Rus­si­scher Vor­ent­scheid 2021: Isn’t it ironic?

Russ­ka­ja Zhensh­hi­na’ (‘Rus­si­sche Frau­en’) heißt der pas­send am und zum Inter­na­tio­na­len Tag der Frau aus­ge­wähl­te Song, mit dem die Föde­ra­ti­on in Rot­ter­dam ins Ren­nen geht. Vor­an­ge­gan­gen war, wie für das Land üblich, mal wie­der eine lan­ge Pha­se des Schwei­gens und der Spe­ku­la­tio­nen, vor allem um die Fra­ge, ob die aktu­ell wohl bekann­tes­te rus­si­sche Band der Welt, die letz­tes Jahr intern bestimm­ten Litt­le Big, noch­mal geschickt wür­den oder nicht. Selbst bis knapp vor Sen­de­be­ginn der sehr kurz­fris­tig am heu­ti­gen Abend ins Pro­gramm des Ers­ten Kanals ein­ge­scho­be­nen Natio­na­len Vor­ent­schei­dung ließ der Sen­der die begie­rig war­ten­de inter­na­tio­na­le Fan­ge­mein­de im Unkla­ren, ob das Quar­tett, das mit dem legen­dä­ren Video des für den ESC 2020 vor­ge­se­he­nen Bei­trags ‘Uno’ alle Klick­zah­len­re­kor­de brach, nur als Star­gäs­te an der Show teil­näh­men oder als erneu­te Bewerber:innen. Zumal die Band pünkt­lich zum Vor­ent­scheid ihre neue Sin­gle ‘Sex Machi­ne’ ver­öf­fent­lich­te, erneut mit dem eigent­li­chen Star, dem put­zi­gen tan­zen­den Bärchen.

Falls jemand dach­te, ‘Uno’ hät­te zu wenig bzw. kei­nen sinn­vol­len Text: Litt­le Big.

Doch die kam heu­te Abend nicht ein­mal zur Auf­füh­rung: tat­säch­lich durf­ten die live im bre­chend vol­len Sen­de­stu­dio (Coro­na scheint in Russ­land dank Sputnik‑V wohl abschlie­ßend besiegt!) anwe­sen­den, gleich zu Beginn abge­fei­er­ten Litt­le Big nur ihren ver­hin­der­ten Euro­vi­si­ons­bei­trag noch ein­mal brin­gen und spiel­ten danach kei­ne Rol­le mehr für die auf eine Stun­de geplan­te Sen­dung. Ob nun die Band ein­fach kei­ne Lust mehr hat­te oder den Ver­ant­wort­li­chen des rus­si­schen Fern­se­hens ihre Vor­schlä­ge nicht zusag­ten, bleibt Spe­ku­la­ti­on. Fakt ist: statt­des­sen tra­ten drei Acts an, die sich einem rei­nen Tele­vo­ting stel­len muss­ten. Was Anlass zur Ver­mu­tung gibt, dass der Sen­der alle drei in der Kür­ze der Zeit zusam­men­ge­sam­mel­ten Songs als zu schwach für einen mög­li­chen Sieg emp­fand und daher die Ver­ant­wor­tung dem Publi­kum zuschie­ben woll­te, denn die letz­te rus­si­sche öffent­li­che Vor­ent­schei­dung liegt nun wirk­lich schon Äonen zurück. Los ging es mit einem iro­nisch ‘The Future is bright’ beti­tel­ten, extrem düs­te­ren Rock­song des ehe­ma­li­gen The-Voice-Teil­neh­mers Therr Maitz, gefolgt von einem aus der glei­chen Cas­ting­show stam­men­den Damen­duo namens 2Mashi (Zwei Mashas, bei­de tra­gen den glei­chen Vor­na­men), die ‘Bit­ter Words’ servierten.

Wie­so sin­gen Tatu jetzt in einem Eng­lisch-Spa­nisch-Misch­masch? Und wo haben sie die furcht­ba­ren Kla­mot­ten her? Fra­gen über Fra­gen, und 2Mashi gaben kei­ne Antworten.

