C’est vous qui déci­dez 2022: Ima­gi­ne there’s no Countries

Wie musi­ka­li­sche Diver­si­tät geht (loo­king at you, NDR) und wie man auch in dunk­len Zei­ten eine glanz­vol­le Vor­ent­schei­dung gestal­tet (also loo­king at you, NDR), bewies am gest­ri­gen Sams­tag der Sen­der Fran­ce 2 mit der Neu­auf­la­ge sei­nes For­mats C’est vous qui déci­dez (etwas unglück­li­cher Hash­tag in Zei­ten der Seu­che: CVQD). Auch die­se Show stand im Zei­chen des Kriegs gegen die Ukrai­ne, und das mani­fes­tier­te sich bereits beim Ein­lauf der zwölf Kandidat:innen zu den Klän­gen von Zla­ta Oge­nichs ‘Pray for Ukrai­ne’ sowie an spä­te­rer Stel­le bei einer vor­auf­ge­zeich­ne­ten Dan­kes­bot­schaft der all­ge­gen­wär­ti­gen Jama­la. Und frag­los am herz­er­grei­fends­ten vor der Ver­kün­di­gung der Ergeb­nis­se des Tele­vo­tings in der ers­ten von zwei Abstim­mungs­run­den, als alle Kombattant:innen sich zu einer trä­nen­schö­nen, gemein­sa­men Ren­di­ti­on von John Len­nons unsterb­li­chem Frie­dens­lied­klas­si­ker ‘Ima­gi­ne’ auf der Büh­ne zusam­men­fan­den. Über­haupt: die län­der­über­grei­fend insze­nier­te Soli­da­ri­tät mit der Ukrai­ne bei den ver­schie­dens­ten natio­na­len Vor­ent­schei­dun­gen zum offi­zi­ell immer noch unpo­li­ti­schen Euro­vi­si­on Song Con­test an die­sem Wochen­en­de mani­fes­tier­te aufs Schöns­te den Grund­ge­dan­ken der heu­te unver­zicht­ba­rer und hoff­nungs­spen­den­der denn je sei­en­den TV-Show als fried­li­ches Fest der Völ­ker. Dafür danke!

Eine klit­ze­klei­ne Iro­nie steckt schon dar­in, beim Vor­ent­scheid zu einem Natio­nen­wett­be­werb die Lied­zei­le “Ima­gi­ne there’s no Coun­tries” anzu­stim­men. Aber schön war’s dennoch!

Schön auch, den Schwei­zer Reprä­sen­tan­ten Gjon’s Tears, in Rot­ter­dam noch einer der här­tes­ten Kon­kur­ren­ten der selbst­ver­ständ­lich mit ste­hen­den Ova­tio­nen als Star­gast im Stu­dio emp­fan­ge­nen Bar­ba­ra Pra­vi, in der zehn­köp­fi­gen Jury sit­zen zu sehen, die wohl­mei­nen­de, aber nicht maß­los lob­hu­deln­de Kom­men­ta­re abgab. Hier könn­te der NDR von Fran­ce 2 noch viel ler­nen: auch in Paris muss­ten sich die Interpret:innen nach ihren Auf­trit­ten einem Kurz­in­ter­view mit der Mode­ra­to­rin Lau­rence Boc­co­li­ni und der Jury­be­ur­tei­lung stel­len. Bei­des erfolg­te aber gewis­ser­ma­ßen auf glei­cher Augen­hö­he, auf Erwach­se­nen­ni­veau. Ganz anders als bei Ger­ma­ny 12 Points, wo man das Gefühl hat­te, die Tan­te Bab­si und der Onkel Tho­mas sagen jetzt mal was Trös­ten­des, damit die klei­ne Emi­ly nicht heult. Zu einem lus­ti­gen Minia­tur-Eklat kam es, als die schon etwas lebens­äl­te­re Juro­rin Nico­let­ta den Bei­trag ‘Ma Famil­le’ des auf der Über­see­insel La Reuni­on gebo­re­nen Schwar­zen Sän­gers Cyprien Zeni (The Voice 2020) kri­ti­sier­te, weil ihr in die­sem die Melo­die feh­le. Wor­auf­hin die eben­falls Schwar­ze Jury­kol­le­gin Yse­ult Agus­tin sich aus ihrem Stuhl und die Stim­me erhob: “I dis­agree”! Sie ani­mier­te gar das Stu­dio­pu­bli­kum, zum Gegen­be­weis den Refrain von ‘Ma Famil­le’ zu sum­men, wäh­rend sie sich mit Nico­let­ta respekt­voll wei­ter­stritt. Übri­gens ganz ohne dass jemand panisch einschritt.

