Die Siebziger

Euro­vi­si­ons­his­to­rie: die Wett­be­wer­be von 1970 bis 1979.

Eurovi­isukar­sin­ta 1971: Schlie­ße die Augen vorm Morgen

Eurovi­isukar­sin­ta 1971: Schlie­ße die Augen vorm Morgen

Nach der Beteiligung am skandinavischen Eurovisionsboykott 1970 stieg der finnische Sender YLE 1971 wieder in den Wettbewerb ein, änderte aber die Herangehensweise. Diesmal schrieb YLE anstelle eines offenen Liederwettbewerbs neun namhafte, aktuell erfolgreiche Komponist:innen direkt an und bat sie um jeweils einen Titel. Der besonders für seine Verdienste um den finnischen Tango bekannte Toivo Kärki lehnte ab, und so gingen acht Beiträge ins Rennen um die Gunst einer dreißigköpfigen Jury. Die bestand aus 24 von den regionalen Radiostationen ausgewählten Zuhörer:innen, von denen jeweils die Hälfte unter und die andere Hälfte über 25 Jahre alt sein musste, sowie aus sechs "Professionellen".…
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Fes­ti­val da Can­ção 1971: Wer sie erblickt, wird gereinigt

Fes­ti­val da Can­ção 1971: Wer sie erblickt, wird gereinigt

Diesmal mit rechtzeitigem Abstand vor dem Eurovision Song Contest fand im Februar 1971 das achte Festival da Canção in Lissabon statt, das heuer wieder der Auswahl des portugiesischen Beitrags zum europäischen Wettsingen diente, denn wie die skandinavischen Nationen und Österreich kehrte auch das Land an der Algarve nach dem letztjährigen Boykott zurück an den Busen von Mütterchen EBU. Neben dem Moderationsveteran Henrique Mendes führte die amtierende heimische Schönheitskönigin Ana Maria Lucas durch den Abend, der zudem mit Stargästen wie der diesjährigen spanischen Eurovisionsrepräsentantin Karina und dem britischen Schlagersänger Malcolm Roberts aufwartete. Das Line-up entsprach in weiten Teilen dem des Vorjahres…
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Iri­scher Vor­ent­scheid 1971: Und so töte ich das Gefühl für dich

Iri­scher Vor­ent­scheid 1971: Und so töte ich das Gefühl für dich

Groß waren die Hoffnungen, die sich für die damals neunzehnjährige Angela Farrell mit ihrem Sieg beim heimischen Eurovisionsvorentscheid, dem dritten in Folge für eine im unruhegeschüttelten Nordirland lebende Sängerin, verbanden. So groß, dass sie gar ihren bisherigen Haupterwerbsjob als Drogerieangestellte aufgab, um sich voll und ganz der antizipierten musikalischen Karriere zu widmen. Doch so wie ihr von einem Zahnarzt geschriebener Beitrag 'One Day Love', eine mit enervierend hoher Stimme intonierte Depressionsballade, die auf das bitterlichste enttäuschten Erwartungen eines Pick-up-Artist-Opfers thematisierte, welches sich die wahre Liebe erhoffte und stattdessen als abgelegter One-Night-Stand endete, so sollte auch Farrells Flirt mit dem Unterhaltungsgewerbe…
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Bel­gi­scher Vor­ent­scheid 1971: Ein Luft­schloss zum Teilen

Bel­gi­scher Vor­ent­scheid 1971: Ein Luft­schloss zum Teilen

Überschattet von Krankheit und Tod zeigte sich die flämische Eurovisionsvorentscheidung im Jahre 1971. Der zuständige Sender BRT hatte hierfür ein drittes Mal nach 1963 und 1967 das von der italienischen Rai geklaute Format Canzonissima hervorgekramt, das mit neun Vorrunden und einem Finale sowie gleich drei Jurys mal wieder einen maximalen Aufwand für durch die Bank eher mittelmäßig bis katastrophal schlechte Songs betrieb. Bereits im Oktober 1970 ging es mit der ersten Qualifikationsrunde mit zehn Teilnehmer:innen los, weitere Sendungen folgten im Abstand von jeweils 14 Tagen. Der Sänger Ron Davis erlitt wenige Tage nach der zweiten Show bei einem schweren Verkehrsunfall…
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Mal­ta Song Fes­ti­val 1971: Pro­mi­se me Delight