Ein kol­lek­ti­ves Auf­at­men ging durch Euro­vi­si­ons-Twit­ter, als der drit­te Act zum Vor­trag ansetz­te: die 1991 in der ehe­ma­li­gen Sowjet­re­pu­blik Tadschi­ki­stan gebo­re­ne Manizha Daler­ov­na Kham­ray­e­va muss­te wegen des dort nach der Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung toben­den Bür­ger­kriegs schon als Klein­kind mit ihren Eltern nach Mos­kau flie­hen, wo sie auf­wuchs und Psy­cho­lo­gie stu­dier­te. Die bereits seit ihrem 12. Lebens­jahr als Sän­ge­rin auf­tre­ten­de Manizha will mit ihrem Euro­vi­si­ons­bei­trag, einer hek­tisch-frap­pie­ren­den Mischung aus Hip-Hop, Folk und Elek­tro, die klingt wie aus fünf ver­schie­de­nen Ideen zusam­men­ge­den­gelt, ihren Geschlechts­ge­nos­sin­nen ein Denk­mal set­zen. Sie singt – oder viel­mehr schreit – in Rus­sisch (mit ein paar eng­li­schen Ein­spreng­seln), was wir nun schon wirk­lich lan­ge nicht mehr hat­ten. Dazu über­zeug­te sie mit einem Kos­tüm­wech­sel und star­kem Selbst­be­wusst­sein. Die wol­len wir, war sofort allen in der Fan­bla­se klar, und wir beka­men sie im Lau­fe des Abends auch.

Star­ke Frau­en kann es nie genug geben, ob aus Russ­land oder über­all her: Manizha.

Bis dahin muss­ten die Zuschauer:innen aller­dings im Rah­men­pro­gramm des Vor­ent­scheids noch ein wei­te­res Inter­view mit dem rus­si­schen Ralph Sie­gel, Phil­lip Kir­ko­rov, über sich erge­hen las­sen, der eigent­lich ange­reist war, um den von ihm pro­du­zier­ten mol­da­wi­schen Euro­vi­si­ons­bei­trag ‘Sugar’ zu pro­mo­ten. Doch sei­ne unend­li­che Eitel­keit sieg­te: die brav neben ihm auf dem Sofa sit­zen­de Nata­lia Gor­dien­co durf­te nicht ein ein­zi­ges Mal den Mund auf­ma­chen und erst recht nicht ihren Song vor­stel­len. Statt­des­sen sang der Maes­tro eine Dis­co­fox-Schla­ger-Ver­si­on sei­nes 1995er Euro­vi­si­ons­bei­trags. War­um? Wel­che dunk­len Staats­ge­heim­nis­se hat der Mann in der Hand, dass man ihm so etwas nicht nur durch­ge­hen lässt, son­dern aktiv ermög­licht? Auch Dima Bilan durf­te zu sei­nem Sie­ger­ti­tel ‘Belie­ve’ noch­mal im Voll­play­back over­ac­ten, dass sich die Bal­ken bogen. Die bei­den Schrank­schwu­len sorg­ten für eine der­ar­ti­ge Sen­de­zeit­über­zie­hung, dass die Ergeb­nis­ver­kün­dung bis nach der ruck­ar­tig ein­ge­scho­be­nen Haupt­nach­rich­ten­sen­dung war­ten muss­te, in wel­cher Prä­si­dent Putin, bekannt­lich einer der abso­lu­ten Vor­kämp­fer für Gleich­stel­lungs­rech­te, dann eine zehn­mi­nü­ti­ge Anspra­che zum Welt­frau­en­tag hielt…

Welt­frau­en­tag gut und schön, aber wenn der alte Mann noch­mal auf die Büh­ne will, haben die jun­gen Hüh­ner zu schwei­gen: Phil­lip ‘Vul­kan’ Kirkorov.

Umso erfreu­li­cher mutet die mit knapp 40% des Tele­vo­tings kla­re Bestä­ti­gung des Publi­kums für die Sän­ge­rin an, die sich einem Por­trait des Cal­vert Jour­nals zufol­ge seit Jah­ren offen für die Rech­te von Frau­en, Min­der­hei­ten, Flücht­lin­gen und der LGTBQ-Com­mu­ni­ty ein­setzt. Als Schü­le­rin selbst Bul­ly­ing aus­ge­setzt, macht sie in ihrer Musik bei­spiels­wei­se den Ras­sis­mus deut­lich, dem Men­schen aus den zen­tral­asia­ti­schen Repu­bli­ken im euro­pä­isch gepräg­ten Russ­land aus­ge­setzt sind. “Das Erwa­chen von nati­ven Völ­kern und Mino­ri­tä­ten ist zum pop­kul­tu­rel­len Trend gewor­den. Aber wir müs­sen dafür sor­gen, dass die­ser Trend die Nor­men ver­än­dert,” so Manizha. Denn (nicht nur) in Russ­land trä­fe noch immer “alles Neue auf Ableh­nung. Frei­heit und Selbst­be­stim­mung haben hier kei­ne Tra­di­ti­on. Weil sie mit dem täg­li­chen Über­le­bens­kampf beschäf­tigt sind, fin­den es Vie­le schwie­rig, posi­tiv mit etwas umzu­ge­hen, das nicht ins bestehen­de Sys­tem passt”. Doch wenn man die anfäng­li­che Angst über­wän­de und die Din­ge ansprä­che, wür­den irgend­wann “die Mau­ern ein­stür­zen,” so die Hoff­nung der Dreißigjährigen.

