C’est vous qui déci­dez 2021: Tanz, Discop­o­ny, tanz

Kön­nen wir bit­te ganz schnell elf Able­ger von Frank­reich grün­den und die rasch noch zum Euro­vi­si­on Song Con­test 2021 anmel­den? Zwölf Songs umfass­te der ges­tern Abend live und vor Stu­dio­pu­bli­kum ver­an­stal­te­te gal­li­sche Grand-Prix-Vor­ent­scheid C’est vous qui déci­dez (CVQD, Es ist ihre Ent­schei­dung), und wirk­lich jeder ein­zel­ne von ihnen hät­te es ver­dient, nach Rot­ter­dam ent­sandt zu wer­den! Am Ende setz­te sich in einem drei­tei­li­gen, über Stun­den zele­brier­ten und unnö­tig kom­pli­zier­ten Abstim­mungs­ver­fah­ren mit haus­ho­hem Abstand jedoch die vori­ge Favo­ri­tin in allen Fan-Polls durch, und das mit Recht. Die aus einer Pari­ser Musi­kan­ten­fa­mi­lie stam­men­de Bar­ba­ra Pra­vi sorg­te mit ihrer selbst­ge­schrie­be­nen Bal­la­de ‘Voi­là’, einem fran­ko­phi­len Gefühls­sturm tra­di­tio­nel­ler Bau­art mit einem immer schnel­ler, lau­ter und inten­si­ver wer­den­den Cre­scen­do zum Song­fi­na­le hin, für senk­recht ste­hen­de Här­chen auf Euro­pas Unter­ar­men. Kein Wun­der: glei­cher­ma­ßen stark und zutiefst ver­letz­lich prä­sen­tier­te sich die zier­li­che Sän­ge­rin mit der so fra­gi­len wie for­mi­da­blen Stim­me im Kegel des Schein­wer­fer­lich­tes und ließ uns tief in die Abgrün­de ihrer See­le schau­en. Auch ohne Fremd­spra­chen­kennt­nis­se über­tru­gen sich die rau­en Emo­tio­nen ihres von der ver­zwei­fel­ten Suche nach Lie­be als wenigs­tens vor­über­ge­hen­de Ret­tung aus der Hoff­nungs­lo­sig­keit und Depres­si­on erzäh­len­den Tex­tes.

Ne par­tez pas,” fleht Bar­ba­ra zu Beginn der drit­ten Stro­phe und nimmt damit geschickt Bezug auf Céli­ne Dions ESC-Sie­ger­song von 1989.

Der umso mehr berührt, wenn man auf Wiki­pe­dia nach­liest, dass Pra­vi (der Künst­le­rin­nen­na­me lei­tet sich aus dem Ser­bi­schen ab und bedeu­tet sinn­ge­mäß “authen­tisch”, gebür­tig heißt sie Bar­ba­ra Pié­vic), die sich für Frau­en­rech­te stark macht, selbst Opfer häus­li­cher Gewalt wur­de. Vor die­sem Hin­ter­grund las­sen einem Text­zei­len wie “Regar­dez-moi, ou du moins ce qu’il en res­te / Regar­dez-moi, avant que je me détes­te” (“Schau mich an, oder was von mir übrig ist / schau mich an, bevor ich mich selbst ver­ab­scheue”) das Blut in den Adern gefrie­ren. Bra­vou­rös, dass die End­zwan­zi­ge­rin, die auch die bei­den letz­ten fran­zö­si­schen Bei­trag zum Juni­or-ESC kom­po­nier­te, dar­un­ter natür­lich auch den bei CVQD noch­mals prä­sen­tier­ten Sie­ger­song ‘J’i­ma­gi­ne’, ihr Talent nutzt, um ihre Erfah­run­gen in ihren Lie­dern zu tei­len und mit ihnen sowohl ihren Schmerz als auch ein trot­zi­ges Selbst­be­wusst­sein in die Welt hin­aus zu schrei­en. Bra­vo! Pra­vi räum­te sowohl bei den zehn pro­mi­nen­ten Juror/innen ab, unter ihnen die frü­he­ren fran­zö­si­schen Eurovisionsteilnehmer/innen Marie Myri­am, Nata­sha St-Pierre und der schöns­te Mann, der jemals auf einer Grand-Prix-Büh­ne stand, Amir, als auch bei den Zuschauer/innen, und sieg­te mit rie­si­gem Punk­te­ab­stand vor der Zweit­plat­zie­ren Juli­et­te Morai­ne, die mit ‘Pour­vu qu’on m’ai­me’ ein ganz ähn­li­ches Ange­bot vorlegte.