Mal­ta Song Fes­ti­val 1971: Pro­mi­se me Delight

Eine gute halbe Million Menschen, und damit weniger als in meiner Heimatstadt Frankfurt am Main, bevölkern das aus zwei Inseln bestehende Mittelmeer-Archipel Malta, bis 1964 noch eine britische Kronkolonie und seit 2004 Teil der Europäischen Union. Interesse am Eurovision Song Contest hegte man in dem vom Wasser umgebenen und vom Tourismus lebenden Stadtstaat jedoch bereits seit 1960, als die dortige Zweigstelle der Christlichen Arbeiterjugend das am Vorbild des San-Remo-Festivals und des Grand Prix geschulte erste Malta Song Festival organisierte, mit dem erklärten Wunsch, dessen Sieger Joe Grech mit seinem selbstgeschriebenen, italienischsprachigen Canzone 'Vola Uccellino' zum internationalen Wettbewerb zu entsenden. Der…
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Spa­ni­scher Vor­ent­scheid 1971: Reisefieber

Spa­ni­scher Vor­ent­scheid 1971: Reisefieber

Zu einer Art von Castingshow griff der jedes Jahr ein neues Verfahren ausprobierende spanische Sender TVE zur Auswahl seiner Eurovisionsrepräsentantin 1971. Zwischen dem 17. Oktober und dem 30. Dezember 1970 gingen insgesamt zwölf Shows der Reihe Pasaporte a Dublin über die Antenne und bescherten dem Staatsfernsehen einen grandiosen Einschaltquotenerfolg. In der 75minütigen Auftaktsendung erklärten die ehemaligen iberischen Eurovisionsvertreter:innen Julio Iglesias und Massiel zunächst das Konzept, danach folgten unterhaltsame Kurzvorstellungen der insgesamt zehn Konkurrent:innen, inklusive eines Potpourris ihrer bisherigen Hits. In den darauffolgenden Galas präsentierte jeweils eine:r von ihnen werbewirksam Titel aus dem eigenen Repertoire, während die neun anderen zum wechselnden…
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Fes­ti­val da Can­ção 1970: Schrö­din­gers Vorentscheid

Fes­ti­val da Can­ção 1970: Schrö­din­gers Vorentscheid

Gut zwei Monate nach dem Eurovision Song Contest 1970 erst ging in Lissabon das einst als portugiesischer Vorentscheid aus der Taufe gehobene Festival da Canção über die Bühne. Nun weiß man durch nämliche Veranstaltung ja bereits, dass die Portugies:innen eine fundamental andere Vorstellung vom Konzept der Popmusik haben als das restliche Europa. Dass man an der Algarve aber auch nach einem anderen Kalender lebt, war neu. Und stimmt natürlich nicht: vielmehr hatte sich der Sender RTP dem Grand-Prix-Boykott durch die skandinavischen Nationen und Österreich angeschlossen, mit dem man gegen die Wertungsfarce beim Wettbewerb von 1969, der vier punktgleiche Siegerlieder hervorbrachte,…
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ESC-Fina­le 1970: Schmet­ter­lin­ge und Bienen

ESC-Fina­le 1970: Schmet­ter­lin­ge und Bienen

Ein neues Jahrzehnt, ein neuer Aufbruch. Das bekam das Publikum schon bei der deutschen Vorentscheidung zu spüren, die sowohl inhaltlich und optisch als auch musikalisch einer kleinen Revolution gleichkam. Revolutionär auch unsere Vertreterin in Amsterdam, Katja Ebstein. Aus der Liedermacherszene kommend und beseelt von sozialkritisch-aufklärerischer Attitüde, sang die spätere SPD-Wahlkämpferin und Heinrich-Heine-Rezitatorin einen von ihrem damaligen Ehemann Christian Bruhn geschriebenen Tröstungsschlager namens ‘Wunder gibt es immer wieder’. Ein unvergesslicher Evergreen, weil er sich musikalisch wie textlich sehr deutlich von der bisher üblichen, biederen Schlager-Standardware unterschied. Ein gewaltiges, spannungsgeladenes Intro mit einer Blue Note als Hinhörer; der gedehnte und damit dramatisch wirkende Gesang…
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A Song for Euro­pe 1970: The Door is always open wide

A Song for Euro­pe 1970: The Door is always open wide

Bereits im Sommer 1969 nominierte der BBC-Unterhaltungschef Tom Sloan mit der gebürtigen Waliserin Mary Hopkin einen weiteren topaktuellen Star von der heimischen A-Liste als Vertreterin des Vereinten Königreichs beim Eurovision Song Contest. Die blonde Sängerin mit der glockenhellen Sopranstimme hatte 1968 die Talentshow Opportunity knocks des britischen Privatsenders ITV gewonnen und wurde von Paul McCartney für das Apple-Plattenlabel gesignt. Ihre erste Singleveröffentlichung, das auf einer traditionellen russischen Volksweise basierende 'Those were the Days', wurde zum Welthit mit einer Nummer 2 in den amerikanischen Charts und einer Spitzenposition auch in der deutschen Verkaufshitparade. 1969 nahm sie am San-Remo-Festival teil und erzielte…
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Iri­scher Vor­ent­scheid 1970: Din­ge des Meeres