Litt­le Bro­ther, can I help somehow? Die Geschwis­ter Soa.

Zu den gro­ßen Fan-Favo­ri­ten im Vor­feld zähl­te das auf Mada­gas­kar gebo­re­ne Geschwis­ter­duo Ludy und Nathan Soa mit dem nach eige­nen Anga­ben inner­halb von andert­halb Tagen gemein­schaft­lich geschrie­be­nen ‘Seu­le’, das einen bewe­gen­den Text über das boh­ren­de Gefühl der Ein­sam­keit mit einer opti­mis­ti­schen Bot­schaft der Hoff­nung und uplif­ten­den Beats ver­bin­det. Die Zwei tanz­ten das im dunk­len Onsie auch noch sehr über­zeu­gend vor. Klas­se Num­mer! Der aus Lil­le stam­men­de, gelern­te Zahn­arzt (das ver­bin­det ihn neben sei­nem guten Aus­se­hen mit Amir Had­dad) und Sin­ger-Song­wri­ter Saam über­zeug­te eher durch sein strah­len­des Lächeln als sei­nen Song ‘Il est où?’, der mit lau­ter luft­bal­lon­hal­ten­den Zir­kus­men­schen für mei­nen Geschmack zudem ein biss­chen zu tin­gel­tan­gel­haft insze­niert war. Er schied eben­so bereits in der ers­ten Run­de aus wie die jun­ge Sän­ge­rin Elia, eine von ins­ge­samt acht (!) CVQD-Teil­neh­men­den, die augen­schein­lich zu arm sind für einen eige­nen Nach­na­men. Oder aber zu grö­ßen­wahn­sin­nig: die unfass­ba­re Imper­ti­nenz, anzu­neh­men, man sei unter Unmen­gen von Men­schen mit dem glei­chen Vor­na­men die Ein­zi­ge, die es zu inter­na­tio­na­lem Ruhm schaf­fen wird, bringt mich auf die Pal­me. Nein, Mäd­chen, du bist nicht Madonna!

Iden­ti­fi­zier­te sich als Ange­hö­ri­ge der Genera­ti­on Mobil­te­le­fon: Elia.

Auch, wenn ich Elia zuge­ste­hen will, dass ihr kon­tem­po­rä­rer Pop­song wirk­lich über­zeug­te und ich nicht ver­ste­hen kann, wes­we­gen sie raus­flog. Zumal das Publi­kum an ihrer Stel­le das Cas­ting­showbüb­chen Elliott (Schmitt) weit­er­wähl­te, einen Bleich­ling mit Wind­spoi­ler­fri­sur (ers­te rote Flag­ge!), der sei­ne win­se­li­ge Mid­tem­po­bal­la­de ‘La Tem­pê­te’ eigens für den Grand Prix kom­po­nier­te (zwei­te rote Flag­ge!) und an einem bren­nen­den Kla­vier dar­bot (drit­te rote Flag­ge!). Eine wei­te­re, eher ver­zicht­ba­re Kla­vier­bal­la­de steu­er­te der hage­re Mari­us (Nio­lett) mit den ‘Chan­sons d’A­mour’ bei, die er in einer mit aller­lei Strass­ket­ten behan­ge­nen Jacke sehr intim und zer­brech­lich into­nier­te. Einen hüb­schen Kon­trast zu die­sem jugend­li­chen Schwer­mut und einen unver­gess­li­chen Show-Höhe­punkt setz­te die erkenn­bar schon ein paar Jähr­chen älte­re Hélè­ne Ben­ha­mou ali­as Hélè­ne in Paris mit ihrem hoff­nungs­los alt­mo­di­schen Jazz-Swin­ger ‘Paris mon Amour’. Die in Casa­blan­ce Gebo­re­ne, die im Ver­lau­fe ihres lan­gen und beweg­ten Lebens in Paris, Lon­don, Los Ange­les und New York leb­te, kann die­sen Auf­tritt nun zu ihrem bis­he­ri­gen Wer­de­gang als Innen­de­si­gne­rin mit eige­ner Ver­kaufs­show auf dem Home Shop­ping Net­work hin­zu­fü­gen. Respekt!