Akkorde‑, Akkorde‑, Akkor­de­on: Juli­et­tes Bal­la­de hät­te fran­zö­si­scher nicht klin­gen können.

Auch Morai­ne, optisch eine Mischung aus Julia­ne Wer­ding und Isa­bel Varell, klag­te über die Sucht, um jeden Preis geliebt zu wer­den. Ihr eben­falls zu Her­zen gehen­der Text berich­tet aus der Per­spek­ti­ve einer wenig selbst­be­wuss­ten Schü­le­rin, die alles tut, um die so drin­gend ersehn­te Bestä­ti­gung von ihren Eltern, Klassenkamerad/innen und ihrem Freund zu erhal­ten und deren hier­an geknüpf­te oder ver­mu­te­te Erwar­tun­gen zu fül­len. Das erquick­li­che Kon­trast­pro­gramm zu so viel exis­ten­zi­el­ler Schwer­mut lie­fer­te das in der End­wer­tung dritt­plat­zier­te Duo Pony X mit dem fan­tas­ti­schen Elek­tro-Stamp­fer ‘Amour fou’. Das besteht aus dem im fran­zö­si­schen Über­see-Depar­te­ment Mar­ti­ni­que gebo­re­nen Cla­rence und einem namen­los blei­ben­den und unter einer bun­ten Pfer­de­kopf­mas­ke ste­cken­den DJ. Des­sen Ein­satz natür­lich umge­hend die wei­sen Wor­te von Petra Mede aus ‘Love Love Peace Peace’ ins Gedächt­nis rief: “…adding a DJ who pre­ten­ds to scratch. In real Life of cour­se, this is thir­ty Years old but in Euro­vi­si­on, it will give your Num­ber a con­tem­pora­ry Feel”. Zeit­ge­mäß, das muss man ‘Amour fou’ aller­dings las­sen, ist der wie direkt aus den inter­na­tio­na­len Club­charts ent­führ­te Elek­tro­pop­song alle­mal, und die anspre­chen­de sowie von der Jury mehr­fach lobend erwähn­te (und dar­auf­hin jedes­mal erneut vor­ge­führ­te) Arsch­wa­ckel-Cho­reo­gra­fie der Bei­den ver­lieh dem Auf­tritt einen unglaub­lich hohen Spaß­fak­tor. Ich gebe zu, ich hät­te mir die­ses herr­lich glit­zern­de Discop­o­ny für Rot­ter­dam gewünscht, kann jedoch die Wahl der Fran­zo­sen nicht kritisieren.

Die kris­se­ligs­te Scham­haar­fri­sur seit Leo Say­er: Cla­rence von Pony X.

