei den Pri­va­ten. Genau­er: bei Pro­Sie­ben und des­sen des­sen dama­li­gen Come­dy-Aus­hän­ge­schild Tho­mas Her­manns (Quatsch Come­dy Club, Pop Club). Der offen schwu­le Enter­tai­ner und beken­nen­de Grand-Prix-Fan stürz­te sich mit Feu­er­ei­fer an die ehren­vol­le Auf­ga­be und pro­du­zier­te eine gla­mou­rö­se, schwel­ge­ri­sche Retro-Show rund um den eigent­lich bereits im Vor­jahr began­ge­nen fünf­zigs­ten Geburts­tag des Song Contests.

Dickie will uns ein Gedicht auf­sa­gen: der viel zu früh ver­stor­be­ne Dirk Bach saß beim deut­schen Vor­ent­scheid 2005 mit auf der Promi-Couch.

Einen pas­sen­de­ren Rah­men als das so pracht­vol­le wie ver­gleichs­wei­se klei­ne Ham­bur­ger Schau­spiel­haus hät­te er sich für die­se rück­wärts gewand­te, glanz­vol­le Gala (den Anspruch, eine Sen­dung mit aktu­el­ler Pop­mu­sik zu pro­du­zie­ren, die auch hete­ro­se­xu­el­le Zuschauer:innen unter Drei­ßig anspricht, gab man bereits im Vor­feld auf) nicht aus­su­chen kön­nen. Kei­ne 800 Mann pass­ten in den Saal: die Fan­clubs blie­ben unter sich. Mit Georg Uecker (Cars­ten Flö­ter aus der Lin­den­stra­ße) als Anhei­zer, Star­gäs­ten wie Joy Fle­ming, die neben der eben­falls gela­de­nen RTL-Knutsch­ku­gel Dirk Bach rich­tig schmal wirk­te, und der fröh­lich durch den Abend flie­gen­den Lucy Dia­kow­s­ka (No Angels) gestal­te­te der Come­di­an ein inti­mes Fest für die enge­re Fami­lie. Auf­wän­di­ge Ein­spie­ler, Hape Ker­ke­lings groß­ar­ti­ger Gast­auf­tritt als Reinkar­na­ti­on von Toto Cutug­no sowie sen­sa­tio­nel­le Med­leys erho­ben die Show zu einer Stern­stun­de schwu­len Enter­tain­ments auf wirk­lich aller­höchs­tem Niveau. Wel­chen deko­ra­ti­ven und ope­ra­ti­ven Auf­wand eini­ge unse­rer bes­ten Schla­ger­grö­ßen hier für gera­de mal vier­zigs­ekün­di­ge Voll­play­back-Per­for­man­ces betrie­ben, dar­an soll­te sich die undank­ba­re Schnep­fe Nico­le, die uns Gott sei Dank erspart blieb, mal ein Bei­spiel neh­men! Die Euro­vi­si­ons­sie­ge­rin von 1982 war wie ande­re ehe­ma­li­ge deut­sche Ver­tre­te­rin­nen ein­ge­la­den, an einem Grand-Prix-Pot­pour­ri mit­zu­wir­ken, sag­te aber mit der Begrün­dung “da gehe ich lie­ber mit mei­nen Kin­dern Piz­za essen!” ab.

Hape & die Ker­ke­let­tes mit der inof­fi­zi­el­len Euro­pa­hym­ne (IT 1990).

Um sich das üppi­ge Rah­men­pro­gramm leis­ten zu kön­nen, spar­te Her­manns beim Haupt­teil ein: ledig­lich drei Teilnehmer:innen gin­gen ins Ren­nen um das Ticket nach Athen. Die von mir ursprüng­lich als siche­re Sie­ge­rin getipp­te Vicky Lean­dros lan­de­te am Ende abge­schla­gen auf dem letz­ten Rang. Mit ihrer – sach­lich ver­mut­lich gerecht­fer­tig­ten – anschlie­ßen­den Weh­kla­ge­rei in der Bild über die man­gel­haf­te Sound­tech­nik im Deut­schen Schau­spiel­haus erwies sie sich lei­der als schlech­te Ver­lie­re­rin. Denn auch als glü­hen­der Ver­eh­rer der groß­ar­ti­gen, unver­gleich­li­chen, ein­zig­ar­ti­gen Köni­gin des deut­schen Schla­gers muss ich sagen: ihr Song war halt ein­fach drö­ge. Um die Sen­de­zeit von 90 Minu­ten voll­zu­krie­gen, muss­te jede:r der Drei vor dem eige­nen Wett­be­werbs­ti­tel zunächst einen selbst aus­ge­such­ten Euro­vi­si­ons­klas­si­ker anstim­men. Für die­se Pflicht­übung such­te sich die gebür­ti­ge Grie­chin aus­ge­rech­net ihren gro­ßen Grand-Prix-Erfolg ‘Aprés toi’ aus. Kein all zu klu­ger Schach­zug: ers­tens meis­ter­te sie die­sen nicht mehr ganz so feh­ler­frei wie noch vor 34 Jah­ren. Und zwei­tens trat im direk­ten Ver­gleich dazu die Belie­big­keit und Glanz­lo­sig­keit ihres aktu­el­len, wie alle Stü­cke die­ses Abends eng­lisch­spra­chi­gen Bei­trags ‘Don’t break my Heart’ um so deut­li­cher zu Tage. Bei allem Respekt für ihren Mut, sich nach so einer ver­dienst­vol­len Vor­ge­schich­te noch mal dem Wett­be­werb zu stel­len: das war lei­der nichts!