Hat offen­bar einen bes­se­ren Gesichts­stu­cka­teur als ihr deut­scher Kol­le­ge Harald Glööck­ler: Hélène.

Mehr von der Ver­wech­sel­ba­re-Ein-Namen-Front: wäh­rend eine gewis­se Joan mit ‘Madame’ eine über­flüs­si­ge und deut­lich zu wort­rei­che Femmage an die gro­ßen Lein­wand­hel­din­nen der Schwarz­weiß­zeit dar­bot, steu­er­te die Cher-beper­rück­te Joan­na (“gebo­ren, um Lie­be zu geben”, wie mein schla­ger­ver­seuch­tes Hirn bei Nen­nung die­ses Namens zwang­haft stets ergänzt) mit ihrer Frei­heits­hym­ne ‘Navi­ga­teu­re’ einen deut­lich zeit­ge­mä­ße­ren, tanz­ba­ren Titel bei. Der ver­blass­te aller­dings im Ver­gleich zu dem deut­lich ein­drucks­vol­le­ren ‘Nuit Pau­li­ne’ der Musi­ke­rin und Schau­spie­le­rin Pau­li­ne Chagne. Die unter­nahm mit dem selbst­be­züg­lich-femi­nis­ti­schen, musi­ka­lisch ein wenig an die Hoch­pha­se des fran­ko­phi­len Dahin­hauch-Pops von Vanes­sa Para­dis und Kon­sor­ten erin­nern­den Bei­trag näm­lich den nach der baye­ri­schen Vor­rei­te­rin Marie­Ma­rie (‘Cot­ton Can­dy Hur­ri­ca­ne’) zwei­ten Ver­such, im Euro­vi­si­ons­um­feld die Dis­co-Har­fe zu eta­blie­ren! Ein Instru­ment, von dem wir bis zum deut­schen Vor­ent­scheid 2014 und dann wie­der bis ges­tern nicht wuss­ten, dass wir es unbe­dingt brau­chen. Nun aber um so mehr! Dass es für Pau­li­ne schließ­lich nur zum Sil­ber­me­dail­len­platz reich­te, dürf­te wohl auch der ver­mut­lich als Jury-Kat­zen­min­ze gedach­ten hohen Note zu ver­dan­ken sein, die sie lei­der kräch­zig versemmelte.

Nuit, John-Boy! Nuit, Pauline!”.

Es gewann mit Höchst­wer­tung sowohl der zehn Juror:innen als auch im Tele­vo­ting das bereits vor dem ers­ten Ton vom Saal­pu­bli­kum fre­ne­tisch joh­lend begrüß­te ‘Fulenn’. Ein außer­ge­wöhn­li­cher Titel, weil er bre­to­ni­sche Musik­tra­di­tio­nen und Spra­che sowie düs­te­re Elek­tro­sounds mit­ein­an­der ver­bin­det. Dabei spin­nen die drei Frau­en von Ahez in ihrem von nur noch 200.000 Men­schen gespro­che­nen kel­ti­schen Dia­lekt eine alt­her­ge­brach­ten Tra­di­tio­nen wider­spre­chen­de, femi­nis­tisch gefärb­te Geschich­te von einem rund um die Flam­men wild tan­zen­den Mäd­chen, wäh­rend der Musik­pro­du­zent Alexis Mor­van-Rosi­us ali­as Alvan haupt­säch­lich die brett­har­ten Beats, aber auch ein paar Zei­len ker­nig-viri­len Gesang bei­steu­ert. Dabei sprach der groß­ge­wach­se­ne Tech­no-DJ bis vor ein paar Mona­ten noch kein Wort bre­to­nisch, traf dann aber an einer Fes­ti­val­bar auf Mari­ne Lavi­g­ne, die ihm von ihrem Trio Ahez berich­te­te. “Die Idee waber­te schon län­ger durch mei­nen Kopf,” erzähl­te Alvan in einem Inter­view, “ich hat­te sogar schon eine fer­ti­ge Pro­duk­ti­on”. Die erin­nert im bes­ten Sin­ne ein biss­chen an Go_As ‘Shum’, aber auch Ver­glei­che zu den Tan­xu­guei­ras lie­gen auf der Hand, den beim spa­ni­schen Ben­i­dorm-Fest am Wer­tungs­sys­tem geschei­ter­ten gali­zi­schen Fan-Favo­ri­tin­nen. Die­se muti­ge Wahl dürf­te in Turin jeden­falls für Auf­se­hen sorgen!