Pony X ver­dank­ten ihre hohe End­plat­zie­rung erstaun­li­cher­wei­se vor allem der Jury und zwei­er Spit­zen­wer­tun­gen von Marie Myri­am sowie dem eben­falls wer­tungs­be­rech­tig­ten Mode­schöp­fer Jean-Paul Gaul­tier. Beim Publi­kum muss­te das Dis­co-Duo zwei regio­na­len Acts den Vor­tritt las­sen, wel­che vor allem die Stim­men ihrer jewei­li­gen Lands­leu­te ver­sam­meln konn­ten. Näm­lich dem optisch ein wenig an den eben­falls als inter­na­tio­na­ler Juror anwe­sen­den amtie­ren­den ESC-Sie­ger Dun­can Lau­rence erin­nern­den Kor­sen Casa­no­va, des­sen pos­sier­li­cher Pop­schla­ger ‘Tut­ti’ durch eine fröh­li­che Ohr­wurm­me­lo­die und zahl­lo­se “La La La“s zu über­zeu­gen wuss­te, den immer wie­der offen­siv behaup­te­ten Regio­nal­be­zug jedoch haupt­säch­lich durch per Back­drop ver­brei­te­te, tou­ris­ti­sche Wer­be­gra­fi­ken her­zu­stel­len ver­such­te. Viel­leicht waren ja auch Casa­no­vas gestreif­ten Pyja­ma­ho­sen ein kor­si­sches Erken­nungs­merk­mal, da feh­len mir die kul­tu­rel­len Kennt­nis­se. Einen inter­es­san­ten Ein­blick auf das Ver­hält­nis der Kolo­ni­al­macht Frank­reich zu sei­nen Über­see­dé­part­ments lie­fer­te das Ergeb­nis des von der Süd­see-Insel­grup­pe Tahi­ti stam­men­den Tri­os Amui, des­sen locker-flo­cki­ger Bei­trag ‘Mae­va’ für drei Minu­ten einen Hauch von ‘Le Coco-Dance’ durch das Pari­ser Stu­dio zie­hen ließ, ein­schließ­lich muschel­ket­ten­be­han­ge­ner, ober­kör­per­frei­er Tän­zer und aus­ge­spro­chen stimm­schwa­cher Gesänge.

Genau so eine Mogel­pa­ckung wie die meis­ten als “regio­nal” aus­ge­lob­ten Lebens­mit­tel im Super­markt: Casa­no­va blieb den Kor­si­ka-Bezug wei­test­ge­hend schuldig.

Bei den Festland-Juror:innen, die auch Casa­no­va schlecht bewer­te­ten, fiel die Num­mer gna­den­los durch und ver­sam­mel­te mit Müh und Not ein paar gesichts­wah­ren­de Mit­leids­zäh­ler im ein­stel­li­gen Bereich, wäh­rend sie im Tele­vo­ting mas­siv abräum­te und dort auf den drit­ten Rang kam. Es steht zu ver­mu­ten, dass die ent­spre­chen­den Anru­fe haupt­säch­lich von den Inseln kamen und das Mut­ter­land an deren Exis­tenz erin­nern soll­ten. Der mit Sicher­heit ein­zig auf­grund der hei­mat­li­chen Unter­stüt­zung basie­ren­de Ein­zug die­ser bei­den Acts in die End­run­de (von den zwölf teil­neh­men­den Acts qua­li­fi­zier­ten sich in einer ers­ten, rei­nen Publi­kums­ab­stim­mung ledig­lich sie­ben für die zwei­te Wer­tungs­run­de, wo Jurys und Tele­vo­ting jeweils zu 50% zähl­ten) erfolg­te auf Kos­ten zwei­er Konkurrent:innen, deren vor­zei­ti­ges Aus­schei­den als kri­mi­nell bezeich­net wer­den muss, näm­lich Phil­li­pi­ne und Terence James. Die 22jährige Phil­li­pi­ne, die bereits einen mas­si­ven Hit im Hei­mat­land vor­wei­sen kann, ver­ar­bei­te­te in ‘Bah non’ die schmerz­li­che Zurück­wei­sung durch einen Typen, und ent­spre­chend wütend und aggres­siv klang die in der Stu­dio­fas­sung her­aus­ra­gen­de Num­mer. Live aller­dings litt die Dar­bie­tung lei­der deut­lich unter einem ver­pass­ten Ein­satz aus­ge­rech­net direkt zum Auf­takt und – wie bei erstaun­lich vie­len der gest­ri­gen CVQD-Partizipant:innen – unter leich­ten stimm­li­chen Unsi­cher­hei­ten wäh­rend der Performance.

Dou­ze Points allei­ne schon für den rot­zi­gen Song­ti­tel, doch nach dem Auf­tritt hieß es lei­der: pffft… nein.

