Songs für Rot­ter­dam 2021: nach der Uptem­po-Ebbe folgt die Balladenflut

Es ist wie­der die­se Zeit des Jah­res: im hal­ben Dut­zend ver­öf­fent­li­chen die Län­der mit bereits intern aus­ge­wähl­ten bzw. vom Vor­jahr übrig geblie­be­nen Interpret:innen gera­de ihre Lie­der für Rot­ter­dam. Blin­zelt man nur ein ein­zi­ges Mal, kommt man nicht mehr hin­ter­her. Daher hier am Stück die in den letz­ten Tagen auf­ge­lau­fe­nen Songs. Der ers­te im Rei­gen soll der Nord­ma­ze­do­ni­er Vasil Gar­v­an­liev sein. Der bereits für 2020 gesetz­te, in den USA auf­ge­wach­se­ne Künst­ler nahm die Inspi­ra­ti­on für sei­nen selbst­ge­schrie­be­nen aktu­el­len Bei­trag ‘Here I stand’ direkt aus der Coro­na-Kri­se und der dar­aus erfolg­ten Absa­ge des Song Con­tests im letz­ten Jahr, wie er uns selbst im Video­clip im dra­ma­ti­schen Ges­tus erzählt: “am Boden zer­stört” sei er gewe­sen (wer fühlt es nicht mit?), mit “Trä­nen in den Augen” habe er auf sei­nem Key­board her­um­ge­klim­pert – und auf ein­mal die Melo­die gehabt. Klingt wie ein Dis­ney-Mär­chen? Genau so tönt auch das Lied! Vasil geht abso­lut hem­mungs­los in die Vol­len, tre­mo­liert, dass sich die Bal­ken bie­gen, und dreht, beglei­tet von einem bom­bas­ti­schen Gos­pel­chor, den Kitsch­fak­tor auf elf. Ach was, auf einhundertundelf!

Ob Vasil (MK) bei der Hin­ten­über-Ver­beu­gung irgend­wann mal das Rück­grat bricht?

Weil er dabei aber so hun­de­wel­pen­nied­lich in die Kame­ra schaut und weil in uns allen nun mal klamm­heim­lich das Herz einer Dis­ney-Prin­zes­sin auf der Suche nach dem Prin­zen auf dem wei­ßen Pferd schlägt, kann man ihm noch nicht ein­mal böse sein für den musi­ka­li­schen Hard­core-Schleim­prop­fen, gegen den selbst Jac­ques Hou­deks ‘My Friend’ pun­kig daher­kam. Auch der bri­ti­sche Bei­trag geht auf die Zwölf. Der eben­falls schon 2020 intern nomi­nier­te und nun von der BBC in der Wie­der­vor­la­ge wie­der­ge­fun­de­ne James New­man dreht in ‘Embers’ (‘Glut’) Laut­stär­ke und Bäs­se bis zum Anschlag auf und spart auch nicht an fet­ten Blech­blä­sern. Und nein, das bezieht sich nicht auf den BMI der Musi­zie­ren­den! Ange­nehm uptem­po­rär kommt sein fröh­li­cher Fei­er­lau­ne-Song daher, zu dem sei­ne stets etwas atem­los-raue, brü­chi­ge Stim­me per­fekt kon­tras­tiert. ‘Embers’ erfin­det zwar das Gen­re nicht neu, lie­fert aber nach nun wirk­lich extrem lan­ger Durst­stre­cke für das eins­ti­ge Mut­ter­land des Pop end­lich mal wie­der einen Euro­vi­si­ons­bei­trag, für den die Nati­on sich auf euro­päi­scher Ebe­ne nicht schä­men muss. Da hat die häss­li­che poli­ti­sche Schei­dung viel­leicht doch noch was bewirkt!

Na also, Groß­bri­tan­ni­en, es geht doch, wenn man nur will! Und James New­man will.