Noch nicht ein­mal die ver­wünsch­te ‘That sounds good to me’-Showtreppe kann die Wucht die­ses Auf­tritts mil­dern: Alvan & Ahez.

Vor­ent­scheid FR 2022

C’est vous qui déci­dez. Sams­tag, 5. März 2022, aus dem Fran­ce 2‑Studio, Paris. 12 Teilnehmer:innen. Mode­ra­ti­on: Sté­pha­ne Bern und Lau­rence Boc­co­li­ni. Tele­vo­ting plus Super­fi­na­le mit 50% Jury und 50% Televoting
#Inter­pre­tenSong­ti­telTele­vo­tingJuryTele­vo­tingPlatz
01SoaSeu­leQ06008003
02JoanMadamex--n.b.
03SaamIl est où?x--n.b.
04EliaTélé­pho­nex--n.b.
05Mari­us NiolletLes Chan­sons d’AmourQ08004004
06Hélè­ne in ParisParis mon Amourx--n.b.
07Joan­na FouquetNavi­ga­teu­rex--n.b.
08Alvan + AhezFulennQ10212001
09Julia FiquetChutx--n.b.
10Cyprien ZeniMa Famil­le(Jury)07402005
11Pau­li­ne ChagneNuit Pau­li­neQ07210002
12Elliott SchmittLa Tem­pê­teQ03206006

Qu’est-ce que tu pen­se? Kön­nen Alvin & die Chip­munks Bar­ba­ra Pra­vi das Evi­an reichen?

  • Was den Wage­mut und das poten­ti­el­le Ergeb­nis ange­hen, unbe­dingt. ‘Fulenn’ spielt um den Sieg mit. (66%, 51 Votes)
  • Die Num­mer kann was und ich applau­die­re ihr, aber kein Ver­gleich gegen mei­ne Bar­ba­ra. Trotz­dem: bra­vo! (17%, 13 Votes)
  • Ich kapie­re den Hype nicht. Das ist nur Lärm, den nie­mand ver­steht. Zurück ins 20-plus-Jam­mer­tal für Frank­reich. (10%, 8 Votes)
  • Ich traue­re noch um ‘Seu­le’. Frag mich spä­ter noch mal. (6%, 5 Votes)

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2 Comments

  • Und auch die­ses Jahr stellt Frank­reich (vor­aus­sicht­lich) wie­der mei­nen Lieb­lings­ti­tel des Jahr­gangs, noch dazu ist die­ser kom­plett anders als der des Vorjahres.

    Könn­te sein, dass sich auch heu­er Fan­k­reich und Ita­li­en wie­der um den 1. und 2. Platz streiten…

    Lei­der haben vie­le beim Vor­ent­scheid die­ses Jahr stimm­lich etwas geschwä­chelt, sogar der bild­hüb­sche Alvan, aber vor allem (lei­der) Saam mit sei­nem eigent­lich schö­nen Lied, das aber ein arger Abklatsch von “Voilá” ist. Und war­um ist das etwas stei­fe Tuckel­chen Mari­us mit Leim bestri­chen durch einen Kron­leuch­ter gerobbt? 

    Und Elli­ot, das Gru­sel­mons­ter konn­te gar nix, war­um ist der denn nicht einen Tag vor­her in Ber­lin dabei gewesen?

  • Ja es wäre schon gerecht­fer­tigt wenn die ers­ten bei­den Plät­ze wie 2021 belegt würden.Und auch die UKR läge in mei­ner Charts wie­der weit vor­ne wenn “Ima­gi­ne” nicht dage­gen spre­chen würde.
    Den Song-Krieg wür­de J.Lennon ja noch durch­ge­hen lassen.Doch beim ukrai­ni­schen Song besteht die Gefahr dass er als Anfeue­rung für den rea­len Krieg miss­ver­stan­den wird.

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