Nie­der­lan­de 2020: The Boy from Paramaribo

Zehn Tage ist das neue Jahr alt, und schon ist der ers­te Neu­jahrs­vor­satz gebro­chen: an sich woll­te ich über rei­ne Kan­di­da­ten­no­mi­nie­run­gen nicht mehr berich­ten, so lan­ge der Bei­trag noch nicht fest­steht. Doch heu­te bestä­tig­te der nie­der­län­di­sche Sen­der AVRO­TROS, dass der Sän­ger Jean­gu Macrooy das gast­ge­ben­de Land in Rot­ter­dam ver­tritt. Und setzt damit, pas­send zum Con­test­mot­to “Open up”, auch ein Zei­chen für Diver­si­tät: denn Macrooy ist schwarz – und schwul. Der End­zwan­zi­ger kam 1993 in dem süd­ame­ri­ka­ni­schen Staat Suri­na­me zur Welt, einer erst seit 1975 unab­hän­gi­gen frü­he­ren nie­der­län­di­schen Kolo­nie. Wie das Por­tal queer.de unter Bezug auf eine dpa-Mel­dung berich­tet, sei er im Jah­re 2014 von dort auch auf­grund sei­ner Homo­se­xua­li­tät aus­ge­wan­dert, weil er mit der “Macho­kul­tur in Suri­na­me” nicht zurecht kam. Bekannt­heit in sei­ner neu­en Hei­mat erlang­te er mit Auf­trit­ten auf Fes­ti­vals und in diver­sen TV-Shows. Nach Aus­sa­ge des AVRO­TROS-Ver­ant­wort­li­chen Eric van Staa­de habe der intern aus­ge­wähl­te Inter­pret schon län­ger auf dem Wunsch­zet­tel des Sen­ders gestan­den: “Der Song, den er ablie­fer­te, hat uns sofort berührt”, zitiert eurovision.tv. Bis wir den zu hören bekom­men, wird es aber noch ein wenig dau­ern (war­um eigent­lich?). Eine rasche You­tube-Werk­schau för­dert schwer­punkt­mä­ßig gefäl­li­gen eng­lisch­spra­chi­gen Soul­pop mit cle­ve­ren Tex­ten zuta­ge, die Jean­gu mit samt­wei­cher Stim­me und gewin­nen­dem Lächeln vorträgt.

Die im Song­text vor­ge­stell­ten Sub­stan­zen dürf­te Jean­gu auf dem Fes­ti­val, auf dem der Clip gedreht wur­de, pro­blem­los bekom­men (Reper­toire­bei­spiel).

Ein – zuge­ge­be­ner­ma­ßen extrem weit her­ge­hol­ter – euro­vi­sio­nä­rer Zusam­men­hang besteht zudem zu Macrooys Geburts­ort Para­ma­ri­bo, der Haupt­stadt von Suri­na­me, in wel­cher fast die Hälf­te der ledig­lich rund 500.000 Einwohner*innen des ver­hält­nis­mä­ßig klei­nen Küs­ten­staa­tes lebt. Die­se fand im Jah­re 1974 erst­ma­lig (und mei­ner Kennt­nis nach bis­her auch ein­ma­lig) pop­mu­si­ka­li­sche Erwäh­nung in einem mei­ner abso­lu­ten Lieb­lings­songs, näm­lich dem Easy-Lis­tening-Knal­ler ‘The Girls from Para­ma­ri­bo’ aus der Feder des 2016 ver­stor­be­nen deut­schen Band­lea­ders und Kom­po­nis­ten Frie­del Ber­lipp ali­as Ber­ry Lip­man. In der Stu­dio­auf­nah­me des sowohl in einer deut­schen als auch einer eng­li­schen Sprach­fas­sung vor­lie­gen­den Songs steu­ert unter ande­rem die deut­sche Euro­vi­si­ons­ver­tre­te­rin von 1965, Ulla Wies­ner, die cha­rak­te­ris­ti­schen Scat-Vocals bei, also den ele­gant-jet­set­ti­gen “Ba da bada­b­ab­a­ba”-Chor­ge­sang, mit dem die Melo­die akzen­tu­iert wird. In der Instru­men­tal­fas­sung gehört die inter­na­tio­nal mehr­fach geco­ver­te Num­mer auch heu­te noch zur essen­ti­el­len Grund­aus­stat­tung des ARD-Nacht­pro­gramms zum Zwe­cke der Über­brü­ckung der Zeit bis zu den nächs­ten Radionachrichten.