Das eben­so erneut ernann­te grie­chi­sche ‘Super­girl’ Ste­fa­nia Liber­a­ka­kis spart eben­falls nicht an brum­men­den Bäs­sen und (mode­ra­tem) Tem­po. Das Video zu ihrem aktu­el­len Bei­trag ‘Last Dance’ unter­streicht visu­ell die dem Song­ti­tel inne­woh­ne End­zeit­stim­mung und lässt die jun­ge Inter­pre­tin durch Com­pu­ter­gra­fi­ken vol­ler mythi­scher Göt­ter­fi­gu­ren und ver­mut­lich flut­an­deu­ten­der Aqua­ri­en­be­cken tapern. Dank der etwas min­de­ren per­sön­li­chen Aus­strah­lung der Künst­le­rin und der Kit­schig­keit der Bil­der erin­nert das Gan­ze stel­len­wei­se an mei­nen Lieb­lings­trash­film Xana­du (1980), in der Oli­via New­ton-John eine Muse spielt und dabei auf Roll­schu­hen alles gibt, die Love­sto­ry mit ihrem höl­zer­nen Coun­ter­part Micha­el Beck jedoch auch nicht vor der Unglaub­wür­dig­keit zu ret­ten ver­mag. Nicht so recht glau­ben mag man hier an die voka­len Fähig­kei­ten Ste­fa­ni­as, deren Stim­me in der Stu­dio­fas­sung mehr Schmin­ke trägt als Oli­via in besag­tem Strei­fen. Klas­si­sches Ada­bei-Mit­tel­feld­fut­ter, des­sen ‘Letz­ter Tanz’ wohl bereits im Semi aufs Par­kett gelegt wer­den könnte.

Immer­hin läuft Ste­fa­nia nicht bei rot über die Ampel: vor­bild­lich (GR)!

Ein ganz beson­de­res Kunst­stück voll­bringt Gjon Muhar­re­maj ali­as Gjon’s Tears, der zum zwei­ten Mal in Fol­ge für die Schweiz nomi­nier­te 23jährige, im Video zu sei­nem neu­en Bei­trag ‘Tout l’Uni­vers’. Da ret­tet er sich in Form sei­nes Geis­tes näm­lich nach einem schwe­ren Ver­kehrs­un­fall in den Alpen selbst aus dem Auto­wrack. Ob ihm das auch im Grand-Prix-Semi­fi­na­le gelingt? Sei­ne düs­te­re und hart auf die Stim­mung schla­gen­de Kla­vier- und Gei­gen­bal­la­de kommt wie beim nord­ma­ze­do­ni­schen Kol­le­gen eben­falls recht bom­bas­tisch her­über, wird aber in der Haupt­sa­che domi­niert von Gjons kas­tra­ten­haf­tem Geh­eu­le. Dabei stellt der wie­der­um auf Fran­zö­sisch sin­gen­de Inter­pret in den ruhi­ge­ren Pas­sa­gen sei­nes Chan­sons durch­aus die Viel­sei­tig­keit sei­ner Stim­me unter Beweis, die in den tie­fe­ren Regis­tern sehr viel ange­neh­mer klingt als sein tech­nisch zwar sau­be­res und beein­dru­cken­des, aber den­noch in Sekun­den­schnel­le wie das Bohr­erge­räusch beim Zahn­arzt ner­ven­des Fal­set­to, in das er lei­der zu zir­ka 95% der Zeit ver­fällt. Pas pour moi!

Mer­ke: auf ein­sa­men Fahr­ten durch die alpen­län­di­schen Ser­pen­ti­nen immer das Body-Dou­ble mit­neh­men. So wie Gjon (CH).

Auch die benach­bar­te Hoch­ge­birgs­re­gi­on macht mit bei der gro­ßen Bal­la­den­ver­schwö­rung 2021. Keim­te ins­be­son­de­re zu Beginn der dies­jäh­ri­gen Vor­ent­schei­dungs­sai­son mal für kur­ze Zeit die lei­se Hoff­nung auf, die seit über einem Jahr anhal­ten­de Kri­se füh­re wenigs­tens zu einer ver­stärk­ten Hin­wen­dung zum fröh­lich-eska­pis­ti­schen Lied­gut beim euro­päi­schen Gesangs­wett­be­werb, so bewe­gen wir uns mitt­ler­wei­le lang­sam wie­der aufs gewohn­te Schnar­chig­keits­le­vel zurück. Der Öster­rei­cher Vin­cent Bue­no, Fünf­ter und Vor­letz­ter im Bun­de der bereits 2020 Nomi­nier­ten, hat einen von zwei Grand-Prix-Bei­trä­gen mit dem Titel ‘Amen’ am Start. Und der lässt sich inhalt­lich sowohl als Lamen­to auf eine zer­bro­che­ne Bezie­hung lesen als auch als Bei­set­zungs­song. So oder so fühlt man als Anhänger:in anre­gen­der Ware ange­hörs sei­ner immer­hin cle­ver struk­tu­rier­ten und an den rich­ti­gen Stel­len ins Gos­pel­haf­te abdrif­ten­den Bal­la­de die Wän­de der Schwer­mut von bei­den Sei­ten in lebens­be­droh­li­cher Wei­se auf sich zukom­men, genau so wie unser Prot­ago­nist im Video­clip. Zugu­te­hal­ten muss man Bue­no aber, dass er uns trotz des Titels wenigs­tens kei­nen ran­zi­gen Reli­gi­ons­quark andre­hen möch­te wie sei­ne slo­we­ni­sche Kol­le­gin. Allei­ne dafür schon ein herz­li­ches “Vergelt’s Gott”!