Iri­scher Vor­ent­scheid 1970: Din­ge des Meeres

Acht Acts fanden sich ein in den RTÉ-Studios in Dublin, wo der irische Vorentscheid zum Eurovision Song Contest 1970 stattfand; wegen eines gewerkschaftlichen Streiks erst ziemlich spät, nur drei Wochen vor dem internationalen Wettbewerb. Erstmalig fanden sich keine ehemaligen irischen ESC-Teilnehmer im Line-up. Drei der Lieder befleißigten sich des Gälischen, sie landeten allesamt am unteren Tabellenende. Wobei für drei Songs überhaupt kein Ergebnis vorliegt. Und auch von den Beiträgen finden sich nur die beiden Topplatzierten noch im Netz. Den Silbermedaillenplatz erreichte dabei das im nostalgischen Close-Harmonies-Stil der Andrew Sisters produzierte 'Things you hear about me' des Damendreiers Maxi, Dick &…
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San-Remo-Fes­ti­val 1970: Lie­be ist Arbeit, Arbeit, Arbeit

San-Remo-Fes­ti­val 1970: Lie­be ist Arbeit, Arbeit, Arbeit

Nachdem die Rai bereits seit 1967 nicht mehr den eigentlichen Gewinnertitel des ligurischen Liederfestivals von San Remo zum Eurovision Song Contest entsandte, aber zumindest noch eine:n der beiden siegreichen Interpret:innen (mit jeweils einem neuen Song), markierte dieser Jahrgang die vollständige Abkoppelung des italienischen Grand-Prix-Beitrags vom einst als Blaupause für den europäischen Wettbewerb dienenden und seit 1956 als nationaler Vorentscheid fungierenden Festival della Canzone Italiano. Das zeigte sich diesmal ohnehin deutlich provinzieller als früher: gaben sich in der goldenen San-Remo-Ära der Sechziger Jahre in dem Küstenstädtchen noch weltweite Top-Stars wie Cher, Paul Anka oder Stevie Wonder das Mikrofon in die Hand…
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Fran­zö­si­scher Vor­ent­scheid 1970: Sie schläft bei mir ein

Fran­zö­si­scher Vor­ent­scheid 1970: Sie schläft bei mir ein

Nach einem knappen Jahrzehnt hausinterner Auswahlen entschied sich das französische Fernsehen zu Beginn der neuen Dekade wieder zu einem öffentlichen Vorentscheid. Ob man es beim ORTF schlichtweg leid war, sich durch eine dreistellige Zahl von Vorschlägen zu quälen, muss dahingestellt bleiben. Die lediglich 16 Lieder jedenfalls, die sich in dem Musicolors getauften Auswahlverfahren 1970 zusammenfanden, mussten vier Viertelfinale und zwei Semis durchlaufen, in denen regionale Jurys jeweils drei beziehungsweise einen Beitrag eliminierten. Über die Teilnehmer:innen der Vorrunden gibt es abweichende Angaben: so sollen der französischen Wikipedia zufolge der ehemalige gallische Grand-Prix-Repräsentant Alain Barrière und die Jazzinterpretin Christine Legrand jeweils einen…
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Ein Lied für Ams­ter­dam 1970: Musst Du sie auch sehn!

Ein Lied für Ams­ter­dam 1970: Musst Du sie auch sehn!

Eine Veranstaltung wie ein Drogenrausch: kurz, bunt und knallig präsentierte sich Ein Lied für Amsterdam, der deutsche Vorentscheid im Jahre 1970. Der Kontrast zur viel belächelten 1969er Kleintierzüchtervereinsvorstandssitzung, ebenso wie diese Show vom Hessischen Rundfunk produziert, hätte nicht krasser ausfallen können. Niemals zuvor und nie wieder danach atmete eine deutsche Eurovisionsvorentscheidung derart intensiv den Duft der großen weiten Welt. Beziehungsweise, präziser gesagt: Londons. Von dort her flog der hr die aus der britischen Chartshow Top of the Pops bekannte Tanzformation Pan’s People ein, die in den Wertungspausen anstelle des preußisch-zackigen Ehepaars Trautz das Publikum im Sendestudio (und vor den Bildschirmen)…
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Jugo­vi­zi­ja 1970: Wenn der Früh­ling kommt, dann pflück ich dir…