Nach hin­ten los ging auch die eigent­lich die sehr cle­ver durch­dach­te visu­el­le Dar­bie­tung, für die sich Phil­li­pi­ne einen Tän­zer mit­brach­te, der sie drei Minu­ten lang durch eine mehr­stu­fi­ge Kulis­sen­land­schaft ver­folg­te und mit ihr das satt­sam bekann­te Spiel von Annä­he­rung und auf-Abstand-hal­ten spiel­te und den sie am Schluss mit einem beherz­ten “Bah non” von der Balus­tra­de stieß. Blöd nur, dass man auf­grund der unfass­ba­ren Attrak­ti­vi­tät näm­li­chen Tän­zers als Zuschau­er vor dem Bild­schirm in die­sem Moment nicht, wie inten­diert dach­te: “gut für Dich, dass du nein sagen kannst”, son­dern “Bah, wenn du ihn nicht willst, ich neh­me ihn sofort, egal was für ein Arsch­loch er ist”. Extrem gut­aus­se­hen­de Tän­zer brach­te auch das blon­de Büb­chen Terence James mit auf die Büh­ne, näm­lich vier but­che Ker­le im Kilt, zwei von ihnen ober­kör­per­frei und mit sehr anspre­chen­der Brust­mus­ku­la­tur. Gemein­sam mit einer zum Zwe­cke des Her­un­ter­dim­mens der Homo­ero­tik (ver­geb­lich) dazu appli­zier­ten ein­zel­nen Frau, die jedoch kom­plett unbe­ach­tet von den Män­nern völ­lig allei­ne mit ihrem Hula-Hoop-Rei­fen spie­len muss­te, prä­sen­tier­ten sie eine mit mili­tä­ri­schem Drill exer­zier­te Gleich­schritt-Cho­reo­gra­fie. Die zwar zur auch musi­ka­lisch pas­send ver­pack­ten Auf­for­de­rung ‘Je t’emmènerai dan­ser’ (‘Ich will dich zum Tan­zen brin­gen’) per­fekt har­mo­nier­te, zugleich jedoch den Ryan-Dolan-Moment des Abends lie­fer­te, da die opti­sche Domi­nanz der vier Schot­ten­rock-Schrän­ke über den leder­be­jack­ten Jüng­ling doch ziem­lich erschla­gend wirkte.

Vier breit gebau­te Tops und ein zier­li­cher blon­der Bot­tom: die Fort­set­zung die­ser Num­mer auf Porn­hub sähe ich nur zu ger­ne. Aber bit­te ohne die Sandprinzessin.

Allé­luia’, das spi­ri­tu­ell-uplif­ten­de Mul­ti­kul­ti-Lob des Elek­tro­pop-Duos Andria­mad, bestehend aus dem über pol­ni­sche und tune­si­sche Wur­zeln ver­fü­gen­den Kevin und der aus einem der fran­zö­si­schen Über­see-Dépar­te­ments stam­men­den Céci­le, lief auf ESC Radio bereits Wochen vor dem Vor­ent­scheid unge­fähr ein­mal pro Stun­de auf Hea­vy Rota­ti­on und ver­setz­te mich beim Mit­hö­ren im Büro jedes Mal in ver­zück­te Won­nen und posi­ti­ve Schwin­gun­gen, trifft sei­ne Mes­sa­ge des fried­vol­len und sich gegen­sei­tig befruch­ten­den Mit­ein­an­ders der Kul­tu­ren und des Fei­erns der Viel­falt – zum Aus­druck gebracht unter ande­rem durch die Line “Same same but dif­fe­rent” – genau in mein Herz und erwei­sen sich die trei­ben­den Rhyth­men des Songs als gera­de­zu unwi­der­steh­lich. Scha­de nur, dass die Bei­den live der­ma­ßen grot­tig klan­gen, dass das Publi­kum die zwei von der Jury mit Sym­pa­thie­her­zen nur so Über­schüt­te­ten bereits im ers­ten Durch­gang gna­den­los aus­sor­tier­te. Ähn­li­ches gilt für den aus dem Liba­non geflo­he­nen Mode­de­sign­stu­den­ten Ali, des­sen auto­bio­gra­fi­sches ‘Paris me dit (Yal­la ya helo!)’ in der Stu­dio­fas­sung wirk­lich exzel­lent funk­tio­niert. Live ver­zet­tel­te sich die im Rüschen­hemd und in einer Art von Hosen­rock auf­tre­ten­de Ent­spre­chung zu Con­chi­ta Wurst lei­der ziem­lich arg in den zahl­rei­chen, kunst­fer­tig über­ein­an­der geschich­te­ten Gesangs­spu­ren sei­nes Lie­des, was sei­nem Auf­tritt die Aura einer Voll­play­back-Per­for­mance ver­lieh. Dass er aus­ge­rech­net beim Schluss­ton in die Kame­ra blick­te, als sei­en ihm gera­de alle Fel­le davon­ge­schwom­men, mach­te es nicht besser.