Ist es “Ey, Man!” oder “Amen!”? Vin­cent Bue­no (AT) lässt es geschickt offen.

Ihren Stu­di­en­gang auf der Ste­fan-Raab-Schu­le für effek­ti­ves Euro­vi­si­ons­mar­ke­ting schloss die Bul­ga­rin Vic­to­ria Geor­gi­e­va offen­bar mit Sum­ma cum lau­de ab. Wie der­einst die legen­dä­re Lena bei ihrem Ver­such der “Titel­ver­tei­di­gung” nutz­te auch die 24jährige ihre zwei­te Grand-Prix-Nomi­nie­rung für eine umfang­rei­che Album­pro­mo­ti­on. Gleich sechs Titel ihres zur Ver­öf­fent­li­chung anste­hen­den ers­ten Long­play­ers ‘a lit­te dra­ma­tic’ zog Vic­to­ria angeb­lich in die enge­re Aus­wahl als Lied für Rot­ter­dam, und jeden ein­zel­nen davon stell­te sie bereits seit gerau­mer Zeit im Netz sowie ges­tern Abend noch­mals in einer Live-Show vor. Mei­nes Wis­sen gab es sogar eine Abstim­mungs­mög­lich­keit, die aller­dings kei­ner­lei Ver­bind­lich­keit ent­fal­te­te und nur ein Stim­mungs­bild lie­fern soll­te. Am Ende end­schied sich die Künst­le­rin für ihr Lieb­lings­lied ‘Gro­wing up is get­ting old’: eine aus­ge­spro­chen schmerz­li­che Wahr­heit, vor der nicht nur die Ange­hö­ri­gen der Genera­ti­on Z ger­ne die Augen ver­schlie­ßen, son­dern – so kann es der Blog­be­trei­ber aus eige­ner Erfah­rung bestä­ti­gen – selbst alte wei­ße Män­ner. Musi­ka­lisch klingt das, wie immer bei Vic­to­ria, nach der pas­sen­den Hin­ter­grund­be­rie­se­lung zum Puls­adern Auf­schnei­den. Bezie­hungs­wei­se zum Ertrin­ken in der auch 2021 schein­bar unent­komm­ba­ren Bal­la­den­flut. Es wäre ja auch zu schön gewesen!

Da schließt sich der Kreis zu Vasil wie­der: wie ihr maze­do­ni­scher Kol­le­ge kommt auch Vic­to­ria (BG) nicht ohne pom­pö­se Ein­füh­rung zum The­ma ‘Coro­na und der ESC’ aus.

4 Comments

  • ESClucas98 -

    Schö­ne, kna­cki­ge Zusam­men­fas­sung! Hät­te zwar erst am Wochen­en­de damit gerech­net, aber heu­te hat’s mit dem Lesen auch schon Spaß gemacht! 

    Bul­ga­ri­en und die Schweiz fin­de ich unge­fähr gleich gut (also sehr gut),
    Grie­chen­land und Nord­ma­ze­do­ni­en besser,
    und Öster­reich und UK schlech­ter als im letz­ten Jahr. 

    Zusam­men­fas­send ist von Ent­täu­schung bis hin zur Begeis­te­rung alles dabei. Gene­rell fin­de ich den Jahr­gang bis­her abso­lut in Ord­nung, auch wenn mir das mit den vie­len Lie­dern in den letz­ten bei­den Wochen zu stres­sig war. Freue mich schon, wenn wir nächs­tes Jahr wie­der mehr Vor­ent­schei­dun­gen haben und sich das alles wie­der bes­ser verteilt. 