Mit den von Lip­mann hier so ele­gisch besun­ge­nen Girls von Para­ma­ri­bo dürf­te der dies­jäh­ri­ge nie­der­län­di­sche Euro­vi­si­ons­ver­tre­ter zwar wenig anfan­gen kön­nen, aber toll ist die flo­cki­ge Num­mer dennoch.

[Nach­trag 04.03.2020]: Mit der Prä­sen­ta­ti­on des Bei­trags im März 2020 hat­ten die Gast­ge­ber des Euro­vi­si­on Song Con­test 2020 dann lei­der wirk­lich Pech. Aus­ge­rech­net am sel­ben Tag wie die hel­ve­ti­sche Bal­la­de ‘Répon­dez-moi’ stel­len sie ihren Song ‘Grow’ vor. Und das in einem bereits weit über jedes akzep­ta­ble Maß hin­aus mit lang­sa­men Lie­dern über­sät­tig­ten Jahr­gang. Ich gebe es ganz offen zu: ich bin gera­de weder in der Lage noch bereit, den nie­der­län­di­schen Bei­trag objek­tiv zu wür­di­gen. Sicher, Macrooy trägt hier einen her­vor­ra­gen­den, tief reflek­tie­ren­den Text vor über das Erwach­sen­wer­den, die damit ver­bun­de­nen Gefüh­le von Ent­täu­schung, Angst und Ohn­macht und die Hoff­nung als ein­zi­ge Chan­ce, zu über­le­ben. Der sach­te Ein­stieg, die ste­ti­gen musi­ka­li­schen Stei­ge­run­gen und der sich immer wei­ter auf­schwin­gen­de, an die gol­de­nen Zei­ten von R. Kel­ly erin­nern­de Gos­pel­chor machen die Num­mer nach hin­ten her­aus rich­tig groß. Und ja, der aus Suri­na­me stam­men­de Sän­ger ver­fügt über eine unver­wech­sel­ba­re Stim­me, deren hei­se­re Inti­mi­tät per­fekt zum Song passt. Doch hier und heu­te spielt das alles für mich kei­ne Rol­le. Ich kann ein­fach kei­ne trau­ri­gen Lie­der mehr ertra­gen. Ich will nicht im Trä­nen­meer ertrin­ken wie die bedau­erns­wer­ten Niederländer:innen vor­aus­sicht­lich in gar nicht so fer­ner Zeit im Ange­sicht der durch die Kli­ma­er­wär­mung stei­gen­den Mee­res­spie­gel. Ich. Will. Kei­ne. Bal­la­den. Mehr. Kei­ne. Ein­zi­ge! Tut mir leid, Jean­gu. Du kannst nichts dafür.

Nimm’s nicht per­sön­lich, sei nicht belei­digt, Jean­gu. Küm­me­re dich nicht um mei­ne Stimmungsschwankungen.

4 Comments

  • Torsten Bless -

    Fun Fact: Auch Ruth Jacott (NL 1993) stammt aus Para­ma­ri­bo, ihr Ex Hum­phrey Camp­bell (NL 1992) wur­de eben­falls in Suri­nam gebo­ren, wenn auch in Moen­go (Distrikt Marowijne).

  • Porsteinn -

    Schön, dass man sich mal wie­der aus den Ex-Kolo­nien bedient. Das macht den Con­test bunt!

  • Bunt, ent­spannt und mit Sub­stanz, der Sän­ger gefällt mir gut.
    Genau so wie Sond­rey aus Nor­we­gen im gest­ri­gen ers­ten Melo­di Grand Prix Viertelfinale.

  • … toll… und er trägt das Tai­ze Kreuz. Das trug Lena bei ihrem Sieg!

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