Mach kein Auge: Céci­le und Kevin ali­as Andriamad.

Anstel­le die­ser Vier ret­te­te die Jury, die unter den in der ers­ten Run­de Aus­ge­schie­de­nen eine Wild­card ver­ge­ben durf­te, eine Sän­ge­rin namens LMK. Dun­can Lau­rence lob­te sie über den grü­nen Klee (wobei ihn die Mode­ra­to­rin in jedem ein­zel­nen ver­such­ten Satz mit­ten­drin rüde unter­brach, um sei­ne bis dahin geäu­ßer­ten maxi­mal drei eng­li­schen Wor­te sogleich ins Fran­zö­si­sche zu über­set­zen) und ver­glich sie gar mit Aria­na Gran­de. Es half nichts: beim obsti­na­ten gal­li­schen Publi­kum lan­de­te sie auch im zwei­ten Voting­durch­gang auf dem letz­ten Platz. Ihr Ver­bre­chen: sie würz­te ihre Femmage ‘Magi­que’ mit ein­zel­nen, kom­pe­tent vor­ge­tra­ge­nen Sprech­ge­sangs­pas­sa­gen – im ech­ten Pop­le­ben seit vier­zig Jah­ren Stan­dard, beim augen­schein­lich extrem Hip-Hop-into­le­ran­ten Grand-Prix-Publi­kum erstaun­li­cher­wei­se immer noch ein abso­lu­tes No-Go, das stets mit sofor­ti­gem Punk­te­ent­zug bestraft wird. Woher in aller Welt kommt das bloß? Einig waren sich die Zuschauer:innen und die Jury hin­ge­gen beim Pop-Duo 21 Juin, das mit dem pos­sier­li­chen ‘Peux-tu me dire?’ und einem von Hand betrie­be­nen Dreh­ge­stell mit sil­ber­nen Deko-Schmet­ter­lin­gen einen zum Auf­takt blend­wei­ßen, spä­ter kin­der­gar­tenkrib­bel­b­un­ten Auf­tritt hin­leg­te, der in sei­ner fla­chen Zucker­sü­ße leich­te Julie & Lud­wig-Vibes ver­brei­te­te und der mit einem gemein­sa­men vor­letz­ten Rang die ange­mes­se­ne Ent­loh­nung erhielt.

Das ist Sehr-Hat. Par­don­nez-moi, es ist natür­lich Céphaz.

Extrem scha­de ist es um das im Mit­tel­feld ver­sack­te ‘On a man­gé le Soleil’ (‘Wir haben die Son­ne auf­ge­ges­sen’). Zum einen wegen der span­nen­den Geschich­te sei­nes Inter­pre­ten Céphaz: der wur­de in Gha­na gebo­ren, im Alter von zehn Jah­ren von süd­afri­ka­ni­schen Pfle­ge­el­tern adop­tiert, pen­del­te mit die­sen zwi­schen Kap­stadt und der im Nor­den Mada­gas­kars lie­gen­den Süd­see­insel Mayot­te und kam mit 20 nach Frank­reich, zwei Jah­re, nach dem er ange­fan­gen hat­te, die Spra­che sei­ner heu­ti­gen Hei­mat zu ler­nen. Sein lyrisch pro­fun­der Bei­trag beschäf­tigt sich mit unse­rem töd­li­chen, aber schein­bar unstill­ba­ren Kon­sum­ver­lan­gen, mit dem wir die end­li­chen Res­sour­cen unse­res Pla­ne­ten immer schnel­ler und schnel­ler ver­brau­chen, so als hät­ten wir noch eine zwei­te Erde im Kof­fer­raum. Den ange­sichts des The­mas ange­mes­sen düs­te­ren Text (“Ich habe ins Leben gebis­sen, die Samen geschluckt / Ich habe die Lan­ge­wei­le ver­schlun­gen, doch bin noch immer hung­rig / Ich lecke den Bür­ger­steig ab, hung­rig bis ans Ende / Ich will damit auf­hö­ren, doch ich aß mei­ne Hän­de”) ver­pack­te der attrak­ti­ve 28jährige in ein fröh­li­ches Musik­bett und vie­le ein­gän­gig-mit­singba­re “La La La“s und gar­nier­te das Gan­ze mit ent­spann­tem Syn­chrontanz. Doch selbst die schi­cken Büh­nen­kla­mot­ten in der aktu­el­len Sie­ger­far­be gelb hal­fen nicht. Es scheint, als woll­ten wir weder auf wüten­den Pro­test wie von der Fri­days-for-Future-Bewe­gung noch auf zucker­guß­ver­pack­te musi­ka­li­sche War­nun­gen hören und uns lie­ber wei­ter unse­rem Unter­gang ent­ge­gen­kon­su­mie­ren, ange­sta­chelt von der unaus­rott­ba­ren Sucht von Wirt­schaft und Poli­tik nach end­lo­sem Wachs­tum (das, wie die Medi­zin weiß, stets im Krebs endet).