Jugo­vi­zi­ja 1970: Wenn der Früh­ling kommt, dann pflück ich dir…

Die nicht nur beim deutschen Eurovisionsvorentscheid dieses Jahres zu verspürende Aufbruchsstimmung zu Beginn der neuen Dekade schlug sich auch bei der Jugovizija 1970 nieder, deren Teilnehmer:innenfeld größtenteils aus verhältnismäßig neuen Künstler:innen bestand und wo die bislang dort dominanten, etablierten Namen aus den Sechzigern fast vollständig fehlten. 15 Acts liefen in der Hauptstadt Belgrad auf, drei aus jedem der partizipierenden fünf Teilnationen Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Nordmazedonien, Serbien und Slowenien. Fast die Hälfte von ihnen ging komplett punktefrei aus, darunter Boba Stefanović, ehemaliger Frontmann der Rockgruppe Zlatni Dečaci (Goldene Jungs), die mit Coverversionen von internationalen Hits und zeitgemäß aufpolierten Instrumentalfassungen von klassischen Titeln…
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Spa­ni­scher Vor­ent­scheid 1970: Män­ner am Ran­de des Nervenzusammenbruchs

Spa­ni­scher Vor­ent­scheid 1970: Män­ner am Ran­de des Nervenzusammenbruchs

Da hatte das spanische Fernsehen, wohl noch auf der Erfolgswelle des zweifachen Eurovisionssieges in Folge surfend, aber wirklich aufgefahren beim zweiten Festival de la Canción Española zu Madrid, das als Vorentscheid für den Wettbewerb in Amsterdam diente: 20 Lieder, dargeboten in jeweils zwei Fassungen von unterschiedlichen Interpret:innen, stellten sich in einem dreitägigen Marathon dem Urteil von 15 regionalen Jurys. Zehn davon siebte man zunächst in einem Halbfinale aus, unter anderem den Schmachtfetzen 'Esa será mi Casa' ('Das wird mein Haus'), vorgetragen von am Beginn einer kurzen Karriere stehenden Luis Manuel Ferri Llopis alias Nino Bravo. Der sollte sich mit etlichen…
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Natio­naal Song­fes­ti­val 1970: Er ist Was­ser­mann und ich bin Fisch

Natio­naal Song­fes­ti­val 1970: Er ist Was­ser­mann und ich bin Fisch

Manchmal fragt man sich ja schon, was sich die damaligen Eurovisionsverantwortlichen bei ihren Abstimmungsverfahren eigentlich so dachten. So zum Beispiel beim niederländischen Vorentscheid von 1970. Zwölf Sänger:innen sollten ursprünglich teilnehmen am Nationaal Songfestival, bevor zwei kurzfristige Rückzüge von Frits Lambrecht und der sich auf Tournee befindlichen Conny Vink das Starterfeld reduzierten. Elf internationale Juror:innen - eine:r aus jeder konkurrierenden Grand-Prix-Nation - sowie fünf heimische "Expert:innen" durften über die Lieder abstimmen. Und jede:r von ihnen hatte gerade mal einen einzigen Punkt zu vergeben! So kam es, wie es kommen musste: schändliche vier von zehn Teilnehmer:innen gingen komplett leer aus, darunter die…
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Bel­gi­scher Vor­ent­scheid 1970: Viel Jury = wenig Erfolg

Bel­gi­scher Vor­ent­scheid 1970: Viel Jury = wenig Erfolg

Wie nicht selten in der belgischen Eurovisionsgeschichte, kann auch der vom wallonischen Sender RTBF organisierte belgische Grand-Prix-Vorentscheid 1970 als trauriges Beispiel für das maximale Missverhältnis zwischen Aufwand und Ergebnis gelten. Neun über ein knappes Vierteljahr verteilte Sendungen, langwierige Postkartenabstimmungen und gleich vier verschiedene Jurys brauchte es, bis der ungeeignetste Titel für den internationalen Wettbewerb ausgewählt war. Bereit Mitte Oktober 1969 ging die erste von insgesamt sechs immer dienstags im Abstand von 14 Tagen terminierten Vorrunden mit jeweils sechs Beiträgen über die Bühne, von denen der Spitzenreiter einer während der Sendung live vorgenommenen Auszählung unter hundert von RTBF handverlesenen Zuschauer:innen in…
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