In die­sem Lied über­win­det Manizha die Ableh­nung durch die Dorf­be­völ­ke­rung mit der Kraft des Gesangs.

Und tat­säch­lich spricht Manizha, wenn man einer auf Twit­ter gepos­te­ten Über­set­zung glau­ben darf, all die­se ihr am Her­zen lie­gen­den The­men auch in ihrem ESC-Song an. “Du bist schon über Drei­ßig, wo blei­ben die Kin­der? / Du bist hübsch, aber du musst abneh­men / Du musst kür­ze­re Klei­dung tra­gen / Du musst län­ge­re Klei­dung tra­gen,” nimmt sie bei­spiels­wei­se eini­ge der Lita­nei­en aufs Korn, die sich Frau­en tag­täg­lich unge­fragt anhö­ren müs­sen. Doch “jede rus­si­sche Frau muss wis­sen / sie ist stark genug, um gegen die Wand zu sprin­gen,” spricht sie ihren Lei­dens­ge­nos­sin­nen Mut zu. Und fragt zugleich nach gegen­sei­ti­ger Unter­stüt­zung: “Wie schaf­fe ich es allei­ne durch ein bren­nen­des Feld? Mädels, wer reicht mir die Hand”? Es steckt eine Men­ge in dem Song, und so ver­wun­dert auch des­sen manch­mal ans Ver­wir­ren­de gren­zen­de musi­ka­li­sche Reich­hal­tig­keit wenig. Jeden­falls erstaunt die Num­mer, je län­ger man sich mit ihr beschäf­tigt, um so mehr. Gera­de weil man sie, zumin­dest als igno­ran­ter West­ler, am Aller­we­nigs­ten aus Russ­land erwar­tet. Aber das macht sie natür­lich um so erfreulicher.

Trig­ger­war­nung: in die­sem abso­lut sehens­wer­ten Video geht es um Gewalt in der Fami­lie, auch eines von Manizhas Themen.

Vor­ent­scheid RU 2021

Nacional’nyj Otbor. Mon­tag, 8. März 2021, aus dem TV-Stu­dio in Mos­kau. Drei Teilnehmer:innen. Mode­ra­ti­on: Yana Churikova.
#Inter­pre­tenSong­ti­telTele­vo­tePlatz
01Therr MaitzFuture is bright24,6%03
022MashiBit­ter Words35,7%02
03ManizhaRuss­ka­ja Zhenshhina39,7%01

4 Comments

  • Ich hät­te ger­ne bit­te noch die Adres­se von Kir­ko­rovs plas­ti­schem Chir­ur­gen. Er sieht ja unfass­bar „frisch“ aus. Nicht erwäh­nen muss ich wohl, dass mir die Dis­co­ver­si­on sei­nes ESC-Songs hun­dert­tau­send­mal bes­ser gefällt als der aus­ge­wähl­te Song…

  • Uh, Ah, MC Ham­mer auf russisch.…schade das es doch nicht Litt­le Big gewor­den ist…
    Gei­les Video!
    Die Welt­frau­en­tags-Hym­ne ist aber auch ganz unter­halt­sam, beson­ders die zwei­te Hälfte.

  • forever -

    Nur das Audio gehört, liest da eine was aus einem Buch vor, unter­malt von moder­nen Eth­no-Hum­ta­ta-Klän­gen. Dan­ke übri­gens für die Erklä­rung des Tex­tes. Knack­punkt nur: Nichts gegen Songs mit Bot­schaft, aber wenn man mir das alles erst erklä­ren muss, zün­det es ein­fach nicht. Da lob ich mir doch ein “I don’t feel hate, I just feel sor­ry”, weil ich da gleich weiß worum’s geht. Gut, eng­lisch ist natür­lich auch hilf­rei­cher als russisch.

    Und um ehr­lich zu sein: In die­sem Jahr beru­fen sich vie­le Bei­trä­ge auf tra­di­tio­nel­le Wur­zeln, auf Klän­ge natio­na­ler Iden­ti­tät bzw. aus zumin­dest Tei­len des Lan­des (wenn so groß wie z.B. Russ­land). Ist ja im Prin­zip auch ganz nett und voll­kom­men in Ord­nung. Aber auf­grund der Fül­le in die­sem Jahr schleift sich das bei mir irgend­wie ab. Das klingt für mich in die­ser Dimen­si­on ein­fach nur noch bemüht, wie ein Kul­tur-Holz­ham­mer, der ESC als Grand Prix der Volksmusik.

  • Den Sie­ger­bei­trag fin­de ich toll und freue mich sehr für Manizha – aber scha­de, dass 2Mashi mit die­sem englisch/spanischen Bei­trag ange­tre­ten sind. Eigent­lich fin­de ich die bei­den super, aber gera­de auf eng­lisch war das irgend­wie nichts.

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