Amir, der schöns­te Mann, der (erwähn­te ich es bereits?) jemals auf einer Euro­vi­si­ons­büh­ne stand, über­brück­te die Wer­tungs­pau­se mit einem Med­ley sei­ner Hits. Ich fiel vier­ein­halb Minu­ten von einer Ohn­macht in die nächste.

Als wenig lern­fä­hig erwie­sen sich auch die betei­lig­ten Künstler:innen im Umgang mit der gras­sie­ren­den Pan­de­mie: zeig­te man sich zu Beginn der Show als zumin­dest noch eini­ger­ma­ßen bemüht, die Min­dest­ab­stän­de zwi­schen Juror:innen, Sänger:innen, Moderator:innen und Stu­dio­pu­bli­kum ein­zu­hal­ten, so über­reich­te bei­spiels­wei­se die ehe­ma­li­ge ESC-Sie­ge­rin Marie Myri­am wäh­rend des Pau­sen­pro­gramm der aktu­el­len fran­zö­si­schen JESC-Sie­ge­rin Valen­ti­na ihre Tro­phäe, die sie bis dato noch nicht erhal­ten hat­te, weil der Kin­der­con­test auf­grund von Coro­na nur vir­tu­ell statt­fand. Sie tat das ohne Mas­ke, ohne Abstand und ver­bun­den mit einer groß­müt­ter­li­chen Umar­mung. Auch die rest­li­chen Erwach­se­nen fan­den im Rah­men diver­ser Med­leys immer wie­der auf der Büh­ne zusam­men, und spä­tes­tens mit der Ver­kün­dung des End­ergeb­nis­ses fie­len end­gül­tig die letz­ten Hem­mun­gen: es war ein ein­zi­ges, über­schwäng­lich-herz­li­ches Hän­de­schüt­teln, Umar­men und Abbus­seln, so als hät­te es das Virus nie gege­ben oder als haben alle Betei­lig­ten der Show die letz­ten 14 Tage in her­me­tisch abge­rie­gel­ter Qua­ran­tä­ne ver­bracht. Was mir schwer fällt, zu glau­ben. Noch steht nicht fest, ob der Con­test im Mai in Rot­ter­dam vor Publi­kum statt­fin­den wird. Falls es jedoch wider Erwar­ten hier­zu kommt, wür­de ich mich nach die­sem Super­sprea­der-Event als anrei­sen­der Fan jeden­falls vor­sichts­hal­ber weit ent­fernt von der gal­li­schen Dele­ga­ti­on hal­ten wollen.

Drei Stun­den fröh­li­cher Viren­schleu­de­rei: der fran­zö­si­sche Vor­ent­scheid 2021.