Gro­ße Ges­te, schwa­cher Song: Vicky Leandros.

Tho­mas Anders, die ehe­mals bes­se­re Hälf­te von Die­ter Boh­len (ist Ihnen eigent­lich auch schon mal auf­ge­fal­len, dass alle der zahl­reich fol­gen­den Lebens­ab­schnitts­part­ne­rin­nen des DSDS-Impre­sa­ri­os mit ihrem dunk­len Teint, lan­gen Haa­ren und meist pink­far­be­nen Lip­pen­stift exakt so aus­sa­hen wie Tho­mas Anders in sei­ner Modern-Tal­king-Pha­se, wäh­rend des­sen dama­li­ge Gat­tin Nora dem Die­ter wie aus dem Gesicht geschnit­ten wirk­te? Aber ich schwei­fe ab!), ver­dien­te sich an die­sem Abend mei­ne Hoch­ach­tung: die Art und Wei­se, wie er das durch die Ton­re­gie gleich zwei­fach ver­sem­mel­te Song-Intro meis­ter­te (“Ich kann es auch Acap­pel­la sin­gen, wenn ich muss!”) war hoch pro­fes­sio­nell, unglaub­lich sou­ve­rän und ver­dient abso­lu­ten Respekt. Sein Bei­trag ‘Songs that live fore­ver’ war indes erwart­bar unter­ir­disch. Und nach sei­ner vor­an­ge­gan­ge­nen, Libe­r­ace-wür­di­gen Dar­bie­tung des ESC-Klas­si­kers ‘Vola­re’, bei der er alle Regis­ter des schlech­ten Schla­ger­sän­ger-Schmier­lap­pen­tums zog, dürf­te er wohl das Schmer­zens­geld zurück­zah­len müs­sen, das ihm ein Rich­ter einst wegen der Invek­ti­ve “höhen­son­nen­ge­gerb­te San­ges­schwuch­tel” zusprach. Dan­ke für die­se drei Minu­ten hoch­gra­dig amü­san­ten Enter­tain­ments: so hab ich mich lan­ge nicht mehr beömmelt!

Wer hät­te gedacht, dass Tho­mas Anders so eine coo­le Sau ist?

Blei­ben die wür­di­gen Sie­ger: Ditt­sches Coun­try-Kapel­le Texas Light­ning (wie sexy Fle­ming Olsen erzähl­te, der ame­ri­ka­ni­sche Slang für die “Warm­sa­nie­rung einer Farm”, also Ver­si­che­rungs­be­trug) hat­te das frischs­te Lied, den stim­migs­ten Auf­tritt und die sym­pa­thischs­te Ein­stel­lung. “Das gibt’s gar nicht, dass man mit so einer klei­nen tap­fe­ren Band dahin kom­men kann”, freu­te sich ihr Front­mann und frü­he­rer RTL-Sams­tag­nacht-Star Olli Dittrich auf­rich­tig nach dem Sieg. Und stimm­te, um die fre­ne­tisch nach einer Zuga­be jubeln­den Grand-Prix-Fans im Saal glück­lich zu machen und da die Ton­tech­ni­ker eine Minu­te nach Ende der TV-Über­tra­gung bereits alle Ste­cker gezo­gen hat­ten, ein­fach eine Acap­pel­la-Ver­si­on von ‘No no never’ an, beglei­tet von im Takt fin­ger­schnip­sen­den, fröh­lich steh­schun­keln­den Rei­hen im Ham­bur­ger Schau­spiel­haus. Das war rich­tig, rich­tig schön, für mich einer der unver­gess­lichs­ten Euro­vi­si­ons­mo­men­te über­haupt! Dafür dan­ke! Der NDR jeden­falls konn­te, auch dank ent­spre­chen­der Vor­be­richt­erstat­tung, mit der Quo­te (über 5 Mil­lio­nen, dop­pelt so vie­le wie Raabs BuVi­So­Co) zufrie­den sein. Und mit dem Ergeb­nis: nach ‘Zwei klei­ne Ita­lie­ner’ (1962), ‘Dschinghis Khan’ (1979), ‘Ein biss­chen Frie­den’ (1982) und ‘Can’t wait until tonight’ (2004) war ‘No no never’ der fünf­te von sechs deut­schen Bei­trä­gen, die es in knapp 60 Jah­ren Con­test­ge­schich­te an die Spit­ze der hei­mi­schen Ver­kaufs­charts schaf­fen soll­ten (‘Satel­li­te’ kom­plet­tier­te 2010 das Sex­tett). Der Haken an der Sache: wenn die Nati­on mal aus­nahms­wei­se geschlos­sen hin­ter dem deut­schen Bei­trag steht, dann erwar­tet sie auch den Sieg beim Grand Prix. Der aber natür­lich mit einem – noch so tol­len – Coun­try­schla­ger nicht zu holen war, denn außer­halb der USA und Deutsch­lands hat die­se Musik­rich­tung nicht ganz so vie­le Anhänger:innen.