    Was ich noch ger­ne wis­sen möch­te: Wie fin­den Sie den ukrai­ni­schen Revamp? Mei­ne Mei­nung dazu habe ich schon unter dem Ukrai­ne-Arti­kel geschrie­ben. Kurz: Die Kür­zung hat dem Lied in mei­nen Augen nicht gut getan.

  • @ESClucas: Zu den Remi­xen will ich noch mal geson­dert was machen, sowie ich dafür Zeit fin­de, ver­mut­lich erst nächs­te Woche. Aber in Kurz­form zur Ukrai­ne: ich fin­de, es sind prak­tisch zwei ver­schie­de­ne Lie­der, und ich fin­de bei­de auf ihre jewei­li­ge Wei­se rich­tig gut.

  • Gerd Geomax -

    Bei der Schweiz kann und will ich Oli­ver nicht Recht geben. Mir gefällt auch nicht jede Kopf­stim­me (z.B. Ben Dolić oder die­ses Jahr Koit Too­me), aber Gjon kann es mei­ner Mei­nung nach. Der Titel im ver­gan­ge­nen Jahr war ein biss­chen berüh­ren­der, da der per­sön­li­cher Hin­ter­grund rein­spiel­te, das ist die­ses Jahr all­ge­mei­ner gehal­ten. Aber die Pro­duk­ti­on ist toll und ich lie­be sei­ne Stim­me. Gehört zu Recht zu den Favoriten.
    Öster­reich: bes­ser als letz­tes Jahr, da das Lied mehr Sub­stanz hat und klar bes­ser als das ande­re Amen. Aber irgend­wie kau­fe ich dem lie­ben Vin­cent die Num­mer nicht ab.
    Grie­chen­land: moch­te ich letz­tes Jahr nicht, weil zu ner­vig. Die­ses Jahr ist sie mir zu lang­wei­lig. Recht nichts­sa­gen­des Lied­chen mit schlech­ter Autotune-Stimme
    UK: wo wir gera­de bei Auto­tu­ne sind, Jim­my gefällt mir die­ses Jahr gar nicht. Ich kau­fe ihm die Uptem­po-Num­mer, die stark nach Mellofest-Res­ter­am­pe riecht nicht ab. Gefiel mir letz­tes Jahr besser.
    Bul­ga­ri­en: der Song war mein Favo­rit der von Frau Gre­go­rie­va ange­bo­te­nen Lie­dern. Aber es kommt bei wei­tem nicht an mei­nen abso­lu­ten Favo­ri­ten des Vor­jah­res her­an. Aller­dings lie­be ich ein­fach ihre Stim­me und hof­fe trotz­dem auf ein gutes Ergeb­nis für sie.
    Nord­ma­ze­do­ni­en: damit jetzt nicht jeder denkt, dass ich grund­sätz­lich was gegen Uptem­po-Songs habe..bei Vasil Fan ich den Dance-Song um Län­gen bes­ser als die­ses über­kitsch­te Vehi­kel. Irgend­wo zwi­schen Kobi Mari­mi und Jade Ewen.…leider auch fast iden­tisch mit Fred­dy Mer­cu­rys legen­dä­ren „Bar­ce­lo­na“. This is too much and so Not for me.

  • Da ist er also, unser Bei­trag für 2021… und es ist gott­lob kei­ne Ode an den Herrn.
    Lei­der kommt es über kal­ku­lier­tes Jury­fut­ter nicht hin­aus. Aber in Zei­ten knap­per Kas­sen schei­nen sehr vie­le Län­der die­se Tak­tik zu fah­ren mit dem Ziel, das Semi zu über­ste­hen aber bloß nicht zu gewinnen.
    Schweiz-Bul­ga­ri­en als mor­bid-depres­si­ver Dop­pel­gi­p­fel in den aktu­el­len Wett­quo­ten spie­gelt wohl mehr den Coro­na-Blues Euro­pas wie­der, musi­ka­lisch kann ich mir den Hype um die­se Songs nicht erklä­ren. Das ändert sich hof­fent­lich noch bis Mai.

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