Vor­ent­scheid FR 2021

C’est vous qui déci­dez. Sams­tag, 31. Janu­ar 2020, aus dem Fran­ce 2‑Studio, Paris. 12 Teilnehmer:innen. Mode­ra­ti­on: Sté­pha­ne Bern und Lau­rence Boccolini.
#Inter­pre­tenSong­ti­telTele­vo­tingJuryTele­vo­tingPlatz
01Andria­madAllé­luiaX
02Juli­et­te MorainePour­vu qu’on m’aimeQ07606002
03CéphazOn a man­gé le soleilQ05203005
04AmuiMae­vaQ00807006
05Phil­li­pi­neBah nonX
06Terence JamesJe t’emmènerai danserX
07Bar­ba­ra PraviVoi­làQ10410001
08Pony XAmour fouQ07405003
09Casa­no­vaTut­tiQ02208004
10LMKMagi­que(Jury)06601007
11AliParis me dit (Yal­la ya helo!)X
1221 Juin le DuoPeux-tu me dire?Q01802008

11 Comments

  • Ich kann mir das Jubi­lie­ren über die guten fran­zö­si­schen Songs nur als über­mü­ti­ges „Ja, es ist end­lich wie­der ESC-Saison!!!“-Feeling erklä­ren. Fand da nicht viel Gutes dabei. Der Sieg geht natür­lich voll in Ord­nung und abso­lut nach­voll­zie­hen kann ich die beschrie­be­ne Amir­phi­lie. Ja, und wirk­lich sehr scha­de um Alléluia.

  • Das Phä­no­men hat­ten wir 2018 und 2019 bei der Desti­na­ti­on Euro­vi­si­on auch schon. Da fand ich die Wett­be­werbs­ti­tel auch samt und son­ders fabu­leu­se, und ste­he zumin­dest für 2018 auch heu­te noch dazu. Ich fin­de aber eh, dass die Fran­zo­sen gene­rell ver­dammt guten Pop machen. Viel­leicht liegt es auch nur dar­an, dass die Spra­che mei­ner Mei­nung nach so per­fekt zum Sin­gen geeig­net ist.
    Was die Sai­son angeht, stel­le ich zu mei­ner Über­ra­schung fest, dass ich das redu­zier­te Ange­bot sogar gut fin­de, weil viel ent­spann­ter als sonst.

  • Na ja, ein see­ehr fran­zö­si­scher Bei­trag in 2021. Das kann für Qua­li­tät ste­hen, muss es aber nicht zwin­gend. Hier wird – für mich per­sön­lich – zu gewollt ver­sucht durch Stei­ge­run­gen Emo­tio­nen zu erzeu­gen. Erreicht mich nicht wirk­lich. Aber ein Farb­tup­fer wird es wohl sein im Rot­ter­da­mer Teil­neh­mer­feld, was ja auch schon mehr als nichts ist.
    Man kann so ein Lied als Frank­reich schi­cken, damit bla­miert man sich nicht. Der gro­ße Wurf ist’s für mich aller­dings nicht, wenn­gleich ich mir vor­stel­len kann, dass es respek­ta­bel abschnei­den wird .

  • Guten Mor­gen aus Offenbach !

    Mer­ci à la Fran­ce ! “Voi­la” ist groß­ar­tig und eine Künst­le­rin wie Bar­ba­ra Pra­vi ein abso­lu­ter Gewinn für den ESC. Natür­lich gibt es kei­ne ulra­mo­der­ne Musik vom Hexa­gon, aber zumin­dest hohe Pro­fes­sio­na­li­tät und Anspruch kön­nen ja auch nicht scha­den. Mich hat schon die Audio­ver­si­on gepackt und live ging das noch eine Spur besser.

    Nix gegen Sound à la Pony X. mei­nes Erach­tens wäre das aber wohl eher gefloppt und mit hof­fent­lich The Roop wird die­ses Gen­re auch exzel­lent in Rot­ter­dam ver­tre­ten sein.

    Über­ra­schung: Cephaz und Amui anstatt Phil­ip­pi­ne und Andria­mad im Fina­le und vor allem der drit­te Platz beim Tele­vo­ting für den Bei­trag aus der Südsee.

    Ins­ge­samt eine gelun­ge­ne VE aus Frank­reich mit zahl­rei­chen Musik­gen­res, da könn­te sich der NDR für nächs­tes Jahr ger­ne eine Schei­be davon abschneiden.… 

    Ach ja, ganz klar 10/10 für Frank­reich – eines mei­ner eins­ti­gen Lieb­lings­län­der hat sich beein­dru­ckend zurückgemeldet.