You’ll meet some lovely Coun­try Girl: Texas Lightning.

Deut­sche Vor­ent­schei­dung 2006

Der deut­sche Vor­ent­scheid – 50 Jah­re Grand Prix. Don­ners­tag, 9. März 2006, aus dem Deut­schen Schau­spiel­haus, Ham­burg. Drei Teilnehmer:innen. Mode­ra­ti­on: Tho­mas Her­manns. Televoting.
#Inter­pre­tenSong­ti­telTele­vo­tePlatzCharts
01Tho­mas AndersSongs that live forever27,23%02-
02Texas Light­ningNo no never45,96%0101
03Vicky Lean­drosDon’t break my Heart26,81%0369

Let­ze Aktua­li­sie­rung: 11.01.2022

< Ger­ma­ny 12 Points 2005

Deut­scher Vor­ent­scheid 2007 >

11 Comments

  • Say: wo ich hier gera­de von der Ein­stim­mungs-Pflicht lese: was haben damals Texas Light­ning eigent­lich gesun­gen? Vicky Lean­dros “Apres toi”, Tho­mas Anders “Vola­re”, aber was war der Grand-Prix-Hit, den die Sie­ger dar­ge­bo­ten haben?

  • […] die altern­de Schla­ger­di­va ist zuver­läs­sig mit einem State­ment zur Stel­le. Ob sie nun, statt beim Vor­ent­scheid eine gekürz­te Ver­si­on von ‘Ein biss­chen Frie­den’ zu sin­gen, lie­ber “Piz­za […]

  • […] die ori­gi­nal­ge­treue deut­sche Cover­ver­si­on von ‘No no never’, unse­rem Euro­vi­si­ons­bei­trag 2006! Selbst­ver­ständ­lich wie­der im nie­der­baye­ri­schen Dia­lekt gesun­gen. Man möch­te sofort zur Dachlatte […]

  • […] Gera­de ist das glanz­vol­le Come­back der Euro­vi­si­ons­le­gen­de Vicky Lean­dros bei der dies­jäh­ri­gen Vor­ent­schei­dung in Ham­burg geschei­tert, da will es der nächs­te Alt­star ver­su­chen: bei einem Auf­tritt im […]

  • […] Humor­zen­trum jeder­zeit mil­li­me­ter­ge­nau trifft, hat­te den deut­schen Grand-Prix-Vor­ent­scheid seit 2006 nicht nur mode­riert, son­dern auch mit­pro­du­ziert. Das For­mat einer gla­mou­rö­sen Gala mit vielen […]

  • […] Herbst 2006, nur weni­ge Mona­te nach ihrer erfolg­lo­sen Teil­nah­me an der deut­schen Euro­vi­si­ons­vor­ent­schei­dung, hat­te Frau Lean­dros den Pos­ten als “Beauf­trag­te für Kul­tur und internationale […]

  • […] hüb­sche, schwung­vol­le Coun­try­bal­la­de ablie­fer­ten, an der sich selbst ‘No no never’ (DE 2006) noch eine Schei­be abschnei­den kann. Lei­der war die Sän­ge­rin Jas­mi­ne so ner­vös, dass sie sich […]

  • Auch wenn ich Texas Light­ning sehr mag, hät­te ich Tho­mas Anders geschickt. Tho­mas ist im Ost­block ein Super­star und hät­te uns ver­dammt vie­le Punk­te gebracht. Hier hät­te ich mir mehr Zocker­men­ta­li­tät vom Publi­kum gewünscht.

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