  • Der Sie­ger­bei­trag ist ein seeeehr fran­zö­si­scher, star­ker Chan­son, völ­lig aus der Zeit gefal­len, so als hät­te Efith Piaf mal kurz durch ein Wurm­loch die Noten­blät­ter durch­ge­reicht. Sofern die gute Bar­ba­ra kei­nen Sal­va­dor Sobral pullt, kann ich mir nicht vor­stel­len, dass die Num­mer beim euro­päi­schen Publi­kum auch nur einen Blu­men­topf gewin­nen kann.

  • Mich hat­te Voi­la schon beim ers­ten Sehen (vor ca. vier Wochen). Und am Sams­tag hat­te ich so wie der spa­ni­sche Juror Trä­nen in den Augen, als Bar­ba­ra sang.
    Ja, doch, Sal­va­dor-Sobral-Vibes! Nicht nur bei den Buch­ma­chern ist Frank­reich vor­ges­tern an Litau­en vor­bei­ge­schos­sen, son­dern auch bei mir, dem erklär­ten The Roop-Fan, der alle Ton­trä­ger von denen hat.

    Empö­rend fin­de ich, dass Andria­mad nicht mal unter den ers­ten Sie­ben waren, das Publi­kum gehört abge­schafft (nicht böse sein, lie­ber Oli­ver, die Jury hat da ja schließ­lich genau­so versagt).

  • ESClucas98 -

    Wenn es schon in Deutsch­land kei­nen öffent­li­chen Vor­ent­scheid gibt kann man sich als Emp­fän­ger von TV5MONDE auch mit dem fran­zö­si­schen Vor­ent­scheid ver­trös­ten. Habe mei­ne Eltern dazu genö­tigt, sich ihn mit mir anzu­schau­en. Und ja, für mei­ne Eltern war das kein ver­gnüg­li­cher Abend. Umso bes­ser, dass wir mit der Sie­ge­rin über­ein­stim­men. Ich hof­fe doch sehr, dass wir in Nor­we­gen und Litau­en einen ähn­li­chen Erd­rutsch­sieg erwar­ten können. 

    Dass mit “Voi­là” und “Tut­ti” (der Sie­ger des Song­checks bei Dr. Euro­vi­si­on) mei­ne bei­den Favo­ri­ten auch die Favo­ri­ten des Publi­kums waren, hat mich sehr gefreut. Ansons­ten war das eigent­lich ein ganz gutes Line-up, wel­ches die Fran­zo­sen da auf die Rei­he gestellt haben. Es gibt sicher nie­man­den, der Tom Leeb noch hinterherheult. 

    Und so gut man­che Bei­trä­ge auch waren, wei­te­re Able­ger von Frank­reich brau­che ich nicht. Auch wenn es schön wäre, wenn wir Luxem­burg und Mona­co irgend­wie wie­der reak­ti­vie­ren könn­ten für den ESC.

  • P.S.: Ich in übri­gens froh, dass das zuge­ge­be­ner­ma­ßen ganz net­te “Woki mit dein Popo” nicht gewon­nen hat, denn zwi­schen dem x‑beliebigen Klein­pferd und La Pra­vi lie­gen dann doch Welten.

  • Nach­dem auch die fran­zö­si­schen Bei­trä­ge der letz­ten Jah­re immer mehr auf Anglo­pop zusteuerten,nun wie­der ein Chan­son mit natio­na­ler Authentizität,und mE. der bes­te franz.Beitrag seit “N’ou­biez pas”(2015)
    Noch ori­gi­nel­ler und von der mes­sa­ge her wich­ti­ger wäre der Song von Cephaz gewesen.Mais voi­là, eine Topp­lat­zie­rung wäre verdient.

  • Frank­reich, Je T’aime…und rei­te lie­bend ger­ne auf dei­nem Pony vers le Soleil, c´est magique!
    Voila!
    (Sor­ry für mein Schulfranzösisch)

  • Inzwi­schen hat sich die ers­te Begeis­te­rung bei mir gelegt und ich stim­me dem com­ment von fore­ver zu.…

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